Eine für vier - Für immer und ewig - Ann Brashares - E-Book

Eine für vier - Für immer und ewig E-Book

Ann Brashares

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7,99 €

Beschreibung

Eine Freundschaft für immer und ewig

Einige Zeit ist vergangen und die vier unzertrennlichen Freundinnen hat es in alle Windrichtungen zerstreut. Carmen lebt als erfolgreiche Schauspielerin in New York; Lena unterrichtet Kunst auf Rhode Island; Bridget hat es nach San Francisco verschlagen und Tibby nach Australien. Sie alle kämpfen mit ihren ganz eigenen Problemen, beruflicher und privater Art. Da hat Tibby die geniale Idee: Sie schlägt vor, sich auf »ihrer« griechischen Lieblingsinsel zu treffen, um dort ein großes Wiedersehen zu feiern. Alle sind begeistert und reisen voller Vorfreude an. Nur Tibby taucht nicht auf. Bridget fliegt nach Australien, um herauszufinden, was passiert ist. Die Suche nach den Hintergründen bringt die Wahrheit ans Licht: Die Freundschaft der vier Jeans-Mädchen hält für immer und ewig - und trotzt jedem Schicksalsschlag …

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Seitenzahl: 480

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ANN BRASHARES

Eine für vier – Für immer und ewig

Aus dem Amerikanischen vonEDITH BELEITES

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cbj ist der Kinder- und Jugendbuch-Verlagin der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2012© 2012 für die deutschsprachige Ausgabecbj Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbHNeumarkter Str. 28, 81673 München.© 2011 by Ann BrasharesDie amerikanische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel»Sisterhood Everlasting«.This translation published by arrangementwith Random House, an imprint of The Random House Publishing Group, a division of Random House, Inc.Alle deutschsprachigen Rechte vorbehaltenÜbersetzung: Edith BeleitesLektorat: Christina NeiskeUmschlaggestaltung: init.büro für gestaltung, Bielefeldhe ∙ Herstellung: AWSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-07294-0V002

www.cbj-verlag.de

Für meine wunderbaren Brüder,Beau Brashares, Justin Brashares und Ben Brashares,in Liebe.

Was einer Schwesternschaft in meinem Leben am nächsten kommt,ist diese Brüderschaft.

Wenn du nicht zu lange wegbleibst,warte ich hier auf dichmein Leben lang.

Oscar Wilde

DANKSAGUNG

Zuerst und vor allem möchte ich Jennifer Hershey danken. Dann auch Jennifer Rudolph Walsh, Gina Centrello, Beverly Horowitz, Leslie Morgenstein, Josh Bank und Jodi Anderson.

In Liebe danke ich ebenfalls meinen Eltern, Jane und Bill Brashares, meinem Mann, Jacob Collins, und meinen Kindern Sam, Nate, Susannah und dem, das bald geboren wird.

PROLOG

Es waren einmal vier schwangere Frauen, die sich in einem Aerobic-Kurs kennenlernten. Das ist kein Witz, sondern der Anfang dieser Geschichte. Die fitten Frauen mit den dicken Bäuchen und Schweißbändern bekamen vier Töchter, die alle im oder um den Monat September herum geboren wurden. Nach ihrem gemeinsamen Start als Babys wuchsen sie gemeinsam zu Mädchen und dann zu erwachsenen Frauen heran. Eine Schwesternschaft, wenn man so will.

Wenn ich heute auf ihr Leben zurückblicke – auf unser Leben – muss ich feststellen, dass wir vier, obwohl nicht blutsverwandt, tatsächlich wie Geschwister sind. Wer bei den September-Girls, wie wir uns nannten, welche Rolle spielt, hängt von der Reihenfolge unserer Geburt ab, obwohl wir fast gleichaltrig sind.

Lena ist die Älteste. Sie ist verantwortungsbewusst, hält sich an Regeln und kann völlig selbstlos sein. Sie ist zuverlässig wie ein Metronom und, um die Wahrheit zu sagen, nicht gerade eine Stimmungskanone. Sie ist erwachsen und vernünftig und kümmert sich mit der größten Selbstverständlichkeit um ihre Mitmenschen. Aber es macht ihr große Mühe, einfach mal lockerzulassen.

Ich geb zu, dass ich, Carmen, ein typisches Nesthäkchen bin – umso mehr, da ich als Einzelkind aufwuchs. Wenn ich in Fahrt komme, kann ich furchtbar egoistisch, launisch und unbeherrscht sein. Aber vor allem bin ich loyal. Loyal gegenüber allem, was unsere Freundschaft betrifft. Meine Schwestern und unsere Schwesternschaft gehen mir über alles. Ich kann nicht cool bleiben – aber das wisst ihr ja schon aus unseren anderen Büchern. Manchmal komme ich mir wie ein Vereinsmaskottchen vor: der Typ in dem überdimensionalen, pelzigen Tierkostüm, der sich bei Fußballspielen unter seiner Verkleidung langsam in Schweiß auflöst. Aber wenn es um uns vier geht, gebe ich alles.

Bee hat die typischen Charaktereigenschaften eines mittleren Kindes und ist frei wie ein Schmetterling. Sie liebt dich, aber es interessiert sie nicht die Bohne, was du denkst. Sie fürchtet sich vor nichts und niemandem; das überlässt sie uns anderen. Sie nimmt jede Herausforderung an und kann regelrecht brillieren, aber sie hat auch keine Angst zu versagen. Wenn ihr das passiert, lacht sie nur. Manchmal ist sie leichtsinnig, als hätte sie nichts zu verlieren. Vielleicht liegt das daran, dass ihre Mutter schon lange tot ist. Sie ist so stark, dass man manchmal vergisst, wie verwundbar sie eigentlich ist. Wenn sie ins Straucheln kommt und Hilfe braucht, sehen andere es lange vor ihr. Ihr fliegen alle Herzen zu, denn obwohl sie ihren eigenen Schmerz nicht wahrnimmt, empfindet sie deinen.

Tibby ist das jüngere Mittelkind, eine ausgezeichnete Beobachterin, die an das stille Kind einer irischen Großfamilie erinnert, das wie nebenbei mit aufwächst und die Kleider der älteren Geschwister aufträgt. Sie kann zynisch sein und hat zu allem und jedem eine spontane Meinung, die a) vernichtend und b) sehr flexibel sein kann. Sie hat ein Talent dafür, Lügen zu durchschauen – solche, die wir anderen auftischen, und solche, mit denen wir uns selbst etwas vormachen. All das ist aber nur Tibbys äußere Verpackung; darunter sitzt ein großes, mitfühlendes Herz. Niemals würde sie ihren messerscharfen Verstand gegen uns richten. Fast nie. Meist benutzt sie ihn, um uns zu amüsieren, und sie würzt ihre Drehbücher und Kurzfilme damit. Hoffentlich findet sich bald jemand, der sie produziert! Manchmal grenzt Tibbys Scharfsinn an Weisheit. Ich glaube, das schätzen wir am meisten an ihr.

Es gab eine wichtige Zeit in unserem Leben, als unsere Freundschaft von einer JEANS zusammengehalten wurde. Richtig – eine JEANS. Wir nannten sie die JEANSAUFREISEN und maßen ihr magische Kräfte zu: Diese JEANS würde uns immer wieder zusammenführen, wenn wir voneinander getrennt waren.

Vor ziemlich genau zehn Jahren ging diese JEANS in Griechenland verloren. Ihr fragt, ob es uns trotzdem gelungen ist, zusammenzuhalten? Genau das ist die Frage.

Erwachsenwerden ist der Stresstest für jede Freundschaft. Okay, das ist eine Binsenweisheit. Aber meine Mutter hat einmal gesagt, eine gute Familie zeichnet sich dadurch aus, dass sie den Abschied leicht macht, den jedes Kind einmal nehmen muss. Ich hab mich oft gefragt, ob das auch für Freundschaften gilt. Bei uns ist an der Stelle nämlich Fehlanzeige. Mit Abschied kann keine von uns umgehen. Ich wohl am wenigsten. Wenn ihr euch ein Bild davon machen wollt, wie ich mit Abschied umgehe, müsst ihr euch vorstellen, dass ich mir die Hände vors Gesicht halte und so tue, als hätte es keinen Abschied gegeben. Und dann warte ich darauf, dass wir uns wiedersehen.

Eine Wiese entsteht aus Klee und Bienen,aus einem Kleeblatt, einer Bieneund Träumerei.Die Träumerei allein genügt,wenn keine Biene fliegt.

Emily Dickinson

Die aktuelle Ausgabe von CosmoGirl in der einen Hand, einen Eyeliner in der anderen hatte Carmen mit dreizehn einmal zu Tibby gesagt, ganz bestimmt werde sie es nie-niemals satthaben, sich zu schminken.

Das erwies sich jedoch als glatte Fehleinschätzung. Anfang Oktober saß sie an der Ecke Bleecker Street und Bowery im East Village von Manhattan in einem der Wohnwagen, die zum Filmset gehörten, in einem Friseursessel und ließ sich von einer jungen Frau namens Rita zum siebenmillionsten Mal die Haare aufföhnen, während ihr eine andere junge Frau namens Genevieve zum achtmillionsten Mal Grundierung ins Gesicht tupfte.

Diese Behandlung war nur ein Tropfen im endlosen Meer der Verschönerungsmaßnahmen, die Carmen im Laufe der Jahre über sich hatte ergehen lassen müssen, und sie wusste inzwischen, dass man früher oder später alles satthaben konnte.

Es stimmte wirklich. Erst kürzlich hatte sie darüber einen Artikel im Time Magazine gelesen. »Sogar Schokolade kann man irgendwann satthaben«, hatte sie am Vorabend gesagt, als sie mit ihrer Mutter telefonierte.

Darauf hatte sich ihre Mutter skeptisch geräuspert.

»Jedenfalls steht es in der Zeitung.«

Als Schauspielerin einer Fernsehserie stand man, selbst wenn es sich um eine relativ gute und erfolgreiche Serie handelte, nur alle paar Stunden für ein paar Minuten vor der Kamera, zwischendurch saß man in der Maske. Und wenn Frisur und Make-up endlich fertig waren – natürlich nur vorübergehend, denn ständig musste alles aufgefrischt werden – saß man immer noch herum und hatte viel Zeit, Lattes zu trinken. Das schmutzige Geheimnis der Unterhaltungsindustrie bestand darin, dass man sich bei der Arbeit zu Tode langweilte.

Okay, Carmen hatte nicht gerade eine Hauptrolle. Sie spielte die Sonderermittlerin Lara Brennan in Criminal Court. Als solche hatte sie in fast jeder Episode einen Kurzauftritt am Tatort, und manchmal wurde sie vor Gericht in den Zeugenstand gerufen.

»Nach oben gucken«, sagte Genevieve, den Mascara in der Hand. Es kam nicht oft vor, dass Carmen Aufforderungen dieser Art brauchte. Bei jeder Augenpartie, die geschminkt wurde, wusste sie genau, in welche Richtung sie schauen musste. Wenn sie jetzt nicht besser aufpasste, würde sie womöglich noch so enden wie die vielen Puppen, die sie als Kind mit brachialen Kosmetikbehandlungen ruiniert hatte.

Sie betrachtete ihre Frisur im Spiegel. Auch das gehörte zu den Dingen, von denen sie früher nie gedacht hätte, dass sie sie jemals satthaben könnte. Kritisch betrachtete sie ihre blondierten Strähnen. Dieses Mal waren sie etwas zu hell geraten und hatten einen fast metallischen Glanz. Überhaupt hätte Carmen die Haare lieber dunkler getragen, aber der Regisseur bestand auf blond. Wahrscheinlich weil die Figur, die sie spielte, mit Nachnamen Brennan hieß – und nicht Garcia.

Sie fingerte an ihrem iPhone herum und überlegte, wen sie anrufen könnte. Mit Lena hatte sie schon telefoniert, mit ihrer Agentin sogar zwei Mal. Sie rief sich Tibbys Gesicht vor Augen, aber eher aus Loyalität, als weil sie mit ihr sprechen wollte. Tibby war vor fast zwei Jahren mit Brian nach Australien gezogen, und inzwischen hatte Carmen die Hoffnung fast aufgegeben, jemals wieder in Echtzeit mit ihr in Verbindung zu treten. Tibbys Umzug war übereilt und ziemlich chaotisch gewesen, und nun war sie sehr weit weg. Der Zeitunterschied von sechzehn Stunden war ein fast unüberwindliches Hindernis. Zuerst war Tibby von Ort zu Ort gezogen und hatte sich erst einen Festnetzanschluss zugelegt, als Carmen schon nicht mehr daran geglaubt hatte. Transkontinentale Telefonate von Handy zu Handy hatten ihre Tücken, vor allem auf Tibbys Seite ging dabei meistens etwas schief. In zwei Wochen. Nächsten Monat. Im Frühling. Immer wieder hatte Carmen auf einen Zeitpunkt gehofft, an dem es möglich sein würde, wieder regelmäßig in Kontakt zu treten. Sie hatte auch öfter darüber nachgedacht, Tibby kurzerhand zu besuchen. Letztes Jahr im Juni hatte sie dafür einen konkreten Termin ins Auge gefasst, und Bee und Lena hatten sich spontan angeschlossen. Als sie Tibby dann per E-Mail darüber informiert hatten, war eine ungewöhnlich schnelle Antwort gekommen: Im Moment ist es gerade ungünstig.

Carmen nahm es persönlich, was sonst nicht ihre Art war. Hab ich dir irgendwas getan?, fragte sie in ihrer nächsten Mail.

Quatsch, Carma! Du hast nichts falsch gemacht. Wirklich nicht. Ich hab einfach nur viel zu tun und bin immer noch nicht richtig eingerichtet. Aber bald. Versprochen. Ich hab solche Sehnsucht nach dir und Len und Bee!

Oder sollte sie Bee anrufen? Carmen hatte sie nicht mehr gesehen, seit Bridget die Weihnachtstage in New York verbracht hatte. Dafür telefonierten sie manchmal jeden Tag miteinander – zumindest wenn Bee nicht gerade wieder ihr Handy verloren oder die Rechnung nicht bezahlt hatte. Für eine Stunde im Friseursessel gab es keinen besseren Zeitvertreib als ein Gespräch mit Bee. Trotzdem zögerte Carmen. In den letzten Wochen war ihr Verhältnis schwierig gewesen – genauer gesagt, seit Bee sich erdreistet hatte, Jones praktisch als Arschloch zu bezeichnen.

Na ja, fairerweise musste man sagen, dass Bee sich nicht einfach hingestellt und gesagt hatte: »Dein Verlobter ist ein Arschloch.« Genau genommen war es Carmen gewesen, die ihn als Arschloch bezeichnet hatte, und Bee hatte ihr spontan zugestimmt. Aber im Gegensatz zu ihr hatte Carmen das Recht, ihn als Arschloch zu bezeichnen, denn sie war diejenige, die dieses Arschloch heiraten würde.

Carmens Telefon klingelte und ersparte ihr die Mühe, selbst jemanden anzurufen. Sie antwortete sofort. Die Kopfhörer hatte sie sich ohnehin schon in die Ohren gesteckt. Sie gehörte zu den wenigen, die einen Anruf schon annahmen, während sie noch auf dem Display lasen, wer dran war.

»Hallo, Süße.«

»Hallo, Jones.«

»Sitzt du immer noch im Sessel?«

»Genau.« Jones arbeitete in der gleichen Branche und kannte das Geschäft. Außerdem war es erst eine halbe Stunde her, dass er zuletzt angerufen hatte.

»Wie lange dreht ihr heute?«

»Ungefähr bis sieben, sagt Steven.«

»Versuch dich ein bisschen früher loszueisen und komm direkt ins Mandarin, okay? Da findet die Warm-up-Party vor der großen Benefizgala für Haiti statt. Es ist wichtig, dass du wenigstens kurz dein Gesicht zeigst.«

»Ich glaube, für Haiti spielt es kaum eine Rolle, ob ich zu der Party gehe.« Es war eine von drei Benefizveranstaltungen, die sie diese Woche auf dem Programm hatten.

»Es geht doch nicht um Haiti«, sagte Jones in einem Ton, als sei Carmen schwer von Begriff. »Es geht um die Shaws. Sie haben uns eingeladen, und ich möchte sie nicht brüskieren. Vielleicht wird sie schon nächstes Jahr Produktionsleiterin. Um acht können wir uns wieder verdrücken. Kein Mensch bleibt die ganze Zeit da.«

»Ach so, klar.« Obwohl Carmen zum Zynismus neigte, verzichtete sie meistens darauf, entsprechende Bemerkungen zu machen. Was hatte sie nur auf die Idee gebracht, bei der Benefizgala für Haiti könne es um Haiti gehen – und nicht um die Shaws? Und wie konnte sie auf die Idee kommen, bei der Gala ginge es um die Gala – und nicht um die Warm-up-Party? Ohne Jones’ Hilfe stünde sie wie einer dieser Idioten da, die dachten, es ginge um Haiti, und bis zum Schluss dablieben.

Es war gar nicht so einfach, den Überblick über die gesellschaftlichen Spielregeln zu behalten. Obwohl Carmen sich mit Bravour einen Platz in der Szene erobert hatte, fand sie es schwer, ihn zu behaupten. Ohne Jones würde sie vermutlich schnell den Anschluss verlieren und in alte Gewohnheiten zurückfallen, indem sie die Dinge ernst nahm, und dann würde sie vielleicht nie wieder ein Engagement bekommen.

»Es ist ein Spiel, und du musst dich an die Spielregeln halten«, sagte Jones oft, wenn sie entmutigt oder gar angewidert war. »Wenn du in dieser Branche Erfolg haben willst, bleibt dir keine andere Wahl. Sonst kannst du dich gleich nach einem anderen Job umsehen.« Jones war neununddreißig und sie neunundzwanzig. Er war seit sechzehn Jahren in dieser Branche tätig und ließ keine Gelegenheit aus, sie daran zu erinnern. Dabei war das im Grunde nicht nötig. Auch wenn es ihr nicht besonders gefiel, beherrschte sie das Spiel selbst perfekt – wenn sie wollte.

»Ich versuche, vor sieben da zu sein«, versprach sie.

Mit gemischten Gefühlen beendete sie das Gespräch. Es war ja nicht so, als seien Jones Wohltätigkeitskampagnen egal. Ganz im Gegenteil. Jeden Monat spendete er fünf Prozent seines Einkommens für wohltätige Zwecke. In dieser Hinsicht konnte man ihm nichts Schlechtes nachsagen.

»War das schon wieder dein Freund?«, fragte Rita.

Carmen nickte abwesend. Manchmal wusste sie nicht recht, in welcher Hinsicht man ihm überhaupt etwas Schlechtes nachsagen konnte.

»Ist er nicht irgend so ein großes Tier bei ABC?«

Wieder nickte Carmen. In dieser Branche waren Kontakte das A und O.

»Du Glückspilz!«, seufzte Rita.

»Ja«, sagte Carmen. Rita wusste gar nicht, wie recht sie hatte, denn Jones war nicht nur ihr Freund, sondern ihr Verlobter. Falls es ein Glück war, ihn zu kennen, war sie wirklich ein Glückspilz.

Aber falls es kein so großes Glück war – was war sie dann?

Lena legte die Füße auf den Schreibtisch. Der pinkfarbene Nagellack, den ihre Schwester Effie ihr aufgetragen hatte, als sie das letzte Mal da war, war schon ziemlich abgeblättert. Sie legte sich ein Skizzenbuch auf die Knie und begann darin zu blättern.

Sie hatte sich vorgenommen, ihre Wohnung heute zu entrümpeln. Das bedeutete, dass sie mehrere Mülltüten vollbekommen musste, denn die Wohnung war zu klein, um unnütze Dinge unterzubringen. Nur von ihren siebenundzwanzig Skizzenbüchern konnte sie sich partout nicht trennen. Das hier, zum Beispiel, war ein ganz altes. Auf der ersten Seite war eine Bleistiftskizze von Mimi, Tibbys früherem Meerschweinchen, das dick und fett in seiner Streu lag und schlief. Obwohl es lange her war, konnte Lena sich noch ganz genau daran erinnern, wie viel Spaß es gemacht hatte, lauter chaotische Striche neben- und übereinander zu setzen, um den Eindruck von Käfigstreu zu erwecken. Dann kam eine Zeichnung, die Bridget als Sechzehnjährige zeigte, wie sie mit angezogenen Knien und einem schief sitzenden Sombrero auf der Couch lag und fernsah. Die Skizze musste ein, zwei Wochen nach Bees Rückkehr vom Fußballcamp in Mexiko entstanden sein. Es war eine flüchtige Bleistiftskizze, und Lena musste grinsen, als sie die Schraffur auf Bees Wangen betrachtete, mit der sie ihre Sonnenbräune andeuten wollte. Alle paar Seiten fanden sich Zeichnungen von Lenas Füßen. Eine unfertige Skizze zeigte die fünfzehnjährige Effie als Morgenmuffel, und Lena erinnerte sich daran, dass sie mit der Zeichnung nicht weitergekommen war, weil Effie es an diesem Morgen vor lauter Morgenmuffeligkeit nicht zugelassen hatte. Dann gab es drei Studien von Carmens Händen aus der Zeit, als sie noch Stimmungsringe trug und an den Fingernägeln kaute. So etwas konnte man doch nicht wegwerfen!

Mit den späteren Skizzenbüchern würde es viel einfacher sein, dachte Lena. Sie enthielten hauptsächlich Füße und stammten von vor ungefähr zwei Jahren, als Lena mit dem Zeichnen langsam aufgehört hatte. Stattdessen hatte sie sich aufs Malen konzentriert und sorgfältig durchkomponierte, überwiegend abstrakte Bilder geschaffen. Schließlich konnte man mit lustigen kleinen Skizzen von Freunden, Familie und Füßen wohl kaum Karriere machen.

Warum all die Zeichnungen von Füßen? Es waren nicht Lenas vorzeigbarste Körperteile, vielleicht sogar ihre hässlichsten. Sie trug Schuhgröße 41, manchmal sogar 42, und wenn sie aufgeregt oder nervös war, bekam sie oft Schweißfüße. Ihre Zehen waren ziemlich lang, vor allem der zweite und dritte. Das einzig Positive, was Lena ihren Füßen abgewinnen konnte, war die Tatsache, dass sie weit genug von ihren Augen entfernt waren, um sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können. Und sie bewegten sich oder hielten still, ganz wie Lena es wünschte, ohne eine Gage fürs Modellstehen zu verlangen. Sie stellte sich vor, dass in ferner Zukunft vielleicht einmal jemand ihr Frühwerk betrachten würde. Was fand dieses Mädchen bloß an seinen Füßen?, würde er denken. Vielleicht sollte sie die letzten beiden Skizzenbücher doch lieber wegwerfen.

Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Sie griff zum Hörer, ohne das Skizzenbuch von den Knien zu nehmen. Ihr Telefon hatte kein Display (eine Ersparnis von monatlich 6,80 Dollar in ihrem Haushaltsplan), aber sie wusste auch so, dass eigentlich nur drei Menschen als Anrufer infrage kamen: ihre Mutter, ihre Schwester und Carmen. Jede von ihnen würde von einem Handy aus anrufen, in Eile sein und sich »nur mal melden« wollen.

Lena räusperte sich, bevor sie die Sprechtaste drückte. Heute gab sie keine Malkurse, deswegen hatte sie den ganzen Tag noch mit niemandem geredet, obwohl es schon drei Uhr war. Sie hasste es, wenn man ihr das anmerkte.

»Hallo, Lenny, ich bin’s. Hast du noch geschlafen?«

Verdammt! »Nein, ich hab nur …« Lena hörte die Sirene eines Krankenwagens und hupende Autos durchs Telefon. »Wo bist du?«

»In der Greenwich Avenue. Ich habe mir das Gesicht malträtieren lassen und sehe zum Fürchten aus.«

Die Hintergrundgeräusche waren so laut, dass Lena nicht sicher war, ob es Carmen oder Effie war. Sie klemmte das Telefon zwischen Schulter und Ohr und blätterte in ihrem Skizzenbuch weiter. »Was hast du heute Abend vor?«

Von der Antwort konnte sie nur drei Wörter verstehen: »Theater«, »Benefizgala« und »Jones«. Dann war es also Carmen.

»Super.« Lena hatte nicht herausgehört, in welchem der drei Wörter das aktuelle Problem steckte.

»Jones hat uns einen Tisch besorgt.«

Jetzt war es klar: Das aktuelle Problem war »Jones«.

»Ich hätte dich gerne dazu eingeladen, aber du wärst ja sowieso nicht gekommen.«

»Das stimmt.«

»Und was machst du heute Abend? Bleibst du zu Hause und siehst dir mit Drew eine DVD an?«

»Genau.« Manchmal machte Carmen es ihr leicht.

»Wie traurig.«

Na ja, so leicht nun auch wieder nicht.

»Nein, das ist überhaupt nicht traurig. Mir gefällt so was. Außerdem kann ja nicht jeder zu den Reichen und Schönen gehören.«

»Len, darum geht es doch nicht. Ich will nur nicht, dass du zu einer Langweilerin wirst.«

Lena lachte. »Hast du die Kussszene mit dem korrupten Polizisten schon überstanden?«

»Nein, die drehen wir am Freitag. Der Mann hat schrecklichen Mundgeruch.« Carmens Stimme wurde von etwas geschluckt, das sich wie ein vorbeifahrender Bus anhörte.

»Kannst du nächstes Wochenende nach New York kommen?«, fragte Carmen, als Lena sie wieder verstehen konnte.

»Damit du zusammen mit Effie auf mir herumhacken kannst, bis nichts mehr von mir übrig ist?«

»Ich bitte dich, Len! So schlimm war es letztes Mal doch gar nicht.«

»Ach nein? Und was war mit dem betrunkenen Staatsanwalt, der mit mir in die Badewanne steigen wollte?«

»Also gut … Ich verspreche, dass ich dich dieses Mal nicht auf Dinnerpartys schleife und dir keine Männer vorstelle.«

»Ich kann trotzdem nicht. Samstagvormittag unterrichte ich, und ich muss ein Bild fertigstellen.« Lena freute sich jetzt schon auf ein ruhiges Wochenende in ihrem Atelier.

»Du bist seit dem Labor-Day-Wochenende nicht hier gewesen, und das ist fast fünf Wochen her. Früher bist du viel öfter gekommen. Was ist eigentlich mit dir los?«

Was los war? Eine gute Frage. Jedenfalls lag ihre Zurückhaltung nicht nur an dem sabbernden Staatsanwalt. Als Bee, Carmen und Tibby noch zusammen in der Avenue C wohnten, hatte sie die drei andauernd besucht, mindestens an den Wochenenden. Aber das war lange her, über dreieinhalb Jahre. Bevor der Mietvertrag gekündigt worden war, bevor Tibby zu Brian und dann mit ihm ans andere Ende der Welt gezogen war, bevor Bee nach Kalifornien gegangen war, bevor Carmen halb berühmt geworden war und diesen verfluchten Jones kennengelernt hatte. Und bevor ihre kleine Schwester, Effie, nach New York gezogen war, um sämtliche Nachtbars, Nagelstudios und Designer-Outlets unsicher zu machen, die Manhattan zu bieten hatte. Seither hatte New York für Lena eine andere Bedeutung.

»Ich verspreche, dass ich dich zu nichts zwinge«, sagte Carmen. »Du brauchst nichts zu kaufen, nichts Besonderes anzuziehen oder zu sagen. Ich kann natürlich nicht für unsere Star-Journalistin Effie sprechen, aber von mir aus könntest du zwei Tage hintereinander ins MOMA gehen, wenn dich das glücklich macht. Und Jones ist am Wochenende nicht in der Stadt.«

Das klang schon besser.

»Überleg’s dir einfach und sag dann Bescheid«, sagte Carmen.

Genau das hatte Lena auch gerade sagen wollen. Dann fiel ihr noch etwas ein. »Sag mal, Carma …«

»Was denn?«

»Hat Tibby dir auch per SMS mitgeteilt, dass sie dir etwas mit der Post schicken will?«

Carmen musste in einen Laden oder einen Hauseingang gegangen sein, denn plötzlich waren die Hintergrundgeräusche verschwunden. »Ja. Komisch, was? Du hast aber auch noch nichts bekommen, oder?«

»Nein.« Lena hatte heute noch nicht nach ihrer Post gesehen und nahm sich vor, es gleich zu tun. Der Gedanke, endlich wieder etwas von Tibby zu hören, war aufregend und beängstigend zugleich. Es kam so selten vor, dass es sich unter den Freundinnen schnell herumsprach, wenn sie sich meldete.

»Mit der Post kommt doch nie etwas Gutes«, sagte Carmen.

Für sie war das iPhone so wichtig, dass sie es sich hätte implantieren lassen, hätte Apple diesen Service angeboten. Informationen aus anderen Quellen misstraute sie. Lena hingegen mochte die gute alte Post. Sie konnte warten.

In der Leitung begann es zu piepen. Früher oder später passierte das bei jedem Telefonat mit Carmen.

»Meine Managerin«, sagte Carmen. Ihre Stimme wurde wieder von Straßenlärm überlagert. »Ich ruf dich wieder an. Hab dich lieb.«

»Tschüss.«

Lena hatte keine zehn Minuten Ruhe, ehe das Telefon wieder klingelte. Dieses Mal war es ihre Mutter, die aus dem Auto anrief. Diese Verbindung erkannte Lena immer sofort.

»Hallo, Süße, ich wollte mich nur mal melden.«

»Hallo.« Wenigstens funktionierte Lenas Stimme jetzt auf Anhieb.

»Wie geht’s dir denn heute so?« Lenas Mutter klang entspannt, also hatte sie offenbar noch nicht mit Effie telefoniert. Normalerweise rief sie beide Töchter direkt hintereinander an, und Lena und Effie waren sich darüber einig, dass es immer besser war, als Erste dran zu sein. Ihre Mom machte sich ständig Sorgen. Über alles und jedes. Wenn sie mit Effie telefoniert hatte, machte sie sich über die vielen Partys, die überzogene Kreditkarte und Effies sonstige Verrücktheiten Sorgen. Wenn sie mit Lena telefoniert hatte, machte sie sich über Lenas Party-Abstinenz, ihre Sparsamkeit und sonstigen Verrücktheiten Sorgen. Lena behauptete immer, dass sich ihre Mom über Effie mehr Sorgen machte als über sie, aber Effie behauptete das Gegenteil.

»Eines Tages stirbt sie mutterseelenallein im Bett oder mit ein paar Katzen«, war Effies gut gelaunte Prognose, wenn jemand sie fragte, was für ein Mensch Lena war. Ihre Vorstellung von einem ruhigen Abend bestand darin, einen Zug durch die Szeneclubs um drei statt um fünf zu beenden.

»Wie hast du geschlafen?«

Lenas Mutter fragte das jedes Mal, egal wie spät es war. Und Lena sagte dann jedes Mal: »Gut«, egal wie schlecht sie geschlafen hatte.

»Hast du schon mittaggegessen?«

Lena warf einen Blick auf die Uhr. Hätte sie schon mittagessen sollen? »Ja, klar.«

»Und was gab’s?«

»Warum willst du das wissen, Mom?« Ihre Mutter schien zu glauben, dass Lena nichts mehr essen würde, wenn sie aufhörte, danach zu fragen. Und dass Lena mit niemandem mehr sprechen würde, wenn sie nicht bei ihr anrief. Dass Lena aufhören würde zu leben, wenn sie sie nicht andauernd antrieb. Es schien ihr nicht zu genügen, Lena einmal geboren zu haben. Vielmehr musste sie es jeden Tag aufs Neue tun.

»Schon gut, es war ja bloß ’ne Frage.«

Lena liebte und brauchte ihre Mutter, aber jedes einzelne Wort, das ihre Mutter sagte, brachte sie auf die Palme.

»Ein Truthahn-Sandwich. Wie geht’s Dad?«

»Gut. Ich habe mit Ariadne über das Bild gesprochen. Sie sagt, ein Meter mal eins zwanzig ist gut, aber sie hätte gerne etwas mit mehr Blau.«

»Mit mehr Blau?«

»Sie renoviert gerade ihr Wohnzimmer und hat sich eine neue Couch gekauft.«

»Das ist nicht dein Ernst, Mom! Mehr Blau!«

»Ich gebe nur weiter, was sie gesagt hat.«

»Ich hab kein anderes Landschaftsbild in dem Format. Höchstens ein paar abstrakte Figuren, aber die sind nicht blau.«

»Jetzt reg dich doch nicht so auf, Lena! Ariadne will dir doch bloß helfen.«

Das wusste Lena. Und sie hatte es dringend nötig, ein Bild zu verkaufen. Wenn sie nicht wollte, dass ihre Mom ihre Bilder an wohlhabende Freunde mit blauen Sofas in den Vororten verschacherte, musste sie sie auf dem üblichen Weg an den Mann bringen, sie also öffentlich ausstellen. Bisher hatte sie zwei Mal etwas in Sammelausstellungen zeigen können, in Providence und Boston. Beide Male waren ihre Bilder verkauft und in der örtlichen Presse äußerst lobend besprochen worden, und beide Male hatte sie von der ganzen Aufregung so schlimmen Lippenherpes bekommen, dass sie tagelang kaum etwas essen konnte. Als einer der Galeristen angerufen und ihr einen Artikel aus dem Herald vorgelesen hatte, begannen ihre Füße so stark zu schwitzen, dass ihre Socken klatschnass wurden. Sogar Positives konnte sie traumatisieren.

»Na ja, wer weiß … Vielleicht küsst dich ja noch die Muse.« Ihre Mom wollte es hinter sich bringen, ohne eine Debatte loszutreten. Lena hörte, wie sie den Motor ausschaltete.

»Ich kann der Muse aber nicht die Farben vorschreiben.«

»Ich muss jetzt aufhören, Süße. Ich ruf dich morgen wieder an.«

Lena legte auf und starrte auf ihre Füße. Wenn das Telefon das nächste Mal klingelte, würde sie nicht drangehen. Sollte es doch klingeln, bis es schwarz wurde! Oder sie würde es wie Bee machen und das Telefon einfach verlieren oder die Rechnung so lange nicht bezahlen, bis man ihren Anschluss kappte. Dann hätte sie wenigstens mal ihre Ruhe, brauchte keine Truthahn-Sandwiches zu erfinden oder ihre Existenz sonst wie zu rechtfertigen.

Aber als das Telefon eine knappe Stunde darauf wieder klingelte, nahm sie doch ab. Es könnte ja Tibby sein! Lena wusste, dass sie es nicht war, aber der Gedanke kam ihr trotzdem. Wann hatte Tibby überhaupt zum letzten Mal angerufen? Oder eine E-Mail beantwortet? Doch die Erinnerung an Tibbys letzte SMS ließ sie nicht los, und so antwortete sie nach dem zweiten Klingeln. Bestimmt war es nicht Tibby, sondern Effie, oder noch mal Carmen mit einer Empfehlung, welche DVD sie sich für den Fernsehabend mit Drew ausleihen sollte.

Ohne es sich einzugestehen, wartete Lena im Grunde immer auf einen Anruf. Nicht von Leuten, die immer anriefen, sondern von denen, die es nie taten.

»Was tust du da, Bridget?«

Bridget schaute auf. Die untergehende Sonne blendete sie so sehr, dass sie kaum sehen konnte, wie Eric den Weg heraufkam, die Krawatte lockerte und den Hemdkragen weitete – so wie immer auf den letzten Metern seines Heimwegs von der Arbeit.

Sie stand auf und küsste ihn auf den Mund. »Das brauchen wir doch nicht mehr.«

»Aber das ist mein Nachttisch.«

»Du kannst deine Bettlektüre doch einfach auf den Fußboden legen.«

Bridget stapelte noch diverse Kleidungsstücke auf den Nachttisch, bevor sie das Ganze die kleine Treppe hinunter und an die Straße trug.

»Ich möchte meinen Nachttisch aber behalten.«

»Unsere Pflanzen brauchen einen anderen Standort. In der Küche bekommen sie nicht genug Licht, die Blätter werden schon gelb. Unser Schlafzimmer ist am hellsten, da werden sich die Pflanzen erholen wie in einer Kurklinik.«

»Ich kann meine Kaffeetasse aber nicht auf eine Pflanze stellen.«

»Dann stellst du sie eben auf den Boden«, sagte Bridget ungerührt und schleppte den Nachttisch auf den Bürgersteig. »Außerdem haben wir ja nicht mal ein richtiges Bett. Ein Nachttisch neben einer Matratze, die einfach auf dem Fußboden liegt, sieht sowieso bescheuert aus.«

Eric schüttelte den Kopf, sah aber nicht wütend aus. Jedenfalls nicht besonders. »Da kann ich ja froh sein, dass du mich nicht gleich danebenstellst, damit ich auch abgeholt werde.«

»Dich würde bestimmt keiner mitnehmen.«

Bridget war immer auf der Suche nach etwas, das sie an den Straßenrand stellen konnte. Immer mehr Obdachlose machten sich im nahen Dolores Park breit, und Bridget hatte sich mit ihnen angefreundet. Sie wollte keine Almosen verteilen, trennte sich aber gern von Sachen, die andere gut gebrauchen oder auf dem Flohmarkt der Heilsarmee verkaufen konnten. Schon zwei Mal hatte sie dort versehentlich ihre eigenen Sachen zurückgekauft.

Manchmal zog Eric sie damit auf, dass sie am liebsten selbst obdachlos wäre, und tatsächlich romantisierte sie ein Leben unter dem Sternenzelt. »Am liebsten wäre ich Cowgirl oder Entdeckerin«, hatte sie einmal zu Eric gesagt. Vielleicht war sie zur falschen Zeit geboren worden.

»Was gibt’s denn zu essen?«, fragte Eric gut gelaunt und folgte ihr die Treppe zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hinauf.

»Keine Ahnung. Worauf hast du denn Appetit? Sollen wir zu Pancho’s gehen?« Bridget wusste, dass es Eric lieber gewesen wäre, wenn sie gekocht oder wenigstens etwas eingekauft hätte, das man jetzt zubereiten konnte. Eigentlich hätte sie das wirklich tun sollen, zumal sie heute nicht gearbeitet hatte. Sie war zwar immer noch bei einer Zeitarbeitsfirma unter Vertrag, aber die hatte ihr schon seit einer Woche keinen Job mehr vermittelt.

Was hatte sie heute überhaupt getan? Zuerst hatte sie die Wohnung nach Sachen durchgesucht, die sie weggeben oder wegwerfen konnte. Dann hatte sie im Postamt ewig lange in der Schlange für Eilzustellungen angestanden, um Lena und Carmen ein Päckchen echter Maistortillas zu schicken, die sie bei einer Mexikanerin mit einem kleinen Marktstand in der 16. Straße gekauft hatte. Das Porto hatte fünf Mal so viel gekostet wie die Tortillas. (Für Tibby hatte sie auch welche gekauft, obwohl sie deren aktuelle Adresse nicht kannte und Australien zu weit entfernt war, um etwas Verderbliches hinzuschicken.) Als sie wieder zu Hause war, hatte sie dann festgestellt, dass sie mit dem Ausmisten vielleicht doch etwas übertrieben hatte, und vergeblich ihr Handy in den Mülltonnen hinterm Haus gesucht, indem sie vom Festnetzanschluss ihrer Nachbarin zehn Mal ihre eigene Nummer wählte und dann horchte, ob es in einer Mülltonne zu klingeln anfing.

»Wir waren doch erst gestern bei Pancho’s.«

»Ach, wirklich? War das erst gestern?«

»Ja, war es. Haben wir noch Eier im Haus? Ich könnte uns ein Omelett machen«, bot Eric an.

Bridget sah im Kühlschrank nach. »Da sind noch fünf.«

»Das reicht.«

»Ich hab hausgemachte Maistortillas gekauft.«

»Perfekt.«

»Wir können draußen essen«, sagte Bridget und begann, die Zutaten zurechtzulegen. Mit zwei Nachbarn teilten sie sich einen winzigen Hinterhof, auf dem Mülltonnen, ein Plastiktisch, zwei Stühle und ein wunderschönes Zitronenbäumchen standen.

Eric ging in das winzige Schlafzimmer, um seinen Anzug aus- und Jeans und T-Shirt anzuziehen.

»Wie war’s bei der Arbeit?«, fragte Bridget durch die offene Tür.

»Gut. Ich hab einen neuen Fall.«

»Einwanderungsprobleme?«

»Ja. Es geht um einen Zweitklässler namens Javier. Ein toller Junge.«

Eric hatte immer viele Fälle, und an den meisten verdiente er so gut wie nichts. Seine Mutter stammte aus Mulegé, deswegen sprach er Spanisch wie ein gebürtiger Mexikaner. Die Hälfte seiner Mandanten hatte Lebensläufe hinter sich, die einem das Herz zerreißen konnten, und Eric wies grundsätzlich niemanden ab. Seine ehemaligen Kommilitonen von der juristischen Fakultät der New York University arbeiteten jetzt in angesehenen Kanzleien, vertraten große Wirtschaftsunternehmen und verdienten doppelt so viel wie er, aber das interessierte ihn nicht. »Ich wäre nicht mit dem Herzen dabei«, pflegte er zu sagen.

Bridget sah auf, als er in seiner ältesten Jeans und dem Amnesty-International-T-Shirt aus dem Schlafzimmer kam. Es war immer das Gleiche, wenn er nach Hause oder einfach nur in das Zimmer kam, in dem sie sich gerade aufhielt. Dann spürte sie fast jedes Mal einen Nachhall des Donnerschlags, der sie beinahe umgehauen hatte, als sie Eric kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag im Fußballcamp zum ersten Mal gesehen hatte. Nicht immer war es ein angenehmes Gefühl. »Das mit euch ist reine Chemie«, hatte ein Betrunkener im Park einmal zu ihr gesagt.

»Ich hab heute ein paar Mal versucht, dich anzurufen«, sagte Eric. »Hast du meine Nachrichten abgehört?«

»Ich … ähm … nein. Ich hatte das Telefon nicht dabei.« Bridget wollte nicht sagen, dass es wahrscheinlich in einer Mülltonne hinterm Haus steckte.

Eric hatte immer einen speziellen Gesichtsausdruck, der eine Mischung aus Ungeduld und Amüsiertheit widerspiegelte, wenn sie ihr Telefon wieder mal verlegt, größere Teile ihres gemeinsamen Besitzes verschenkt oder den Nachmittag mit einem Obdachlosen namens Nemo in der San Francisco Bay geangelt hatte, wie etwa am Vortag. »Jedenfalls kann niemand behaupten, dass du langweilig bist«, sagte er manchmal, wenn er diesen Gesichtsausdruck aufsetzte. Tatsache war, dass Eric jemanden wie Bridget brauchte, denn er neigte dazu, in Trott und Routine zu ersticken, und das wusste er. Und wer sonst sollte ihn zu Straßenfesten, kostenlosen Konzerten, Rad-Marathons und zum Stadtteilgärtnern mitnehmen? Wer sonst sollte ihn überreden, es mal mit Surfen, Ju-Jutsu oder den fettigen, langbeinigen Viechern zu versuchen, die nur im tiefsten Chinatown auf der Speisekarte standen?

»Du hast dein Telefon doch nicht schon wieder verloren, oder?«

»Ähm … Ich glaube nicht.« Bridget begann in der kostenlosen Zeitung zu blättern, die sie von einer S-Bahn-Station mitgenommen hatte.

Eric setzte den bewussten Gesichtsausdruck auf. »Bridget, wenn du kein Telefon haben willst, solltest du deinen Vertrag kündigen, das ist billiger. Dann bräuchten Carmen und Greta und Perry und dein Dad und ich oder wer sonst noch mit dir sprechen will, nicht andauernd irgendwelche Nachrichten auf deine Box zu sprechen, die du doch nie abhörst. Es wäre viel einfacher – für alle Beteiligten.«

»Stimmt. Hey, guck mal!« Bridget zeigte auf eine Zeitungsanzeige. »Eine Zweizimmerwohnung in der Guerrero Street für tausendachthundertfünfzig im Monat. Das ist doch nicht schlecht.«

»Mir gefällt es hier. Ich möchte nicht schon wieder umziehen. In den letzten eineinhalb Jahren sind wir vier Mal umgezogen.«

»Guerrero ist eine schöne Straße. Wahrscheinlich ist es eins dieser fünfstöckigen Häuser ohne Fahrstuhl. Aber das macht ja nichts. Je höher die Wohnung, desto mehr Licht. Welche Querstraße wohl in der Nähe liegt?«

Ihr Leben lang war Bridget der Sonne gefolgt und hatte San Francisco nach dem hellsten Standort durchforstet. Alles andere war ihr bei der Wohnungssuche eigentlich egal. Es gab immer noch eine sonnigere Wohnung als die, in der sie gerade wohnten, einen besseren Platz für ihre Pflanzen, und so waren sie immer wieder umgezogen. Als Bridget ihre jetzige Wohnung gefunden hatte, war sie auf der Stelle eingezogen, während Eric noch bei der Arbeit war. Am Abend hatte er dann eine leere Wohnung vorgefunden, weil Bridget vergessen hatte, ihn über den Umzug zu informieren. »Hier wohnen wir nicht mehr«, hatte sie gesagt, als sie ihn schließlich in der alten Wohnung aufstöberte, wo er sich gerade verwirrt im ausgeräumten Schlafzimmer umschaute.

Die jetzige Wohnung hatte sie für einen Glücksgriff gehalten. Doch dann stellte sich heraus, dass die Küche kaum Sonne abbekam.

Eric begann die Eier aufzuschlagen, und etwas Eiweiß spritzte ihm auf die Jeans. Er sieht wirklich verdammt gut aus, dachte Bridget. Und er liebte sie, obwohl sie nun einmal war, wie sie war; da hatte sie wirklich Glück gehabt.

»Ich hatte angerufen, weil ich über Mittag eine Stunde Zeit hatte und mit dir in den kleinen Laden hinter dem Union Square gehen wollte. Da findest du bestimmt ein Kleid für Annas Hochzeit.«

»Ach ja, Annas Hochzeit.« Erics Cousine heiratete im November in Petaluma, und er war schon ganz aufgeregt. Er fand Hochzeiten romantisch, und außerdem gaben sie ihm Gelegenheit, auf das Thema zu sprechen zu kommen. Wenn dann das Wort »Verlobung« fiel, setzte Bridget einen speziellen Gesichtsausdruck auf, der eine Mischung aus Sehnsucht und Angst widerspiegelte. »Ich brauche kein neues Kleid. Ich bitte Carmen, mir eins zu schicken, das sie nicht mehr anzieht.«

»Carmen ist zehn Zentimeter kleiner als du, und ihre Sachen stehen dir nicht. Erinnerst du dich noch an das schwarze Stretchteil mit den Federn?«

Bridget lachte. »Stimmt, das kam an mir nicht so richtig zur Geltung.«

Eric machte ein paar Schritte auf sie zu, umarmte sie und küsste sie auf die Halsbeuge. »Auf Annas Hochzeit wirst du die Schönste sein. Ich möchte, dass du die Haare offen trägst. Ich will mit dir angeben. Ab und zu darf ich mir solche primitiven Anwandlungen doch erlauben, oder?«

Bridget war sich nicht sicher, ob sie die schönste Frau auf Annas Hochzeit sein wollte. Zum einen war das ja wohl der Braut vorbehalten. Und dann hatte sie in dieser Hinsicht doch auch gar nichts vorzuweisen. Sie wusste, dass sie gut gebaut war. Das hatte sie schon immer gewusst. Sie besaß all die äußerlichen Attribute, die viele Frauen sich wünschten: blaue Augen, lange Beine, eine aparte Nackenpartie, echtes Blondhaar. Sie hatte erwartet, dass ihr Haar mit der Zeit nachdunkeln würde, aber das war nicht passiert. Sie hatte es von ihrer Mutter geerbt, und die hatte es von ihrer Mutter – ein bittersüßes Erbe, das sich nicht so einfach abschütteln ließ.

Bridget war frei von gesundheitlichen Problemen, die anderen das Leben schwer machten, wie Allergien oder Akne, Schuppen oder Rückenschmerzen, sie sah auch keine Pünktchen, wenn sie ins Helle blickte, und Heißhunger auf Dickmacher kannte sie nicht. Nein, Bridgets Probleme lagen tiefer, denn außer den Haaren hatte sie noch andere Gene geerbt, die so schwere Depressionen verursachten, dass ihre Mutter daran gestorben war. Deswegen fand sie, dass ihr Äußeres ein ziemlich verzerrtes Abbild ihres Inneren darstellte.

Trotzdem fühlte sie sich verpflichtet, sich ab und an einen Ruck zu geben und Eric zuliebe ihre körperlichen Vorzüge zur Geltung zu bringen. Schließlich war ihr sein gutes Aussehen ja auch wichtig. Aber sie besaß nicht viel Kleidung oder Make-up, womit sie sich in Szene setzen konnte. Das konnte sie sich nicht leisten. Eric dachte, ihre Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Aussehen resultiere aus einem unverständlichen Mangel an Selbstbewusstsein, aber das war es nicht. Vielmehr wusste sie sehr genau, dass sie gut aussah.

Eric legte den Kopf schief und ging an das hintere Fenster. »Hörst du das?«

»Nein, was denn?«

»Klingelt da nicht ein Telefon? Es klingt wie deins.«

Bridget kam ans Fenster und streckte den Kopf hinaus. Es klang wirklich wie ihr Telefon. »Ich hatte schon vermutet, dass es da unten sein könnte.«

Mit seinem phänomenalen Gehör folgte Eric dem Geräusch die Treppe hinunter, die Hintertür hinaus und zu der größten Mülltonne. Bridget hörte ihn lachen. »Herrgott, Bee! Hab ich etwa den ganzen Tag mit der Mülltonne telefoniert?«

Der größte Schatz an Erinnerungenist nichts gegendie winzigste Hoffnung.

Charles M. Schulz

Überraschung«, sagte Jones, als Carmen am übernächsten Abend das gemeinsame Loft betrat. »Ich hab ein Luxuszimmer für deinen Vater gebucht, im SoHo Grand, für dieses Wochenende.«

Jones trug noch Jackett und Krawatte. Daraus schloss Carmen, dass er einen Tisch in einem besonders guten oder besonders trendigen Restaurant reserviert hatte, wo sie so gut wie nichts essen konnte, weil sie am Mittag ein Sandwich gegessen, aber zu wenig Zeit gehabt hatte, um hinterher ins Fitnessstudio zu gehen. Man hielt keine Figur, die in Kleidergröße 34 passte, indem man mittags und abends aß, jedenfalls nicht, wenn man einen Hintern hatte wie Carmen.

Sie hängte ihre Jacke auf und sah nach der Post. Jones sprach weiter und wurde dabei von dem riesigen Bildschirm ihres Wohnzimmer-PCs angeleuchtet.

»Ich hatte ihm gesagt, dass er bei uns wohnen kann«, sagte Carmen.

»Klar kann er das. Aber du musst zugeben, dass ein Hotel viel cooler ist.«

Seit Lydia, seine Frau, in Charleston gestorben war, besuchte er Carmen alle paar Monate in New York. Jones’ Eltern hingegen bewegten sich aus Fresno nicht heraus, und das war ihm auch lieber so. Das Loft, in dem Carmen und Jones wohnten, war vielleicht nicht das SoHo Grand, aber es war sehr schön. Viel schöner als die Wohnungen ihrer Freundinnen.

»Ich frag ihn, was ihm lieber ist«, sagte Carmen.

»Ich hab ihn schon gefragt, und er ist einverstanden.«

»Du hast mit ihm gesprochen?«

»Ja, er hat vor ungefähr einer Stunde angerufen.«

Carmen seufzte. Würde ihr Vater denn niemals kapieren, dass er sie auf dem iPhone anrufen sollte? »Na gut.«

»Warte, bis du die Hotelbar siehst. Vielleicht lernt er da eine neue Frau kennen.«

»Jones!«

Jones grinste, und auch Carmen musste grinsen. Wenn er wusste, dass er zu weit gegangen war, sah er ziemlich süß aus.

Sie beobachtete, wie seine Finger über die Tastatur klackerten, während das Licht des Monitors auf seinen Glatzkopf schien. Er rasierte sich den Kopf mit der gleichen Akribie, die sie auf ihre Verschönerungsmaßnahmen verwendete. Er sagte, es sei die einzige Frisur, mit der er sich gefiele. Jones hatte dezidierte Meinungen zu allen möglichen ästhetischen Fragen, aber Carmen wusste, dass der größere Teil seines Kopfes auch ohne Rasur kahl bleiben würde, ob es ihm nun gefiel oder nicht. Es war schon erstaunlich, wie sehr man sich manchmal um Dinge bemühte, die man verloren hatte.

»Ist das die ganze Post?«, fragte Carmen.

»Ich glaub schon. Warum?«

»Tibby wollte mir was schicken.«

»Tibby?«

»Tibby.«

»Du hast lange nichts von ihr erzählt.«

»Das stimmt nicht. Ich spreche oft von ihr, nur nicht mehr mit ihr.« Deswegen hatte sie sich so über Tibbys SMS gefreut und es kaum abwarten können, nach Hause zu kommen, um nach der Post zu sehen.

Jones war fertig mit dem, was er am Computer zu erledigen hatte. Er kam zu Carmen herüber und küsste sie auf die Schulter. »Zieh dir was Schönes an, meine Schöne. Ich lade dich ein.«

»Wohin?«

»In die Minetta Tavern.«

»O nein!« Carmen liebte dieses Restaurant. Verdammt! Wie sollte sie es sich da verkneifen, etwas Leckeres zu bestellen?

In Gedanken ging sie ihren riesigen Kleiderschrank durch. Das neue Gucci? Das pinkfarbene Stella McCartney vom letzten Jahr? Für Haare und Make-up würde sie nicht lange brauchen, schließlich hatte sie damit schon den größten Teil des Tages verbracht. Vielleicht das kleine Catherine Malandrino, das Jones so gut gefiel? Wenn sie das anzog, würde sie heute garantiert noch Sex haben. »Was haben wir denn zu feiern?«

Jones küsste sie aufs Ohr. »Dass ich eine wunderschöne Verlobte habe, die bald meine Frau sein wird.«

Carmen lachte. »Aber das hast du doch jeden Abend.«

»Deswegen will ich es ja feiern.«

»Ja, Truthahn ist okay.«

Lena stützte die Ellenbogen auf den Tresen und betrachtete Drews Rücken, während er ein massives Stück Putenbrust in dünne Scheiben schnitt, bis der Fleischberg beträchtliche Ausmaße annahm. Dann kippte er ihn auf eine Scheibe Vollkorntoast. Der Vorteil an seinem Job war, dass er für seine Sandwiches nicht zu bezahlen brauchte.

»Salat, Tomate, Peperoni, Senf, keine Mayo?«, sagte er und drehte sich vergewissernd zu Lena um.

»Ja, bitte.« Sie betrachtete sein braunes Kapuzenshirt und fragte sich, ob er überhaupt ein Oberteil ohne Kapuze besaß. Manchmal trug er bis zu drei Kapuzenteile übereinander – ein Kapuzen-T-Shirt, ein Kapuzen-Sweatshirt und einen Kapuzen-Parka.

Gekonnt teilte er das Sandwich in zwei Hälften, legte die Dreiecke auf einen Pappteller mit geriffeltem Rand und stellte ihn vor Lena auf den Tresen. Dann legte er noch eine halbe Gewürzgurke dazu.

»Danke«, sagte sie.

Um ihm Gesellschaft zu leisten, aß sie, wie üblich, im Stehen am Tresen. Sie war es gewohnt, dass ihre Gespräche von Kunden unterbrochen wurden, die sich Sandwiches bestellten, und es machte ihr nichts aus. Eigentlich machte das sogar alles leichter.

Sie beobachtete Drew, der gerade einen komplizierten Wrap mit einer Käsesorte zubereitete, von der sie noch nie etwas gehört hatte. Während sie kaute und ihm zusah, fragte sie sich, ob er die Sorte Mann – oder sogar der Mann – war, den sie heiraten sollte. Vielleicht lag es an Tibby, die sie seit fast zwei Jahren nicht gesehen hatte, und an der mysteriösen Postsendung, die wahrscheinlich schon unterwegs war, dass Lena über die Zeit nachdachte und über Veränderungen, die die Zeit brachte oder bringen sollte. An ihrem nächsten Geburtstag würde sie dreißig werden. Auch die anderen drei wurden im oder um den September dreißig, und dass es sie alle gleichermaßen traf, gab Lena das tröstliche Gefühl, nicht allein damit fertig werden zu müssen.

Carmen behauptete zwar, sie sei verlobt (was Lena nicht so recht glauben konnte, doch vielleicht wollte sie es auch einfach nicht wahrhaben), aber noch war keins der September-Girls verheiratet. Als Lena das einmal gegenüber der Freundin ihrer Mutter, Maria Cantos, erwähnt hatte, hatte Maria gefragt: »Auf wen wartet ihr denn?«

Als Lena später darüber nachdachte, war sie sich nicht sicher, was Maria gemeint hatte. Bezog sich ihre Frage darauf, ob alle auf einen bestimmten Mann warteten, oder ging es darum, dass sie aufeinander warteten?

Drew ließ sich neuerdings einen Bart wachsen. Lena wusste, wie wichtig ihm das war, weil er ihn immer wieder berührte. Seine Barthaare sprossen in ungleichmäßigen Abständen und waren heller als sein braunes Haupthaar, sodass sich selbst die dichter bewachsenen Stellen seines Gesichts farblich kaum von seiner Haut absetzten. Schon zu Semesterbeginn hatte Drew das Bartprojekt gestartet, aber es kam nicht recht voran. Lena hielt es für ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen, aber sie bemühte sich, es nicht vorschnell zu verurteilen. Sie war unter vorwiegend griechischen Männern aufgewachsen, denen zwischen Aufstehen und Zubettgehen ein Vollbart wachsen konnte – was aber nie passierte, weil sie sich zwei Mal am Tag rasierten.

»Hast du Lust, dir eine DVD anzusehen, wenn du hier fertig bist?«, fragte sie zwischen zwei Bissen.

»Warum nicht?« Drew wischte den Tresen sauber.

»Einen Film oder eine Folge von The Wire?«

»Ist mir egal.« Das war nicht nur so dahingeredet; Drew meinte es ernst. Er war so ziemlich der Einzige unter Lenas Bekannten, der nicht zu allem und jedem eine Meinung hatte und sie durchsetzen wollte.

»Dann vielleicht lieber The Wire«, sagte sie.

Drew war es ohnehin lieber, wenn sie die Auswahl traf, weil er, wie er sagte, nie wusste, ob sie einen Film hasste oder liebte – nicht einmal, während sie ihn sahen. Tatsächlich machte sie sowohl das größte Vergnügen als auch die herbsten Enttäuschungen in der Regel ganz mit sich allein ab und ließ sich nicht anmerken, wie ihr zumute war.

Sie hatte ihr Sandwich aufgegessen und an einem Tisch Platz genommen, um darauf zu warten, dass die anderen Kunden das Lokal verließen. Sie stützte das Kinn in die Hand und sah zu, wie Drew die Lebensmittel verstaute, die Küche abschloss und das Licht löschte.

»Können wir dann?«, fragte er.

Lena folgte ihm aus dem Lokal und sah zu, wie er das ratternde Metallgitter herunterzog und abschloss. Als sie losgingen, legte er nicht den Arm um ihre Schulter und nahm auch nicht ihre Hand, was sie allerdings auch nicht erwartete. Seite an Seite gingen sie den dunklen Bürgersteig entlang. So freundschaftlich sie auch miteinander verbunden waren, hatte Lena doch das Gefühl, als hüllte die Abendluft jeden von ihnen in seinen eigenen Orbit ein.

Ein paar Monate zuvor hatte Effie nach zwei aufgelösten Verlobungen (und dem Verkauf der Ringe bei eBay) erklärt, mit dreißig solle man mit keinem Mann mehr zusammen sein, den man sich als Ehemann nicht wenigstens vorstellen könne. Lena war sich jedoch keinesfalls sicher, ob Drew dieser Anforderung genügte. Das heißt, wenn sie ehrlich war, wusste sie es. Drew war aufmerksam und klug. Seine Augen hatten ein wunderschönes helles Blau, und meistens mochte er die gleichen Dinge wie sie. Trotzdem würde sie ihn nicht heiraten. Das war jedoch kein Grund, die Beziehung schnell zu beenden. Im Grunde fand sie es sogar recht erleichternd, dass sie sich nicht in einem Strudel befanden, der sie über kurz oder lang in den Schlund der Ehe stürzen würde.

Lena war zufrieden damit, einfach nur neben Drew herzugehen, aber sie wusste, dass es noch mehr gab. Ob Drew das auch wusste, war fraglich, aber sie wusste es hundertprozentig.

In dem Sommer, als sie sechzehn geworden war, hatte sie sich in einen jungen Griechen verliebt, auf Santorin, wo sie die Ferien bei ihren Großeltern verbrachte. Kostos war der Stolz des ganzen Dorfes und der Enkel der besten Freunde ihrer Großeltern. Mit siebzehn hatte er Lena per E-Mail das Herz gebrochen, und später hatte sie erfahren, dass er ein Mädchen aus dem Dorf geschwängert und geheiratet hatte. Zwei Jahre darauf war er im Sommer in die USA gereist, um sie zu suchen, aber sie hatte ihn wütend weggeschickt.

Mit neunzehn hatte sie ihn zum letzten Mal gesehen, als sie zusammen mit Tibby, Carmen und Bee auf der Suche nach der verlorenen JEANS nach Santorin zurückgekehrt war. An ihrem letzten Abend hatte Kostos sie über ein paar Dinge aufgeklärt: Es gab kein Baby, es hatte auch nie eins gegeben, das Mädchen aus dem Dorf hatte ihn angelogen, und die Ehe war annulliert worden. Er sagte, er hätte nie aufgehört, Lena zu lieben. Er sagte, sie würden ein Paar sein, nicht jetzt, aber eines Tages. Letzteres hatte er auf Griechisch gesagt, beziehungsweise ihr ins Ohr geflüstert, und es klang bis heute in ihr nach.

Kurz vor Lenas zweiundzwanzigstem Geburtstag, am Tag nach ihrem Abschluss an der Kunsthochschule von Rhode Island, hatte sie völlig unerwartet einen langen Brief von Kostos bekommen, in dem er sie bat, nach Santorin zurückzukehren und den Sommer mit ihm zu verbringen. Er wolle sie keineswegs unter Druck setzen, schrieb er.

Genauso gut hätte er ihr den Ebola-Virus schicken können, nachdem sie sich vor Sehnsucht, Elend und Unsicherheit jahrelang fast verzehrt hatte. Natürlich sagte sie Ja. Und wurde immer aufgeregter. Sie kaufte ein Flugticket nach Fira und sollte dort am 4. Juli ankommen. Sie rief ihre Großmutter an, und alles wurde für ihren Aufenthalt vorbereitet.

Die Tage vergingen, und bald konnte sie vor Aufregung nicht mehr schlafen. Magen und Darm verbündeten sich gegen sie und brachten ihre Verdauung durcheinander. Eines Nachts fuhr sie mit furchtbaren Schmerzen in der Brust in die Notaufnahme, weil sie fürchtete, dass ihr nun auch noch das Herz den Dienst versagte.

Am Morgen des 3. Juli, also des Tages, an dem sie zu Kostos fliegen sollte, sagte sie die Reise ab. Per E-Mail. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, hatte sie geschrieben und ein paar Ausreden hinzugefügt, die so feige waren, dass sie es beim Schreiben selbst merkte. Kostos’ Antwort ließ zwei lange Tage auf sich warten, und er machte gar nicht erst den Versuch, sie umzustimmen. Er schrieb, er sei enttäuscht, aber er werde schon einen Weg finden, um darüber hinwegzukommen. Statt nach Griechenland zu fliegen, verbrachte Lena also einen weiteren Sommer in ihrem Atelier in Providence.

Seither hatte sie nichts von ihm gehört oder gesehen. Sechs Jahre vergingen, ohne dass sie ein Wort miteinander sprachen. Doch während Lenas Leben ruhig vor sich hin plätscherte, wurde in seinem alles anders. Zum ersten Mal erfuhr sie davon durch einen Zeitungsartikel, den eine angebliche Freundin aus dem ersten Studienjahr an ihre Staffelei gesteckt hatte. Er stammte aus dem Wall Street Journal und beschrieb Kostos Dounas als den jüngsten Teilhaber seit der Gründung seines Bankhauses. Der Artikel begann mit einer Zeichnung von Kostos, die ihn äußerst gepflegt und seriös zeigte. Dann feierte er einen Zigmilliarden-Dollar-Deal, den Kostos zwischen irgendwelchen Unternehmenskonglomeraten zustande gebracht hatte. Lena hatte auf die Zeichnung gestarrt und ihren alten Kostos darin nicht wiedergefunden. Zum einen war das Porträt starr und uninspiriert, zum anderen hatte sie das Gefühl, dass Kostos unwiederbringlich aus ihrer Welt in eine andere hinüberdriftete.

Dieses Gefühl hatte sich im Laufe der folgenden Jahre noch verstärkt. Lena fing zwar nicht an, Wirtschaftsmagazine zu lesen, aber sein Name und sein Foto verfolgten sie, wo immer sie sich aufhielt. Es gab kein Entrinnen. Im Time Magazine wurde er als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten unter fünfunddreißig gelistet. Auf Santorin gab es niemanden, der nicht mit ihm angab – Lenas Großmutter eingeschlossen. Sogar ihr Vater sang Lobeshymnen auf ihn, ohne die zurechtweisenden Blicke seiner Frau zu bemerken. Einmal sah Lena Kostos’ Gesicht auf dem Cover des Economist, als sie am Zeitungskiosk eines Bahnhofs vorbeiging.

Ich glaube nicht, dass er noch an mich denkt, dachte sie in einem seltenen Anflug von Selbstmitleid, als Kostos von dem Titelbild auf sie herabblickte wie auf jeden anderen Passanten.

Sein »eines Tages« kam ihr jetzt völlig absurd vor. Er lebte in einem Paralleluniversum, das keinerlei Berührungspunkte mit ihrer kleinen, überschaubaren Welt hatte. Sein »eines Tages« war keine reale Option mehr. Kostos hatte einen anderen Weg eingeschlagen als sie, einen Weg, der so weit in unbekanntes Terrain vorstieß, dass sie es sich nicht einmal vorstellen konnte.

Bereute sie ihre Entscheidung? Gelegentlich fragte sie sich das. Was, wenn sie den gebuchten Flug genommen hätte? Was, wenn sie seiner Bitte gefolgt und in jenem Sommer nach Griechenland gereist wäre? Wäre ein Leben mit ihm das Richtige für sie gewesen?

Wahrscheinlich nicht, dachte sie. Ihre Gefühle wären wahrscheinlich so überwältigend gewesen, dass es für ihr Herz zu viel gewesen wäre. Sie mochte das Leben, das sie führte. Sie hing an ihren Gewohnheiten. Sie liebte Tage ohne Termine, an denen sie in aller Ruhe stundenlang in ihrem Atelier arbeiten konnte.

In dieser ruhigen Atmosphäre hatte sich ihr Talent als Malerin voll entfaltet, und sie hatte sogar ihr Talent als Lehrerin entdeckt. Sie war die einzige Absolventin der Kunsthochschule, der man einen Lehrauftrag angeboten hatte. Inzwischen mussten sich die Studenten sogar in eine Warteliste eintragen, wenn sie an ihren Kursen teilnehmen wollten, weil der Andrang so groß war. Darauf war sie stolz. Hätte sie all das auch an der Seite des großen Welteroberers Kostos erreicht?

Als ihre Großmutter, Valia, vorletztes Jahr im Januar mit zweiundneunzig gestorben war, hatte Kostos ihr einen sehr warmherzigen Kondolenzbrief geschickt. Der Kostos aus den Hochglanzmagazinen war ihr fremd, aber diesen Brief hatte der Mann geschrieben, den sie früher einmal geliebt hatte. Der Brief hatte sie nicht nur berührt, sondern die alte Wunde wieder aufgerissen.

Zwei Wochen lang hatte sie den Brief mit sich herumgetragen und erst nach vier Entwürfen einen Antwortbrief zustande bekommen. Stundenlang hatte sie an ihren Formulierungen gefeilt. Das meiste von dem, was sie geschrieben hatte, strich sie wieder aus, dann schrieb sie etwas Neues, um auch das wieder auszustreichen, und immer so weiter. Am Ende war etwas ziemlich Nichtssagendes dabei herausgekommen, aber die Gefühle, die beim Schreiben hochgekommen waren, hatten sie völlig geschafft.

Und dennoch. Ein Leben an Kostos’ Seite wäre bestimmt etwas ganz Wunderbares gewesen – oder? Nie hatte sie für jemanden so starke Gefühle entwickelt wie für ihn. Nicht annähernd. Sie wusste, dass es viel interessanter sein würde, im Alter auf ein wildes, romantisches Leben zurückzublicken als auf ein ruhiges, ereignisloses. Aber ein Rückblick war einfach. Lenas Problem war es, sich überhaupt erst einmal auf das Leben einzulassen. Es gab so vieles, worauf sie eines Tages gern zurückblicken würde, aber sie scheute sich davor, diese Dinge auszuprobieren – Dinge wie Drachenfliegen, Höhlentauchen oder Ecstasy.

Auf dem Heimweg ging sie mit Drew einen großen Becher Ben & Jerry’s Eiscreme kaufen. Sie bevorzugte die Sorte mit Plätzchenteig, genau wie Drew.

Zwanzig Minuten später standen sie im Treppenhaus und warteten auf den Fahrstuhl, als Lena plötzlich etwas einfiel. »Ich seh mal eben nach der Post«, sagte sie.

Drew ließ den Fahrstuhl kommentarlos wieder abfahren, während sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel kramte und ihr Postfach öffnete. Darin fand sie neben den üblichen Werbeprospekten einen dicken gelben Umschlag von Tibby. Ganz aufgeregt, aber auch ein wenig beunruhigt riss sie ihn auf.

Auf dem Rückweg zum Fahrstuhl leerte sie den Umschlag. Gleich das Erste, was sie herausholte, war so überraschend, dass Lena zuerst gar nicht begriff, was es war. Darunter stand in Tibbys Handschrift (noch unordentlicher als sonst): Eine verrückte Idee, aber bitte, bitte lasst es zu!

Es schien sich um die Bestätigung einer Online-Buchung zu handeln, für einen Hin- und Rückflug von und nach New York. Er hatte 603 Dollar gekostet und war mit Tibbys Kreditkarte bezahlt worden. Das Abflugdatum war der 28. Oktober, also in weniger als vier Wochen, der Rückflug sechs Tage später.

Dann folgten die Kopien von E-Tickets für Carmen und Bee, letzteres von und nach San Francisco.

Ich flieg schon einen Tag früher hin und hol euch vom Flughafen ab, hatte Tibby unter das letzte Ticket geschrieben. Darunter: Lena, schick mir eine E-Mail, wenn alles angekommen ist! Und darunter: Bitte, ihr drei, sagt, dass ihr kommt!

Das Schockierendste aber war der Zielflughafen: Fira, die Hauptstadt von Santorin.

Wenn es eines gab, was Bridget gut konnte, war es Fahrrad fahren, sogar im hügeligen San Francisco. Das ging ihr durch den Kopf, als sie am späten Nachmittag die Steigung zur Kreuzung von Duboce und Divisadero nahm.

Abgesehen von ein paar Fotos und Andenken an ihre Freundinnen war das Fahrrad ihr einziger Besitz, der ihr etwas bedeutete. Es sah unsportlich und altmodisch aus, war aber mit moderner Technik ausgestattet. Eric hatte es ihr zum fünfundzwanzigsten Geburtstag geschenkt, und sie hatte vier Jahre damit verbracht, es zu verschönern. Sie war nicht besonders künstlerisch veranlagt, aber sie hatte es bunt bemalt und mit Seidenblumen geschmückt. Außer einer Reisetasche voller Kleidung war es das Einzige, was sie nach Kalifornien mitgenommen hatte.