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Hauptkommissarin Smilla Berggrün wird von ihrem väterlichen Freund und Kollegen Tiberius Preussner zum Fundort einer grausam zugerichteten Frauenleiche gerufen. Bereits kurze Zeit später verschwindet eine weitere junge Frau. Beide waren als Unterhaltungsdamen auf diversen Partys tätig. Nicht nur der Veranstalter Damian von Auersbach gerät in den Fokus der Ermittlungen.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Sylvia Giesecke
Ein tödlicher Job
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Das tote Mädchen am Perlweiher
Der Maskenball
Überraschender Besuch
Smillas Geständnis
Geld allein macht eben doch nicht glücklich
Nachts auf der Landstraße
Unangenehme Neuigkeiten
Gisbert Klatt
Irmchen feiert Geburtstag
Beim Frauenarzt
Das wahre Gesicht des Doktor S.
Von einem Albtraum in den nächsten
Im Stau
Das Ende einer langweiligen Party
Das Unheil nimmt seinen Lauf
Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt
Epilog
Impressum neobooks
Noch bevor sie die Augen öffnete, wurde ihr die Ausweglosigkeit dieser albtraumhaften Situation bewusst. Fixiert an einen kühlen, glatten Untergrund war sie nicht in der Lage ihre fröstelnden Gliedmaßen zu bewegen. Sie hob ihren schmerzenden Kopf und versuchte die Umgebung mit ihren Blicken zu erkunden. Trotz der minimalen Beleuchtung erkannte sie sofort die Ernsthaftigkeit ihrer Lage. An den weiß gekachelten Wänden hing eine Vielzahl merkwürdiger Instrumente, die regelrecht auf ihren Einsatz zu warten schienen. Nur langsam kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück. Auf dem Rückweg von dieser Party stand plötzlich ein größeres Fahrzeug auf der Straße und eine wild gestikulierende Gestalt blockierte den verbliebenen Rest des befahrbaren Weges. In ihrer Naivität vermutete sie einen Unfall, bot dummerweise ihre Hilfe an und wurde umgehend eines Besseren belehrt. Der Unbekannte drückte ihr einen übel riechenden Lappen ins Gesicht, woraufhin sie sich zwar mit aller Kraft wehrte, aber dennoch bereits nach kurzer Zeit das Bewusstsein verlor. Jetzt fand sie sich in dieser Furcht einflößenden und hilflosen Situation wieder. Sie wollte sich ihre spröden Lippen mit der Zunge befeuchten, doch ihr Mund war vollkommen ausgetrocknet. Beim erneuten Blick auf die bizarren Gerätschaften kroch ihr ein eisiger Schauer über den Rücken. Sie hatte schreckliche Angst und lediglich eine einzige Frage beherrschte ihren Geist, … würde sie diesen Ort jemals lebend verlassen?
Jemand machte sich am Schloss der augenscheinlich einzigen Tür zu schaffen. Auf Rettung zu hoffen war vermutlich genau so naiv, wie nachts auf einer einsamen Landstraße aus dem Auto zu steigen. Ihr Herz schlug bis zum Hals und der stetig wachsende Kloß schnürte ihr erbarmungslos die Kehle zu. Das knarrende Geräusch ließ sie erschaudern, dennoch wollte sie die Hoffnung nicht aufgeben. Sie hob den Kopf erneut, um ihren mutmaßlichen Entführer sehen zu können. „Bitte, … können sie mich nicht losbinden?“ Erwartungsgemäß ignorierte er ihr Flehen, stattdessen begann er mit der sorgfältigen Auswahl des vorhandenen Folterinventars. Er nahm jedes einzelne Stück aus der Halterung und betrachtete es ausgiebig von allen Seiten. Sein Schweigen schürte ihre Angst um ein Vielfaches, „Warum tun sie mir das an? Ich habe ihnen doch gar nichts getan. Bitte, … bitte lassen sie mich gehen.“ Mit einer wirklich grausam anmutenden Seelenruhe stellte er sich seine kleine Auswahl zusammen, packte sie auf einen Rollwagen und schob ihn direkt neben ihre unfreiwillige Ruhestatt.
Während ihr Peiniger sein grausames Werk zelebrierte, verhallten ihre Schreie ungehört im Raum.
Das Ziel bereits vor Augen, mobilisierte sie noch einmal ihre letzten Kräfte. Genau in diesem Moment öffnete der Himmel sämtliche Schleusen, was Smilla äußerst gelegen kam. Heute hatte sie für ihre obligatorischen zehn Kilometer nur fünfundvierzig Minuten gebraucht und das roch ganz herrlich nach einem neuen Rekord. Die Beine schmerzten und selbst die wenigen Zigaretten forderten ihren brennenden Tribut, trotzdem fühlte sie sich einfach nur großartig. Sie streckte die Arme gen Himmel, um das angenehm kühlende Nass zu empfangen. Das Vibrieren ihres Handys zerstörte die Aura dieses herrlichen Augenblicks. Nicht jetzt verdammt. Sie seufzte genervt, das waren die wenigen Augenblicke, in denen sie diese allumfassende Erreichbarkeit verfluchte. Sie suchte Schutz unter dem Terrassendach und schaute aufs Display. Ob sie nun wollte oder nicht, es gehörte definitiv zu ihren Pflichten diesem Anrufer Gehör zu schenken, „Ich wünsche dir einen wunderschönen guten Morgen, mein lieber Tiberius, … was kann ich denn so früh am Tag für dich tun?“
„Guten Morgen, Smilla. Tut mir leid, dass ich dich wobei auch immer störe“, in seiner rauchigen Stimme schwang dieser gewisse Hauch von Ernsthaftigkeit mit, den Smilla so gar nicht kannte. Nach einem kräftigen Räuspern fuhr er schließlich fort, „Aber wir haben einen Mord und deshalb ist deine geschätzte Anwesenheit gefragt.“
Smilla‘s Instinkte waren soeben aus einem bleiernen Tiefschlaf erwacht, „Die Langeweile hat also endlich ihr Ende gefunden. Wo soll ich hinkommen?“
„Ein Jogger hat die Leiche einer jungen Frau am Ufer des großen Perlweihers entdeckt. Weißt du, wo der ist?“
Eine überaus vertraute Gegend, die ihr Interesse sofort lichterloh entflammen ließ, „Ja, ich kenne den See. Bin so gut wie unterwegs, muss vorher nur noch schnell duschen.“
„Lass dir ruhig Zeit, die Kollegen von der Spurensicherung wurden auch gerade erst benachrichtigt.“ Tiberius musste niesen, „Verflixte Schilfallergie. Dann bis gleich, Smilla, wir sehen uns.“
Als sie die Haustür öffnete, schlug ihr der Duft von frisch gebrühtem Kaffee entgegen und lockte sie auf direktem Weg in die Küche. „Guten morgen, Irmchen.“
Die kleine untersetzte Frau mit den kurzen dunkelblonden Locken befüllte soeben einen Becher mit dem heiß geliebten Muntermacher, „Guten morgen, Smilla, … was möchtest du heute frühstücken?“ Die sechzigjährige Irmgard Wiesner war sozusagen die gute Seele des Hauses. Sie bewohnte das Dachgeschoss der großzügigen Villa und hatte sich all die Jahre ganz liebevoll um die Belange ihres Vaters gekümmert. Als er starb, bedachte er sie mit lebenslangem Wohnrecht, Lohnfortzahlung und einer angemessenen Abfindung fürs Alter. Smilla war glücklich über diese Entscheidung, denn nun durfte auch sie die Unterstützung und die Zuneigung dieser wunderbaren Freundin in vollem Umfang genießen. Irmchen schenkte ihr ein warmes Lächeln, „Soll ich dir ein paar Spiegeleier braten?“
Smilla gab ihr einen Kuss auf die Stirn, „Vielen Dank, Irmchen, aber heute habe ich keine Zeit zum Frühstücken. Die Arbeit ruft, ich muss gleich los.“
„Du musst aber unbedingt etwas essen, Kindchen, sonst kannst du nicht richtig denken. Ich werde dir eben schnell ein paar Sandwiches für unterwegs fertigmachen.“
Da ihr Magen bereits eindringlich rumorte, nahm Smilla das Angebot dankend an, „Das ist lieb von dir, ich springe in der Zwischenzeit kurz unter die Dusche.“ Nachdem sie sich vom hart erarbeiteten Schweiß befreit hatte, schlüpfte sie in Jeans und T-Shirt. Danach folgte der rituelle, überaus kritische Blick in den Spiegel. Vor ihr stand eine fast vierzigjährige, schlanke Frau mit kurzen strohblonden Haaren, stahlblauen Augen und einem entzückenden Schmollmund. All diese Attribute, inklusive der für ihren Geschmack viel zu üppigen Oberweite, hatte sie ohne jeden Zweifel ihrer schwedischen Mutter zu verdanken. Der optische Beitrag ihres deutschen Vaters hielt sich deutlich in Grenzen. Doch das spielte im Moment keine wirkliche Rolle, ihr Anblick erfüllte die gestellten Anforderungen und stimmte sie äußerst zufrieden. Da die Zeit inzwischen drängte, suchte sie eilig ihre Sachen zusammen. Keine zehn Minuten später lenkte sie ihren roten Mini Cooper Richtung Umgehungsstraße.
***
Der große Perlweiher lag, eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft, ein ganzes Stück außerhalb der Stadt. Als Smilla am Fundort eintraf, war dieser bereits großräumig abgesperrt und die anwesenden Kollegen wirkten allesamt sehr beschäftigt. Tiberius Preussner winkte sie zu sich rüber. „Ich muss dich warnen, Chefin, das Opfer bietet keinen schönen Anblick. So wie es aussieht, hat sie kurz vor ihrem Tod noch eine ganze Menge durchgemacht.“
Smilla hockte sich neben die junge Frau, um das Szenario genauer zu betrachten. Ihr vollkommen nackter Körper war mit blauen Flecken, Striemen und Schnittwunden übersät. Darüber hinaus gab es noch deutliche Fesselspuren an Fuß- und Handgelenken. Irgendjemand hatte seine niederen Instinkte auf übelste Weise an ihr ausgelebt und sie dann anschließend wie ein Stück stinkenden Müll entsorgt. Dieser sichtliche Wahnsinn und die unglaubliche Grausamkeit ließen Smilla regelrecht erschaudern. „Wissen wir schon, wer sie ist?“
„Paula Hankenfeld, einundzwanzig Jahre alt und Studentin der Medizin. Ihre Mitbewohnerin Erin Porschke hat sie vor zwei Tagen als vermisst gemeldet“, der mittlerweile knapp sechzigjährige Tiberius kämpfte mal wieder verzweifelt mit seinem Smartphone, „wie ich diese verdammten Dinger hasse.“ Nach einigen komplizierten Fingerübungen erreichte er endlich das angestrebte Ziel, „Hier ist ein Foto aus besseren Tagen. Bei der Linken handelt es sich um unser Opfer, die andere ist die bewusste Mitbewohnerin.“
Smilla blickte in das Gesicht einer augenscheinlich glücklichen jungen Frau. Sie sprühte regelrecht vor Lebenslust, was Smillas Wut gegen den Täter ordentlich schürte. Noch einmal saugte die Kommissarin jedes Detail in sich auf. Das getrocknete Blut an der Innenseite ihrer Schenkel sprach Bände. „Paula wurde definitiv sexuell missbraucht. Sobald der Obduktionsbericht vorliegt, will ich ihn auf meinem Schreibtisch haben.“ Sie begab sich wieder auf Augenhöhe mit ihrem Kollegen und fixierte ihn mit ernster Miene, „Das hier ist das Werk eines regelrechten Monsters und wir werden alles daran setzen, diesen verdammten Mistkerl zu kriegen.“
„Das werden wir, Smilla, das werden wir auf jeden Fall.“
Der aufkommende Wind kräuselte die Wasseroberfläche und spielte geräuschvoll mit den herunterhängenden Ästen der Trauerweide. Smilla schaute über die glitzernde Weite des mit Schilf bewachsenen Sees. Der herrliche Anblick entlockte ihr einen lang gezogenen Seufzer, „Ein wahrlich idyllisches Plätzchen zum Sterben, … findest du nicht?“
Tiberius hatte mit diesem natürlichen Krempel nicht viel am Hut, bestätigte ihre Aussage aber dennoch mit einem kurzen Nicken, „Ja, ja, ist ganz nett hier. Gestorben ist sie trotzdem woanders. Wo genau, gilt es herauszufinden.“
„Was ist mit den Eltern?“
„Es gibt nur noch die Mutter und die wohnt in Thüringen. Die Kollegen Dornhäuser und Krauschel kümmern sich bereits darum.“
„Gut“, Smilla schätzte die Eigenständigkeit ihrer Mitarbeiter und war stolz auf ihr kreatives Team. „Dann werden wir uns als Erstes mit ihrer Freundin Erin unterhalten. Vielleicht weiß sie ja, wo unser Opfer seine letzten Stunden verbracht hat.“
„Was im Klartext heißt, dass ich mich wieder in deinen popligen Mini quetschen muss.“ Bei einer Größe von immerhin einhundertneunzig Zentimetern in Kombination mit einer nicht unerheblichen Körperfülle benötigte Tiberius entsprechend viel Raum, um sich frei entfalten zu können. In dieser fahrbaren Sardinenbüchse fand er nicht einmal genügend Platz zum Husten. „Wann kaufst du dir endlich mal ein richtiges Auto?“
Smilla kam nicht umhin breit zu grinsen, „Wenn du die versprochenen zwanzig Kilo abgenommen hast.“
Tiberius seufzte schwermütig, „Also nie.“
„Bei deiner konsequenten Inkonsequenz im Umgang mit Nahrungsmitteln kann das ja auch nichts werden“, die Kommissarin deutete galant auf die Autotür, „na los, komprimier dich ein bisschen und steig ein.“ Während der Fahrt betrachtete Tiberius sein rundes Gesicht kritisch im Spiegel der Sonnenblende, was sich aufgrund der minimalen Größe der Glasfläche als äußerst schwierig erwies. Unablässig drehte er den Kopf in sämtliche Richtungen, ohne seine smaragdgrünen Augen davon abzuwenden. Diese für ihren Kollegen ziemlich ungewöhnliche Handlung rief sofort Smillas stark ausgeprägte Neugier auf den Plan, „Was ist, … suchst du Pickel oder Falten?“
Der strafende Blick von der Seite folgte prompt, „Weder, noch.“ Nach einem relativ kurzen beleidigten Moment des Schweigens räusperte er sich, „Sag mal, … findest, … findest du mich attraktiv?“
Mit seinen ausdrucksstarken Augen, der eleganten goldgefassten Brille und der stets auf Hochglanz polierten Glatze konnte man ihn durchaus als gut aussehend bezeichnen. Auch wenn ihm ein paar Kilogramm weniger sicherlich gut zu Gesicht stehen würden. Für Smilla kam er als erotisches Objekt nicht infrage, was keinesfalls etwas mit dem Altersunterschied zu tun hatte. Sie stand einfach auf einen ganz anderen Typ Mann. Außerdem verband die beiden eine innige Freundschaft, die sie für nichts auf der Welt aufs Spiel gesetzt hätte. „Ja, … ja, ich halte dich für ein echt knuffiges Kerlchen.“ Sie ahnte die Bedeutung seiner Frage, hakte aber dennoch nach, „Sag mal, gibt es da vielleicht etwas, das ich wissen sollte?“
„Was, … nein, es hat mich einfach nur mal interessiert.“ Wenn dieser gestandene Berg von einem Mann errötete, dann steckte mit ziemlicher Sicherheit mehr dahinter.
Sie antwortete mit einem dreisten Grinsen, „Na los, Kojak, erzähl mir vom Traum deiner schlaflosen Nächte.“
Er winkte ab, „Ich kenne sie ja kaum.“
Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken, „Ja und, … jetzt lass dir doch nicht jeden mickrigen Wurm einzeln aus der Nase ziehen. Wer ist sie, wie heißt sie?“
„Sie heißt Edwina Klum und ist meine neue Nachbarin. Wir haben uns bis dato nur ein paar Mal unterhalten, weiter nichts.“
„Aber sie gefällt dir ja offensichtlich. In welcher Altersliga spielt sie denn?“
Er zuckte mit den Schultern, „Keine Ahnung, ich kann nicht gut schätzen. Sie ist vielleicht so um die Fünfzig oder ein kleines Stück drüber. Und ja, … ja sie gefällt mir tatsächlich ziemlich gut.“
„Und worauf wartest du dann noch? Bagger sie an und lass deinen Charme ordentlich sprudeln.“
„Immer langsam mit den jungen Pferden, alles zu seiner Zeit. Ich kann ja nicht gleich mit dem Tor in die Scheune fallen. Aber keine Angst, ich werde dich diesbezüglich auf dem Laufenden halten.“ Tiberius deutete auf einen gerade renovierten Altbau, „Dort vorne ist es, Haus Nummer zwölf. Die WG wohnt bedauerlicherweise ganz oben unterm Dach.“
Der feuchte Geruch von frischer Farbe dominierte den Hausflur und Tiberius stöhnte schon einmal vorsorglich. Warum mussten die zu Befragenden grundsätzlich immer in der obersten Etage wohnen? Er schaute durch das Geländer in die schwindelerregende Höhe. Insgesamt galt es fünf Stockwerke zu bewältigen und diese knallharte Tatsache stimmte ihn nicht gerade fröhlich. Das Knarren der aufpolierten Holzstufen begleitete ihn bei seinem Aufstieg, machte ihn aber keinesfalls leichter. Endlich oben angekommen brauchte er einen größeren Moment zum Verschnaufen. Smilla wirkte ehrlich besorgt, „Geht’s wieder?“
Tiberius nickte, „Gib mir noch zwei Sekündchen.“
„Ich will dich nicht maßregeln, Tiberius, und das weißt du auch. Aber wenn du nicht bald etwas gegen dein Übergewicht unternimmst, dann wird dich das viele Cholesterin irgendwann dahinraffen.“
„Natürlich weiß ich das, deshalb habe ich ja auch schon einige Änderungen in die Wege geleitet“, er keuchte wie ein angeschossener Hirsch auf der Flucht, „ich bin bereits dabei meine Ernährung komplett umzustellen und ich treibe neuerdings sogar ein bisschen Sport.“
„Hey, das ist toll und wirkt auf mich ungemein beruhigend“, sie zwinkerte ihm zu, „ich verzeihe dir sogar, dass du es nicht für mich, sondern für eine andere Frau tust.“ Smilla brachte ihren Zeigefinger in Klingelposition, „Bist du so weit?“ Er antwortete mit einem erneuten Nicken und Smilla drückte den Knopf.
Es brauchte noch drei weitere hartnäckige Klingelversuche, ehe ein ziemlich verschlafen wirkender junger Mann die Tür öffnete und seinen Unmut deutlich kundtat, „Das ist ja wohl ‘ne absolute Frechheit. Hey, … wisst ihr eigentlich, wie spät es ist?“
Smilla versuchte ihn zu beschwichtigen, „Ja, wissen wir und es tut uns auch ehrlich leid, dass wir so früh stören. Aber wir müssen dringend mit Frau Porschke sprechen.“ Eine junge Frau im Bademantel kam aus einer der Türen und näherte sich mit fragendem Blick. Trotz Handtuchturbans erkannte Smilla sie sofort wieder, „Guten morgen, Frau Porschke. Mein Name ist Berggrün und das ist mein Kollege Preussner, wir sind von der Polizei und würden uns gerne mit ihnen unterhalten.“
In ihren dunkelbraunen Augen blitzte ein Hoffnungsschimmer auf, „Haben sie Paula gefunden, geht es ihr gut? Wo ist sie, kann ich sie sehen?“
Auch wenn Smilla ihre Arbeit über alles liebte, so hasste sie dennoch diesen einen Moment. Egal, ob es sich um ein Familienmitglied oder einfach nur um einen Freund handelte. Jemanden mit der Endgültigkeit des Todes konfrontieren zu müssen, war die mit Abstand schlimmste Pflicht, die der Job erforderte. „Dürfen wir reinkommen?“
„Natürlich“, sie gab den Weg frei, „zweite Tür rechts.“ Erin folgte den beiden in die für eine Wohngemeinschaft erstaunlich aufgeräumte Küche. „Bitte setzen sie sich. Möchten sie Kaffee, … ich habe ihn gerade frisch gekocht.“ Sie machte sich daran, die Tassen aus dem Schrank zu holen.
„Vielen Dank, aber wir möchten keinen Kaffee. Würden sie sich bitte zu uns setzen, Frau Porschke.“
Erin kam der Aufforderung nach und zündetet sich eine Zigarette an. Es folgten ein paar hastige Züge, ehe sie den Blick in Smillas Augen wagte, „Paula ist tot, … nicht wahr?“
Nur ungern bestätigte die Kommissarin ihre Frage, „Ja, sie wurde heute früh am Ufer des großen Perlweihers gefunden.“
Erste Tränen liefen über das Gesicht der zierlichen Frau, „Was ist passiert? War es ein Unfall?“
Glücklicherweise übernahm Tiberius den unangenehmen Part, „Nein, es war Mord und eben aus diesem Grund sind wir hier. Es mag ihnen gerade grausam erscheinen, aber wir müssen ihnen einige Fragen stellen. Wann genau haben sie Paula Hankenfeld zum letzten Mal gesehen?“
Erin Porschke starrte weinend ins Leere, „Am Freitagabend. Sie wollte auf eine Party und ist so gegen zwanzig Uhr aus dem Haus gegangen.“
Die Kommissarin hakte nach, „Was für eine Party war das und wo fand sie statt?“
„Ich, … ich habe keine Ahnung.“ Sie erhob sich vom Stuhl, zog ein Taschentuch aus der Verpackung und ging rüber zum Fenster. „Sie hat mir nicht gesagt, wo sie hinwollte.“
„Wir würden uns gerne mal in Paulas Zimmer umschauen.“
Erstaunlicherweise stieß Smillas Bemerkung auf Widerstand. „Aber wozu? Dürfen sie das denn einfach so?“
Die beiden Kollegen tauschten einen vielsagenden Blick und Tiberius kratzte sich nachdenklich am Kinn, „Wenn ich recht informiert bin, dann waren sie und Frau Hankenfeld sehr gute Freundinnen. Wollen sie denn, dass ihr Mörder am Ende ungeschoren davon kommt?“
Sie schüttelte den Kopf, „Nein, natürlich nicht.“ Mit einem lang gezogenen Seufzen deutete sie Richtung Flur, „Es ist das letzte Zimmer auf der linken Seite.“
Während sich Tiberius sofort auf den Schreibtisch inklusive Laptop stürzte, ließ Smilla den lichtdurchfluteten Raum auf sich wirken. Hübsche Gardinen, Grünpflanzen, Fotowand und Stofftiersammlung, der weibliche Einfluss war nicht zu übersehen. Alles in allem wurde das Ambiente einer jungen Medizinstudentin vollkommen gerecht. Sie musste demnach etwas tiefer graben und widmete sich dem Inhalt des Kleiderschranks. „Na schau mal einer an, was haben wir denn da?“
„Was meinst du?“ Er legte den Stapel Post beiseite und kam neugierig näher.
Die Kommissarin holte ein schwarzes, sichtlich tief dekolletiertes Cocktailkleid aus dem gut gefüllten Schrank, „Das hat mindestens zweihundert Euro gekostet und es gibt noch mehr davon. Auch ihre Schuhe und die edle Wäsche, der Kauf dieser hochpreisigen Luxusgegenstände übersteigt das Budget einer normalen Studentin bei Weitem. Das passt definitiv nicht ins Bild.“
„Vielleicht hatte sie ja einen wohlhabenden Freund. Einer von der Sorte, der sich neben der langweiligen Ehefrau noch ein frisches knackiges Betthäschen hält.“
„Glaub ich nicht“, Smilla machte sich daran, die Fotowand zu betrachten. Stück für Stück studierte sie die Momentaufnahmen aus dem Leben einer sichtlich glücklichen jungen Frau. „Es gibt keinerlei Hinweise auf einen gut betuchten Lover. Aber sicherheitshalber werde ich Frau Porschke gleich noch einmal dazu befragen.“ Da die weitere Durchsuchung keine neuen Erkenntnisse zutage förderte, schnappte Tiberius sich den Laptop und sie gingen zurück in die Küche. Erin stand noch immer am Fenster. „Sagen sie, Frau Porschke, hatte Paula eigentlich einen festen Freund oder möglicherweise sogar einen verheirateten Liebhaber?“
Die Angesprochene verharrte in ihrer Position, „Nein, sie hat sich voll und ganz auf ihr Studium konzentriert.“
„Tatsächlich? Dann stellt sich mir allerdings die Frage, wie sie den Inhalt ihres Kleiderschranks finanziert hat. Ebenfalls brennend interessieren würde mich der Zweck, dem er dient.“
Auch jetzt reagierte sie lediglich mit einem Schulterzucken, „Ich habe nicht die geringste Ahnung.“
Smillas Geduldsfaden stand bereits unter extremer Spannung, „Frau Porschke, wären sie wohl so nett mich anzuschauen, wenn sie mit mir sprechen.“
Erkennbar widerwillig drehte Erin sich um und ihr Blick fiel sofort auf Tiberius’ Beute, „Was, … was wollen sie denn mit Paulas Computer? Dürfen sie den einfach so mitnehmen?“
Bei so viel gelebter Ignoranz musste einem der Kragen irgendwann platzen. Hier ging es schließlich nicht um ein geklautes Päckchen Zigaretten. Smilla wollte ihrer aufkeimenden Wut freien Lauf lassen, deshalb schlug sie ordentlich mit der geballten Faust auf den Tisch, „Verdammt noch mal, Erin, was soll diese Lügerei und dieses ganze Schmierentheater? Damit sie endlich kapieren, worum es hier geht, werde ich es ihnen jetzt noch einmal detailliert erklären. Ihre beste Freundin Paula Hankenfeld wurde brutal misshandelt, mehrfach vergewaltigt und auf grausame Weise getötet. Anschließend hat man sie wie stinkenden Abfall entsorgt. Derjenige, der ihr das angetan hat, läuft da draußen fröhlich umher und sucht sich vielleicht gerade das nächste Opfer. Es ist unsere heilige Aufgabe den Mörder zu finden, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Und das am Besten, bevor noch ein weiteres Mädchen ihr Leben verliert. Anstatt uns hier in einer Tour für dumm zu verkaufen, sollten sie uns lieber helfen.“
„Ich, … ich will nicht, dass sie schlecht über Paula denken. Sie ist, … sie war ein fleißiges und sehr anständiges Mädchen.“ Erin vermied jeglichen Blickkontakt, die Situation schien ihr äußerst peinlich zu sein.
Die von Smilla geduldete Schweigeminute war inzwischen überschritten, deshalb versuchte sie Erins schleppende Motivation ein wenig anzuschubsen „Warum sollten wir schlecht über Paula denken?“
