Eine dunkle Geschichte - Honoré de Balzac - E-Book

Eine dunkle Geschichte E-Book

Honore de Balzac

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Beschreibung

Balzacs Roman gilt als Vorläufer der heutigen Kriminalliteratur. Seine packende Geschichte um Liebe und Tod, Aufstieg und Intrige in der Zeit Napoleons fesselt auch heute noch.

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Eine dunkle Geschichte

Honoré de Balzac

Inhalt:

Honoré de Balzac – Biografie und Bibliografie

Eine dunkle Geschichte

Die Sorgen der Polizei

Corentins Rache

Ein politischer Prozeß unter dem Kaiserreich

Schluss

Eine dunkle Geschichte, Honoré de Balzac

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849605933

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Honoré de Balzac – Biografie und Bibliografie

Franz. Romandichter, geb. 20. Mai 1799 in Tours, gest. 18. Aug. 1850 in Paris, übernahm, da seine ersten Romane, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte (30 Bde.), durchaus nicht beachtet wurden, eine Buchdruckerei, die er aber infolge schlechter Geschäfte bald wieder aufgeben mußte, kehrte dann zur Literatur zurück und schwang sich mit dem Roman »Le dernier Chouan, ou la Bretagne en 1800« (1829, 4 Bde.), den er unter seinem eignen Namen erscheinen ließ, mit einemmal zur Berühmtheit des Tages empor. Von nun an erschienen Schlag auf Schlag eine Unmasse von Romanen, in denen er die allmählich entstandene Idee, alle Seiten des menschlichen Lebens darzustellen, zu verwirklichen suchte. Bis zu einem gewissen Grad ist ihm dies gelungen; in der »Comédie humaine«, wie er selbst die Gesamtheit seiner Schriften bezeichnete, vereinigte er: »Scènes de la vie privée« (im ganzen 27 Werke); »Scènes de la vie de province« (»Eugénie Grandet« etc.); »Scènes de la vie parisienne« (»La dernière incarnation de Vautrin«, »Le père Goriot«, »Grandeur et décadence de César Birotteau«, »La cousine Bette«); »Scènes de la vie politique«; »Scènes de la vie militaire«; »Scènes de la vie de campagne«; »Etudes philosophiques« (»La peau de chagrin«, »Louis Lambert«); »Études analytiques« (»La physiologie du mariage«). Dazu kommen noch einige Dramen, die aber keinen Beifall fanden, und einige Komödien, von denen »Mercadet, ou le faiseur« (1851) sehr gefiel. Sein letztes Werk, der Roman »Les parents pauvres«, ist auch wohl sein reifstes. Balzacs Romane zeigen eine vorzügliche Schilderung des bürgerlichen Lebens, dem er den Glanz des Reichtums und die eleganten Formen und hochtönenden Namen der Aristokratie andichtet, ohne daß darum seine Personen in Manier und Gesittung ihre Parvenunatur verleugnen. Deshalb fällt auch Balzacs Erfolg mit dem Bürgerkönigtum zusammen. Mit der Julirevolution ging sein Stern auf, in der Februarrevolution, die den vierten Stand zur Herrschaft brachte, erblich er. Eine andre, wesentliche Stütze seines Ruhmes hatte er in der Frauenwelt gefunden, deren Herz er gewann durch »La femme de trente ans« (1831). Seinen Erfolg in Frankreich übertraf bei weitem der in Europa; überall wurde B. gelesen, man kopierte das Leben seiner Helden und Heldinnen und möblierte sich á la B. In seinen »Contes drolatiques« (30 Erzählungen im Stile Rabelais'), der »Physiologie du mariage« etc. ist er dem nacktesten Realismus verfallen, und mit Recht nennen ihn die Zola und Genossen ihren Herrn und Meister. Wenige Schriftsteller haben es verstanden, so treu die Sitten der Zeit und des Landes zu schildern, so tief in die Herzen der Menschen einzudringen und das Beobachtete zu einem lebendigen, überraschend wahren Bilde zu vereinigen. Aber seine Schilderungen sind jedes idealen Elements bar, die letzten Gründe menschlicher Handlungen führt er auf die Geldsucht und den gemeinsten Egoismus zurück, besonders seine Schilderungen des weiblichen Herzens sind oft von empörendem Naturalismus. Dazu kommen häufig große Flüchtigkeit in der Anordnung des Stoffes, Geschmacklosigkeit im Ausdruck und viele Mängel im Stil. Balzacs Werke erscheinen in einzelnen Ausgaben noch jedes Jahr und sind auch mehrmals gesammelt worden, z. B. 1856–59, 45 Bde., 1869–75, 25 Bde. (der letzte enthält Balzacs Briefwechsel von 1819–50), 1899 ff. (noch im Erscheinen); eine Ergänzung bilden die »Histoire des œuvres de H. de B.« von Lovenjoul (1879, 2. Aufl. 1886) und dessen »Études balzaciennes« (1895). Vgl. Laura Surville (Balzacs Schwester), B., sa vie et ses œuvres (1858); Th. Gautier, Honoré de B. (1859); de Lamartine, B. et ses œuvres (1866); Champfleury, Documents pour servir à la biographie de B. (1876); E. Zola, Über B. (in »Nord und Süd«, April 1880); H. Favre, La Franceen éveil. B. et le temps présent (1887); Gabr. Ferry (Bellemarre d. jüng.), B. et ses amies (1888); Barrière, L'œuvre de B. (1890); Lemer, B., sa vie, son œuvre (1892); Wormeley, Life of B. (Boston 1892); Lie, Honoré de B. (Kopenh. 1893); Cerfberr und Christophe, Répertoire de la Comédie humaine de B. (1893); Flat, Essais sur B. (1893–95, 2 Bde.); Biré, Honoré de B. (1897). Balzacs Büste ist im Foyer des Théâtre-Français aufgestellt; ein Denkmal (von Fournier) ist ihm in Tours errichtet.

Eine dunkle Geschichte

Die Sorgen der Polizei

Der Herbst des Jahres 1803 war einer der schönsten im ersten Abschnitt dieses Jahrhunderts, den wir das Kaiserreich nennen. Im Oktober hatten einige Regenfälle die Wiesen aufgefrischt. Noch im November waren die Bäume belaubt und grün. Daher begann das Volk zwischen dem Himmel und Bonaparte, der damals zum Konsul auf Lebenszeit ernannt war, ein Einvernehmen zu vermuten, dem dieser Mann einen Teil seines Prestiges dankte. Und seltsam! an dem Tage, da ihm 1812 die Sonne fehlte, hörte sein Glück auf. Am 15. November 1803, gegen vier Uhr nachmittags, lag ein rötlicher Sonnenstaub auf den hundertjährigen Wipfeln der vier Ulmenreihen einer langen herrschaftlichen Allee und ließ den Sand und die Grasbüschel eines jener riesigen Rondele leuchten, wie man sie auf Landgütern findet, wo der Boden damals noch billig genug war, um ihn dem Schmuck zu opfern. Die Luft war so rein, die Atmosphäre so mild, daß eine Familie im Freien saß, als wäre es Sommer. Der Mann trug eine Jagdjoppe aus grünem Zwillich mit grünen Knöpfen, eine kurze Hose aus gleichem Stoff, Zwillichgamaschen bis zu den Knien und dünnsohlige Stiefel. Er putzte eine Büchse mit der Sorgfalt, die geschickte Jäger in ihren Mußestunden bei dieser Beschäftigung zeigen. Der Mann hatte weder Jagdtasche noch Rucksack, kurz, keins der Rüstzeuge, die den Aufbruch zur Jagd oder die Rückkehr von ihr verraten. Zwei Frauen, die neben ihm saßen, sahen ihm mit schlecht verhehlter Angst zu. Wer diese Szene aus einem Gebüsch hätte beobachten können, hätte wahrscheinlich ebenso gezittert wie die alte Schwiegermutter und die Frau des Mannes. Offenbar trifft kein Jäger so gründliche Vorbereitungen, wenn er ein Wild erlegen will, und im Departement Aube benutzt er auch keine gezogene Büchse.

»Willst du Rehe schießen, Michu?« fragte seine schöne junge Frau und versuchte, ein Lachen aufzusetzen. Bevor Michu antwortete, warf er einen prüfenden Blick auf seinen Hund, der mit dem Kopf auf den vorgestreckten Pfoten in der reizenden Haltung der Jagdhunde in der Sonne lag. Er hatte eben die Nase erhoben und witterte abwechselnd geradeaus in die eine Viertelstunde lange Allee und nach einem Querweg, der links in das Rondel einmündete.

»Nein,« entgegnete Michu, »aber ein Untier, das ich nicht verfehlen will, einen Luchs.«

Der Hund, ein prachtvoller Jagdhund mit weißem, braungeflecktem Fell, knurrte.

»Schön«, sagte Michu zu sich selbst. »Spione! Das Land wimmelt von ihnen.«

Frau Michu blickte schmerzvoll gen Himmel. Sie war eine schöne Blondine mit blauen Augen und dem Wuchs einer antiken Statue, nachdenklich und in sich gekehrt, als würde sie von einem schwarzen, bittren Kummer verzehrt. Der Anblick des Mannes konnte die Angst der beiden Frauen in gewissem Maße erklären. Die physiognomischen Gesetze gelten ja nicht nur für den Charakter, sondern auch für das Schicksal eines Menschen. Es gibt prophetische Physiognomien. Könnte man eine genaue Zeichnung derer erlangen, die auf dem Schafott enden – und diese lebende Statistik wäre für die Gesellschaft von Wert –, so würde Lavaters und Galls Wissenschaft untrüglich beweisen, daß die Köpfe aller dieser Leute, auch der Unschuldigen, seltsame Merkmale tragen. Ja, das Schicksal drückt den Gesichtern derer seinen Siegel auf, die irgendeines gewaltsamen Todes sterben sollen! Nun war dies Siegel, den Augen des Beobachters sichtbar, den ausdrucksvollen Zügen des Mannes mit der Büchse aufgedrückt. Michu war klein und dick, rasch und behende wie ein Affe, wenn auch von ruhigem Charakter. Sein weißes, blutdurchströmtes Gesicht war zusammengezogen wie das eines Kalmücken, und die roten Kraushaare gaben ihm einen unheimlichen Ausdruck. Seine hellen, gelblichen Augen zeigten, wie die des Tigers, eine innere Tiefe, in der sich der Blick des Betrachters verlor, ohne Bewegung und Wärme zu finden. Diese Augen waren starr, hell und regungslos und flößten, wenn man sie lange ansah, Schrecken ein. Der beständige Gegensatz zwischen der Unbeweglichkeit der Augen und der Lebhaftigkeit des Körpers steigerte den eisigen Eindruck noch, den Michu auf den ersten Blick machte. Das rasche Handeln dieses Mannes mußte im Dienst eines einzigen Gedankens stehen, wie bei den Tieren das Leben ohne Überlegung dem Instinkte dient.

Seit 1793 hatte er sich einen roten Vollbart stehen lassen. Wäre er auch während der Schreckenszeit nicht Vorsitzender eines Jakobinerklubs gewesen, so hätte allein diese Besonderheit seines Gesichts seinen Anblick schrecklich gemacht. Dies sokratische Gesicht mit der Stumpfnase wurde von einer sehr schönen Stirn gekrönt, die aber so gewölbt war, daß sie darüber vorzuspringen schien. Die abstehenden Ohren besaßen eine Art von Beweglichkeit wie bei wilden Tieren, die stets auf der Lauer sind. Sein Mund, der halb offen stand, wie dies bei Bauern ziemlich häufig vorkommt, zeigte starke, mandelweiße, aber unregelmäßig stehende Zähne. Ein dichter, glänzender Backenbart umrahmte dies weiße, stellenweise blaurote Gesicht. Die vorn kurz geschorenen, doch über den Schläfen und am Hinterkopf langen Haare hoben durch ihr falbes Rot all das Seltsame und Schicksalsvolle hervor, was in seinem Ausdruck lag. Der kurze, dicke Hals schien das Fallbeil des Gesetzes zu locken.

In diesem Augenblick fielen die schrägen Sonnenstrahlen voll auf die drei Köpfe, zu denen der Hund manchmal aufsah. Die Szene spielte übrigens auf einem prächtigen Schauplatz. Das Rondel lag am Rande des Parks von Gondreville, eines der reichsten Güter von Frankreich und unstreitig des schönsten im Departement Aube. Es besaß prächtige Ulmenalleen, ein Schloß nach den Plänen Mansards, einen ummauerten Park von fünfzehnhundert Morgen, neun große Pachthöfe, einen Wald, Mühlen und Wiesen. Dieser fast königliche Besitz gehörte vor der Revolution der Familie von Simeuse. Ximeuse ist ein Lehnsgut in Lothringen. Der Name wurde Simeuse ausgesprochen und schließlich auch so geschrieben.

Das große Vermögen der Simeuses, eines Geschlechts, das dem Hause Burgund anhing, geht bis auf die Zeit zurück, da die Guises die Valois bedrohten. Erst Richelieu, dann Ludwig XIV. hatten sich der Anhänglichkeit der Simeuses an das aufsässige lothringische Haus der Guises erinnert und sie von sich gestoßen. Der damalige Marquis von Simeuse, ein alter Burgunder, Anhänger der Guises und der Liga und ein alter Mitkämpfer der Fronde, der den vierfachen Groll des Adels gegen das Königtum geerbt hatte, zog nach Cinq-Cygne. Der vom Louvre abgewiesene Höfling hatte die Witwe des Grafen von Cinq-Cygne geheiratet, aus der jüngeren Linie des berühmten Hauses von Chargeboeuf, eines der erlauchtesten in der alten Grafschaft Champagne; aber die jüngere Linie wurde ebenso berühmt und noch reicher als die ältere. Der Marquis, einer der reichsten Leute der Zeit, baute Gondreville, statt am Hofe sein Geld zu vergeuden, brachte die Güter zusammen und kaufte noch Land hinzu, lediglich, um sich eine schöne Jagd zu schaffen. Ebenso erbaute er in Troyes das Hotel Simeuse unweit des Hotels Cinq-Cygne. Diese beiden alten Häuser und der erzbischöfliche Palast waren in Troyes lange die einzigen Steinbauten. Der Marquis verkaufte Simeuse an den Herzog von Lothringen. Sein Sohn vergeudete die Ersparnisse und einen Teil des großen Vermögens unter der Regierung Ludwigs XV. Aber er wurde zuerst Geschwaderchef und dann Vizeadmiral und machte seine Jugendtorheiten durch glänzende Dienste wett. Der Marquis von Simeuse, der Sohn dieses Seemannes, starb zu Troyes auf dem Schafott. Er hinterließ zwei Zwillingssöhne, die auswanderten und gegenwärtig im Ausland das Schicksal des Hauses Condé teilten.

Das Rondel war ehemals der Sammelpunkt bei den Jagden des großen Marquis gewesen. So nämlich nannte man in der Familie den Erbauer von Gondreville. Seit 1789 wohnte Michu auf diesem Rondel in dem sogenannten Pavillon von Cinq-Cygne, der innerhalb des Parks lag und zur Zeit Ludwigs XIV. erbaut war. Das Dorf Cinq-Cygne liegt am Rande des Waldes von Nodesme (aus Notre-Dame verstümmelt), zu dem die Allee mit den vier Ulmenreihen führt, in der Couraut die Spione witterte. Seit dem Tode des großen Marquis war der Pavillon ganz vernachlässigt worden. Der Vizeadmiral war mehr auf See und bei Hofe als in der Champagne, und sein Sohn gab Michu das verfallene Gebäude zur Wohnung. Der edle Bau ist aus Ziegeln, an den Ecken, Türen und Fenstern aus gerillten Steinen. Beiderseits öffnet sich ein Gitter von schöner Schmiedearbeit, aber vom Rost zerfressen. Dahinter erstreckt sich ein breiter und tiefer Zwinger, aus dem kräftige Bäume hervorwachsen und dessen Brüstung mit eisernen Arabesken gespickt ist, die den Missetätern mit zahllosen Spitzen entgegenstarren. Die Parkmauern beginnen erst jenseits des von dem Rondel gebildeten Kreises. Außerhalb wird das mächtige Halbrund von Böschungen umrahmt, die mit Ulmen bestanden sind, und ebenso wird der im Park liegende Halbkreis von Gruppen exotischer Bäume eingefaßt. In der Mitte des Rondels, das diese beiden Hufeisen bilden, liegt der Pavillon. Michu hatte aus den alten Sälen im Erdgeschoß einen Pferde- und Kuhstall, eine Küche und einen Holzschuppen gemacht. Von der alten Pracht blieb als einziger Rest ein Vorzimmer mit schwarzen und weißen Marmorfliesen, das man vom Park her durch eine jener Fenstertüren mit kleinen Glasscheiben betrat, wie man sie noch in Versailles sah, bevor Louis Philippe es zum Lazarett der Ruhmestaten Frankreichs gemacht hat. Im Innern wird der Pavillon durch eine charaktervolle, aber alte und wurmstichige Holztreppe geteilt, die zum Oberstock führt. Hier liegen fünf ziemlich niedrige Zimmer. Darüber dehnt sich ein riesiger Boden. Das ehrwürdige Gebäude trägt eines jener großen, vierseitigen Dächer, dessen First zwei bleierne Blumensträuße zieren und das von vier Dachluken durchbrochen wird, wie Mansard sie mit Recht liebte; denn Halbgeschosse und flache italienische Dächer sind in Frankreich ein Widersinn, gegen den das Klima sich auflehnt. Dort oben brachte Michu seine Futtervorräte unter. Der ganze Teil des Parkes um diesen alten Pavillon ist in englischem Stil angelegt. Hundert Schritt weiter bekundet ein früherer See, der zu einem fischreichen Teiche geworden ist, sein Dasein durch einen leichten Nebel über den Bäumen, sowie durch das Geschrei von tausend Fröschen, Kröten und andren Amphibien, die bei Sonnenuntergang quaken. Die Altertümlichkeit der Dinge, die tiefe Waldesstille, der Blick durch die Alleen, der Wald in der Ferne, tausend Einzelheiten, die rostzerfressenen Gitter, die bemoosten Steinmassen, alles macht diesen noch jetzt stehenden Bau poetisch. In dem Augenblick, in dem unsre Geschichte beginnt, stand Michu gegen eine bemooste Brüstung gelehnt, auf der sein Pulverhorn, seine Mütze, sein Taschentuch, ein Schraubenzieher, Lappen, kurz, alle Geräte lagen, die zu seiner verdächtigen Arbeit nötig waren. Der Stuhl seiner Frau stand mit dem Rücken gegen die Eingangstür des Pavillons, über der noch das reich gemeißelte Wappen der Simeuses mit dem schönen Wahlspruch »Si meurs« prangte. Die Mutter, in Bauerntracht, hatte ihren Stuhl vor Frau Michu gerückt, damit sie die Füße auf eine Leiste setzen konnte, damit sie vor der Feuchtigkeit geschützt waren.

»Ist der Junge da?« fragte Michu seine Frau.

»Er treibt sich am Teich herum. Er ist wild auf Frösche und Insekten«, sagte die Mutter.

Michu pfiff, daß man einen Schreck bekommen konnte. Die Schnelligkeit, mit der der Knabe herbeilief, verriet, welche Strenge der Verwalter von Gondreville übte. Seit 1789, besonders aber seit 1793 war er fast Herr auf diesem Landgut. Der Schrecken, den er seiner Frau, seiner Schwiegermutter, seinem kleinen Diener mit Namen Gaucher und einer Magd namens Marianne einflößte, wurde auf zehn Meilen in der Runde geteilt. Vielleicht dürfen wir nicht länger zögern, die Gründe für diese Gesinnung anzugeben, zumal sie Michus Bildnis in geistiger Hinsicht vervollständigen werden.

Der alte Marquis von Simeuse hatte seine Güter 1790 verlassen. Da ihm jedoch die Ereignisse zuvorkamen, hatte er sein schönes Gut Gondreville niemandem mehr anvertrauen können. Unter der Anklage, mit dem Herzog von Braunschweig und dem Prinzen von Coburg in Beziehungen zu stehen, wurden der Marquis und seine Gemahlin eingekerkert und von dem Revolutionstribunal in Troyes, dessen Vorsitz Marthas Vater führte, zum Tode verurteilt. Der schöne Besitz wurde also als Nationalgut verkauft. Bei der Hinrichtung des Marquis und der Marquise bemerkte man mit einer Art von Grauen den Verwalter von Gondreville, der Vorsitzender des Jakobinerklubs von Arcis geworden und eigens nach Troyes gekommen war, um ihr beizuwohnen. Als Sohn eines einfachen Bauern und als Waisenkind war Michu von der Marquise mit Wohltaten überhäuft worden, denn sie hatte ihn im Schlosse erziehen lassen und ihn dann zum Generalverwalter gemacht. So wurde er von den Heißspornen als Brutus angesehen, aber in der Gegend wollte nach diesem Zuge des Undanks niemand mehr mit ihm verkehren. Der Käufer war ein Mann aus Arcis, namens Marion, der Enkel eines Verwalters des Hauses Simeuse. Dieser Mann, der vor und nach der Revolution Advokat war, fürchtete den Verwalter. Er ließ ihn in seiner Stellung und gab ihm dreitausend Franken Gehalt und Anteil an allen Verkäufen. Michu, der bereits auf etwa zehntausend Franken Vermögen geschätzt wurde, heiratete unter dem Schutz seines Rufes als Patriot die Tochter eines Gerbers aus Troyes, des Apostels der Revolution in dieser Stadt und Vorsitzenden des Revolutionstribunals. Der Gerber, ein Mann von Überzeugung, der im Charakter dem Saint-Just glich, wurde später in die Verschwörung Babeufs verwickelt und beging Selbstmord, um sich der Verurteilung zu entziehen. Martha war das schönste Mädchen in Troyes, und so war sie trotz ihrer rührenden Bescheidenheit von ihrem furchtbaren Vater gezwungen worden, bei einer republikanischen Feier die Freiheitsgöttin darzustellen.

Der Käufer kam in sieben Jahren nicht dreimal nach Gondreville. Sein Großvater war Verwalter der Simeuses gewesen; ganz Arcis glaubte damals, daß der Bürger Marion nur der Platzhalter der Herren von Simeuse sei. Während der Schreckenszeit erfreute sich der Verwalter von Gondreville als treuer Patriot, als Schwiegersohn des Vorsitzenden des Revolutionstribunals in Troyes und als Liebling Malins, eines Abgeordneten des Departements Aube, eines gewissen Ansehens. Als aber die Bergpartei fiel und sein Schwiegervater Selbstmord beging, wurde Michu zum Sündenbock. Jedermann beeilte sich, ihm wie seinem Schwiegervater Handlungen zuzuschreiben, an denen wenigstens er ganz unschuldig war. Der Verwalter bäumte sich gegen die Ungerechtigkeit der Masse auf; er wurde schroff und nahm eine feindselige Haltung an. Seine Worte wurden verwegen. Aber seit dem 18. Brumaire hüllte er sich in das tiefe Schweigen, das die Philosophie der Starken ist. Er kämpfte nicht mehr gegen die allgemeine Meinung an und begnügte sich, zu handeln. Dies kluge Benehmen brachte ihn in den Ruf der Heimtücke, denn der Wert seines Landbesitzes betrug gegen hunderttausend Franken. Zunächst gab er nichts aus; dann hatte er dies Vermögen rechtmäßig erworben, sowohl durch die Erbschaft seines Schwiegervaters, wie durch die sechstausend Franken, die er jährlich für seine Stellung an Gehalt und Gewinnanteil bezog. Obwohl er seit zwölf Jahren Verwalter war und jeder ihm seine Ersparnisse nachrechnen konnte, erhoben sich Anklagen gegen den früheren Anhänger der Bergpartei, als er zu Beginn des Konsulats ein Pachtgut für fünfzigtausend Franken erstand. Die Leute in Arcis schoben ihm die Absicht unter, sich durch ein großes Vermögen die Achtung wieder zu gewinnen. Unglückerlicherweise wurde in dein Augenblick, da jedermann ihn vergaß, der allgemeine Glaube an die Wildheit seines Charakters von neuem belebt, und zwar durch eine dumme Geschichte, die durch den Landklatsch noch schlimmer gemacht wurde.

Eines Abends, bei der Rückkehr aus Troyes, ließ er in Gesellschaft einiger Bauern, darunter des Pächters von Cinq-Cygne, ein Papier auf die Straße fallen, und der Pächter, der hinterdrein ging, hob es auf. Michu dreht sich um, sieht das Papier in den Händen des Mannes, zieht sofort eine Pistole aus seinem Gürtel, lädt sie und droht dem Pächter, der lesen konnte, ihn niederzuschießen, wenn er das Blatt öffnete. Michus Bewegung war so rasch und so heftig, der Ton seiner Stimme so drohend, und seine Augen flammten so auf, daß alle vor Angst erstarrten. Der Pächter von Cinq-Cygne war natürlich Michus Feind. Fräulein von Cinq-Cygne, die Kusine der Simeuses, besaß von ihrem ganzen Vermögen nur noch einen Pachthof und wohnte in ihrem Schloß Cinq-Cygne. Sie lebte nur noch für ihre Vettern, ein paar Zwillinge, mit denen sie in ihrer Kindheit in Troyes und in Gondreville gespielt hatte. Ihr einziger Bruder, Julius von Cinq-Cygne, war schon vor den Simeuses ausgewandert und vor Mainz gefallen. Aber dank einem ziemlich seltenen Vorrecht, von dem noch die Rede sein wird, erlosch der Name Cinq-Cygne nicht, auch wenn keine männlichen Erben mehr am Leben waren.

Der Vorfall zwischen Michu und dem Pächter von Cinq-Cygne machte viel böses Blut im Kreise und hüllte Michu in ein noch geheimnisvolleres Dunkel. Aber dieser Umstand war nicht der einzige, der Furcht vor ihm einflößte. Ein paar Monate nach jenem Auftritt kam der Bürger Marion mit dem Bürger Malin nach Gondreville. Es ging das Gerücht, Marion wollte das Gut an diesen Mann verkaufen, der durch die politischen Ereignisse vorwärts gekommen war; denn der Erste Konsul hatte ihn soeben zum Lohn für seine Dienste am 18. Brumaire in den Staatsrat berufen. Die politischen Köpfe des Städtchens Arcis errieten nun, daß Marion nur der Strohmann des Bürgers Malin und nicht der Herren von Simeuse gewesen war. Der allmächtige Staatsrat war die größte Persönlichkeit in Arcis. Er hatte einen seiner politischen Freunde zum Präfekten von Troyes gemacht, hatte den Sohn eines Pächters von Gondreville, namens Beauvisage, vom Militärdienst befreit und erwies jedermann Dienste. Diese Sache konnte also in der Gegend, in der Malin herrschte und noch herrscht, nicht auf Widerspruch stoßen. Man stand im Morgenrot des Kaiserreichs. Wer heute die Geschichte der französischen Revolution liest, wird nie begreifen, welch ungeheurer Abstand für das öffentliche Denken in den so dicht aufeinanderfolgenden Ereignissen jener Zeit lag. Bei dem allgemeinen Bedürfnis nach Ruhe und Frieden, das man nach so heftigen Erschütterungen empfand, gerieten die schwersten früheren Ereignisse in Vergessenheit. Die Geschichte veraltete rasch. So forschte denn niemand außer Michu nach der Vorgeschichte dieser Sache, die man ganz einfach fand. Marion hatte Gondreville seinerzeit für sechshundertausend Franken in Assignaten gekauft und verkaufte es jetzt für eine Million in Talern, aber das einzige, was Malin bezahlte, war die Verkaufssteuer. Grevin, ein Kollege Malins, begünstigte diese Schiebung natürlich, und der Staatsrat belohnte ihn durch die Ernennung zum Notar in Arcis. Als diese Nachricht nach dem Pavillon gelangte, und zwar durch den Pächter eines Vorwerks Grouage, das zwischen dem Park und dem Walde, links von der schönen Allee, lag, erbleichte Michu und ging hinaus. Er lauerte Marion auf und traf ihn schließlich allein in einer Allee des Parks.

»Der Herr verkauft Gondreville?«

»Ja, Michu, ja. Sie bekommen einen mächtigen Mann zum Herrn. Der Staatsrat ist ein Freund des Ersten Konsuls und hat die engsten Beziehungen zu allen Ministern. Er wird Sie protegieren.«

»So hatten Sie das Gut für ihn erworben?«

»Das sage ich nicht«, entgegnete Marion. »Ich wußte damals nicht, wie ich mein Geld anlegen sollte. Der Sicherheit halber habe ich es in Nationalgütern angelegt, aber es paßt mir nicht, ein Gut zu behalten, das der Familie gehört, in der mein Vater...«

»Bedienter, Verwalter war«, sagte Michu heftig.

»Aber Sie werden es nicht verkaufen. Ich will es haben, und ich kann es bezahlen.

»Du?«

»Jawohl, ich, im Ernst und in gutem Gold, achthunderttausend Franken...«

»Achthunderttausend Franken? ... Wo hast du die her?« fragte Marion.

»Das ist meine Sache«, entgegnete Michu. Dann mäßigte er sich und setzte leiser hinzu: »Mein Schwiegervater hat viele Menschen gerettet.«

»Du kommst zu spät, Michu, die Sache ist abgeschlossen.«

»Sie werden es rückgängig machen!« rief der Verwalter, indem er die Hand seines Herrn ergriff und sie wie in einem Schraubstock preßte. »Ich bin verhaßt, ich will reich und mächtig werden, ich muß Gondreville haben. Wissen Sie, mir liegt nichts am Leben. Sie werden mir das Gut verkaufen, oder ich schieße Sie nieder ...«

»Aber ich muß doch wenigstens Zeit haben, mich mit Malin zu einigen. Er ist nicht bequem ...«

»Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit. Wenn Sie ein Wort davon sagen, so schneide ich Ihnen den Kopf ab wie eine Rübe ...«

Marion und Malin verließen das Schloß noch in der Nacht. Marion hatte Angst und teilte dem Staatsrat jene Begegnung mit, mit der Bitte, ein Auge auf den Verwalter zu haben. Marion vermochte sich der Verpflichtung nicht zu entziehen, das Gut an den abzutreten, der es ihm wirklich bezahlt hatte, aber Michu schien nicht der Mann, einen solchen Grund einzusehen und gelten zu lassen. Zudem mußte der Dienst, den Marion dem Malin erwies, ihm und seinem Bruder die politische Laufbahn eröffnen, und so geschah es auch. Malin ließ den Advokaten Marion 1806 zum Präsidenten eines kaiserlichen Gerichtshofes ernennen, und sobald Generalsteuereinnehmer eingesetzt wurden, verschaffte er dem Bruder des Advokaten diesen Posten im Departement Aube.

Der Staatsrat empfahl Marion, in Paris zu bleiben, und erstattete Anzeige beim Polizeiminister, der den Verwalter überwachen ließ. Um Michu jedoch nicht zum Äußersten zu treiben, vielleicht auch, um ihn besser zu überwachen, behielt Malin ihn als Verwalter unter der Zuchtrute des Notars in Arcis. Fortan genoß Michu, der immer schweigsamer und nachdenklicher wurde, den Ruf eines Mannes, der zu einem schlimmen Streich fähig war. Als Staatsrat, eine Stellung, die der Erste Konsul damals der eines Ministers gleichstellte, und als einer der Verfasser des Gesetzbuches spielte Malin damals in Paris eine große Rolle. Er hatte sich eins der schönsten Häuser im Faubourg Saint-Germain gekauft und vorher die einzige Tochter eines reichen, wenig geachteten Lieferanten, namens Sebuelle, geheiratet, den er neben Marion zum Generalsteuereinnehmer im Departement Aube gemacht hatte. So war er denn nur ein einziges Mal nach Gondreville gekommen. Im übrigen verließ er sich bei allem, was seine Geschäfte betraf, auf Grevin. Was hatte er, der einstige Abgeordnete der Aube, auch von dem früheren Vorsitzenden eines Jakobinerklubs zu befürchten?

Inzwischen wurde die Meinung über Michu, die in den unteren Volksklassen schon so ungünstig war, natürlich vom Bürgertum geteilt, und Marion, Grévin und Malin bezeichneten ihn, ohne nähere Angaben und ohne sich bloßzustellen, als einen äußerst gefährlichen Menschen. Auch die Behörden, die vom Polizeiminister beauftragt waren, den Verwalter zu überwachen, entkräfteten diesen Glauben nicht. Man wunderte sich in der Gegend schließlich, daß Michu seine Stellung behielt, aber man schrieb dies Zugeständnis der Angst zu, die er einflößte. Wer verstände nun nicht die tiefe Schwermut, mit der Michus Frau gen Himmel blickte?

Martha war von ihrer Mutter fromm erzogen worden. Als gute Katholikinnen hatten beide unter den Ansichten und dem Benehmen des Gerbers gelitten. Martha entsann sich nie ohne Erröten, wie sie im Gewand einer Göttin durch Troyes geführt worden war. Ihr Vater hatte sie zur Ehe mit Michu gezwungen, dessen Ruf immer schlechter wurde, und den sie zu sehr fürchtete, um ein Urteil über ihn zu haben. Trotzdem fühlte diese Frau sich geliebt, und im Grunde ihres Herzens hegte sie für den furchtbaren Mann die echteste Zuneigung. Nie hatte sie gesehen, daß er etwas Unrechtes tat; nie waren seine Worte brutal, wenigstens gegen sie nicht; er bemühte sich, alle ihre Wünsche zu erraten. Der arme Paria glaubte seiner Frau zu mißfallen, und darum blieb er fast stets außer dem Hause. So lebten Michu und Martha in gegenseitigem Mißtrauen, sozusagen im »bewaffneten Frieden«. Martha sah keinen Menschen und litt schwer unter der Mißachtung, die sie seit sieben Jahren als Tochter eines Kopfabschneiders und ihr Gatte als Verräter erfuhr. Mehr als einmal hatte sie gehört, wie die Leute aus dem Pachthof rechts von der Allee in der Ebene – er hieß Bellache und wurde von Beauvisage bewirtschaftet, einem Manne, der an den Simeuses hing –, wenn sie am Pavillon vorbeikamen, sagten: »Da wohnen die Judasse.«

Diesen gehässigen Beinamen hatte der Verwalter in der ganzen Gegend. Er verdankte ihn seiner eigentümlichen Ähnlichkeit mit dem Kopfe des zwölften Apostels, die er noch vergrößern zu wollen schien. Dies Unglück also und eine unbestimmte dauernde Angst vor der Zukunft machten Martha nachdenklich und in sich gekehrt. Nichts betrübt ja tiefer als unverdiente Herabsetzung, aus der man sich nicht emporraffen kann.

»Franz!« rief der Verwalter, um seinen Sohn noch besonders zur Eile anzuspornen.

Franz Michu, ein zehnjähriger Knabe, tummelte sich in Park und Wald und erhob selbstherrlich seine kleinen Steuern. Er aß Früchte, jagte, hatte weder Sorgen noch Mühen; er war der einzige Glückliche in dieser Familie, die durch ihren Wohnsitz zwischen Park und Wald vereinsamt war, wie sie es geistig durch die allgemeine Abneigung war.

»Hebe mir das alles auf, was da liegt,« gebot der Vater, auf die Brüstung weisend, »und schließe es ein. Sieh mich an! Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben.«

Der Knabe wollte sich seinem Vater in die Arme werfen, aber Michu machte eine Bewegung, um die Büchse beiseite zu stellen, und wies ihn zurück. »Schon gut! Du hast bisweilen über das, was hier geschieht, geschwatzt«, sagte er und heftete seine beiden Raubtieraugen auf ihn. »Merke dir eins: wenn du das Gleichgültigste, was hier geschieht, dem Gaucher oder den Leuten aus Grouage oder Bellache verrätst, oder selbst der Marianne, die uns liebt, so bringst du deinen Vater ums Leben. Daß dir das nicht wieder beikommt. Dein gestriges Ausplappern verzeihe ich dir.«

Das Kind begann zu weinen.

»Weine nicht. Aber wonach man dich auch fragt, antworte wie die Bauern: ›Ich weiß nicht...‹ Es treiben sich Leute in der Gegend herum, die mir nicht behagen. Geh! – Ihr habt es gehört, ihr beiden?« sagte Michu zu den Frauen. »Haltet auch ihr den Mund.«

»Was hast du vor, mein Lieber?«

Michu maß aufmerksam eine Pulverladung ab, schüttete sie in den Lauf seiner Büchse und stellte die Waffe gegen die Brüstung. Dann sagte er zu Martha:

»Niemand kennt diese Büchse bei mir. Setze dich davor!«

Couraut hatte sich aufgerichtet und bellte wütend. »Schönes, kluges Tier!« rief Michu. »Ich bin sicher, es sind Spione ...«

Man weiß, wenn man beobachtet wird. Couraut und Michu, die nur eine Seele zu haben schienen, lebten zusammen wie der Araber in der Wüste mit seinem Pferde. Der Verwalter kannte alle Tonarten Courauts und wußte, was sie bedeuteten. Ebenso las der Hund seinem Herrn die Gedanken von den Augen ab und roch sie in dem Dunstkreis seines Körpers.

»Was sagst du dazu?« fragte Michu ganz leise seine Frau und wies auf zwei unheimliche Gestalten, die in einer Seitenallee auftauchten und auf das Rondel zuschritten.

»Was geht in der Gegend vor? Das sind Pariser!« sagte die Alte.

»Ah, siehe da!« rief Michu aus. »Verbirg doch meine Büchse«, sagte er seiner Frau ins Ohr. »Sie kommen auf uns zu.«

Die Gesichter der beiden Pariser, die über das Rondel schritten, wären für einen Maler gewiß typisch gewesen. Der eine, anscheinend der Untergebene, trug Stulpstiefel, die etwas tief herabfielen, so daß seine dürren Waden in gestreiften Seidenstrümpfen von zweifelhafter Sauberkeit zum Vorschein kamen. Die Kniehose aus geripptem, aprikosenfarbenem Tuch mit Metallknöpfen war etwas zu weit. Der Leib hatte bequem Platz darin und die abgescheuerten Falten deuteten durch ihre Lage auf einen Kanzleimenschen. Die mit dicken Stickereien überladene Pikeeweste war offen und über dem Bauche mit einem einzigen Knopfe zugeknöpft. Sie gab dem Mann ein unordentliches Aussehen, nicht minder sein schwarzes Haar, das in Korkzieherlocken über die Stirn und die Wangen herabfiel. Zwei Uhrketten aus Stahl hingen auf die Hose herab. Das Hemd war mit einer Nadel geschmückt, die eine weißblaue Kamee zierte. Der zimtfarbene Rock empfahl sich den Karikaturenzeichnern durch einen langen Schoß, der von hinten gesehen so völlig einem Stockfischschwanz glich, daß man ihn danach nannte. Die Mode der Stockfischschwanzröcke hat zehn Jahre gedauert, fast solange wie Napoleons Herrschaft. Die Krawatte war locker und in zahlreichen großen Falten gebunden, so daß ihr Träger sein Gesicht bis zur Nase darin verstecken konnte. Sein finniges Gesicht, seine dicke ziegelrote Nase, seine geröteten Backenknochen, sein zahnloser, aber drohender und gefräßiger Mund, seine mit dicken goldenen Ohrringen geschmückten Ohren und seine niedrige Stirn, alle diese Einzelheiten, die an sich grotesk erscheinen, wurden furchtbar durch zwei kleine Augen, deren Stellung und Ausschnitt an Schweinsaugen gemahnte. Sie verrieten unersättliche Gier und eine spöttische, gleichsam fröhliche Grausamkeit. Diese beiden suchenden, durchdringenden Augen von eisigem, erstarrtem Blau konnten als Vorbild des berühmten Auges gelten, das während der Revolution als Wahrzeichen der Polizei erfunden wurde. Er trug seidene Handschuhe und einen Spazierstock in der Hand. Er mußte irgendein Beamter sein, denn seine Haltung und die Art, wie er Tabak nahm und ihn in die Nase schob, verriet die bureaukratische Wichtigtuerei eines Unterbeamten, der aber sichtlich etwas bedeutete und durch höhere Befehle zurzeit unumschränkt war. Der andre war ähnlich gekleidet, aber elegant und bis in die kleinsten Einzelheiten gepflegt. Seine über eine enganliegende Hose gezogenen Suworoffstiefel knarrten beim Gehen. Über dem Rock trug er einen Spencer nach der aristokratischen Mode, die die Bewohner von Clichy und die Jeunesse dorée aufgebracht hatten und die beide überlebt hatte. Die Moden dauerten damals länger als die Parteien, ein Zeichen der Anarchie, die uns auch das Jahr 1830 gezeigt hat. Dieser vollendete Stutzer mochte dreißig Jahre alt sein. Seine Manieren schmeckten nach guter Gesellschaft; ertrug wertvolle Juwelen. Sein Hemdkragen reichte bis zu den Ohren. Sein geckenhaftes, fast anmaßliches Wesen verriet eine Art geheimer Überlegenheit; sein bleiches Gesicht schien völlig blutleer; seine dünne Stumpfnase hatte die höhnische Form einer Totenkopfnase, und seine grünen Augen waren undurchdringlich. Ihr Blick war ebenso zurückhaltend, wie sein schmaler, verkniffener Mund es sein mußte. Er schlug mit einem Rohrstock in die Luft, dessen Goldknopf in der Sonne glänzte. Mit diesem dürren, hageren, jungen Manne verglichen, mußte der erste ein guter Kerl sein. Er konnte wohl selbst einen Kopf abschneiden, aber der andre war imstande, Unschuld, Schönheit und Tugend in die Netze der Verleumdung und der Ränke zu verstricken und sie kaltherzig zu ertränken oder zu vergiften. Der Rotbäckige hätte sein Opfer mit Witzen getröstet, der andre nicht mal gelächelt. Der erste war fünfundzwanzig Jahre alt, er mußte die Tafelfreuden und Frauen lieben. Solche Leute haben sämtlich Leidenschaften, die sie zu Sklaven ihres Berufes machen. Aber der Jüngere war ohne Leidenschaften und Laster. War er Spion, dann gehörte er zur Diplomatie und arbeitete um der Kunst willen. Er entwarf Pläne, der andre führte sie aus; er war der Gedanke, der andre die Hand.

»Wir sind wohl in Gondreville, gute Frau?« fragte der Jüngere.

»Hier sagt man nicht gute Frau«, antwortete Michu. »Wir nennen uns noch einfach Bürger und Bürgerin.«

»Ach!« sagte der junge Mann mit der natürlichsten Miene und schien keineswegs verletzt. In einer Gesellschaft empfinden die Spieler, namentlich beim Ecarté, oft einen inneren Schrecken, wenn sich vor ihnen, mitten in ihrem Glück, ein Mitspieler niederläßt, dessen Blick und Stimme, dessen Art, die Karten zu mischen, ihnen eine Niederlage prophezeit. Beim Anblick des jungen Mannes hatte Michu ein ähnliches Gefühl. Er hatte eine Todesahnung und sah undeutlich das Schafott vor sich. Eine Stimme raunte ihm zu, dieser Stutzer werde ihm verderblich werden, obwohl sie noch nichts miteinander gemein hatten. Daher hatte er schroff geantwortet; er wollte grob sein und war es.

»Unterstehen Sie nicht dem Staatsrat Malin?« fragte der zweite Pariser.

»Ich bin mein eigener Herr«, entgegnete Michu.

»Nun denn, meine Damen,« fragte der junge Mann äußerst höflich, »sind wir in Gondreville? Wir werden dort von Herrn Malin erwartet.«

»Der Park ist dort«, sagte Michu und wies auf das Gitter.

»Und warum verstecken Sie diese Büchse, schönes Kind?« fragte der joviale Begleiter des jungen Mannes, als er durch das Gittertor schritt und den Lauf erblickte:

»Du bist stets bei der Arbeit, selbst auf dem Lande!« rief der junge Mann lächelnd.

Alle beide kehrten, von Mißtrauen ergriffen, um. Der Verwalter erriet den Grund, trotz der Gleichgültigkeit ihrer Mienen. Martha ließ sie die Büchse besehen, während Couraut bellte. Sie war überzeugt, daß Michu irgendeinen schlimmen Streich plante, und fast froh über den Scharfblick der Unbekannten. Michu warf seiner Frau einen Blick zu, bei dem sie erbebte. Dann ergriff er die Büchse und wollte eine Kugel in den Lauf stoßen. Er nahm die schlimmen Möglichkeiten dieser Entdeckung und Begegnung hin. Sein Leben schien ihm nichts mehr wert, und seine Frau begriff seinen verhängnisvollen Entschluß wohl.

»Sie haben wohl Wölfe hier?« fragte der junge Mann Michu.

»Wölfe sind überall, wo es Schafe gibt. Die Herren sind in der Champagne, und hier ist ein Wald. Aber wir haben auch Wildschweine, große und kleine. Wir haben von allem etwas«, sagte Michu mit spöttischer Miene.

Der Ältere wechselte einen Blick mit dem andern. Dann sagte er: »Ich wette, Corentin, dieser Mann ist mein Michu...«

»Wir haben noch keine Schweine zusammen gehütet«, sagte der Gutsverwalter.

»Nein, aber wir waren Vorsitzende des Jakobinerklubs, Bürger«, entgegnete der alte Zyniker. »Sie in Arcis, ich anderswo. Du hast die Höflichkeit der Carmagnole bewahrt, aber sie ist nicht mehr in Mode, mein Junge.«

»Der Park scheint mir recht groß. Wir könnten uns darin verlaufen. Wenn Sie der Verwalter sind, lassen Sie uns ins Schloß führen«, sagte Corentin in gebieterischem Tone.

Michu pfiff seinem Sohn und lud seine Büchse weiter. Corentin blickte Martha gleichgültig an, während sein Gefährte entzückt schien. Aber er bemerkte an ihr Spuren von Angst, die dem alten Wüstling entgingen. Hatte ihn doch selbst die Büchse erschreckt. Beider Wesen spiegelte sich vollkommen in dieser bedeutsamen Kleinigkeit. »Ich habe ein Stelldichein jenseits des Waldes«, sagte der Verwalter. »Ich kann Ihnen diesen Dienst nicht selbst leisten; aber mein Sohn wird Sie zum Schloß führen. Von wo kommen Sie denn nach Gondreville? Wohl über Cinq-Cygne?«

»Wir hatten wie Sie im Walde zu tun«, sagte Corentin mit unmerklicher Ironie.

»Franz!« rief Michu, »führe die Herren auf Fußwegen zum Schloß, damit man sie nicht sieht.

Sie gehen nicht auf der großen Straße ... Erst komm mal her!« setzte er hinzu, als er sah, daß die beiden Fremden ihm den Rücken gekehrt hatten und im Gehen leise miteinander sprachen.

Michu packte den Knaben und küßte ihn fast andächtig, mit einem Ausdruck, der die Befürchtung seiner Frau bestätigte. Es lief ihr kalt über den Rücken und sie blickte ihre Mutter mit tränenlosem Blick an, denn weinen konnte sie nicht.

»Geh!« sagte Michu zu seinem Sohne und blickte ihm nach, bis er ihn ganz aus den Augen verloren hatte.

Couraut bellte in der Richtung nach dem Pachthof Grouage.

»Oh, das ist Violette«, fuhr Michu fort. »Seit heute morgen kommt er zum drittenmal vorbei. Was liegt denn in der Luft? ... Genug, Couraut!«

Gleich darauf hörte man den kurzen Trab eines Pferdes. Violette ritt einen Klepper, wie ihn die Pächter in der Umgegend von Paris benutzen. Unter einem runden, breitkrempigen Hut erschien sein holzfarbenes, faltiges Gesicht noch finstrer als sonst. Seine grauen, boshaften, blitzenden Augen verrieten sein falsches Gemüt. Seine dürren Beine hingen in weißen, bis zum Knie reichenden Leinengamaschen ohne Steigbügel herab und schienen von dem Gewicht seiner groben, eisenbeschlagenen Schuhe gehalten zu werden. Über seinem blauen Kittel trug er einen groben, weiß- und schwarzgestreiften Wollmantel. Sein graues Haar fiel im Schöpfe in Locken herab. Dieser Aufzug, das graue Pferd mit den kleinen, kurzen Beinen, die Art, wie Violette daraufsaß, den Leib vorgeschoben, den Oberkörper zurückgelegt, die grobe, rissige, erdfarbene Hand, die einen elenden, angefressenen und schadhaften Zügel hielt, das alles verriet einen habsüchtigen, ehrgeizigen Bauern, der Land besitzen will und es um jeden Preis kauft. Sein Mund mit den bläulichen Lippen, der wie vom Messer eines Chirurgen gespalten war, die unzähligen Runzeln in Gesicht und Stirn hinderten das Spiel der Gesichtszüge, deren Umrisse allein Ausdruck hatten. Diese harten, feststehenden Linien schienen zu drohen, trotz des bescheidenen Wesens, das sich fast alle Landleute geben und unter dem sie ihre Erregung und ihre Berechnungen verbergen wie die Orientalen und die Wilden, die ihre unter unerschütterlichem Ernst verhehlen. Vom einfachen Tagelöhner hatte er es durch ein System zunehmender Niedertracht zum Pächter von Grouage gebracht und er setzte dies System noch fort, als er eine Stellung errungen hatte, die seine ersten Wünsche übertraf. Er wünschte dem Nächsten Böses, und zwar leidenschaftlich. Konnte er dazu beitragen, so tat er es gerne. Violette war ein erklärter Neidbold; aber bei all seinen Tücken blieb er in den Grenzen des Gesetzes und übte nicht mehr und nicht minder als eine parlamentarische Opposition aus. Er glaubte, sein Wohlstand hinge vom Ruin der andern ab, und alles, was über ihm stand, war für ihn ein Feind, gegen den jedes Mittel gut sein mußte. Dieser Charakter ist unter den Bauern ziemlich verbreitet. Gegenwärtig lag ihm vor allem am Herzen, von Malin eine Verlängerung seiner Pacht zu erlangen, die nur noch sechs Jahre lief. Er war eifersüchtig auf den Wohlstand des Verwalters und paßte ihm scharf auf. Die Leute der Gegend feindeten ihn wegen seiner Beziehungen zu den Michus an; doch in der Hoffnung, seine Pacht auf zwölf weitere Jahre verlängern zu lassen, spähte der schlaue Pächter nach einer Gelegenheit, der Regierung oder Malin, der Michu mißtraute, einen Dienst zu leisten. Mit Hilfe des Wächters von Gondreville, des Feldhüters und einiger Holzhacker hielt Violette den Polizeikommissar von Arcis über Michas geringste Handlungen auf dem Laufenden. Dieser Beamte hatte vergebens versucht, Marianne, Michus Magd, für die Interessen der Regierung zu gewinnen; aber Violette und seine Getreuen erfuhren alles durch Gaucher, den kleinen Knecht, auf dessen Treue Michu sich verließ und der ihn doch für Kleinigkeiten, für Westen, Schnallen, baumwollene Strümpfe und Leckereien verriet. Violette schwärzte alle Handlungen Michus an, machte sie durch die unsinnigsten Unterstellungen zu Verbrechen, ohne daß der Verwalter etwas ahnte, obgleich er wußte, welche erbärmliche Rolle der Pächter bei ihm spielte, und sich einen Spaß daraus machte, ihn zum besten zu halten.

»Sie haben wohl viel in Bellache zu tun, daß Sie schon wieder da sind?« fragte Michu.

»Schon wieder! Das ist ein Vorwurf, Herr Michu ... Mit der Tonart kommen Sie mir nicht! Die Büchse da kannte ich bei Ihnen noch nicht ...«