Ein Toter macht noch keine Witwe - Maggie Groff - E-Book

Ein Toter macht noch keine Witwe E-Book

Maggie Groff

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Beschreibung

Auch im Paradies wird gestorben – und das ist auch gut so Es könnte das Paradies sein, doch im australischen Byron Bay gehen unglaubliche Dinge vor sich. Eine der seltsamen »Anemonen-Schwestern«, über die die verrücktesten Gerüchte kursieren, sucht die Journalistin Scout Davis auf, um sie um Mithilfe zu bitten. Ihr tot geglaubter Schwager wurde putzmunter auf einem Zeitungsfoto identifiziert. Scouts Neugier ist geweckt und sie übernimmt den Fall, schließlich ist sie froh, ihrem privaten Gefühlschaos zwischen zwei Männern und dem Liebeskummer ihrer Schwester entgehen zu können. Die unerschrockene Journalistin stürzt sich in die Ermittlungen, die sie auf die paradiesischen Whitsunday Islands vor der Ostküste Australiens führen. Mit viel Humor, ein bisschen Sex und einem Fall, der Scout lehrt, dass Vorurteile kurze Beine haben, begeistert Maggie Groff mit diesem Krimi rund um ihre sympathische Heldin Scout Davis.

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Seitenzahl: 493

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Inhalt

TitelMotto1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. KapitelDanksagungBuchAutorÜbersetzerImpressum

Für Hannah Key, unser Goldmädchen

1.

Byron Bay ist eine der schönsten Ecken Australiens, und ich wollte mich in meinem wohlverdienten Urlaub all den Annehmlichkeiten widmen, die der Ort zu bieten hat. Außerdem war Winter, meine liebste Jahreszeit, und nach dem langen heißen Sommer kamen die warmen sonnigen Tage und kühleren Nächte wie gerufen.

In den Monaten davor hatte ich gut zu tun gehabt. Aufträge von Zeitungen kamen am laufenden Band, und meine Reportage über eine gefährliche Sekte hatte ich bei uns und in den USA verkaufen können. Jetzt hatte ich ein dickes Polster auf der Bank und brauchte dem guten alten Mogg, diesem Gauner, nicht mehr damit zu drohen, mein Konto woanders zu überziehen, wenn er mich weiter mit unverschämten Briefen bombardierte.

Auch meine Rippen, die beim Zusammenprall mit dem Anführer besagter Sekte einen Knacks bekommen hatten, waren wieder tipptopp. Bis auf mein ziemlich problematisches Liebesleben war eigentlich alles in Butter.

Jedenfalls, bis ich am Dienstag in den Supermarkt ging.

Im fünften Gang zwischen den Woolworth-Regalen meinte ich plötzlich, beobachtet zu werden. Es ist schwer, dieses Gefühl beschreiben, aber vielleicht wissen Sie ja, was ich meine. Für Neuro-Nerds ist das der reinste Selbsterhaltungstrieb, ein Überbleibsel aus der Steinzeit, als wir noch besonders auf der Hut sein mussten, wenn wir mit dem Kopf nach unten am Wasserloch standen. Sie wissen schon.

Schaudernd sah ich mich um.

Nichts. Allerdings ist das gute Woolworth ja nun auch nicht gerade als Neandertalertreff bekannt.

Schließlich schob ich meine Paranoia auf das Überwachungssystem des Supermarkts, bedachte die Kamera über mir mit einem vernichtenden Blick und schob den Einkaufswagen in den nächsten Gang.

Aber auch das half nicht. Das Gefühl wurde eher noch stärker. Misstrauisch schaute ich mich um.

Noch immer nichts.

Ich hockte mich vor das unterste Regal und suchte mir eine Packung losen Tee aus. Als ich wieder aufstand, legte mir jemand energisch eine Hand auf den Rücken. Vor Schreck ließ ich den Tee fallen und hielt mich schwankend am Regal fest.

»Sind Sie die Journalistin Scout Davis?«, ertönte es vorwurfsvoll hinter mir.

Als ich mich umdrehte, stand vor mir eine hochgewachsene, spindeldürre, asketisch wirkende Frau mit spitzer Nase und einem Kinn, mit dem man Dosen öffnen könnte. Sie trug einen langen schwarzen Rock, einen weiten schwarzen Kittel und einen schwarzen Filzschlapphut. Unter der Krempe lugten stahlgraue Haarsträhnen hervor. Auf den ersten Blick sah sie aus wie ein ältlicher Windhund in Quäker-Montur.

Mit Entsetzen wurde mir klar, wer sie war, und ich wich einen Schritt zurück. Fast jeder in Byron Bay hatte schon von den Anemonen-Schwestern gehört, drei betagten Jungfern, die in den Bergen wohnten, schwarz trugen und Hühnerblut tranken. Der übliche Kleinstadttratsch eben.

Es wurde von grässlichen Verwünschungen und göttlichen Vergeltungen bei den geringsten Verfehlungen gemunkelt, also ging ich lieber auf Nummer sicher und antwortete: »Einen schönen guten Tag.« Dann hob ich die Teepackung auf, stellte sie zurück ins Regal und nahm mir eine neue – selbstverständlich.

»Ich bin Miss Hermione Longfellow«, verkündete sie selbstgefällig, »und werde Sie für ein paar Minuten in Anspruch nehmen!« Sie pfefferte ihren Einkaufskorb auf den Boden, stemmte energisch eine Hand in die Hüften und schnaufte laut.

Erwartete sie jetzt, dass ich mich ihr schmachtend vor die Füße warf? Ihre Theatralik amüsierte mich irgendwie. Während ich nach einer passenden Antwort suchte, inspizierte ich ihren Einkaufskorb: drei Tüten Mehl und eine Schachtel Streichhölzer. Keine Molchaugen zu sehen.

»Ich bin im Urlaub«, sagte ich schließlich.

Doch sie ließ sich nicht beeindrucken und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ja, ja, das hat mir Daisy Fanshaw schon erzählt. Das spielt keine Rolle.«

Ich runzelte die Stirn. Unverschämtheit! Ich war mit Daisy befreundet und konnte mir kaum vorstellen, warum sie mit einer der Anemonen-Schwestern über meine Urlaubspläne diskutieren sollte. Aber sich mit dieser unglaublich dreisten Person auf einen verbalen Schlagabtausch einzulassen, wäre nun wirklich kindisch, und so schob ich den Einkaufswagen weiter und hoffte, sie würde mich in Ruhe lassen. Von wegen. Sie stellte sich vor den Wagen und versperrte mir den Weg. Vor Wut hätte ich am liebsten laut aufgeschrien und sie über den Haufen gefahren.

Sofort hatte ich die Szene im Gerichtssaal vor Augen. Ich auf der Anklagebank in weißer Chiffonbluse und mit rotem Pillbox-Hut mit Netz ... weiße Handschuhe vielleicht noch ...

»Sie hören mir jetzt gefälligst zu«, sagte Miss Longfellow beharrlich. »Es ist wirklich wichtig!« Sie stampfte mit dem Fuß auf, was mich auf den Planeten Woolworth zurückbrachte.

»Mein Urlaub ist auch wichtig!«, keifte ich.

Auf einmal lächelte sie, und das war so beängstigend, dass ich gleich noch einen Schritt zurück machte. Ihre Zähne waren lang und so wahllos im Mund verteilt wie alte Grabsteine auf einem Friedhof. Also, wenn ich ein Pferd wäre, dann hätte ich schon ein klitzekleines bisschen Angst gehabt. Andererseits wäre ich als Pferd längst davongaloppiert und hätte mir damit eine Menge Ärger erspart.

»Bitte«, drängte sie. Sie wusste anscheinend sehr wohl, wann ein Taktikwechsel angesagt war.

Ich hatte keine Lust, mich weiter herumzustreiten, und am Ende siegte mal wieder die Neugier. »Woher kennen Sie Daisy?«, fragte ich.

Miss Longfellow verschränkte die Arme vor der Brust und sah hochzufrieden aus.

»Wir tauschen Waren«, sagte sie geziert. »Es ist rein geschäftlich, keine Freundschaft.«

Überraschte mich nicht.

»Wissen Sie«, sagte ich bestimmt, »mein Urlaub ist mir heilig. Nächste Woche arbeite ich wieder, da können Sie sich gerne bei mir melden.«

Aus den Untiefen meiner Umhängetasche fischte ich eine Uraltvisitenkarte mit Eselsohren heraus. Sie wirkte dermaßen unprofessionell, dass Miss Longfellow mit ein bisschen Glück dauerhaft davon abgeschreckt würde.

Falls Sie mich jetzt für unhöflich halten, sollte ich vielleicht erklären, dass ich immer wieder von Leuten angesprochen werde, die meinen, ihre persönliche Geschichte verdiene landesweite Aufmerksamkeit. Für Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, sind wir Journalisten eine Art Beschwerdestelle und die Medien ihre letzte Chance auf Vergeltung. Meistens schieben sie vor, andere vor Leid bewahren zu wollen, aber fast immer steckt eigentlich Rache dahinter.

Mit spitzen Fingern hielt sie das Kärtchen, als wäre es mit Milzbrandviren verseucht. Die Missbilligung war ihr deutlich anzusehen. »Hier steht, dass Sie eine freie Enthüllungsjournalistin sind.«

»Das stimmt«, sagte ich entschieden. »Frei bedeutet, dass ich nur an Themen arbeite, die mich interessieren. Im Moment bin ich wie gesagt im Urlaub und habe kein Interesse.«

Ha! Nimm das, du Drachen!

Sie runzelte die Stirn. »Daisy hat mir versichert, dass Sie interessiert sein würden.«

Ich blieb stehen. Womöglich war ich ja wirklich unhöflich. Wenn Daisy meinte, dass an der Geschichte etwas dran sei, sollte ich mir das Ganze wenigstens mal anhören. Vielleicht winkte mir ja schon eine tolle Auszeichnung! Fünf Minuten würde ich ihr geben, und dann konnte ich Daisy wahrheitsgetreu berichten, dass ich mir die Sache gebührend durch den Kopf hatte gehen lassen.

»Na gut«, sagte ich. »Schießen Sie los.«

»Ich habe zwei jüngere Schwestern, Amelia und Nemony«, begann sie. »Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, bin ich Hermione Longfellow.«

Amelia, Nemony und Hermione – mit ein bisschen Fantasie ergaben die drei Namen »die Anemonen-Schwestern«.

»Vor dreißig Jahren, als meine jüngste Schwester Nemony dreißig war, heiratete sie einen Iren namens Mick O’Leary. Er war ein mittelloser Herumtreiber, der bei uns nach Arbeit fragte. Wenn man Landwirtschaft betreibt, kommt das häufig vor. Zu der Zeit ernteten wir gerade Lavendel. Amelia hatte sich den Arm gebrochen, und wir konnten jemanden gebrauchen, der mit anpackt, also haben wir O’Leary eingestellt.«

Ich gab mir Mühe, interessiert zu wirken, und in der Hoffnung, dass sie zur Sache kam, bevor mein Joghurteis geschmolzen war, konzentrierte ich mich auf den Punkt zwischen ihren Augen.

»Er war auf grobschlächtige Weise gut aussehend«, fuhr sie fort, »auch wenn er keine Manieren hatte und – gewöhnlich war, wie unsere lieben Eltern gesagt hätten.« Sie räusperte sich. »Ohne Amelias und mein Wissen hat O’Leary Nemony … verführt.«

Eine Kundin schien an das Teeregal zu wollen, also schob ich meinen Wagen beiseite.

Miss Longfellow schenkte der Frau keinerlei Beachtung und sprach ungeniert weiter. »Nemony war … ähm … unbedarft, was Männer anging. Einmal hat es O’Leary mit ihr im Lavendelschuppen getrieben.« Sie schürzte angewidert die Lippen.

Die andere Kundin warf mir einen vielsagenden Blick zu, und ich konnte mir gerade noch das Lachen verkneifen. Oh Gott, das musste ich unbedingt meiner Schwester Harper erzählen.

»Am nächsten Tag habe ich ihn entlassen«, sagte sie voller Abscheu, »aber Nemony ist ihm hinterhergelaufen. Das Dummerchen war völlig vernarrt in ihn. Drei Monate später erhielten Amelia und ich eine Postkarte aus Sydney, auf der stand, dass die beiden geheiratet hätten. Nemony hatte die Karte mit Mrs Mick O’Leary unterschrieben!«

Jemanden rauszuschmeißen, nur weil er mit der erwachsenen Schwester schlief, schien mir ein wenig drastisch, zumal Nemony mit dreißig wohl kaum mehr ein Dummerchen war, doch ich sparte mir meinen Kommentar.

Aber das war noch nicht alles. »Kurz nach der Hochzeit kaufte O’Leary eine Jacht von dem Geld, das Nemony von unserem Onkel Willard Longfellow geerbt hatte. Meine Schwestern und ich hatten im Vorjahr jede 100 000 Dollar erhalten. Damals war das viel Geld, dafür hätte man sich eine Wohnung in Sydney kaufen können.« Sie schüttelte den Kopf über diese Verschwendung, und um ein Gähnen zu unterdrücken, schüttelte ich ebenfalls den Kopf.

Bislang waren meine Schnüfflersynapsen noch nicht angesprungen. Mich interessieren vor allem Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit gegenüber Schwächeren. Ich möchte sozusagen denen eine Stimme verleihen, die nicht für sich selbst sprechen können. Natürlich habe ich auch ganz und gar nichts gegen knifflige Fälle einzuwenden, die lukrativ sind und keinen Rechtsstreit nach sich ziehen. Aber zwei Unverheiratete, die es irgendwo an der Nordküste im Lavendelschuppen getrieben haben, passten da nicht so recht hinein und boten für den modernen Zeitungsleser keinen besonderen Nervenkitzel.

»Und weiter?«, fragte ich und versuchte, nicht sarkastisch zu klingen – vergeblich.

Sie strafte mich mit einem bösen Blick wie eine Schuldirektorin eine ungezogene Schülerin.

»Eines Abends segelte O’Leary allein vor Sydney Heads. An der Küste von New South Wales tobte ein Sturm, und er funkte Mayday. Weder er noch die Jacht wurden je wiedergesehen. Die Leiche hat man nie gefunden. Ein paar Tage später wurden eine Segeltasche, eine Schwimmweste und Teile der Jacht in der Watson Bay im Hafen von Sydney angespült. Nemony zufolge waren O’Leary und die Jacht nicht versichert. In dem gerichtlichen Untersuchungsbericht hieß es ›auf See verschollen‹. Tot.« Miss Longfellow holte tief Luft und sagte bedrückt: »Nemony ist als gebrochene Frau zurückgekehrt und hat sich nie wieder erholt.«

»Tut mir leid.« Es sollte wie eine verspätete Beileidsbekundung klingen, dabei tat mir eigentlich nur leid, dass mich ihre Leidensgeschichte nicht die Bohne interessierte. Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, warum Daisy meinte, ich sollte mir den Kram anhören. War mir da etwas entgangen?

»Mich interessieren nur brisante aktuelle Themen«, erklärte ich.

»Das wäre aktuell und brisant ist es auch.«

»Liebesgeschichten sind nicht mein Metier«, sagte ich.

»Ach, diese hier bestimmt.«

Abermals schüttelte ich den Kopf, imitierte ihre theatralischen Gesten von vorhin und stemmte die Hände in die Hüften. Diese Frau war ja so was von arrogant!

»Und dürfte ich auch erfahren, warum?«, fragte ich verärgert.

»Ich habe ihn gestern gesehen«, sagte sie.

Zack.

Mein Kopf schnellte zurück, und die Nase zeigte in die Luft.

Endlich hatte der Bluthund die Fährte aufgenommen.

2.

Ich war froh, endlich mal eine der Anemonen-Schwestern kennengelernt zu haben, und nur ein kleines bisschen sauer, dass es mit meinem Urlaub jetzt vielleicht vorbei war. Ich schleppte die Einkäufe zurück in meine Wohnung über dem Fandango. Die zwei Flaschen roten Grapefruitsaft im Angebot für den Preis von einer wären wirklich nicht nötig gewesen.

Wie immer herrschte in Byron Bay Jubel und Trubel. Aus den Kneipen und Cafés tönten Musik und Gelächter, und auf den Gehwegen drängten sich die Touristen, die unbedingt die Wanderung der Buckelwale nach Norden verfolgen wollten. Nur wenige – ich meine die Touristen, nicht die Wale – wussten von Byron Bays blutiger Vergangenheit als Walfängerstadt, und es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Einheimischen es nicht von sich aus erwähnen. Heutzutage wird natürlich voller Stolz mit der Kamera scharf geschossen und nicht mit der Harpune.

»Glaub mir, ich habe sie mir so lange wie möglich vom Hals gehalten«, sagte ich zu Miau Zedong, während ich die Einkäufe auf den Küchentisch lud.

Der Kater rieb das Köpfchen an meinem Bein und maunzte laut. »Aber positiv betrachtet haben wir einen neuen Fall«, verkündete ich munter.

Miau Zedong war so froh wie ich und drehte sich vor meinen Füßen wild im Kreis. Darüber musste ich schmunzeln. Miau Zedong ist samtig grau und schön wie die Katze in der Whiskas-Werbung. Als ich ihn aus dem Tierheim mitbrachte, hielt ich ihn zunächst für eine chinesische Rasse, daher der Name. Inzwischen weiß ich, dass er eine Russisch-Blau-Katze ist, aber Rasputin hätte ich ihn dennoch sicher nicht genannt. Dann schon eher Gorbartschow.

»Hör zu«, sagte ich und nahm den Kater hoch. »Morgen früh erscheint hier ein gruseliges Klappergestell. Ich möchte, dass du dir tiefschürfende Fragen überlegst. Richtige Kracher.« Kaum hatte ich ihn abgesetzt, flitzte er auf die Veranda zu seinem Korbsessel. Er machte sich an den Fall.

Ich packte noch die restlichen Lebensmittel aus und wandte mich dann wieder Miss Longfellow zu. Erst nachdem ich angebissen hatte, hatte sie mir zu meinem Ärger mitgeteilt, dass sie Mick O’Leary gar nicht leibhaftig gesehen hatte, sondern nur auf einem Zeitungsfoto: Als sie auf Daisys Farm Zimtäpfel einwickelte, hatte sie ihn in der Sydney Morning Herald vom letzten Freitag entdeckt.

Ein tatsächliches Aufeinandertreffen wäre mir natürlich lieber gewesen, aber Miss Longfellow war sich ganz sicher, dass das auf dem Bild O’Leary war, denn offenbar verfügte er über irgendeine physische Anomalie. Darüber wollte ich natürlich gleich mehr erfahren, aber sie war nicht darauf eingegangen und hatte stattdessen versprochen, es mir auf dem Foto zu zeigen. Selbstverständlich hoffte ich jetzt auf einen dreiarmigen Mann.

Auf dem Foto waren wohl die Seemänner zu sehen, die nach einem Zusammenstoß zweier Boote am Great Barrier Riff die Insassen gerettet hatten. Das Unglück hatte sich letzten Donnerstag zugetragen, und laut Miss Longfellow war Mick O’Leary einer der Seemänner. Zu unserem Treffen morgen wollte sie den Artikel samt Foto mitbringen.

So lange würde ich versuchen, mich zu gedulden. Wenn ich jetzt auf die Homepage des Herald ginge, würde ich unweigerlich auch in meine beruflichen E-Mails schauen. Und ohne einen Anhaltspunkt, wann sich der Sturm ereignet hatte, bei dem O’Leary vermeintlich ums Leben gekommen war, brachte die Suche ohnehin nichts. Immerhin war es schon ziemlich lange her, und im Netz wimmelte es wahrscheinlich nur so vor Mick O’Learys.

Da war es schlauer, Daisy in der Zwischenzeit ein wenig auf den Zahn zu fühlen, was es mit Miss Longfellow auf sich hatte. Vielleicht war Hermione ja bloß eine verbitterte Alte, die mich für ihre Rachepläne einspannen wollte, und dafür wollte ich meine kostbare Zeit nicht mit Recherche verplempern. Daisy würde Bescheid wissen, und ich vertraute ihrem Urteil.

Der Anrufbeantworter blinkte. Es war meine Schwester Harper, die mich wissen ließ, dass sie gegen sieben vorbeischauen würde. Sie leitet den Fachbereich Sport in Tattings, einer piekfeinen Privatschule in Queensland, und wenn ihre Schülerinnen hier im Norden von New South Wales nachmittags ein Basketballspiel haben, kommt sie oft noch bei mir vorbei.

Ich war gespannt, wie es ihr ging, und schrieb gleich eine SMS zurück, dass ich mich um das Abendessen kümmern würde. Seit dem letzten Jahr war Harper ziemlich frustriert von ihrem Job, denn vor lauter Verwaltungskram bliebe kaum noch Zeit für den Unterricht, klagte sie. Proportional zum Grad ihrer Unzufriedenheit im Job nahmen auch ihre Ängste zu, und ich machte mir echte Sorgen um sie.

Spontan beschloss ich, bei Daisy vorbeizufahren statt sie nur anzurufen. Ich legte meine Farmerkluft an – schwarze Levis, graues T-Shirt, Stiefel von R. M. Williams und einen alten ramponierten Cowboyhut – schnappte mir Sonnenbrille, Autoschlüssel und eine Pulle roten Grapefruitsaft und verließ die Wohnung.

Zielstrebig machte ich mich auf den Weg zum alten Bahnhof, wo ich meinen Toyota Avalon parke, seit dort keine Züge mehr fahren. Bisher ist mir die Karre erst einmal geklaut worden, und zum Glück habe ich sie heil zurückbekommen.

Beim Anblick der grünen Klapperkiste fiel mir wie immer ein Stein vom Herzen. Ich befreite die Scheibenwischer von den Werbeflyern, stieg ein und brauste los in Richtung Daisy.

3.

Am Nachmittag erreichte ich Yab Noryb, die Farm von Dave und Daisy Fanshaw, die in den saftig grünen Hügeln hinter Byron Bay liegt.

Glaubt man den Fanshaws, stammt der Ausdruck Yab Noryb aus dem Keltischen und bedeutet »wundervoller Meeresblick«, aber ich bin ihnen schon vor Jahren auf die Schliche gekommen: Einmal habe ich beim Wegfahren in den Rückspiegel gesehen und festgestellt, dass es einfach »Byron Bay« rückwärts buchstabiert war. Es lohnt also, sich an die Straßenverkehrsordnung zu halten.

Das Farmhaus wurde im typischen Queensland-Stil wieder hergerichtet, am Spalier der Veranda rankt üppig weißer und hellblauer Bleiwurz. Neben den Bananenstauden vor dem Haus liegt ein Obstgarten mit Zitronen-, Orangen-, Mandarinen-, Nektarinen- und Olivenbäumen sowie Macadamia- und Pekannussbäumen. Nach hinten schützen zwei gewaltige Eukalyptusbäume das Haus vor der unbarmherzigen Sonne aus dem Westen.

»K1K2?«, fragte Daisy und deutete auf meinen Grapefruitsaft.

»Was ist denn ein K1K2?« Im Geiste vertauschte ich probehalber die Buchstaben und spielte verschiedene Kombinationen durch, falls es sich wieder um so eine Fanshaw’sche Erfindung handelte.

»Kauf eins, krieg zwei«, erklärte sie.

Ich lachte. »Nein, zwei für den Preis von einer.«

»Das ist ein Zwüper«, klärte sie mich auf. »Eigentlich das Gleiche.«

»Wird das hier ein Gespräch unter Haushaltsgöttinnen?« Ich machte ein entsprechend entsetztes Gesicht.

»Genau. Wart’s nur ab, in ein paar Jahren kommst du auch noch auf den Trichter.«

Wir saßen an dem langen Kieferntisch in Daisys Küche. Ich enthülste Saubohnen und war froh, sie hinterher nicht auch noch essen zu müssen, während Daisy den Teig für eine Rindfleischpastete ausrollte. Twiggy, die alte und gebrechliche Windhündin der Fanshaws, schlief unter dem Tisch, im Traum stellte sie offenbar einem sedierten Kaninchen nach und ihr Hinterlauf zuckte. Rücksichtsvoll, wie ich bin, unterließ ich es, auf die äußerlichen Ähnlichkeiten zwischen Miss Longfellow und der guten alten Twiggy hinzuweisen.

»Hat Hermione dir erzählt, dass O’Leary es mit Nemony im Lavendelschuppen getrieben hat?«, fragte Daisy.

»Hat sie.«

»Und warst du auch gebührend entrüstet?«

»Kann man so sagen. Sex und Aromatherapie gleichzeitig. Widerlich.«

Daisy grinste mich an, tauchte die Hand ins Mehl und bestäubte das Nudelholz. Schweigend arbeiteten wir eine Zeit lang vor uns hin, jede in ihrer eigenen Gedankenwelt.

Ich kenne die Fanshaws schon ewig, seit ich ihren einzigen Sohn Ben gerettet hatte, der nach einem Drogenexzess am Strand ins Koma gefallen war. Aus diesem wenig verheißungsvollen Anfang wurde eine tolle Freundschaft, und ich liebe diese Familie heiß und innig. Daisy betreibt die Farm und Dave eine Anwaltskanzlei in der Stadt. Außerdem ist er ein glückloser Schriftsteller, der sich wie Hemingway stylt. Sogar das Haar kämmt er sich über die Stirn und stutzt seinen grauen Bart à la Ernest.

Ben ist mittlerweile achtundzwanzig, wohnt seit Kurzem wieder zu Hause und schreibt ein Buch über seine Erfahrungen mit einer Sekte. Die Fanshaws sind mir gegenüber beschämend großzügig. Ich versuche es wettzumachen, indem ich Dave und Ben in ihren literarischen Ambitionen unterstütze und Daisy bei der Ernte helfe. Trotzdem bekomme ich viel mehr, als ich gebe, aber außer mir scheint das niemanden weiter zu stören.

Ich hielt mit meiner Arbeit inne und schaute auf. »In dreißig Jahren können sich Menschen ganz schön verändern. Vielleicht täuscht sich Miss Longfellow ja.«

»Männer verändern sich nicht so sehr«, bemerkte Daisy tiefsinnig. »Besonders, wenn sie gut aussehend sind.«

Ich dachte kurz darüber nach. Selbst wenn entscheidende Bereiche erschlaffen, bleibt einem Mann grundsätzlich sein gutes Aussehen erhalten. Wie unfair.

»Trotzdem ist es schwierig, jemanden auf einem Zeitungsfoto wiederzuerkennen.«

»Hermione ist zwar seltsam, aber keine Spinnerin«, versicherte mir Daisy. »Sie war absolut sicher, dass es O’Leary war.«

»Sie hatte irgendein besonderes Merkmal erwähnt, an dem sie ihn erkannt hätte. Hat sie was dazu gesagt?«

Daisy schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe mir das Foto auch gar nicht angesehen, ich war viel zu sehr damit beschäftigt, Hermione zu beruhigen. Und danach hat sie es mitgenommen.«

Bei der nächsten Schote ging ich ein wenig zu beherzt ans Werk, und die Bohne schoss quer über die Dielen. Twiggy kläffte, rappelte sich hoch und humpelte zu der Bohne hin. Sie schnüffelte daran, stupste sie mit der Schnauze umher und kroch dann ganz langsam wieder zurück auf ihren Platz unter dem Tisch. Ich hatte sofort Schuldgefühle.

»Wenn Hermione meint, es war O’Leary«, sagte Daisy nachdrücklich und gab Twiggy ein Stück Rindfleisch, »dann war er es auch. Du hättest sie mal erleben sollen, Scout. Sie war vollkommen außer sich.«

»Ja, okay, vielleicht. Aber Hermione hat selbst gesagt, dass sie O’Leary nur kurze Zeit kannte, und das ist schon lange her. Vielleicht irrt sie sich ja. Vielleicht sieht sie nicht mehr so gut wie früher. Vielleicht war ja auch Hermione diejenige, die ihm besonders nahestand, und Nemonys Heiratsgeschichte ist nur ein Ablenkungsmanöver.«

Daisy seufzte laut. Sie sah jetzt völlig genervt aus und bearbeitete den Teig mit roher Gewalt. Oh, oh. Jetzt hatte ich es zu weit getrieben. Ich hielt die Klappe und wartete ab.

Lange dauerte es nicht.

»Scout!«, mahnte Daisy streng und drohte mir mit dem Nudelholz. »Genau da, wo du jetzt sitzt, hat Hermione gesessen und Zimtäpfel in Zeitungspapier eingeschlagen. Plötzlich hat sie geschrien und ist wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen.«

Ich machte eine beschwichtigende Geste. »Tut mir leid, ich will dich doch nicht ärgern. Es ist eben alles ein bisschen schwammig. Die Beziehung zwischen O’Leary und Nemony hätte sie sich einfach ausgedacht haben können.«

»Herrgott noch mal, warum sollte sie das tun?«

»Weil sie mit ihm noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Vielleicht hat er ihr etwas angetan oder allen drei Schwestern. Überleg doch mal. Wenn an Hermiones Geschichte etwas dran ist und O’Leary das Leben ihrer Schwester ruiniert hat, dann …«

»... wäre sie die Letzte, die den Schweinehund wieder zum Leben erwecken und ihrer Schwester noch mehr Kummer machen wollte«, fiel Daisy mir ins Wort.

»Genau!«

Daisy wirkte zunächst ratlos, doch dann schien langsam der Groschen zu fallen. »Jetzt weiß ich endlich, was du meinst. Oh Mann, als Enthüllungsjournalistin wäre ich hoffnungslos.«

»Nach ein paar Jahren kämst du auch noch auf den Trichter«, sagte ich und Daisy schnippte mir verdientermaßen Mehl ins Gesicht.

»Bist du sauer, dass ich Hermione auf dich angesetzt habe?«, fragte sie besorgt.

»Überhaupt nicht. Ich will nur nichts übersehen.«

»Und suchst nach Gründen, deinen Urlaub zu retten?«

Ich lächelte ihr zu. »Das vielleicht auch.«

»Tee?«, fragte sie.

Ich nickte. Tee war unser offizieller Friedensstifter.

Daisy setzte den Kessel auf, bestrich die Pastete zum Abschluss noch mit Milch und schob sie in den Ofen.

»Wenn Hermione die Wahrheit sagt, dann hat sie sicher einen guten Grund zu beweisen, dass O’Leary noch am Leben ist, selbst wenn es ihre Schwester Nemony belasten würde.«

»Mir fällt keiner ein«, meinte ich. »Dir?«

Daisy schüttelte den Kopf. »Frag sie einfach morgen. Ich kenne Hermione Longfellow seit über zwanzig Jahren, und bei der gibt es immer einen Grund.«

»Sie hat behauptet, ihr wäret nicht befreundet.«

»Das hat sie gesagt?«

Ich biss mir auf die Lippe und nickte.

»Die alte Hexe!«, rief Daisy aus.

»Ihr tauscht Waren, hat sie gesagt.«

»Tun wir auch. Obst und Gemüse. Und ... und ... einmal hat sie mir auch was anderes gegeben. Gestern brachte sie die Bohnen, die du gerade putzt, Fenchel und Topinambur. Ich habe ihr Macadamia-Nüsse, Oliven und Zimtäpfel gegeben.«

»Und trotzdem seid ihr nicht befreundet?«

»Anscheinend nicht.«

»Kommt sie immer zu dir?«

»Ja, ich weiß gar nicht, wo sie wohnt. Irgendwo in den Bergen, glaube ich. Und bevor du fragst, ihre Schwestern kenne ich auch nicht.«

»Kommt dir das nicht seltsam vor?«

»Irgendwie schon. Ehrlich gesagt, habe ich nie weiter darüber nachgedacht. Ich habe mich einfach damit abgefunden, dass sie ... na ja ... anders ist.«

Der Kessel pfiff und Daisy häufte drei Teelöffel Orange-Pekoe-Blätter in eine weiße Porzellankanne, die garantiert nur bei meinen Besuchen zum Einsatz kommt. Auch wenn es eine schier unüberwindliche Aufgabe ist, versuche ich, die Welt wieder für die Wunder echten Tees zu begeistern. Jetzt mal im Ernst, Leute, Kaffee war gestern.

Daisy reichte mir eine Tasse Tee und räumte den Tisch frei. Ihre Bewegungen sind so effizient, dass es Spaß macht, ihr zuzuschauen. Mit Ende vierzig ist Daisy eher stylische Ökobraut als glamouröse Anwaltsgattin, obwohl sie bei Bedarf auch das sein kann. An ihr ist quasi alles praktisch: Sie ist klein, hat fachmännisch frisiertes aschblondes Haar, tadellos geschnittene, lässige Kleidung, kurze lackierte Fingernägel und einen Hauch knallroten Lippenstift. Im Daisyland hat alles seine Ordnung.

»Was war das andere, das dir Hermione gegeben hat?«

»Was?«

»Was war das andere, das dir Hermione gegeben hat?«

Daisy schaute neugierig in die Schale mit den fertigen Bohnen und kräuselte die Nase. »So viel Arbeit und so wenig Ausbeute.«

»Mhmm.« Aha, sie wollte also das Thema wechseln.

»Willst du zum Abendessen bleiben?«, fragte sie. »Du brauchst auch keine Bohnen zu essen.«

Aus dem Ofen duftete es verführerisch nach Pastete.

»Würde ich ja gerne«, sagte ich, »aber Harper kommt nachher zu mir.«

»Wie geht es ihr?«

»Nicht besonders. Hoffentlich erzählt sie mir heute endlich, was sie bedrückt.«

»Hängt doch bestimmt mit der Arbeit zusammen«, meinte Daisy trocken. »Keine Ahnung, wie Harper diesen Zirkus in der Schule aushält.«

Ich zuckte die Achseln. Mir war das selbst ein Rätsel.

»Was hat dir Hermione noch gegeben?«, bohrte ich.

Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, ging Daisy zur Hintertür und trällerte fröhlich: »Bleib, Twigs. Ich hole Scout noch rasch etwas Gemüse aus dem Garten.«

»Daisy?«, rief ich.

Grinsend drehte sie sich zu mir um und sagte: »Das geht dich gar nichts an. Trink deinen Tee und gib endlich Ruhe.«

4.

Es dämmerte schon, als ich auf dem Rückweg an einem meiner Lieblingsnachdenkorte anhielt, einer Bergkuppe mit Blick über Byron Bay.

Mir war klar, dass ich mich mit dem Longfellow-Fall von einem Problem ablenken wollte, das ich schon viel zu lang vor mir herschob und das so kompliziert war, dass ich insgeheim wünschte, ein Wikinger würde mit seinem Schiff am Strand landen und mich nach Norwegen verschleppen.

Na ja, vielleicht nicht gerade Norwegen.

Im Wesentlichen ging es darum, dass Toby Sawyer, bekannter Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters und seit zehn Jahren mein Lebensgefährte, in Kürze aus Afghanistan zurückkehren würde. Leider hatte es in der Zeit, in der Toby in fernen Kriegsgebieten unterwegs war, hier zu Hause einen kleinen Zwischenfall gegeben – ehrlich gesagt, sogar eine ganze Reihe von kleinen Zwischenfällen –, durch den das gut geölte Getriebe unserer Beziehung ins Stocken geraten war.

Gott sei Dank hatte Toby seine Mission in Übersee verlängert und mir damit noch etwas Aufschub gewährt, aber nun musste ich die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebrockt hatte.

Beim Aussteigen gelobte ich, nicht eher wieder ins Auto zu steigen, bis ich entschieden hatte, wie ich Toby die bedauerlichen kleinen Zwischenfälle beichten wollte. Jetzt war nicht der Moment, um stattdessen über das Leben nach dem Tod nachzugrübeln oder über die sehr reale Gefahr, dass ich immer mehr wie meine Mutter werde. Oder was das andere war, das Daisy von Hermione Longfellow erhalten hatte.

Unter mir lag das Getümmel aus Straßen und weit zurückliegenden Häusern, die den flachen Küstenstreifen rund um die Bucht säumten. In der Ferne zogen Seevögel ihre Kreise über Julian Rocks, und vom Festland sendete der Leuchtturm von Byron Bay seine Lichtsignale. Es heißt, wer im Paradies lebt, ist bald schon blind für seine Reize. Kann ich nicht bestätigen.

Ich schälte mir eine Mandarine und warf die Schalenstücke ins Gebüsch. Es war an der Zeit, sich Gedanken zu machen. Ich schob mir erst einmal ein Stück Mandarine in den Mund, denn schließlich soll man auch nichts übers Knie brechen. Dann analysierte ich einige historische und geografische Fakten.

Toby und ich waren seit zehn Jahren zusammen, wobei er die meiste Zeit als Korrespondent in Kriegsgebieten verbracht hatte, wo ich ihn nicht besuchen konnte. Selbst wenn Toby in Australien war, lebten wir nicht ständig zusammen; er hatte noch eine Wohnung in den Rocks, der Innenstadt von Sydney, wo er hin und wieder übernachtete. Ansonsten war er bei mir in Byron Bay.

Jetzt folgt der unangenehme Teil.

Vor ein paar Monaten war ich mit Rafe Kelly, einem Polizisten, im Bett gelandet und irgendwie war es mir seitdem nicht gelungen, die Sache zu beenden. Zu meiner Verteidigung sollte ich vielleicht sagen, dass Rafe einfach umwerfend aussieht, wobei das natürlich nicht gerade ein gutes Licht auf mich wirft.

Es wird noch schlimmer.

Toby und Rafe sind nämlich alte Schulfreunde. Natürlich wusste Rafe von meiner langjährigen Beziehung zu Toby, und soweit ich weiß, hatte Toby Rafe sogar gebeten, sich in seiner Abwesenheit um mich zu kümmern. Und wie er sich gekümmert hatte! Allein beim Gedanken daran bekam ich weiche Knie.

Zuerst hatte ich versucht, mich mit Spitzfindigkeiten herauszureden. Toby und ich waren nicht verheiratet und meine Beziehung mit Rafe also streng genommen kein Fremdgehen. Aber wem wollte ich was vormachen? Ich war Toby untreu, und das machte mir zu schaffen. Was mich allerdings nicht davon abhielt, weiter mit Rafe zu schlafen.

In Herzensangelegenheiten war ich nun wirklich keine Expertin, doch das war nicht meine Schuld. Mit insgesamt drei Liebhabern nahm sich meine Erfahrung in Liebesdingen bisher recht bescheiden aus. Der erste war Rob, mein Exmann und Vater meiner erwachsenen Zwillingstöchter Niska und Tasha. Der zweite Toby und dann Rafe. Das heißt, eigentlich gab es jetzt ja Toby und Rafe.

Noch einmal ganz von vorn. Als ich mich in Rob verliebte, war ich gerade mal achtzehn und Journalistikstudentin an der Uni. Im Handumdrehen war ich mit den Zwillingen schwanger, und wir »mussten« heiraten. Kurz nach meinem neunzehnten Geburtstag wurden unsere beiden wunderschönen Töchter geboren. Die Ehe hielt fünfzehn zumeist glückliche Jahre. Gott sei Dank haben wir uns nicht im Bösen getrennt, sondern bloß auseinandergelebt. Rob und ich sind immer noch Freunde, und er ist inzwischen wieder verheiratet.

Unsere Mädchen sind mittlerweile fünfundzwanzig und leben beide in Sydney. Tasha arbeitet als Ärztin im St. Vincent’s Hospital, und Niska ist zu meinem großen Stolz in meine Fußstapfen getreten und arbeitet als Journalistin für ein Männermagazin oder Jungsblatt, wie sie es nennt.

Ich lehnte mich an den Wagen und lenkte die Gedanken zurück zu der Sache mit Rafe und Toby. Ich benahm mich wie ein Flittchen und genoss es in vollen Zügen. Wie war ich da bloß reingeraten? Na ja, der Gedanke an Rafe erklärte es.

Dass Toby bei seiner Rückkehr nichts von unserem Fehltritt erfahren würde, glaubte ich keine Sekunde. Verschweigen war also keine Option, obwohl mir das am liebsten gewesen wäre.

Ich wog das Für und Wider ab, einen der beiden abzuservieren, als plötzlich ein kleiner Kombi mit quietschenden Reifen neben mir zum Stehen kam.

Im ersten Moment erschrak ich, doch dann erkannte ich Miles, den Küchenchef und Besitzer des Fandango, des Restaurants unter meiner Wohnung. Dass er schon fast siebzig ist, sieht man ihm absolut nicht an. Miles ist klein und rundlich, hat eine Glatze, olivfarbene Haut und wunderschöne braune Augen. Amüsiert sah ich zu, wie er sich aus dem Wagen kämpfte, was bei seinem Bauchumfang kein leichtes Unterfangen war.

»Alles okay?«, rief er und kam in seiner schwarz-weiß karierten Küchenhose auf mich zugeeilt. In der Hand hielt er ein gewaltiges grünes Überbrückungskabel.

»Ja«, sagte ich. »Trotzdem nett, dass du angehalten hast. Es gibt also doch noch Kavaliere.«

Mit den Händen schlug er sich auf den stattlichen Wanst und schnupperte. »Hier riecht es nach Mandarinen.«

»Die sind von Daisy. Willst du eine?«

Miles schüttelte den Kopf. »Wie geht es ihr?«

»Ganz gut. Ihr Onkologe hat Entwarnung gegeben.« Vor ein paar Jahren hatte Daisy für eine kurze Weile Brustkrebs gehabt. So kurz war es eigentlich gar nicht. Eher wie ein Marathonlauf mit Marschgepäck: erst zwei Runden Operationen, anschließend folgten Chemo- und Strahlentherapie und dann die unvermeidlichen Nachsorgeuntersuchungen, Rückschläge und emotionalen Achterbahnfahrten.

»Vielleicht fahre ich morgen raus nach Yab Noryb«, sagte Miles. »Bringe ihr ein paar New York Cheesecakes mit, die kann sie dann einfrieren. Im Tausch für Macadamianüsse.«

Wir schwiegen eine Weile, und ich spürte, wie Miles hin und her überlegte, ob er bleiben oder mich den Mördern ausliefern sollte, die er scharenweise hier im Gebüsch vermutete.

»Was dagegen, wenn ich bleibe?«, fragte er schließlich und lehnte sich neben mich an den Wagen.

»Nur zu. Ich komme oft her, um nachzudenken.«

»Und welche komplexen kosmischen Fragen wälzt du heute?«

»Männer«, räumte ich ein.

»Ach so, die!«

Miles wusste genau, wovon ich sprach. Seit meiner Affäre mit Rafe haben Miles und ich schon oft hinterm Haus auf der Treppe gesessen, die von meiner Veranda direkt zur Restaurantküche führt, und darüber geredet. Auf diesen Stufen sind schon viele weltbewegende Probleme gelöst worden.

Miles war der Meinung, dass ich nichts falsch gemacht hätte, denn schließlich war ich nicht mit Toby verheiratet, wir lebten nicht dauerhaft zusammen, hatten keine gemeinsamen Kinder, und ich war finanziell unabhängig. Doch ich wusste, dass ich in Miles’ Augen ohnehin nichts falsch machen konnte, und ich wusste auch, dass ihn das ganze Rafe/Toby-Szenario ohne Ende amüsierte.

Miles zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und blies Rauchringe in die Luft.

»Liebst du denn beide?«, fragte er.

Ich zuckte die Schultern. Wohlweislich hatte ich mir diese Frage bisher nicht gestellt. Meine Gefühle für Rafe waren überwiegend körperlicher Natur, da gab ich mich keinen Illusionen hin. Eine Art von Liebe, die Teil eines Gesamtpakets war, dessen Erkundung noch ausstand. Wohl eher Lust als Liebe.

Im Vergleich dazu hatte sich meine Beziehung zu Toby aus einer anfänglichen Verliebtheit und endlosem Sex zu einer angenehmen Partnerschaft entwickelt, die von einer gemeinsamen Geschichte, körperlicher Anziehungskraft und einer tiefen Freundschaft getragen wurde. Toby hatte viele gute Eigenschaften: Er sah gut aus und war mutig, aufregend und witzig. Und wenn ihm manchmal die Action fehlte und er unruhig und gereizt wurde, verstand ich auch das und hatte gelernt, mit seinen Launen umzugehen. Außerdem wusste ich, dass er bald wieder sein Leben in Übersee riskieren würde.

Um ehrlich zu sein, kamen Tobys lange Abwesenheiten meinem Unabhängigkeitsbedürfnis entgegen und vielleicht, ja vielleicht, war auch das der Grund, warum unsere Beziehung so lange gehalten hatte. Könnte es sein, dass die Anziehungskraft zwischen uns auf dem Reiz des immer wieder Neuen basierte, weil wir uns so selten sahen? Wollte ich jetzt einen Partner, der immer für mich da war? Sicher war ich mir nicht, aber fest stand, dass ich mich zum ersten Mal überhaupt nicht freute, Toby wiederzusehen.

Insgeheim fragte ich mich natürlich auch, ob ich mir mit der Affäre nicht einfach nur beweisen wollte, dass ich in meinem Alter noch das Zeug dazu hatte. Und in den Tiefen meines Unterbewusstseins fürchtete ich, dass meine Schwester dahinterkommen und es unseren Eltern erzählen könnte. Schon befremdlich, dass manche von uns ein Leben lang die Zustimmung ihrer Eltern brauchen.

»Wo ist Rafe?«, fragte Miles und unterbrach meine Überlegungen.

»In Sydney auf einer Fortbildung.«

»Und wie lange?«

»Drei Wochen.«

»Und wann kommt Toby?«

»Samstag!«

Erneut verfielen wir in Schweigen, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Kurze Zeit später holte Miles eine kleine Dose aus der Tasche, drückte die Zigarette darin aus und sagte: »Ich habe gehört, dass du mit einer von den Anemonen-Schwestern gesprochen hast.«

Auf die Gerüchteküche in der Kleinstadt war Verlass. Mit einem zynischen Lachen fragte ich: »Kennst du sie?«

»Nur vom Hörensagen.«

Ich wandte den Kopf und sah ihn an. »Hermione, die älteste der Schwestern, hat vielleicht einen interessanten Fall für mich. Morgen früh kommt sie vorbei, um die Einzelheiten zu besprechen.«

Miles verzog das Gesicht. »Ich werde dir einen Hexenkessel hochschicken.«

»Ha, ha, ha. Sag bloß, du glaubst an diesen ganzen Hokuspokus?«

»Nein, natürlich nicht, aber kein Rauch ohne Feuer«, entgegnete er ernst. »Vor ein paar Jahren wurde Hermione Longfellow auf dem Fußweg von einem Skateboarder umgefahren. Passanten haben gehört, wie sie ihn verflucht und geschrien hat, er würde seine gerechte Strafe schon bekommen. Zwei Tage später wurde der Junge auf dem Fahrrad von einem Auto erwischt, der Fahrer ist einfach abgehauen. Der Junge hat zwar überlebt, doch er hatte einen Schädelbruch, ein zertrümmertes Becken und war wochenlang im Krankenhaus. Der Fahrer wurde nie gefasst.«

»Echt?« Ich war ernsthaft schockiert und wunderte mich, dass Daisy kein Wort darüber verloren hatte. Zum Glück hatte ich Miss Longfellow nicht mit dem Einkaufswagen umgenietet.

»Echt«, bestätigte Miles und nickte nachdenklich. »Ab und zu begegne ich Hermione oder Nemony in der Stadt, aber die mittlere Schwester Amelia hat man schon seit Jahren nicht mehr gesehen.«

»Vielleicht hat sie ja Agoraphobie«, meinte ich.

»Oder sie ist längst tot und sitzt im Keller im Schaukelstuhl wie die Mutter in Psycho.«

Ich rümpfte die Nase. »Glauben die Leute das?«

Miles nickte und sah auf die Uhr. »Komm, wir fahren nach Hause und trinken einen auf der Treppe.«

»Geht nicht«, sage ich.

»Warum denn nicht?«

»Ich darf erst nach Hause, wenn ich eine Lösung für das Toby-Rafe-Problem gefunden habe.«

Verständnislos sieht er mich an. »Wer sagt das?«

»Ich.«

»Wovon sprichst du überhaupt?«

»Das ist eine Mädchensache, Miles. Das würdest du nicht verstehen.«

Unter heftigen Protesten gab Miles schließlich klein bei, quetschte sich zurück ins Auto und fuhr davon. Langsam krochen seine Rücklichter den Hügel hinunter, bis sie in der Dämmerung nur noch als ferne rote Punkte auszumachen waren. Dann sah ich mich nervös um. Zum ersten Mal bekam ich Angst so allein hier oben, obwohl mir alles vertraut war.

Eine Zeit lang versuchte ich noch, mich auf die Protagonisten meines komplizierten Liebeslebens zu konzentrieren, doch es hatte keinen Zweck. Die Luft war raus, und ich konnte nicht umhin, über das ominöse Ding zu spekulieren, das Hermione Daisy geschenkt hatte.

Außerdem würde Harper bald eintreffen.

Als dann noch die Fledermäuse gespenstisch über den mittlerweile dunklen Nachthimmel flogen, gab ich alle Hoffnung auf, mein Gelübde einzuhalten, stieg in den Avalon und fuhr den Hügel hinunter in die Stadt.

5.

Auf der Jonson Street musste ich scharf bremsen, als ein Pulk aufgetakelter Mädchen vor mir über die Straße lief. Die eine hielt eine Sektflasche in der Hand und blieb mitten auf der Fahrbahn stehen, um sich die hohen Schuhe auszuziehen. Entschuldigend grinste sie mich an, schwenkte die Schuhe in der einen, die Flasche in der anderen Hand und rannte dann ihren Freundinnen hinterher.

Von der Jonson Street bog ich in eine schmale Gasse ein und parkte hinter dem zweistöckigen Backsteinhaus, in dem sich Miles’ Restaurant und meine Wohnung befinden. In unserer Nachbarschaft herrschte ein wildes architektonisches Sammelsurium aus hundert Jahre alten historischen Bauten und renovierten Gebäudeteilen, das einen ganz eigenen Charme hatte.

Erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass bei mir oben Licht brannte. Ich sah mich um und entdeckte den Subaru meiner Schwester, der die Einfahrt der Nachbarn blockierte. Also war Harper früher gekommen. Sonst nahm sie es mit der Pünktlichkeit nicht so genau, aber dafür hielt sie sich immer strikt an jedwede Regeln. Dass sie so zeitig gekommen war und so schlampig geparkt hatte, ließ daher nichts Gutes erahnen.

Aus der offenen Küchentür des Fandango drangen Licht und exotische Düfte. Ich balancierte Daisys Gemüsekiste auf einem Knie und schloss den Wagen ab.

Miles tauchte in der Küchentür auf und trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch. »Ah, gut, dass du kommst. Harper ist schon eine ganze Weile hier.« Sein Blick fiel auf die Kiste, doch ich schüttelte den Kopf.

»Ist nicht schwer«, gab ich vor und sofort wog das Teil eine Tonne.

Bevor ich die letzte Stufe erreichte, öffnete Harper die Verandapforte.

»Gutes Timing«, sagte ich, huschte an ihr vorbei und lud die Kiste auf den riesigen Holztisch auf der Veranda ab. Lächelnd drehte ich mich zu ihr herum und schüttelte die Hände aus, die ganz abgestorben waren.

Miau Zedong kam auf die Veranda gelaufen, sprang auf meinen Arm und hieß mich willkommen, indem er sein Köpfchen laut schnurrend an meinem Kinn rieb. Nach der Begrüßungszeremonie wollte er sofort wieder heruntergelassen werden.

Harper und ich umarmten uns, und ich hielt sie auf Armeslänge, um sie anzusehen. Sie trug eine dunkelgrüne Baumwollhose und einen graugrünen Baumwollpulli, doch die fesche Kleidung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie furchtbar aussah. Die dunklen Ringe unter ihren müden Augen zeugten von einer ganzen Reihe schlafloser Nächte, und ihr schwarzes Haar hing glanzlos herunter wie eine schlappe Gardine.

»Toll siehst du aus«, sagte ich voller Enthusiasmus.

»Ich sehe scheiße aus«, blaffte sie.

Ohne auf ihren pampigen Ton einzugehen, fragte ich: »Ich muss noch den Wagen parken, kommst du mit?« Wenn ich den unten vor der Tür stehen ließ, würde ich einen Strafzettel kassieren.

»Okay.«

»Willst du mir hinterherfahren und deinen Wagen auch richtig parken?«, fragte ich.

»Nein!«

Miau Zedong beobachtete durch die Zaunlatten, wie wir die Treppen hinuntergingen und in meinen Wagen stiegen. Als wir losfuhren, deutete Harper auf die vier Einzelgaragen gegenüber von unserem Haus. Die eine am Ende gehört mir.

»Vermietest du die Garage immer noch an Dave Fanshaw, obwohl dir der Wagen letztens gestohlen wurde?« Harper meinte meine Abmachung mit Dave, der meine Garage tagsüber für sein Mercedes Cabrio nutzte.

»Ja.«

»Wie viel zahlt er dir?«

»Genug«, sagte ich.

»Also überlässt du sie ihm für einen Apfel und ein Ei.«

»Er ist ein guter Freund«, verteidigte ich mich. »Und dafür bekomme ich umsonst Rechtsbeistand. Damit habe ich im Laufe der Jahre schon viel Geld gespart.«

»Ich wette, von der Miete kannst du noch nicht mal Zulassung und Versicherung zahlen.«

»Doch und Öl- und Filterwechsel auch noch.« Wahrscheinlich mussten wir noch jede Menge belangloses Zeug durchkauen, bevor wir endlich auf ihren Job zu sprechen kamen, der bestimmt der Grund für ihre miese Laune war. Sie sollte einfach kündigen, das hatte ich ihr schon hundertmal gesagt, aber damit stieß ich bei ihr auf taube Ohren.

Von außen betrachtet scheint Harper ein glückliches Leben zu führen. Sie ist seit fünfundzwanzig Jahren mit Andrew Blaine-Richardson verheiratet, einem renommierten Chirurgen. Sie leben mit dreien ihrer vier Söhne in einem ganz bescheidenen kleinen Schloss in Robina, einem gut betuchten Vorort in Queensland, etwa eine Autostunde nördlich von Byron Bay.

Ihr ältester Sohn Max ist zweiundzwanzig und arbeitet in Sydney als Apotheker. Zu Hause wohnen noch Sam, einundzwanzig, der Maschinenbau studiert; Jack, neunzehn, der tagsüber eine Klempnerlehre macht und nachts als Stand-up-Comedian unterwegs ist; und zu guter Letzt der süße Fergus, der mit seinen sieben Jahren viel lieber in Sea World leben würde. Zur Männerfraktion kommt noch der Familienhund Angus hinzu, ein außer Rand und Band geratener Labradoodle.

Harper ist zwei Jahre älter als ich und nach der Schriftstellerin Harper Lee benannt. Wer die Nachtigall stört ist das Lieblingsbuch meiner Mutter und wäre ich ein Junge geworden, hätte man mir mit Garantie den Namen Atticus verpasst. Zu meinem großen Glück bin ich mit Wasserklosett und dem Namen der sechsjährigen Erzählerin davongekommen.

Kurz darauf bog ich auf den Bahnhofsparkplatz und fuhr geschickt rückwärts in eine Lücke zwischen zwei Wohnmobilen. Zwei junge Männer lehnten Corona trinkend an einem der Wagen. »’N Abend, die Damen. Gut eingeparkt, Respekt«, sagte einer.

Ich quittierte seinen Kommentar mit einem Nicken und sagte: »Das Top-Gear-Team lässt grüßen.« Ich nahm Harper beim Arm und bugsierte sie vom Parkplatz.

»Warum hast du so ein dämliches Zeug erzählt?«, giftete sie.

Die hatte vielleicht eine Laune. Dabei wollte ich sie doch bloß zum Lachen bringen, selbst mit einem Kichern wäre ich schon zufrieden. »Würdest du dich vielleicht an meinem Auto vergehen, wenn du wüsstest, dass ich bei Top Gear mitmache? Und Sting kenne?«

»Stig heißt der, du Doofe«, knurrte sie.

Und damit segnete ein weiterer meiner begnadeten Witze das Zeitliche. Ich musste dringend mit meinem Neffen Jack an meinem Programm arbeiten.

Auf dem Rückweg schwiegen wir betreten, und ich verspürte den brennenden Wunsch, das Leben meiner Schwester wieder geradezubiegen. Das oder ihr eins auf die Nase zu geben – ich konnte mich nicht entscheiden.

Statt wieder von hinten über die Gasse zu kommen, blieben wir auf der Jonson Street. Unten schloss ich die Haustür auf, die neben dem Fenster des Fandango leicht zu übersehen ist. Harper folgte mir die Treppe hinauf.

Miau Zedong erwartete mich tänzelnd auf der obersten Stufe und das Begrüßungsprozedere ging von Neuem los. Entweder hat der Kater ein Problem mit dem Kurzzeitgedächtnis, oder er lebt nur dafür, mich zu Hause in Empfang zu nehmen. Mir machten die ständigen Begrüßungen nichts aus. Ich komme gerne zu ihm nach Hause, er hat nichts gegen Essen aus der Dose, und ich muss ihm keine Hemden bügeln. Ist doch perfekt, oder?

Harper traktierte in der Küche den Salat, während ich im Bad meinen Blutzucker maß, bevor ich meine abendliche Insulindosis spritzte. Ich bin mit Typ-I-Diabetes auf die Welt gekommen, das heißt, mein Körper kann selbst kein Insulin herstellen. Also muss ich mir zwei- bis dreimal täglich Spritzen setzen. Ich will jetzt nicht dramatisch klingen, aber das Insulin ist für mich überlebenswichtig.

Um gesund zu bleiben, achte ich darauf, dass mein Blutzuckerspiegel nicht allzu sehr schwankt und im Normalbereich bleibt. Bei einem zu hohen Wert besteht die Gefahr, dass ich ins Koma falle, bei einem zu niedrigen Wert auch. Aber keine Sorge, ich bin schon ein alter Hase, was den Diabetes angeht. Ich kontrolliere meinen Wert mehrmals am Tag und meistens ist er stabil, weil ich vernünftig esse und regelmäßig Sport treibe. In Maßen kann ich sogar Alkohol trinken, solange ich meine Werte im Auge behalte.

In der Küche öffnete ich eine Flasche Rotwein und schenkte zwei Gläser ein, mit denen wir nach draußen auf die Veranda gingen. Harper trank still vor sich hin, während ich Auberginenscheiben und Pilze aus Daisys Garten grillte. Miau Zedong schritt hoheitsvoll über die Veranda, sprang auf seinen Korbsessel, drehte sich dreimal im Kreis und legte sich zum Schlafen nieder.

Harper ist Vegetarierin, und es gab frittiertes Gemüse mit Pesto, dazu Salat aus Daisys Garten mit Rucola und Spinat, Fladenbrot und Hummus mit Koriander. Ich gebe mir immer große Mühe, meiner Schwester ein vegetarisches Essen vorzusetzen, doch als Fleischfresserin ärgert es mich, dass sie mir bei sich zu Hause nie mal ein saftiges Steak brät. Sie musste ja nicht wissen, dass Miles das frittierte Gemüse und das Pesto gemacht hatte. Und okay, den Hummus auch.

Wir aßen in der Küche. Also ich aß, Harper nicht. Lustlos schob sie das Gemüse auf dem Teller hin und her. Am Wein zumindest schien sie aber Gefallen gefunden zu haben.

Um sie aufzuheitern, erzählte ich ihr von meiner Begegnung mit Hermione Longfellow. Als ich bei den Sexspielen im Lavendelschuppen angekommen war, rechnete ich mit einem gemeinsamen schwesterlichen Lachanfall.

Doch stattdessen funkelte Harper mich bitterböse an. »Was, bitte schön, ist denn so witzig an einer Affäre?«, fauchte sie. In einem Zug trank sie das Glas leer und schenkte sich nach. Unsanft stellte sie die Weinflasche zurück auf den Tisch. Klonk!

Oh nein! Sie kann doch unmöglich von Rafe erfahren haben, oder? Aus Selbstschutz hielt ich den Mund und aß still auf.

Wortlos räumten wir den Tisch ab und verfielen in unsere uralte Routine aus Kindertagen: Harper spülte, während ich abtrocknete. Irgendwie fand ich diesen häuslichen Ablauf beruhigend. Meistens nervte es aber, denn wir wuschen ja nur deshalb mit der Hand ab, weil ich keine Spülmaschine besaß.

In meiner Rumpelkammer von einem Wohnzimmer ließ Harper dann schließlich die Bombe platzen. Sie lag auf dem unförmigen Ledersofa, die Füße auf einer persischen Satteltasche, und ich auf einem pakistanischen Bokhara-Teppich auf dem Boden, den Kopf auf dem Buch der Vogelwelt Australiens von Reader’s Digest. Miau Zedong lag auf mir, schließlich war es sein Buch.

Harper trank Portwein, und ich versuchte, im Liegen Prince-of-Wales-Tee zu trinken.

»Scout«, sagte sie.

»Ja?« Ich machte mich auf eine Standpauke gefasst.

»Ich habe Andrew gefragt, warum er in letzter Zeit so viel weggeht, und er meinte, er ginge nun mal gerne weg, und es sei nicht normal, wenn die eigene Frau immer so müde und gereizt ist, dass sie keine Lust mehr hat, mit ihrem Mann was zu unternehmen.«

Damit hatte ich ja nun überhaupt nicht gerechnet. Das sah Andrew gar nicht ähnlich. Aber dann fiel mir ein, dass Harper in letzter Zeit tatsächlich oft müde und gereizt war und dass Andrew vielleicht die Nase voll davon hatte. Ich war vor allem ganz froh, dass Harper nichts von Rafe erwähnte.

Harper weinte leise. Sie war doch immer so stolz darauf gewesen, eine gute und liebevolle Ehefrau und Mutter und eine erfolgreiche Lehrerin zu sein. Andrews Bemerkung hatte sie sicher tief getroffen. Auch wenn ich meinem Schwager insgeheim zustimmte, was Harpers Gemütszustand anging, war jetzt wohl nicht der richtige Moment, dies zu äußern.

»Harps«, sagte ich sanft. »Du hast einen Vollzeitjob, ein riesiges Haus, vier Jungs und einen verrückten Hund. Und das machst du alles ganz großartig. Wann hat denn Andrew das letzte Mal die Wäsche gemacht, Fergus zum Fußball gefahren oder sich ums Essen gekümmert?«

Laut schniefend sagte sie: »Dafür ist er sich zu schade.« Inzwischen lallte sie schon etwas.

»Andrew kann dich mal«, schimpfte ich.

»Das ist ja das Problem«, jammerte sie. »Das besorgt schon eine andere.«

6.

Reglos lag ich da, den Schock musste ich erst einmal verdauen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Andrew wirklich eine Affäre hatte. Wahrscheinlicher erschien mir, dass meine Schwester in ihrem Portweinrausch in die unterste Schublade griff, um sich für seine fiese Bemerkung zu rächen.

Harper setzte sich auf, putzte sich die Nase und sah mich mit rot geweinten Augen an. »Nur dass du es weißt. Ich bin ganz sicher, dass Andrew sich mit jemandem trifft.«

Ich schob Miau Zedong von meinem Bauch. »Aber woher willst du das wissen?«

Mit einem Taschentuch trocknete sie sich die Augen und zerknüllte es. »Jack hat sie zusammen gesehen«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Er war unterwegs zu einem Auftritt in Southport und wollte vorher noch rasch einen Kumpel im Marina Mirage abholen. Als er am Versace Hotel vorbeifuhr, sah er seinen Vater aus dem Hotel kommen, Arm in Arm mit einer jungen Frau. Tussi, hat Jack gesagt.«

Ich atmete hörbar aus. Dass es dafür auch eine ganz harmlose Erklärung geben konnte, hatte Harper offenbar nicht bedacht. So wie ich die Sache einschätzte, sollte ich das erst anbringen, wenn sie ruhiger war. Und nüchtern.

Harper kippte ihr Glas in einem Zug herunter und atmete ein paarmal tief ein. Sie klang nun etwas fester, aber tief verzweifelt. »Jack hat mir erzählt, was er gesehen hat, dann hat er es Sam erzählt. Andrew haben sie noch nicht darauf angesprochen, und ich habe sie auch gebeten, es zu lassen.«

Ich setzte mich neben Harper aufs Sofa und nahm ihre Hand, inklusive des feuchten Taschentuchs.

»Andrew hat Jack nicht bemerkt?«, fragte ich ruhig.

Harper schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Hast du Andrew zur Rede gestellt?«

Wieder schüttelte sie den Kopf. Zornig wischte sie sich eine widerspenstige Träne mit dem Handrücken fort. »Als er mir die Sache mit der müden und gereizten Ehefrau vorgehalten hat, haben wir uns tierisch gestritten. Er hat sich aufgeführt wie ein Paartherapeut. Ich wusste gleich, dass er damit nur sein Fremdgehen rechtfertigen wollte.«

»Und du hast ihn trotzdem nicht darauf angesprochen?«

»Nein, und das werde ich auch erst, wenn ich einen Plan habe. Und die Jungs will ich da heraushalten.« Sie zuckte die Schultern. »Andrew würde es sowieso abstreiten.«

»Vielleicht gibt es ja auch noch eine andere Erklärung dafür«, sagte ich vorsichtig.

Harper warf mir einen bösen Blick zu.

Ich hätte tatsächlich warten sollen, bis sie nüchtern war.

Da mir nichts Schlaues mehr einfiel, umarmte ich sie und zog sie zu mir heran. Harper legte den Kopf an meine Schulter, und eine Weile saßen wir einfach nur so da. Irgendwann schlief sie ein. Ich nahm vorsichtig den Arm weg, hob ihre Beine auf die Couch und deckte sie zu. Dann ging ich hinaus, um ihren Wagen am Bahnhof abzustellen, und betete zu den Parkplatzschutzengeln, dass er am Morgen noch da sein würde.

Zurück zu Hause rief ich Andrew an, um ihm zu sagen, dass Harper über Nacht hierbleiben würde. Da ich die Sache mit der Affäre noch nicht so ganz glaubte, bezeichnete ich ihn erst mal nicht als arschgesichtigen Mistkerl. Aus Rache dafür, dass er meiner Schwester wehgetan hatte, erzählte ich ihm aber, dass Harper geübt hätte, wie eine gute Ehefrau auszugehen, und jetzt zu müde sei, um nach Hause zu fahren.

»Verdammt, Scout, wer soll denn dann Fergus morgen in die Schule bringen?«, dröhnte seine tiefe Stimme durch den Hörer. Wahrscheinlich war er sauer, dass Harper sich mir anvertraut hatte. »Ich habe ganz früh eine OP, und Sam ist nicht hier.«

Normalerweise setzt Harper Fergus auf dem Weg zur Arbeit an der Schule ab. Manchmal bringt ihn auch Sam, bevor er weiter nach Southport zur Uni fährt.

»Das schaffst du schon«, entgegnete ich eisig.

In der langen Stille, die darauf folgte, stellte ich mir vor, wie der große, starke und sehr männliche Andrew in seiner Küche auf einem Barhocker kauerte, das wütende Gesicht von dunklen Locken gerahmt.

»Das muss ich wohl«, sagte er schließlich.

»Sehe ich auch so.« Und damit legte ich auf.

Solche Spannungen hatte es zwischen uns noch nie gegeben. In all den Jahren, in denen wir uns kannten, war nie ein böses Wort gefallen. Und jetzt hatte er nicht einmal gefragt, wie es mir ging, aber ich ihn ja auch nicht. Eigentlich hoffte ich, dass es ihm gar nicht gut ging. Ebolafieber. Typhus. Nichts Harmloses.

Um Mitternacht rief Toby an. Ich lag schon mit einem Buch im Bett und ging ran, damit Harper vom Klingeln nicht geweckt wurde.

Vorhin war sie schon einmal wach geworden und hatte daraufhin gleich ein weiteres Glas Portwein gekippt. Mit aufgefrischtem Pegel war dann plötzlich auch ich der Feind gewesen, und nachdem sie mir vorgeworfen hatte, ihr zu Schulzeiten ihr Abba-Federmäppchen gestohlen zu haben, hatte sie sich im Badezimmer übergeben und dann im Zimmer der Zwillinge eingeschlossen, wo sie sich in den Schlaf geweint hatte.

Miau Zedong, der friedlich neben mir gedöst hatte, hob den Kopf und starrte verständnislos auf den Hörer. Er gab ein vorwurfsvolles Maunzen von sich, zuckte mit den Ohren und legte sich wieder hin. Für heute hatte er genug Drama erlebt.

»Wo bist du?«, fragte ich Toby und versuchte, erfreut zu klingen. Im Hintergrund war laute Musik und Gelächter zu hören.

»In Frankfurt. Ich sitze hier gerade mit Freunden beim Essen. Barney und Sonya. Sonya ist eine echte Schönheit. Und schlau.«

Die schöne Sonya saß garantiert in Hörweite, und ich malte mir aus, wie Toby ihr beim Sprechen zuzwinkerte. In gemischter Gesellschaft war er ein begnadeter Charmeur, besonders wenn er ein paar Drinks intus hatte. Irgendwie ärgerte ich mich über diese Bemerkung, aber vielleicht suchte ich auch nur etwas, um mich aufregen zu können.

»Wann kommst du nach … Byron Bay?« Beinahe hätte ich »nach Hause« gesagt, doch ich konnte mich gerade noch bremsen.

»Samstagnachmittag. Wir fliegen bis Brisbane. Dort miete ich einen Wagen, gegen vier sollte ich in Byron sein.«

Auf einmal bekam ich es mit der Angst zu tun, ich biss mir auf die Lippe. Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte, also schwieg ich.

»Bist du noch da?«, brüllte er.

»Jaaa. Es hallt so in der Leitung«, schwindelte ich und hoffte, es würde als Erklärung für meine Distanziertheit reichen. »Wer ist ›wir‹?«

»Barney und Sonya kommen mit. Sie haben sich ein Zimmer im Sonnets gemietet und machen in Byron eine Woche Urlaub.«

»Wie schön«, sagte ich.

»Sonya hat noch nie einen Wal gesehen.«

»Ich versuche, was zu organisieren.«

»Sonya ist toll. Du wirst sie mögen, alle mögen sie.«

»Prima.«

»Stör ich dich gerade?«

»Sorry, Toby, aber ich bin einfach müde.« Wenigstens das entsprach der Wahrheit.

»Bis Samstag«, sang er lautstark und als wir uns verabschiedeten, erklang glockenhelles Mädchenlachen im Hintergrund.

Mhmm. Nachdem ich aufgelegt hatte, kam Miau Zedong zu mir auf den Schoß gekrabbelt, miaute und stupste mich mit der Nase an. Sanft streichelte ich ihm über das Köpfchen. Katzen haben ein Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmt.

Ich seufzte tief und äffte Sonyas Lache nach.

Weder Harper noch ich schliefen gut. Um zwei Uhr morgens wurde ich von ihrem Schluchzen geweckt. Mit Wasser und schwesterlicher Fürsorge bewaffnet setzte ich mich zu ihr und hielt ihre Hand. Als sie endlich eingeschlafen war, quetschte ich mich neben sie auf das Bett und war sofort weg.

Um acht wurde ich ein zweites Mal wach, weil Harpers Nase vom Weinen zu war und sie wie ein Nashorn schnarchte. Ich schlich ins Badezimmer, Miau Zedong, der die ganze Nacht in meinem Bett gewacht hatte, kam hinterhergetappt. Nachdem wir uns ein Guten-Morgen-Küsschen gegeben hatten, putzte er sich die Pfötchen auf der Badezimmermatte, während ich mit Diabetes-Teststreifen, Tupfer und Spritze hantierte.

Nächster Halt war die Küche, wo ich einen Toast mit Avocado aß und Tee für mich und den Kater machte. Er trinkt seinen mit Milch und Zucker, aber ohne Umrühren, er möchte den Zucker am Ende aus der Schale lecken.

Nachdem ich mir einen Tee eingeschenkt hatte, stellte ich Miau Zedongs Schale auf den Boden und setzte mich daneben. Gegen den Kühlschrank gelehnt überlegte ich, ob ich Miss Longfellow anrufen und das Treffen heute verschieben sollte. Da fiel mir plötzlich ein, dass ich vergessen hatte, mir ihre Nummer geben zu lassen. Hoffentlich würde Harper nicht ausgerechnet mitten im Treffen einen hysterischen Anfall bekommen.

Ich ließ den Kater mit dem Tee in der Küche zurück und steckte den Kopf kurz ins Zimmer der Zwillinge. Harper schlief noch, also schloss ich leise die Tür und ging ins Arbeitszimmer.

Ich saß keine zehn Sekunden am Schreibtisch, da sprang Miau Zedong neben mir auf seinen Windsor-Stuhl, bereit für das Diktat. In meinem Journalistenbetrieb ist er zweiter Chef vom Dienst und heute Morgen trug er ein hübsches rotes Halsband mit blauen Glitzersteinen. Mir ist es wichtig, dass Mitarbeiter auch optisch einen professionellen Eindruck machen, obwohl ich als Chefin noch in meinen Schlafanzughosen von Target dasaß.

Als Erstes rief ich bei Harpers Schule an und sprach mit Julia aus dem Sekretariat. Wir tauschten die üblichen Nettigkeiten aus ... wie geht es Ihnen ... schön von Ihnen zu hören ... und dann erzählte ich, dass Harper sich nicht wohlfühle und heute zu Hause bliebe.

Anschließend sah ich aus dem Fenster.