Verlag: Saga Egmont Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Eine Frau von dreißig Jahren - Marie Louise Fischer

Die selbstbewusste und erfolgreiche Lektorin Verena van den Berg lebt zusammen mit ihrer sehr viel ruhigeren Freundin, der Bibliothekarin Ina Bongard, in einer Wohngemeinschaft. Beide vereint das gleiche Schicksal. Die beiden jungen Frauen haben sich nach mehreren Enttäuschungen geschworen, keinem Mann mehr zu trauen und nie zu heiraten. Doch leider wird diese Haltung bald unversehens erschüttert. Es taucht nämlich in Inas Leben Heinrich auf und macht ihr einen Heiratsantrag. Verena trifft dies wie ein Schlag. Sie fühlt sich von ihrer Freundin verraten und das früher so herzliche Verhältnis erfährt eine radikale Wandlung. Sind hier Dinge für immer zerbrochen? Marie Louise Fischer wurde 1922 in Düsseldorf geboren. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Lektorin bei der Prag-Film. Da sie die Goldene Stadt nicht rechtzeitig verlassen konnte, wurde sie 1945 interniert und musste über eineinhalb Jahre Zwangsarbeit leisten. Mit dem Kriminalroman "Zerfetzte Segel" hatte sie 1951 ihren ersten großen Erfolg. Von da an entwickelte sich Marie Louise Fischer zu einer überaus erfolgreichen Unterhaltungs- und Jugendschriftstellerin. Ihre über 100 Romane und Krimis und ihre mehr als 50 Kinder- und Jugendbücher wurden in 23 Sprachen übersetzt und erreichten allein in Deutschland eine Gesamtauflage von über 70 Millionen Exemplaren. 82-jährig verstarb die beliebte Schriftstellerin am 2. April 2005 in Prien am Chiemsee.

Meinungen über das E-Book Eine Frau von dreißig Jahren - Marie Louise Fischer

E-Book-Leseprobe Eine Frau von dreißig Jahren - Marie Louise Fischer

Marie Louise Fischer

Eine Frau von dreißig Jahren

SAGA Egmont

Eine Frau von dreißig Jahren

Eine Frau von dreißig Jahren (Eine Frau über dreißig)

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1979 by Lübbe Verlag, Germany

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711718728

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

I

Die Dämmerung des Vorfrühlingstages sank rasch herab.

Als Verena van den Berg aus der Straßenbahn stieg, hatten die Schatten auch den letzten Sonnenkringel schon verschlungen. Grau und rauchgeschwärzt drängten sich die schmalen Häuser der Vorstadtstraße aneinander, dazwischen klammerten sich groteske Ruinen, schoben sich aufdringlich die hellen kahlen Fassaden von Neubauten, deren billiger Verputz bereits die ersten dunklen Flecken aufwies.

Verena war dieser trostlose Anblick so vertraut, daß er ihr gar nicht mehr bewußt wurde. Die Schultern leicht vornübergebeugt, die Mappe mit den Manuskripten unter den Arm geklemmt, bahnte sie sich mit weit ausholenden Schritten ihren Weg durch die hastenden Menschen, die, gleich ihr von der Arbeit kommend, ihrem Zuhause zustrebten.

Im Vorbeigehen musterte sie die Auslagen der Geschäfte und überlegte, was sie ihrer Freundin mitbringen sollte. Sie hatte heute ihr Gehalt bekommen, und das war in den drei Jahren, seit sie mit Ina Bongard zusammen lebte, immer Anlaß zu einer kleinen häuslichen Feier gewesen.

Aber die Wahl war gar nicht so leicht, denn Inas Geschmack war grundverschieden von dem ihren. Endlich entschloß sie sich zu einer Flasche Ettaler Klosterlikör und erstand im Laden nebenan noch einen Strauß goldgelber Narzissen.

Bevor sie die Haustür aufschloß, warf sie noch einen Blick durch das Schaufenster in Inas Leihbuchhandlung.

Der Laden war voller Kunden, das Geschäft ging gut; kein Wunder in einem Viertel, in dem die Menschen eng beisammen wohnten, in düsteren Altbauwohnungen oder in den ewig feuchten Zimmern von Neubauten, deren Wände keines der vielfältigen Geräusche des Hauses abfingen.

Zu den wenigen Vergnügungen, die man sich gerade noch leisten konnte, gehörten der Kinobesuch und das Buch aus der Leihbücherei.

Ina hatte alle Hände voll zu tun; sie bediente ohne hochzusehen.

Verenas Blick glitt über die Auslage. Ina hatte neu dekoriert, stellte sie fest. Der Boden des Schaukastens war mit leuchtend grünem Kreppapier ausgelegt, von dem sich die bunten Umschläge der Bücher prächtig abhoben. In der Mitte der Auslage lockten drei Bestseller, dicke Wälzer, die, wie Verena wußte, von vielen Kunden verlangt wurden und meist schon auf Wochen hinaus vorbestellt waren. Links davon lagen einige der üblichen Frauenromane, wie zufällig aus der Hand gelegt, in Wahrheit aber mit großer Raffinesse gerade so und nicht anders verteilt. Rechts gab es eine Gruppe von Kriminalromanen und Western.

Sehr hübsch hat sie das gemacht, dachte Verena anerkennend und trat einen Schritt zurück, um das Bild noch besser überschauen zu können.

Als sie aufsah, begegnete ihr Blick Inas lächelnden Augen. Verena wies auf die Auslage und spendete der Freundin stummen Applaus. Ina dankte mit einer Kußhand.

Dann schob sich ein dicker Herr zwischen die beiden, und Verena wandte sich ab.

Ich freu’ mich auf heute abend, dachte sie, als sie die Treppe zum ersten Stock hinaufstieg und die Wohnungstür aufschloß.

Sie knipste das Licht in der fensterlosen kleinen Diele an, schloß die Tür hinter sich und blieb aufatmend stehen.

Sie war zu Hause.

Dann legte sie ihre Einkäufe und die Mappe auf die Rosenholztruhe, hing ihren Mantel über einen Bügel und sah in den Spiegel.

In dem schmeichelnden Licht des rosa beschirmten Lämpchens wirkte ihr Gesicht jung, weich und gelöst. Die scharfen Fältchen um die Mundwinkel schienen geglättet, die steile senkrechte Falte über der Nasenwurzel ausgelöscht. Blau strahlten ihre dunklen Augen unter dem tiefbraunen Haar. Verena lächelte sich mit schimmernden Zähnen zu, dann schnitt sie sich, halb beschämt, eine rasche Grimasse und wandte sich ab.

Sie ging ins Schlafzimmer, wechselte die Schuhe, ließ die Jalousien vor allen Fenstern herunter, zog die Vorhänge zu und knipste die Stehlampe im Wohnzimmer an. Den Lampenschirm hatten die beiden Freundinnen selbst bemalt und gebastelt, ganz akkurat war er nicht geworden, aber jedesmal wieder freute sich Verena, wenn er das Licht warm und bunt in den Raum strahlen ließ.

Sie stellte die Flasche Klosterlikör auf den niedrigen Tisch, zögerte einen Augenblick, dann holte sie sich ein Glas, tat einen guten Schluck Gin hinein, holte Sodawasser aus dem Eisschrank in der Küche und goß es dazu.

Noch im Stehen nahm sie einen Schluck, ging mit dem Glas in der Hand ins Wohnzimmer zurück, setzte sich in ihren Lieblingssessel, streckte die Beine von sich und zündete sich eine Zigarette an. Sie schloß die Augen, entspannte sich und dachte eine Weile an gar nichts.

Dann nahm sie einen zweiten Schluck, nicht mehr ganz so prickelnd, aber genauso anregend und erfrischend wie der erste, stellte mit der linken Hand das Radio an; und während gedämpfte Tanzmusik erklang, ihre Zigarette glühte und der Gin ihren Magen wärmte, fühlte sie sich einfach wohl.

Die schönste Stunde des Tages, dachte sie etwas verschwommen, weil ich ganz allein bin … allein mit mir … bei mir selber. Ah, wie gut das tut … sehr, sehr gut! Wenn ich diese Stunde nicht hätte, ich glaube, ich würde irgendwann mal aus dem Fenster springen, bloß um allein zu sein … um zu mir selber zu kommen. Wie Menschen das aushalten können, nie für sich zu sein. Vielleicht … wer weiß, so schlimm wird es eben doch nicht sein. Man gewöhnt sich wohl daran. An was gewöhnt man sich denn nicht? Aber ich bin froh, daß es so ist, wie es ist, daß ich es so haben kann. Und eigentlich ist es doch bloß schön, weil ich weiß, daß Ina gleich heraufkommen wird, daß wir beisammen sein werden, es gemütlich haben. Wenn niemand käme, wenn ich den ganzen Abend hier allein sitzen müßte, das wäre einfach zum Verrücktwerden. Immer allein … Nicht auszuhalten! Ich würde jeden Abend irgendwo hingehen … oder bloß spazieren, so durch die Straßen. Oder in die Kneipe … oder ins Kino. Schrecklich. Gar nicht auszudenken. Aber, wozu denke ich an so was? Ich brauche ja nicht allein zu sein. Ich habe Ina. Ina und ich gehören zusammen. Wir haben ein Heim, wir haben die ideale Lebensform gefunden. Die ideale Lebensform für zwei Junggesellinnen. Junggesellinnen … wie das klingt! Ganz komisch. Aber es stimmt. Es trifft den Nagel auf den Kopf. Wir sind Junggesellinnen, aber keine alten Jungfern, das ist ein himmelweiter Unterschied! Alte Jungfern …!

Verena lachte leise in sich hinein, wies sich dann aber sofort mit strengem Gesicht zurecht: Verena, benimm dich! Was soll denn das!? Du kannst doch nicht einfach mutterseelenallein dasitzen und vor dich hinlachen! Mir scheint, du bist schon betrunken … von einem Glas Gin!

Dann aber mußte sie doch wieder lachen. Ich freu’ mich auf heute abend, dachte sie, ich freu’ mich!

Verena wußte, daß Ina ihr Geschäft selten vor halb acht Uhr schließen konnte. Kurz vor sieben kam fast immer noch ein später Kundenstoß, und bis sich auch der letzte Leser für ein bestimmtes Buch entschieden hatte, dauerte es dann noch eine ganze Weile.

So hörte sie gar nicht, daß bald nach sieben Uhr die Wohnungstür aufgeschlossen wurde. Sie stand in der Küche und setzte das Essen, das die Zugehfrau schon vorbereitet hatte, aufs Feuer, als Ina hereingefegt kam.

»Verena, bitte«, rief sie atemlos, »ich …«

»Ina, du? Ich dachte, es wäre erst …«

»Ja, ja, stimmt schon. Ich muß mich umziehen! Meinst du, daß mein Blaues in Ordnung ist? Oder kann ich schon das Weiße anziehen? Nein, ich glaube, dafür ist es noch zu kalt! Oder das graue Kostüm?«

Verena gab es einen Schlag. Sie biß sich auf die Unterlippe und fand keine Antwort.

Ina sauste ins Schlafzimmer, und Verena folgte ihr mechanisch. Ina riß eine Anzahl Kleider aus dem großen Schrank, warf sie aufs Bett und unterzog sie einer hastigen Musterung.

»Aber, Inalein, was ist denn los?« fragte Verena endlich, als sie sich so weit gefaßt hatte, ihrer Stimme einen normalen Klang zu geben.

»Ach, habe ich dir nicht erzählt …?« Ina lief ins Badezimmer und drehte beide Hähne auf, so daß der Lärm des in die Wanne rauschenden Wassers jedes Gespräch unmöglich machte.

Verena wartete noch eine Weile, dann aber sah sie ein, daß eine Unterhaltung mit der aufgeregten Freundin im Augenblick keinen Sinn haben konnte. Ohne ein weiteres Wort verzog sie sich in die Küche.

Sie hatte Zeit genug, um mit ihrer Enttäuschung fertig zu werden, denn es dauerte eine gute halbe Stunde, bis Ina sich schöngemacht hatte. Verena stach gerade mit einer Gabel in die kochenden Kartoffeln, als die Küchentür aufgerissen wurde.

»Verena!« Ina stand in der Tür, strahlend vor Erregung, mit künstlich geröteten Wangen, sorgfältig geschwärzten Wimpern und duftig gebürsteten hellblonden Löckchen. Sie trug einen weißen Rollkragenpullover unter ihrem hellgrauen Jackenkleid.

»Wie sehe ich aus?« fragte sie erwartungsvoll.

»Bezaubernd, mein Engel! Aber, warte bitte einen Augenblick, ich will nur eben …«

»Du mit deinen dummen Kartoffeln!« meinte Ina, drehte sich um und ließ Verena stehen.

Trotzdem goß Verena erst die Kartoffeln ab, bevor sie hinter Ina herlief. Diese drehte sich vor dem Spiegel in der kleinen Diele hin und her, betrachtete sich von vorn und über die Schulter.

»Du siehst wirklich bezaubernd aus, Ina!« versicherte Verena noch einmal.

»Ehrlich?«

»Aber ja! Schön wie eine junge Göttin!«

»Wenn ich bloß gestern noch zum Friseur gegangen wäre! Ich hatte es vor, aber dann …«

»Unsinn, Ina, dein Haar sitzt wundervoll!«

»Ich weiß nicht«, seufzte Ina und drehte eine ihrer blonden Locken um den Finger, »es ist so wichtig, gut frisiert zu sein …«

»Du lieber Himmel!« sagte Verena.

Ina sah auf die Armbanduhr. »Schon halb acht! Sag mal, Verena, hat es vielleicht schon geklingelt, während ich in der Badewanne saß?« Sie sah die Freundin an, erschrocken bei dem bloßen Gedanken.

»Aber, Ina, das hätte ich dir doch gesagt!«

»Vielleicht hast du es überhört!«

»In der Küche?«

»Herrgott, bin ich aufgeregt! Weißt du, ich bin das einfach nicht mehr gewöhnt, abends auszugehen und so …«

»Du tust, als würdest du in einem Gefängnis leben!«

»Ach, Verena, so meine ich das doch nicht, nur … meinst du, daß ich rasch noch eine Zigarette rauchen kann?«

»Willst du nicht wenigstens noch mit mir essen? Es ist alles fertig.«

In diesem Augenblick klingelte es an der Haustür dreimal kurz.

»Das ist er!« rief Ina. »Wo ist meine Tasche? Herrgott, wo habe ich nur meine Tasche gelassen? Danke, Verena, vielen, vielen Dank … Mach dir einen vergnügten Abend, ja? Warte nicht auf mich, ich weiß nicht, wann ich … tschüs, bis nachher!«

Dann war Ina in ihren Mantel geschlüpft, hatte Verena flüchtig auf beide Wangen geküßt, und schon fiel die Wohnungstür hinter ihr ins Schloß.

Es war plötzlich sehr still in der kleinen Diele, und doch schien der Lärm des Abschiedswirbels noch fast greifbar in der Luft zu hängen wie der leichte Duft von Inas zartem Pariser Parfüm.

Verena fühlte sich plötzlich abgrundtief allein.

Als das Telefon klingelte, hatte es sich Verena gerade bei einer Tasse Kaffee und einem Likör gemütlich gemacht. Sie stand auf, nahm den Hörer ab und nannte ihre Nummer.

»Verena?« fragte eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.

»Hallo, Brigitte!« sagte Verena.

»Das wundert mich aber!«

»Was?«

»Daß du meine Stimme erkennst!«

»Na, hör mal!«

»Ich war überzeugt, du hättest uns inzwischen völlig vergessen«, sagte Brigitte mit vorwurfsvollem Spott, und Verena konnte sich das Funkeln in ihren schräg stehenden Augen unter den schweren schläfrigen Lidern nur zu gut vorstellen.

»Aber, Brigitte, ich …«

»Oder willst du grundsätzlich nichts mehr mit uns zu tun haben?«

»Aber … wieso denn?«

»Was weiß ich!«

»Bitte, Brigitte, rede doch nicht so einen Unsinn! Du weißt sehr gut, wieviel mir an dir liegt, und wenn ich mich längere Zeit nicht habe bei euch blicken lassen …«

»Reichlich lange, Verena!«

»Ich hatte in der Agentur furchtbar viel zu tun, und dann …«

»Bei unserer alten Freundschaft, Verena … erspar mir das! Du solltest wissen, daß mir faule Ausreden unerträglich sind!«

»Was willst du denn hören?«

»Die Wahrheit!«

Verena schwieg einen Augenblick.

»Hörst du nicht mehr?« rief Brigitte.

»Doch. Nur habe ich nicht so viel Phantasie, mir etwas auszudenken, was du mir als ›Wahrheit‹ abnehmen würdest!«

Brigitte lachte.

»Wenn ich das könnte, würde ich selbst Bücher schreiben, anstatt mich mit den Manuskripten anderer Leute abzuplagen!« fuhr Verena fort.

»Bleib friedlich, Verena … also gibt es keinen bestimmten Grund?«

»Natürlich nicht!«

»Wunderbar! Also, dann kommst du morgen abend, ja?«

»Morgen?«

»Ja!«

»Also, hör mal, Brigitte, ganz ehrlich … ich kann dir jetzt noch nicht sagen, ob das klappen wird, ich …«

»Verena!«

»Vielleicht. Wir könnten doch einen anderen Tag ausmachen, nicht?«

»Das kenne ich bei dir. Dann wird bestimmt wieder nichts draus! Nein, morgen abend, und dabei bleibt’s! Versetz deinen Freund mal, das wird dir nichts schaden.«

»Du weißt genau, Brigitte …«

»Nichts weiß ich! Woher sollte ich denn? Es kann schließlich allerhand passiert sein, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Also, abgemacht … morgen abend!«

»Brigitte, ich …«

»Georg ist übrigens morgen nicht zu Hause. Er hat eine Sitzung.«

»Ach«, sagte Verena unbestimmt.

»Du darfst mich nicht wieder sitzenlassen, Verena. Oder ich muß doch annehmen …«

»Na schön. Um wieviel Uhr?« unterbrach Verena sie.

»Komm am besten gleich nach Büroschluß, dann sparst du dir den Umweg.«

»Gut.«

»Übrigens will ich gleich versuchen, ob ich auch Ellen erwischen kann.«

»Ellen? Wie geht’s denn der?«

»Seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.«

»Ob sie immer noch ihren Hans Ludwig hat?«

»Danach können wir sie ja morgen ausquetschen.«

»Hoffentlich!«

»Also dann … bis morgen abend! Halt mir Däumchen wegen Ellen! Und schönen Gruß an Ina!«

»Grüß … Georg von mir! Und ich habe mich wirklich sehr gefreut, daß du mal angerufen hast!«

Der Kaffee war kalt geworden, aber Verena merkte es nicht. Georg, dachte sie, diese dumme Geschichte! Werde ich denn nie und nimmer da herauskommen?

Sie leerte ihr Likörglas mit einem Schluck. – Ob Brigitte etwas gemerkt hatte? Ob sie ahnte, daß zwischen ihr und Georg einmal etwas gewesen war? Aber das war doch ganz und gar unmöglich. Wie sollte sie darauf kommen? Es sei denn, Georg hätte ihr etwas erzählt. Ehemänner waren manchmal indiskret, das wußte Verena. Ehemänner, ja, aber doch nicht Georg. Georg sah es gar nicht ähnlich, so etwas zu erzählen. Wozu auch?

Jedenfalls brauche ich Brigitte gegenüber kein schlechtes Gewissen zu haben, dachte Verena, ob sie es nun weiß oder nicht. Ich habe ja Brigitte damals noch nicht gekannt … Nein, falsch, ich habe nicht gewußt, daß Brigitte hier lebt, daß ausgerechnet Georg ihr Mann ist. Ich habe überhaupt nicht gewußt, daß er verheiratet ist. Wenn ich nur das geringste geahnt hätte, wäre es niemals passiert.

Verena zündete sich eine Zigarette an. Merkwürdig, dachte sie, und dabei waren doch alle meine Freunde, als ich sie kennenlernte, in mehr oder weniger festen Händen. Welcher Mann ist heutzutage denn nicht in irgendeiner Form gebunden? Aber das hat mir gar nichts ausgemacht. Bei Brigitte und Ina ist das etwas anderes, auch bei Ellen. Sie sind meine Freundinnen, und Freundinnen betrügt man nicht. Es gibt vieles, über das man sich hinwegsetzen kann, aber darüber nicht. Niemals werde ich versuchen, Brigitte ihren Mann wegzunehmen, niemals! Oder rede ich mir das nur ein, weil ich weiß, daß ich im Wettstreit mit Brigitte immer die Unterlegene bleiben werde?

Das war vor drei Jahren gewesen, als sie mit Ina zusammengezogen war. Das war der Grund gewesen, warum sie sich ein eigenes Heim aufzubauen versucht hatte, und es war ihr gelungen. Ina war damals gerade von Kurt mit der Leihbücherei abgefunden worden.

Verena überdachte ihr Leben, und sie war damit zufrieden. Sie hatte mit Georg Schluß gemacht und Schluß mit der Liebe. Sie hatte ihren Beruf, der sie ausfüllte, sie hatte ihr gemütliches Heim und Inas Freundschaft. Das war viel, das war genug, das mußte genug sein …

Man muß rechtzeitig verzichten können, dachte Verena, ich habe es zum richtigen Zeitpunkt getan!

Sie drückte ihre Zigarette aus, stand auf und holte sich ein Manuskript aus der Mappe. Sie nahm von sich selbst, ihren persönlichen Sorgen und Wünschen Abstand und richtete alle ihre Gedanken nur auf die Arbeit.

Unermüdlich tickte die Uhr, aber sie hörte es nicht.

Verena lag schon im Bett, mit wachen Augen, die Arme unter dem Kopf verschränkt, als sie die Wohnungstür ins Schloß fallen und Ina nach Hause kommen hörte. Sie knipste die Nachttischlampe an.

»Hallo, Ina«, rief sie und blickte der Freundin entgegen, »wie spät ist es denn?«

»Noch früh«, sagte Ina, ließ sich auf das andere Bett fallen und schleuderte die Pumps von ihren Füßen. »Verena, war das ein schöner Abend!«

»Ja?« sagte Verena und tastete nach ihren Zigaretten auf dem Nachttisch.

»Mir auch eine«, bat Ina, »ich verschmachte fast. Weißt du, Heinrich sagt, er hat es nicht gern, wenn Frauen rauchen!«

Verena warf ihr eine Zigarette zu und lachte. »Bist du deshalb so früh nach Hause gekommen?«

»Ach, Blödsinn! Übrigens raucht er selbst nicht.« Sie fing Verenas Feuerzeug auf. »Er ist schrecklich nett und anständig und solide. Ich dachte, so was gibt es heutzutage gar nicht mehr.«

»Gratuliere … dann paßt ihr ja ausgezeichnet zusammen!«

»Tun wir auch, daß du es nur weißt!« rief Ina empört. »Natürlich passen wir großartig zusammen! Du siehst mich einfach falsch … alle sehen mich falsch! Du kannst doch nicht sagen, es ist meine Schuld, daß die Sache mit Kurt schiefgelaufen ist … und mit Helmuth … und mit Fritz! Ich bin von Natur aus schrecklich solide und treu, das ist alles. Nur bin ich immer an die falschen Männer geraten. Das war mein Unglück!«

»Reg dich doch nicht auf, Ina. Ich hab’s ja gar nicht so gemeint!«

»Das weiß ich schon, aber ich selbst … Sag mal, haben wir eigentlich noch etwas Trinkbares im Haus?«

»Antialkoholiker ist er also auch? Schau mal ins Wohnzimmer rüber. Da steht irgendwo eine Flasche Klosterlikör, den habe ich heute mitgebracht.«

»Heute? Ach, natürlich, du hast dein Gehalt bekommen! Und ich hab’ das total vergessen … so was Blödes! Kannst du mir noch einmal verzeihen, Verena?«

»Ausnahmsweise! Verliebte Leute sind nun mal nicht zurechnungsfähig.«

»Ich bin nicht verliebt, Verena. Ich muß dir das erklären, ich …«

»Hol‘ erst mal was zu trinken. Mir, bitte, auch … Gin mit Soda. Es muß noch ein Schluck dasein.«

Ina erhob sich widerwillig und angelte nach ihren Pantoffeln. Verena hörte sie eine Weile draußen hantieren, dann kam sie mit einem Tablett zurück und stellte ein Glas Gin mit Soda auf Verenas Nachttisch. »Da, schau her, was ich dir mitgebracht habe!« sagte sie stolz und legte eine knisternde Tüte dazu.

»Kartoffelchips! Du bist ein Engel!« rief Verena erfreut und riß die Tüte auf. »Dein Heinrich scheint ja keine Kosten zu scheuen.«

»Geizig ist er nicht, das steht fest. Wir waren im ›Madrid‹, und du weißt, dort haben sie gesalzene Preise.«

Ina schenkte sich ein Glas Likör ein, trank es aus, füllte nach und begann sich zu entkleiden.

»Er hält auch nichts von Gleichberechtigung … er sagt, die Männer sind dazu da, um die Frauen zu beschützen und für sie zu sorgen. Das ist ein Naturgesetz, sagt er, und deshalb ist die ganze Gleichberechtigung Blödsinn.«

»Er hat wohl nicht ganz richtig verstanden, um was es dabei geht«, sagte Verena, den Mund voller Chips.

»Also, weißt du, so klug wie du ist er schon lange!«

»Aber wie kann er dann …«

»Verena, bitte, rede mir doch nicht immer dazwischen! Das mit der Gleichberechtigung ist doch gar nicht so wichtig! Laß mich erst mal alles richtig erzählen!«

»Nur zu!«

»Also, er hat natürlich ein Auto. Er sagt, daß er schon hin und wieder ein Glas Wein trinkt. Aber nicht, wenn er mit dem Auto unterwegs ist. Er sagt, so was wäre sträflicher Leichtsinn! Und da hat er doch recht, nicht wahr? Wenn ich denke, in was für einem Zustand Kurt oft am Steuer saß!«

»Hör mal, Ina, schweife nicht ab! Das Thema Kurt sollten wir inzwischen erschöpfend behandelt haben. Wo hast du diesen Heinrich übrigens aufgetan?«

»Im Geschäft. Im übrigen nenne ich ihn natürlich gar nicht Heinrich, wir sind noch streng per Sie. Gnädiges Fäulein, sagt er, ist das nicht süß? Und ich: Herr Eckert! Nicht mal zum Abschied hat er versucht mich zu küssen!«

»Trag es mit Fassung!«

»Rede doch nicht so dumm! Als wenn ich auf so was aus wäre! Ganz im Gegenteil, gerade das gefällt mir ja so gut an ihm, daß er so schrecklich anständig …«

»… und nett und solide ist!« fiel Verena ihr ins Wort. »Habe ich bereits begriffen.«

»Vom ersten Augenblick an hat er mir schon so gut gefallen. Er hat so was Gewisses, verstehst du? Ich kann dir das nicht richtig erklären, aber …«

»Wie sieht er denn aus?«

»Ach, eigentlich gar nicht besonders, ganz normal. Blonde Haare, schon ein bißchen schütter, eine Brille, und wenn er lächelt, hat er zwei kleine Grübchen, stell dir vor!«

»Und auf die Grübchen bist du sofort reingefallen, was?«

»Verena! Wirklich, man kann sich mit dir nicht unterhalten!«

Ina stand jetzt splitternackt da, das schlaffe Fleisch ihres molligen, kleinen Körpers zitterte förmlich vor Empörung, ihre braunen, runden Augen füllten sich mit Tränen.

Verena empfand Scham und Mitleid. »Verzeih mir, Inalein«, sagte sie, »ich meine es doch nicht so, das ist nur meine dumme Art. An die solltest du dich mittlerweile gewöhnt haben!«

»Ein Scheusal bist du!« erklärte Ina überzeugt, aber sie lächelte schon wieder. Sie schlüpfte in ihr zartgrünes Nachthemd und begann vor dem Schlafzimmerspiegel ihre Gesichtshaut mit Toilettenwasser zu bearbeiten. Das gefüllte Likörglas hatte sie sich in erreichbare Nähe gestellt.

»Was hat dir also von Anfang an so gut an ihm gefallen?« forschte Verena.

»Daß er so anders ist! Ich kann dir das nicht erklären, aber du wirst ihn ja kennenlernen. Er ist wirklich ganz anders als andere Männer.«

»Na schön«, sagte Verena, »also weiter! Er hat sich ein Buch geliehen, ja?«

»Öfters … alle paar Tage. Und dabei sind wir natürlich ins Gespräch gekommen. Weißt du, er gehört nicht zu den Leuten, die Wildwestromane lesen, oder Kriminalromane – einfach so – der Reihe nach herunter. Im Gegenteil, er ist sehr wählerisch, er hat sozusagen einen literarischen Geschmack …«

»Du lieber Himmel!«

»Nichts vom lieben Himmel! Er versteht was von Literatur! Und da hat es mir natürlich Spaß gemacht, ihn ein bißchen zu beraten. Dabei hat sich herausgestellt, daß wir in jeder Beziehung genau denselben Geschmack haben, ganz komisch … was Literatur betrifft, heißt das natürlich. Privat haben wir kaum ein Wort miteinander gewechselt … bis heute!«

»Und heute hat er dich dann eingeladen?«

»Ja. Aber es war gar nicht so einfach, bis ich ihn soweit hatte, er ist nämlich schrecklich schüchtern. Heute abend hat er mir gesagt, daß er sich gar nicht hätte vorstellen können, daß eine Frau wie ich mit ihm ausgehen würde. Stell dir so was vor!«

»Wirklich?« fragte Verena vorsichtig und nahm einen Schluck Gin.

»Direkt glücklich war er! Natürlich immer noch schüchtern. Aber trotzdem, man merkte es ihm an … also ich meine, es muß ihm doch etwas an mir gefallen …«

»Ja, warum auch nicht?«

Ina hatte ihr Gesicht mit Fettcreme eingerieben und starrte versonnen und augenscheinlich ohne etwas wahrzunehmen ihr Spiegelbild an. »Einmal, heute abend, da hat er meine Hand genommen. Ganz unwillkürlich. Und als er es gemerkt hat, hat er seine ganz rasch zurückgezogen … und er hat mich angesehen, so verlegen, als wenn er erwarten würde, ich wäre böse!«

»Komm ins Bett, Ina«, mahnte Verena sachte, »du weißt, wir müssen morgen früh raus!«

Ina schloß einen Augenblick die Lider, dann stand sie auf, knipste das Licht über dem Spiegel aus, ergriff das Likörglas und schlüpfte ins Bett. »Ich glaube, ich kann heute nacht kein Auge zutun«, behauptete sie.

»Trottel!«

»Wirklich, Verena, du weißt nicht, wie das ist!« Verena löschte ihre Nachttischlampe und rollte sich auf die Seite. »Und worüber habt ihr sonst noch gesprochen – außer über die Gleichberechtigung?«

»Über alles mögliche, über Bücher und so. Worüber man eben so redet!«

»Und kein Wort über Liebe?«

»Nein!«

»Hat er denn wenigstens was von sich erzählt?«

»Auch nicht, ich …« Ina stockte.

»Was?«

»Ach, Verena, warum ist alles so verwickelt?«

»Aber, Ina, was ist denn los? Es ist doch gar nichts verwickelt! Oder ist er verheiratet?«

»Nein, nein …«

»Hat er dir das gesagt?«

»Das weiß ich doch!«

»Woher?«

»Weil … er holt doch immer nur Bücher für sich selbst. Und eine Frau Eckert habe ich noch nie bei mir gesehen und …«

»Vielleicht liest sie nicht«

»Aber er hätte mir das bestimmt erzählt!«

»Hoffentlich.«

»Ganz bestimmt. So wie du denkst, ist er nicht. Er ist ganz anders! Und das macht die Sache für mich so schwer.«

»Was hat er denn für einen Beruf? Das müßtest du doch wenigstens wissen.«

»Weiß ich auch! Er ist Vertreter bei einer Schraubenfabrik …«

»Aha!«

»Aber nicht so, wie du dir einen Vertreter vorstellst! Gar nicht leichtlebig oder so.«

»Davon habe ich doch kein Wort gesagt.«

»Aber gedacht hast du’s!«

»Unsinn! Nun sag mir bloß … Wenn er nicht verheiratet ist, sehe ich nicht ein, was die Sache dann für dich so kompliziert machen könnte.«

»Ach, Verena, denk doch mal nach! Schließlich bin ich ja keine achtzehn mehr!«

»Du kannst doch nicht erwarten, daß du mit jeder Liebe wieder achtzehn Jahre jung wirst!«

»Natürlich nicht, nur … ich glaube, ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht …«

Verena wartete schweigend ab.

»… aber er war so interessiert, und ich dachte, er muß es doch schließlich wissen. Er muß sich doch denken können, daß eine Frau von achtundzwanzig Jahren … also …«

»Von wem redest du denn jetzt?« unterbrach Verena sie. »Welche Frau von achtundzwanzig?«

»Verena, bitte, sei nicht so! Mach’s mir nicht noch schwerer! Natürlich habe ich nicht zugegeben, wie alt ich wirklich bin. Wozu denn auch? Schließlich sehe ich noch nicht aus wie dreiunddreißig. Kein Mensch würde mich für so alt halten, ganz ausgeschlossen. Und deshalb habe ich ihm gesagt …«

»Gut, daß ich das weiß. Könnte ja sein, daß ich ihn auch mal kennenlerne. So was muß man doch wissen.«

»Willst du mich jetzt ausreden lassen, oder?«

»Ich lausche.«

»Es war wahrscheinlich dumm von mir, ich könnte mich ohrfeigen … Ich habe ihm von Kurt erzählt!«

»Alles?«

»So ungefähr. Daß er mir versprochen hatte, mich zu heiraten und daß ich ihm geglaubt habe …«

»Auch, daß er schon verheiratet war?«

»Ja, natürlich! Aber er wollte sich doch scheiden lassen. Er hat es mir immer gesagt, wieder und wieder. Bloß, dann ging es ja nicht mehr.«

»Weil seine Frau wieder ein Kind erwartete! Hast du das auch erzählt!?«

»Ich habe ihm gesagt, daß nachher eben doch nichts draus geworden ist und daß er mir die Leihbücherei geschenkt hat zum Abschied. Findest du das so schlimm?«

»Inalein! Auf meine Meinung kommt es doch nicht an! Was hat er dazu gesagt?«

»Das ist es ja! Er hat nicht viel gesagt. Gar nichts Bestimmtes, aber ich habe das Gefühl, als wenn es ihn irgendwie schockiert hätte. Als wenn er daraufhin noch zurückhaltender geworden wäre, verstehst du?«

»Das bildest du dir sicher nur ein!« sagte Verena tröstend.

»Möglich. Aber weißt du, ich habe einfach kein gutes Gefühl …«

»Na hör mal, Ina. Früher oder später hätte er es ja doch erfahren. Eine Leihbuchhandlung fällt ja nicht einfach vom Himmel, nicht wahr? Und es wäre bestimmt falsch gewesen, wenn du dir ein ganzes Lügengewebe ausgedacht hättest, nur um diese Tatsache zu verheimlichen.«

»Aber ich hätte es ihm doch nicht gleich heute zu erzählen brauchen! Nicht gleich am ersten Abend!«

»Es muß ihm ein Beweis für deine Offenheit sein.«

»Schon, nur …«

»Und wenn er nun abspringt … wäre das denn so schlimm?«

»Scheußlich!« erwiderte Ina nach einer kleinen Pause.

»Du hast doch nicht etwa ernste Absichten, Ina? Du weißt doch gar nicht, was für ein Mensch er ist!«

»Doch … das habe ich doch auf den ersten Blick gesehen!«

»Ina! Das ist Unsinn! Mann kann einen Menschen nicht auf den ersten Blick durchschauen. Und du kannst das schon gar nicht. Bitte, Ina, verrenne dich nicht leichtfertig in eine Sache, die …«

»Aber das tue ich doch gar nicht, Verena! Wie oft soll ich dir noch sagen, daß er nicht so ist, daß er ganz anders ist als andere Männer! Niemals würde er so etwas von mir verlangen.«

»O Gott, Ina, du bist unverbesserlich! Bitte denk doch auch mal ein kleines bißchen daran, was wir ausgemacht haben, bevor wir zusammengezogen sind …«

»Er wird niemals von mir erwarten, daß ich ihn mit raufnehme.«

»Aber das meine ich doch gar nicht!«

Einen Augenblick blieb es still. Dann lachte Ina, ein nicht ganz echtes, nicht ganz überzeugendes Lachen, wie es Verena scheinen wollte.

»Aber, Verena! Du hältst mich doch nicht etwa für so verrückt, daß ich heiraten möchte? Nach all den Erfahrungen, die ich mit Männern gemacht habe? Also wirklich, mein Schatz, wenn du keine anderen Sorgen hast …«

II

Am nächsten Morgen regnete es in Strömen. Bleigrau verhangen lastete der wolkenschwere Himmel über der Stadt.

Als Verena in ihr Büro kam, war es noch so düster, daß sie die Deckenbeleuchtung einschalten mußte. Das warme, goldene Licht verwandelte den Raum von einer Sekunde zur anderen. Der leuchtend blaue Teppichboden strahlte, die Stahlrohrmöbel schimmerten silbrig.

Verena freute sich immer wieder aufs neue, wenn sie dieses Zimmer betrat, das in nichts an die hohen unfreundlichen Räume erinnerte, in denen sie ihre Tätigkeit als Lektorin für die literarische Agentur Albert Neuhausen begonnen hatte.

Sie spannte ihren Regenschirm in dem kleinen Waschraum auf, hängte ihren Trenchcoat fort, schlüpfte aus ihren völlig durchnäßten Schuhen und Strümpfen, wusch sich die Beine unter dem warmen Wasser und rieb sie mit dem Handtuch ab. Nachdem sie ihre Strümpfe zum Trocknen aufgehängt hatte, zog sie ein Paar Sandalen an, die sie für solche Zwecke im Büro hatte, und stellte die elektrische Heizsonne dicht neben ihren Schreibtisch. Sie starrte unlustig auf den Stapel neu eingegangener Manuskripte, der auf der linken Ecke des Schreibtisches auf sie wartete.

Das Rauschen des Regens vor dem Fenster wirkte einschläfernd wie ein Wiegenlied.

Verena gab sich einen Ruck und nahm den Telefonhörer auf. »Guten Morgen, Frau Heinzelmann«, sagte sie, »würden Sie wohl so lieb sein und uns eine Tasse Kaffee machen? Ja, bitte, ich erwarte Sie.«

Verena legte den Hörer auf, seufzte leicht und zog die Manuskripte zu sich heran. Es war nicht ganz einfach, Frau Heinzelmann gegenüber den richtigen Ton zu treffen. Sie war eine zuverlässige Kraft, intelligent und tüchtig, und wenn sich die beiden Frauen in einer privaten Sphäre begegnet wären, hätten sie sich ganz gewiß großartig verstanden. So aber hatte sich die Tatsache in das Bewußtsein beider eingegraben, daß Frau Heinzelmann zehn Jahre älter war als Verena und nicht halb soviel verdiente, und diese Tatsache stand wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen.

Verena zog die Begleitbriefe aus den Manuskripten, las sie durch und faltete sie zusammen. Sie schaute in die einzelnen Manuskripte hinein, schrieb die Namen bestimmter Lektoren auf kleine Zettel und heftete diese an die Umschläge.

Frau Heinzelmann klopfte an und balancierte ein Tablett mit einer Tasse Kaffee, einer Dose Zucker und einem Kännchen Milch auf den Schreibtisch.

»Schönen Dank, Frau Heinzelmann«, sagte Verena, »scheußliches Wetter, was?«

»Ich sag’s ja, man muß aufpassen, daß man sich keinen Schnupfen holt!« Frau Heinzelmann warf einen Blick auf die Manuskripte.

»Ja, die können Sie mitnehmen«, sagte Verena. Frau Heinzelmann kannte ihre Arbeit, es wäre ganz unnötig gewesen, ihr zu erklären, daß der Empfang den Autoren bestätigt werden mußte, daß die einzelnen Manuskripte an die Lektoren verteilt werden sollten, die außer Haus für die Agentur arbeiteten.

Frau Heinzelmann nahm Briefe und Manuskripte unter den Arm und wollte das Zimmer verlassen.

»Sie haben sich doch auch Kaffee gemacht?« fragte Verena.

»Ach nein, lieber nicht. Heute nacht hatte ich es mal wieder mit dem Herzen!«

»Das tut mir leid.«

»Ich sag’s ja … über vierzig taugt der Mensch nichts mehr, da können sie so viel reden und schreiben wie sie wollen. Das richtige ist es nicht mehr!«

»Unsinn!« rief Verena und lachte. »Ich bin sicher, ich komme dann erst richtig in Form!«

»Na, Sie werden’s noch erleben!« orakelte Frau Heinzelmann düster.

»Wir können dann gleich anfangen!« rief Verena ihr nach, als sie schon die Türklinke in der Hand hatte.

Der Kaffee war gut, heiß und stark. Verena ärgerte sich, daß sie trotzdem wieder gähnen mußte. Wie konnte sie nur so müde sein! War es gestern abend denn so spät geworden?

Sie stand auf, holte einen Stoß Manuskripte aus dem Regal und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Jedes dieser Manuskripte war von den Lektoren gelesen worden, in jedem lagen kurze Gutachten, in jedem ein Zettel von Verenas Hand mit dem kleinen Wort »Zurück«.

Obwohl Verena durch ihre jahrelange Tätigkeit als Lektorin hätte abgebrüht sein müssen, berührte sie der Anblick der zur Rücksendung bestimmten Manuskripte immer noch ausgesprochen unangenehm. Sie wußte, das war eine dumme Sentimentalität von ihr, über die Neuhausen mit Recht gespottet hätte, aber sie empfand so stark, wieviel Arbeit in jedem dieser Romane, selbst dem schlechtesten und dilettantischsten steckte, mit wieviel Hoffnungen er in die Welt geschickt worden war … Hoffnungen, die sie nun zerstören mußte.

Aber es half nichts. Kein Mensch konnte ihr einen Vorwurf machen. Sie gehörte nicht zu jenen Lektoren, die drei Seiten am Anfang, eine in der Mitte und dann noch – vielleicht – den Schluß überfliegen; aus Albert Neuhausens Agentur ging kein Manuskript zurück, das nicht gründlich und gewissenhaft geprüft worden war. Nein, sie hatte sich nichts vorzuwerfen; sie hätte sich ihr Gehalt Wesentlich einfacher verdienen können und wäre dennoch nicht zu tadeln gewesen.

Frau Heinzelmann kam herein, mit Stenoblock und gespitztem Bleistift. Sie setzte sich an ihr Tischchen und schaute Verena erwartungsvoll an.

»Na, dann los«, sagte Verena und stürzte sich, gleichsam mit geschlossenen Augen, in die Arbeit.

Sie hatten noch nicht die Hälfte der Post erledigt, als sich die Tür öffnete – es war kurz nach zehn – und Albert Neuhausen seinen viereckigen, blanken Schädel hereinstreckte.

»Hallo, Verenchen«, sagte er. Er trug seine dunkle Brille, ein Zeichen, daß er Kopfschmerzen hatte und daß heute noch weniger als sonst mit ihm zu spaßen war.

»Hallo, Chef«, antwortete Verena.

»Morgen, Heinzelmännchen«, sagte Neuhausen und zeigte die Zähne mit einer Freundlichkeit, die benso falsch war wie sein Gebiß.

»Guten Morgen, Herr Neuhausen!« echote Frau Heinzelmann beflissen.

»Ich sehe, ihr seid fleißig«, stellte er in einem Ton fest, als ob es ihn wundere, in seinem Betrieb mal einen anderen Zustand als Müßiggang und Faulenzerei zu erleben.

Die beiden sahen ihn schweigend an, zur Verteidigung bereit; denn irgendein Angriff würde jetzt kommen, das war sicher.

Neuhausen trat ins Zimmer, er war noch im Mantel, der vor Nässe glänzte. »Ich muß mit Ihnen sprechen, Frau van den Berg … Nein, bleiben Sie ruhig, Heinzelmännchen, ich werd’s kurz machen.«

Er ging im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hände, die in hellen Schweinslederhandschuhen steckten.

Verena sah in an.

»Sie haben mir da gestern ein Manuskript hereinreichen lassen … bitte, unterbrechen Sie mich, wenn ich mich irre … aber ich hatte nach dem beiliegenden Gutachten den Eindruck, daß Sie dieses Manuskript für druckreif halten …« Er machte eine Pause.

»Ich halte alle Manuskripte für druckreif, die ich Ihnen vorlege«, sagte Verena und war froh, daß ihre Stimme klar und fest klang.

Er blieb stehen. »Ist das Ihr Ernst?«

Sie sagte nichts und sah ihre Hände an. Ihre langen Nägel waren mattrot lackiert. Eine hübsche Farbe, dachte sie, entschlossen, sich nicht reizen zu lassen.

»Nun, ich dachte, Sie hätten einen Witz mit mir machen wollen«, fuhr Neuhausen fort, »es wäre zwar ein schlechter Witz gewesen, aber immerhin …«

Er machte wieder eine Pause, aber Verena schwieg beharrlich weiter.

»Sie wagen es, mir ein Manuskript unter die Nase zu legen, das in der Zeit vor der Währungsreform spielt?« brüllte er plötzlich los.

Verena sah nicht hoch. Sie wußte, daß sein kahler Schädel jetzt rot anlief.

»Nach all den Jahren, in denen ich mir Mühe gegeben habe, Sie hier einzuarbeiten! Es ist doch wahrhaftig zum …« Er schlug sich klatschend vor die Stirn und rannte im Zimmer auf und ab.

Dann blieb er unvermittelt stehen und sagte mit mühsam beherrschter Stimme: »Bitte, vielleicht sind Sie so gut mir zu erklären, was Sie sich dabei gedacht haben. Frau van den Berg, bitte, erklären Sie es mir, ich bin ein alter Mann, es ist ja gut möglich, daß ich nichts mehr von meinem Beruf verstehe …« Seine Stimme erstarb.

»Ich habe in meinem Gutachten ausdrücklich betont, daß es wahrscheinlich eine gewisse Schwierigkeit beim Verkauf geben wird, weil …«

»Eine gewisse Schwierigkeit!« Er lachte hysterisch auf. »Eine gewisse Schwierigkeit! Frau van den Berg, bitte, seien Sie doch so gut und teilen Sie mir mit, wem ich einen solchen Roman verkaufen soll! Sie wissen es, nicht wahr, ich bin sicher, daß Sie es wissen! Also, sagen Sie es mir!«

Verena schwieg.

»Nun, Sie schweigen – auch eine Antwort! Dann will ich es Ihnen sagen. Ein Roman, der in der Zeit vor der Währungsreform spielt, läßt sich überhaupt nicht verkaufen! Hören Sie gut zu, Frau van den Berg … läßt – sich – überhaupt – nicht – verkaufen! Nirgendwo! An niemanden! Kein Verleger auf der ganzen Welt wird einen solchen Roman drukken, verstanden?«

Verena blickte auf. Neuhausen war stehengeblieben, rang nach Luft und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Die Story ist gut, Chef, und der Roman ist wirklich glänzend geschrieben, das werden Sie doch auch festgestellt haben!« sagte sie.

Ihre Stimme klang ruhig, aber Zorn brannte in ihrem Inneren. Verdammt will ich sein, dachte sie wütend, wenn du auch nur einen Blick in das Manuskript getan hast, du ekelhafter alter Idiot! Sie senkte rasch die Augen, aus Angst, er vermöchte ihre Gedanken zu lesen.

»Meinen Sie, daß sich die Story auch in eine andere Zeit transponieren ließe?«

»Sicher«, sagte Verena, »obwohl …«

»Danke! Dann schreiben Sie das dem Autor gefälligst! Schreiben Sie ihm, er soll’s transponieren. Oder er soll seinen Roman die nächsten zehn Jahre in der Schublade liegen lassen, aber in der hintersten! Vielleicht nimmt ihn später mal jemand ab. Jetzt nicht … jetzt kriegt er ihn nirgends unter, auf keinen Fall!«

»Jawohl, Chef!«