Eine Geschichte von Liebe und Feuer - Victoria Hislop - E-Book
Beschreibung

Sie kämpfen ums Überleben – und um die Erfüllung ihrer Liebe

Thessaloniki 2007: Der junge, in England aufgewachsene Mitsos erfährt zum ersten Mal etwas über die Vergangenheit seiner Großeltern. Das Leben von Katerina und Dimitri ist untrennbar mit der wechselhaften Geschichte ihrer Heimatstadt verbunden – nur dank ihrer Liebe verloren sie nie die Hoffnung. Mitsos erkennt, dass hier auch seine Wurzeln liegen, und er spürt, dass er eine Entscheidung für sein Leben treffen muss.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:574


Eine Geschichte

von Liebe

und Feuer

ROMAN

Aus dem Englischen von Angelika Felenda

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel The Thread bei Headline Review, an imprint of Headline Publishing Group, London

Copyright © 2011 by Victoria Hislop

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion | Angelika Lieke

Umschlaggestaltung | t.mutzenbach design, München nach einer Originalgestaltung von © cabinlondon.co.uk

Umschlagmotiv | © Corbis/Alinari Archives und shutterstock

Satz | Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-08952-8

www.diana-verlag.de

Für Thomas Vogiatzis, meinen Freund und daskalos

Diese Geschichte handelt von Thessaloniki, Griechenlands zweitgrößter Stadt. Im Jahr 1917 bestand die Bevölkerung zu ungefähr gleichen Anteilen aus Christen, Muslimen und Juden. Nach drei Jahrzehnten waren nur noch Christen übrig.

Es ist auch die Geschichte zweier Menschen, die während der turbulentesten Phase in Thessaloniki lebten, als die Stadt nach einer Reihe politischer und menschlicher Katastrophen fast völlig zerstört wurde.

Die Figuren und viele der Straßen und Plätze sind fiktiv, aber die historischen Ereignisse haben sich genau so zugetragen. Griechenland trägt bis heute an diesem Erbe.

Griechenland & Kleinasien

1. Thessaloniki 8. Ioannina

2. Athen 9. Berg Grammos

3. Piräus 10. Insel Lesbos

4. Volos 11. Insel Makronisos

5. Trikala 12. Insel Giaros

6. Larissa 13. Konstantinopel (Istanbul)

7. Veria 14. Smyrna (Izmir)

Thessaloniki

1. Irinistraße 5. Synagoge

2. Filipposstraße 6. Komninos’Wohnhaus

3. Sokratesstraße 7. Komninos’ Lagerhaus

4. Komninos’ Geschäft

Meine Liebe, ich möchte, dass du dir vorstellst, du wärst wieder ein Kind. Das fällt dir hoffentlich nicht schwer, aber du musst den kindlichen Stil auch richtig hinbekommen. Ich möchte, dass du ein Bild stickst, auf dem in großen Buchstaben Kalimera steht – du kennst doch diese Bilder mit einer aufgehenden Sonne, einem Vogel oder einem Schmetterling darauf. Und dann ein zweites mit Kalispera.«

»Mit Mond und Sternen?«

»Ja, genau. Aber sie sollen nicht aussehen, als hätte sie ein ungeschicktes Kind gemacht«, sagte sie lächelnd. »Ich muss schließlich damit leben, wenn sie bei mir an der Wand hängen!«

Katerina hatte vor vielen Jahren unter Anleitung ihrer Mutter ganz ähnliche Bilder gestickt, und die Erinnerung daran kehrte schlagartig zurück.

Ihr Kalimera war mit großen, schwungvollen Stichen und einem leuchtend gelben und ihr Kalispera mit einem mitternachtsblauen Faden gearbeitet. Sie genoss die Einfachheit der Aufgabe und lächelte über das Resultat. Niemand würde verdächtig finden, was in jedem griechischen Haushalt an der Wand hing. Selbst wenn man das Bild aus dem Rahmen nähme, blieben die kostbaren Seiten, die sie verstecken mussten, von der Rückwand aus brauner Pappe verborgen. Es war allgemein üblich, die unordentliche Rückseite einer Stickerei zu verdecken.

Obwohl sich ein Dutzend Leute in dem kleinen Haus befanden, herrschte eine unheimliche Stille. Sie arbeiteten konzentriert und unter höchstem Zeitdruck. Sie retteten die Schätze aus ihrer Vergangenheit.

Prolog

Mai 2007

Es war halb acht Uhr morgens. Nie war es ruhiger in der Stadt als um diese Stunde. Über der Bucht hing ein silbriger Dunst, und das trübe Wasser plätscherte leise gegen die Kaimauern. Der Himmel war fahl und die Luft mit Salz erfüllt. Für manch einen ging eine durchzechte Nacht zu Ende, für andere begann ein neuer Arbeitstag. Ungepflegt wirkende Studenten tranken den letzten Kaffee und rauchten Zigaretten neben ordentlich gekleideten älteren Paaren, die ihren Morgenspaziergang unternahmen.

Als sich der Dunst langsam lichtete, kam in der Ferne über dem Thermaischen Golf der Olymp zum Vorschein, und Meer und Himmel warfen ihre bleiche Hülle ab. Wie Riesenhaie, die sich dunkel vor dem Blau abzeichneten, lagen Tanker vor der Küste, und weiter draußen fuhren ein paar kleinere Schiffe über den Horizont.

Über die marmorgepflasterte Promenade entlang der großen Bucht bewegte sich ein konstanter Menschenstrom: Damen mit ihren Hündchen, Jugendliche, Jogger, Rollerblader, Fahrradfahrer und Mütter mit Kinderwagen. Zwischen der Promenade und den Reihen von Cafés schoben sich Autos im Kriechtempo in die Innenstadt, deren Fahrer, halb hinter Sonnenblenden verborgen, stumm die Lippen zu den neuesten Hits aus dem Radio bewegten.

Mit gemächlichen Schritten nach einer durchtanzten, feuchtfröhlichen Nacht ging ein schlanker, junger Mann in teuren, ausgefransten Jeans am Uferweg entlang. Bartstoppeln standen in seinem gebräunten Gesicht, doch seine schokoladenbraunen Augen wirkten frisch und hellwach, und er summte im Gehen leise vor sich hin. Sein entspannter Gang zeugte von einem Menschen, der mit sich und der Welt zufrieden war.

Auf der anderen Straßenseite, in dem schmalen Bereich zwischen Bistrotischen und Bordsteinkante, ging ein älteres Ehepaar zu seinem Stammcafé. Der Mann gab mit vorsichtigen Schritten das Tempo vor und stützte sich dabei schwer auf seinen Stock. Beide waren vielleicht um die neunzig, nicht größer als eins fünfundsechzig und sorgfältig gekleidet. Er in einem frisch gebügelten, kurzärmeligen Hemd und hellen Hosen, sie in einem einfachen geblümten Baumwollkleid mit Gürtel um die Taille, die Art von Kleid, die sie wahrscheinlich schon seit fünfzig Jahren trug.

Alle Kaffeehausstühle entlang der Promenade waren zum Meer hin ausgerichtet, damit die Gäste das quirlige Treiben von Menschen und Fahrzeugen und auch die Schiffe beobachten konnten, die geräuschlos in den Hafen hinein- und wieder hinausglitten.

Dimitri und Katerina Komninos wurden vom Besitzer des Assos-Cafés begrüßt und wechselten ein paar Worte über den Generalstreik mit ihm. Da ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung an diesem Tag freihatte, würde das Café mehr Umsatz machen, also gab es keinen Grund zur Klage für den Wirt. Arbeitskämpfe waren in dieser Stadt ohnehin nichts Besonderes.

Sie mussten nicht ausdrücklich bestellen, denn sie tranken ihren Kaffee immer auf dieselbe Weise – stark und süß – und teilten sich dazu ein kadayif, ein köstliches Gebäck, das wegen der dünnen Teigfäden auch Engelshaar genannt wurde.

Der alte Mann hatte sich gerade in die Lektüre der neuesten Nachrichten vertieft, als seine Frau aufgeregt seinen Arm tätschelte.

»Schau – schau, agapi mou! Da ist Dimitri!«

»Wo denn, meine Süße?«

»Mitsos! Mitsos!«, rief sie und benutzte die Verkleinerungsform des Namens, den ihr Mann und ihr Enkel trugen, aber der junge Mann konnte nichts hören im Lärm der hupenden Autos, die gerade mit aufheulendem Motor an der Ampel lospreschten.

Als Mitsos aus seiner Tagträumerei aufblickte, entdeckte er seine heftig winkende Großmutter und schlängelte sich lässig durch den Verkehr.

»Yiayia!«, sagte er und schloss sie in die Arme, dann ergriff er die ausgestreckte Hand seines Großvaters und küsste ihn auf die Stirn. »Wie geht’s euch? Was für eine schöne Überraschung … ich wollte euch heute besuchen.«

Seine Großmutter strahlte übers ganze Gesicht. Sie und ihr Mann vergötterten ihren Enkel, und der genoss ihre Zuneigung.

»Komm, wir bestellen was für dich!«, sagte seine Großmutter aufgeregt.

»Nein danke. Wirklich nicht. Ich möchte nichts.«

»Aber irgendwas möchtest du doch sicher – einen Kaffee, Eiscreme …«

»Katerina, ich bin sicher, er möchte keine Eiscreme!«

Der Kellner tauchte wieder auf.

»Ich möchte bloß ein Glas Wasser bitte.«

»Ist das alles? Bist du sicher?«, fragte seine Großmutter. »Wie wär’s mit Frühstück?«

Der Kellner war schon wieder fort. Der alte Mann beugte sich vor und berührte den Arm seines Enkels.

»Also wieder keine Vorlesungen heute?«, fragte er.

»Nein, leider«, antwortete Mitsos. »Inzwischen bin ich daran gewöhnt.«

Der junge Mann besuchte einen Master-Lehrgang an der Universität von Thessaloniki, aber da sich auch die Dozenten gemeinsam mit allen Beamten des Landes im Streik befanden, hatte er frei. Nach einer langen Nacht in den Bars auf der Proxenou Koromila war er jetzt auf dem Heimweg, um sich schlafen zu legen.

Er war in London aufgewachsen, hatte aber jeden Sommer bei seinen Großeltern in Griechenland verbracht und von seinem fünften Lebensjahr an jeden Samstag eine griechische Schule besucht. Sein Jahr an der Universität war nun fast vorbei, und wegen der Streiks waren oft Vorlesungen ausgefallen, aber die Landessprache beherrschte er inzwischen absolut fließend.

Obwohl ihn seine Großeltern bedrängt hatten, bei ihnen zu wohnen, lebte Mitsos im Studentenheim, aber er besuchte sie regelmäßig an den Wochenenden, und sie erdrückten ihn fast mit ihrer Liebe, wie es bei griechischen Großeltern üblich ist.

»Dieses Jahr hat es so viele Streiks gegeben wie noch nie«, sagte sein Großvater. »Aber wir müssen uns damit abfinden, Mitsos. Und hoffen, dass es besser wird.«

Neben den Lehrern und Ärzten befanden sich auch die Müllmänner im Streik, dazu fuhren wie gewöhnlich auch keine öffentlichen Transportmittel. Und für die Schlaglöcher in den Straßen und die rissigen Gehsteige fühlte sich auch niemand zuständig. Selbst in den besten Zeiten war das Leben hier schwer für die zwei alten Leute, und Mitsos wurde sich plötzlich ihrer Gebrechlichkeit bewusst, als er einen Blick auf den von Narben entstellten Arm seiner Großmutter und die arthritischen Finger seines Großvaters warf.

Im gleichen Moment bemerkte er einen Mann, der über den Gehsteig auf sie zukam und mit einem weißen Stock den Weg vor sich abtastete. Er hatte einen wahren Hindernisparcours zu bewältigen: rücksichtslos abgestellte Autos, die das halbe Trottoir versperrten, dazu verschiedene Straßenpoller und Kaffeehaustische, denen er ausweichen musste. Mitsos sprang auf, als er den Mann zögern und schließlich verwirrt vor einem mitten auf dem Gehsteig platzierten Reklameschild anhalten sah.

»Darf ich Ihnen helfen?«, fragte er. »Wohin möchten Sie denn?«

Er blickte in ein Gesicht, das jünger war als sein eigenes, und in milchige, blinde Augen. Die Haut war auffallend blass, und über einem Augenlid verlief eine gezackte, schlecht genähte Narbe.

Der blinde Mann lächelte in Mitsos’ Richtung.

»Danke, aber ich komme schon zurecht«, antwortete er. »Ich gehe diesen Weg jeden Tag. Allerdings gibt es immer wieder unliebsame Überraschungen …«

Autos donnerten auf der kurzen Strecke bis zur nächsten Ampel vorbei, und in dem Lärm gingen Mitsos’ Worte fast unter.

»Darf ich Ihnen wenigstens auf die andere Seite helfen?«

Er nahm den Arm des jungen Mannes, und sie überquerten gemeinsam die Straße, obwohl Mitsos das Selbstvertrauen und die Entschlossenheit des Blinden spürte und es ihn deshalb fast ein wenig verlegen machte, ihm behilflich zu sein.

Als sie auf den gegenüberliegenden Gehsteig traten, lockerte er seinen Griff am Arm des Mannes. Ihre Blicke schienen sich zu treffen.

»Vielen Dank.«

Mitsos erkannte, dass nun eine neue Gefahr für den Blinden drohte. Ganz in der Nähe befand sich eine Böschung, die steil zum Meer abfiel.

»Sie wissen, dass Sie ganz dicht am Wasser sind?«

»Natürlich weiß ich das. Wie gesagt, ich gehe diesen Weg jeden Tag.«

Die anderen Spaziergänger, die nur mit sich selbst beschäftigt waren oder ausschließlich die hämmernde Musik ihrer MP3-Player wahrnahmen, bemerkten nichts von der Verletzlichkeit des Mannes. Seinen weißen Stock registrierten sie erst, wenn es schon fast zum Zusammenstoß gekommen war.

»Wäre es nicht sicherer, einen weniger überfüllten Weg zu nehmen?«, fragte Mitsos.

»Ja, schon, aber dann würde ich das alles hier verpassen …«

Er zeigte mit einer ausladenden Geste auf die Bucht, die sich in weitem Halbrund vor ihnen erstreckte, und deutete dann geradeaus auf die schneebedeckten Berge, die sich in etwa hundert Kilometern Entfernung jenseits des Meeres erhoben.

»Der Olymp. Die ständig sich verändernde See. Die Tanker. Die Fischerboote. Ich weiß, Sie denken, ich kann das alles nicht sehen, aber früher einmal konnte ich es. Ich weiß, dass sie da sind, ich sehe sie vor meinem inneren Auge, und das wird immer so sein. Außerdem sehe ich nicht das Gleiche wie Sie. Schließen Sie doch mal die Augen.«

Der junge Mann nahm Mitsos’ Hand und hielt sie fest. Mitsos war überrascht von der marmornen Kühle seiner Finger und dankbar für den körperlichen Kontakt. Plötzlich spürte er, wie es wäre, als einsamer, verletzlicher Mensch auf der geschäftigen Esplanade zu stehen.

Und in dem Moment, als er nichts mehr sah, schärften sich seine Sinne. Laute Geräusche verstärkten sich zu ohrenbetäubendem Dröhnen, und die stechende Sonne auf seinem Kopf machte ihn schwindelig.

»Bleiben Sie so«, bat ihn der blinde Mann, als er Mitsos’ Hand kurz losließ. »Bloß ein paar Minuten.«

»Ja, aber es ist beängstigend, wie intensiv alles ist. Ich versuche, mich daran zu gewöhnen. Aber ich fühle mich plötzlich wie ausgesetzt auf dieser belebten Straße.«

Ohne die Augen zu öffnen, konnte Mitsos allein aus dem Tonfall seines Gegenübers schließen, dass er lächelte.

»Nur noch einen Moment. Dann werden Sie noch viel mehr spüren …«

Er hatte recht.

Der Geruch des Meeres, die Feuchtigkeit der Luft auf seiner Haut, der rhythmische Schlag der Wellen gegen die Ufermauer, alles wirkte mit einem Mal viel intensiver.

»Und dann stellen Sie fest, dass es jeden Tag anders ist. Wirklich jeden Tag. Im Sommer ist die Luft so still und das Wasser so glatt wie Öl. Und ich weiß, dass die Berge im Dunst verschwinden. Die Hitze wird von den Steinen reflektiert, und ich spüre sie durch die Sohlen meiner Schuhe.«

Beide Männer standen da, die Gesichter zum Meer gerichtet. »Ich spüre Menschen um mich«, fuhr der Blinde fort. »Nicht bloß Leute wie Sie, die hier und jetzt leben, sondern auch solche aus vergangenen Zeiten. Dieser Ort ist angefüllt mit seiner Geschichte, er wimmelt von Menschen – und die sind genauso real wie Sie. Ich sehe gleichzeitig die Vergangenheit und die Gegenwart. Verstehen Sie das? Ergibt das einen Sinn?«

»Ja, das tut es, sicher.«

Mitsos wollte sich nicht einfach abwenden und weggehen, obwohl der junge Mann es vielleicht gar nicht mitbekommen hätte. In diesen wenigen Minuten waren seine Sinne wachgerüttelt worden. Im Philosophieunterricht hatte er gelernt, dass nicht nur die sichtbaren Dinge eine Realität haben, aber dies war eine ganz neue Erfahrung zu dem Thema.

»Ich heiße Pavlos«, sagte der blinde Mann.

»Und ich Dimitri – oder Mitsos.«

»Ich liebe diesen Ort«, sagte Pavlos. Man hörte seiner Stimme an, dass die Worte von Herzen kamen. »Vermutlich gibt es Plätze, an denen das Leben für einen Blinden leichter wäre, aber ich möchte nirgendwo anders sein.«

»Ja, das kann ich gut verstehen. Es ist wirklich eine wunderschöne Stadt«, stimmte Mitsos ihm zu. »Hören Sie … ich muss jetzt wieder zu meinen Großeltern zurück. Aber es war schön, Sie kennengelernt zu haben.«

»Ich freue mich auch, dass wir uns begegnet sind. Und danke, dass Sie mir geholfen haben.«

Pavlos wandte sich ab und klopfte beim Gehen wieder mit seinem dünnen weißen Stock aufs Pflaster. Mitsos sah ihm eine Weile nach. Er war sicher, dass der blinde Mann die Wärme seines Blicks im Rücken spürte. Das hoffte er zumindest und unterdrückte den spontanen Wunsch, ihm nachzueilen, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten und sich noch ein wenig mit ihm zu unterhalten. Vielleicht ein anderes Mal …

Ich liebe diesen Ort – diese Worte hallten in ihm nach.

Sichtlich bewegt von der Begegnung, kehrte Mitsos zu dem Kaffeehaustisch zurück.

»Es war nett von dir, dem jungen Mann zu helfen«, sagte sein Großvater. »Wir sehen ihn oft, wenn wir draußen sind, und schon ein paarmal wäre ihm beinahe etwas passiert auf dieser Straße. Die Leute sind einfach furchtbar rücksichtslos.«

»Alles in Ordnung, Mitsos?«, fragte seine Großmutter. »Du wirkst ein bisschen still.«

»Mir geht’s gut. Ich denke bloß über etwas nach, was er gesagt hat …«, antwortete er. »Er liebt diese Stadt so sehr, obwohl es doch ziemlich schwer hier für ihn sein muss.«

»Das können wir nachfühlen, nicht wahr, Katerina?«, erwiderte sein Großvater. »Diese verrotteten Gehsteige sind schwierig für uns, und keiner unternimmt was dagegen, trotz der Wahlversprechen.«

»Warum bleibt ihr dann?«, fragte Mitsos. »Ihr wisst doch, wie sehr Mum und Dad sich wünschen, dass ihr nach London kommt und bei uns lebt. Das Leben dort wäre so viel leichter für euch.«

Das alte Ehepaar hatte sowohl Einladungen vom Sohn, der im grünen Highgate wohnte, als auch von der Tochter, die in den Staaten in einem reichen Bostoner Vorort lebte, aber irgendetwas hielt die beiden ab, sich für ein bequemeres Leben zu entscheiden. Mitsos hatte seine Eltern oft darüber sprechen hören.

Katerina warf einen kurzen Blick auf ihren Mann.

»Selbst wenn man uns so viele Diamanten schenkte, wie Tropfen in diesem Meer sind, gibt es nichts, was uns dazu brächte, von hier wegzugehen!«, sagte sie und ergriff die Hand ihres Enkels. »Wir werden in Thessaloniki bleiben, bis wir sterben.«

Der junge Mann fühlte sich völlig überrumpelt von der Wucht dieser Worte. Katerinas Augen blitzten kurz auf, dann füllten sie sich mit Tränen. Eine Weile saßen sie schweigend da, und Mitsos sah seine Großmutter verwundert an. Nie hätte er einen solchen Ausbruch bei ihr für möglich gehalten, nie hatte er etwas anderes in ihr gesehen als eine freundliche alte Frau von sanfter Wesensart, die wie die meisten griechischen Frauen ihres Alters ihrem Ehemann das Wort überließ.

Schließlich brach sein Großvater das Schweigen.

»Wir haben unsere Kinder ermutigt, für ihre Ausbildung ins Ausland zu gehen«, sagte er. »Damals war das die richtige Entscheidung, aber wir hofften natürlich, sie würden irgendwann zurückkommen. Stattdessen sind sie für immer fortgeblieben.«

»Ich wusste nicht …«, sagte Mitsos und drückte die Hand seiner Großmutter. »Ich wusste nicht, wie es für euch gewesen ist. Dad hat einmal erwähnt, weshalb ihr ihn und Tante Olga weggeschickt habt, aber ich kenne die ganze Geschichte nicht. Hatte es mit dem Bürgerkrieg zu tun?«

»Ja, zum Teil«, sagte sein Großvater. »Vielleicht ist es an der Zeit, dir mehr zu erzählen. Das heißt, wenn es dich überhaupt interessiert …?«

»Natürlich interessiert es mich!«, erwiderte Mitsos. »Ich weiß doch so gut wie nichts über den Hintergrund meines Vaters, und wann immer ich nachfrage, bekomme ich nur ausweichende Antworten. Dabei bin ich jetzt doch wohl alt genug für die Wahrheit, oder?«

Seine Großeltern sahen sich an.

»Was meinst du, Katerina?«, fragte der alte Mann.

»Ich finde, er sollte uns helfen, das Gemüse heimzutragen, damit ich ihm seine geliebten gemista zum Mittagessen zubereiten kann«, sagte Katerina fröhlich. »Wie wär’s damit, Mitsos?«

Sie gingen durch eine Gasse, die vom Meer wegführte, und nahmen dann eine Abkürzung durch die Altstadt zum Kapani-Markt.

»Vorsicht, yiayia«, sagte Mitsos, als sie an die Stände traten, wo verfaulte Obstreste und Gemüseabfälle am Boden lagen.

Sie kauften glänzend rote Paprika, Tomaten, rund wie Tennisbälle, feste weiße Zwiebeln und dunkelviolette Auberginen. Oben auf die Einkaufstüte legte der Händler einen Bund Koriander, dessen Duft die ganze Straße zu erfüllen schien. All diese Zutaten sahen so verlockend aus, dass man sie auf der Stelle hätte roh verspeisen können, aber seine Großmutter würde daraus das wohlschmeckende Gericht zubereiten, das er so sehr liebte. Sein Magen begann zu knurren.

An den Ständen, wo Fleisch verkauft wurde, war der Boden glitschig vom Blut, das von den Hackblöcken tropfte. Sie wurden von ihrem Metzger wie Familienangehörige begrüßt, und Katerina bekam einen der Schafsköpfe, die sie aus einer Wanne anstarrten.

»Warum kaufst du den, yiayia?«

»Für die Brühe«, antwortete sie. »Und ein Kilo Kutteln, bitte.«

Später würde sie patsas machen, eine kräftige Suppe. Für ein paar Euro konnte sie alle tagelang satt bekommen. Bei ihr wurde nichts vergeudet.

»Das ist ein sicheres Mittel gegen den Kater, Mitsos!«, sagte Dimitri und zwinkerte seinem Enkel zu. »Deine Großmutter hat nur dein Bestes im Sinn!«

Nach einem zehnminütigen Weg durch die heruntergekommenen Straßen des alten Thessaloniki kamen sie zum Haus der Großeltern. An der Ecke, kurz vor dem Eingang, machten sie am Kiosk halt, um Dimitris besten Freund zu begrüßen. Die beiden Männer kannten sich seit mehr als siebzig Jahren, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht hitzig über die neuesten Nachrichten diskutierten. Da er von morgens bis abends in seinem Kiosk saß, wusste Lefteris über die Politik in der Stadt besser Bescheid als die allermeisten Bewohner Thessalonikis.

Das Wohnhaus war ein hässlicher, vierstöckiger Block aus den Fünfzigerjahren. Der gelb gestrichene Eingangsbereich wirkte zwar einigermaßen freundlich, aber der helle, wie ein Hühnerei gesprenkelte Steinboden war gerade mit einem stark riechenden Desinfektionsmittel gereinigt worden, sodass Mitsos den Atem anhielt, als sie langsam die Treppen zur Tür seiner Großeltern hinaufstiegen.

Im Treppenhaus war es geradezu blendend hell, verglichen mit dem Innern der Wohnung. Wann immer die beiden ausgingen, wurden die Fensterläden fest geschlossen und erst nach ihrer Rückkehr wieder von Katerina geöffnet, um frische Luft einzulassen. Doch die Stores vor den Fenstern ließen kaum mehr Licht herein. Es war immer dämmrig hier drinnen, aber Katerina und Dimitri mochten es so. Mitsos stellte die Einkaufstüte auf den Küchentisch, die seine Großmutter schnell auspackte, bevor sie mit dem Schnippeln und Schneiden begann. Ihr Enkel beobachtete sie dabei und war fasziniert, wie ordentlich und gleichmäßig die kleinen Zwiebel- und Auberginenstücke geschnitten waren. Da Katerina diese Arbeit wohl schon einige Tausend Mal gemacht hatte, arbeitete sie so akkurat wie eine Maschine. Nicht das kleinste Zwiebelstückchen fiel dabei vom Brett auf das geblümte Plastiktischtuch, und so landete alles schließlich ohne den geringsten Verlust in der Bratpfanne, aus der duftender Rauch aufstieg, als das Öl hinzugegeben wurde. Beim Kochen verfügte Katerina über die Geschicklichkeit einer jungen Frau und bewegte sich leichtfüßig wie eine Tänzerin durch die Küche. Rastlos eilte sie zwischen dem alten, ratternden Kühlschrank und ihrem Elektroherd hin und her, dessen klemmende Backofentür kräftig zugeschlagen werden musste.

Mitsos war einen Moment lang ganz in seine Beobachtung versunken, und als er aufblickte, stand sein Großvater in der Tür.

»Bist du bald fertig, meine Süße?«

»Noch fünf Minuten, dann ist alles im Ofen«, antwortete Katerina. »Der Junge braucht jetzt was im Magen!«

»Natürlich braucht er das. Komm, Mitsos, lass deine Großmutter einen Moment allein.«

Der junge Mann folgte seinem Großvater in das abgedunkelte Wohnzimmer und setzte sich in einen Polstersessel. Über jedem Sessel lag ein bestickter Schonbezug, und weiße Häkeldeckchen zierten Tisch und Kommode. Vor dem elektrischen Kamin stand ein kleiner Wandschirm mit einer aufgestickten Blumenvase. Schon so oft hatte Mitsos seiner Großmutter beim Handarbeiten zugesehen, und er wusste, dass jedes Stück von ihr selbst angefertigt worden war. Es war still im Zimmer, das einzige Geräusch kam vom leisen, rhythmischen Ticken der Uhr.

Auf dem Regal hinter seinem Großvater standen Fotografien aufgereiht. Die meisten zeigten ihn selbst oder seine Cousins in Amerika, aber es gab auch Hochzeitsfotos – von seinen Eltern und Verwandten. Und ein weiteres gerahmtes Foto, ein sehr formelles Porträt seiner Großeltern. Es ließ sich schwer schätzen, wie alt sie waren, als es aufgenommen wurde.

»Wir müssen auf deine Großmutter warten, bevor wir anfangen«, sagte Dimitri.

»Ja, sicher. Schließlich würde yiayia lieber auf einen Sack Diamanten verzichten, als diese Stadt hier zu verlassen. Der Gedanke, jemals von hier wegzugehen, hat sie ja geradezu wütend gemacht. Dabei wollte ich ihr gar nicht zu nahetreten.«

»Das bist du auch nicht«, antwortete sein Großvater. »Ihre Gefühle sind bloß sehr stark, das ist alles.«

Bald darauf kam Katerina, vom Duft des köchelnden Gemüses umgeben, in den Raum. Sie nahm ihre Schürze ab, setzte sich aufs Sofa und lächelte ihre beiden Dimitris an.

»Ihr habt auf mich gewartet, nicht?«

»Natürlich«, antwortete ihr Ehemann liebevoll. »Es ist genauso deine wie meine Geschichte.«

Und im dämmrigen Licht der Wohnung, das sie sanft einzuhüllen schien, fingen sie an zu erzählen.

1

Mai 1917

Durch einen blassen, zarten Dunst schimmerte das Meer Auf dem Festland ging die lebendigste und weltoffenste Stadt Griechenlands ihren Geschäften nach. Thessaloniki war ein Ort von eindrucksvoller kultureller Vielfalt, in dem Christen, Muslime und Juden friedlich zusammenlebten und sich gegenseitig ergänzten wie ineinander verwobene Fäden eines orientalischen Teppichs. Seit fünf Jahren gehörte Thessaloniki nicht mehr zum Osmanischen Reich, sondern war ein Teil Griechenlands geworden, aber es blieb eine Stadt der Vielgestaltigkeit und Toleranz.

Die Farben und Kontraste dieses Völkergemischs spiegelten sich in der breiten Palette der Kleidungsformen. Man sah Männer mit Fez, Filzhut und Turban, jüdische Frauen in traditionellen pelzgefütterten Jacken und muslimische Männer in langen Gewändern. Es gab wohlhabende griechische Damen in Schneiderkostümen mit einem Anflug von Pariser Chic, die sich stark von den Bäuerinnen in bestickten Schürzen und Kopftüchern aus der ländlichen Umgebung abhoben. Die obere Stadt wurde eher von Muslimen bewohnt, die am Meer gelegenen Viertel von Juden und der Stadtrand von Griechen, aber es gab keine scharfen Trennlinien, und in jedem Viertel mischten sich Angehörige aller drei Kulturen.

Thessaloniki erhob sich über einer großen halbkreisförmigen Bucht und wirkte wie ein riesiges Amphitheater. Hoch oben auf dem Hügel, an dem Punkt, der am weitesten vom Meer entfernt lag, markierte ein antiker Wall die Grenze der Stadt. Blickte man von dort hinab, stachen die religiösen Landmarken ins Auge: Dutzende von Minaretten reckten sich in den Himmel, und die farbigen Kuppeln von Kirchen und Synagogen sprenkelten das Häusermeer, das sich in weitem Rund zum Golf hinab erstreckte. Zwischen all den Bauten der drei Religionsgemeinschaften gab es Überreste aus römischer Zeit: Triumphbögen, Teile antiker Mauern und gelegentlich freie Stellen, an denen wie Wächter antike Säulen aufragten.

Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte war die Stadt modernisiert worden, und breite Boulevards bildeten nun einen starken Gegensatz zu den alten verwinkelten Gassen, die sich wie die Schlangen auf dem Haupt der Medusa in die Oberstadt hinaufschlängelten. Ein paar große Kaufhäuser hatten eröffnet, aber der Hauptteil des Handels lag noch immer in Händen Tausender kleiner, von Familien geführten Läden, die, in engen Gassen eingezwängt, miteinander um Kundschaft wetteiferten. Neben Hunderten von Kafenions gab es Cafés im europäischen Stil, wo Wiener Bier ausgeschenkt wurde, und Klubs, in denen man über Literatur und Philosophie diskutierte.

Da sich die Bevölkerung auf begrenztem Raum zusammendrängte, herrschte ein ständiger Lärm. Die Rufe von Eis-, Milch-, Obst- und Joghurtverkäufern hallten durch die Gassen, jeder anders und typisch für sein Gewerbe, aber gemeinsam ergaben sie einen wohlklingenden Akkord.

Tag und Nacht gab es kein Innehalten in dieser immerwährenden Musik. Viele Sprachen konnte man hören in den Straßen, nicht nur Griechisch, Türkisch und Ladino, die Sprache der sephardischen Juden, sondern genauso oft Französisch, Armenisch und Bulgarisch. Dazu das Rattern der von Pferden gezogenen Straßenbahn, die durchdringenden Rufe der Muezzins, das Rasseln der Ankerketten, wenn ein Schiff im Hafen anlegte, und die rauen Stimmen der Schauermänner, die neben Waren für den täglichen Bedarf auch Luxusgüter entluden – all dies vereinte sich zur endlosen Melodie der Stadt.

Die Gerüche der Stadt waren zuweilen nicht ganz so süß wie ihre Klänge. Ein stechender Ammoniakgestank stieg von den Färbereien auf, und aus den ärmeren Gegenden flossen immer noch Abwässer und verfaulter Unrat in den Hafen hinab. Und wenn die Frauen den Fang der vergangenen Nacht ausnahmen, überließen sie die dampfenden, stinkenden Innereien den Katzen zum Fraß.

Im Zentrum befand sich der Blumenmarkt, und zarter Blütenduft erfüllte selbst dann noch die Luft, wenn die Händler längst eingepackt hatten und nach Hause gegangen waren. Und in den langen Alleen spendeten blühende Orangenbäume nicht nur Schatten, sondern verströmten ihren betörenden Wohlgeruch. Bei vielen Häusern rankte sich Jasmin um die Türen, und seine Blütenblätter bedeckten die Straßen wie Schnee. Zu allen Tageszeiten erfüllten Küchendüfte die Luft und vermengten sich mit dem Aroma von geröstetem Kaffee, der in den Gassen auf kleinen Öfen zubereitet wurde. Auf den Märkten wurden, zu Pyramiden gehäuft, leuchtend bunte Gewürzpulver feilgeboten, und über den Wasserpfeifen, die Gäste vor den Cafés rauchten, kräuselten sich aromatische Wölkchen.

Thessaloniki war im Moment der Sitz einer provisorischen Regierung unter Leitung des früheren Premierministers Eleftherios Venizelos. Doch eine tiefe Kluft zwischen den Anhängern des pro-deutschen Monarchen Konstantin und den Unterstützern des Liberalen Venizelos spaltete das Land. Da Letzterer den Norden Griechenlands kontrollierte, lagen alliierte Truppen vor der Stadt, um gegen Bulgarien vorzugehen, falls es nötig erscheinen sollte. Doch trotz dieses entfernten Donnergrollens blieb das Leben der meisten Einwohner vom Weltkrieg unberührt. Für einige bot er sogar die Chance, weiteren Reichtum anzuhäufen.

Zu dieser Gruppe gehörte Konstantinos Komninos, der an diesem wundervollen Morgen in seiner üblich hoheitsvollen Art durch die Hafenanlagen schritt. Er war hergekommen, um sich nach der Ankunft einer Tuchladung zu erkundigen, und Träger, Bettler und Jungen mit Handkarren wichen zur Seite, als er direkt auf den Ausgang zusteuerte. Er war nicht gerade bekannt für seine Duldsamkeit gegenüber Leuten, die ihm im Weg standen.

Seine Schuhe waren staubig, zudem klebte ein Klumpen frischer Mauleseldung an seinem Absatz, und als Komninos bei seinem üblichen Schuhputzer vor dem Zollgebäude haltmachte, hatte der Mann mindestens zehn Minuten zu tun.

Er war gut über siebzig, seine Haut so dunkel und ledern wie das Schuhwerk, das er putzte, und kümmerte sich schon seit dreißig Jahren um Konstantinos Komninos’ Schuhe. Sie nickten sich gegenseitig zu, aber keiner sagte ein Wort. Das war typisch für Komninos. Alltägliche Verrichtungen wurden bei ihm wortlos erledigt. Der alte Mann reinigte das Leder, trug Creme auf, arbeitete sie ein und bürstete die teuren Halbschuhe schließlich mit weit ausholenden Bewegungen beider Arme, als dirigierte er ein Orchester.

Noch bevor die Arbeit beendet war, hörte er das Klimpern einer Münze in seiner Schale. Es war immer derselbe Betrag, nie mehr und nie weniger.

Wie jeden Tag trug Konstantinos Komninos einen dunklen Anzug und legte trotz der zunehmenden Hitze das Jackett nicht ab. Solche Gewohnheiten waren Ausdruck seines sozialen Standes. In Hemdsärmeln seinen Geschäften nachzugehen war genauso undenkbar wie vor einer Schlacht die Rüstung abzulegen. Was korrekte Kleidung anging, kannte er sich aus, denn dieses Wissen hatte ihn reich gemacht. Anzüge verliehen einem Mann Status und Würde, und gut geschnittene Kleider im europäischen Stil einer Frau Eleganz und Chic.

Flüchtig erhaschte der Tuchhändler einen Blick auf sein Spiegelbild im Schaufenster eines der neuen Kaufhäuser, und der schattenhafte Eindruck genügte, um ihn daran zu erinnern, dass ein Friseurbesuch anstand. Er machte einen Umweg in eine der Seitenstraßen und saß bald darauf bequem in einem Stuhl, wo er erst eingeschäumt und anschließend jeder Zentimeter seines Gesichts, außer dem Schnurrbart, glatt rasiert wurde. Dann wurde sein Haar aufs Sorgfältigste geschnitten, sodass die Lücke zwischen Kragenrand und Haaren exakt zwei Millimeter betrug. Mit einigem Unmut bemerkte Komninos, dass sich in den kleinen Büscheln, die der Friseur von seiner Schere blies, ein paar silbrige Fäden befanden.

Bevor er sich schließlich auf den Weg zu seinem Verkaufsraum machte, setzte er sich eine Weile an einen kleinen Kaffeehaustisch, wo ihm ein Kellner Kaffee und seine bevorzugte Zeitung, die rechtsgerichtete Makedonia, brachte. Schnell ging er die Nachrichten durch und informierte sich über die neuesten politischen Entwicklungen in Griechenland, bevor er die Schlagzeilen über den militärischen Verlauf in Frankreich überflog. Schließlich fuhr er mit dem Finger die Spalten mit den Aktienkursen entlang.

Der Krieg war gut für Komninos. Er hatte in der Nähe des Hafens ein großes Lagerhaus eröffnet, um bei dem neuen Geschäft mitzumischen – dem Nachschub an Uniformtuch. Da Zehntausende zum Kriegsdienst einberufen wurden, bedeutete dies einen gewaltigen Umsatz. Er konnte gar nicht genug Leute einstellen, um mit den Bestellungen nachzukommen. Die Nachfrage stieg mit jedem Tag.

Komninos leerte seine Tasse mit einem einzigen Schluck und stand auf. Jeden Tag aufs Neue verspürte er ein zutiefst befriedigendes Gefühl, schon vor sieben Uhr morgens auf den Beinen und bei der Arbeit zu sein. Heute genoss er die Vorstellung, dass noch acht Stunden in seinem Büro vor ihm lagen, bevor er nach Konstantinopel fahren würde. Vor seiner Abfahrt gab es noch wichtige Schreibarbeit zu erledigen.

Seine Frau, Olga Komninou, blickte an diesem Nachmittag von ihrer Villa an der Nikistraße zum Olymp hinüber, der gerade im Dunst auftauchte. Die Hitze hatte noch weiter zugenommen, und sie öffnete eines der hohen Fenster, um etwas Luft einzulassen. Da sich kein Windhauch regte, drangen die Geräusche noch deutlicher zu ihr herauf: die Gebetsrufe der Muezzins, die sich mit Hufeklappern und dem Knirschen von Wagenrädern vermischten, und das Signal einer Sirene, mit dem ein Schiff seine Ankunft ankündigte.

Olga setzte sich wieder und legte die Füße auf eine Chaiselongue, die näher ans Fenster gerückt worden war, damit sie vielleicht ein wenig Zugluft erhaschen konnte. Ihr Seidenkleid und die mattgrüne Farbe der Polsterung schienen miteinander zu verschmelzen, und das Blauschwarz ihrer geflochtenen Haare hob die vornehme Blässe ihrer Haut hervor. Es gelang ihr einfach nicht, sich bei der Schwüle wohlzufühlen, und sie leerte Glas um Glas gekühlter Limonade, das von ihrer ergebenen Haushälterin regelmäßig nachgefüllt wurde.

»Kann ich Ihnen noch etwas bringen, Kyria Olga? Vielleicht etwas zu essen? Sie haben den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen«, sagte sie besorgt.

»Danke, Pavlina, aber mir ist nicht nach Essen. Ich weiß, ich sollte … aber heute kann ich einfach nicht.«

»Sind Sie sicher, dass ich nicht doch den Arzt holen soll?«

»Es ist bloß die Hitze, glaube ich.«

Olga sank in die Kissen zurück, auf ihren Schläfen standen Schweißperlen. In ihrem Kopf hatte ein Hämmern eingesetzt, und sie drückte das eiskalte Glas an die Stirn, um den Schmerz zu lindern.

»Aber wenn Sie später immer noch nichts gegessen haben, muss ich Kyrios Konstantinos Bescheid sagen.«

»Das ist nicht nötig, Pavlina. Außerdem fährt er ohnehin heute Abend weg. Ich möchte nicht, dass er sich unnötig Sorgen macht.«

»Man sagt, dass heute Abend das Wetter umschlägt. Es wird ein wenig kühler. Das sollte Ihnen ein bisschen Erleichterung verschaffen.«

»Ich hoffe, du hast recht«, antwortete Olga. »Es sieht aus, als käme ein Gewitter.«

Beide hörten etwas, das wie ein Donnerschlag klang, stellten dann jedoch fest, dass es die Haustür war. Darauf folgte das rhythmische Geräusch fester Schritte die breite Holztreppe herauf. Olga erkannte den geschäftsmäßigen Gang ihres Ehemanns und zählte wie üblich bis zwanzig, bevor die Tür aufschwang.

»Hallo, Liebste. Wie geht es dir heute?«, fragte er munter, trat auf sie zu und redete wie ein Arzt mit ihr, der sich an eine etwas beschränkte Patientin wendet. »Du findest es doch nicht zu heiß, oder?«

Komninos zog sein Jackett aus und hängte es sorgfältig über eine Stuhllehne. Sein Hemd war schweißdurchtränkt.

»Ich bin nur schnell zurückgekommen, um zu packen. Dann gehe ich noch ein paar Stunden ins Büro, bevor das Schiff ausläuft. Der Arzt kommt, wenn du ihn brauchst. Kümmert sich Pavlina um dich? Hast du seit gestern Abend etwas gegessen?« Ohne Pause gingen Komninos’ Feststellungen und Fragen ineinander über.

»Achte gut auf sie, während ich fort bin«, sagte er abschließend zu der Haushälterin.

Er lächelte seine Frau an, aber die hatte sich bereits abgewendet. Ihre Augen richteten sich auf die blitzende See vor dem offenen Fenster. Himmel und Meer waren inzwischen dunkler geworden, und einer der Fensterflügel schlug gegen den Rahmen. Der Wind hatte aufgefrischt, und sie seufzte erleichtert, als eine Brise ihr Gesicht streichelte.

Sie stellte das Glas auf den Beistelltisch und legte die Hände auf ihren angeschwollenen Leib. Das Kleid war eigens geschneidert worden, um ihre Schwangerschaft zu verbergen, aber in den letzten paar Monaten hatte sie so zugenommen, dass die Nähte bis zum Zerreißen gespannt waren.

»Ich bin in vierzehn Tagen wieder zurück«, sagte Komninos und küsste sie leicht auf den Kopf. »Und du passt auf dich auf, ja? Und auf das Baby.«

Beide sahen in die gleiche Richtung aus dem Fenster hinaus, wo der Regen inzwischen gegen den Vorhang schlug. Ein Blitzstrahl durchzuckte den Himmel.

»Schick mir ein Telegramm, falls du mich dringend brauchst. Aber ich bin sicher, das wird nicht nötig sein.«

Weder erwiderte sie etwas, noch stand sie auf.

»Ich bringe dir ein paar hübsche Sachen mit«, fügte er hinzu, als spräche er mit einem Kind.

Neben einem Schiff mit einer Ladung Seide plante er, mit Schmuck für seine Frau zurückzukehren, mit etwas sogar noch Wertvollerem als dem Smaragdhalsband und den dazu passenden Ohrringen, die er ihr das letzte Mal mitgebracht hatte. Wegen ihres pechschwarzen Haars sah er besonders gern Rot an ihr und würde wohl Rubine kaufen. Ebenso wie maßgeschneiderte Kleider waren auch Juwelen eine Möglichkeit, seinen Wohlstand zu demonstrieren, und seine Frau hatte ihm stets als perfektes Aushängeschild gedient.

Soweit es ihn betraf, war das Leben noch nie so gut gewesen. Mit federndem Schritt verließ er den Raum.

Olga starrte in den Regen hinaus. Endlich hatte die drückende Schwüle einem Gewitter Platz gemacht. Am dunklen Himmel zuckten Blitze, und Schaumkronen brachen sich in der schiefergrauen See. Es dauerte nicht lange, und die Straße unterhalb des Hauses war überschwemmt, weil alle paar Minuten hohe Brecher über die Ufermauern stürzten. Es war ein besonders heftiges Gewitter, und der Anblick der Boote, die in der Bucht auf den Wogen tanzten, genügte, um erneut eine Welle der Übelkeit auszulösen, die sie bereits seit einigen Monaten plagte.

Sie stand auf, um das Fenster zu schließen, doch als sie den seltsamen, aber angenehmen Geruch der nassen Pflastersteine roch, entschied sie, es offen zu lassen. Die Luft war erfrischend nach der erstickenden Hitze des Nachmittags, und sie legte sich wieder hin, schloss die Augen und genoss den salzigen Hauch, der ihre Wangen fächelte. Im nächsten Moment war sie eingeschlafen.

Jetzt war sie eine einsame Seglerin in einem Fischerboot, die mit der Wut der Wellen kämpfte. Der Sturm bauschte ihr Kleid auf, das offene Haar klebte an ihren Wangen, das salzige Wasser brannte in ihren Augen, und der düstere Himmel und leere Horizont lieferten keinerlei Hinweis, in welche Richtung sie fuhr. Die Segel wurden von einem mächtigen Südostwind gebläht, der das Boot mit beängstigender Geschwindigkeit vorantrieb, und beim Kampf durch die Wellen wurde Wasser über die Seitenwände gespült. Als der Wind plötzlich nachließ, hingen die Segel schlaff herab.

Olga klammerte sich fest, eine Hand am glatten Dollbord des Boots, die andere an der Ruderpinne, und versuchte verzweifelt, den Kopf von dem wild hin und her schwingenden Mastbaum fernzuhalten. Sie wusste nicht, ob sie inner- oder außerhalb des Boots sicherer wäre, weil sie noch nie in einem gesessen hatte. Das Wasser hatte bereits ihr Kleid durchweicht, und die salzige Gischt auf Gesicht und Hals löste einen Würgereiz bei ihr aus. Immer noch schwappte Wasser ins Boot, und als der Wind wieder zunahm und das Großsegel blähte, brachte ein heftiger Brecher das Boot zum Kentern.

Vielleicht ist der Tod durch Ertrinken schmerzlos, dachte sie und ließ sich vom Gewicht ihrer Kleider nach unten ziehen. Während sie und das Boot stetig tiefer sanken, sah sie die blasse Gestalt eines Babys auf sich zuschwimmen und griff danach.

Dann folgte ein furchtbares Krachen, als wäre das Boot gegen einen Felsen geschlagen. Das Kind war verschwunden, und statt nach Luft zu schnappen, begann Olga zu schluchzen.

»Kyria Olga! Kyria Olga!«

Wie von weit her hörte Olga eine atemlose, besorgte Stimme.

»Geht es Ihnen gut? Alles in Ordnung?«

Olga kannte die Stimme. Vielleicht nahte Hilfe?

»Ich dachte, Sie wären ohnmächtig geworden!«, rief Pavlina. »Ich dachte, Sie wären gestürzt! Panagia mou! Ich dachte, Sie wären gefallen! So laut hat es gepoltert.«

Vollkommen verwirrt und noch nicht ganz wieder bei sich öffnete Olga die Augen und sah ins Gesicht ihrer Haushälterin. Pavlina kniete neben ihr und schaute sie besorgt an. Hinter ihr blähte sich der bodenlange Vorhang wie ein großes Segel, bis eine heftige Bö ihn schließlich anhob und waagerecht in den Raum blies. Ein Zipfel davon reichte bis zu einem kleinen runden Tisch und fegte über die leere Platte.

Orientierungslos und schwindlig begann Olga zu begreifen, was der Grund für das Gepolter war, das sie aufgeweckt hatte. Sie strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und setzte sich mühsam auf.

Sie sah die Scherben von zwei Porzellanfiguren im Raum verstreut, abgeschlagene Köpfe und Hände, Kunstobjekte, Tausende von Drachmen wert. Das Gewicht des Damastvorhangs und die Macht des Sturms hatten sie gnadenlos zu Boden gefegt.

Mit dem Handrücken wischte sie sich über das feuchte Gesicht und fühlte, dass ihr immer noch Tränen über die Wangen liefen. »Pavlina, wo ist das Baby?«, stieß sie ängstlich hervor.

Pavlina betastete den Bauch ihrer Herrin und dann ihre Stirn.

»Es ist noch da! So viel steht fest!«, sagte sie fröhlich. »Aber Sie sind ein bisschen heiß … und auch ziemlich verschwitzt!«

»Ich glaube, ich hatte einen schlechten Traum …«, flüsterte Olga. »Er hat sich so wirklich angefühlt.«

»Vielleicht soll ich nach dem Arzt schicken …?«

»Das ist nicht nötig. Ich bin sicher, dass alles in Ordnung ist.«

Pavlina beugte sich nieder, um die Scherben aufzusammeln. Eine einzelne Figur zu reparieren wäre eine Herausforderung für einen Experten gewesen, aber die durcheinandergewürfelten Teile von zweien wieder zusammenzusetzen war ein Ding der Unmöglichkeit.

»Es ist doch nur Porzellan«, versuchte Olga sie zu beruhigen, als sie sah, wie erschrocken Pavlina war.

Aber Pavlina lebte schon viel länger im Haushalt der Komninos als Olga und wusste, welch großer Wert auf solche Sammlerstücke gelegt wurde. Sie hastete zu den Fenstertüren hinüber und machte sie zu. Der Regen hatte einen Flecken auf dem Teppich hinterlassen, und sie sah, dass auch der Saum von Olgas feinem Seidenkleid durchnässt war.

»Du meine Güte«, jammerte sie, »ich hätte früher raufkommen sollen. Hier herrscht ja ein schreckliches Durcheinander.«

»Mach sie bitte nicht zu«, flehte Olga, die jetzt neben ihr stand und den Sprühregen auf dem Gesicht genoss. »Es kühlt so schön. Der Teppich trocknet wieder, sobald es aufgehört hat. Es ist ja immer noch warm.«

Pavlina war an Olgas gelegentlich überspanntes Verhalten gewöhnt, das ihr allerdings weitaus lieber war als die Strenge, mit der Olgas Schwiegermutter, die verstorbene Kyria Komninou, das Haus regiert hatte.

»Also gut, solange Sie nicht zu nass werden«, antwortete sie mit einem nachsichtigen Lächeln. »Sie wollen sich doch keine Erkältung holen in Ihrem Zustand.«

Olga ließ sich etwas weiter von der Fenstern entfernt in einem anderen Sessel nieder und beobachtete Pavlina, die sorgfältig die Porzellanscherben einsammelte. Selbst wenn sie in der Lage gewesen wäre, sich zu bücken, hätte Pavlina ihr nicht erlaubt zu helfen.

Hinter der ausladenden Gestalt ihrer knienden Haushälterin konnte Olga das aufgewühlte Meer sehen. Ein paar vereinzelte Schiffe waren draußen, kaum sichtbar in dem Gewitter, und nur gelegentlich durch einen Blitzstrahl beleuchtet.

Die reich verzierte Uhr auf dem Kaminsims schlug sieben. Konstantinos war jetzt schon seit mehr als einer Stunde auf See. Größere Schiffe wurden von solchen Unwettern selten aufgehalten.

»Wenn der Wind aus der richtigen Richtung kommt, dann könnte er Kyrios Konstantinos’ Fahrt sogar beschleunigen«, meinte Pavlina.

»Wahrscheinlich«, antwortete Olga abwesend, die im Moment nur das Strampeln in ihrem Bauch wahrnahm. Sie liebte ihr ungeborenes Kind über alles und stellte sich vor, wie es mühelos in der klaren Flüssigkeit ihres Leibes herumschwamm. Tränen, die sich mit versprühter Gischt vermengt hatten, rannen ihr übers Gesicht.

2

Sobald im August die fieberheißen Temperaturen einsetzten, erinnerten sich die Einwohner Thessalonikis voller Wehmut an die laue Wärme im Mai. Inzwischen herrschten vierzig Grad im Schatten, und die Leute schlossen Fenster und Läden, um die schreckliche Glut auszusperren.

Es wehte zwar eine leichte Brise, aber selbst die verschaffte keine Erleichterung: Der Westwind Vardaris blies seinen glühenden Atem in die Stadt und trug Schwaden feinen, schwarzen Staubs in die Häuser der Menschen. Um die Mittagszeit, wenn die Hitze am schlimmsten war, wirkten die Straßen wie ausgestorben, und ein Reisender hätte meinen können, die Stadt sei aufgegeben worden. Im Innern der Häuser war es genauso still, weil die Bewohner im Dunkeln lagen und kaum Luft zu holen wagten, um die staubige Luft nicht einzuatmen.

Selbst die Nacht brachte wenig Abkühlung, denn die Luft blieb so unbeweglich wie der Zeiger des Barometers.

Konstantinos Komninos’ Rückreise aus der Türkei hatte sich verzögert, aber Anfang des Monats traf er schließlich zu Hause ein. Olga hatte inzwischen das Gefühl, ihre Schwangerschaft dauerte schon ihr Leben lang an. Ihre zarten Fußgelenke waren angeschwollen, und ihre einst wohlgeformten zarten Brüste sprengten nun jedes Kleid, das für die Zeit vor der Niederkunft angefertigt worden war. Konstantinos riet ihr davon ab, sich etwas Neues nähen zu lassen, also trug sie ein weites Baumwollnachthemd, das ihr selbst dann noch genügend Platz böte, wenn sie in den letzten fünf Wochen ihrer Schwangerschaft weiter zunehmen sollte.

Ein paar Tage nach seiner Rückkehr bezog Konstantinos ein anderes Schlafzimmer.

»Du brauchst mehr Platz«, sagte er zu Olga. »Du hast es nicht bequem, wenn ich die Hälfte des Betts einnehme.«

Olga erhob keine Einwände. Jede Nacht fühlte sie sich noch schlechter als in der vorherigen, und selten schlief sie mehr als eine Stunde. Sie lag auf dem Rücken, starrte ins pechschwarze Dunkel und spürte die heftigen Stöße des Babys in ihrem Bauch. Es waren kraftvolle, regelmäßige Bewegungen. Manchmal schienen sich alle Gliedmaßen des Kinds gleichzeitig zu bewegen, und sie stellte sich vor, wie stark der Junge sein würde, wie lebhaft und energisch. Den Gedanken, dass es ein Mädchen werden könnte, gestattete sie sich nie, da sie Konstantinos’ Reaktion fürchtete. Sie hatte seine Erwartungen ohnehin schon enttäuscht, weil sie erst jetzt schwanger geworden war, und ihr Mann hatte kein Hehl aus seiner Ungeduld gemacht. Sie war Mitte zwanzig, als sie heirateten, und mehr als ein Jahrzehnt war vergangen, bevor der Arzt bestätigte, dass sie sich im vierten Monat befand und alles in Ordnung zu sein schien. Im Lauf der dazwischenliegenden Dekade hatte es mehrmals Zeiten gegeben, in denen sie ganz sicher glaubte, schwanger zu sein. Ihr Herz machte jedes Mal einen Freudensprung, aber dann setzten nach einem oder zwei Monaten Blutungen ein, und sie war am Boden zerstört.

Ihre Hand ruhte jetzt auf dem vorgewölbten Bauch, und sie spürte die Stöße des Kindes kurz hintereinander. Wenn es doch nur endlich käme, dachte sie und sang, als wollte sie es beschwichtigen, vielleicht aber auch, um sich selbst zu beruhigen.

Eine Uhr tickte auf dem Kaminsims ihres Schlafzimmers, eine andere in der Diele und eine weitere im Salon, und sie zählte die Schläge, bis sie endlich aufstehen konnte.

Es stimmte zwar, dass Olga mehr Platz im Bett brauchte, aber ausschlaggebend war letztlich Konstantinos’ Abscheu vor ihrem veränderten Körper. Er erkannte die Frau, die sie geworden war, kaum mehr wieder. Wie hatte sich das Mannequin mit den schmalen Hüften und der gertenschlanken Taille, das er geheiratet hatte, in jemanden verwandeln können, den er nicht mehr berühren wollte? Er fühlte sich abgestoßen von dem aufgedunsenen Leib mit der gespannten Haut und den riesigen dunklen Brustwarzen.

In diesen letzten Wochen, während sie schlaflos dalag und die Schläge der Uhren zählte, konnte sie oft leise tappende Schritte auf der Treppe hören und das fast lautlose Schließen einer Tür am Ende des Korridors. Sie nahm an, dass Konstantinos hinausschlüpfte, nachdem sie zu Bett gegangen war, und heimlich eines der eleganteren Bordelle der Stadt aufsuchte. Nicht einen Moment glaubte sie, das Recht zu haben, dagegen zu protestieren. Vielleicht, so hoffte sie, würde sie eines Tages seine Aufmerksamkeit wieder zurückgewinnen.

Olga wusste, dass Konstantinos sie wegen ihrer Schönheit geheiratet hatte. Er hatte sie wie bei einem Schönheitswettbewerb unter den Mädchen, die als Mannequins für die besten Modehäuser der Stadt arbeiteten, ausgewählt. Da sie mit keinerlei Mitgift rechnen konnte – ihre Eltern waren schon vor ihrem zehnten Lebensjahr gestorben –, war sie der Überzeugung, sie habe wirklich Glück gehabt. Denn viele ihrer Kolleginnen endeten im florierenden Rotlichtbezirk der Stadt.

Dennoch fragte sie sich, wie es gewesen wäre, aus Liebe zu heiraten, und kam zu dem Schluss, dass ihre Schönheit sie gerettet und zugleich verdammt hatte. Denn sie war nicht mehr als ein Gebrauchsgegenstand, einem Ballen Seide oder einer vergoldeten Statue vergleichbar, die gekauft und ausgestellt wurden.

Mit zunehmendem Alter wurde ihr immer klarer, welche Last äußere Makellosigkeit sein konnte, aber gleichzeitig packte sie Angst bei der Vorstellung, sie zu verlieren. Mit wachsender Unruhe hatte sie das Anschwellen ihres Körpers beobachtet: die verdickten Venen, die Vorwölbung des Nabels und die Überdehnung der Haut, die sich in Dutzenden blasser Streifen äußerte.

Auch wenn sie vor Übelkeit fast nichts zu sich nahm, schwoll ihr Körper immer heftiger an. Jeden Morgen, wenn Pavlina das ebenholzfarbene Haar ihrer Herrin flocht und aufsteckte, unterhielten sich die beiden Frauen vor dem Spiegel.

»Sie sind immer noch genauso schön wie früher«, versicherte ihr Pavlina. »Bloß um die Taille ein bisschen dicker.«

»Ich fühle mich ganz aufgebläht, Pavlina. Überhaupt nicht schön. Und ich weiß, Konstantinos kann meinen Anblick nicht mehr ertragen.«

Die Blicke der beiden Frauen trafen sich im Spiegel, und Pavlina sah Olgas Niedergeschlagenheit. Doch Olga war in ihrem Unglück fast noch schöner, und ihre pechschwarzen Augen wirkten noch tiefgründiger, wenn Tränen darin standen.

»Er kommt wieder zu Ihnen zurück«, sagte Pavlina beschwichtigend. »Sobald das Baby geboren ist, kommt alles wieder in Ordnung. Sie werden schon sehen.«

Pavlina sprach aus Erfahrung. Sie hatte bereits vor ihrem zweiundzwanzigsten Lebensjahr vier Kinder geboren und war nach den ersten drei Geburten der lebende Beweis gewesen, dass die Spuren der Schwangerschaft überwunden werden konnten. Nach der vierten Schwangerschaft allerdings hatte ihr Körper seine Elastizität verloren. Olga warf einen Blick auf die ausladende Figur ihrer Haushälterin, die eher den Eindruck vermittelte, als stünde sie selbst kurz vor der Niederkunft.

»Ich hoffe, du hast recht, Pavlina«, antwortete sie und legte das Tuch beiseite, das sie ohne sonderliches Geschick zu säumen versuchte.

»Wann genau wollen Sie das denn fertig bekommen?«, fragte Pavlina neckend, als sie das winzige Tuch aufnahm, um die Handarbeit ihrer Herrin zu begutachten. »Das Baby soll diesen Monat kommen? Oder erst nächstes Jahr?«

In sechs Monaten hatten Olgas Stickereiversuche kaum einen Fortschritt gemacht. Die Nadel entglitt ihren schwitzenden Fingern, und da sie sich mehrmals gestochen hatte, waren Blutstropfen auf das cremefarbene Leinen gefallen.

»Es sieht furchtbar aus, nicht?«

Pavlina lächelte und legte das Tuch beiseite. Dieser Feststellung konnte sie nicht widersprechen. Olgas Hände waren nicht zum Sticken geeignet. Trotz ihrer schlanken, zarten Finger besaß sie kein Geschick im Umgang mit der Nadel, und Handarbeiten war für sie nur eine Tätigkeit, um die Zeit totzuschlagen.

»Ich wasche es und mache es dann fertig für Sie, ja?«

»Danke, Pavlina. Wenn es dir nichts ausmacht?«

Während der ganzen Schwangerschaft hatte Olga sich schlecht gefühlt, aber in den frühen Morgenstunden dieses Augusttages packte sie ein Gefühl großer Unruhe. Sie konnte nicht mehr liegen, der Rücken tat ihr weh, und die seit einer Woche anhaltenden Schmerzen im Unterbauch nahmen plötzlich zu. Ihre Zeit war schließlich gekommen.

Obwohl Samstag war, ging Konstantinos wie üblich um halb sieben in sein Büro.

»Auf Wiedersehen, Olga«, sagte er und kam in ihr Schlafzimmer, als die Wehen gerade nachgelassen hatten. »Ich bin im Geschäft, Pavlina kann mich holen lassen, wenn du mich brauchst.«

Sie versuchte zu lächeln, als er seine Hand auf die ihre legte. Die Geste sollte sie beruhigen, war aber so flüchtig und oberflächlich, dass sie nichts Liebevolles darin spüren konnte. Ihre Schmerzen schien er nicht wahrzunehmen, und er hatte beim Eintreten offenbar auch ihr Stöhnen nicht bemerkt.

Bald darauf begann sie, von Qual überwältigt, laut zu schreien und klammerte sich so heftig an Pavlinas Arm, dass sich die Abdrücke ihrer Finger darauf abzeichneten. Solch schreckliche Qualen konnten nur das Ende, nicht den Anfang eines Lebens bedeuten.

Passanten hörten gelegentlich einen qualvollen Schrei, aber solche Geräusche waren üblich in der Stadt, und der Lärm wurde von der allgemeinen Kakofonie aus Straßenbahnen, Karren und Rufen von Straßenhändlern verschluckt. Um zehn Uhr schickte Pavlina nach Dr. Papadakis, der bestätigte, dass die Geburt kurz bevorstand.

Während der letzten Stunden der Geburt ließ Olga keinen Moment lang Pavlinas Hand los. Ohne diese Hand fürchtete sie, in einen dunklen Tunnel aus Schmerzen gerissen zu werden, aus dem es keine Rückkehr gab.

»Sehen Sie zu, dass sie sich ein bisschen entspannt«, riet der Arzt der Haushälterin.

Pavlina wusste aus eigener Erfahrung, dass dies ein absurder Vorschlag war, wenn einem der Schmerz den Leib auseinanderriss. Sie hätte ihm gern ihre Meinung gesagt, aber das hätte zu nichts geführt. Der Mann war in den Siebzigern. Und egal, wie vielen Kindern er im Laufe seines Berufslebens auf die Welt geholfen hatte, konnte er sich nicht annähernd vorstellen, was Olga durchmachte.

Das Bett war nass von Schweiß und der Flüssigkeit, die sich wie eine Sturzflut aus ihrem Körper ergoss. Olga spürte, wie sie fast das Bewusstsein verlor, und dachte an ihren Albtraum, der sich in verschiedener Form während der vergangenen Tage wiederholt hatte.

Der Arzt saß inzwischen in einem bequemen Sessel, las Zeitung, warf gelegentlich einen Blick auf seine Taschenuhr und dann wieder zu Olga hinüber. Er gab sich den Anschein, als würde er sie überwachen, aber wahrscheinlich überlegte er nur, wie lange es wohl noch dauerte, bis er endlich zum Essen heimgehen konnte.

Wegen der geschlossenen Vorhänge herrschte nahezu Dunkelheit im Raum, und er hielt die Zeitung hoch, um den schmalen Lichtstrahl zu nutzen, der durch einen Spalt hereinfiel. Nur wenn ihre Schreie so laut wurden, dass sie den Spiegel fast zum Bersten brachten, stand er auf. Ohne zu nahe an ihr Bett zu treten, um seinen makellosen hellen Anzug nicht in Gefahr zu bringen, gab er weitere Anweisungen.

»Ich kann den Kopf des Babys sehen. Sie müssen jetzt pressen, Kyria Komninou.«

Nichts erschien ihr natürlicher als das. Jede Faser ihres Seins spürte diesen Drang, aber gleichzeitig erschien es so unmöglich, wie ihren Körper nach außen zu stülpen.

Es verging vielleicht eine Stunde. Pavlina kam es vor wie ein Tag und Olga wie eine Ewigkeit, in der ihr Leben nur noch in Wogen des Schmerzes eingeteilt war.

Schließlich kämpfte sich das Baby aus der Dunkelheit ins Dämmerlicht des Raums. Und schrie. Olgas Schmerzen hörten schlagartig auf, als sie merkte, dass der durchdringende Schrei nicht aus ihrem eigenen Mund kam.

»Kyria Olga …«

Pavlina stand an ihrem Bett und hielt ein weißes Bündel an den fülligen Busen gedrückt.

»Ihr … Baby.« Sie brachte die Worte kaum heraus. »Hier ist Ihr Baby. Ihr Sohn. Ihr Junge, Kyria Olga.«

Und da war er tatsächlich. Pavlina legte das winzige Bündel in Olgas Arme, und Mutter und Sohn sahen sich zum ersten Mal an.

Olga konnte nicht sprechen. Eine mächtige Woge der Liebe überrollte sie. Nie hatte sie so etwas Starkes gefühlt wie die bedingungslose Hingabe an dieses kleine Wesen in ihren Armen. In diesem Moment, als ihre Blicke sich trafen, wurde ein unverbrüchliches Band geschmiedet zwischen Mutter und Sohn.

Konstantinos Komninos wurde eine Nachricht geschickt, und als er eintraf, erwartete ihn Dr. Papadakis im Erdgeschoss.

»Sie haben einen Sohn und Erben«, informierte er ihn stolz, als wäre er selbst dafür verantwortlich gewesen.

»Das sind großartige Neuigkeiten«, antwortete Komninos im Tonfall eines Mannes, der von der sicheren Lieferung einer Ladung Seide erfahren hatte.

»Meine Gratulation!«, fügte Papadakis hinzu. »Mutter und Kind sind wohlauf, deshalb werde ich mich jetzt empfehlen.«

Es war fast drei, und der Arzt wollte unbedingt fort. Er wollte keinesfalls den Auftritt eines französischen Pianisten verpassen, der an diesem Nachmittag gastierte. Er spielte Chopin, und ganz Thessaloniki fieberte schon dem Ereignis entgegen.

»Ich komme nächste Woche vorbei, um nach den beiden zu sehen, aber wenn Sie mich vorher brauchen sollten, lassen Sie es mich wissen, Kyrie Konstantinos«, fügte er mit routiniertem Lächeln hinzu.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand, und bevor der Arzt hinausgegangen war, lief Komninos schon die breite Treppe hinauf. Er war Zeit, seinen Sohn selbst in Augenschein zu nehmen.

In der Zwischenzeit hatte Pavlina Olga gewaschen und ihr Haar frisch geflochten. Saubere Laken waren aufgelegt worden, und das Baby lag schlafend in der Wiege. Es war ein Bild des Friedens und der Ordnung, genau so, wie Konstantinos es mochte.

Ohne seine Frau anzusehen, durchquerte er den Raum und starrte schweigend auf das eingewickelte Neugeborene hinab.

»Ist er nicht schön?«, fragte Pavlina.

»Ich kann ihn nicht richtig sehen«, antwortete Konstantinos mit einem Anflug von Unzufriedenheit in der Stimme.

»Sie werden eine Menge von ihm sehen und hören, wenn er aufwacht«, erwiderte Pavlina.

Komninos blickte sie missbilligend an.

»Ich meine, es ist besser, ihn jetzt schlafen zu lassen. Sobald er aufwacht, bringe ich den Jungen zu Ihnen. Jetzt wäre es besser, ihn nicht zu stören.«

»Nun gut, Pavlina«, erwiderte er. »Könntest du uns einen Moment allein lassen?«

Sobald Pavlina draußen war, umarmte er Olga.

»Ist er …?«

»Ja, Konstantinos, sicher.«

Nach all den Fehlgeburten im Laufe der Jahre kannte Olga die größte Angst ihres Mannes: dass etwas nicht in Ordnung sein könnte mit dem Kind. Ihre Sorge, was Konstantinos in einem solchen Fall getan hätte, konnte sie jetzt beiseiteschieben.

»Er ist absolut perfekt«, sagte sie schlicht.

Befriedigt verließ Komninos den Raum. Es gab schließlich Geschäfte, um die er sich kümmern musste.

3

An demselben brütend heißen Samstagnachmittag, vielleicht sogar im selben Moment, als der kleine Dimitri Komninos das Licht der Welt erblickte, begann eine Frau, das karge Mittagessen für ihre Familie zuzubereiten. Ihr Haus hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem herrschaftlichen Wohnsitz der Komninos-Familie. Es stand in einem dicht besiedelten Viertel innerhalb der alten Mauern im Nordwesten der Stadt, wo der ärmste Teil der Bevölkerung Thessalonikis zusammengepfercht in engen Gassen wohnte.

Manche dieser Unterkünfte waren direkt in die Stadtmauern eingelassen, und die Lücken dazwischen reichten kaum aus, um ein Hemd zum Trocknen aufzuhängen. Die Familien waren groß, die Mittel knapp und Arbeit oft schwer zu finden, und in diesem Haushalt lebten vier fast erwachsene, aber noch unverheiratete Kinder. Die Mutter arbeitete rund um die Uhr, um ihre Familie zu versorgen, und wenn auf dem Herd kein Kochtopf stand, dann ein Kessel mit heißem Wasser. Das wurde ständig gebraucht, um nach der täglichen Schufterei im Hafen die schmutzigen Kleider und sich selbst gründlich zu waschen.

Die drei Söhne schliefen im Wohnraum, während die Frau und ihr Mann sich gemeinsam mit der sechzehnjährigen Tochter das einzige Schlafzimmer teilten, wo das Mädchen auf einer Couch am Ende des Elternbettes schlief.

Es gab keine andere Möglichkeit, bis sie verheiratet werden konnte, was bei einem Mädchen ohne Aussicht auf Mitgift allerdings sehr schwierig war.

Die Hausherrin kaufte umsichtig, aber immer sparsam ein, zumeist bei Händlern, die mit ihrem Gemüse vom Land hereinkamen. Fleisch war ein Luxus, den es nur an hohen Festtagen gab, aber oft schwammen Schafsinnereien in der Suppe, die der Metzger verschenkte, wenn sie am Ende des Tages liegen geblieben waren. An diesem Nachmittag köchelte eine solche Suppe auf dem Herd, die sie später mit grobem Brot essen würden, das ihr Mann auf dem Heimweg besorgen sollte. Schweiß rann über die nackten, muskulösen Arme der Frau, als sie das Feuer unter dem köchelnden Topf aufstocherte. Die Männer der Familie trafen sich jeden Samstagabend mit Cousins und Neffen in einem rauchgeschwängerten Kafenion, um etwas zu trinken und die Ereignisse der Woche zu besprechen. Da überall in Europa und darüber hinaus Krieg herrschte, gab es eine Menge zu diskutieren.

Im Untergeschoss des Hauses hielt die Familie ein altes Maultier und eine Ziege, um sich mit Milch und Käse zu versorgen. In diesem schmutzigen Stall lebten zusammen mit einer Unmenge lästiger Fliegen auch ein paar Hühner, die sich in dem verdreckten Heu ihre Nester bauten. Sie wussten, dass sie sich von den Hinterläufen des Maultiers fernhalten mussten, und pickten stattdessen zwischen den Hufen der Ziege nach Futter. Wenn die Küche nicht von Kochgerüchen erfüllt war, drang der Gestank des Tierdungs nach oben.

In diesen dunklen, stinkenden Ort fiel nun an diesem Nachmittag ein kleiner Funke aus dem Herdfeuer. Schon tausendmal zuvor war ein solch winziges glimmendes Teil aus den knisternden Flammen gespuckt worden und langsam zu Boden geschwebt, wo es noch einen Moment nachglühte und dann verlosch. Dieses jedoch flog mit der Genauigkeit eines gut gezielten Pfeils durch einen schmalen Spalt zwischen den Dielenbrettern und schien auf seiner Flugbahn noch an Energie zuzunehmen.

Es fiel auf den Rücken des Maultiers, wo es sofort von dessen Schwanz hinweggefegt wurde. Hätte der ständig wedelnde Schweif des Tiers den Funken nach links gewischt, wäre er auf den mit Urin durchweichten Boden gefallen. Stattdessen wurde er jedoch nach rechts auf die Strohschütte geschleudert. Dort blieb er nicht oben liegen, sondern glitt ein paar Schichten tiefer, bis dahin, wo die Henne ihre Eier ausbrütete und somit das perfekte Umfeld bot, um den immer noch glühenden Funken nicht verlöschen zu lassen.

Oben köchelte die Suppe im Topf weiter. Die erschöpfte Hausfrau, die ihre Männer erst in einer Stunde erwartete, stieg eine Etage höher, um sich ein wenig auszuruhen. Ihre Tochter lag dort bereits im Dunkeln. Für sie war es leichter, jetzt ein bisschen Schlaf zu finden als in der Nacht gemeinsam mit ihren Eltern im selben Raum. In den meisten Nächten machte sich ihr Vater grob und geräuschvoll über ihre Mutter her, bevor die beiden einschliefen und bis zum Morgen ununterbrochen schnarchten.

In der Zwischenzeit begann sich unten in der Strohschütte das Feuer auszubreiten, aber Mutter und Tochter nahmen weder den Geruch von verbrannten Federn noch die angstvollen Schreie der Tiere wahr, während sie zwei Stockwerke höher in ihren Betten schliefen.

Es war nur eine Frage von Sekunden, bis die Flammen um die Holzbalken züngelten und an der Decke entlangkrochen. Bald brannte das ganze Untergeschoss lichterloh, Wände und Decken verwandelten sich in ein Flammenmeer, und das Feuer sprang nach oben zum nächsten Stockwerk und nach außen zu den angrenzenden Häusern über.

Doch selbst die zunehmende Hitze im Haus reichte nicht aus, um die beiden aufzuwecken. Erst ein Geräusch, das sich wie eine große Explosion anhörte, ließ sie gleichzeitig hochfahren. Der Küchenboden war in den Stall gestürzt.

Im nächsten Moment waren die beiden Frauen auf den Beinen und hielten sich zitternd vor Angst an den Händen. Das Feuer kletterte bereits die Treppe herauf, und sie wussten, dass ihnen dieser Weg versperrt war, aber von der Straße hörten sie vertraute Stimmen, die nach ihnen riefen.