Ein ungezähmtes Leben - Jeannette Walls - E-Book
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Beschreibung

»Hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten!« Das ist der Rat, den Lily Casey von ihrem Vater mit auf den Weg bekommt. Fesselnd erzählt Walls die Lebensgeschichte ihrer Großmutter, einer starken, eigensinnigen Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts den »Wilden Westen« unsicher machte. Schon in jungen Jahren ist Lily die tragende Säule in der Familie Casey. Sie reitet Pferde zu, tritt bei Gericht auf, spielt Poker wie der Teufel und organisiert tatkräftig die Arbeit auf der Farm. Trotzdem ist das Mädchen überglücklich, als es zur Schule darf. Ein Vergnügen von kurzer Dauer, denn statt das Schulgeld zu entrichten, hat der Vater zwei sündhaft teure Rassehunde erstanden. Lily ist fest entschlossen, die elterliche Farm hinter sich zu lassen. Mit gerade mal fünfzehn Jahren tritt sie die lange Reise quer durch die Prärie zu ihrer ersten Lehrerinnenstelle an. Unbeirrt von zahlreichen Schicksalsschlägen, schafft sie es, mit Willenstärke und gesundem Menschenverstand ihren eigenen Weg zu gehen.

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Seitenzahl:0


Jeanette Walls

Ein ungezähmtes Leben

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Hoffmann und Campe

Lily Casey Smith, Ashfork, Arizona, 1934

Dieses Buch ist allen Lehrern gewidmet, vor allem Rose Mary Walls, Phyllis Owens und Esther Fuchs, und in Erinnerung an Jeannette Bivens und Lily Casey Smith.

Der große Nordwind war es, der die Wikinger erschuf.

Altes norwegisches Sprichwort

1Salt Draw

Die KC Ranch am Rio Hondo

Die alten Kühe wussten früher als wir, dass Gefahr in der Luft lag.

Es war ein später Augustnachmittag, die Luft heiß und schwül wie meistens in der Regenzeit. Früher am Tag hatten wir über den Burnt Spring Hills Gewitterwolken gesehen, aber die waren nach Norden abgezogen. Ich hatte meine Arbeiten für den Tag größtenteils erledigt und ging mit meinem Bruder Buster und meiner Schwester Helen runter zur Weide, um die Kühe zum Melken zu holen. Aber als wir dort ankamen, wirkten die Mädels äußerst beunruhigt. Anstatt sich, wie sonst zur Melkzeit, am Gatter zu drängen, standen sie steifbeinig und geradschwänzig da, warfen nervös die Köpfe hin und her und lauschten.

Buster und Helen schauten zu mir hoch, woraufhin ich mich wortlos hinkniete und ein Ohr auf die festgetrampelte Erde legte. Da war ein Grollen, so leise und tief, dass es eher zu spüren als zu hören war. Und plötzlich wusste ich, was die Kühe wussten – der Fluss trat rasend schnell über die Ufer.

Als ich mich aufrichtete, rannten die Kühe davon, auf den südlichen Zaun zu, und als sie den Stacheldraht erreichten, sprangen sie drüber – höher und glatter, als ich je eine Kuh hatte springen sehen –, und dann donnerten sie davon, höherem Gelände entgegen.

Ich fand, dass auch wir uns lieber aus dem Staub machen sollten, also fasste ich Helen und Buster an der Hand. Inzwischen spürte ich den Boden unter meinen Schuhen beben. Ich sah, wie das Wasser den niedrigsten Teil der Weide überflutete, und wusste, dass wir es nicht mehr rechtzeitig auf höheres Gelände schaffen würden. In der Mitte der Wiese stand eine knorrige alte Pappel mit ausladenden Ästen, und auf die rannten wir zu.

Helen strauchelte, wir nahmen sie in die Mitte, hoben sie hoch und trugen sie im Laufschritt zwischen uns. An der Pappel angekommen, schob ich Buster auf den untersten Ast, und er zog Helen zu sich auf den Baum. Ich kletterte hinterher und hatte kaum die Arme um Helen geschlungen, als auch schon eine fast zwei Meter hohe Wasserwand, die Steine und Äste vor sich herschob, gegen die Pappel krachte und über uns drei hinwegbrandete. Der Baum erbebte und neigte sich so weit zur Seite, dass man das Holz knacken hörte und einige niedrige Zweige abgerissen wurden. Ich hatte Angst, die Pappel könnte entwurzelt werden, doch sie hielt stand und wir ebenso. Wir klammerten uns aneinander fest, während unter uns ein gewaltiger Strom aus karamellfarbenem Wasser, voll mit Holz und vereinzelten patschnassen Taschenratten und ineinander verknäuelten Schlangen, vorbeirauschte, sich in den Niederungen ausbreitete und seinen Pegel suchte.

 

Wir schauten zu und saßen gut eine Stunde reglos in der Pappel. Die Sonne ging hinter den Burnt Spring Hills unter, färbte die hohen Wolken purpurrot und warf lange Schatten gen Osten. Das Wasser strömte noch immer unter uns, und Helen sagte, ihre Arme würden müde. Sie war erst sieben und hatte Angst, sich nicht mehr lange festhalten zu können.

Buster, der neun war, hockte oben in der größten Astgabel des Baumes. Ich war mit zehn die Älteste und übernahm das Kommando, indem ich Buster sagte, er solle mit Helen die Plätze tauschen, damit sie aufrecht sitzen konnte und sich nicht so mühsam festklammern musste. Kurz darauf wurde es dunkel, aber ein heller Mond ging auf, und wir konnten einigermaßen gut sehen. Von Zeit zu Zeit tauschten wir untereinander die Plätze, damit keiner seine Arme überanstrengte. Die Rinde scheuerte meine Beine auf und auch Helens, und als wir pinkeln mussten, blieb uns nichts anderes übrig, als in die Hose zu machen. Die Nacht war schon halb um, als Helens Stimme schwächer wurde.

»Ich kann nicht mehr«, sagte sie.

»Doch, du kannst noch«, erwiderte ich. »Du kannst noch, weil du musst.« Wir würden es schaffen, erklärte ich ihnen. Ich wusste, wir würden es schaffen, weil ich es im Geist vor mir sah. Ich sah, wie wir am nächsten Morgen den Hügel zum Haus hochgingen, und ich sah, wie Mom und Dad herausgerannt kamen. So würde es sein – aber es lag an mir, dafür zu sorgen.

Damit Helen und Buster nicht einschliefen und aus der Pappel fielen, verdonnerte ich sie dazu, das Einmaleins aufzusagen. Als wir damit durch waren, fragte ich sie die Präsidenten der USA und die Hauptstädte der einzelnen Staaten ab, dann Wortdefinitionen, Reimwörter und alles, was mir sonst noch so einfiel. Wenn ihre Stimmen versagten, schnauzte ich sie an, und so hielt ich Helen und Buster die ganze Nacht lang wach.

 

Im Morgengrauen konnten wir sehen, dass die Weide noch immer überschwemmt war. An anderen Orten floss das Wasser nach ein paar Stunden ab, doch hier in der Flussniederung hielt es sich manchmal tagelang. Aber es strömte nicht mehr und versickerte allmählich in Erdlöchern und Senken.

»Wir haben es geschafft«, sagte ich.

Ich befand, dass wir gefahrlos durchs Wasser waten könnten, und so kletterten wir von der Pappel. Wir konnten uns kaum bewegen, so steif waren wir vom nächtlichen Festklammern, und unsere Schuhe versanken im Schlamm, aber als die Sonne aufging, erreichten wir trockenen Boden und stapften den Hügel zum Haus hoch, genau wie ich es vorhergesehen hatte.

Dad war auf der Veranda, wo er mit seinem holprigen Gang, an dem sein verkrüppeltes Bein schuld war, auf und ab lief. Als er uns erblickte, stieß er einen Freudenschrei aus und humpelte hastig die Stufen hinunter auf uns zu. Mom kam aus dem Haus gestürzt. Sie sank auf die Knie, faltete die Hände und fing an, zum Himmel zu beten und dem Herrn zu danken, dass er ihre Kinder aus der Flut errettet hatte.

Sie habe uns gerettet, erklärte sie, weil sie die ganze Nacht hindurch gebetet habe. »Kniet nieder und dankt eurem Schutzengel«, sagte sie. »Und mir müsst ihr auch danken.«

Helen und Buster knieten sich hin und begannen, mit Mom zu beten, aber ich blieb einfach stehen und starrte sie an. Aus meiner Sicht war ich es gewesen, die uns alle gerettet hatte, nicht Mom und auch nicht irgendein Schutzengel. Außer uns dreien war da oben in der Pappel keiner gewesen. Dad trat neben mich und legte den Arm um meine Schultern.

»Da war kein Schutzengel, Dad«, sagte ich. Ich schilderte ihm, wie ich uns rechtzeitig auf den Baum gerettet hatte, wie ich auf die Idee gekommen war, die Plätze zu tauschen, wenn unsere Arme müde wurden, und wie ich Buster und Helen die ganze Nacht über mit Fragen wach gehalten hatte.

Dad drückte meine Schulter. »Tja, Schätzchen«, sagte er, »dann warst vielleicht du der Engel.«

Wir hatten einen Hof am Salt Draw River, der in den Pecos River mündete, im hügeligen, sandigen Weideland von West Texas. Der Himmel war hoch und blass, das Land tief und ausgespült, grau und in allen Farben des Sandes. Manchmal wehte der Wind tagelang, dann wieder war es so still, dass man den Hund auf der Dingler-Farm zwei Meilen flussaufwärts bellen hörte, und wenn ein Fuhrwerk die Straße herunterkam, hing der aufgewirbelte Staub noch lange in der Luft, ehe er sich wieder legte.

Wenn man über das Land blickte, war alles, was man sehen konnte, weit und flach: der Horizont, der Fluss, die Zäune, die Wasserrinnen und die Krüppelzedern ebenso wie Menschen, Vieh, Pferde, Eidechsen und Wasser, alles bewegte sich langsam, mit möglichst wenig Energieaufwand.

Es war ein hartes Land. Die Erde war steinhart gebacken – wenn nicht gerade eine Überschwemmung alles in Schlamm verwandelt hatte –, die Tiere waren knochig und zäh, und selbst die Pflanzen waren stachelig und spärlich, obwohl nach einem Gewitter manchmal eine überraschende Fülle an Wildblumen aus dem Boden hervorbrach. Dad sagte, High Lonesome, wie die Gegend genannt wurde, sei nichts für Schwachköpfe und Weichherzige, und er sagte, deshalb kämen er und ich dort so gut klar, weil wir nämlich beide harte Nüsse seien.

Unser Hof war nur knapp fünfundsechzig Hektar groß, recht klein für diesen Teil von Texas, wo es so trocken war, dass man mindestens zwei Hektar brauchte, um ein einziges Stück Vieh großzuziehen. Aber unser Land grenzte an den Salt Draw, weshalb es zehnmal wertvoller war als Land ohne Wasser und wir Kutschpferde halten konnten, die Dad abrichtete, Milchkühe, Dutzende von Hühnern, einige Schweine und die Pfauen.

Die Pfauen waren eines von Dads Wohlstand versprechenden Projekten, das nicht so recht aufging. Dad hatte von einer Farm irgendwo im Osten Zuchtpfauen kommen lassen, was ihn eine Stange Geld gekostet hatte. Er war überzeugt, dass Pfauen zweifelsohne für Eleganz und Stil standen und dass die Leute, die Kutschpferde kauften, auch bereit wären, fünfzig Dollar hinzublättern, um sich mit so einem Tier zu schmücken. Er hatte vor, nur die Hähne zu verkaufen, damit wir die einzigen Pfauenzüchter diesseits des Pecos blieben.

Leider hatte Dad die Nachfrage nach Ziervögeln in West Texas überschätzt – selbst bei den Kutschenbesitzern –, und nach wenigen Jahren wimmelte es auf unserer Ranch von Pfauen. Sie stolzierten kreischend und krächzend umher, hackten nach unseren Knien, erschreckten die Pferde, töteten Hühner und attackierten die Schweine, obgleich ich zugeben muss, dass es ein prächtiger Anblick war, wenn diese Pfauen in ihrem Krieg gegen den Rest der Welt mal die Waffen ruhen ließen und schillernd ihr Rad schlugen.

 

Die Pfauen waren bloß ein Nebenerwerb. Dads Haupteinnahmequelle waren die Kutschpferde, die er züchtete und ausbildete. Er liebte Pferde, trotz des Unfalls. Als dreijähriger Junge war Dad von einem Pferd gegen den Kopf getreten worden, als er durch den Stall rannte, und hatte einen Schädelbruch erlitten. Er lag tagelang im Koma, und niemand glaubte mehr daran, dass er durchkommen würde. Zwar überlebte er, aber seine rechte Körperhälfte war leicht verkrüppelt. Er zog das rechte Bein nach, und der Arm war angewinkelt wie ein Hähnchenflügel. Außerdem hatte er in jungen Jahren zahllose Stunden in der lauten Schrotmühle auf der elterlichen Farm gearbeitet, wodurch er schwerhörig geworden war. Von daher sprach er etwas komisch, und man musste schon einige Zeit mit ihm verbracht haben, um zu verstehen, was er sagte.

Dad gab dem Pferd, das ihn getreten hatte, keine Schuld. Schließlich, so sagte er gern, hätte es ja nur gedacht, irgendein Viech, das ungefähr so groß wie ein Puma war, käme auf seine Flanke zugestürmt. Pferde waren nie im Unrecht. Alles, was sie taten, taten sie aus gutem Grund, und es lag an einem selbst, diesen Grund herauszufinden. Und obwohl Dad von einem Pferd fast der Schädel zertrümmert worden wäre, liebte er Pferde, weil sie ihn im Gegensatz zu den Menschen immer verstanden und ihn nie bemitleideten. Und so wurde Dad, obwohl er aufgrund des Unfalls nicht im Sattel sitzen konnte, zum Experten für die Ausbildung von Kutschpferden. Er konnte sie zwar nicht reiten, aber er konnte sie lenken.

Ich kam 1901 in einer am Salt Draw gegrabenen Wohnhöhle zur Welt, ein Jahr nach Dads Entlassung aus dem Gefängnis, wo er wegen einer falschen Mordanklage eingesessen hatte.

Dad war auf einer Ranch im Hondo Valley in New Mexico aufgewachsen. Sein Pa, der das Land seit 1868 bewirtschaftete, war einer der ersten Anglos im Tal, aber als Dad ein junger Mann war, hatten sich in der Gegend mehr Siedler niedergelassen, als der Fluss versorgen konnte, und es gab ständig Streit um Grundstücksgrenzen und vor allem um Wasserrechte. Die Leute behaupteten, ihre Nachbarn flussaufwärts würden mehr Wasser verbrauchen, als ihnen zustand, und ihre Nachbarn flussabwärts machten ihnen genau denselben Vorwurf. Diese Zwistigkeiten hatten häufig Schlägereien, Prozesse und Schießereien zur Folge. Dads Pa, Robert Casey, wurde bei einem solchen Streit getötet, als Dad vierzehn war. Dad führte die Farm zusammen mit seiner Ma weiter, aber die Auseinandersetzungen rissen nicht ab, und als zwanzig Jahre später erneut ein Siedler nach einem Streit getötet wurde, kam Dad wegen Mordes ins Gefängnis.

Dad behauptete steif und fest, man hätte ihm die Sache angehängt, schrieb lange Briefe an Juristen und Zeitungen, in denen er seine Unschuld beteuerte, und nachdem er drei Jahre abgesessen hatte, wurde er entlassen. Kurz nach seiner Freilassung lernten Mom und er sich kennen und heirateten. Der Staatsanwalt wollte den Fall wiederaufrollen, und Dad glaubte, ein neuer Prozess bliebe ihm eher erspart, wenn er sich rarmachte, daher zogen er und meine Mom aus dem Hondo Valley nach High Lonesome, wo sie unser Land am Salt Draw in Besitz nahmen.

Viele Leute, die sich im High Lonesome niederließen, lebten in Wohnhöhlen, weil Bauholz in diesem Teil von Texas knapp war. Unser Zuhause bestand mehr oder weniger aus einem großen Loch, das Dad in den Hang gegraben hatte. Zedernäste dienten ihm als Dachsparren, die er mit Grassoden abdeckte. Die Wohnhöhle hatte ein Zimmer, einen festgetretenen Lehmboden, eine Holztür, ein Wachspapierfenster und einen gusseisernen Ofen, dessen Abzugsrohr oben durch das Grassodendach ragte.

Der Vorteil der Wohnhöhle bestand darin, dass sie im Sommer angenehm kühl und im Winter nicht zu kalt war. Der Nachteil war, dass immer mal wieder Skorpione, Eidechsen, Schlangen, Taschenratten, Tausendfüßler und Maulwürfe aus den Wänden und Decken krochen. Einmal fiel uns mitten beim Osteressen eine Klapperschlange auf den Tisch. Dad, der gerade dabei war, den Schinken zu tranchieren, erledigte die Schlange mit einem Messerstich genau hinterm Kopf.

Außerdem verwandelten sich Decke und Wände bei Regen in Schlamm. Manchmal klatschten ganze Schlammbrocken von der Decke, und man musste sie wieder andrücken. Und ab und an brach eine der Ziegen, die auf dem Dach grasten, mit einem Huf durch die Decke, und wir mussten sie wieder rausziehen.

 

Auch die Mücken machten uns das Leben in der Wohnhöhle zuweilen schwer. Die Schwärme waren mitunter so dicht, dass man das Gefühl hatte, durch sie hindurchzuschwimmen. Mom reagierte besonders empfindlich auf Mückenstiche – sie hatte manchmal tagelang Schwellungen –, aber ich war diejenige, die sich Gelbfieber einfing.