Ein ungezähmtes Leben - Jeannette Walls - E-Book
Beschreibung

»Hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten!« Das ist der Rat, den Lily Casey von ihrem Vater mit auf den Weg bekommt. Fesselnd erzählt Walls die Lebensgeschichte ihrer Großmutter, einer starken, eigensinnigen Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts den »Wilden Westen« unsicher machte. Schon in jungen Jahren ist Lily die tragende Säule in der Familie Casey. Sie reitet Pferde zu, tritt bei Gericht auf, spielt Poker wie der Teufel und organisiert tatkräftig die Arbeit auf der Farm. Trotzdem ist das Mädchen überglücklich, als es zur Schule darf. Ein Vergnügen von kurzer Dauer, denn statt das Schulgeld zu entrichten, hat der Vater zwei sündhaft teure Rassehunde erstanden. Lily ist fest entschlossen, die elterliche Farm hinter sich zu lassen. Mit gerade mal fünfzehn Jahren tritt sie die lange Reise quer durch die Prärie zu ihrer ersten Lehrerinnenstelle an. Unbeirrt von zahlreichen Schicksalsschlägen, schafft sie es, mit Willenstärke und gesundem Menschenverstand ihren eigenen Weg zu gehen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:394


Jeanette Walls

Ein ungezähmtes Leben

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Hoffmann und Campe

Lily Casey Smith, Ashfork, Arizona, 1934

Dieses Buch ist allen Lehrern gewidmet, vor allem Rose Mary Walls, Phyllis Owens und Esther Fuchs, und in Erinnerung an Jeannette Bivens und Lily Casey Smith.

Der große Nordwind war es, der die Wikinger erschuf.

Altes norwegisches Sprichwort

1Salt Draw

Die KC Ranch am Rio Hondo

Die alten Kühe wussten früher als wir, dass Gefahr in der Luft lag.

Es war ein später Augustnachmittag, die Luft heiß und schwül wie meistens in der Regenzeit. Früher am Tag hatten wir über den Burnt Spring Hills Gewitterwolken gesehen, aber die waren nach Norden abgezogen. Ich hatte meine Arbeiten für den Tag größtenteils erledigt und ging mit meinem Bruder Buster und meiner Schwester Helen runter zur Weide, um die Kühe zum Melken zu holen. Aber als wir dort ankamen, wirkten die Mädels äußerst beunruhigt. Anstatt sich, wie sonst zur Melkzeit, am Gatter zu drängen, standen sie steifbeinig und geradschwänzig da, warfen nervös die Köpfe hin und her und lauschten.

Buster und Helen schauten zu mir hoch, woraufhin ich mich wortlos hinkniete und ein Ohr auf die festgetrampelte Erde legte. Da war ein Grollen, so leise und tief, dass es eher zu spüren als zu hören war. Und plötzlich wusste ich, was die Kühe wussten – der Fluss trat rasend schnell über die Ufer.

Als ich mich aufrichtete, rannten die Kühe davon, auf den südlichen Zaun zu, und als sie den Stacheldraht erreichten, sprangen sie drüber – höher und glatter, als ich je eine Kuh hatte springen sehen –, und dann donnerten sie davon, höherem Gelände entgegen.

Ich fand, dass auch wir uns lieber aus dem Staub machen sollten, also fasste ich Helen und Buster an der Hand. Inzwischen spürte ich den Boden unter meinen Schuhen beben. Ich sah, wie das Wasser den niedrigsten Teil der Weide überflutete, und wusste, dass wir es nicht mehr rechtzeitig auf höheres Gelände schaffen würden. In der Mitte der Wiese stand eine knorrige alte Pappel mit ausladenden Ästen, und auf die rannten wir zu.

Helen strauchelte, wir nahmen sie in die Mitte, hoben sie hoch und trugen sie im Laufschritt zwischen uns. An der Pappel angekommen, schob ich Buster auf den untersten Ast, und er zog Helen zu sich auf den Baum. Ich kletterte hinterher und hatte kaum die Arme um Helen geschlungen, als auch schon eine fast zwei Meter hohe Wasserwand, die Steine und Äste vor sich herschob, gegen die Pappel krachte und über uns drei hinwegbrandete. Der Baum erbebte und neigte sich so weit zur Seite, dass man das Holz knacken hörte und einige niedrige Zweige abgerissen wurden. Ich hatte Angst, die Pappel könnte entwurzelt werden, doch sie hielt stand und wir ebenso. Wir klammerten uns aneinander fest, während unter uns ein gewaltiger Strom aus karamellfarbenem Wasser, voll mit Holz und vereinzelten patschnassen Taschenratten und ineinander verknäuelten Schlangen, vorbeirauschte, sich in den Niederungen ausbreitete und seinen Pegel suchte.

 

Wir schauten zu und saßen gut eine Stunde reglos in der Pappel. Die Sonne ging hinter den Burnt Spring Hills unter, färbte die hohen Wolken purpurrot und warf lange Schatten gen Osten. Das Wasser strömte noch immer unter uns, und Helen sagte, ihre Arme würden müde. Sie war erst sieben und hatte Angst, sich nicht mehr lange festhalten zu können.

Buster, der neun war, hockte oben in der größten Astgabel des Baumes. Ich war mit zehn die Älteste und übernahm das Kommando, indem ich Buster sagte, er solle mit Helen die Plätze tauschen, damit sie aufrecht sitzen konnte und sich nicht so mühsam festklammern musste. Kurz darauf wurde es dunkel, aber ein heller Mond ging auf, und wir konnten einigermaßen gut sehen. Von Zeit zu Zeit tauschten wir untereinander die Plätze, damit keiner seine Arme überanstrengte. Die Rinde scheuerte meine Beine auf und auch Helens, und als wir pinkeln mussten, blieb uns nichts anderes übrig, als in die Hose zu machen. Die Nacht war schon halb um, als Helens Stimme schwächer wurde.

»Ich kann nicht mehr«, sagte sie.

»Doch, du kannst noch«, erwiderte ich. »Du kannst noch, weil du musst.« Wir würden es schaffen, erklärte ich ihnen. Ich wusste, wir würden es schaffen, weil ich es im Geist vor mir sah. Ich sah, wie wir am nächsten Morgen den Hügel zum Haus hochgingen, und ich sah, wie Mom und Dad herausgerannt kamen. So würde es sein – aber es lag an mir, dafür zu sorgen.

Damit Helen und Buster nicht einschliefen und aus der Pappel fielen, verdonnerte ich sie dazu, das Einmaleins aufzusagen. Als wir damit durch waren, fragte ich sie die Präsidenten der USA und die Hauptstädte der einzelnen Staaten ab, dann Wortdefinitionen, Reimwörter und alles, was mir sonst noch so einfiel. Wenn ihre Stimmen versagten, schnauzte ich sie an, und so hielt ich Helen und Buster die ganze Nacht lang wach.

 

Im Morgengrauen konnten wir sehen, dass die Weide noch immer überschwemmt war. An anderen Orten floss das Wasser nach ein paar Stunden ab, doch hier in der Flussniederung hielt es sich manchmal tagelang. Aber es strömte nicht mehr und versickerte allmählich in Erdlöchern und Senken.

»Wir haben es geschafft«, sagte ich.

Ich befand, dass wir gefahrlos durchs Wasser waten könnten, und so kletterten wir von der Pappel. Wir konnten uns kaum bewegen, so steif waren wir vom nächtlichen Festklammern, und unsere Schuhe versanken im Schlamm, aber als die Sonne aufging, erreichten wir trockenen Boden und stapften den Hügel zum Haus hoch, genau wie ich es vorhergesehen hatte.

Dad war auf der Veranda, wo er mit seinem holprigen Gang, an dem sein verkrüppeltes Bein schuld war, auf und ab lief. Als er uns erblickte, stieß er einen Freudenschrei aus und humpelte hastig die Stufen hinunter auf uns zu. Mom kam aus dem Haus gestürzt. Sie sank auf die Knie, faltete die Hände und fing an, zum Himmel zu beten und dem Herrn zu danken, dass er ihre Kinder aus der Flut errettet hatte.

Sie habe uns gerettet, erklärte sie, weil sie die ganze Nacht hindurch gebetet habe. »Kniet nieder und dankt eurem Schutzengel«, sagte sie. »Und mir müsst ihr auch danken.«

Helen und Buster knieten sich hin und begannen, mit Mom zu beten, aber ich blieb einfach stehen und starrte sie an. Aus meiner Sicht war ich es gewesen, die uns alle gerettet hatte, nicht Mom und auch nicht irgendein Schutzengel. Außer uns dreien war da oben in der Pappel keiner gewesen. Dad trat neben mich und legte den Arm um meine Schultern.

»Da war kein Schutzengel, Dad«, sagte ich. Ich schilderte ihm, wie ich uns rechtzeitig auf den Baum gerettet hatte, wie ich auf die Idee gekommen war, die Plätze zu tauschen, wenn unsere Arme müde wurden, und wie ich Buster und Helen die ganze Nacht über mit Fragen wach gehalten hatte.

Dad drückte meine Schulter. »Tja, Schätzchen«, sagte er, »dann warst vielleicht du der Engel.«

Wir hatten einen Hof am Salt Draw River, der in den Pecos River mündete, im hügeligen, sandigen Weideland von West Texas. Der Himmel war hoch und blass, das Land tief und ausgespült, grau und in allen Farben des Sandes. Manchmal wehte der Wind tagelang, dann wieder war es so still, dass man den Hund auf der Dingler-Farm zwei Meilen flussaufwärts bellen hörte, und wenn ein Fuhrwerk die Straße herunterkam, hing der aufgewirbelte Staub noch lange in der Luft, ehe er sich wieder legte.

Wenn man über das Land blickte, war alles, was man sehen konnte, weit und flach: der Horizont, der Fluss, die Zäune, die Wasserrinnen und die Krüppelzedern ebenso wie Menschen, Vieh, Pferde, Eidechsen und Wasser, alles bewegte sich langsam, mit möglichst wenig Energieaufwand.

Es war ein hartes Land. Die Erde war steinhart gebacken – wenn nicht gerade eine Überschwemmung alles in Schlamm verwandelt hatte –, die Tiere waren knochig und zäh, und selbst die Pflanzen waren stachelig und spärlich, obwohl nach einem Gewitter manchmal eine überraschende Fülle an Wildblumen aus dem Boden hervorbrach. Dad sagte, High Lonesome, wie die Gegend genannt wurde, sei nichts für Schwachköpfe und Weichherzige, und er sagte, deshalb kämen er und ich dort so gut klar, weil wir nämlich beide harte Nüsse seien.

Unser Hof war nur knapp fünfundsechzig Hektar groß, recht klein für diesen Teil von Texas, wo es so trocken war, dass man mindestens zwei Hektar brauchte, um ein einziges Stück Vieh großzuziehen. Aber unser Land grenzte an den Salt Draw, weshalb es zehnmal wertvoller war als Land ohne Wasser und wir Kutschpferde halten konnten, die Dad abrichtete, Milchkühe, Dutzende von Hühnern, einige Schweine und die Pfauen.

Die Pfauen waren eines von Dads Wohlstand versprechenden Projekten, das nicht so recht aufging. Dad hatte von einer Farm irgendwo im Osten Zuchtpfauen kommen lassen, was ihn eine Stange Geld gekostet hatte. Er war überzeugt, dass Pfauen zweifelsohne für Eleganz und Stil standen und dass die Leute, die Kutschpferde kauften, auch bereit wären, fünfzig Dollar hinzublättern, um sich mit so einem Tier zu schmücken. Er hatte vor, nur die Hähne zu verkaufen, damit wir die einzigen Pfauenzüchter diesseits des Pecos blieben.

Leider hatte Dad die Nachfrage nach Ziervögeln in West Texas überschätzt – selbst bei den Kutschenbesitzern –, und nach wenigen Jahren wimmelte es auf unserer Ranch von Pfauen. Sie stolzierten kreischend und krächzend umher, hackten nach unseren Knien, erschreckten die Pferde, töteten Hühner und attackierten die Schweine, obgleich ich zugeben muss, dass es ein prächtiger Anblick war, wenn diese Pfauen in ihrem Krieg gegen den Rest der Welt mal die Waffen ruhen ließen und schillernd ihr Rad schlugen.

 

Die Pfauen waren bloß ein Nebenerwerb. Dads Haupteinnahmequelle waren die Kutschpferde, die er züchtete und ausbildete. Er liebte Pferde, trotz des Unfalls. Als dreijähriger Junge war Dad von einem Pferd gegen den Kopf getreten worden, als er durch den Stall rannte, und hatte einen Schädelbruch erlitten. Er lag tagelang im Koma, und niemand glaubte mehr daran, dass er durchkommen würde. Zwar überlebte er, aber seine rechte Körperhälfte war leicht verkrüppelt. Er zog das rechte Bein nach, und der Arm war angewinkelt wie ein Hähnchenflügel. Außerdem hatte er in jungen Jahren zahllose Stunden in der lauten Schrotmühle auf der elterlichen Farm gearbeitet, wodurch er schwerhörig geworden war. Von daher sprach er etwas komisch, und man musste schon einige Zeit mit ihm verbracht haben, um zu verstehen, was er sagte.

Dad gab dem Pferd, das ihn getreten hatte, keine Schuld. Schließlich, so sagte er gern, hätte es ja nur gedacht, irgendein Viech, das ungefähr so groß wie ein Puma war, käme auf seine Flanke zugestürmt. Pferde waren nie im Unrecht. Alles, was sie taten, taten sie aus gutem Grund, und es lag an einem selbst, diesen Grund herauszufinden. Und obwohl Dad von einem Pferd fast der Schädel zertrümmert worden wäre, liebte er Pferde, weil sie ihn im Gegensatz zu den Menschen immer verstanden und ihn nie bemitleideten. Und so wurde Dad, obwohl er aufgrund des Unfalls nicht im Sattel sitzen konnte, zum Experten für die Ausbildung von Kutschpferden. Er konnte sie zwar nicht reiten, aber er konnte sie lenken.

Ich kam 1901 in einer am Salt Draw gegrabenen Wohnhöhle zur Welt, ein Jahr nach Dads Entlassung aus dem Gefängnis, wo er wegen einer falschen Mordanklage eingesessen hatte.

Dad war auf einer Ranch im Hondo Valley in New Mexico aufgewachsen. Sein Pa, der das Land seit 1868 bewirtschaftete, war einer der ersten Anglos im Tal, aber als Dad ein junger Mann war, hatten sich in der Gegend mehr Siedler niedergelassen, als der Fluss versorgen konnte, und es gab ständig Streit um Grundstücksgrenzen und vor allem um Wasserrechte. Die Leute behaupteten, ihre Nachbarn flussaufwärts würden mehr Wasser verbrauchen, als ihnen zustand, und ihre Nachbarn flussabwärts machten ihnen genau denselben Vorwurf. Diese Zwistigkeiten hatten häufig Schlägereien, Prozesse und Schießereien zur Folge. Dads Pa, Robert Casey, wurde bei einem solchen Streit getötet, als Dad vierzehn war. Dad führte die Farm zusammen mit seiner Ma weiter, aber die Auseinandersetzungen rissen nicht ab, und als zwanzig Jahre später erneut ein Siedler nach einem Streit getötet wurde, kam Dad wegen Mordes ins Gefängnis.

Dad behauptete steif und fest, man hätte ihm die Sache angehängt, schrieb lange Briefe an Juristen und Zeitungen, in denen er seine Unschuld beteuerte, und nachdem er drei Jahre abgesessen hatte, wurde er entlassen. Kurz nach seiner Freilassung lernten Mom und er sich kennen und heirateten. Der Staatsanwalt wollte den Fall wiederaufrollen, und Dad glaubte, ein neuer Prozess bliebe ihm eher erspart, wenn er sich rarmachte, daher zogen er und meine Mom aus dem Hondo Valley nach High Lonesome, wo sie unser Land am Salt Draw in Besitz nahmen.

Viele Leute, die sich im High Lonesome niederließen, lebten in Wohnhöhlen, weil Bauholz in diesem Teil von Texas knapp war. Unser Zuhause bestand mehr oder weniger aus einem großen Loch, das Dad in den Hang gegraben hatte. Zedernäste dienten ihm als Dachsparren, die er mit Grassoden abdeckte. Die Wohnhöhle hatte ein Zimmer, einen festgetretenen Lehmboden, eine Holztür, ein Wachspapierfenster und einen gusseisernen Ofen, dessen Abzugsrohr oben durch das Grassodendach ragte.

Der Vorteil der Wohnhöhle bestand darin, dass sie im Sommer angenehm kühl und im Winter nicht zu kalt war. Der Nachteil war, dass immer mal wieder Skorpione, Eidechsen, Schlangen, Taschenratten, Tausendfüßler und Maulwürfe aus den Wänden und Decken krochen. Einmal fiel uns mitten beim Osteressen eine Klapperschlange auf den Tisch. Dad, der gerade dabei war, den Schinken zu tranchieren, erledigte die Schlange mit einem Messerstich genau hinterm Kopf.

Außerdem verwandelten sich Decke und Wände bei Regen in Schlamm. Manchmal klatschten ganze Schlammbrocken von der Decke, und man musste sie wieder andrücken. Und ab und an brach eine der Ziegen, die auf dem Dach grasten, mit einem Huf durch die Decke, und wir mussten sie wieder rausziehen.

 

Auch die Mücken machten uns das Leben in der Wohnhöhle zuweilen schwer. Die Schwärme waren mitunter so dicht, dass man das Gefühl hatte, durch sie hindurchzuschwimmen. Mom reagierte besonders empfindlich auf Mückenstiche – sie hatte manchmal tagelang Schwellungen –, aber ich war diejenige, die sich Gelbfieber einfing.

Damals war ich sieben, und einen Tag nachdem es mich erwischt hatte, wand ich mich mit Schüttelfrost und Erbrechen im Bett. Aus Angst, dass sich die anderen anstecken könnten, stellte Mom mich unter Quarantäne, und obwohl Dad beteuerte, dass man sich nur durch Mückenstiche infizieren konnte, hängte er schließlich eine Decke vor mein Lager. Dad war der Einzige, der zu mir durfte, und er saß tagelang bei mir und rieb mich mit Branntweinlösungen ein, um das Fieber zu senken. Im Delirium suchte ich helle weiße Orte in einer anderen Welt auf, wo ich grüne und lila Ungetüme sah, die mit jedem Schlag meines Herzens wuchsen und schrumpften.

Als das Fieber endlich sank, hatte ich fast zehn Pfund abgenommen, und meine Haut war ganz gelb. Dad witzelte, meine Stirn wäre so heiß gewesen, dass er sich fast die Hand verbrannt hätte, als er sie berührte. Mom schob die Decke zur Seite, um nach mir zu sehen. »So hohes Fieber kann das Gehirn verbrühen und bleibende Schäden hinterlassen«, sagte sie. »Also erzähl bloß niemandem, dass du es hattest. Sonst kriegst du vielleicht keinen Mann ab.«

Mom machte sich um solche Dinge Sorgen wie, ob ihre Töchter wohl die richtigen Ehemänner finden würden. Sie legte großen Wert auf »Anstand und Sitte«, wie sie es nannte. Mom hatte unsere Wohnhöhle mit ein paar richtig feinen Sachen eingerichtet; so hatten wir unter anderem einen Orientteppich, eine Chaiselongue mit Spitzendeckchen, Samtvorhänge, die wir an die Wände hängten, damit es so aussah, als hätten wir mehr Fenster, ein silbernes Servierset und ein geschnitztes Kopfbrett aus Walnussholz, das ihre Eltern von der Ostküste mit nach Kalifornien genommen hatten. Mom liebte dieses Kopfbrett und sagte, es sei das Einzige, das sie nachts Schlaf finden ließ, weil es sie an die zivilisierte Welt erinnere.

Moms Vater war ein Bergmann, der nördlich von San Francisco Gold gefunden hatte und recht wohlhabend geworden war. Obwohl ihre Familie in blühenden Bergarbeiterstädten lebte, wurde Mom – die mit Mädchennamen Daisy Mae Peacock hieß – in einer vornehmen Atmosphäre erzogen. Sie hatte eine weiße, weiche Haut, die in der Sonne schnell rot wurde und auch leicht blaue Flecke bekam. Wenn sie als Kind in die Sonne musste, band ihre Mutter ihr eine Leinenmaske vor, die sie an den blonden Locken zu beiden Seiten des Gesichts befestigte. In West Texas trug Mom stets Hut und Handschuhe und einen Schleier, wenn sie ins Freie ging, was sie so selten wie möglich tat.

Mom hielt die Wohnhöhle in Ordnung, aber sie weigerte sich, schwerere Arbeit zu verrichten wie Wasserschleppen oder Feuerholzholen.

»Deine Mutter ist eine Lady«, sagte Dad als Erklärung für ihre Abneigung gegen körperliche Anstrengungen. Die meisten Arbeiten draußen erledigte er zusammen mit unserer Hilfskraft Apache. Apache war kein echter Indianer, aber er war im Alter von sechs Jahren von Apachen gefangen worden, und sie hatten ihn behalten, bis er ein junger Mann war. Als eines Tages die US-Kavallerie – bei der Dads Pa als Scout diente – das Lager überfiel, rannte Apache ihnen entgegen und schrie: »Soy blanco! Soy blanco!«

Dads Pa hatte Apache mit nach Hause genommen, und seitdem hatte er bei der Familie gelebt. Inzwischen war Apache ein alter Mann mit weißem Bart, der so lang war, dass er ihn in die Hose steckte. Apache war Einzelgänger, und manchmal verbrachte er Stunden damit, den Horizont oder die Stallwand anzustarren, und mitunter verschwand er tagelang, aber er kam immer zurück. Die Leute hielten Apache für ein bisschen merkwürdig, aber dasselbe dachten sie auch von Dad, und die beiden verstanden sich blendend.

Beim Kochen und Waschen hatte unsere Mom Unterstützung von unserem Mädchen Lupe, die aus einem Dorf bei Juárez stammte. Sie war schwanger geworden und hatte nach der Geburt des Kindes das Dorf verlassen müssen, weil sie Schande über ihre Familie gebracht hatte und keiner sie heiraten wollte. Sie hatte die Statur eines Fässchens und war noch strenger katholisch als Mom. Buster nannte sie »Loopy«, »verrückt«, aber ich mochte Lupe. Obwohl ihre Eltern ihr das Baby weggenommen hatten und sie nun auf einer Navajo-Decke auf dem Boden unserer Wohnhöhle schlafen musste, bemitleidete Lupe sich nie, eine Eigenschaft, die ich fortan bei Menschen am meisten bewunderte.

Trotz Lupes Hilfe mochte Mom das Leben am Salt Draw nicht besonders. Es entsprach nicht ihren Erwartungen. Mom hatte geglaubt, eine gute Partie zu machen, als sie Adam Casey zum Mann nahm, trotz seines Hinkebeins und seiner Sprachstörung. Dads Pa war während einer Hungersnot aus Irland ausgewandert und Soldat bei den Second Dragoons geworden – einer der ersten Kavallerieeinheiten des Landes –, wo er unter Colonel Robert E. Lee diente und im texanischen Grenzland stationiert wurde, um gegen Komantschen, Apachen und Kiowa zu kämpfen. Nachdem er die Armee verlassen hatte, wurde er Viehzüchter, zuerst in Texas und dann im Hondo Valley, und als er getötet wurde, besaß er eine der größten Herden in der Region.

Robert Casey wurde in Lincoln, New Mexico, auf offener Straße erschossen. In einer Version der Geschichte hieß es, dass er und der Mann, der ihn tötete, wegen einer Schuld von acht Dollar in Streit geraten waren. Die Hinrichtung des Täters sorgte im Tal jahrelang für Gesprächsstoff, denn nachdem er erhängt, für tot erklärt, abgeschnitten und in einen Fichtensarg gelegt worden war, wollten Umstehende gehört haben, dass er sich noch bewegte, also hatten sie ihn wieder herausgeholt und erneut aufgeknüpft.

Nach Robert Caseys Tod brach unter seinen Kindern Streit darüber aus, wie die Herde aufgeteilt werden sollte, und dieses Zerwürfnis sorgte bis zu Dads Tod für böses Blut. Dad erbte das Land im Hondo Valley, aber er meinte, sein Bruder, der die Herde nach Texas getrieben hatte, hätte ihn um seinen Anteil betrogen, und so zerrte er ihn wieder und wieder vor Gericht. Selbst nachdem er nach West Texas gezogen war, gab er nicht klein bei, sondern legte sich noch dazu mit den anderen Ranchern im Hondo Valley an, sodass er mehrmals zurück nach New Mexico reiste, um eine endlose Reihe von Klagen und Gegenklagen anzustrengen.

 

Eine von Dads hervorstechendsten Eigenschaften war sein Jähzorn, und meistens kehrte er wutschnaubend von diesen Reisen zurück. Grund für sein aufbrausendes Temperament war zum einen sein irisches Blut und zum anderen seine Ungeduld mit Leuten, die ihn schlecht verstanden. Er argwöhnte, dass diese Leute ihn für einen Trottel hielten und ständig versuchten, ihn übers Ohr zu hauen, ob das nun seine Brüder und deren Anwälte waren, fahrende Händler oder Verkäufer von Halbblutpferden. Dann begann er zu stottern und zu fluchen, und gelegentlich geriet er derart in Rage, dass er seinen Revolver zückte und anfing rumzuballern, ohne dabei auf Menschen zu zielen – jedenfalls meistens.

Einmal bekam er Krach mit einem Kesselflicker, der für die Reparatur eines Topfes zu viel Geld verlangte. Als der Kesselflicker sich schließlich über seine Sprechweise lustig machte, rannte Dad ins Haus, um seine Knarre zu holen, doch Lupe hatte sie in weiser Voraussicht unter ihrer Navajo-Decke versteckt. Dad schäumte vor Wut und tobte wegen der verschwundenen Waffe, aber ich war sicher, dass Lupe diesem Kesselflicker das Leben gerettet hatte. Und wahrscheinlich hatte sie auch Dad das Leben gerettet, denn wenn er den Kesselflicker erledigt hätte, dann wäre er vielleicht ebenso am Galgen geendet wie der Mann, der seinen Pa erschossen hatte.

Das Leben werde leichter werden, sagte Dad immer, wenn wir endlich bekämen, was uns zustand. Aber dafür würden wir kämpfen müssen. Dad war ständig mit seinen Rechtsstreitigkeiten beschäftigt, aber für uns Übrige war der tägliche Kampf am Salt Draw ein Kampf gegen die Elemente. Die plötzliche Überschwemmung, die Buster, Helen und mich auf die Pappel gejagt hatte, war nicht die einzige, die beinahe unser Ende bedeutet hätte. Solche Überschwemmungen waren in diesem Teil von Texas ziemlich häufig – alle paar Jahre war mit einer zu rechnen –, und als ich acht war, erwischte uns eine richtig große.

Dad war in Austin gewesen, um mal wieder eine Klage wegen seiner Erbschaft einzureichen, als der Salt Draw eines Nachts über die Ufer trat und in unsere Wohnhöhle strömte. Ich wurde von Donner geweckt, und als ich aufstand, versanken meine Füße bis zu den Knöcheln in schlammigem Wasser. Mom brachte Helen und Buster auf höheres Gelände, um dort zu beten, aber ich blieb mit Apache und Lupe zurück. Wir stopften den Teppich unter die Tür und fingen an, das Wasser aus dem Fenster zu schöpfen. Mom kam zurück und flehte uns an, mit ihr oben auf dem Hügel zu beten.

»Zum Teufel mit der Beterei!«, schrie ich. »Hilf lieber mit beim Wasserschöpfen, verdammt noch mal!«

Mom blickte mich entsetzt an. Vermutlich dachte sie, ich hätte uns alle mit meiner Blasphemie ins Verderben gestürzt, und auch ich war über mich selbst ein bisschen erschrocken, aber das Wasser stieg rasend schnell, und die Lage war ernst. Wir hatten eine kleine Kerosinlampe angezündet und konnten sehen, wie die Wände der Wohnhöhle allmählich nach innen sackten. Mit Moms Hilfe hätten wir zumindest noch eine Chance gehabt, unser Dach über dem Kopf zu retten – keine große Chance, aber immerhin eine Chance. Apache, Lupe und ich schafften es nicht allein, und als die Decke schließlich nachgab, schnappten wir Moms Kopfbrett und zogen es gerade noch rechtzeitig durch die Tür nach draußen, ehe die Wohnhöhle einstürzte und alles begrub.

Hinterher war ich ziemlich böse auf Mom. Sie sagte immer wieder, die Flut sei Gottes Wille und wir müssten ihn hinnehmen. Aber ich sah das anders. Etwas hinzunehmen kam mir ziemlich gleichbedeutend mit Aufgeben vor. Wenn Gott uns die Kraft zum Wasserschöpfen gab – die Entschlossenheit, uns selbst zu retten –, wollte Er dann nicht auch, dass wir sie nutzten?

 

Aber die Flut erwies sich letztlich doch noch als Segen. Für den unerfahrenen Mr McClurg, der flussaufwärts in einem Holzhaus mit zwei Zimmern wohnte, für das er sich Bauholz aus New Mexico besorgt hatte, war sie einfach zu viel. Das Hochwasser unterspülte das Fundament seines Hauses, und die Wände stürzten ein. Er sagte, er habe die Nase voll von diesem gottverlassenen Teil der Welt, und beschloss, wieder nach Cleveland zu gehen. Sobald Dad aus Austin zurück war, scheuchte er uns alle auf das Fuhrwerk, und wir machten uns eilig auf den Weg, um uns Mr McClurgs Bauholz unter den Nagel zu reißen – ehe jemand anders im High Lonesome auf dieselbe Idee kam. Wir nahmen alles mit: Verkleidung, Dachsparren, Balken, Türrahmen, Bodendielen. Gegen Ende des Sommers hatten wir uns bereits ein ganz neues Holzhaus gebaut, und nachdem wir es weiß gestrichen hatten, war kaum noch zu erkennen, dass es aus Altholz zusammengezimmert worden war.

An dem Tag, als wir das Haus fertig hatten, standen wir alle bewundernd davor, und Mom drehte sich zu mir um und sagte: »Na, war die Flut vielleicht nicht doch Gottes Wille?«

Ich hatte keine Antwort darauf. Mom mochte das ja im Rückblick sagen, aber ich fand, wenn man mitten im Schlamassel steckte, war es ziemlich schwierig abzuschätzen, was davon Gottes Wille war und was nicht.

Ich fragte Dad, ob er daran glaube, dass alles, was geschah, Gottes Wille sei.

»Ja und nein«, sagte er. »Gott verteilt die Karten. Aber wie wir spielen, liegt an uns.«

Ich hätte gern gewusst, ob Dad damit sagen wollte, dass Gott ihm schlechte Karten zugeteilt habe, aber ich fand, die Frage stand mir nicht zu. Hin und wieder erwähnte Dad das Pferd, das ihm den Tritt gegen den Kopf versetzt hatte, aber keiner von uns erwähnte je sein verkrüppeltes Bein oder seine Schwierigkeiten beim Sprechen.

Durch seine Sprachstörung klang Dad ein bisschen so, als redete er unter Wasser. Wenn er sagte: »Spann die Pferde vor«, hörte sich das für die meisten an wie »Schann’e Fer’e or«, und wenn er sagte: »Mama muss sich ausruhen«, klang das wie »Ama muschich ’sruhn«.

Wenn wir nach Toyah fuhren, dem nächstgelegenen Ort vier Meilen entfernt, liefen uns manchmal die Kinder auf der Straße hinterher und äfften Dad nach. Dafür hätte ich sie am liebsten ordentlich vermöbelt. In der Regel, erst recht, wenn Mom dabei war, konnten Buster, Helen und ich nicht mehr tun, als die Kinder drohend anzustarren. Dad tat meistens so, als wären sie gar nicht da – schließlich konnte er schlecht seine Knarre holen, um auf sie zu schießen, wie er das mit dem Kesselflicker vorgehabt hatte –, aber einmal, als ein paar von ihnen vor dem Stall von Toyah besonders laut wurden, sah ich, wie er verletzt den Blick senkte. Während er und Buster das Fuhrwerk beluden, ging ich zurück zum Stall und versuchte den Kindern zu erklären, dass sie die Gefühle anderer mit Füßen traten, aber sie kicherten bloß, also stieß ich sie in den Misthaufen und nahm die Beine in die Hand. Noch nie zuvor hatte ich etwas Unartiges getan, das mir so viel Genugtuung verschaffte. Schade fand ich nur, dass ich Dad nichts davon erzählen konnte.

Diese Kinder hatten keine Ahnung, wie intelligent Dad war, obwohl er sich etwas beschränkt anhörte, wenn er sprach. Er war von einer Hauslehrerin unterrichtet worden, und er las ständig philosophische Bücher und schrieb lange Briefe an Politiker wie William Taft, William Jennings Bryan und Frederick William Seward, der Abraham Lincolns stellvertretender Außenminister gewesen war. Seward schrieb sogar zurück, Briefe, die Dad in Ehren hielt und in einer verschlossenen Blechdose aufbewahrte.

Wenn es um das geschriebene Wort ging, konnte niemand solche Sätze bilden wie Dad. Er hatte eine elegante, wenn auch leicht krakelige Handschrift, und seine Sätze waren lang und verschachtelt, gespickt mit Wörtern wie »illoyal« und »absentieren«, die die meisten Leute in Toyah im Wörterbuch hätten nachschlagen müssen. In Dads Briefen ging es meist um zwei Probleme, Industrialisierung und Mechanisierung, denn er meinte, sie zerstörten die Seele der Menschheit. Außerdem beschäftigte er sich wie besessen mit Prohibition und Lautschrift, beides in seinen Augen Mittel gegen die menschliche Neigung zu unvernünftigem Verhalten.

Dad hatte in seiner Kindheit und Jugend zu oft mit ansehen müssen, wie Männer im Vollrausch aufeinander losballerten. Sein Pa hatte in seinem kleinen Laden auf der Rio Hondo Ranch Alkohol verkauft, aber sein Pa hatte auch einmal einen Betrunkenen erschießen müssen, der ihn erschießen wollte. Alkohol, so meinte Dad, mache Indianer und Iren verrückt. Nachdem sein Pa getötet worden war, zertrümmerte Dad die Schnapsfässer in dem Laden mit der Axt, und sehr zum Leidwesen von Apache erlaubte er bei uns auf der Ranch kein stärkeres Getränk als Tee.

Die inkonsequente Schreibweise von Wörtern im Englischen ärgerte Dad maßlos. Digraphe wie beispielsweise »sh« und »ph« erbosten ihn, und stumme Buchstaben machten ihn traurig. Wenn einfach alle Wörter so geschrieben würden, wie man sie sprach, könnte doch jeder, der das Alphabet lernte, auch direkt lesen, meinte er, und das würde dem Analphabetismus den Garaus machen.

Toyah hatte eine Zwergschule, doch Dad fand, dass der Unterricht dort zweitklassig sei und er mich besser unterrichten könne. Jeden Tag nach dem Mittagessen, wenn es draußen zu heiß zum Arbeiten war, lehrte er mich Grammatik, Geschichte, Mathematik, Naturwissenschaften und Staatsbürgerkunde, und wenn wir fertig waren, unterrichtete ich Buster und Helen. Dads Lieblingsthema war Geschichte, aber er betrachtete sie eindeutig aus der Perspektive eines Mannes, der New Mexico seine Heimat nannte. Als stolzer Sohn eines gebürtigen Iren hasste er die englischen Pilgerväter, die er »Poms« nannte, ebenso wie die meisten Gründerväter der Vereinigten Staaten. Sie waren für ihn ein Haufen frömmelnder Heuchler, die zwar erklärten, dass alle Menschen gleich seien, aber dennoch Sklaven hielten und friedliche Indianer abschlachteten. Im Krieg zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ergriff er für die Mexikaner Partei und fand, die USA hätten das gesamte Land nördlich des Rio Grande gestohlen. Außerdem war er der Ansicht, die Südstaaten hätten genauso gut das Recht haben müssen, aus der Union auszutreten, wie die Kolonien das Recht hatten, ihre Unabhängigkeit vom Mutterland Großbritannien zu erklären. »Der Unterschied zwischen einem Verräter und einem Patrioten liegt immer nur in der Perspektive«, sagte er.

 

Ich liebte den Unterricht bei meinem Dad, vor allem in Naturwissenschaft und Geometrie. Es machte mir Spaß, jene geheimen Regeln zu entdecken, durch die sich mir die Geheimnisse unserer Welt erschlossen. Ich kam mir schon sehr klug vor, aber Mom und Dad sagten immer wieder, dass ich zu Hause zwar eine bessere Schulbildung erhielt als sämtliche Kinder in Toyah, aber spätestens mit dreizehn auf eine reguläre Schule gehen müsse, um gesellschaftliche Umgangsformen zu lernen und ein Abschlusszeugnis zu bekommen. »Denn in dieser Welt«, sagte Dad, »reicht es nicht, gebildet zu sein. Man braucht ein Blatt Papier, um es zu beweisen.«

Mom tat ihr Bestes, damit wir Kinder stets einen gepflegten Eindruck machten. Während ich Buster und Helen unterrichtete, bürstete sie mir das Haar mit hundert Bürstenstrichen, ganz behutsam, und bestrich es von der Wurzel bis in die Spitzen mit Kürbisöl und Lanolin, damit es schön glänzte. Abends wickelte sie es mit Hilfe von Papierstückchen, die sie Papilloten nannte, zu kleinen Löckchen auf. »Das Haar einer Lady ist ihre schönste Zierde«, sagte sie und betonte gern, dass mein spitz zulaufender Haaransatz mein größter Vorzug sei. Wenn ich in den Spiegel schaute, konnte ich mir jedoch nicht vorstellen, dass die kleine V-förmige Spitze aus Haar oben an meiner Stirn mich weit bringen würde.

Obwohl wir vier Meilen von Toyah entfernt wohnten und manchmal tagelang niemanden außerhalb unserer Familie zu Gesicht bekamen, gab Mom sich redlich Mühe, eine Lady zu sein. Sie war äußerst zierlich, nur knapp über einen Meter fünfzig groß, und ihre Füße waren so klein, dass sie Knöpfstiefel für Kinder tragen musste. Damit ihre Hände vornehm blass blieben, rieb sie sie mit Cremes aus Honig, Zitronensaft und Borax ein. Ihrer Wespentaille zuliebe trug sie enge Korsetts – ich half ihr beim Schnüren –, was dazu führte, dass sie häufig in Ohnmacht fiel. Mom sprach von Schwächeanfällen und meinte, sie rührten von ihrer vornehmen Geburt und zarten Natur. Meiner Meinung nach rührten sie nur davon, dass sie durch das Korsett schlecht Luft bekam. Immer wenn sie umkippte, musste ich sie mit Riechsalz wiederbeleben, das sie in einem Kristallfläschchen an einem rosa Band um den Hals trug.

 

Das engste Verhältnis hatte Mom zu Helen, die ihre winzig kleinen Hände und Füße und ihr zerbrechliches Naturell geerbt hatte. Manchmal lasen sie einander Gedichte vor, und in der drückenden Mittagshitze lagen sie einfach zusammen auf Moms Chaiselongue. Doch wenngleich Helen ihr am nächsten stand, war sie dennoch ganz vernarrt in Buster, den einzigen Sohn, in dem sie die Zukunft der Familie sah. Buster war ein ängstliches kleines Kind, aber er hatte ein unwiderstehliches Lächeln, und er war, vielleicht um Dads Sprachstörung auszugleichen, der schnellste und glattzüngigste Redner weit und breit. Mom sagte oft, Buster könne einer Kuh die Hörner abschwatzen. Sie versicherte ihm unablässig, dass ihm alle Wege offenstünden – er könne Eisenbahnmagnat werden, Rinderbaron, General oder gar Gouverneur von Texas.

Mit mir wusste Mom nicht so recht etwas anzufangen. Sie fürchtete, es könnte schwer werden, mich unter die Haube zu bringen, weil ich nicht das Zeug zu einer Lady hatte. Zum einen hatte ich leichte O-Beine. Mom meinte, das komme daher, dass ich so viel ritt. Zum anderen standen meine Schneidezähne vor, also kaufte Mom mir einen roten Seidenfächer, um meinen Mund zu verdecken. Immer wenn ich lachte oder zu breit grinste, sagte Mom: »Lily, Liebes, der Fächer.«

Mit Moms Arbeitseifer war es nicht weit her, und ich lernte schon in jungen Jahren, kräftig zuzupacken, was Mom gleichermaßen erstaunte und beunruhigte. Sie hielt mein Verhalten für undamenhaft, verließ sich aber zugleich auf mich. »So viel Tatkraft habe ich noch bei keinem Mädchen erlebt«, sagte sie. »Aber ob das gut ist, weiß ich nicht.«

 

Nach Moms Auffassung sollten Frauen den Männern die Arbeit überlassen, weil die sich dann männlicher fühlten. Diese Vorstellung ergab jedoch nur dann Sinn, wenn man einen starken Mann hatte, der auch bereit dazu war und wirklich zupacken konnte, und infolge von Dads Behinderung, Busters ausgefeilten Ausreden und Apaches Angewohnheit, immer mal wieder zu verschwinden, blieb es oft genug mir überlassen, dafür zu sorgen, dass nicht alles auseinanderfiel. Aber selbst wenn alle mithalfen, war die viele Arbeit nicht zu schaffen. Ich liebte die Ranch, doch manchmal hatte ich das Gefühl, dass nicht wir sie besaßen, sondern umgekehrt.

Wir hatten gehört, dass es so etwas wie Elektrizität gab und dass es in manchen Großstädten im Norden selbst nach Sonnenuntergang noch taghell war, weil dort so viele Glühbirnen brannten. Aber die Leitungen dafür waren noch nicht bis West Texas vorgedrungen, und so musste alles per Hand erledigt werden: das Bügeleisen auf dem Herd erhitzen, um Moms Blusen zu bügeln, Lauge und Pottasche über dem Feuer in Kesseln kochen, um Seife herzustellen, Wasser zum Spülen von der Pumpe ins Haus schleppen und anschließend mit dem schmutzigen Spülwasser das Gemüse im Garten gießen.

Wir hatten auch gehört, dass die feinen Häuser an der Ostküste mit Innentoiletten ausgestattet wurden, aber in West Texas gab es so etwas nicht, und die meisten Leute, unter ihnen auch Mom und Dad, fanden die Vorstellung, ein Klosett im Haus zu haben, abstoßend und widerlich. »Wer um alles in der Welt will denn ein Scheißhaus in seinen vier Wänden haben?«, fragte Dad.

Da ich von klein auf an Dads Sprechweise gewöhnt war, verstand ich ihn immer mühelos, und als ich fünf wurde, durfte ich ihm bei der Abrichtung der Pferde helfen. Dad brauchte sechs Jahre, bis er ein Zweiergespann fertig abgerichtet hatte, und es waren immer sechs Gespanne gleichzeitig in der Ausbildung. Pro Jahr wurde eines verkauft, was genügend Geld einbrachte, um über die Runden zu kommen. Ein Gespann musste in Größe und Farbe perfekt zusammenpassen, ohne irgendwelche Abweichungen, und wenn ein Pferd weiße Fesseln hatte, dann musste das andere auch welche haben.

Von den sechs Pferdepaaren, die wir stets hatten, ließ Dad die Ein- und Zweijährigen einfach frei auf der Weide laufen. »Ein Pferd muss als Erstes lernen, ein Pferd zu sein«, sagte er gern. Ich arbeitete mit den Dreijährigen, brachte ihnen Manieren bei und machte sie mit der Trense vertraut, dann half ich Dad beim Ein- und Ausspannen der drei älteren Pferdepaare. Ich fuhr mit jedem Gespann im Kreis, während Dad in der Mitte stand und sie mit Hilfe einer Peitsche abrichtete. Sie mussten die Hufe schön anheben, gleichzeitig die Gangart wechseln und die Hälse hübsch gebogen halten.

»Jeder, der viel mit Pferden zu tun hat«, meinte Dad, »muss lernen, wie ein Pferd zu denken.« Unablässig wiederholte er den Satz: »Denk wie ein Pferd.« Der Schlüssel dazu lag in der Einsicht, dass Pferde in ständiger Angst lebten. Sie konnten sich nur vor Pumas und Wölfen retten, indem sie ausschlugen und wegrannten, und sie rannten wie der Wind und jagten einander, weil natürlich das langsamste Pferd der Herde von dem Raubtier gerissen wurde. Sie waren stets auf der Suche nach einem Beschützer, und wenn man ein Pferd davon überzeugen konnte, dass man es beschützte, dann würde es alles für einen tun.

Dad hatte ein umfangreiches Vokabular aus Brummen, Knurren, Schnalzen und Pfeifen, um mit den Pferden zu sprechen. Es war, als hätten sie ihre eigene Geheimsprache. Niemals schlug er sie mit der Peitsche, sondern machte damit nur Klatschgeräusche neben ihren Ohren, um ihnen Signale zu geben, ohne ihnen Angst einzujagen.

Dad stellte auch das Zaumzeug für die Pferde her, und er schien immer dann am glücklichsten, wenn er umgeben von Lederhäuten, Scheren, Dosen mit Klauenfett, Fadenspulen und großen Sattlernadeln an seiner Nähmaschine saß, das Fußpedal bearbeitete und keiner ihn störte, keiner ihn bemitleidete, keiner sich ratlos den Kopf kratzte, weil er ihn mal wieder nicht verstanden hatte.

 

Meine Aufgabe war es, die Pferde zuzureiten. Das war nicht vergleichbar mit dem Zureiten wilder Mustangs, weil unsere Pferde schon von klein auf bei uns waren. Meistens kletterte ich einfach auf den nackten Pferderücken – wenn das Pferd zu dünn war, scheuerte ich mir an seinem Rückgrat manchmal den Hintern wund –, griff in die Mähne, stupste meine Fersen in die Flanken, und los ging’s. Zuerst unbeholfen ruckartig und abgehackt, das Pferd bockte und brach seitlich aus, während es sich fragte, warum zum Teufel ein Mädchen auf seinem Rücken saß, doch schon nach kurzer Zeit fand es sich mit seinem Schicksal ab, und wir trabten munter dahin. Danach musste man es nur noch satteln und die passende Trense finden, und schon konnte seine Abrichtung zum Kutschpferd beginnen.

Dennoch, gerade bei unerfahrenen Pferden war man vor Überraschungen nicht gefeit, und ich wurde häufig abgeworfen, was Mom in Angst und Schrecken versetzte, doch Dad winkte bloß ab und half mir wieder auf.

»Das Wichtigste im Leben ist, zu lernen, wie man fällt«, sagte er.

 

Manchmal fiel ich in Zeitlupe. Das Pferd stolperte oder scheute, ich wurde mit dem ganzen Gewicht nach vorn geworfen, landete auf dem Pferdehals, und meine Füße rutschten aus den Steigbügeln. Wenn ich mich nicht wieder aufrichten konnte, war es am besten, loszulassen, mich seitlich abzurollen und weiterzurollen, sobald ich auf dem Boden landete. Gefährlich waren eigentlich nur die Stürze, die so schnell passierten, dass ich keine Zeit mehr zum Reagieren hatte.

Einmal kaufte Dad zu einem Spottpreis einen großen grauen Wallach. Das Pferd war bei der Kavallerie gewesen, und da es sozusagen von der Regierung verkauft wurde, nannte Dad es Roosevelt. Vielleicht hatte Roosevelt zu viel Getreide zu fressen bekommen, vielleicht hatte er zu viele Trompetensignale und zu viele Kanonenschüsse gehört, oder vielleicht war er einfach nur ein geborener Angsthase, jedenfalls war er ein furchtbar schreckhaftes Pferd. Roosevelt sah wunderschön aus, mit geschecktem Hinterteil und dunklen Beinen, aber plötzliche Geräusche und Bewegungen ließen ihn Haken schlagen wie ein Karnickel.

Kurz nachdem wir Roosevelt bekommen hatten, ritt ich ihn gerade zurück zur Scheune, als ein Habicht vor uns herabstieß. Roosevelt wirbelte herum, und ich schoss wie ein Stein aus einer Schleuder von ihm runter. Ich versuchte, den Sturz mit einem Arm abzufangen, und brach mir dabei beide Unterarmknochen. Die gezackten Bruchenden der Knochen standen hervor und beulten die Haut aus. Dad sagte zwar dauernd, ich sei eine harte Nuss, aber mein Arm war verbogen und baumelte hilflos herab, und ich muss zugeben, dass ich losbrüllte wie ein kleines Kind.

Dad trug mich in die Küche, und als Mom mich sah, regte sie sich dermaßen auf, dass sie anfing, nach Luft zu schnappen, und Dad atemlos vorwarf, ein kleines Mädchen wie ich sollte keine Pferde zureiten müssen. Dad riet ihr, besser zu gehen, bis sie sich wieder im Griff habe, und sie verschwand ins Schlafzimmer und machte die Tür zu. Danach richtete Dad mir die Knochen und ließ Lupe Leinenstreifen zurechtschneiden, während er einen Brei aus Kreide, Gummi, Eiern und Mehl zusammenmixte. Er wickelte mir die Stoffstreifen um den Arm und schmierte den Brei darüber.

Dann trug er mich auf die Veranda, wo wir uns setzten und die fernen Berge betrachteten. Nach einer Weile hörte ich auf zu weinen, weil ich einfach keine Tränen mehr in mir hatte. Ich saß da, den Kopf schief auf die Schulter gelegt wie ein kleiner Vogel mit gebrochenem Flügel.

»Blödes Pferd«, sagte ich schließlich.

»Gib nie dem Pferd die Schuld«, sagte Dad. »Roosevelt hat nur getan, was er irgendwann gelernt hat. Und Pferde sind nicht blöd. Sie wissen, was sie wissen müssen. Ehrlich gesagt, ich habe schon immer gefunden, dass Pferde schlauer sind, als man meint. So ähnlich wie die Indianer, die so tun, als könnten sie kein Englisch, weil nie was Gutes dabei rumgekommen ist, wenn sie mit den Anglos gesprochen haben.«

 

Dad versicherte mir, dass ich in vier Wochen wieder im Sattel sitzen würde, und so war es auch. »Nächstes Mal darfst du nicht versuchen, den Sturz abzufangen«, sagte Dad.

»Nächstes Mal?«, fragte Mom. »Ich hoffe, es wird kein nächstes Mal geben.«

»Hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten«, sagte Dad. »Wie dem auch sei«, fuhr er fort, »wenn du merkst, dass du runterfällst, akzeptier es und nimm die Strafe mit dem Oberkörper hin. Dein Körper weiß, wie er fallen muss.«

Derweil durchlief Roosevelt die »Adam-Casey-Schule für launische Pferde«, wie Dad es nannte. Er band Roosevelts Kopf am Schwanz fest und ließ ihn im Stall stehen, bis er Geduld gelernt hatte. Dad füllte leere Blechdosen mit Steinchen und band sie ihm an Mähne und Schweif, damit Roosevelt sich an den Krach gewöhnte.

Sobald Roosevelt bekehrt war – mehr oder weniger –, verkaufte Dad ihn mit einem hübschen Gewinn an irgendeinen Oststaatler, der unterwegs nach Kalifornien war. Dad gab zwar nie den Pferden die Schuld, aber er war auch nicht rührselig mit ihnen. Wenn du ein Pferd nicht halten kannst, verkauf es, sagte Dad gern, und wenn du es nicht verkaufen kannst, erschieß es.

Eine weitere Aufgabe, die ich zu erledigen hatte, war das Füttern der Hühner und das Einsammeln der Eier. Wir hatten gut zwei Dutzend Hühner und ein paar Hähne. Morgens warf ich ihnen als Erstes eine Handvoll Mais und Essensreste hin und gab Kalk in ihr Wasser, damit die Eierschalen schön fest wurden. Im Frühjahr, wenn die Hennen richtig fruchtbar waren, konnte ich hundert Eier die Woche sammeln. Davon zweigten wir fünfundzwanzig bis dreißig für den Eigenbedarf ab, und einmal pro Woche fuhr ich mit der Kutsche nach Toyah, um den Rest an den dortigen Krämer Mr Clutterbuck zu verkaufen, einen geizigen Mann, der Ärmelhalter trug und die Preise auf dem braunen Packpapier zusammenrechnete, in die er die verkauften Waren einwickelte. Er zahlte einen Penny pro Ei und verkaufte es dann für zwei Cent, was mir unfair vorkam, weil ich ja schließlich die ganze Arbeit gehabt hatte: die Hühner großziehen, die Eier einsammeln und in die Stadt fahren, aber Mr Clutterbuck sagte bloß: »Tut mir leid, Kleines, so läuft das nun mal.«

Ich brachte ihm auch Pfaueneier, womit die angeberischen Vögel auch endlich mal was zu ihrem Lebensunterhalt beitrugen. Zuerst dachte ich, sie müssten doppelt so viel einbringen wie Hühnereier, weil sie ja doppelt so groß waren, aber Mr Clutterbuck gab mir auch für die Pfaueneier nur einen Penny pro Stück. »Ei ist Ei«, sagte er. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass der verflixte Krämer mich übers Ohr haute, weil ich ein Mädchen war, aber was hätte ich tun können? So lief das nun mal.

 

Dad war der Meinung, es wäre gut für mich, in die Stadt zu fahren und mit Mr Clutterbuck um Eierpreise zu feilschen. Das verfeinere meine Rechenkenntnisse und lehre mich die Kunst der Verhandlungsführung, was alles dazu beitrage, dass ich irgendwann meinen Lebenszweck erfüllte. Dad war Philosoph, und er hatte eine »Zwecktheorie« entwickelt, wie er sie nannte. Danach hatte alles im Leben einen Zweck, und wenn etwas seinen Zweck nicht erfüllte, beanspruchte es unnötig Platz auf diesem Planeten und war Zeitverschwendung.

Deshalb kaufte Dad uns Kindern niemals irgendwelches Spielzeug. »Spielen ist Zeitverschwendung«, sagte er. Anstatt Vater-Mutter-Kind oder mit Puppen zu spielen, sollten Mädchen lieber ein richtiges Haus putzen oder ein richtiges Baby versorgen, wenn es ihr Lebenszweck war, Mutter zu werden.

Dad verbot uns das Spielen nicht ausdrücklich, und manchmal ritten Buster, Helen und ich rüber zur Ranch der Dinglers, um mit den Dingler-Kindern Baseball zu spielen. Wir hatten nicht genug Spieler für zwei komplette Mannschaften, und so erfanden wir eigene Regeln. Eine davon lautete, dass man einen Läufer aus dem Spiel befördern konnte, indem man ihn direkt mit dem Ball traf. Einmal, ich war zehn und versuchte gerade eine Base zu erreichen, warf mir einer von den Dingler-Jungs den Ball mit voller Wucht in die Magengrube. Ich klappte zusammen, und da die Schmerzen einfach nicht nachließen, brachte Dad mich nach Toyah, wo der Barbier, der manchmal Leute wieder zusammenflickte, vermutete, mein Blinddarm wäre geplatzt und ich müsste ins Krankenhaus nach Santa Fe. Wir nahmen die nächste Postkutsche, und als wir in Santa Fe ankamen, war ich bereits im Delirium. Meine nächste Erinnerung ist, dass ich in einem Krankenhausbett erwachte. Ich hatte eine genähte Wunde am Bauch, und Dad saß neben mir.

»Keine Angst, Engelchen«, sagte er. Der Blinddarm, so erklärte er, sei ein verkümmertes Organ, was bedeutete, dass er keinen Zweck erfüllte. Wenn ich schon ein Organ verlieren musste, dann hatte ich mir das richtige ausgesucht. Aber, so fuhr er fort, ich wäre beinahe gestorben, und wofür? Für ein dummes Baseballspiel. Wenn ich mein Leben riskieren wolle, dann solle ich das für einen Zweck tun. Ich fand, dass Dad recht hatte. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, was mein Zweck war.

Wenn du dir die Liebe Gottes in Erinnerung rufen willst, sagte Mom immer, schau dir einfach den Sonnenaufgang an.

Und wenn du dir den Zorn Gottes in Erinnerung rufen willst, sagte Dad, schau dir einen Tornado an.

Am Salt Draw hatten wir häufig Tornados, die wir noch mehr fürchteten als die Überflutungen. Meistens sahen sie aus wie dünne graue Rauchkegel, aber manchmal, nach einer längeren Dürre, waren sie fast durchsichtig, und man sah ganz unten in ihnen Äste und Büsche und Steine herumwirbeln. Sie kreiselten und wiegten sich fast elegant, und aus der Ferne sah es aus, als bewegten sie sich ganz langsam, wie unter Wasser.

Die meisten waren nur außer Rand und Band geratene Staubteufel, die die Wäsche von der Leine rissen und die Hühner in wildes Gackern ausbrechen ließen. Aber einmal, als ich elf Jahre alt war, tobte ein wahres Ungetüm über das Land.

Dad und ich waren draußen und arbeiteten mit den Pferden, als der Himmel sich unglaublich rasch verdunkelte und die Luft schwer wurde. Man konnte förmlich riechen und schmecken, was da auf uns zukam. Dad sah den Tornado als Erster. Ein breiter Trichter, der von den Wolken bis zur Erde reichte, näherte sich von Osten her.