Beschreibung

Beim ersten Zusammenstoß auf dem Parkplatz stellt Lilli bereits fest: Dieser sexy Kerl ist ein Idiot! Als sie ihm unverhofft wiederbegegnet, fliegen jedoch statt heftiger Worte die Funken. Was gegensätzlich aussieht, erweist sich als gar nicht so unterschiedlich. … Alles wäre ganz einfach, wenn es da nicht seine verhängnisvolle Lüge gäbe, die fast zerstört, was beide verbindet. Gibt Lilli der Liebe trotzdem eine Chance, oder wird sie selbst zu einer tragischen Heldin wie in den Büchern, die sie so heiß und innig liebt? Dieser Roman ist eine in sich abgeschlossene Geschichte und gehört nicht zu einer Serie, allerdings gibt es für Fans der Shanghai Love Affairs ein Wiedersehen mit Jan und Inga aus "Act of Law - Liebe verpflichtet". Leserstimmen: "Skoutz meint: Im vierten Band der Shanghai Love Affairs –Reihe entführt Karin Lindberg ihre Leser nach Lüneburg, wo ihre äußerst charmante Protagonistin eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Liebe, Hass, Eifersucht, Romantik aber auch prickelnde Erotik machen diesen humorvollen Liebesroman zu einem absoluten Page-Turner." "Für mich war´s die erste "Begegnung" mit einem Buch mit Karin Lindberg, und es war eine sehr erfreuliche Begegnung! Ein schöner locker-flockiger Schreibstil, sympathische Protagonisten und eine leichte, aber trotzdem fesselnde und schöne Geschichte machen das Ganze hier zu einem Stück wunderbarer Leseunterhaltung."  -  Rebecca Schleicher

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Seitenzahl: 425

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Ein Vorurteil kommt selten allein

Karin Lindberg

Liebesroman

Auflage Februar 2017

Lektorat: Katrin Engstfeld, www.kalliope-lektorat.de

Korrektorat: Andreas Fischer

Umschlaggestaltung: andanghana by 99designs

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © Karin Lindberg 2017

www.karinlindberg.info

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Über das Buch:Er ist Erotikautor und ein echter Bad Boy. Sie liebt die Poesie der deutschen Sprache.

Beim ersten Zusammenstoß auf dem Parkplatz stellt Lilli fest: Dieser sexy Kerl ist ein Idiot! Als sie ihm unverhofft wiederbegegnet, fliegen jedoch statt heftiger Worte die Funken. Was gegensätzlich aussieht, erweist sich als gar nicht so unterschiedlich. Alles wäre ganz einfach, wenn es da nicht seine verhängnisvolle Lüge gäbe, die fast zerstört, was beide verbindet.

Gibt Lilli der Liebe trotzdem eine Chance, oder wird sie selbst zu einer tragischen Heldin wie in den Büchern, die sie so heiß und innig liebt?

Prolog

Warum funktionierte das mit dem Wunsch ans Universum eigentlich nie, wenn man einen Parkplatz suchte. Lilli verdrehte die Augen und setzte zur dritten Runde an, doch noch eine der heißbegehrten Parklücken Lüneburgs zu ergattern. Vielleicht machte sie bei ihren Bestellungen ja grundsätzlich was falsch – ganz sicher sogar, denn der Traummann war auch noch nicht an sie ausgeliefert worden. Dabei klang es so einfach im Buch „The Secret“, … Wunsch absenden und das Universum kümmert sich darum. Nun ja …

„Yes!“, rief sie erleichtert aus, als sie endlich eine Lücke gefunden hatte, und steuerte sie geradewegs an. Den Blinker hatte sie bereits gesetzt, als ein schwarzer Sportwagen wenige Meter vor ihr einen U-Turn machte und direkt auf ihrem Parkplatz zum Stehen kam.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, schimpfte sie lautstark, hielt Caros Wagen an und stieg aus. Sie stapfte zum anderen Auto und klopfte unsanft an die Scheibe des Lückendiebes, um ihrem Unmut Luft zu machen. Es kam nicht oft vor, dass sie sich den Wagen ihrer Freundin Caro auslieh, aber ihre Katze Sarotti mit dem Fahrrad zum Tierarzt zu fahren, war keine Option gewesen. Und in genau fünf Minuten hatten sie ihren Termin, es wurde also Zeit, dass sie endlich fündig wurde. Ihr Verständnis für die Aktion des Sportwagenfahrers hielt sich schon allein deshalb sehr in Grenzen.

Das leicht getönte Glas wurde heruntergelassen und Lilli starrte in ein Paar intensiv leuchtende Augen, die verständnislos zurückstierten Das Eisblau war außergewöhnlich und durchdringend.

„Was ist?“, fragte der Besitzer der Husky-Augen knapp. Sein Gesichtsausdruck war dabei bestenfalls gelangweilt. Lillis Wut wuchs durch sein Desinteresse ins Unermessliche.

„Das ist doch wohl die Höhe! Das war meine Parklücke, ich hatte den Blinker schon gesetzt. Fahr deine Schüssel hier sofort weg!“, wetterte sie.

Lilli hatte die Arme in die Hüften gestemmt und sich breitbeinig vor dem zugegebenermaßen gutaussehenden Typen aufgebaut, der nach wie vor bei laufendem Motor in seinem Auto saß und mit keiner Wimper zuckte. Ohne mit der Wimper zu zucken, war die Untertreibung des Jahres. Anstelle einer angemessen zerknirschten Reaktion musterte der Kerl sie von oben bis unten … und machte keine Anstalten, seinen Fauxpas einzugestehen. Lillis Gesicht brannte – nicht nur, weil sie wütend und ihr Blutdruck weit über hundertachtzig war. Der Kerl ließ sie in keinster Weise kalt.

So eine Unverschämtheit!, erinnerte sie sich selbst noch einmal an sein Fehlverhalten.

„Du warst eben nicht schnell genug und das ist keine Schüssel, das ist ein Bugatti Grand Sport Vitesse“, hörte sie den sexy Arsch auch noch sagen.

Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Lilli stieß zischend die Luft aus, machte energisch mit der Hand eine Geste vor der Stirn, um anzudeuten, dass er bekloppt sei, und fuhr ihn heftig an: „Das Ding ist doch sicher in fünf Sekunden auf hundert. Dann zeig mal, was du kannst, und fahr deine Penisverlängerung hier weg. Pronto!“

Er sah sie kurz an und verblüffte sie mit einer unerwarteten Reaktion: Er lachte laut auf. Das entfachte ihre Wut noch mehr. Dieser Blödmann hatte allen Ernstes die Kaltschnäuzigkeit, sie auch noch zu verhöhnen, dabei hatte sie ihn provozieren wollen! Normalerweise funktionierte das immer.

Bis jetzt jedenfalls.

„Schätzchen, mein Baby hier“, er klopfte mit der Hand aufs Lederlenkrad, „ist in 2,6 Sekunden auf hundert. Schön, dich kennengelernt zu haben, bla, bla, jetzt habe ich leider keine Zeit für eine Fortsetzung unserer netten Bekanntschaft. Ich bin auf dem Weg zu einem wichtigen Termin.“

Bevor Lilli antworten konnte, fuhr er die Scheibe wieder nach oben und stellte den Motor ab.

Ihre Kinnlade klappte nach unten und sie schnappte nach Luft.

„Das glaub’ ich jetzt nicht!“ Lillis Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen.

Sie war so wütend, dass sie das Blut in ihren Ohren rauschen hörte. Gleichzeitig verspürte sie das dringende Bedürfnis, laut loszuheulen, aber hinter Caros Wagen hatte sich mittlerweile eine kleine Schlange aus anderen Fahrzeugen gebildet, die nun auch noch anfingen zu hupen. Sie schüttelte den Kopf und wägte eilig ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Schwachmat seine Karre wegfuhr, ging gegen null. Sie konnte ihn ja schlecht dazu zwingen. Außerdem war Gewalt auch keine Lösung, wobei der Gedanke, ihren Frust an dem Idioten auszulassen, äußerst verlockend war.

Um das Hupkonzert zu beenden, räumte sie schließlich zähneknirschend das Feld.

Ihre Wut hielt jedoch an und wurde nicht gerade geringer, als sie wegen des Arschlochs weitere zehn Minuten nach einem Plätzchen für Caros Flitzer suchen musste. Dass die gutaussehenden Männer immer Wichser sein müssen, dachte sie, als sie die Schlüssel endlich abzog und sich mit der Transportbox, in der ihre Katze miaute, auf den Weg zum Tierarzt machte.

Normalerweise war er nicht der unhöfliche Typ, der es nötig hatte, sich vorzudrängeln, rechtfertigte Ansgar sein Verhalten vor sich selbst, als er nach dem Notartermin zu seinem Wagen zurückschlenderte. Aber in diesem speziellen Fall war er spät dran gewesen und die Testamentseröffnung hatte er schon aus Respekt vor seinem kürzlich verstorbenen Großvater nicht verpassen wollen. Unter anderen Umständen hätte er sich für sein Verhalten entschuldigt oder sich erklärt, aber die Frau mit den wehenden Haaren und den blitzenden Augen war vor ihm gestanden wie eine Walküre. Eine hübsche Walküre. Ihm hatte es schlicht die Sprache verschlagen – was nicht oft vorkam, eigentlich nie. Zudem war er es nicht mehr wirklich gewohnt, beschimpft zu werden, seit er so erfolgreich war. Wahrscheinlich hatte sie ihn nicht mal erkannt. Sicher sogar. Rückblickend amüsierte ihn ihr wütendes Verhalten sogar ein bisschen. Es war ein erfrischender Zusammenstoß im Einerlei der Huldigungen, die man ihm sonst entgegenbrachte.

Er hatte allerdings keinen blassen Schimmer, warum er auf ihren verständlichen Ärger reagiert hatte wie ein arroganter Schnösel. Zu seiner Verteidigung sagte er sich, dass sie ihn absichtlich hatte provozieren wollen. Und auf eine perverse Art hatte es ihm Spaß gemacht, sie daraufhin noch wütender zu machen. Egal, er würde sie wahrscheinlich sowieso nie wiedersehen und falls doch, würde er eine Entschuldigung nachholen. Jetzt ging es erst mal nach Berlin zurück, sein Kurztrip nach Lüneburg war mit Verlesung des Testaments beendet. Er öffnete die Wagentür und stieg ein. Nachdem er die Zeit auf dem Armaturenbrett kontrolliert hatte, startete er den Wagen und fuhr los.

Das Testament hatte ihn überrascht – er konnte immer noch nicht glauben, dass ihm sein Großvater die Villa hinterlassen hatte. Seine Schwestern hatten beide ein hübsches Sümmchen erhalten und seine Eltern nur den Pflichtteil. Der Alte war also bis in den Tod nachtragend gewesen. Ansgar musste lächeln, das war sein Opa, wie er leibte und lebte. Wenn jemand, in diesem Fall seine Tochter, nicht nach seiner Pfeife tanzte, hatte er die Konsequenzen zu tragen, über Jahrzehnte hinaus. Seine Mutter war achtzehn, als sie mit einem jungen, mittellosen Studenten über Nacht abgehauen war, was ihr Vater ihr niemals verziehen hatte. Er selbst redete mit seinen Eltern auch nur noch das Nötigste, aber das hatte andere Gründe. Sie waren nie mit seinen beruflichen Entscheidungen konform gegangen, und schließlich war es Ansgar zu dumm geworden und er hatte die sozialen Kontakte radikal heruntergefahren.

Seine Gedanken wanderten zu der knapp gehaltenen Begegnung mit seinen Eltern und Geschwistern, als er den Wagen startete und ausparkte. Die Beerdigung am Tag zuvor war ein trauriges Ereignis gewesen, das die Familie nach Ewigkeiten wieder einmal in Lüneburg zusammengebracht hatte. Sonst wohnten alle verstreut über ganz Deutschland, nur er und seine Eltern waren in Berlin geblieben, wo er aufgewachsen war. Seine Schwestern lebten mit ihren Familien in einem kleinen Dorf an der Nordsee und in München. Sie hatten nicht so viel Kontakt jenseits der üblichen Telefonate zum Geburtstag und den normalen Familienfeiern wie Taufe, Hochzeiten oder auch mal an Weihnachten. Sie mochten sich durchaus, daran lag es nicht. Aber im Alltag blieb nicht viel Zeit, quer durch die Republik zu reisen oder um Familientreffen zu organisieren; und wegen des ohnehin schlechten Verhältnisses zu seinen Eltern riss Ansgar sich auch kein Bein aus, um bei jedem Wiegenfest dabei zu sein. Nur seinen Großvater hatte er in den vergangenen Jahren, wenn irgend möglich, zum Geburtstag besucht.

Das brachte ihn zu seinem Erbe. Was sollte er mit der Jugendstilvilla in der verschlafenen Lüneburger Heide anfangen? Er hatte noch keine Idee, aber auch keine Zeit, sich mit dem Zustand des Hauses näher zu befassen, da unaufschiebbare Termine ihn nach Berlin zurückriefen. Ansgar rechnete damit, dass das Haus seiner Großeltern schlecht instandgehalten war. Bald würde er sich alles genauer ansehen und dann entscheiden, ob er die Immobilie verkaufen oder behalten wollte. Mit diesem Entschluss bog er auf die Autobahn ein und ließ Lüneburg Vollgas gebend hinter sich.

Kapitel 1

Zwei Wochen später

„Lilli, komm schon. Trink noch einen mit!“, forderte die blonde Caro ihre Freundin auf.

„Ihr wisst genau, dass ich Alkohol nicht gut vertrage“, versuchte Lilli, sich aus der Affäre zu ziehen.

„Ich vertrag auch nichts“, kicherte Inga. „Und – lasse ich mich davon abhalten?“

Caro beendete die Diskussion, indem sie noch eine Runde Caipi für alle bestellte.

Lilli stöhnte auf und rief der Bedienung hinterher: „Ein Glas Leitungswasser für mich dazu, bitte!“

„Tröste dich, Lilli“, sagte Eva, die Vierte im Bunde, „ich muss morgen früh aufstehen, du musst an einem Samstag ja nicht arbeiten.“

„Stehen die Lünebürger schon so früh auf, um ihre Sextoys zu kaufen?“, fragte Lilli und trank mit schlürfenden Geräuschen den Rest ihres ersten Cocktails durch den Strohhalm aus.

„Ich verkaufe keine Sextoys oder, na ja, nur ein paar. Hauptsächlich geht es doch um Sinnliches und Erotisches, Lingerie zum Beispiel. Aber warum muss ich euch das immer wieder erklären?“

„Dein Laden muss doch boomen, seit dieser Sex-Roman Teuflisches Begehren – Dangerous Passion so bekannt wurde. Phänomenal, wie das ankommt. Aber der Autor Tom Black ist ja auch ein Schnuckelchen“, kommentierte Caro und zog sich anschließend die Lippen nach.

Lilli verzog den Mund. Von dieser Art Literatur hielt sie nicht viel. Genauer gesagt, würde sie es nicht mal als Literatur bezeichnen. Dieser frauenverachtende Erotikschund sollte überhaupt nicht veröffentlicht werden, wenn es nach ihr ginge.

„Auf jeden Fall trauen sich mehr Frauen in meinen Laden und die meisten suchen auch keine Kabelbinder“, lachte Eva.

„Ich hab’ in der Bunten gelesen …“, mischte sich Inga ein.

„Du liest die Bunte?“, unterbrach Eva ihre Freundin mit großen Augen.

„Natürlich liest Frau die Bunte“, warf Caro ein. „Man muss doch wissen, was in der High Society abgeht. Ich habe auch gelesen, das wolltest du doch sagen, Schätzelein, dass dieser T. C. Black ein ziemlich schlimmer Finger ist. Man munkelt, er vögelt mehr Frauen als Casanova seinerzeit.“

„Ekelhaft!“, kommentierte Lilli nun entgegen ihrer Vorsätze doch. „Wie kann man sich das nur antun? Das ist widerlich. Was ist mit all den Emanzipationsbestrebungen passiert, der Eigenständigkeit, für die unsere Großmütter und Mütter gekämpft haben!“

„Ach, du wieder!“, lachte Caro. „Du verstehst doch gar nicht, worum es geht. Hast du die Bücher gelesen?“

„Natürlich nicht“, antwortete Lilli mit einem empörten Schnauben und nahm ihren Caipi entgegen, der soeben von einer jungen Bedienung gebracht wurde.

„Aber das ist doch dein Job! Die Trilogie gehört mittlerweile zur Allgemeinbildung!“, gab Caro nicht nach.

„Nein. Also wirklich nicht. Oscar Wilde oder die Brontë-Schwestern, die gehören zur Allgemeinbildung. Aber doch nicht die Aneinanderreihung von pornografischen Szenen, die die Psyche der Frauen mit Füßen treten!“

„Mädels, keinen Streit“, ging Eva dazwischen. „Ich kann wirklich sagen, dass seit dieser Reihe auch Frauen in meinen Laden kommen, die sich das vorher wahrscheinlich nie getraut hätten. Das ist doch auch eine Form der Emanzipation oder der sexuellen Befreiung.“

Lilli presste die Lippen aufeinander. Warum keine ihrer Freundinnen verstehen wollte, dass man sich als Frau nicht so erniedrigen lassen sollte, wie es von diesem Pfuscher Black beschrieben wurde, war ihr unverständlich. Natürlich hatte sie eine ganze Reihe von Kritiken über diese Bücher gelesen, ebenso wie Textausschnitte daraus, und sie hatte Diskussionen zum Thema verfolgt. Aber mehr Interesse hatte sie dem Phänomen ansonsten nicht entgegengebracht. Nicht entgegenbringen können, weil es ihr Übelkeit verursachte.

Inga trank einen Schluck und warf mit alkoholverhangenem Blick ein: „Ich muss schon sagen, dieser T. C. Black sieht echt scharf aus, also wenn ich Jan nicht hätte …“

„Nicht du auch noch, Inga!“, seufzte Lilli. Sie sog am Strohhalm und verzog das Gesicht, da sie vergessen hatte, vorher umzurühren, und nun Zuckerbrösel in ihrem Mund schwammen.

Caro beugte sich ein Stück vor und flüsterte: „Ich hab auch gelesen, dass Hollywood die Reihe verfilmen will, und angeblich hat man ihm die Hauptrolle seines eigenen Protagonisten angeboten. Ist das nicht hot?“

„Ich würde eher sagen not!“ So einfach wollte Lilli nicht klein beigeben.

„Pah. Du musst mal ein bisschen lockerer werden.“ Caro schüttelte den Kopf und widmete sich nun ebenfalls ihrem Drink.

„Ach, Caro. Nicht persönlich werden, nur weil ich keine Lust darauf habe, mein Selbstwertgefühl mit Füßen treten zu lassen.“

„Du musst dir den Kerl mal ansehen, Lilli“, pflichtete Eva den Anderen bei, „sein Image passt perfekt zu dem seines Protagonisten Vincent Skye. Er ist immer komplett in Schwarz gekleidet, trägt oftmals einen dunklen Hut, ist immer glattrasiert, seine Augen sind schwarz betont. Der Mann sieht aus wie die Fleischwerdung eines schwarzromantischen Helden. Der helle Wahnsinn!“

„Ich verstehe euch einfach nicht. Warum wollen auf einmal alle Bad Boys, die die Frauen schlecht behandeln? Wo ist die Sehnsucht nach dem Ritter auf dem Schimmel hin?“, entgegnete Lilli naserümpfend.

„Aber deinen Ritter, Lilli, müsste man auch erst noch backen. Du hast ja an jedem was auszusetzen“, warf Inga ein.

„Kann schon sein, aber sooo schlimm bin ich auch nicht.“

Caro prustete und ein Cocktailtröpfchenregen sprühte in Lillis Gesicht.

„Hey!“, schrie sie auf. „Igitt!“

„Entschuldige. Aber das war zu komisch! Du bist krass, die Männer, die Interesse an dir haben, bekommen Angst vor dir, weil du sie mit deinen exakt gewählten Worten erst mal in Grund und Boden stampfst. Bei dir hat ja kaum jemand eine Chance, der nicht selbst Dr. phil. oder so was ist.“

„Das nennt man korrekte deutsche Sprache! Ihr seid so fies. Meine Güte, dann lest doch eure schwachsinnigen Bücher über Männer, die Frauen schlagen, um sich aufzugeilen.“

„Lilli, nicht sauer sein. Caro hat es nicht so gemeint, nicht?“ Inga warf Caro einen giftigen Blick zu.

„Ja, ja, schon gut. Tut mir leid, Lilli. Ich bleibe trotzdem der Meinung, dass du nicht über etwas urteilen kannst, das du nur anhand von Kritiken aus höheren literarischen Kreisen kennst. Hundert Millionen, hör hin, Lilli, hundert Millionen verkaufte Bücher lügen nicht.“ Caro legte ihre Handflächen auf die Platte des kleinen runden Tisches, um ihrer Aussage mehr Nachdruck zu verleihen.

„Du kennst dich ja scheinbar gut aus“, gab Eva erstaunt zurück.

„Steht alles in der Bunten. Und in den sozialen Medien. Man muss sich nur ein wenig für das, was den Normalbürger bewegt, interessieren.“

Lilli rollte noch einmal mit den Augen, sagte aber nichts mehr zu diesem Thema. Bei ihren Freundinnen biss sie da anscheinend auf Granit. „Inga, was gibt es Neues zum Thema Michi?“, fragte sie stattdessen, um vom Erotikschund abzulenken.

Inga schaute mit einem Mal etwas bedrückt: „Jan ist in Kontakt mit der Staatsanwaltschaft, er hat die Beweise eingereicht. Mal sehen, was draus wird.“

„Wird echt Zeit, dass deinem Ex die Leviten gelesen werden“, kommentierte Caro trocken.

Inga holte tief Luft: „Kann sein, nur bin ich einfach nicht der Typ für einen Rechtsstreit.“

„Gut, dass du Jan hast“, meinte Eva. „Das ist schon richtig.“

„Ja, weiß ich ja auch. Aber immerhin war ich mit Michi mal zusammen. Es war ja nicht alles schlecht.“

Lilli zog eine Grimasse: „Hör doch auf, Inga, das Thema hatten wir hundertmal! Der Kerl gehört verurteilt. Basta.“

„Genau!“, riefen Eva und Caro gleichzeitig.

„Ja, das entscheidet dann das Gericht. Ich will da nicht weiter drüber sprechen, bitte. Außerdem bin ich echt müde.“ Inga gähnte hinter vorgehaltener Hand, um ihre Aussage zu unterstreichen.

„Ladys, ich schlage vor, wir wechseln die Location. Ich muss mich noch etwas bewegen.“ Lilli wollte los, obwohl sie ihren Cocktail noch nicht ganz ausgetrunken hatte.

„Also ich bin dabei!“, riefen Caro und Eva schon wieder wie siamesische Zwillinge.

„Ich nicht, ich muss morgen auch früh raus“, sagte Inga und zückte ihr Portemonnaie.

„Ha, ha. Du bist so eine schlechte Lügnerin. Du willst nur nach Hause zu Jan ins Bett. Hat dich unsere Unterhaltung über T. C. Black so heiß gemacht?“, lachte Caro.

„Du bist widerlich primitiv, Caro“, antwortete Lilli und zählte das Geld für ihre Drinks ab. „Vielleicht war es auch das Gerede über Michi. Inga?“

Inga schüttelte den Kopf: „Nein, ich bin wirklich einfach nur müde und muss morgen aufstehen.“ Sie verabschiedete sich von allen mit einem Küsschen und wenige Minuten später marschierten die drei Freundinnen ohne Inga über Lüneburgs Kopfsteinpflaster. Sie steuerten direkt ihr Ziel am Stint, die Disco Kreisel, an. Lilli überlegte noch, ob Inga, indem sie nach Hause gegangen war, nicht die klügere Entscheidung getroffen hatte, als Caro sie schon durch den Eingang schob. Gut, jetzt war es auch schon egal, dachte Lilli und warf sich mit ihren Freundinnen ins Getümmel.

Ansgar hatte aufgehört zu zählen, die wievielte Lesung es war, bei der er Teile aus seinen Büchern vortrug. Es war jedenfalls mittlerweile so weit gekommen, dass er den Text im Schlaf hätte herunterrattern können. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, hing ihm das ziemlich zum Hals raus.

Er sah sich im Publikum um und wie üblich waren hübsche Frauen keine Mangelware. Eine süße Rothaarige in der ersten Reihe erregte seine Aufmerksamkeit. Als er sie direkt ansah, leckte sie sich lasziv über die knallrot geschminkten Lippen und spreizte ihre Beine leicht. Ihm fiel auf, dass sie kein Höschen trug. Gut, sie hatte also Interesse dieser Art an ihm. Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht.

Wie üblich musste er sich nach der Lesung etlichen Fotografen stellen, die ihn für ihre Magazine ablichten wollten. Das Blitzlichtgewitter ließ seinen Puls schon seit Monaten nicht mehr in die Höhe schnellen, im Gegenteil, er fand es ermüdend.

Nachdem er die notwendige Öffentlichkeitsarbeit hinter sich gebracht hatte, musste er noch ein paar Bücher signieren, dann konnte er endlich abhauen. Meist ging er nicht alleine. Er hatte nicht vor, daran heute etwas zu ändern.

„Darf ick dich ´n Stückchen begleiten, Tom?“ Die Höschenlose sah ihn erwartungsvoll mit klimpernden Wimpern an, ihre Wangen überzog ein roter Hauch. Sie nannte ihn beim Vornamen seines Pseudonyms T. C. Black, Tom, denn seine wahre Identität hielt er strikt geheim. Ausschließlich seine Agentin kannte seinen echten Namen und natürlich seine engsten Freunde. Trotzdem kommunizierte er mit Irmgard ebenfalls als Tom, um nicht irgendwann einen dummen Fehler zu begehen und sein wahres Ich versehentlich offenzulegen, wenn jemand anderes dabei war.

„Sehr gerne, wie heißt du?“, fragte er kühl. Die Frauen, mit denen er es als Tom zu tun hatte, erwarteten das von ihm so.

„Chantal“, hauchte sie und senkte verlegen den Blick.

Er verkniff sich ein Lächeln. Der Name passte zu ihr, genau wie das breite Berlinerisch. Aber reden wollte er sowieso nicht viel mit ihr. Ihnen war beiden bewusst, dass es nur um das Eine ging. Sex. Harten Sex. Dabei machte er sich keine Illusionen darüber, dass Chantal in ihm nicht mehr und nicht weniger als die Reinkarnation seines Protagonisten Vincent Skye aus Teuflisches Begehren – Dangerous Passion sah. Die Frauen kamen nicht her, um ihn als Ansgar kennenzulernen, sondern um ihren eigenen Phantasien, die durch seine Bücher entfesselt worden waren, Leben einzuhauchen.

BDSM war nicht seine Leidenschaft, nicht mal ansatzweise. Als er das Buch geschrieben hatte, war sein Anliegen, eine Geschichte zu kreieren, die Tabus aufbrach. Genau das hatte er geschafft. Mit dem Aufruhr durch seine Bücher und dem Trubel um seine Person hatte er jedoch nicht gerechnet. In kürzester Zeit hatte er sich ein düsteres Image als Tom zugelegt. T. C. Black trug grundsätzlich nur schwarz, seine Augen waren schwarz umrandet und er war blass geschminkt, was ihn noch verwegener und gefährlicher wirken ließ.

„Komm, Chantal, ich kenne da ein nettes Plätzchen“, sagte er zu ihr und nahm ihre Hand in seine.

Die Champagnerflasche steckte mit dem Hals nach unten im Eis und die enthemmende Wirkung des Alkohols zeigte sich auch heute deutlich bei seiner aktuellen Partnerin.

Ihre Kleidung lag verstreut auf dem Boden der Hotelsuite. Chantal kniete mit dem Oberkörper nach vorne gebeugt vor ihm und hielt sich mit beiden Händen am Bettpfosten fest. Das rhythmische Quietschen des Bettes war nervtötend, während er sich immer wieder in gleichmäßigem Takt in ihr versenkte. Ansgar wollte ihr Gesicht nicht sehen, es war nur eines von vielen, das er morgen ohnehin vergessen haben würde. Sie atmete schnell und warf ihren Kopf in den Nacken, als er in ihr Haar griff und daran zog. Lustvoll schrie sie auf.

Ansgar hatte es satt, es ständig auf die harte, wenig verspielte Art zu treiben, wie ihm in diesem Moment nur noch deutlicher wurde. Für ihn war es ein Fick nach Schema F, und ein mittelmäßiger noch dazu. Um die Sache schneller zu Ende zu bringen, klatschte er Chantal mit der flachen Hand in regelmäßigen Abständen auf das blanke Hinterteil. Er wollte sie damit anheizen und ihr so schneller zum Höhepunkt verhelfen.

„O ja, Tom, härter! Besorg’s mir!“, stöhnte sie in die Kissen und reckte ihm ihren prallen Arsch noch ein wenig mehr entgegen. Er kam ihrem Wunsch nach und stieß härter in sie, auch um sein eigenes Lustempfinden zu verstärken, sonst würde die Nummer ewig dauern.

Anfangs hatte es ihm Spaß gemacht, Frauen reihenweise zu vögeln. Er hatte die Bewunderung genossen, sich beinahe darin gebadet, und der Sex an sich war auch nicht zu verachten gewesen. Aber mittlerweile störte es ihn, dass es dabei nur um Tom ging. Selbst wenn es für seine Liebschaften so aussah, als ob er sie benutzen würde, um seine Lust zu stillen, wusste Ansgar, dass es genau andersherum war.

Rein, raus, rein, raus. Klatsch.

Ein dünner Schweißfilm bildete sich auf dem Körper der Rothaarigen und seinem eigenen.

Die Frauen schliefen mit ihm, um ihre Sexphantasien auszuleben. Gewissermaßen war er schuld daran, denn mit seiner dreiteiligen Bestseller-Reihe hatte er einen wahren Hype ausgelöst. Seine Bücher waren in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt worden, mehr als hundert Millionen Mal verkauft worden und vor nicht allzu langer Zeit hatte ein weiterer Agent vor seiner Tür gestanden und ihm eine horrende Summe für den Verkauf der Filmrechte an Hollywood geboten. Bis jetzt hatte er das Angebot weder angenommen noch abgelehnt, momentan konnte er sich allerdings nicht vorstellen, dass er in seinem eigenen Film mitspielte, denn er wusste ja, welche schauspielerischen Leistungen in den einzelnen Szenen er dann höchstpersönlich würde erbringen müssen. Chantal atmete immer heftiger und forderte wieder seine ganze Aufmerksamkeit.

„Ja, ja. O Gott, mir kommt’s gleich!“, rief die Rothaarige vor ihm und verlangte nach mehr. Er musste sich konzentrieren. Sie erwartete wahrscheinlich, dass er sie dreimal betteln ließ, bis sie schließlich kommen durfte, aber er wollte einfach nur fertig werden. Deswegen stieß Ansgar noch ein paarmal heftig in sie, beobachtete, wie sein erigierter Penis immer wieder in ihren feuchten Schoß eintauchte, und befahl ihr schroff: „Komm jetzt für mich, Baby!“

Das war alles, was sie brauchte, um ihren Orgasmus in die Hotelsuite zu schreien. Ihre Vagina krampfte sich immer wieder um seinen harten Schwanz und ihr Körper versteifte sich. Ansgar fickte sie weiter hart mit geschlossenen Augen, bis auch er endlich körperliche Erlösung fand. Sein Glied zuckte in ihrer feuchten Hitze und er verspritzte seinen Samen stöhnend in den Gummi. Chantal brach schließlich schwer atmend unter ihm zusammen und sank matt in die Kissen.

Ansgar entsorgte zuerst das Kondom, dann legte er sich einen Moment neben sie, auch, weil sie es von ihm erwartete. Wie lange musste er bleiben, bis er sich davonstehlen konnte, ohne wie ein Arschloch zu wirken? Der Geschlechtsakt ließ ihn einmal mehr leer zurück und das dumpfe Gefühl in seinem Inneren bereitete ihm beinahe körperliches Unbehagen.

Chantal schnurrte in sein Ohr: „Tom, das war der beste Sex meines Lebens!“ Dabei strich sie ihm mit ihren rot lackierten, falschen Fingernägeln über seine glatte Brust. Er seufzte leise auf. Sie verstand es offenbar als Zustimmung und schmiegte sich noch enger an ihn, obwohl es genau das Gegenteil von dem war, was er wollte. Er musste weg. Weit weg.

Eine Viertelstunde später war sie endlich eingeschlafen und Ansgar schlich sich davon. Er hinterließ ihr eine Nachricht auf dem Nachttischchen, dass das Zimmer bezahlt sei und er ihr für das einmalige Erlebnis danke. Schnell verschwand er in die Nacht, zurück in seine eigene Wohnung.

Eine seiner überlebenssichernden Grundregeln: Niemals einen One-Night-Stand mit nach Hause nehmen, schon gar nicht, wenn er als T. C. Black unterwegs war.

Ansgar erwachte erschöpft und schlecht gelaunt, weil sein Smartphone klingelte. Diese sinnlose Herumhurerei musste ein Ende haben, bevor er sich selbst unwiederbringlich verlor.

„Ja?“, beantwortete er den Anruf verschlafen.

„Hi Tom.“

Irmgard Becker. Seine Agentin. Er wusste, was sie von ihm wollte. Aber er hatte nichts für sie.

„Was gibt’s, meine Liebe?“

„Tolle Lesung gestern. Wirklich. Aber ich bin ungeduldig, Tom. Wann kommt endlich das nächste Manuskript von dir? Du hältst mich jetzt schon seit Wochen hin! Wir müssen das Eisen schmieden, solange es heiß ist! Schreib irgendwas, von mir aus die Story aus ihrer Sicht oder die, bevor sie sich kennengelernt haben, oder was weiß ich!“

Er atmete hörbar aus und ließ sich tief in die Kissen zurücksinken.

„Bald, ich sitze dran“, log er.

Er hatte schon seit Wochen, ach was, seit Monaten kein einziges Wort mehr getippt, das er nicht nach wenigen Minuten wieder gelöscht hatte.

„Das will ich dir auch geraten haben! In fünf Jahren kräht kein Hahn mehr danach!“

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Ist gut, Irmgard. Ich melde mich. Bald.“ Genervt legte er auf und schloss die Augen.

Finanziell hatte er nach Teuflisches Begehren ausgesorgt, aber darum ging es ihm nicht. Er wollte, verdammt noch mal, beweisen, dass er kein One-Hit-Wonder war. Aber aus seiner Feder wollte einfach kein einziger vollständiger Satz mehr fließen. Es war wie verhext.

Er würde es an diesem Morgen jedoch kaum ändern, wenn er liegen blieb, also setzte er sich auf und begrüßte seine Mitbewohnerin.

„Du bist das einzige weibliche Wesen, das ich wirklich liebe, Josie. Weißt du das?“ Seine Mischlingshündin lag in der Türschwelle und reckte den Kopf ein wenig in die Luft, ließ ihn dann wieder sinken. Natürlich hatte sie keine Ahnung, was er von ihr wollte, und da nicht die Begriffe „Gassi“ oder „Fresschen“ in seinem Satz vorgekommen waren, interessierte es sie nicht weiter. Er lächelte und schwang sich dann aus dem Bett, um die Vorhänge aufzuziehen.

Als er aus dem Fenster seines Penthauses sah, traf ihn beinahe der Schlag. Schnell zog er die dunklen Gardinen wieder zu. Unten standen tatsächlich eine ansehnliche Menge Frauen und einige Paparazzi.

„Scheiße!“, rief er, „ich bin aufgeflogen!“

Irgendjemand musste ihn nach seinem letzten Fick bis nach Hause verfolgt haben.

Selbst schuld. Irgendwann musste es ja so kommen, dachte er verärgert.

Ansgar rieb sich am Kinn, während er darauf wartete, dass die Kaffeemaschine grünes Licht anzeigte. Endlich! Er drückte auf die Taste und das vertraute Geräusch des Mahlwerks beruhigte seine Nerven ein bisschen.

Während er den Kaffee trank und sich das Koffein langsam in seiner Blutbahn verteilte, überlegte er, wie er aus dieser Sache wieder herauskam.

Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als sich eine neue Bleibe zu suchen. Er hatte absolut keine Lust auf ständige Belagerung durch weibliche Fans, die von T. C. Black genagelt werden wollten.

Ansgar lachte sarkastisch auf. Das hätte ihm mal jemand sagen sollen, als er mit einem Diplom in Sozialwissenschaften von der Berliner Humboldt-Universität abgegangen war. Sein Prüfungsgebiet war die Geschichte der Pornographie gewesen. Einer der Gründe, warum er sich so mit seinen Eltern zerstritten hatte, denn sie waren strikt dagegen gewesen, dass ihr Sohn sich mit etwas derart „Schmutzigem“ befasste. Dass aus ihm kurz nach dem Studium ein Bestseller-Autor werden würde, dem die Frauenwelt zu Füßen lag, hätte ihm nicht einer seiner Professoren zugetraut. Kein Agent und kein Verlag hatte etwas von Ansgar Sieb wissen wollen. Nicht einer aus seiner Familie hatte ihn ermutigt, immer nur hatte er gehört, er solle doch was „Vernünftiges“ machen. Er hatte sie alle überrascht, sich selbst wahrscheinlich am allermeisten. Nur war es nun zu viel des Guten. Er hielt es nicht mehr aus, wie ein Objekt behandelt zu werden.

Während er sich zwei Toastscheiben mit Erdnussbutter und Marmelade bestrich, hatte er eine Idee. Er kaute ein wenig darauf herum, bis er einen Entschluss fasste.

Das Geschirr stellte er in die Spüle, das konnte Olga, seine gute Seele, die nach dem Rechten sah, aufräumen. Die beklagte sich ohnehin ständig, dass sie nicht genug zu tun hatte in den vier Stunden, für die er sie bezahlte. Aber er war einfach zu selten zu Hause, als dass er viel schmutzig gemacht hätte. Natürlich würde sie sein Penthaus auch in drei Stunden blitzblank putzen können, aber sie brauchte das Geld. Manchmal war er einfach gutherzig. Beruhigend, dass das keine seiner Leserinnen wusste, überlegte er und verzog das Gesicht.

Ansgar warf eine Menge Klamotten in zwei Koffer, packte auch Josies Fressnapf und ihre Wasserschüssel, die Leine und das Kissen ein. Nur noch seine Kamera, das Laptop und ein Ladekabel. Mehr würde er nicht benötigen, alles Andere gab es auch vor Ort.

Die siebenjährige Hundedame sprang schwanzwedelnd neben ihm her, als sie auf dem Weg in die Tiefgarage waren. Auch wenn sie länger brauchte als andere Hunde, um sich in einer fremden Umgebung wohlzufühlen, war es für sie wichtiger, mit Herrchen wegzufahren als stressfrei von ihm getrennt zu sein. Josie war ein sehr anhängliches Tier, was auch daran lag, dass sie keinen guten Start ins Leben gehabt hatte. Als er sie mit sechs Monaten bekommen hatte, nachdem eine Agentur sie aus einer rumänischen Tötungsstation geholt hatte, war sie fast verhungert und zu Tode verängstigt gewesen. Es hatte Wochen gedauert, bis er sie hatte anfassen dürfen. Davon merkte man jetzt kaum noch etwas, nur bei Fremden gab es anfangs Probleme. Zum Glück hatte er in Berlin eine ganz liebe Nachbarin, die Josie für ihn versorgte, wenn er unterwegs war. Aber das würde in diesem Fall nicht nötig sein.

„Bitte schön“, sagte er zu Josie und hielt ihr die Beifahrertüre auf. Mit einem Satz war sie auf den braunen Ledersitz gesprungen und machte es sich bequem. Wenige Minuten später dröhnte der Motor des schwarzen Bugatti, als er viel zu schnell aus der Tiefgarage seines Wohnhauses fuhr, um Fotografen und Groupies zu entkommen.

Drei Stunden später bog Ansgar mit ambivalenten Gefühlen in die Auffahrt zum Haus seines Großvaters ein. Zu seinem Haus, korrigierte er sich. Er hatte früher oft die Ferien bei seinen Großeltern verbracht, er hatte sie als fürsorglich und liebevoll in Erinnerung. Sein Großvater war zwar als ziemlicher Querkopf durchs Leben gegangen, aber seine Enkel hatte er immer geliebt. Die Großmutter war eine herzensgute Frau gewesen, die leider an Brustkrebs gestorben war, als Ansgar gerade mit dem Studium begonnen hatte. Sie war seinerzeit die Einzige, die ihn in seinem Bestreben unterstützt hatte. Mittlerweile war Ansgar sich sicher, dass sie die Saat zu seinem späteren Erfolg in seinen Kopf gepflanzt hatte. Sie war immer eine passionierte Geschichtenerzählerin gewesen und das hatte Ansgar schon als Kind fasziniert.

Er stand neben seinem Wagen und sah sich um. Die Beete vor der Villa waren zugewuchert, Unkraut hatte das Kommando übernommen, abgebrochene Äste lagen überall verstreut. Der Zaun musste dringend neu gestrichen werden, sonst würde die Witterung ihm bald endgültig den Garaus machen. Hoffentlich sah es drinnen besser aus.

„Komm“, rief er Josie zu, als er die Beifahrertür für sie öffnete. Seine Hündin sprang schwanzwedelnd auf ihn zu, ließ sich kurz den Kopf tätscheln und machte sich dann zaghaft auf eine Erkundungstour. An der Haustür zog Ansgar die Post aus dem überquellenden Briefkasten, eine Menge kostenlose Wochenzeitungen kamen zum Vorschein, die gleich ins Altpapier wandern würden.

Als er die Tür öffnete, strömte ihm der vertraute Geruch aus Kindheitstagen entgegen, Staub, altes Holz und Liebe. Trotzdem war die Abwesenheit seiner Großeltern beinahe körperlich spürbar, die Seele des Hauses war nicht mehr da.

„Wollen mal sehen, ob wir das ändern können“, sagte er zu sich selbst, als er die Zeitungen auf den Boden warf. Darum würde er sich später kümmern. Die schwarzen und weißen Fliesen im Eingangsbereich waren abgestoßen und zerkratzt, sonst sah das Haus aber einigermaßen vernünftig aus, auf den ersten Blick zumindest. Er zuckte mit den Achseln. Was hatte er erwartet? Sein Großvater hatte die letzten Wochen seines Lebens in einem Hospiz verbracht, wo er schließlich friedlich eingeschlafen war. Alleine. Das war das Einzige, was Ansgar bereute. Aber es hatte keiner aus der Familie die Zeit aufbringen können, ihn zu Hause zu pflegen, und er selbst war auch nur unterwegs gewesen in den letzten Monaten. Er musste sich an die eigene Nase fassen, bevor er seine Eltern oder Geschwister beschuldigte, sie hätten den Großvater bei sich aufnehmen müssen. In den letzten anderthalb Jahren war Ansgar ausschließlich damit beschäftigt gewesen, sein Ego im Glanz seines strahlenden Erfolgs zu sonnen. Aber damit war jetzt Schluss, vielleicht war das der richtige Ort für einen Neuanfang. Eine Weile seine Identität alias T. C. Black abzulegen, würde ihm definitiv guttun.

Ansgar deponierte die Autoschlüssel auf die Anrichte in der Diele und machte einen kurzen Rundgang durchs Haus. Josie war nun auch hereingekommen, schnüffelte hie und da und lernte die neue Umgebung kennen.

Wenig später stand für ihn eines fest: Er brauchte dringend ein neues Bett. So gerne er seinen Opa auch gemocht hatte, aber das schreckliche alte Monstrum ging gar nicht. Auch die Vorstellung, die Schlafstätte eines Toten zu übernehmen, fand er abwegig und falsch. Ansonsten war das Haus weitgehend sauber, bis auf ein paar Spinnenweben und Staub da und dort.

Ansgar blieb schließlich in der Mitte der Bibliothek stehen und sah sich um. Als Kind hatte er sich oft gefragt, was seine Großeltern mit all den Büchern wollten, jetzt wusste er diese umfangreiche Sammlung besonders zu schätzen. Es waren einige wertvolle Erstausgaben bedeutender Schriftsteller dabei, aus denen sein Opa ihm manchmal vorgelesen hatte. Was würde der alte Literaturkenner wohl von ihm denken, er, ein berühmter Erotikautor? Sein Großvater war ein Feingeist gewesen, der Lessing und Rilke verehrt hatte, als wären sie die unvergänglichen Superstars. Was sie in ihrer Zeit vielleicht auch gewesen waren. Seine Oma hingegen war begeisterte Liebesromanleserin gewesen, ein Buch ohne eine gute Romanze war für sie einfach keine lesenswerte Geschichte. Kistenweise hatten sich bei ihr in der Küche die Heftchenromane gestapelt, während Opas Schinken einen Platz in der Bibliothek bekommen hatten. Heutzutage hatte sich an dieser Rollenaufteilung nicht viel geändert, bis auf den kleinen Unterschied, dass es seit seinen Werken schick war, Erotik zu lesen. Wären sie stolz darauf, was ihm gelungen war, oder wären sie enttäuscht gewesen, dass er der hohen Literatur mit seinen Werken den gestreckten Mittelfinger gezeigt hatte?

Er fuhr mit den Fingerkuppen über den Mahagonischreibtisch im georgianischen Stil. An den schweren Schubladen hingen glänzende Messinggriffe, das dunkle Holz glänzte und fühlte sich kühl unter seiner warmen Haut an. Seine Oma hatte ihm erzählt, wie sie dieses Möbelstück eigens aus England hatte kommen lassen, er war ihr ganzer Stolz gewesen. Auch wenn sie selbst nie literarisch geschrieben hatte, so hatte sie doch oft ihre Gedanken auf Papier festgehalten. Erinnerungen überwältigten ihn und machten ihm deutlich, wie alleine er tatsächlich war. Hastig wandte er sich ab.

Es würde sicher einige Tage dauern, bis er sich an sein neues Zuhause-auf-Zeit gewöhnen würde. Fürs Erste musste er ein paar Grundeinkäufe tätigen, um sich hier einrichten und halbwegs wohlfühlen zu können. Glücklicherweise war der Kühlschrank blitzblank und leer und nicht voller vergammelter Reste, die keiner entsorgt hatte.

Internetzugang gab es keinen, nicht mal einen funktionierenden Telefonanschluss, stellte er am Abend fest. Daran hatte er nicht gedacht, als er seinen PC hochfuhr, um Mails zu checken und ein paar Bilder auf seine Website hochzuladen. Seit einigen Jahren betrieb er eine kleine Website, auf der er eigene Fotografien verkaufte. Er verdiente nicht viel damit, aber es war ein schönes Hobby, das ihm neben dem Schreiben viel Spaß brachte – und das unter seinem echten Namen lief. Momentan war er mit der Digitalkamera jedenfalls wesentlich produktiver als beim Schreiben.

Um das Internet würde er sich morgen als Erstes kümmern, danach war ein Besuch bei einem Innenausstatter fällig, um das Schlafzimmer neu einzurichten.

Kapitel 2

Lilli fühlte sich wie gerädert. Seit die Wohnung unter ihr ständig über Airbnb vermietet wurde, konnte sie oft kein Auge zu tun, weil die wechselnden Gäste keinerlei Rücksicht auf die anderen Bewohner des Hauses nahmen. Die Wände waren einfach zu dünn, es war zum Heulen. Missmutig füllte sie Sarotti etwas Futter in den Fressnapf, bevor sie selbst eine Tasse Tee trank und sich mit ihrem Laptop an die Arbeit machte. Eine ihrer Kundinnen machte schon wieder Druck, dass sie ihr „endlich“ den Text fertig bearbeitet zuschicken sollte. Dabei war sie noch nicht mal zur Hälfte durch. Seufzend wartete sie, bis Word das Dokument geöffnet hatte, denn ihr Computer war nicht mehr der Jüngste und sie war schon froh, wenn sie ohne mehrere Programmabstürze durch den Tag kam. Bevor sie loslegte, überflog sie die aktuellen Neuigkeiten, zuletzt warf sie einen Blick auf die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste. „Nicht zu fassen!“, fluchte sie vor sich hin. „Dieser Müll belegt immer noch die drei ersten Ränge!“ Kopfschüttelnd schloss sie den Internetbrowser und widmete sich der seichten Romanze ihrer Kundin. Gegen Liebesromane hatte sie an und für sich ganz und gar nichts, nur sollten die Protagonistinnen doch bitte schön ein gewisses Grundmaß an Intelligenz und Selbstwertgefühl besitzen.

Für Mitte August war es nicht zu heiß, deshalb beschloss sie am Nachmittag, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, bevor sie sich wieder an die Arbeit machte.

Im Treppenhaus begegnete sie ihrer Nachbarin, die gelegentlich ihre Katze versorgte, wenn sie selbst unterwegs war. Sie trug die Landeszeitung und einige Briefumschläge in der Hand; die Post war also schon da gewesen.

„Hallo Frau Tachert, wie geht es Ihnen?“

„Hallo Lilli, mir geht’s wunderbar …“ Sie zögerte und schielte auf ihre Post. „Allerdings ist es mir schon sehr unheimlich, dass hier jetzt ständig fremde Leute im Haus sind.“ Die grauhaarige Dame kniff die Augen zusammen und blieb bei Lilli auf dem Treppenabsatz stehen.

„Das sehe ich wie Sie, ich habe schon einen Brief an die Hausverwaltung geschrieben, … aber natürlich keine Antwort bekommen.“

Frau Tachert schüttelte den Kopf. „So was sollte verboten gehören, das kann doch nicht sein!“

„Leider doch. Abwarten und Tee trinken. Aber glauben Sie mir, mich stört es genauso!“

„Ich will Sie nicht aufhalten, Sie sind auf dem Sprung?“

„Sie wissen doch, mein täglicher Spaziergang muss sein! Ansonsten sitze ich ja den ganzen Tag vor dem Bildschirm. “

„Ja, ja. Heute ist das ja alles anders, als ich noch als Sekretärin gearbeitet habe, musste man noch Steno können …“

„Ja, äh, wir sehen uns bald, liebe Frau Tachert.“ Lilli hatte nicht die Muße, über vergangene Jahrzehnte zu reden. Sie mochte ihre Nachbarin wirklich gern, aber sie hatte meistens immens viel Zeit.

„Wiedersehen, Lilli“, gab sie mit einem Lächeln zurück.

Auf dem Weg nach draußen sah Lilli, dass auf ihrem Briefkasten ein brauner Umschlag stand. Neugierig nahm sie ihn herunter, adressiert war er nur an „Lilli“.

Die Sendung stellte sich als die dreibändige Taschenbuchausgabe der „Teuflisches Begehren“-Reihe heraus. Dazu hatte Caro ihr eine Nachricht geschrieben:

Schätzchen, tu was für Deine Allgemeinbildung, Shakespeare ist lange tot. Küsschen, Caro

Lilli schüttelte den Kopf, dann musste sie grinsen. Sie rannte die Treppe nach oben und legte zwei der drei Bände neben die Schuhe vor ihrer Wohnungstür, den ersten steckte sie in ihre Umhängetasche. Ihre Freundin war einfach unverbesserlich. Sie rannte die Treppen wieder nach unten und machte sich auf den Weg in den Kurpark. Vor dem Gradierwerk setzte sie sich auf eine Bank in den Schatten, zog den ersten Teil der Trilogie aus der Tasche und las sich den Klappentext durch. Widerwillig begann sie zu schmökern.

Aus der Nähe hörte sie ein Hundebellen, das sie von ihrer Lektüre aufschauen ließ. Es gehörte zu einem Mischlingshund, der ein rotes Halstuch als Halsband in der wilden Mähne hängen hatte. Der Besitzer des Hundes trug eine braune Lederjacke und hatte ein ansehnliches, breites Kreuz. Bisschen warm für Leder, dachte Lilli und widmete sich wieder dem Buch. Die ständigen Wort- und Phrasenwiederholungen raubten ihr allerdings nach hundertfünfzig überflogenen Seiten dermaßen den letzten Nerv, dass sie für diesen Tag aufgab und noch einmal durch den Park spazierte, bevor sie zu ihrer Arbeit nach Hause zurückkehrte. Warum man für einen Bestseller aus einem durchaus bekannten Verlag nicht in ein vernünftiges Lektorat investiert hatte, war ihr schleierhaft. Natürlich war sie selbst eine äußert kritische Leserin, sozusagen Berufskrankheit, aber die Wortwiederholungen waren noch nicht mal das Schlimmste an dem Werk; stilistisch mangelte es an allem. Ihrer Meinung nach sollte man nicht von „harten Schwänzen“ und „Schäften“ und keine Ahnung was schreiben; man sollte erotische Szenen raffiniert umschreiben, anstatt wie der Maurer mit der Kelle auf den Mörtel zu klopfen. Nein, sie konnte sich definitiv nicht mit dieser Art erotischer Trivialität anfreunden, die momentan bei vielen Leserinnen und Lesern so beliebt war. Kurz tippte sie eine SMS an Caro. Danke für die Bücher, aber nichts für mich. Da lobe ich mir doch meine Georgette Heyer, bei der ein ordentliches Wortgefecht erotische Untertöne en masse transportiert, anstatt ständig abspritzende Raketen vor Augen geführt zu bekommen …

Für heute hatte Ansgar einiges geschafft, das Bett war nicht nur geliefert worden, sondern auch schon aufgestellt, außerdem hatte ihm der Mann von der Telekommunikationsfirma nach etlichen Anläufen und Ansgars beharrlichem Nachhaken hoch und heilig versprochen, dass er bis Ende der Woche einen funktionierenden Internetanschluss haben würde. Um Josie noch ein wenig Auslauf zu gönnen, ging er mit ihr nach dem Einkaufen in den Kurpark. Hier hatte sich kaum was verändert, seit er das letzte Mal dagewesen war. Ein paar neue Verbotsschilder gab es, früher war es erlaubt gewesen zu picknicken, mittlerweile durfte man das nur noch im ‚wilden‘, nicht eingezäunten Teil. Eigentlich schade, dachte er, der Kurpark war ein beliebter Treffpunkt gewesen, wo man feiern konnte, als er selbst Teenager gewesen war. Nur noch vereinzelt lagen hie und da ein paar Studenten in der Sonne. In seinen Erinnerungen war der Kurpark immer voll mit Picknickenden gewesen, voller Leben, Musik und Lachen. Wieder was wegreguliert. Wenn er sich nicht täuschte, irrten jetzt eher vereinzelt Pokémon-go-Spieler durch die Landschaft, Nase im Smartphone und planlose Volten schlagend, ab und zu scannten sie hektisch die Gegend ab. Komische Welt.

Ansgar stellte fest, dass es bereits halb fünf war, Zeit für einen Kaffee.

„Mist“, entfuhr es ihm. Er musste noch mal zurück in die Stadt, denn er brauchte unbedingt eine vernünftige Kaffeemaschine. Das alte Ding, das sein Großvater immer benutzt hatte, war schrecklich. Ansgar hasste Filterkaffee fast so sehr wie nörgelnde Weiber. „Komm, Josie“, rief er seiner Hündin zu, die gerade damit beschäftigt war, an einem Kaninchenbau zu schnuppern, aber sofort gehorchte.

Josie trottete auch ohne Leine locker neben ihm her, andere Hunde interessierten sie nicht, solange sie sie in Ruhe ließen. Von alleine suchte sie kaum Kontakt, dafür war sie viel zu ängstlich. Ansgar erinnerte sich an den Kaffeeladen in der Straße Am Berge, vielleicht konnten die ihm dort ja weiterhelfen. Seine Großeltern hatten ihren Kaffee jedenfalls immer dort gekauft, weil die Bohnen vor Ort geröstet wurden und die Qualität exzellent war. Aber Filterkaffee blieb Filterkaffee und er wollte unbedingt eine Maschine mit eigenem Mahlwerk.

Lüneburg war nicht groß, man konnte sich in der Innenstadt kaum verlaufen, trotzdem hatte er es geschafft, zweimal falsch abzubiegen, sodass er einen Umweg über den Rathausmarkt machen musste, um schließlich über die Straße An den Brodbänken zu seinem Ziel, der Rösterei, zu gelangen.

Die hübsche Eigentümerin des Ladens riet ihm, nachdem er einen vorzüglichen Espresso bei ihr getrunken und seine Frage gestellt hatte, eine echte Elektra zu nehmen, was Ansgar allerdings viel zu aufwendig schien. Man musste das Pulver in eine Form pressen und dann Hebel betätigen und das Wasser gesondert einfüllen. Viel zu kompliziert. Er liebte es gut, aber bequem.

„Danke, ich glaube, ich bin mehr der Typ für Mahlwerke und Displays“, gab er lächelnd zu.

„Das hab ich schon ein paarmal gehört“, erwiderte die Frau mit dem frechen Pixie-Cut augenzwinkernd. „Ich kann nur sagen: Es ist die Mühe wert.“

„Mal sehen, vielleicht nehme ich erst einen zweiten Espresso, setze mich in die Sonne und entscheide dann.“

„Sehr gerne. Ich bringe Ihnen gleich einen nach draußen.“

„Vielen Dank, ach, und ich nehme auch noch ein Stück von dem Kuchen hier“, er deutete auf den Käsekuchen im Kühlkarussell.

„Gute Wahl, der ist wirklich sehr lecker und ganz frisch.“

Josie machte es sich unter dem Tisch bequem und Ansgar tippte ein paar Nachrichten auf seinem Smartphone. Ohne Internet fühlte er sich wie ein Junkie auf Entzug, das war irgendwie beängstigend. So genau hatte er darüber noch nie nachgedacht, in Berlin gab es an jeder Ecke Free-Wifi, aber im verschlafenen Lüneburg hatte sich so was anscheinend noch nicht herumgesprochen. Er telefonierte kurz mit zwei Freunden aus Berlin und informierte sie, dass er für einige Zeit nicht in der Stadt sein würde. Konstantin und Malte waren zuverlässige Kumpels aus dem Studium, die von seinem Doppelleben wussten, ihnen vertraute er blind. Aber beide konnten nicht genug von Partys und Frauen bekommen, und genau davon brauchte Ansgar jetzt Abstand. Deswegen informierte er sie vorerst auch nicht darüber, wo er zu finden war. Die beiden waren imstande, ihn mit einer Horde Feierwütiger zu überfallen, und dann wäre es dahin gewesen mit der Ruhe und dem Frieden. Wobei: Seine Privatsphäre hatten sie immer respektiert – aber trotzdem. Die Villa konnte sich als zu große Versuchung erweisen. Ansgar brauchte eine Pause von allem.

„Hier, bitte schön. Lassen Sie es sich schmecken“; hörte er eine melodische Stimme sagen, die ihn damit ins Hier und Jetzt zurückholte. Die Chefin persönlich brachte ihm seine Bestellung und ließ ihn dann aber sofort wieder alleine. Er gab zwei Löffel braunen Zucker in die kleine Tasse, rührte um und probierte. Ja, wirklich gut. Sie hatte recht mit dem Kaffee aus einer Elektra-Maschine, aber er würde sich trotzdem lieber nach einer elektrischen umsehen. Bohnen und Wasser reinkippen, Knöpfchen drücken und fertig. Das war mehr sein Ding als solche Ungetüme, wie sie hier im Kaffeeladen angeboten wurden.

Kurz vor Ladenschluss verließ er ein Haushaltswarengeschäft in der Lüneburger Innenstadt mit einem silbernen Maschinchen, das ihm mit seinem Schweizer Mahlwerk fortan hoffentlich leckeren Kaffee zubereiten würde, während er seinen nächsten Bestseller tippte. Solch fromme Wünsche ... Schnell verdrängte er den Gedanken an seine Schreibblockade und konzentrierte sich auf seine Umgebung.

Ansgar fand es erfrischend anders in Lüneburg. In letzter Zeit hatte er sich fast ausschließlich in den Großstädten und Metropolen der Welt herumgetrieben, gehetzt von Lesungen und einem Termin nach dem anderen. Er war selbst in Berlin nicht vor dem Erkanntwerden sicher, ständig musste er auf der Hut sein. Hier hatte ihn noch niemand entlarvt, was auch daran liegen konnte, dass er nur quietschbunte Shirts trug und sich schon seit seiner Abreise nicht mehr rasiert hatte. T. C. Black wäre niemals unrasiert auf die Straße gegangen. Das konnte jetzt von Vorteil für ihn sein und den würde er auch nutzen. Er hatte nicht vor, sich einen Vollbart wachsen zu lassen, aber ein gepflegter Dreitagebart wäre okay. Nicht, dass er sich im Allgemeinen viel Gedanken um sein Aussehen machte, ihm ging es nur darum, sich so stark wie möglich von Tom Black zu unterscheiden. Er vermisste sein zweites Ich bisher kein bisschen. Vielleicht würde es bald Schlagzeilen geben, von wegen er wäre verschollen, aber das war ihm herzlich egal. „Hey, hey? Sieh mal! Ist das nicht Tom Black?“, hörte er eine junge Frau ein paar Meter weiter ihrer Begleiterin zurufen.

Scheiße, dachte er. So viel dazu. Er sah sich um. Zum Weglaufen war es zu spät.

Die zwei Mädchen kamen auf ihn zu, die eine hatte kurze, hellblonde Haare und war deutlich übergewichtig. Die zweite überragte ihre Begleiterin um Haupteslänge, ihre dunklen Locken hingen wirr um ihr herzförmiges Gesicht. Die Wangen beider Fans waren gerötet, als sie ihn direkt ansprachen: „Entschuldigung, dürfen wir vielleicht ein Foto mit Ihnen machen? O mein Gott, ich glaub das nicht, Jutta! Das ist er! Da ist er wirklich.“ Die Stimme der Blonden überschlug sich förmlich, während die Andere ihn mit offenem Mund anstarrte.

„Natürlich. Kein Problem, solange ihr das nicht auf Facebook oder so veröffentlicht.“

Sein Unbehagen wuchs, während er zwischen den beiden posierte. Ein paar Schnappschüsse mit der Handykamera später und er stand wieder alleine in Lüneburgs Schröderstraße. Eilig hastete er in einen Laden und besorgte sich ein Basecap, um solche Szenen zukünftig zu verhindern. Das hatte ihm noch gefehlt, dass er hier andauernd belagert werden würde. Wenn es sich herumsprach, dass er in der Stadt war, würde es nicht lange dauern und sein ruhiger Rückzugsort würde einem Bahnhof gleichen.

Ansgar zappte sich durchs Fernsehprogramm, schaltete jedoch bald wieder ab, den Mist konnte man sich nicht antun. Immer noch fühlte es sich seltsam an, in der Villa allein zu sein. Obwohl er schon mehrere Tage hier war, dachte er ständig, dass sein Großvater gleich um die Ecke kommen müsste, aber alles blieb still. Glücklicherweise waren ihm keine weiteren Fans begegnet, die ihn erkannt hatten. Wenigstens etwas.