Ein Todesurteil: Unheimlicher Roman - Cedric Balmore - E-Book

Ein Todesurteil: Unheimlicher Roman E-Book

Cedric Balmore

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Beschreibung

von Cedric Balmore Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten. Auf offener Straße wird Elaine, Komtess von Castleford, von einem Mann angesprochen, der kein erkennbares Gesicht hat. Der Unheimliche nennt sich Taron und verlangt von der völlig verwirrten Elaine, sie solle seinen Herrn, den Fürsten der Finsternis, heiraten. Elaine schiebt diesen Gedanken weit von sich, doch der Name Taron kommt ihr bekannt vor. Von ihrem Vater erfährt die junge Frau, dass sie einen Urahn hatte, der Taron hieß und sich der schwarzen Magie zuwandte. Als Elaines Freund schwer verunglückt, ist sie gezwungen ihre Einstellung zu Taron und seiner Forderung zu überdenken.

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Seitenzahl: 118

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Cedric Balmore

Ein Todesurteil: Unheimlicher Roman

Cassiopeiapress Thriller Spannung

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Ein Todesurteil

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Auf offener Straße wird Elaine, Komtess von Castleford, von einem Mann angesprochen, der kein erkennbares Gesicht hat. Der Unheimliche nennt sich Taron und verlangt von der völlig verwirrten Elaine, sie solle seinen Herrn, den Fürsten der Finsternis, heiraten. Elaine schiebt diesen Gedanken weit von sich, doch der Name Taron kommt ihr bekannt vor. Von ihrem Vater erfährt die junge Frau, dass sie einen Urahn hatte, der Taron hieß und sich der schwarzen Magie zuwandte. Als Elaines Freund schwer verunglückt, ist sie gezwungen ihre Einstellung zu Taron und seiner Forderung zu überdenken.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by pixabay mit Steve Mayer, 2016

Originaltitel: Das Todesurteil

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Die Hauptpersonen des Romans:

Fürst Calligoni - Der Herr des Grauens und Priester blutiger Messen.

Taron - Sein gesichtsloser Sklave erwacht nach einem halben Jahrtausend teuflischer Sklaverei zu neuem Leben.

Elaine Komtess zu Castleford – Sie wird dazu verurteilt, mit Körper und Seele für die Verfehlungen eines Urahnen einzustehen.

Gerry - Elaines Verlobter, der mit vielen Unschuldigen in den Strudel der Ereignisse gerissen wird.

1

Elaine spürte, dass ihr jemand folgte. Das widerfuhr ihr nicht zum ersten Male. Sie wusste, wie mühelos sie männliche Blicke auf sich lenkte, aber es geschah zum Glück nur selten, dass ein Mann den Mut fand, sie auf offener Straße anzusprechen.

Elaine selbst hatte zu ihrem Aussehen ein eher kritisches Verhältnis. Sie war elegant und modebewusst, fand ihre Gesichtszüge mit den großen blaugrauen Augen aber zu kühl

und abweisend. Dennoch gab es nicht wenige Leute, die sie für eine strahlende Schönheit hielten. Das schien auch für den Unbekannten zu gelten, der sich an ihre Fersen geheftet hatte.

Der Nachmittag war kühl, aber sonnig. Im Strom der Passanten schlenderte sie durch eine belebte Geschäftsstraße in der City.

Die Schritte kamen näher. Elaine spürte plötzlich eine rätselhafte Unsicherheit in sich, die sich ganz allmählich zur Furcht verdichtete. Vor einem Schaufenster blieb sie stehen, um ihren Verfolger in der Scheibe zu beobachten.

Jemand trat neben sie. Elaine wandte den Kopf, fast wider Willen.

Ihr Herzschlag setzte aus. Sie sah einen Mann ohne Gesicht.

„Erschrecken Sie nicht“, sagte eine sonore Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien und doch so klar, deutlich und nahe war, dass sie nur dem Gesichtslosen gehören konnte.

„Sie sind der einzige Mensch, der mich so sieht“, setzte er noch hinzu.

Das Mädchen starrte ihn an, dann blickte sie auf die Passanten, die ohne sonderliches Interesse zu zeigen, an ihnen vorübergingen.

Bemerkte denn niemand das Entsetzliche?

Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sekundenlang schloss sie die Augen und bildete sich ein, eine Halluzination gehabt zu haben, doch als sie die Lider wieder hob, wusste sie, die schreckliche Erscheinung war Wirklichkeit. Ein Kopf ohne Gesicht, mit glatter, lebendig anmutender Haut ohne Falten, Vertiefungen und Erhebungen. Immerhin gab es ein Kinn und einen Hinterkopf. Auch sonst schien an dem Unbekannten alles zu stimmen; der Adamsapfel, der sich bewegte, wenn die dunkle, modulationsfähige Stimme ertönte, die schmalen, schlanken, geradezu künstlerisch geformten Hände, die Elaine imponiert haben würden, wenn nicht dieses Grauen in ihr gewesen wäre, der nachhaltige Schock angesichts einer Erscheinung, die es im Grunde weder geben konnte noch durfte...

Elaine wusste, dass sie nicht träumte.

Gerade dieses Wissen ließ ihren Schock so erschreckend tief wirken.

Sie begann zu zittern und befürchte, in der nächsten Minute entweder den Verstand oder ihr Bewusstsein zu verlieren.

„Was ... wer sind Sie?“, brachte sie stammelnd hervor.

„Ich kann Ihnen nur meinen Vornamen nennen“, sagte der Gesichtslose. „Er lautet Taron.“

Taron! Irgendwo in ihrem Unterbewusstsein formte sich ein Begriff, aber es gelang ihr nicht, sich zu erinnern.

Der Fremde war fast einen Kopf größer als sie. Er trug einen eleganten, taillierten Anzug, der in seinem Schnitt und mit dem vornehmen Nadelstreifen fast um eine Nuance zu modisch wirkte. Eine schlichte, blassrot gepunktete Krawatte mit Brillantnadel und ein reinseidenes Oberhemd rundeten das Bild ab, ein Bild, das trotz aller äußeren Harmonie fremd und erschreckend blieb.

„Warum ...?“ Sie konnte einfach nicht weitersprechen. Es schien ihr unmöglich, den Fremden zu fragen, woran es lag, dass offenbar nur sie ihn mit diesem furchteinflößenden Gesicht sehen konnte.

Es war, als könne er ihre Gedanken erraten. „Die anderen“, sagte er und machte eine Kopfbewegung zu der Menschenmenge hinüber, „sehen lediglich ein männliches Durchschnittsgesicht um die 35 herum.“

Elaine blickte erneut auf Tarons schlanke Hände. Sie passten zu seiner Altersangabe.

„Ich muss mich setzen“, sagte sie mit schwacher Stimme.

„Da drüben ist ein Cafe“, meinte er und griff nach ihrem Arm. Elaine zuckte zurück. „Bitte, nicht!“, murmelte sie. „Es geht schon.“

Wie in Trance überquerte sie die Fahrbahn. Sie fühlte sich sehr elend, und es war ein Wunder, dass sie ihr Entsetzen nicht laut hinausschrie.

Wenig später saßen sie an einem kleinen Zweiertisch in der Nähe des Fensters. Das Lokal war nur mäßig besucht. Das Gesumme von Stimmen und Geschirrgeklapper erfüllten den Raum. Ein aromatischer Duft von starkem Kaffee und Zigarettenrauch hing in der Luft. Elaine war außerstande, die Atmosphäre beruhigend auf sich wirken zu lassen. Ein Mann bemühte sich, ihren Blick einzufangen, ein paar Frauen tuschelten miteinander und schienen offenbar Elaines elegantes Jackenkleid zu bewundern. Aber seltsamerweise achtete niemand auf ihren Begleiter, niemand wurde von seinem Anblick erschreckt oder abgestoßen.

Sie bestellte sich Kaffee und Cognac, der Fremde wählte Wasser.

„Wasser?“, wunderte sich die Bedienung. „Sie meinen Sprudel?“

„Leitungswasser, bitte“, sagte die Stimme neben Elaine.

Die Serviererin sah verdutzt aus, zuckte mit den Schultern und ging davon. Sie schien nichts Auffälliges an Taron bemerkt zu haben.

Elaine steckte sich eine Zigarette an. Es stimmte also. Alle anderen sahen das Gesicht des Mannes, nur ihr allein blieb es verborgen. Was hatte das zu bedeuten? Sie inhalierte tief. Eigentlich rauchte sie sonst kaum, tagsüber so gut wie gar nicht, aber jetzt brauchte sie dringend einen Halt, irgendetwas, um nicht durchzudrehen.

„Mir ist, als träume ich“, murmelte sie.

„Sie irren, es ist kein Traum. Ich sitze neben Ihnen“, sagte Taron.

„Wer sind Sie?“

„Ein Verdammter“, erwiderte die Stimme.

Elaine runzelte die Augenbrauen. „Verdammt, von wem?“

„Sie werden ihn kennenlernen.“ Das Mädchen spürte, wie ein Frösteln über ihre Haut kroch. Es kämpfte sich bis zu ihrem Herzen vor und legte sich wie mit eisigen Fingern um den angstvoll hämmernden Muskel.

„Ich muss den Namen schon einmal gehört haben“, sagte Elaine. „Taron, Taron.... aber wo?“

„Wir sind miteinander verwandt“, erklärte der Gesichtslose. „Vor vierhundertsechzig Jahren war ich ein Mitglied Ihrer Familie. Eigentlich müsste ich Sie duzen, aber das würde er nicht billigen.“

„Er?“, echote sie und spürte erneut den beängstigenden Druck an ihrem Herzen.

„Der Herr der Finsternis“, flüsterte die Stimme plötzlich in tiefstem Respekt, ließ aber auch Furcht und devote Unterordnung erkennen. „Fürst Calligoni.“

Elaine schloss sekundenlang die Augen, doch dann spürte sie, wie sich ihr nüchterner Verstand wieder einschaltete. Sie dachte an massenwirksame Fernsehspiele, die dem Publikum jenes Gruseln vermittelten, das sie in ihren weichen Polstersesseln erschauern und an der Horrorwelle teilnehmen ließ.

Horror war ,in‘!

Elaine sah sich um. Der Mann an ihrer Seite brachte sie schnell auf den Boden der Realität zurück.

„Ich kenne keinen Fürsten Calligoni“, sagte sie entmutigt, „und ich habe auch nicht das Bedürfnis, ihn kennenzulernen.“

Der Gesichtslose beugte sich zu ihr hinüber und bemerkte kühl: „Sie werden ihn sogar heiraten!“

Elaine war, als habe sie eine Ohrfeige erhalten.

Sie riss die Augen auf, rang nach Luft.

Die Serviererin brachte die Getränke. Der Fremde zahlte. Er gab ein großzügiges Trinkgeld. Das Mädchen bedankte sich, schaute Elaine an und fragte besorgt: „Ist Ihnen nicht gut, gnädiges Fräulein?“

„Danke, es geht schon wieder“, murmelte das Mädchen und griff nach dem Glas. Der Alkohol brannte in ihrer Kehle, scharf und belebend. Er schien ihr Bewusstsein zu erweitern, vermochte sie aber nicht zu beruhigen.

„Ich bin froh, dass es Sie gibt“, ließ sich die sonore Stimme vernehmen. „Seit fast fünf Jahrhunderten warte ich darauf, dass Ihre Familie ein Geschöpf wie Sie hervorbringt, eine Schönheit, mit der ich mich freikaufen kann, ein Mädchen, das den hohen Ansprüchen des Fürsten genügt.“

Elaine leerte ihr Glas, dann trank sie den starken Kaffee. Der Gesichtslose rührte das Wasser nicht an. Er saß ihr gegenüber, sehr aufrecht und doch entspannt. Er hatte ein Bein über das andere gelegt, so dass die roten, seidenen, auf die Krawatte abgestimmten Socken sichtbar wurden. Elaine entging nicht, dass Taron sehr elegante, anscheinend handgearbeitete Schuhe trug.

„Ich muss Sie bitten, weiterhin absolut jungfräulich zu bleiben“, forderte Taron plötzlich. Sie verstehen, was ich meine? Ich beobachte Sie schon seit geraumer Zeit. Mit diesem Gerry müssen Sie Schluss machen.“

„Gerry? Aber ich habe vor, mich mit ihm zu verloben!“, stieß Elaine hervor.

„Sie lieben ihn nicht“, stellte der Gesichtslose fest.

Elaine erschrak. Der Fremde schien alles von ihr zu wissen. Es stimmte, sie empfand keine Liebe für Gerry, aber er sah gut aus, war witzig, stammte aus reichem Hause und er bot ihr all das, was ein Leben angenehm machen konnte: Geld, eine sorgenfreie, luxuriöse Zukunft, und gesellschaftliche Achtung.

Nicht, dass sie es nötig gehabt hätte, so etwas zu erstreben, denn einer Komtess zu Castleford öffneten sich fast alle Türen, aber ihr Vater hatte in letzter Zeit wiederholt durchblicken lassen, dass die hohen Steuerlasten und andere Verpflichtungen das Familienvermögen nahezu aufgebraucht hatten und sie es den Eltern schuldete, durch eine standesgemäße Heirat für die notwendige Sanierung der Finanzen zu sorgen.

Unter normalen Umständen wäre es Elaine nicht schwergefallen, sich von Gerry zu trennen, aber sie fand es unerträglich, von einem Phantom gleichsam unter Druck gesetzt zu werden.

„Liebe! Was hat das damit zu tun?“, fragte sie und war überrascht, dass sie ihren alten Kampfgeist zurückgewonnen hatte. „Er liebt mich, das genügt. Außerdem gefällt er mir, und niemand auf der Welt hat ein Recht, sich in meine Privatsphäre zu drängen, weder Sie noch Ihr komischer Fürst!“

Elaine bemerkte, wie ihr Gegenüber zusammenzuckte. „Sagen Sie das niemals wieder!“, warnte er sie. „Niemals!“

Ihr Widerstand fiel rasch in sich zusammen. Irgendetwas in Stimme und Haltung des Gesichtslosen machte ihr klar, dass sie seine Worte ernst, sogar sehr ernst nehmen musste.

„Lassen Sie die Finger von Gerry und dieser Verlobung“, drang er erneut in sie, „oder möchten Sie erleben, dass der junge Mann vor Ihren Augen das Opfer eines tragischen, tödlichen Unfalls wird?“

Elaine verschlug die neuerliche, gezielte Drohung buchstäblich die Sprache. Sie starrte dem Sprecher in die augenlose Haut.

„Das ist nicht Ihr Ernst“, murmelte sie, wusste aber genau, dass der Unbekannte sehr wohl meinte, was er sagte.

„Doch“, sagte Taron nachdrücklich. „Ich muss jetzt gehen.“ Er stand auf. „Halten Sie sich an meine Worte. Alles andere würde für ihn und für Sie mit einer Katastrophe enden.“

„Halt!“, stieß Elaine hervor. „Sie schulden mir noch ein paar Erklärungen ...“

„Ich weiß“, nickte der Fremde. „Ich war bereit, sie Ihnen zu geben, aber Ihre Renitenz hat mich verärgert. Sie werden sich also noch etwas gedulden müssen...“

Sie sah ihm nach. Ein schlanker, hochgewachsener Mann, der mit kahlem Schädel dem Ausgang zustrebte. Von hinten war selbst für sie kaum etwas Ungewöhnliches an ihm zu entdecken, aber das Grauen in ihr blieb.

Sie leerte ihre Tasse und versuchte, sich von der monotonen Geräuschkulisse ihrer Umgebung gleichsam einschläfern zu lassen, aber dieser Betäubungsversuch misslang. Sie erhob sich und ging. Auf der Straße hielt sie nach Taron Umschau. Sie ärgerte sich plötzlich, dass sie nicht die Kraft gehabt hatte, ihm zu folgen.

Unsinn, sagte sie sich im nächsten Moment. Einem Phantom kann man nicht folgen, es löst sich auf, es ist nicht greifbar...

Die Komtess hatte ihren kleinen Sportwagen in einem nahen Parkhaus abgestellt. Sie holte ihn, dann fuhr sie nach Hause.

Die Castlefords hatten unweit von London einen alten Landsitz erworben. Das in Sussex liegende Stammschloss wurde von einem Pächter verwaltet und war, gegen einen mäßigen Eintrittspreis, von jedem zu besichtigen, der sich an einer feudalen Umgebung und geschichtlicher Patina zu berauschen vermochte. Die Summe der Eintrittsgelder reichte gerade aus, um den Pächter und zwei Gärtner zu bezahlen. Für die Erhaltung des Schlosses musste jedoch die Substanz des immer schmaler werdenden Familienvermögens herhalten.

Taron, der Name ging Elaine nicht aus dem Sinn.

Elaine hielt sich für ein modernes und vorurteilsloses Mädchen, aber natürlich wirkten die Erfahrungen vieler Generationen in ihr nach, und sie wäre nicht der Spross eines englisch schottischen Adelsgeschlechtes gewesen, wenn das Auftauchen des gesichtslosen Mannes ihr nach einem ersten, verständlichen Schock nicht die Überlegung aufgenötigt hätte, dass es nun einmal Dinge zwischen Himmel und Erde gab, die in keinem Lehrbuch standen und die so unverständlich und unerklärbar blieben wie vieles, was das Dasein prägte.

2

Sie erreichte den Landsitz gegen siebzehn Uhr dreißig. Die Sonne schien immer noch, aber es war kühler und windiger geworden.

Der Graf stand an der Pferdekoppel und beobachtete das Einreiten eines erst kürzlich erworbenen Hengstes. Er war passionierter Reiter und Jäger, liebte Pferde um ihrer selbst willen und hasste es, sie zu Handelsobjekten zu degradieren, aber die raue Wirklichkeit hatte ihn gezwungen, seine Fähigkeiten zu kommerzialisieren. Mit seinem kleinen, aufwendigen Rennstall verdiente er nicht schlecht, aber wachsende Personalkosten und steigende Steuern setzten auch diesem Erwerb immer heftiger zu.

„Hallo“, begrüßte Elaine ihren Vater. Er nickte ihr zu, lächelte, aber Elaine kannte ihn gut genug, um zu spüren, dass er ernst, sogar traurig war.

„Sieh ihn dir an“, sagte der Graf bitter. „Ich habe ein Vermögen für ihn geopfert, aber er lahmt...“

„Er lahmt? Ich sehe nichts!“

„Es ist nur für den Fachmann erkennbar“, belehrte er sie. „Ich weiß, wie es in zwei, drei Monaten aussehen wird. Eine Tragödie!“

„Kannst du ihn nicht verkaufen?“

„Das könnte ich schon, aber das käme einem Betrug gleich. Du kennst mich. Solche Dinge sind nicht mein Stil, lieber trage ich den Verlust.“

Sie gingen gemeinsam ins Haus. „Wer war Taron?“, fragte Elaine plötzlich.

Der Graf blieb abrupt stehen. Er musterte seine Tochter prüfend, seine Augen hatten sich kaum merklich verengt, sein Atem ging plötzlich rascher. „Taron?“, murmelte er.

„Ja. Kennst du ihn?“

„Wieso?“

„Er muss einmal zur Familie gehört haben...“

„Ja. Das ist richtig. Er hat vor vielen Jahrhunderten gelebt. Ein Dämon.“

„Ein Dämon?“, hauchte Elaine.

Der Graf ging weiter. Er lachte kurz. Sein Lachen klang seltsam fremd und gezwungen. Sie näherten sich dem Haus und blieben vor Elaines weißem Flitzer stehen. „Diese Schramme sehe ich zum ersten mal“, sagte der Graf.

Elaines Erstaunen wuchs. Die Schramme war alt, man sah es ihr an. Ihr Vater wünschte das Thema zu wechseln, das war deutlich erkennbar. „Hast du Angst vor ihm?“, hörte Elaine sich fragen.

„Ich, vor wem?“

„Vor Taron.“

„Wie kommst du auf ihn?“, wollte der Graf stirnrunzelnd wissen. „Wir haben niemals von ihm gesprochen, nicht wahr? Er ist tot...“

„Bist du dessen ganz sicher?“, bohrte sie weiter.

Es war merkwürdig. Sie konnte ihrem Vater nicht sagen, was passiert war. Sie würde auch mit keinem anderen Menschen darüber sprechen, das stand fest. Sie hatte keine Lust, für schizophren erklärt zu werden und am Ende in einer Nervenheilanstalt zu landen. Vielleicht konnte sie Gerry einweihen. Er entstammte einer Familie, in der Spuk zur Familientradition gehörte. Vielleicht würde er ihre Angaben glaubhaft finden und wissen, was zu tun war.

„Warum stellst du so merkwürdige Fragen?“, erkundigte sich ihr Vater. Er hatte ein schmales, markantes Gesicht mit hoher vorspringender Stirn und hellblauen, geradezu kalt wirkenden Augen, aber Elaine wusste, dass es falsch war ihn für herzlos zu halten. Der Graf ging um den Wagen herum auf die Haustür zu. Er trug Reitstiefel, Breeches und einen Sportsakko mit Oxfordkaros. Elaine blieb an seiner Seite und genoss den männlichen Duft von Leder, Rasierwasser und Tabak, der ihn umgab.

„Wenn du mir mit Gegenfragen antwortest, erfahre ich vermutlich niemals, was ich wissen möchte“, meinte Elaine. „Wer war Taron?“