Ein Weihnachten zum Verlieben - Meg Boysen - E-Book
Beschreibung

Schon immer war der kleine Buchladen Graf der Ort, der Jessica über jedes noch so frostige Wintertief hinweghelfen konnte. Doch als sie nach drei Jahren in London in ihr Heimatdorf zurückkehrt, hat sich einiges verändert: Statt der liebevollen Weihnachtsdekoration ist der Laden kahl und leer - und plötzlich steht der junge Buchhändler Noah vor ihr, der Jessica gehörig den Kopf verdreht, nur um sie dann wieder von sich zu stoßen. Dennoch: An seiner Seite will sie den Laden wieder in das Wunderland ihrer Kindheit verwandeln. Nur merkt sie bald, dass ihr neben Lichterketten und Plätzchenduft noch mehr fehlt für ein perfektes Fest …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:139


IMPRESSUM

books2read ist ein Imprint der HarperCollins Germany GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg, info@books2read.de

Geschäftsleitung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke

Copyright © 2016 by books2read in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Umschlagmotiv: openeyed11,avean / Thinkstock, Yganko, Pagina / Shutterstock Umschlaggestaltung: Deborah Kuschel

Veröffentlicht im ePub Format im 10/2016

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733785826

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. books2read Publikationen dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

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1. KAPITEL

Mit einem tiefen Seufzen trat Jessica aus dem Bürokomplex. Hinter sich hörte sie die Stimme von Tobias Scholz, ihrem Kollegen – und leider auch Exfreund.

„Jetzt warte doch mal, JayKay! Wann wollen wir denn nun essen gehen? Ich kann morgen.“

Die Selbstsicherheit und Arroganz in seiner Stimme ließen Jessica nur noch fester die Tür hinter sich zuziehen. War er schon immer so gewesen? Was hatte sie nur jemals an ihm gefunden?

Sie schlang ihren grauen Mantel enger um sich und schaute auf die traurigen Überreste des Schnees. Noch heute Morgen hatte sie sich bei ihrer kleinen Joggingrunde, die sie in einem Anflug von Motivation unternommen hatte, auf einen ausgedehnten Winterspaziergang am Abend durch den Stadtpark gefreut. Doch inzwischen hatte es getaut, und die Straßen waren grau und nass. Alles wirkte trostlos, selbst die bunte Weihnachtsdekoration kam mit ihren blinkenden Lichtern nicht gegen das schlechte Wetter an.

Sie musste an das Einkaufszentrum Harrods in London zurückdenken mit den pompösen goldenen Christbaumkugeln, die von den Decken hingen, und den roten Schleifen an den Geländern. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, in ihre alte Heimatstadt nach Deutschland zurückzukehren.

Trotz des kalten Wetters ging Jessica zu Fuß nach Hause, schließlich saß sie den ganzen Tag vor dem Computer. Ihr sonst so freundliches Gesicht bekam einen grimmigen Ausdruck, als ihr der heutige Tag noch einmal durch den Kopf ging. Ihr erster Arbeitstag in ihrer alten Abteilung der Werbeagentur.

Fast drei Jahre lang war sie in London gewesen, nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern hatte sie es einfach nicht mehr in ihrer Heimat ausgehalten. Zu schrecklich war die Zeit nach dem tragischen Unfall gewesen, wo doch alles in der Stadt sie an ihre Eltern erinnerte. Jessica hatte hier ihr ganzes Leben mit ihnen verbracht.

Doch mit ihrem Tod hatte sich alles verändert. Es war bald auf den Tag genau drei Jahre her. Jessica erinnerte sich noch an den Anruf aus dem Krankenhaus. Die Worte Verkehrsunfall, Unfallstelle und verstorben hatten noch ewig in ihr nachgehallt.

Danach konnte sie kaum noch die Wohnung verlassen. An jeder Ecke warteten Erinnerungen auf sie. Vor dem Bäcker auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Beispiel. Dort hatte sie zum ersten Mal versucht, alleine Fahrrad zu fahren. Vor dem Blumenladen war sie dann zum ersten Mal gestürzt und hatte sich das Knie aufgeschlagen. Sie erinnerte sich noch, wie ihre Mutter angelaufen kam, sie tröstete und ihr ein Eis kaufte, das sie essen konnte, während die Mutter die Wunde besah.

Jessica lächelte bei der Erinnerung. Inzwischen war sie dankbar für diese schönen Momente. Selbst an der Ampelkreuzung konnte sie inzwischen wieder vorbeigehen ohne das verhasste Brennen in den Augen. Die Kreuzung, wo die Hauptstraße auf die Umgehungsstraße traf, die Kreuzung des Unfalls. Vor fast drei Jahren hatte all das sie zur Flucht gezwungen.

Ihr Arbeitgeber zeigte damals Verständnis, und so hatte man sie in die Hauptstelle nach London versetzt. Dort hatte sie sich weiterentwickeln können und an vielen erfolgreichen Kampagnen mitgearbeitet. Sie hatte sich Anerkennung und Respekt ihrer Londoner Kollegen hart erarbeitet, doch hier war all dies unwichtig. Hier war sie noch immer die dumme Praktikantin, der man alles erklären musste. Dass sie inzwischen seit fünf Jahren als feste Mitarbeiterin in der Werbeagentur tätig war, interessierte niemanden. Sie hatte sogar eine erneute Probezeit aufs Auge gedrückt bekommen.

Jessica seufzte noch einmal und ließ ihren Blick gedankenverloren durch die bekannten Straßen wandern. Viel hatte sich in den letzten Jahren nicht verändert. In manchen Schaufenstern hing sogar noch die gleiche Weihnachtsdekoration wie damals, als sie überstürzt nach London abgereist war. Einige Geschäfte würden sich wohl nie verändern. Ihr Blick blieb an einem kleinen Laden hängen, und sie musste unwillkürlich lächeln. Die Buchhandlung Graf.

Auch diese sah noch genauso aus, wie sie sie in Erinnerung hatte, mit ihrer hellen Fassade und den dunkelbraunen Fensterrahmen. Durch ein großes Schaufenster konnten neugierige Passanten einen Blick in die wunderbare Welt der Bücher werfen. Stets in warmes Licht gehüllt, war diese Buchhandlung bereits zu ihren Kindertagen ein Ort gewesen, in dem Träume wahr wurden. Ob ihr Märchenonkel und langjähriger Freund ihrer Eltern, Hugo Graf – den immer alle nur den Grafen nannten –, noch immer zwischen den Bücherregalen umherwanderte und unentschlossene Kunden mit Tee und Keksen bewirtete?

Von der Straße aus konnte sie nur einen jungen Mann im Stammsessel ihres Onkel Hugos sitzen sehen, der konzentriert in einem Buch las. Neben ihm standen, wie konnte es anders sein, eine Teekanne und ein Adventskranz, auf dem drei Kerzen brannten. Wieder musste sie lächeln.

Der plötzlich einsetzende Schneeregen ließ Jessica eilig weitergehen. Zu ihrer Wohnung hatte sie es Gott sei Dank nicht weit. Morgen, so nahm sie sich vor, morgen würde sie dem Grafen einen Besuch abstatten. Er würde sie schon nicht vergessen haben.

Eine leichte Verdunkelung des Ladens zeigte Noah, dass von draußen jemand vor dem großen Fenster stehen geblieben war. Es wunderte ihn, dass es um diese Zeit noch hell genug war, doch dann dachte er an die neue Laterne auf der anderen Straßenseite. Er spähte vorsichtig zwischen seinen glatten braunen Haaren, die ihm beim Lesen immer in die Stirn fielen, hindurch nach draußen und sah eine junge Frau, die mit einem, wie ihm schien, wehmütigen Lächeln den Laden betrachtete. Ihre halblangen roten Locken schauten fröhlich unter einer rot-grünen Strickmütze hervor. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte Noah, dass diese eine Erdbeere darstellen sollte.

Fast hätte er gelacht, aber er wollte die Frau, die offenbar überlegte, ob sie das Geschäft betreten sollte, nicht auf sich aufmerksam machen.

Plötzlich fing es an zu regnen, und sie hastete schnell weiter. Noahs Blick folgte ihr, bis sie in die nächste Querstraße abbog. Dann wandte er sich wieder dem Buch in seinem Schoß zu. Es war eine Aufsatzsammlung über die Darstellung des Schriftstellers in der Literatur und wie diese sich über die Jahrhunderte hinweg gewandelt hatte. Seine frühere Universität hatte ihm dieses Buch geschickt, da auch er mit einem längst vergessenen Essay darin vertreten war. Auf einem kleinen Zettel, der dabei gelegen hatte, stand, dass sie ihn sehr gerne wieder am Lehrstuhl für Literaturwissenschaften begrüßen würden. Unterzeichnet worden war er von seinem alten Kollegium, einschließlich seines viel beschäftigten Doktorvaters und seines Assistenten Aidan.

Nachdenklich ließ Noah die Buchseiten durch seine Finger gleiten und betrachtete seinen schmalen Ehering. Früher wäre so ein Band, der nur aus Texten von Professoren und Doktoranden seiner Universität bestand, eine tolle Errungenschaft gewesen. Heute fühlte er fast nichts dabei. Er trank einen Schluck Tee und stellte fest, dass dieser kalt geworden war.

Es war kein Kunde im Laden, und Noah genoss die Stille, die von den Büchern und dem Kerzenschein ausging. Draußen begann es heftiger zu regnen, und es wurde dunkler. Die Weihnachtsbeleuchtung ließ die Straße in weichem Licht erstrahlen und fast hätte er es schön gefunden – wenn er nicht die Weihnachtszeit seit drei Jahren verabscheuen würde.

Seit drei Jahren feierte er Weihnachten allein, seit drei Jahren bedeutete das Aufstellen der Weihnachtsdekoration im Laden nur das Herannahen des schrecklichsten Tages seines Lebens. Den dreiundzwanzigsten Dezember, den Jahrestag des Unfalls und des Todes seiner Frau Sarah und des ungeborenen Kindes.

Seit jenem schrecklichen Tag, als sie auf dem Rückweg von einer Ultraschall-Untersuchung von einem Wahnsinnigen angefahren worden waren, hatte er die Universität nicht mehr betreten. Und egal, was seine Kollegen schrieben, er würde nicht wiederkommen. Er konnte nicht in sein altes Leben zurück, ein Leben, das ohne seine Sarah einfach nicht mehr existierte.

Noah erinnerte sich an die vielen besorgten Anrufe seiner Mitarbeiter und auch der Kollegen seiner Frau. Sarah hatte am Institut für Medienwissenschaften gearbeitet und war bei allen sehr beliebt gewesen. Er hatte nie mit ihr durch die Uni gehen können, ohne dass sie von Leuten aufgehalten und zu einem kleinen Plausch aufgefordert worden waren. Das war einfach seine Sarah.

Nach und nach waren dann diese Anrufe seltener geworden, das Leben ging weiter, auch ohne das Lächeln von Sarah Tiden, auch ohne die kleinen Plaudereien in der Kaffeepause. Wenn sich heute noch einer von seinen alten Kollegen meldete – Aidan schien es sich noch immer zur Aufgabe gemacht zu haben, ihn an die Uni zurückzuholen –, dauerte das Gespräch nie länger als zwei Minuten.

Noah seufzte und sah sich in der gemütlichen Buchhandlung um. Sarah hätte es vermutlich sogar schön gefunden, dass er jetzt hier, in dem Buchladen unter ihrer gemeinsamen Wohnung, arbeitete. Sie hatte ihn immer auf die gerunzelte Stirn geküsst, wenn er mal wieder nachts über einem Essay gebrütet hatte. „Vergiss das Leben nicht, Noah“, hatte sie dann immer gesagt und ihm mit einer Hand durch die Haare gestreichelt, bevor sie schlafen gegangen war. Er hätte viel öfter den Stift hinlegen und ihr folgen sollen. Mit ihr zusammen einschlafen sollen. Heute könnte er dies tun, doch heute war seine Sarah nicht mehr da.

Hinter sich konnte Noah Hugo Graf aus dem Lager kommen hören. Der alte Mann hinkte stark, er hatte bei so einem Wetter ständig Probleme mit der Hüfte, auch wenn er es nicht gerne zugab. Er ging wie immer leicht gebeugt und trotzdem war er stets sehr gepflegt gekleidet. Doch Noah konnte erkennen, dass seine braune Lieblingscordhose lockerer saß und auch das sonst so freundlich runde Gesicht schmaler geworden war. Besorgt runzelte Noah die Stirn.

„Morgen musst du dich ab drei Uhr nachmittags allein um den Laden kümmern, ja, Noah?“, fragte der Graf und blieb neben dem jungen Mann stehen, noch immer in ein Buch in seinen runzeligen Händen vertieft. „Ich muss mal wieder zu diesem Quacksalber. Als ob der was machen kann.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass Dr. Wagener weiß, was er tut“, sagte Noah lächelnd. Er wusste um das Misstrauen des Grafen, wenn es um Ärzte ging.

„Ach, Humbug!“ Der Graf schlug das Buch mit einem lauten Knall zu. „Niemand kann was gegen das Alter ausrichten. Wart’s nur ab, Noah. Wart’s nur ab.“

Verwundert schaute Noah den Grafen genauer an. So schwarzmalerisch kannte er ihn gar nicht. Hugo Graf, normalerweise Optimist und von der Heilung durch Bücher überzeugt, hatte Noah nach dem schrecklichen Unfall vor drei Jahren eingestellt. Schon früher pflegten er und Sarah eine enge Freundschaft zu dem Buchhändler, und sie kamen oft nicht nur zum Stöbern in die Buchhandlung. Selbst als Noah im Krankenhaus lag, kam der Graf jeden zweiten Tag vorbei und versuchte ihn aufzuheitern. Mit Büchern, womit sonst. Und normalerweise war der Graf zur Weihnachtszeit besonders gut gelaunt.

„Alles in Ordnung, Hugo?“, fragte Noah seinen Chef. Dieser sah ihn lange an und schien sehr intensiv über diese Frage nachzudenken.

Als klar wurde, dass Noah keine Antwort erhalten würde, wandte er sich wieder dem Buch in seiner Hand zu und strich zärtlich über den Buchrücken. Er bemerkte den besorgten Blick des alten Buchhändlers nicht, der ihn mit Kummer in den Augen ansah und sich wünschte, sein junger Freund würde endlich wieder anfangen zu leben.

2. KAPITEL

Jessica versuchte, sich auf den Monitor vor sich zu konzentrieren und die Stimme ihres Gegenübers auszublenden. Wieso musste sie sich auch ausgerechnet ein Büro mit Tobias teilen? Die Verkaufszahlen auf dem Bildschirm tanzten ständig aus der Reihe, und sie dachte wehmütig an ihr Büro in London zurück, das sie sich mit der ewig teetrinkenden Stacy geteilt hatte. Es war kurz vor fünf Uhr, normalerweise hätten sie jetzt, wie jeden Nachmittag, ihre kleine Teepause mit Stacys selbstgebackenen Orangenkeksen gemacht. Jessica nahm sich ganz fest vor, Stacy heute Abend noch eine Karte zu schreiben.

„JayKay, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Tobias gerade und schmiss tatsächlich einen Bleistift nach ihr. Sie verdrehte die Augen und fragte sich, in welchem Alter ihr Ex eigentlich stecken geblieben war. Wenn sie sich an ihre gemeinsame Zeit zurückerinnerte, hatte sie den Eindruck, dass er sich nie so seltsam aufgeführt hatte. Erst als er angefangen hatte mit Rafael und seinem Gefolge – wie sie die Clique aus dem Fitnessstudio immer gerne genannt hatte – herumzuhängen, war er so seltsam geworden. Scheinbar hatte sich das während ihrer Abwesenheit noch verschlimmert.

„Ich versuche zu arbeiten, ok?“ Um die Aussage noch zu unterstreichen, korrigierte sie einen Tippfehler, der ihr vorhin unterlaufen war. Wie sollte sie sich bei dem andauernden Geplapper auch konzentrieren! Außerdem hatte sie heute Morgen ihre Kontaktlinsen verloren und musste deshalb ihre alte Brille tragen, die ihr ständig die Nase runterrutschte. Heute war eindeutig nicht ihr Tag.

„Bleib doch mal locker, JayKay“, sagte Tobias gönnerhaft und schlenderte um den Schreibtischblock zu ihr herum. Er fing an, ihre Schultern zu kneten. „Niemand erwartet irgendetwas von dir, also entspann dich.“

Seine Worte und seine Berührungen hatten genau den gegenteiligen Effekt. Alles in Jessica spannte sich an, und am liebsten hätte sie ihn angeschrien. Schon früher hatte er sie gerne auf der Arbeit berührt. Sie fand das jetzt, genau wie damals, unangebracht und versuchte, sich aus seinem Griff zu winden.

„Hast du nicht Lust, nach Feierabend gleich noch eine Kleinigkeit essen zu gehen, Honey?“, säuselte er leise, als er sich zu ihr hinunterbeugte. Sein nach Pfefferminz riechender Atem fuhr warm und feucht in ihr Ohr, und Jessica lief es kalt den Rücken hinunter. Sie hatte ganz vergessen, dass er das immer machte. Schnell schüttelte sie den Kopf.

„Ich habe schon Pläne, Tobias“, antwortete sie, reichlich bemüht darum, nicht allzu unhöflich zu erscheinen, und versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. Sie wollte sich nicht gleich in der ersten Woche einen Feind machen. Zum achten Mal las sie den gleichen Abschnitt, doch mit seinen Händen auf ihren Schultern und seinem Atem im Nacken konnte sie einfach nicht arbeiten. Sie hatte in letzter Zeit ohnehin schon genug Schwierigkeiten, die nötige Begeisterung für ihren Job aufzubringen, da brauchte es nicht auch noch einen nervigen Büropartner. Bereits in London waren ihr diese Zweifel gekommen – ob das wirklich schon alles sein konnte, was das Berufsleben für sie bereithielt?

„Weißt du“, begann Tobias wieder das Gespräch und sein Tonfall verriet ihr, dass es eine längere Rede werden würde. „Ich bin in den letzten drei Jahren wahrlich kein Kind von Traurigkeit gewesen, wenn du verstehst, was ich meine.“

Jessica kämpfte gegen das Gefühl der Übelkeit an, das sich langsam aber sicher in ihr ausbreitete, denn natürlich verstand sie, was er ihr sagen wollte. Ihr Blick heftete sich noch intensiver auf den Bildschirm und sie hoffte, er würde einfach aufhören zu reden. Dieser Idiot!

„Aber …“, fuhr er fort, während seine Hand langsam von ihren Schultern zu ihren Oberarmen hinabglitt. Jessicas Brechreiz verstärkte sich, und sie ballte die Fäuste, bis die Knöchel weiß hervortraten. „Aber ich würde mir überlegen, ob ich uns nicht doch noch einmal eine Chance geben würde. Weißt du, du würdest viel Ansehen unter den Kollegen erlangen.“ Er lachte wieder gönnerhaft, und Jessica hätte ihm am liebsten ihren Ellenbogen in den Magen gerammt. „Besonders, da du ja noch in der Probezeit bist …“

Jessica klappte der Mund auf, als sie das leise Lachen hinter sich hörte. Was fiel diesem Mistkerl ein?

„Ich bin hier einer der geschätztesten Mitarbeiter, frag den Chef. Von mir kannst du noch viel lernen.“ Tobias beugte sich erneut zu ihr herunter und hauchte ein „auch privat natürlich.“ in ihr Ohr. Jessica musste an sich halten, dass sie ihm nicht einen Kinnhaken verpasste. Ihr Blick fiel auf die Zeitanzeige ihres Computers, und erleichtert stellte sie fest, dass sie jetzt Feierabend hatte.

„Ich glaube nicht, aber vielen Dank“, sagte sie voller Sarkasmus, rückte ihre Brille noch einmal zurecht und stand auf. Dabei schlug sich Tobias das Kinn an ihrer Schulter, und sie hoffte, dass ihm das mehr wehgetan hatte als ihr. Wütend ging sie zum Garderobenständer, riss mit zitternden Fingern ihre graue Jacke vom Ständer und marschierte, so schnell es ihre Absatzstiefel zuließen, aus dem Büro. Mit Stacy wäre ihr so etwas niemals passiert!

Als Jessica ein paar Minuten später vor der Buchhandlung Graf