Eine für vier - Vier gewinnt - Ann Brashares - E-Book

Eine für vier - Vier gewinnt E-Book

Ann Brashares

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7,99 €

Beschreibung

Der letzte Band der beliebten Jeans auf Reisen

Es ist Sommer, die Sonne lacht vom jeansblauen Himmel, das erste Jahr im College ist geschafft – und wieder sind Bridget, Lena, Tibby und Carmen, die vier besten Freundinnen überhaupt, in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Bis das Allerschlimmste passiert und Effie, Lenas kleine Schwester, sich an Tibbys Freund Brian ranmacht und dann nach Griechenland abhaut, die JEANS im Gepäck. Kurzerhand reisen die Herzensschwestern hinterher – direkt hinein in einen wundervollen Sommer …

• Leicht, sympathisch und trotzdem tiefgründig
• Der krönende Abschluss der Erfolgsgeschichte um vier beste Freundinnen und die Jeans auf Reisen

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Seitenzahl: 391

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Ann Brashares

Eine für vier – Vier gewinnt

DIE AUTORIN

Ann Brashares wuchs mit drei Brüdern in der Nähe von Washington D.C. auf. Sie studierte Philosophie an der Columbia University in New York, unterbrach jedoch das Studium aus finanziellen Gründen und begann, in einem großen amerikanischen Verlag zu arbeiten. Die Arbeit dort gefiel ihr so gut, dass sie nicht mehr an die Uni zurückging und stattdessen einige Jahre als Lektorin tätig war. Seit 2000 widmet sich Ann Brashares ganz dem Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann, einem Künstler, und ihren drei Kindern in Brooklyn, New York.

Dieser Roman ist fiktiv. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse entstammen der Fantasie der Autorin oder werden von ihr so verwendet. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

 Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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1. Auflage Erstmals als cbt Taschenbuch August 2009 Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform © 2007 der Originalausgabe by Ann Brashares Die amerikanische Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel »Forever in Blue – The Fourth Summer of the Sisterhood«. This translation published by arrangement with Random House Children’s Books, a division of Random House, Inc. Produced by Alloy Entertainment, 151 West 26th Street New York, NY 10001 © 2007 für die deutschsprachige Ausgabe by cbj, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Übersetzung: Nina Schindler Lektorat: Stefanie Rahnfeld

Für meine wunderbare Susannah –

Inhaltsverzeichnis

Über die AutorinCopyrightWidmungDANKSAGUNGPROLOGEPILOG

DANKSAGUNG

Voller Bewunderung bedanke ich mich zuerst und immer bei Jodi Anderson. Nach vier Büchern und sechs gemeinsamen Jahren danke ich meiner Truppe bei Random House mit größter Wärme und Wertschätzung: Wendy Loggia, Beverly Horowitz, Chip Gibson, Judith Haut, Kathy Dunn, Marci Sanders, Daisy Kline, Joan DeMayo und vielen anderen, die sich mit ganzem Herzen an diesem Projekt beteiligt haben. Ich danke Leslie Morgenstein und meiner Freundin und Agentin Jennifer Rudolph Walsh. Die Zeit mit euch war wunderschön.

Ich danke meinen Eltern, Jane Easton Brashares und William Brashares und meinen Brüdern Beau, Justin und Ben Brashares. Es heißt, man kann sich seine Familie nicht aussuchen, aber die hätte ich mir ausgesucht.

PROLOG

Es waren einmal vier Mädchen – besser gesagt vier junge Frauen. Und obwohl ihr Leben in ganz unterschiedliche Richtungen verlief, hatten sie sich sehr gern.

Vor langer Zeit entdeckten diese vier Mädchen eine sowohl weise als auch magische JEANS, die sie die JEANS AUF REISEN nannten.

Diese JEANS lehrte die Mädchen mit ihrer Zauberkraft, wie sie auch ohne einander auskommen konnten. Sie lehrte sie, vier eigenständige Persönlichkeiten zu sein statt einer einzigen, sich zusammengehörig zu fühlen, egal wie weit voneinander entfernt sie waren, und sich selbst genauso zu lieben wie die drei anderen. Die ganz besondere praktische Magie der JEANS lag darin, dass sie allen vier passte. Das ist kaum zu glauben, aber wahr, vor allem weil nur eine von ihnen (die Blonde) die Figur eines Supermodels hat.

Okay. Ich gebe es zu: Ich bin eine von den vieren. Ich bin eine von denen, die diese JEANS tragen, und die anderen drei sind meine Freundinnen. Ich kenne die Zauberkraft der JEANS.

Tatsache ist, ich bin die Blonde – und das mit der Supermodelfigur ist natürlich Blödsinn.

Aber egal – wie meistens, wenn Zauberkraft im Spiel ist, hat diese JEANS etwas zu viel des Guten gezaubert. Und wir vier außergewöhnlichen Mädchen (auch wenn man sich selbst nicht loben soll, ’tschuldigung!) haben unsere Lektion leider etwas zu gut gelernt.

Als sich also das Leben der vier im letzten Sommer änderte, musste sich die JEANS, schlau wie sie ist, auch ändern.

So begann die Geschichte unserer Schwesternschaft. Aber so endete sie nicht.

Das einzige Paradies ist das verlorene Paradies.

Marcel Proust

Gildas Sportstudio war wie immer. Es veränderte sich nie. Wie wunderbar, dachte Lena. Wie beruhigend, dass man sich auf die menschliche Eitelkeit und den fortschreitenden Fitnesswahn mit seinem Riesenbedarf an Spiegeln und Gymnastikmatten immer verlassen konnte.

Sonst hatte sich allerdings einiges verändert und manches fehlte.

Carmen zum Beispiel fehlte.

»Ich weiß wirklich nicht, wie wir das ohne Carmen hinkriegen sollen«, sagte Tibby. Es war ein fester Brauch, dass Carmen ihre Videokamera mitbrachte, um alles für die Nachwelt festzuhalten, aber dann nicht einschaltete. Die vier waren sich nicht sicher, wann die Nachwelt anfing oder ob sie möglicherweise schon mittendrin waren.

»Vielleicht sollten wir es gar nicht erst versuchen«, sagte Bee. »Vielleicht sollten wir einfach warten, bis wir alle wieder zusammen sind.«

Lena hatte zwar Kerzen mitgebracht, aber sie hatte sie nicht angezündet. Tibby hatte die obligatorische Achtzigerjahre-Aerobicmusik dabei, aber sie lief nicht. Bee hatte unverdrossen Schalen mit Gummiwürmern und Käsegebäck hingestellt, aber keine aß davon.

»Und wann wird das sein?«, fragte Tibby. »Ehrlich, wir haben seit letztem September versucht, ein Treffen hinzukriegen, und es hat nicht ein Mal geklappt.«

»Was war mit Thanksgiving?«, fragte Lena.

»Da musste ich doch nach Cincinnati zu Urgroßmutter Felicias hundertstem Geburtstag, weißt du nicht mehr?«, antwortete Tibby.

»Stimmt. Und sie hatte einen Schlaganfall«, sagte Bee.

»Ja, aber erst nach der Feier.«

»Und Carmen war über Weihnachten in Florida«, sagte Lena. »Und ihr zwei wart an Silvester in New York.«

»Na schön, also wie wär’s mit dem Wochenende in zwei Wochen? Carmen ist dann doch wieder zurück, oder?«

»Ja, aber mein Kurs fängt am 20. Juni an.« Lena umklammerte ihre Knie und stemmte ihre großen Füße auf den Holzboden. »Ich kann unmöglich am ersten Tag fehlen, sonst krieg ich den miesesten Platz im ganzen Atelier ab und sehe einen Monat lang nur die Kniekehlen des Modells.«

»Okay, also wie wär’s dann mit dem 4. Juli?«, kam Tibbys vernünftiger Vorschlag. »An dem Freitag hat keine Uni oder irgendwas anderes. Wir könnten uns hier für ein langes Wochenende treffen!«

Bee zog ihren Schnürsenkel auf. »Ich fliege aber am 24. Juni nach Istanbul.«

»Was, so früh schon? Kannst du nicht auch später fliegen?«, fragte Tibby.

Bridget schüttelte bedauernd den Kopf. »Nein, die Organisatoren haben uns alle auf diesen Charterflug gebucht. Wenn wir den nicht nehmen, kostet es mindestens tausend Dollar extra, und du kannst zusehen, wie du vom Flughafen allein zur Ausgrabungsstätte kommst.«

»Wie konnte Carmen das hier bloß verpassen?«, stöhnte Tibby.

Lena wusste genau, was sie meinte. Keine von ihnen hätte freiwillig dieses Ritual verpasst – ganz besonders Carmen nicht, der es immer besonders viel bedeutet hatte.

Bee schaute in die Runde. »Aber was verpasst sie schon groß?«, fragte sie, weniger anklagend als einlenkend. »Es ist ja noch nicht der große Startschuss, oder?« Sie zeigte auf die JEANS, die säuberlich gefaltet zwischen ihnen lag. »Jedenfalls nicht offiziell. Wir haben sie das ganze Schuljahr über getragen. Ist ja nicht so wie in den früheren Sommern, wenn wir hier das große Start-Tamtam veranstaltet haben.«

Lena wusste nicht genau, ob sie durch den Spruch getröstet oder verärgert sein sollte.

»Vielleicht stimmt das«, überlegte Tibby. »Vielleicht brauchen wir in diesem Sommer keinen Startschuss mit Tamtam.«

»Aber wir sollten heute Abend wenigstens die Reihenfolge festlegen«, schlug Lena vor. »Carmen muss sich dann einfach damit abfinden.«

»Warum bleiben wir nicht bei unserer üblichen Reihenfolge?«, fragte Bridget und streckte ihre Beine aus. »Warum sollten wir daran was ändern, nur weil’s Sommer ist?«

Lena kaute nachdenklich an der Nagelhaut ihres Daumens und ließ sich den Vorschlag durch den Kopf gehen.

Früher waren die Sommer anders.

Früher fuhren alle von zu Hause weg und lebten für zehn lange Wochen ihre eigenen Leben und vertrauten darauf, dass die JEANS AUF REISEN sie zusammenhielt und am Ende wieder zusammenbrachte. Lena wurde bewusst, dass jetzt das Jede-lebt-ihr-Leben nicht mehr die Ausnahme war, sondern die Regel.

Wann kommen wir alle wieder nach Hause? Das hätte sie gern gewusst.

Wenn sie die Situation allerdings nüchtern betrachtete, dann war ihr klar: Es war nicht nur die Antwort, die sich geändert hatte, sondern auch die Frage. Was war jetzt noch Zuhause? Was war der Normalzustand?

»Zu Hause« war eine bestimmte Zeit gewesen und diese Zeit war vorbei.

Immer noch aß keine von den Gummiwürmern. Lena dachte: Wenn ich nicht sofort einen esse, fang ich an zu heulen.

»Also bleiben wir bei der alten Reihenfolge«, wiederholte sie matt. »Ich glaube, dann bin ich jetzt dran.«

»Ich hab’s aufgeschrieben«, sagte Tibby.

»Gut.«

»Tja.«

Lena sah auf die Uhr. »Sollen wir jetzt einfach gehen?«

»Ich denk schon«, sagte Tibby.

»Wollen wir auf dem Heimweg noch beim Tastee Diner halten?«, fragte Bridget.

»Klar.« Tibby sammelte die Requisiten für das Ritual ein, das nicht so richtig vollzogen worden war. »Vielleicht können wir ja danach noch ins Kino gehen. Ich hab heut Abend keine Lust auf meine Eltern.«

»Wann müsst ihr denn morgen los?«, fragte Bee.

»Ich glaube, unser Zug geht um zehn«, sagte Tibby. Lena und Tibby fuhren zusammen mit dem Zug. Tibby fuhr bis New York, weil ihr Drehbuchseminar anfing und sie ihren Job in einer Videothek antreten musste. Lena fuhr weiter bis Providence, und Bee blieb noch ein paar Tage zu Hause, bevor sie in die Türkei flog.

Lena merkte, dass sie noch nicht nach Hause wollte. Sie nahm die JEANS und wiegte sie für einen Augenblick in den Armen. Sie hatte ein Gefühl für die JEANS, das sie nicht genau benennen konnte, aber sie wusste, dass sie das noch nie für sie gefühlt hatte. Sie empfand immer noch Dankbarkeit, Bewunderung und Vertrauen, aber heute Abend kam ein Hauch von Verzweiflung dazu.

Wenn wir sie nicht hätten, wüsste ich nicht, was wir tun sollten, dachte sie, als Bee die Tür von

Das echte Leben ist oft das, was man nicht führt.

Oscar Wilde

Carmen, es ist wunderschön! Ich kann gar nicht abwarten, bis du es siehst!«

Carmen nickte in den Telefonhörer. Ihre Mutter klang so glücklich, dass Carmen auch glücklich sein musste. Wie konnte sie da nicht glücklich sein?

»Wann könnt ihr denn voraussichtlich einziehen?«, fragte sie betont fröhlich.

»Na ja, wir müssen noch viel tun. Die Wände müssen noch verputzt und gestrichen werden und die Fußböden sind noch nicht versiegelt. Die Abwasserleitungen und die Elektrik sind auch noch nicht gelegt. Hoffentlich kriegen wir das meiste hin, bevor wir einziehen. Ich hoffe, dass es Ende August so weit ist.«

»Wow. So früh schon.«

»Nena, es hat fünf Schlafzimmer! Ist das nicht unglaublich? Und einen tollen Garten, in dem Ryan toben kann.«

Carmen sah im Geist ihren kleinen Bruder vor sich. Er konnte gerade mal laufen, noch lange nicht herumtoben. Seine Kindheit würde völlig anders als ihre eigene sein.

»Tja, das war’s dann wohl mit unserer Wohnung, oder?«

»Stimmt. Sie war groß genug für uns zwei, aber haben wir nicht immer von einem Haus geträumt? Hast du dir nicht immer eins gewünscht?«

Sie hatte sich auch immer ein Geschwisterchen gewünscht und dass ihre Mutter wieder einen Partner hätte. Es war nicht immer leicht, wenn man das bekam, was man sich wünschte.

»Ich muss die Sachen aus meinem Zimmer zusammenpacken«, sagte Carmen.

»Im neuen Haus wirst du ein größeres Zimmer bekommen«, sagte ihre Mutter schnell.

Ja, klar. Aber dafür war es jetzt etwas spät, oder? Für ein Haus mit Garten und einem großen Zimmer?

Zu spät, denn ihre Kindheit war vorbei. Ihre hatte in dem kleinen Zimmer in ihrer alten Wohnung stattgefunden. Es war traurig und irgendwie merkwürdig, dass es dieses Zimmer bald nicht mehr gab, aber zu spät, um es durch ein anderes zu ersetzen.

Und was sollte sie jetzt tun? Ohne ihr altes Leben und ohne dass ein wirklich neues angefangen hätte? Sie saß zwischen den Stühlen, im Nichts.

Irgendwie passte das nur zu gut.

»Lena kam gestern kurz vorbei, um Hallo zu sagen und Ryan zu sehen. Sie hat ihm eine Frisbeescheibe mitgebracht«, erzählte ihre Mutter etwas wehmütig. »Ich wünschte, du wärst zu Hause.«

»Ja. Aber ich hab hier so viel zu tun.«

»Ich weiß, Nena.«

Kaum hatte Carmen den Hörer aufgelegt, klingelte das Telefon schon wieder.

»Carmen? Wo steckst du?«

Julia Wymans Stimme klang verärgert. Carmen sah auf die Uhr hinter sich.

»Die Probe auf der Bühne fängt an … und zwar … jetzt!«

»Ich komme.« Carmen zog ihre Socken an, während sie das Telefon zwischen Ohr und Schulter festklemmte. »Ich komm wirklich sofort.«

Sie hastete aus ihrem Zimmer im Studentenwohnheim rüber ins Theater. Auf dem Weg fiel ihr ein, dass ihre Haare fettig waren und sie eigentlich eine andere Hose hatte anziehen wollen, weil sie sich in der hier so dick fühlte. Aber machte das überhaupt was aus? Es schaute sie ja eh keiner an.

Julia wartete hinter der Bühne auf sie.

»Kannst du mir hier helfen?« Für ihre Rolle in dem Stück trug Julia einen langen, viel zu großen Tweedrock.

Carmen bückte sich, um die Taille mit einer Sicherheitsnadel enger zu stecken. »Wie sitzt er jetzt?«, fragte sie.

»Besser. Danke. Und wie sieht’s aus?«

Julia sah gut darin aus. Julia sah in so ziemlich allen Klamotten gut aus, und sie brauchte sicher nicht Carmen, um ihr das zu bestätigen. Aber Carmen tat es trotzdem. Auf eine seltsame Weise war es Julias Job, gut für sie beide auszusehen. Und es war Carmens Job, sie dafür zu loben.

»Ich glaube, Roland wartet auf dich.«

Carmen trat auf die Bühne, aber offenbar wartete Roland nicht auf sie. Er reagierte überhaupt nicht, als er sie sah. Mittlerweile kam sie sich fast wie ein Geist vor – unsichtbar, nur die Luft wurde etwas kühler, wenn sie kam. Carmen kniff die Augen zusammen und machte sich klein. Sie war ungern auf der Bühne, wenn alle Scheinwerfer an waren. »Brauchst du etwas?«, fragte sie Roland.

»Äh, ja, wart mal.« Er dachte kurz nach. »Ach ja – kannst du den Vorhang im Wohnzimmer befestigen? Er fällt gleich runter.«

»Klar«, sagte sie schnell und fragte sich, ob sie sich schuldig fühlen sollte. Hatte sie den Vorhang angetackert?

Sie stellte die Leiter auf, kletterte drei Sprossen hoch und setzte den Tacker an der Sperrholzwand an. Bühnenbildnerei war eine merkwürdige Sache. Es kam nur auf den momentanen Eindruck an, auf diesen oder jenen Blickwinkel, nicht auf Beständigkeit. Alles existierte in Raum und Zeit nicht als ein tatsächliches Ding, sondern nur als Trick.

Sie mochte den satten Klang, wenn der Tacker in die Holzwand schoss. Immerhin das hatte sie auf dem College gelernt: zu tackern. Dafür bezahlte ihr Vater einen Haufen Geld.

Natürlich hatte sie auch noch andere Sachen gelernt. Wie man vom Mensaessen und von nächtlichen Schokoladeorgien siebzehn Pfund zunimmt, wenn man sich einsam fühlt. Wie man sich für Jungs unsichtbar macht. Wie man seine Neun-Uhr-Psychologievorlesung verpennt. Wie man fast ausschließlich weite Sweatshirts trägt, weil man sich für seinen Körper schämt. Wie man den Leuten aus dem Weg geht, die man am meisten auf der Welt liebt. Wie man eigentlich generell für alle unsichtbar ist, sogar für sich selbst.

Es war ein Glücksfall, dass Carmen Julia kennengelernt hatte, das war ihr klar. Weil Julia eine der sichtbarsten Personen in der ganzen Williams-Uni war. Sie ergänzten sich perfekt. Ohne Julia, vermutete Carmen, hätte sie sich wahrscheinlich schon längst in Luft aufgelöst.

An: Carmabelle

Von: Beezy3

Wir haben schwere carmische Störungen hier.

Ich weiß, dass du Winterschlaf hältst, und im Gegensatz zu allen andern weiß ich auch, warum. Aber Meena, es ist schon Juni. Jetzt kriech mal aus der Höhle und komm zu deinen Freundinnen, die dich lieb haben. Wir haben uns bei Gilda getroffen, aber ohne dich konnten wir’s einfach nicht durchziehen.

Unmöglich.

Deine Summ-Biene

Als »Mädchen mit einem Freund« fühlt man sich ganz anders.

Dieser Gedanke ging Bridget im Kopf herum, als sie von Lena die Edgemere Street entlang nach Hause ging. Gerade als sie darüber nachdachte, fuhr ein Typ an ihr vorbei, den sie vom Sehen aus der Schule kannte, hängte sich aus dem Autofenster, schrie »Hey, Süße!« und schickte ihr einen Luftkuss.

Früher hätte sie irgendwas zurückgebrüllt. Oder den Luftkuss erwidert. Vielleicht hätte sie dem Typen auch den Stinkefinger gezeigt, je nach Laune. Aber irgendwie war alles anders, seit sie ein »Mädchen mit einem Freund« war.

Sie hatte fast ein Jahr gebraucht, um sich daran zu gewöhnen. Es war nämlich besonders schwierig, wenn man seinen Freund nur ein- oder zweimal im Monat sah – weil er in New York studierte und man selbst in Providence, Rhode Island. Das Zusammensein war dann eher theoretisch. Bei jedem Typen, der aus dem Autofenster grölte, bei jedem Kerl, der einen auf dem Weg zur Psychologievorlesung prüfend musterte, dachte man: Du hast ja keine Ahnung, dass ich einen Freund habe.

Jedes Mal wenn sie Erics markantes Gesicht sah, jedes Mal wenn er in ihrer offenen Zimmertür auftauchte oder wenn er sie am Busbahnhof in New York abholte, war alles wieder da. Die Art, wie er sie küsste. Wie er seine Hose trug, wie er mit ihr eine ganze Nacht durchgepaukt hatte, damit sie ihre Spanischklausur schaffte.

Aber alles wurde wieder total theoretisch, nachdem Eric ihr von Mexiko erzählt hatte. Er hatte dort einen Job als stellvertretender Leiter in ihrem alten Trainingslager in Baja bekommen.

»Ich fahr gleich nach Semesterende los«, hatte er gesagt, als sie im April telefonierten.

Da war keine Unsicherheit oder kleine Pause oder Frage in dem Satz gewesen. Da war nichts für sie drin.

Sie hatte den Telefonhörer etwas fester umklammert, aber sie wollte ihn nicht das Chaos spüren lassen, das seine Worte in ihr ausgelöst hatten. Allein gelassen zu werden, war nicht ihr Ding.

»Wann kommst du zurück?«, fragte sie.

»Ende September. Ich bleib anschließend noch einen Monat bei meinen Großeltern in Mulege. Meine Großmutter hat jetzt schon mit dem Kochen angefangen.« Sein Lachen war unbeschwert und lieb. Er tat so, als müsste sie sich genauso freuen wie er. Er merkte überhaupt nicht, wie tief sie seine Ankündigung traf.

Manchmal fühlt man beim Auflegen des Telefonhörers, dass das Herz blaue Flecken bekommen hat. Es tat richtig weh und später würde es noch mehr schmerzen. Sie hätte dieses unbefriedigende Gespräch eigentlich beenden sollen, aber das brachte sie nicht fertig. Am liebsten hätte Bridget das Telefon gegen die Wand geknallt und sich selbst gleich hinterher.

Irgendwie hatte sie angenommen, dass Erics und ihre Pläne für den Sommer sich gemeinsam entwickeln würden. Sie dachte, wenn man einen festen Freund hat, bedeutet das automatisch, dass man seine Zukunft zusammen plant. War er sich ihrer so sicher, dass er kein Problem damit hatte, von ihr wegzugehen, oder war sie ihm gleichgültig?

Sie joggte die große Runde und verscheuchte ihre Zweifel. Schließlich waren sie nicht verheiratet oder so. Sie sollte davon nicht so gekränkt sein. Sie wusste ja, dass es nicht persönlich gemeint war. Der Job als stellvertretender Leiter war wirklich eine tolle Chance: Er wurde nicht nur gut bezahlt, er war dann auch in der Nähe seiner Familie.

Sie war nicht wirklich gekränkt, aber in den Tagen nach dem Telefonat wurde sie von einem unberechenbaren inneren Motor angetrieben. Sie hatte keine Lust, rumzuhängen und sich nach Eric zu verzehren. Wenn seine Entscheidung sie nicht so aus heiterem Himmel getroffen und damit angstvolle Vermutungen ausgelöst hätte, hätte sie sich vielleicht nicht so schnell für die Ausgrabung in der Türkei verpflichtet.

Eric konnte doch nicht erwarten, dass sie einfach dahockte und auf ihn wartete. Das lief mit ihr nicht. Wie konnte sie sich einbilden, sie hätte einen festen Freund, wenn der mal eben plante, von Mai bis September zu verschwinden? Waren sie dann überhaupt noch ein Paar? Das war ihr alles zu theoretisch.

Nach dem Gespräch über Mexiko hatte sie angefangen, sich ernsthaft Gedanken über diese Dinge zu machen. Danach kam es ihr auf dem Weg zu den Seminaren bei all den Typen auf einmal so vor, als ob ihr »Mädchen mit einem Freund«-Status eher etwas war, das ihr abverlangt wurde, und nicht etwas, das sie bereitwillig angenommen hatte.

Tibby schaute auf ihre Kasse. Sie hatte noch vier Minuten bis zum Schichtende und noch eine Schlange von mindestens zwölf Leuten zu bedienen.

Sie scannte einen Stapel von sechs Filmen für ein sehr junges Mädchen mit silbernem Lidschatten und einer zu eng aussehenden Halskette in die Kasse ein. Quollen ihre Augen schon hervor oder bildete Tibby sich das nur ein?

»Willst du dir die alle ansehen?«, fragte Tibby geistesabwesend.

Es war Freitag. Ab jetzt galten bis Montag die Wochenend-Sonderpreise. Der Kaugummi des Mädchens roch nach künstlichem Wassermelonen-Aroma. Als sie schlucken musste, erinnerte Tibby das an die abgerichteten Pelikane der Fischer, die einen Ring um den Hals tragen, damit sie die gefangenen Fische nicht runterschlucken.

»Meine Freundinnen übernachten heute bei mir. Wir sind zu siebt. Aber nur, wenn Callie auch kommt. Wenn sie nicht kann, dann bräuchte ich den hier nicht, weil die anderen ihn ätzend finden.«

Himmel! Waren wir auch so?, überlegte Tibby, während das Mädchen ausführlich alle Filmwünsche ihrer Freundinnen beschrieb.

Jetzt war ihre Schicht schon seit zwei Minuten vorbei, und Tibby verfluchte sich selbst, weil sie dieses Gespräch überhaupt angefangen hatte. Immer wieder vergaß sie die goldene »Niemals Fragen stellen«-Regel. Die Leute antworteten so gern.

Sie hatte noch elf Kunden abzukassieren, bevor sie endlich ihren Schalter dichtmachen konnte, und sie wurde bereits nicht mehr bezahlt.

»Hier bitte nicht mehr«, rief sie einem neuen Kunden zu, bevor er sich an ihrer Schlange anstellte.

Der Nächste war ein junger Typ mit Ziegenbärtchen und einer Windjacke über seiner Arbeitskluft. Als die Jacke ein Stückchen aufging, konnte sie sehen, dass er Carl hieß. Sie wollte ihm eigentlich sagen, dass sein Film ganz gut war, aber das Ende mies und die Fortsetzung eine Beleidigung für jedes einigermaßen funktionierende Gehirn, aber sie zwang sich, es nur zu denken. Ab jetzt galt ihre neue Regel. Ehrlich gesagt redete sie lieber selbst, als dass sie zuhörte.

Sie schloss ihre Kasse, verabschiedete sich und ging den Broadway entlang, bog in die Bleeker Street ein und dann in den Eingang ihres Wohnheims. Schlecht an ihrem Job war, dass er obermies bezahlt wurde. Aber das Gute daran war, dass er nur drei Blocks entfernt war.

Die Eingangshalle des Wohnheims war kühl und leer bis auf den Wachmann. Jetzt im Sommer war alles anders. Keine quasselnden Studenten, kein Durcheinander von Handyklingeltönen. Die große Korkpinnwand, normalerweise mit zwanzig Schichten Zetteln bedeckt, war jetzt blank und leer.

Während des Semesters war die Fahrt im Aufzug zwischenmenschlich anstrengend. Zu viel Zeit zu glotzen, einzuschätzen und zu urteilen. In dem engen Raum hatte sie immer das Gefühl, sie müsse für die anderen Mitfahrer etwas darstellen, selbst wenn sie nicht mal deren Namen kannte. In dem leeren Aufzug dagegen war ihr jetzt, als würde sie mit der Holztäfelung verschmelzen.

Heute Abend würden alle Flure leer sein. Die Sommerkurse fingen erst nach dem 4. Juli an. Und selbst dann wohnten die neuen Studenten ja nur vorübergehend hier, das waren keine Freunde oder Leute, über die man sich im Aufzug Gedanken machte. Mitte August waren sie spätestens wieder weg.

Das war das Merkwürdige am College. Eigentlich sollte hier dein Leben beginnen. Bei jedem neuen Menschen überlegte man: Wirst du mir etwas bedeuten? Werden wir einander etwas bedeuten? Tibby hatte sich mit ein paar Leuten auf ihrem Flur und in ihren Filmseminaren angefreundet, aber bei den meisten wusste sie sofort, dass sie für sie nicht wichtig waren.

Wie die Mädchen vom Schwimmteam, die ihre Gesichter rot anmalten, um Zusammengehörigkeit zu demonstrieren, oder der Typ mit dem struppigen Bart und dem Warhammer-T-Shirt.

Andererseits, ertönte die Stimme von Meta-Tibby, wie sie ihr Alter Ego nannte (ihr besseres Ich, niemals hektisch, niemals zickig), wer hätte damals am ersten Tag im 7-Eleven gedacht, dass Brian einmal so wichtig für dich werden würde?

Es war jetzt vier Jahre her, dass sie Brian zum ersten Mal begegnet war, aber beim Gedanken an seine Nähe spürte sie immer noch dieses Flattern tief im Bauch. Und es war neun Monate her, dass sie … was? Sie hasste den Ausdruck »zusammengekommen waren«. Vor neun Monaten waren sie nachts verbotenerweise in der Unterwäsche im Rockwood-Schwimmbad geschwommen und hatten sich so wahnsinnig geküsst und umarmt, bis ihre Finger und Füße ganz schrumpelig und ihre Lippen blau gewesen waren.

Sie hatten bis jetzt noch nicht miteinander geschlafen. Nicht wirklich, obwohl Brian es so sehr wollte. Aber seit dieser Nacht im August hatte Tibby das Gefühl, dass ihr Körper Brian gehörte und seiner ihr.

Seit dieser Nacht im Schwimmbad hatte sich ihre Liebe füreinander verändert.

Vorher hatte jeder von ihnen seinen eigenen Raum eingenommen. Danach gab es nur noch einen gemeinsamen Raum. Wenn er vor dieser Nacht unter dem Tisch ihren Fuß berührt hatte, war sie rot geworden und hatte einen Schweißausbruch bekommen. Nach dieser Nacht gab es keinen Moment mehr, in dem sich ihre Körper nicht irgendwie, irgendwo berührten. Sie konnten ineinander verschlungen auf einem Bett liegen und sich trotzdem auf ihre Bücher konzentrieren. Na ja, ein bisschen konzentrieren.

Heute Abend würde es hier still sein. Irgendwie fehlten ihr Bernie, die sonst von neun bis zehn ihre Opern schmetterte, und Deirdre, die richtiges Essen in der Gemeinschaftsküche kochte. Aber es war auch sehr angenehm, mal ganz allein zu sein. Sie würde ihren Freundinnen ein paar Mails schreiben und ihre Achseln und Beine rasieren, bevor Brian morgen kam. Vielleicht würde sie beim Thailänder um die Ecke was zu essen bestellen. Natürlich würde sie es selbst abholen, um das Trinkgeld für den Boten zu sparen. Diese Knauserigkeit war ätzend, aber sie konnte sich die paar Dollar extra einfach nicht leisten.

Tibby steckte ihren Schlüssel ins Schloss. Es war so ausgeleiert, dass man es vermutlich mit jedem Schlüssel aus dem Wohnheim aufschließen konnte. Vielleicht mit jedem Schlüssel der ganzen Welt. Es war ein billiges kleines Schloss.

Sie stieß die Tür auf und freute sich wieder mal über ihr Einzelzimmer. Wen störte es schon, dass es nur neun Quadratmeter groß war? Wen kratzte es, dass es eher ein begehbarer Kleiderschrank war als ein richtiges Zimmer? Es war ihr Zimmer. Anders als zu Hause blieb ihr Kram genau da, wo sie ihn liegen gelassen hatte.

Sie sah zuerst das Flimmern ihres Monitors, dann die grüne Statusanzeige ihrer voll aufgeladenen Kamerabatterie. Dann wanderte ihr Blick zu den glänzenden Augen eines großen braunhaarigen, neunzehn Jahre alten Typen, der auf ihrem Bett saß.

Alles zuckte zusammen. Magen, Beine, Rippen, Kopf. Dazu kam das wild klopfende Herz.

»Brian!«

»Hey«, sagte er leise.

Sie wusste, dass er sie nicht hatte erschrecken wollen.

Sie ließ ihre Tasche fallen, lief zu ihm und verschwand sofort in seiner stürmischen Umarmung.

»Ich hab gedacht, du kommst erst morgen!«

»Ich konnte es keinen Tag länger aushalten«, sagte er und presste sein Gesicht an ihr Ohr.

Es war so ein gutes Gefühl, ihn überall zu spüren. Sie liebte dieses Gefühl. Sie würde sich nie daran gewöhnen. Es war zu schön, um wahr zu sein. Sie konnte ihre Überzeugung nicht abschütteln, dass alles seinen Preis hatte. Nichts ist umsonst. Dieses Glücklichsein war wie eine Shoppingorgie mit geschenktem Geld.

Die meisten Typen sagen, sie rufen morgen an, und melden sich dann am nächsten Samstag oder gar nicht. Die meisten Typen sagen, sie kommen um acht, und sind dann irgendwann um Viertel nach neun da. Sie halten dich in einem Zustand von Unsicherheit, Wünschen, Hoffnung, und du selbst bist von jeder Sekunde genervt, die du das mitmachst.

Brian war anders.

Brian versprach, er würde am Samstag kommen, und kam stattdessen am Freitag.

»Jetzt bin ich glücklich«, brummte er in ihren Nacken.

Sie betrachtete sein Profil, seinen männlichen Oberarm. Er sah wahnsinnig gut aus, aber er war sich dessen nicht bewusst. Sie liebte ihn nicht deshalb, weil er so gut aussah, aber man konnte sich ja trotzdem daran freuen, oder?

Er rollte sie aufs Bett, zog ihr T-Shirt hoch und legte seinen Kopf auf ihren nackten Bauch, die Arme um ihre Hüften geschlungen, die Beine angewinkelt an der Wand. Wenn das Zimmer für sie allein schon klein war, dann konnte sich Brian kaum darin ausstrecken. Hin und wieder trat er aus Versehen gegen die Wand. Sie war froh, dass sie heute Nacht wegen dem Typen aus Zimmer 11 C kein schlechtes Gewissen haben musste.

Es war wie ein Wunder.

Ihr eigenes Zimmer. Kein Verstecken, keine Notlügen, kein Noch-mal-gut-gegangen. Keine Eltern, denen man erklären musste, wo man gewesen war, oder eine Heimkommzeit, die nervte.

Die Zeit dehnte sich. Sie würden essen, worauf sie Lust hatten – oder wenigstens das, was sie sich leisten konnten. Später würden sie zusammen einschlafen, seine Hand auf ihrer Brust oder auf ihrer Taille; sie würden gemeinsam aufwachen und aufstehen, wann immer ihnen danach war. Das war so schön. Zu schön. Womit hatte sie das verdient?

»Ich liebe dich«, murmelte er, während seine Hände weiter unter ihr T-Shirt wanderten. Er wartete nicht auf den kurzen Moment, auf die Stille, in der sie eigentlich antworten sollte, »Ich dich auch«. Seine Hände waren schon unter ihren Schultern, er richtete sich über ihr auf für einen richtigen Kuss. Er brauchte ihr »Ich dich auch« nicht.

Früher hatte sie diese Vorstellung – eigentlich einen unbestätigten Glauben – gehabt, dass man wie in einer Art Spiegeltanz liebt. Dass man immer so stark liebt, wie der andere willens war, selbst zu lieben.

Brian war da anders. Er liebte einfach, ohne dass er das gleiche Maß an Liebe zurückforderte. Sie fand das atemberaubend, aber es machte ihn auch zu jemand sehr Besonderem, als könnte er Mandarin sprechen oder einen Basketball treffsicher im Korb versenken.

Sie schob ihre Hand unter sein T-Shirt, fühlte seinen warmen Rücken, seine Schulterblätter.

Versuch nie, einem Schwein das Singen beizubringen. Du verschwendest deine Zeit und verärgerst das Schwein.

Mark Twain

Viele Dinge hält man für selbstverständlich. So viele Dinge, die man nicht mal bemerkt, bis sie auf einmal nicht mehr da sind. In Carmens Fall war das ihre Identität.

Während sie die letzten Requisiten in dem leeren, dunklen Theater wegräumte, überlegte sie, dass sie irgendwann mal eine gehabt hatte.

Sie war mal das einzige Kind einer alleinerziehenden Mutter gewesen. Sie war mal ein Viertel von einem berühmten unzertrennlichen Vierer gewesen. Sie war eine sagenhafte Matheschülerin gewesen, modisch immer hip, eine super Tänzerin, ein Kontrollfreak und tierisch unordentlich. Die Bewohnerin von Apartment 4F. Das war jetzt alles vorbei oder zumindest nicht mehr auffindbar. Sie hatte für all diese Dinge noch keinen Ersatz gefunden. Außer Julia. Was für ein Glück, dass sie Julia gefunden hatte.

Idealerweise wächst man in einem Haus mit einer Familie um sich herum auf und dann geht man aufs College. Man lässt sein Zuhause und seine Familie hinter sich, aber man weiß, sie warten auf dich. Man lässt ein Loch von ungefähr der eigenen Größe zurück. Hin und wieder fährt man nach Hause und füllt dieses Loch wieder aus.

Vielleicht war das auch nur eine Illusion. Nichts blieb unverändert. Man kann nicht erwarten, dass die Familie erstarrt, wenn man sie verlässt, und wenn man zurückkommt, bewegen sich alle wieder.

Das erforderte eine kindliche Selbstliebe, die noch nicht mal Carmen aufbringen konnte. (Na ja, vielleicht ein bisschen …)

Aber was, wenn es eine Illusion war? Illusionen konnten ja manchmal auch sehr hilfreich sein.

Wichtig war: Das Zuhause blieb, wo es war, und man selbst entfernte sich. Seinen momentanen Aufenthaltsort in der Welt konnte man immer in seiner Relation zum Zuhause bestimmen: »Ich bin so weit weg von zu Hause«, konnte man zum Beispiel in China denken. »Ich bin so nah an zu Hause«, konnte man denken, wenn man um die letzte Ecke bog, bevor man sein Zuhause wiedersah.

Wie Carmens Mutter immer wieder gerne betonte, sind sich Teenager und Kleinkinder ziemlich ähnlich. Beide finden nichts dabei, ihre Mutter zu verlassen, solange die sich nicht vom Fleck rührt.

Aber Carmens Mutter rührte sich jetzt vom Fleck. Sie verschob das Zuhause. Zuhause war jetzt eine Zeit und kein Ort mehr, zu dem Carmen heimkehren konnte.

Deshalb war für Carmen das Weggehen ungleich schwieriger. Außerdem wurde dadurch die Frage, wohin man ging, viel komplizierter.

Während der ersten sieben Monate am College war nichts vertraut oder greifbar gewesen. Außer vielleicht das Essen. Carmen fühlte sich, als wäre sie aus dem Strom der Zeit ausgestiegen, stünde am Ufer und schaute ihr nach, könnte aber nicht mitfließen. Sie stand da und fragte sich, wann ihr Leben wieder weitergehen würde.

Davor hatte sie ein sehr ausgefülltes Leben gehabt. Völlig ausgefüllt. Sie war hübsch, sie war ehrgeizig, eine junge Frau mit vielen Facetten. Jetzt fühlte sie sich wie ein Geist. Das fade pappige Mensaessen trug dazu anscheinend mehr bei, als ihr klar war. Es machte sie selbst fade und pappig, ließ ihre Konturen verschwimmen.

Sie brauchte ihr Umfeld, um sich selbst zu erkennen. Die Gesichter ihrer Freundinnen und ihrer Mutter waren für sie wie Spiegel. Ohne sie konnte sie sich selbst nicht sehen, wusste sie nicht, wo sie war. Zum ersten Mal war ihr das damals in diesem merkwürdigen einsamen Sommer in South Carolina bewusst geworden, als sie ihre Stieffamilie kennengelernt hatte.

Mit Win Sawyer, dem Jungen, den sie im letzten Sommer kennengelernt hatte, hatte sie sich im Lauf des Herbstes noch ein paarmal getroffen. Danach hatte sie es auslaufen lassen. Sie kannte und mochte sich selbst nicht genug, um interessant und liebenswert zu sein, wenn sie mit ihm zusammen war. Sie hatte einfach nichts zu geben.

Wie sich herausstellte, fiel es Carmen nicht leicht, Freundschaften zu schließen. Das kam davon, wenn man sozusagen mit drei maßgeschneiderten Freundinnen geboren worden war, die nur darauf warteten, dass man sich mit ihnen anfreundete. Sie hatte nie den Muskel trainiert, den man brauchte, um Freunde zu finden. Sie bezweifelte, dass sie diesen Muskel überhaupt hatte.

Ihr erster Fehler war ihre Annahme gewesen, dass sie und ihre Zimmergenossin Lissa Greco automatisch Freundinnen werden würden und dass diese Freundschaft wiederum automatisch andere Freundschaften nach sich ziehen würde. Weit gefehlt. Lissa hatte ihre zwei besten Freundinnen vom Internat mit ans Williams gebracht und war Carmen gegenüber zickig und intrigant. Sie suchte keine neue Freundin. Stattdessen beschuldigte sie Carmen, ihr Klamotten geklaut zu haben.

Zu Beginn war Carmen vor lauter Einsamkeit völlig orientierungslos gewesen und hatte sich wie verrückt nach Tibby, Bee und Lena gesehnt. Aber nach einer gewissen Zeit ging sie ihnen immer öfter aus dem Weg. Sie wollte weder sich selbst noch ihnen gegenüber zugeben, dass ihr Einstieg ins College längst nicht so erfolgreich war, wie sie gehofft hatte.

Einmal war sie nach Providence gefahren und hatte Bee in ihrem Glück gesehen: mit ihren Fußballfreunden, ihrer tollen Mitbewohnerin, mit ihren Party-Girls, mit ihrer Büchereitruppe. Lena hatte Carmen in einer ganz anderen Art von Glück angetroffen, still und konzentriert im Atelier, umgeben von ihren wundervollen Skizzen. An dem Wochenende, das sie mit Tibby in New York verbracht hatte, wohnten sie zu dritt mit Brian in Tibbys winzigem Zimmer, und Tibby gewann einen Preis für ihren ersten Kurzfilm.

Carmen wollte nicht, dass die anderen sie besuchten und sahen, dass sie gänzlich ohne Glück war. So sollten die anderen sie nicht sehen.

Sie lernte Julia Ende des Winters kennen, als sie sich gerade für einen Dramaturgiekurs einschrieb. Julia verwechselte sie mit jemandem vom Theater.

»Hast du schon mal Bühnenbilder gebaut?«, fragte sie Carmen.

Carmen war sich nicht sicher, ob tatsächlich sie gemeint war.

»Wer? Ich?«, fragte sie. Sie wusste nicht, was sie erstaunlicher fand: dass Julia sie für eine Bühnenbildnerin hielt oder dass sie überhaupt mit ihr sprach.

Wie tief bin ich gefallen, dachte Carmen und fühlte sich jämmerlich. Niemand in der Highschool hätte sie je für eine Bühnenbildnerin gehalten. Sie war eins der beliebtesten Mädchen gewesen, besonders am Ende der Schulzeit. Sie hatte winzige bauchfreie Tops getragen. Sie hatte auf Teufel komm raus geflirtet. Sie hatte sich zum Examen die Lippen knallrot angemalt.

Carmen versuchte, einen letzten Rest Würde zu wahren.

»Nein. Ich bin eigentlich keine Bühnenbildnerin«, sagte sie.

»Ach, komm schon. Jeder kann das! Jeremy Rhodes ist der Regisseur des Miracle Worker, den wir in der Abschlusswoche aufführen, und wir sind schon ganz verzweifelt«, erklärte Julia.

Carmen hatte Julia schon oft in der Cafeteria gesehen. Sie war eine der wenigen Erstsemester, die alle kannten. Sie war schön und sah mit ihrer blassen weißen Haut und dem langen schwarzen Haar irgendwie theatralisch aus. Sie trug alte Männerjacketts und lange Folkloreröcke, und man hörte sie schon von Weitem, weil ihre Unmengen von Ketten, Armbändern und Perlen klingelten und klirrten. Sie war klein und zierlich, hatte aber die weit ausholenden Gesten einer Frau, die wusste, dass alle sie beobachteten.

»Tja, tut mir leid«, sagte Carmen.

»Kannst mir ja Bescheid sagen, wenn du deine Meinung änderst, okay?«, sagte Julia. »Wir sind wirklich eine coole Truppe. Ein echtes Team.«

Carmen nickte und flüchtete, aber sie dachte darüber nach. Sie hätte so gern eine richtige Aufgabe gehabt, erst recht mit coolen Leuten.

Ein paar Wochen später sprach Julia sie in der Cafeteria noch einmal an.

»Na, wie geht’s denn so?«

Carmen fühlte sich ertappt, weil sie allein aß. Sie war hin- und hergerissen – unglücklich darüber, dass Julia sie allein essen sah, und glücklich, weil alle anderen sie mit Julia reden sahen.

»Ganz gut«, sagte Carmen.

»Bist du in den Dramaturgiekurs reingekommen?«

»Nee«, antwortete Carmen. »Und wie läuft’s mit dem Stück?«

»Richtig gut.« Julia lächelte strahlend. »Wir suchen immer noch nach Leuten, die mitmachen wollen.«

»Ach, ehrlich?«

»Mhm, du solltest dir das wirklich noch mal überlegen. Jeremy ist total cool. Es gibt nur drei Vorstellungen und die auch erst nach den Prüfungen. Warum kommst du heute Abend nicht mal vorbei? Wir proben um sieben. Schau es dir einfach mal an.«

»Gut«, sagte Carmen und war Julia fast lächerlich dankbar. Dankbar, dass Julia sie bemerkt hatte, sich sogar an sie erinnert hatte, mit ihr geredet und sie auch noch zu etwas eingeladen hatte. Ahnte Julia möglicherweise, wie wahnsinnig allein sie sich fühlte? »Vielleicht komm ich«, sagte sie.

Wahrscheinlich hätte sie vor lauter Dankbarkeit auch Ja gesagt, wenn Julia ihr vergiftete Cola zu trinken angeboten hätte.

Deshalb stand Carmen dann eine Woche später mit einem umgeschnallten Werkzeuggürtel auf einer Leiter. Ihre Freundinnen hätten sie in dieser Aufmachung nicht erkannt. Niemand aus der Highschool-Abschlussklasse hätte sie erkannt. Zumindest hoffte sie das. Sie erkannte sich ja selbst nicht wieder. Aber mal ehrlich, wer war sie denn auch schon? Wer?

Wenn sie das gewusst hätte, stünde sie wahrscheinlich auch nicht mit einem Werkzeuggürtel um die Hüften auf der Leiter.

Und jetzt, sechs Wochen später, machte sie das immer noch. Aber es fühlte sich nicht mehr so absurd an. Sie gehörte hierher, mehr als sonst wohin. Man kann sich schließlich an alles gewöhnen.

Außerdem tat es ihr gut, dass sie etwas zu tun hatte, dass sie nach dem Abendessen statt auf ihr Zimmer irgendwohin gehen konnte. Ihr tat auch gut, dass Julia nett zu ihr war. Sie machte sie mit allen anderen bekannt und nahm Carmen immer mit, wenn die Truppe nach den Proben noch irgendwo einen Cappuccino trinken ging. Und es tröstete Carmen, wie fies Julia ihre Zimmergenossin Lissa nachäffte, wenn die sich mal wieder zickig benommen hatte.

In der Theatergruppe, zu der auch etliche höhere Semester gehörten, fühlte sich Carmen wie ein Anhängsel von Julia, sozusagen ein Fan, billig in der Haltung. Viel zu oft musste sie Leute an ihren Namen erinnern. Aber trotzdem: Es war immer noch besser, irgendwas mit Julia zu unternehmen, als ein Niemand zu sein, der sich in seinem Zimmer mit Süßigkeiten vollstopfte.

Manchmal tat sie sich selbst leid. Sie fühlte sich wie der Prinz in Prinz und Bettelknabe, den man wie ein Nichts behandelte. Wisst ihr eigentlich, wer ich bin?, dachte sie. Habt ihr irgendeine Ahnung, wer meine Freundinnen sind?

Aber im Ernst: Was hätte sie geantwortet, falls man sie gefragt hätte? Die zweite Frage konnte sie gerade noch beantworten, aber nicht mal sie selbst hätte die Antwort auf die erste gewusst.

Warum kümmerst du dich eigentlich um mich?, fragte sie in Gedanken Julia nun viele Wochen später, als sie ihren Rock zum dritten Mal enger steckte und Julia ihr zum Dank kurz den Arm drückte. Auch darauf fand sie einfach keine Antwort.

Als Julia im April mit Prospekten vom Village-Sommer-Theater-Festival in Vermont zu Carmen gekommen war, war sie verwundert und natürlich dankbar gewesen.

»Das sind echte Profiproduktionen mit lauter richtig berühmten Schauspielern«, sagte Julia. »Hast du Lust? Von Mitte Juni bis Mitte August. Es ist echt schwierig, da als Schauspielerin engagiert zu werden, aber fürs Bühnenbild brauchen sie immer welche. Wär doch klasse.«

Carmen freute sich so sehr über die Einladung, dass sie allein schon aus Dankbarkeit zugesagt hätte. Danach musste sie natürlich noch ihren Eltern das Geld dafür aus der Tasche leiern.

»Seit wann interessierst du dich denn für Theater?«, hatte ihr Vater gefragt, als sie ihn anrief und um das Geld bat. Sie hatte ihn auf seinem Autotelefon auf dem Weg vom Büro nach Hause erwischt.

»Seit … ach, keine Ahnung … seit jetzt halt.«

»Na, ich glaube, du hattest immer schon einen Hang zum Drama.«

»Danke, Dad.« So etwas musste man sich eben anhören, wenn man Geld wollte.

»Ich meine das nett, Hase. Ehrlich.«

»Schon gut«, antwortete sie ziemlich verkniffen.

»Ich erinnere mich noch gut an dich als wütende Mohrrübe im Salat, in dem Theaterstück in der ersten Klasse.«

»Tomate. Aber egal, ich bin keine Schauspielerin.«

»Was machst du denn dann?«

»Ich arbeite hinter den Kulissen.«

»Hinter den Kulissen?« Er hörte sich an, als hätte sie etwas völlig Absurdes gesagt.

»Ja.« Allmählich fühlte sie sich in die Enge getrieben.

»Carmen, Süße, du warst in deinem Leben noch nie der Typ für hinter den Kulissen.«

Haha, er hielt sich ja für richtig komisch heute, dachte sie sauer.

»Na, vielleicht wird’s dann mal Zeit dafür«, antwortete sie.

Offensichtlich hatte er den Motor ausgestellt, denn plötzlich war es still.

»Hase, wenn du das wirklich gern machen möchtest, dann zahle ich dafür.«

Es war einfacher, wenn er ihr auf den Wecker ging. Wenn er so lieb war, machte sie das nachdenklich.

Wollte sie das denn wirklich machen? Sie dachte an Julia. Oder wollte sie nur das Gefühl, gebraucht zu werden?

Sie ließ sich alles noch mal durch den Kopf gehen. Bee flog in die Türkei, Tibby hatte einen Sommerkurs in New York und Lena blieb in Providence. Ihre Mutter und David zogen aus ihrer Wohnung – ihrem Zuhause – aus und richteten sich in einem großen Haus neu ein, in einer Straße, von der sie noch nie gehört hatte.

»Ja, ich will das wirklich.«

Bridget stand im Bad und suchte in dem unordentlichen Spiegelschränkchen nach einer Zahnbürste, wobei ihr klar wurde, wie lange sie schon nicht mehr zu Hause gewesen war. Dabei war das gar nicht so geplant gewesen. Irgendwie hatte eins zum anderen geführt. An Thanksgiving zum Beispiel hatte sie so lange mit Lena gequatscht, dass sie einfach dort auf dem Sofa übernachtet hatte. Die Weihnachtsferien hatte sie in New York verbracht. Erst zusammen mit Eric, anschließend mit Tibby. In den Osterferien hatte sie ihre Großmutter Greta in Alabama besucht, und im Mai war sie überhaupt nicht nach Hause gefahren.

Und jetzt, am Abend bevor sie zu einer Ausgrabungsstätte am anderen Ende der Welt fliegen würde, übernachtete sie mal wieder zu Hause.

Im Flur hatte sie eisern geradeaus geguckt, wollte gar nicht sehen, wie dringend der Teppich gesaugt werden musste. Sie würde garantiert nicht die wenige Zeit damit verplempern, das blöde Haus zu putzen.

In ihrem Zimmer kramte sie ungeduldig in ihrer großen Tasche. Sie hatte nicht mal Lust, irgendwas auszuräumen. Sie hatte Berge dreckiger Wäsche, aber die würde sie nicht hier waschen. Sie beschränkte den Kontakt auf das Allernötigste: der Boden, den ihre Füße berührten, und der Platz, auf dem ihre Tasche stand. Schon zu sitzen oder zu liegen vergrößerte die Kontaktfläche unangenehm.

Sie erinnerte sich an das Zeltlager in der siebten Klasse, als ihr Lehrer ihnen beigebracht hatte, so wenige Spuren wie möglich zu hinterlassen. »Wenn ihr in der Natur übernachtet, darf man das am nächsten Morgen nicht mehr sehen.« Genau so lebte sie zu Hause. Minimaler Kontakt. Sie aß mehr, trank mehr, lachte mehr und atmete und schlief öfter in den Häusern ihrer Freundinnen als in ihrem eigenen Zuhause.

Sie klopfte an Perrys Tür. Dann klopfte sie noch mal, sie wusste, dass er da war. Schließlich stieß sie die Tür auf. Er starrte auf seinen Monitor und hatte mächtige Kopfhörer auf dem Kopf. Deswegen hatte er sie nicht gehört.

Warum hatten ihr Vater und ihr Bruder ständig diese blöden Dinger auf dem Kopf? Im Haus war es so still wie in einer Gruft.

»Hey!«, sagte sie, ungefähr dreißig Zentimeter von seinem Ohr entfernt. Er sah verwirrt hoch und nahm die Kopfhörer ab. Solche Störungen war er nicht gewohnt.

Er spielte gerade eines von diesen Computerspielen, die er seit Beginn der Highschool spielte. Er chattete nicht einmal, er wollte nur daddeln.

»Gibt es hier irgendwo eine Zahnbürste für mich? Ich dachte, ich hätte meine eingepackt, aber ich hab sie wohl vergessen.« Sie kam sich zu Hause immer so laut und fordernd vor.

»Hä?«

»Eine Zahnbürste. Hast du eine für mich?«

Ohne nachzudenken, schüttelte er den Kopf. »Äh, nee, tut mir leid.« Damit drehte er sich wieder zum Bildschirm um.

Bridget starrte ihren Bruder an.

Aus irgendeinem Grund dachte sie an Eric und es gingen ihr ein paar Lichter bezüglich ihrer Familie auf. Ja, ihre Familie war merkwürdig. An ihren besten Tagen war sie nur exzentrisch. Sie waren nicht glücklich, sie standen sich nicht nah. Aber trotzdem. Jetzt war sie hier in Perrys Zimmer, seine eigene Schwester, seine Zwillingsschwester, verdammt noch mal, die er fast ein Jahr nicht gesehen hatte.

Sie schob einen Stapel Computerzeitschriften aus dem Weg und setzte sich auf seinen Schreibtisch. Jawohl, sie würde mit ihrem Bruder reden. Sie hatten seit Weihnachten keine drei Worte miteinander gewechselt, von einer Unterhaltung ganz zu schweigen. Aus lauter schlechtem Gewissen würde sie ihn quälen.

»Wie läuft’s denn so an der Uni?«

Perry fummelte an etwas auf der Rückseite des Monitors herum.

»Was machst du denn dieses Semester? Gehst du zu dieser Biologievorlesung?«

Er fummelte weiter und sah sie kurz sehnsüchtig an.

»Hey, Perry?«

»Äh, ja, ’tschuldigung.« Endlich ließ er von dem Bildschirm ab. »Eigentlich hab ich dieses Semester ausgesetzt«, sagte er zu seiner Armlehne.

»Wie bitte?«

»Ja, ich bin nicht hingegangen.«

»Aber warum denn nicht?«

Sein Blick war leer. Fragen zu beantworten, war er nicht gewohnt, ganz zu schweigen davon, über sein Leben oder seine Entscheidungen zu sprechen.

»Was hat Dad dazu gesagt?«, fragte sie.

»Dad?«

»Ja.«

»Wir haben nicht richtig drüber geredet.«