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Wie weit geht eine Frau, die niemandem vertrauen kann - nicht einmal sich selbst? Leah ist die perfekte Hausfrau und Mutter. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einem guten Haus in einer guten Gegend. Doch als plötzlich ein Foto auftaucht, das sie beim Sex mit einem anderen Mann zeigt, gerät ihr ganzes Leben ins Wanken. Denn egal, wie sehr sie es versucht, sie kann sich an nichts erinnern und zweifelt immer mehr an sich und ihrer Erinnerung. Immer tiefer gerät sie in einen Sumpf aus Lügen, Betrug und Selbstzweifeln und muss hilflos dabei zusehen, wie ihr gesamtes Leben in sich zusammenbricht. Doch es gibt noch einen Menschen, der ihr glaubt - Der junge Anwalt Benjamin Suttner findet immer mehr grausame Details heraus und begibt sich schließlich auf eine verzweifelte Mission - denn er weiß, dass nur er Leah noch retten kann.
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Seitenzahl: 681
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Teil 1
Prolog
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Teil 2
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Epilog
Julia Brandtner hatte die Nase voll. Dieser elende Egoist, der sich ihr Ehemann nannte, hatte es wieder einmal geschafft sie zu erniedrigen. Eine weitere Tat, die er ganz beiläufig erscheinen ließ, obwohl er wusste, wie sehr er sie damit traf.
Nichts Großes diesmal, aber wie er da so bei der Gartenparty mit den Nachbarn beisammenstand und angewidert das Gesicht verzog, als er in einen ihrer Kürbis-Cupcakes biss, war einfach der Tropfen, der für Julia das Fass zum Überlaufen brachte – wieder einmal.
Sie war Konditorin verdammt nochmal, es war unmöglich, dass dieser verdammte Cupcake so widerlich schmeckte, wie Christoph aussah. Nein, es war wieder mal seine Art, die ihn so schauen ließ. Christoph Brandtner, der Prince Charming der Nachbarschaft, der bei allen beliebte Staatsanwalt mit dem eloquenten Aussehen und den perfekt sitzenden Maßanzügen.
Manchmal hätte sie ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt. Dabei war es genau diese Art gewesen, mit der er sie damals in sein Spinnennetz gezogen hatte. Da hatte sie es aufregend und sexy gefunden mit dem jungen Staatsanwalt in die Oper oder das Museum zu gehen, seine elitären Freunde zu treffen und teure Drinks zu schlürfen.
Mittlerweile wusste sie, dass sie für ihn nichts weiter, als das männliche Pendant zu einer teuren Handtasche war. Sein Anhängsel, seine Visitenkarte in den Wohltätigkeitsorganisationen und auf den Empfängen seiner reichen Freunde.
Dabei hatte Julia ihr eigenes Leben. Sie hatte ihre kleine Konditorei in der Altstadt, die wirklich gut lief, hatte viele Freunde und lief regelmäßig Marathon. Noch dazu war sie gebildet. Sie war kein Dummchen, dass er sich an seinen Arm hängen konnte, um damit zu prahlen, wie ein Gorilla im Urwald.
Aber für Christoph war sie immer nur ein Accessoire gewesen, dessen Gefühle ihn einen feuchten Dreck interessierten.
Richtig wahrgenommen hatte er sie erst nach der pompösen Hochzeit, als er gemerkt hatte, dass sie einen Charakter besaß und keine stumme Puppe war, die man in die Ecke stellen konnte, wenn man ihrer überdrüssig war.
Das war auch der Zeitpunkt gewesen, an dem er begonnen hatte, sie mit allen möglichen Kleinigkeiten zu reizen. Am Anfang hatte es sie nur genervt, aber mittlerweile hatte sich in ihr eine unbändige Wut aufgestaut, und jede Kleinigkeit, die er unternahm, um ihr einen weiteren Schaden hinzuzufügen, brachte sie näher an den Punkt, an dem sie die Beherrschung verlieren würde.
Aber diesen Erfolg würde sie diesem widerlichen Mann nicht gönnen. Sie würde sich bei einer Scheidung nicht von ihm an den Kopf werfen lassen, dass sie verrückt war.
Nein, sie würde es aussitzen bis zum Schluss. Es würde sich ja zeigen, wer von ihnen beiden mehr Ausdauer besaß.
Julia lächelte und strich ihren schmal geschnittenen Rock glatt, während sie auf die Gruppe zuschritt. Sie legte die Arme um ihren Mann, der sich kaum merklich versteifte, und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Sie spürte, wie er den Kiefer anspannte und musste noch breiter lächeln.
Ein Blitzlicht flammte auf, offenbar hielt jemand dies für den perfekten Moment zwischen ihnen.
Bei diesem Gedanken hätte sie beinahe laut gelacht.
Ausdauer, ermahnte sie sich und blickte Christoph in die Augen.
Auch er ließ sich nichts anmerken, aber sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er ganz ähnlich dachte.
Leah trat mit einem Fuß die schwere Eichenhaustür auf, während sie mit dem anderen ihre volle Einkaufstasche über die Schwelle schob.
Mara tapste kreischend hinter ihr durch die Tür, das rundliche Gesicht tränennass und gerötet, während sie ihre kleinen Hände zu Fäusten verkrampfte. „Schatz, bitte beruhig dich doch.“, flehte Leah, doch ihre kleine Tochter schrie nur noch lauter, während sie nun mit ihren winzigen Händen nach den Beinen ihrer Mutter grapschte und sich kräftig daran klammerte.
Warum ihre Tochter diesen Wutanfall hatte, war Leah bereits wieder entfallen, doch natürlich machte es das für Mara auch nicht besser.
Und für Leah ebenso wenig, denn sie sehnte sich nur noch danach endlich auf der Couch zu sitzen und die Füße hoch zu legen. Aber davor musste sie natürlich noch aufräumen, Mittagessen für ihre zwei Kinder und ihren Ehemann kochen und zumindest ein paar Kekse für den nächsten Tag backen - schließlich war es Maras vierter Geburtstag.
Vielleicht war es das, warum sie weinte. Wollte irgendeine Freundin von ihr nicht kommen?
War es das?
Sie wusste es nicht.
Leah packte ihre Einkaufstasche und wuchtete sie hoch, die schreiende Mara immer noch am Bein, und schlurfte in ihre offene Küche.
„Mara, verdammt, lass mich jetzt los. Es reicht wirklich!“
„Mama…“ Durchsichtige Rotzfäden hingen aus der Stupsnase ihrer Tochter, ihre Wangen waren rot wie reife Äpfel.
„Mausi, komm her.“
Leah seufzte, dann packte sie die Kleine unter den Achseln und hob sie in ihre Arme, während Mara heftig strampelte und heiser schrie.
Leah wiegte sie wie ein Baby und murmelte beruhigende Worte, während sie mit einem der stets bereitstehenden Feuchttücher das Gesicht ihrer kleinen Tochter abwischte.
In letzter Zeit war Mara furchtbar launisch und anstrengend gewesen, doch natürlich war das normal für Kinder in dem Alter, sagten die Mütter im Kindergarten. Leah stimmte ihnen stets eifrig zu, aber richtig sicher war sie sich da nicht. Wie konnte ein Kind denn nur so viel schreien? Entnervt wiegte sie Mara weiter, wobei ihr auffiel, dass der grüne Wollpullover ihrer Tochter ein etwa faustgroßes Loch aufwies. Leah knirschte mit den Zähnen. Sie konnte ihre Kinder ebenso gut in Müllbeuteln auf die Straße schicken, Kleidung hielt sowieso nie lange.
Bei dem Verschleiß des kleinen Mädchens kam sie selbst gar nicht dazu einmal etwas Neues für sich zu kaufen.
Sie seufzte, tätschelte ihrer fast vierjährigen Tochter den Kopf und atmete tief durch, als das hysterische Weinen langsam in ein monotones Wimmern überging. Ihre Migräne kam zurück, das spürte sie, doch noch war da nur ein dumpfer Schmerz, fast wie ein Donnergrollen in der Ferne.
Langsam stellte sie Mara wieder auf die Füße und strich ihr das weiche, haselnussbraune Haar zurück. Es war so weich, wie es nur das Haar eines Kindes sein konnte.
Leah blickte auf das kleine Mädchen herab und lächelte. Maras Wangen waren noch immer gerötet, doch ein kleines Lächeln hatte sich auf ihre roten Lippen geschlichen. Offenbar war ihre kleine Krise bewältigt. Ein Glück für Leah, denn langsam begann ihr Magen zu knurren.
„Hast du Hunger mein Schatz?“, fragte sie und versuchte dabei möglichst fröhlich zu klingen, während sie noch immer mit dem nahenden Kopfschmerz kämpfte.
Mara nickte begeistert und klatschte ihre kleinen Hände zusammen.
„Ja Mama.“, sagte sie artig und lächelte breit, während sie die Arme nach den Dingen in der Einkaufstasche ausstreckte. Rasch kam Leah ihr zuvor und bewahrte eine Packung Schokoladenkekse davor in die gierigen Hände ihrer Tochter zu gelangen, was Mara erneut enttäuscht prusten ließ.
„Ich koche jetzt, Süßes gibt es später!“, sagte sie tadelnd zu ihrer beleidigten Tochter und stellte die Tasche auf die Küchenanrichte, wo sie außerhalb der Reichweite des Mädchens war. Dann machte sie sich daran deren Inhalt rasch in den Kühlschrank und die Schubladen zu räumen, während sie immer deutlicher spürte wie viel Hunger sie eigentlich hatte. Gott, was würde sie nur für eine große Pizza tun.
Sollte sie vielleicht einfach etwas bestellen? Es konnte Mara doch auch nicht umbringen mal ein Stück Pizza zum Mittagessen zu essen. Aber nein, dafür war sie einfach zu vernünftig.
Mara brauchte Vitamine und Nährstoffe. Naja. Leah konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann sie das letzte Mal einfach auf der Couch gesessen hatte, einen fettigen Pizzakarton im Schoß und sich einen Film angesehen hatte. Womöglich noch mit ihrem Mann zusammen.
Nein, das war sicherlich Jahre her.
Sie blickte auf ihre Tochter hinab und seufzte. Die Kinder hatten wirklich einiges verändert.
Leah wandte sich ihrem Kühlschrank zu und runzelte nachdenklich die Stirn, während sie überlegte worauf Mara Hunger haben könnte.
Marc kam mit Louis erst gegen acht Uhr heim und trug noch Anzug und Krawatte, während ihr Sohn in seinen dreckverklebten Stollenschuhen gleich an seinem Vater vorbei durch die Haustür stürmte und seine Fußballtasche schwungvoll über den glatten Steinboden hinter sich herzog.
Leah schrie auf und eilte zu ihrem Sohn, der gegen sie gerannt wäre, hätte sie ihn nicht bei den Schultern gepackt und aufgehalten.
„Du lässt augenblicklich deine Sachen hier stehen und hörst auf unseren Fußboden zu zerstören! Und dann gehst du dir die Hände waschen. Na los!“
Louis knirschte mit den Zähnen und runzelte die Stirn, doch Leah hob fordernd die Augenbrauen, sodass ihr Sohn es vorzog, doch auf sie zu hören. Verdrossen ließ er den Gurt der großen Sporttasche von seiner schmalen Schulter gleiten und schlurfte zu dem kleinen Bad im Untergeschoss, um sich den rötlichen Staub des Fußballplatzes von den Händen zu waschen.
Leah seufzte, als sie die langen Dreckspuren im Eingangsbereich sah, beschloss aber sich nicht gleich darum zu kümmern, sondern erst einmal mit der Familie zu essen.
Marc war bereits in die erste Etage gegangen, um sich umzuziehen.
Sie verzog den Mund, sie hatte sich gewünscht er würde sie zur Begrüßung küssen, doch er hatte sie kaum angesehen.
Sicher hatte er einen harten Tag gehabt.
Seufzend wandte sie sich wieder zum Esszimmer, in dem Mara auf einem der hochlehnigen Stühle saß und gedankenverloren auf einem Blatt Papier herumkritzelte, während sie mit dem Buntstift immer wieder über dessen Ränder hinausschoss. Leah war froh an die Malunterlage gedacht zu haben, sie ersparte ihr einiges Schrubben.
Der Tisch war bereits gedeckt, Leah war ich etwas unsicher was genau sie tun sollte, während sie auf die beiden Männer in ihrem Leben wartete. Wirklich freuen konnte sie sich auf dieses Abendessen nicht. Louis schien von Tag zu Tag wortkarger zu werden, obwohl er eigentlich noch ein paar Jahre bis zur Pubertät hatte. Marc wurde meist ganz von Mara in Beschlag genommen, sodass es Leah kaum je möglich war ein richtiges Gespräch mit ihrem Mann zu führen. Und so saß sie meistens alleine über ihrem Teller mit Abendessen, schob die gesunde Rohkost darauf von einer Seite auf die andere und ging ihren Gedanken nach.
Leah ließ sich auf den Stuhl neben Mara fallen und blickte ihr wenig interessiert über die Schulter. Das Blatt war gefüllt mit dicken bunten Strichen, die zu Knäulen verworren und zu undefinierbaren Formen zusammenliefen. Wieder mal ein Bild für den Kühlschrank, dachte Leah und lächelte schwach.
Wenigstens war ihre Tochter kreativ und offenbar klug, das war doch etwas sehr Schönes.
Schritte polterten die Treppe herunter und nur wenig später bog Marc um die Ecke, jetzt in einer Jogginghose und einem weißen T-Shirt mit Rundhalsausschnitt.
Er sah für sein Alter wirklich sehr gut aus, das stellte sie immer wieder fest. Ihr Mann war groß und athletisch gebaut und schaffte es oft mit dem verschmitzten Ausdruck in seinen moosgrünen Augen, die denen ihrer Tochter so ähnelten, alle Sympathien für sich zu vereinnahmen. Ein wirklich charmanter Mann, der wohl auch in zehn Jahren noch einige Blicke auf der Straße auf sich ziehen würde.
Doch an diesem Abend war davon einmal mehr nur wenig zu sehen.
Er sah abgeschlafft und todmüde aus.
„Hallo Schatz.“, sagte er und küsste sie halbherzig auf den Scheitel, während er an ihnen vorbei in die Küche schlurfte. Seine Füße steckten in bequemen Hausschuhen.
Leah sah an sich hinab. Sie selbst trug noch immer eine Stoffhose und eine hellblaue Freizeitbluse, bei der sie die Arme hochgekrempelt hatte, um sie vor den unvermeidlichen Soßenflecken beim Kochen mit ihrer Tochter zu bewahren. Plötzlich kam sie sich fast schon zu schick angezogen vor.
Als Marc zurückkam fuhr er sich mit einer seiner großen Hände durch die ordentlich geschnittenen braunen Haare und streichelte Mara über ihr flaumiges Haar, die vergnügt quietschte.
„Wie geht es meinen beiden Frauen denn so?“, fragte Marc und ließ sich auf dem Stuhl nieder, der seiner Tochter gegenüberstand. Mara ließ augenblicklich ihren Stift fallen und holte tief Luft.
Leah wusste, was kommen würde und stand auf, um nach ihrem Sohn zu sehen, als das kleine Mädchen gerade begann von seinem tollen und natürlich spannenden Tag im Kindergarten zu erzählen.
Manchmal bewunderte sie ihren Mann für seine Geduld mit ihr, doch andererseits wusste sie natürlich, dass er deutlich weniger Zeit mit Mara verbrachte, als sie es täglich tat und sich wahrscheinlich wirklich über ihre Erzählungen freute. Natürlich musste er sich auch nicht mit anderen Müttern im Kindergarten und den täglichen Kleinkriegen der Kinder herumschlagen.
„Louis, kommst du essen?“ Ihr Sohn trat aus dem kleinen Bad im Eingangsbereich und schüttelte energisch den Kopf mit seinen langsam viel zu langen Haaren. „Bin oben. Ich telefoniere jetzt mit Leni!“ Er grinste.
Leah hingegen konnte nur den Kopf schütteln und wollte gerade etwas sagen, als das kleine Handy in der Hand ihres Sohnes auch schon zu summen begann. Er sprang augenblicklich auf und stürmte die Treppe hoch, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Leah seufzte schwer und spürte, wie eine bleierne Müdigkeit sich über sie legte.
Ein normales Gespräch zu führen war in diesem Haushalt einfach unmöglich.
Resigniert kehrte sie an den Tisch zurück und setzte sich. Marc war bereits dabei Gemüse auf den Tellern zu verteilen und sie nahm das Blatt, dem Mara nun keine Beachtung mehr schenkte, vom Tisch bevor sie auch die Buntstifte einsammelte. Ihre Tochter plapperte noch immer.
Seufzend blickte Leah auf ihr Gemüse, während sie langsam begann abzuschalten, anstatt sich Geschichten anzuhören, die zwar jeden Tag anders waren, aber jeden Tag gleich erzählt wurden. Geheucheltes Interesse war noch nie ihre Stärke gewesen.
Gerade als ihre Gedanken beinahe vollständig anderen Dingen zugewandt waren, sprach Marc sie plötzlich an: „Und wie war dein Tag Leah?“ Sie unterdrückte ein Seufzen und lächelte schwach.
„Es war okay. Und deiner?“
„Lang und hart, aber produktiv.“
Er lächelte und ihr wurde ein wenig wärmer ums Herz.
„Das ist schön. Und wann bist du das nächste Mal in Moskau?“
„Ich fürchte bald.“, gab er zurück und zuckte die Schultern.
„Papa!“, kreischte Mara, und verschaffte sich augenblicklich Gehör.
„Was ist denn mein Schatz?“, fragte er sanft.
„Ich war noch nicht fertig mit Erzählen!“, protestierte sie und schob die vollen Kinderlippen zu einem Schmollmund vor. Marc schien ein Seufzen zu unterdrücken und wandte sich mit einem entschuldigenden Blick wieder dem kleinen Mädchen zu. Leah sah auf ihren Teller und schwieg.
Nach dem unbefriedigenden Abendessen hatte es Leah sehr eilig gehabt beide Kinder zum Schlafen zu bringen, um endlich selbst ins Bett zu können. Sie sehnte sich nach etwas Nähe und ein paar Worten von ihrem Mann, ihr Tag war schließlich alles andere als schön gewesen. Aber das wollte sie einfach nur vergessen.
Sie stand minutenlang vor ihrem Kleiderschrank und zog schließlich ein roséfarbenes Seidennachthemd heraus, das ihre Kurven weich umspielte und ihnen schmeichelte. Auch wenn sie es ungern zugab, so zufrieden mit ihrem Körper zu sein wie sie es früher gewesen war, fiel ihr sehr schwer, doch darin fühlte sie sich zumindest ein wenig sexy.
Sie tappte zum Bett und setzte sich auf die beigefarbene Tagesdecke.
Der Raum war dunkel und zum ersten Mal an diesem Tag befand sie sich in absoluter Stille. Leah atmete tief ein und sog den angenehmen Geruch ihres sauberen Schlafzimmers ein.
Die Tür öffnete sich und Marc kam herein. Er schloss sie leise hinter sich, schließlich schliefen die Kinder auf derselben Etage und er wollte sie nicht wecken.
„Na meine Schöne?“
Sie sah ihn im Mondschein lächeln, während er zu ihr kam, und sich neben sie auf das Bett setzte. Seine Hand legte sich an ihre Wange und er küsste sie auf den Mund, dann rutschte er über die Decke auf seine Seite des Bettes und streckte sich darauf aus. Er gähnte lange und laut.
Leah verzog eine Sekunde lang die Lippen, dann rutschte sie zu ihm und legte sich in seinen ausgestreckten Arm. Marc sah zur Decke und hatte die Augen halb geschlossen.
Sie schluckte schwer, wohl wissend was dieser Ausdruck auf seinem Gesicht bedeutete.
Dennoch rückte sie langsam näher und küsste ihn auf die stoppelige Wange. Er lächelte und schlang den Arm um sie. „Ich will genauso mit dir einschlafen.“, murmelte er.
Leah runzelte die Stirn. Meinte er das ernst? Sie schob sich auf die Ellenbogen und beugte sich über ihn, während sie ihn erst sanft und dann etwas fordernder küsste.
Marc jedoch unterbrach den Kuss und zog sie wieder in seinen Arm, während er die Decke über sie beide zog. „Gute Nacht.“, flüsterte er, dann küsste er sie auf die Wange und gähnte erneut.
Leah klemmte in seinem Arm und starrte auf seine Brust. Es dauerte nur wenige Momente, bis sie sich sehr langsam und gleichmäßig hob und senkte. Ihre Augen brannten und sie zitterte in ihrem Seidennachthemd.
Es war diese Ablehnung, dieses Desinteresse. Er hatte nicht einmal zwei richtige Sätze mit ihr gesprochen und war dann einfach eingeschlafen. Es war ihr ohnehin fragiles Selbstbewusstsein, das in diesem Moment einmal mehr unwiderruflichen Schaden nahm.
Die Ablehnung ihres Mannes erlebte sie nicht zum ersten Mal. Es war nicht direkt offensichtlich, es war ein subtiles Gefühl. Wenn sie versuchte etwas Leidenschaft in ihr Leben zu bringen, dann lehnte er dies nicht gleich ab, doch er war nie wirklich bei der Sache. Seine Küsse waren fahrig und seine Berührungen nebensächlich.
Es war nicht wie früher, wo er die Finger nicht von ihr hatte lassen können und den Sex mit ihr wahrhaft genossen hatte. Wenn sie in letzter Zeit miteinander geschlafen hatten, was etwa einmal im Monat, oder manchmal seltener, vorkam, so hatte er ihr immer das Gefühl gegeben es schnell hinter sich bringen zu wollen. Er war nicht direkt gelangweilt oder nicht erregt, aber er war doch nicht wirklich engagiert, überließ ihr zumeist die Führung und beschränkte das Vorspiel auf ein wenig halbherziges Streicheln. Die Initiative ging ebenfalls fast ausschließlich von ihr aus, wenn sie denn überhaupt je Zeit fanden, einmal für sich zu sein. Ihr Sex war nie wirklich schlecht, aber doch oft unbefriedigend, weil die Leidenschaft schlichtweg fehlte. Es tat ihr weh, wenn er dabei stumm war, obwohl sie wusste, dass er durchaus laut sein konnte, wenn ihm etwas wirklich gefiel, und meistens dauerte ihr Sex auch nicht wirklich lange.
Danach machten sie sich so schnell wie möglich fertig und schliefen, schließlich mussten sie beide jeden Morgen früh aufstehen. Doch auch das tat oft einfach nur weh. Sie fühlte sich ignoriert und glaubte, dass sie nicht mehr anziehend genug für ihn war, wusste jedoch nicht im Geringsten, wie sie es ansprechen sollte. Wenn sie einmal versuchte das Gespräch auf dieses Thema zu lenken, machte er schnell deutlich, dass er schlichtweg müde von der Arbeit war und es nicht an ihr lag.
Doch das änderte nichts an ihren Gefühlen, an den Zweifeln, die sein Verhalten in ihr säte. Jede Zurückweisung war ein Schlag ins Gesicht.
Und der genaue Grund dafür spielte doch eigentlich keine Rolle. Vor nicht einmal allzu langer Zeit war er gerne ein wenig müder zur Arbeit gegangen, um dafür tollen Sex mit ihr zu haben. Sollten diese Zeiten nun tatsächlich für den Rest ihres Lebens vorbei sein? Und wie sollte sie diese Zurückweisungen denn nur ertragen?
So hatte sie sich ihre Ehe nicht vorgestellt.
Leah hatte Marc mit zwanzig kennengelernt, als sie gerade im Studium steckte und große Ideen und noch größere Pläne für die Zukunft gehabt hatte. Sie war ein lebensfroher, offener Mensch gewesen, jedes Wochenende auf einer anderen Party. Sie hatte viele Freunde gehabt und es geliebt immer etwas zu erleben. Neben dem Studium war sie immer mal wieder in unterschiedlichen Firmen tätig gewesen, um sich etwas dazu zu verdienen und ihre kleine Wohnung im Stadtzentrum Dresdens zu finanzieren.
Sie war keine gebürtige Dresdnerin, Gott nein, aber sie war in die Stadt im Osten gezogen, um möglichst weit weg von ihren Eltern zu sein. Damals war ihr Freiheitsdrang derart groß gewesen, dass sie nicht einmal die gelegentlichen kurzen Besuche ihrer Eltern hatte ertragen können. So war sie schließlich vom Frankfurter Umland nach Dresden gezogen, wo sie ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre aufgenommen hatte. Allerdings hatte sie dem Studium natürlich immer wieder weniger Beachtung geschenkt, als sie es vielleicht hätte tun sollen. Zu interessant waren die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten ihrer neugewonnenen Freiheit gewesen.
Auch Marc studierte zu dieser Zeit in Dresden, allerdings Finanzwesen, und war schließlich zur gleichen Zeit wie Leah für eine Investmentfirma tätig gewesen. Während Leah kleinere Aushilfstätigkeiten übernommen hatte, war er bereits fest in die Geschäftsprozesse integriert gewesen. Das hatte es den beiden zunächst schwer gemacht sich kennenzulernen, doch Leah war Marc aufgefallen, er sah sie über den Flur gehen, sah sie die Post aus seiner Abteilung abholen, sah sie mit einem der Firmenwagen Botendienste erledigen.
Kontakt konnte er nicht aufnehmen, schließlich war auch er noch nicht lange in seiner Position, und konnte es sich nicht leisten die Praktikantinnen zu verführen. Doch Marc hatte sich etwas in den Kopf gesetzt und, wie er nun einmal war, schaffte er es irgendwann sie anzusprechen.
Das war auf einer Party gewesen, die Leah zusammen mit einigen Freunden in deren WG organisiert hatte. Eine Party von der Art, bei der so viele Menschen kamen und gingen, dass niemand einen wirklichen Überblick darüber hatte, wer tatsächlich ein geladener Gast war und wer einfach Musik gehört und das Bier gerochen hatte.
Doch auch Marc war gekommen, und er war nur wegen ihr gekommen. Wie gesagt, er war ein sehr hartnäckiger Mensch – sicherlich einer der Gründe, weshalb er später so erfolgreich werden sollte.
Marc hatte sich den Weg durch die tanzenden Gäste gebahnt und war gleich in die Küche gekommen, wo Leah gestanden hatte, einen Drink in der Hand und umringt von einem Grüppchen Männer, die sie von der Arbeit kannte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht einmal gewusst, dass Marc existierte.
Er hatte sie auf die Schulter getippt, sie hatte sich umgesehen, und er hatte sie einfach umarmt, als würden sie sich Jahre kennen. Leah war betrunken gewesen, und hatte nicht genau gesehen, wer dort gekommen war, sodass sie es überrascht geschehen ließ.
Marc löste sich von ihr, hielt sie aber weiterhin an den Oberarmen bei sich, was ihm die skeptischen Blicke der umstehenden Männer einbrachte.
„Hallo.“, sagte er über den wirren Lärm hinweg und Leah nickte, musterte ihn zum ersten Mal in ihrem Leben bewusst.
Marc war damals eine beeindruckende Erscheinung gewesen, sehr groß und sportlich, mit mittellangen haselnussbraunen Haaren und wunderschönen grünen Augen. Leah hatte ihn auf Anhieb attraktiv gefunden, wusste jedoch noch immer nicht wo sie ihn einzuordnen hatte.
„Willst du was trinken?“, fragte sie. Marc nickte.
Dies würde der Abend sein, an dem die beiden zum ersten Mal miteinander schliefen, wobei beide nicht einmal wussten, wie der jeweils andere genau hieß.
Das erfuhr Leah für ihren Teil erst etwa eine Woche später, Marc erfuhr es am nächsten Tag, als er aus ihrer Wohnung kam und dabei einen Blick auf ihre Post werfen konnte.
Es hatte gut gepasst mit den beiden, einfach alles, und gerade Marc war sich schnell sicher gewesen, dass Leah eine Frau war die er auch seinen Eltern würde vorstellen können.
Nach einigen Wochen des Hin und Her, in denen sie ausnehmend viel Zeit in seinem Bett verbracht hatten, wurde es schließlich ernster, obwohl Leah nicht wirklich wusste, wie es dazu gekommen war.
Eigentlich hatte sie gar keinen Freund gewollt, war sie doch gerade erst ihrem behüteten Zuhause entkommen. Marc jedoch stellte sich als der Richtige heraus, um das zu ändern.
Er war charmant und charismatisch, warb um sie und im Bett harmonierten sie auf eine Art und Weise, dass es Leah fast schon Angst machte.
Marc stellte sie also seinen Eltern vor, Leah nahm ihn sogar mit in die feudale Stadtvilla ihrer Eltern und es dauerte nicht lange, bis sie in eine größere Wohnung in Dresden zogen. Marc war älter als Leah und vor ihr mit seinem Studium fertig, sodass er bereits einige Jahre arbeitete, als sie schließlich ihren Abschluss machte. Auch sie stieg danach in das Berufsleben ein, wobei auch sie schnell erfolgreich wurde.
Ihre gradlinige Art kam gut an und sie war attraktiv, das öffnete ihr schnell Türen, machte Marc aber auch zunehmend eifersüchtig.
Leah hatte nie einen Beweis dafür gefunden, aber er war in den Wochen und Monaten nachdem sie die Stelle angetreten hatte immer anhänglicher geworden, und, dass sie schließlich schwanger geworden war, kam ihm offensichtlich sehr recht.
Er hatte sie an sich gebunden, sie endgültig vom Markt genommen, wenn man so wollte. Es war natürlich nicht so gewesen, dass er sie gezwungen hatte, nein, sie hatte es ebenso gewollt, allerdings hatte sie danach zugeben müssen, dass sie nicht geglaubt hatte, dass sie tatsächlich so schnell schwanger werden würde.
Die Schwangerschaft stürzte sie nicht in Trauer, überraschte sie jedoch sehr und bremste ihre Karriere sehr schnell aus. Eine Frau, die mit Mitte zwanzig schwanger wurde, war gerade im Berufsleben angekommen und gleich wieder raus.
Finanziell war das kein Problem für die junge Familie gewesen, schließlich war Marc in seinem Unternehmen schnell aufgestiegen und verdiente so gut, dass er ohne Probleme als Alleinversorger fungieren konnte. Für seine schwangere Freundin war das in Ordnung, auch wenn es sie nervte den ganzen Tag alleine zu sein und herumzusitzen.
Sie heirateten wenige Monate nach der Geburt ihres Sohnes und es war eine sehr schöne Hochzeit, alles war so, wie Leah es sich gewünscht hatte. Doch es war natürlich schwierig, sie hatten ein kleines Kind, Marc arbeitete mit jedem Jahr mehr und Leah war immer öfter alleine, auch wenn sie schon bald wieder eine Halbtagsstelle annahm.
Und nun war da diese Sache mit dem Sex. Leah hatte es immer genossen mit ihrem Mann zu schlafen. Ja, mit den Kindern war es nicht immer leicht gewesen Zeit zu finden, aber sie hatten sich die Zeit immer genommen, die Kinder wussten, dass sie das Schlafzimmer ihrer Eltern nicht betreten durften, und so hatte sie es noch immer geschafft Zeit zu zweit zu verbringen.
Die Ablehnung ihres Mannes ertrug Leah jedoch mittlerweile seit fast einem Jahr, sie hatten nur noch selten bis gar keinen Sex.
Sie sprach manchmal mit ihren Freundinnen darüber, doch alles, was Frauen zu solchen Problemen zu sagen vermochten waren Dinge wie:
„Das ist das Problem, wenn man sich gehen lässt.“ und „Man muss sich einfach anstrengen, um das Sexleben spannend zu halten.“.
Sie jedoch ließ sich nicht gehen, nicht im Geringsten, und hatte ihr Sexleben niemals als langweilig empfunden. Und warum sollte sie sich überhaupt die alleinige Schuld geben? Im vergangenen Jahr hatte sie in der aufwendigsten Korsage auf dem Bett liegen können, er hatte sie nicht ignoriert, aber doch bestimmt zur Seite geschoben, um schlafen zu können. Sollte das etwa ihre Schuld sein?
Über ihre Probleme zu sprechen, war nutzlos gewesen. Marc sagte, er habe keine Lust, wenn er müde sei. Das verstand sie ja grundsätzlich, was sie jedoch nicht verstand war, dass er immer müde war und niemals Lust hatte.
Leah war am nächsten Morgen gerädert, auf ihren Bürojob hatte sie wenig Lust, zumal ihr Ehemann am Morgen verschlossen und still gewesen war. Sie hatten nicht noch einmal über den vorherigen Abend gesprochen, obwohl es an ihr nagte, was wieder einmal passiert war.
Marc jedoch schien schon vor langer Zeit den Sinn dafür verloren zu haben, wann seine Ehefrau verletzt oder traurig war. Das tat ihr weh, doch nach den vielen Jahren mit ihrem Mann, hatte sie sich abgewöhnt alles so ernst zu nehmen, wie sie es mit Anfang zwanzig getan hatte. Sie war immer eine starke Frau gewesen, doch in den letzten Jahren mit Marc, war sie noch kühler geworden, ließ noch weniger an sich heran.
Und so ging sie an diesem Tag weder gut noch schlecht gelaunt zur Arbeit und beschloss sich ablenken zu lassen.
Sie trat durch die Tür zum Großraumbüro, in dem sie halbtags für die Abrechnung zuständig war und ließ den Blick durch die Reihen ihrer Kollegen schweifen. Altbekannte Gesichter reckten sich ihr entgegen, mal mit einem Lächeln oder einem interessierten Blick, mal eher desinteressiert. Und das war in Ordnung, völlig sogar, man konnte schließlich nicht mit jedem befreundet sein.
Sie stellte ihre Handtasche auf ihren Schreibtisch und begrüßte Marie, ihre Kollegin, die ebenfalls nur halbtags im Büro war, und ihr gleich gegenübersaß.
„Guten Morgen!“, erwiderte diese ihren Gruß und lächelte herzlich.
Marie war eine kleine, eher stämmige Frau Ende dreißig mit rundem, gewöhnlichen Gesicht und einem unauffälligen Kleidungsstil. Ihre Haare waren dünn und braun, ihre Augen irgendwo zwischen grau und braun.
Alles an ihr war durchschnittlich, wenn man jedoch das Bild ihres Mannes auf ihrem Schreibtisch betrachtete, war klar, dass sie dafür den perfekten Mann gefunden hatte. Leah fand sich und ihre kleine Familie manchmal schon sehr durchschnittlich, doch gegen Marie, ihren Mann Rolf und die drei Kinder waren sie wie die Kardashians.
„Na, wie war der Yoga-Kurs gestern?“
Nicht, dass es Leah interessiert hätte.
„Oh, super! Und das passt so gut! Rolf ist Dienstagsabends immer Zuhause und kann auf die Kinder aufpassen! Und man muss ja wirklich auch mal etwas für sich tun!“
Marie zwinkerte. Leah lächelte milde. Das Einzige was Leah für sich tat, war die Kiste Weißwein, die sie jede Woche im Supermarkt kaufte.
„Das stimmt wohl.“ Marie plapperte noch ein wenig, während sie ihre Computer hochfuhren und Leah hörte mit einem Ohr zu, während sie in Gedanken wieder abschweifte und an ihre Probleme mit Marc dachte. Sie war mittlerweile sehr gut darin Interesse und Aufmerksamkeit vorzuspielen, sodass Marie nicht merkte, wie wenig ihr Gegenüber an ihren Ausführungen interessiert war. Ein gelegentlich eingeworfenes „Oh.“ oder „Ich verstehe.“ wirkte meist Wunder.
Es war erleichternd, als der Ressortleiter an ihren Tisch trat und Leah ansprach, die Leiterin der Abrechnungsabteilung war.
„Leah, guten Morgen!“
„Guten Morgen Stefan.“, sagte sie und lächelte angemessen.
„Hast du schon unseren neuen Mitarbeiter kennengelernt? Herrn Thiemeyer?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, sollte ich?“
„Ich sollte euch einander vorstellen, ihr werdet sehr eng miteinander arbeiten.“
Er lächelte, was seine Geheimratsecken sehr gut zur Geltung brache.
Sie nickte und zuckte die schmalen Schultern.
„Sicher.“
„Ich hole ihn her.“
Leah nickte. Diese belanglosen Gespräche langweilten sie mit jedem Tag mehr. Sie wandte sich ihrer Arbeit zu, blendete die Menschen aus, die sie anstrengend fand und nur bedingt ertragen konnte. Menschen, die in der Abrechnung arbeiteten schienen allesamt wirklich sehr seltsam zu sein.
Der neue Mitarbeiter wurde ihr in der Mittagspause vorgestellt und überraschte Leah mehr, als sie es zunächst zugeben wollte. Er war jünger als sie, Ende zwanzig schätzte sie, und größer, ungefähr so groß wie Marc es war. Seine Augen waren von einem strahlenden Eisblau, das einen Kontrast zu seinen dunkelblonden Haaren darstellte, die er in einem modernen Haarschnitt trug, oben lang, an den Seiten kurz rasiert. Unter Sakko kroch ein Tattoo hervor, das auf seinem Handrücken endete, ganz untypisch für einen Mitarbeiter dieser Firma. Sein Lächeln, als er ihre Hand schüttelte war charismatisch und kühl zugleich, doch es entging ihr nicht, dass er sie interessiert musterte. Interessierter als es ihr Mann in den letzten Monaten getan hatte. Doch sie war erwachsen und anders als andere Frauen dachte sie nicht gleich daran, wie seine Hände sich auf ihrer Haut anfühlen würden oder so etwas. Nein, sie war erwachsen und im Leben angekommen.
Sie ließ seine Hand los und lächelte kurz und matt.
„Sehr erfreut.“
Der junge Mann nickte, noch immer mit diesem Lächeln auf den Lippen.
„Wir können gerne „Du“ sagen, wenn Sie möchten.“, schlug er vor.
Leah nickte, für sie war es normal ihre Kollegen mit deren Vornamen anzusprechen.
„Sicher, ich bin Leah.“
„David.“
****
Leah kam an diesem Abend mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Haustür. Der Tag war erträglich gewesen, und Mara war gut gelaunt gewesen, schließlich hatte sie Geburtstag. Unentwegt plapperte sie von ihren Freunden im Kindergarten und was sie den ganzen Tag über gemacht hatte. Und das war in Ordnung, an diesem Tag war es tatsächlich in Ordnung, denn Leah hatte sich etwas vorgenommen. An diesem Tag würde sie ihren Mann verführen, würde ihn flachlegen.
Als sie durch die Tür trat, war Marc bereits da und streckte sogleich die Arme nach seiner kleinen Tochter aus. Er hatte ihr schon am Morgen gratuliert, doch wie immer freute er sich Mara zu sehen. Ihre Tochter quietschte und ließ ihren kleinen Rucksack mit den Disneyfiguren darauf auf den glatten Steinboden im Eingangsbereich fallen, dann stürmte sie auf ihren Vater zu, der Jeans und ein kariertes Hemd trug.
Leah mochte diese Kleidung an ihm, sie entsprach dem Marc, den sie vor Jahren geheiratet hatte.
Sie folgte ihrer Tochter und schloss die Arme um ihren Mann, als er Mara wieder abgesetzt hatte. Sie drückte ihre Lippen auf seine und fuhr mit den Fingern unter sein Hemd, strich am Bund seiner Hose entlang und knabberte sanft an seiner Lippe.
„Leah! Mara ist hier!“
Ihre Lippen lösten sich, sie blickte ihn fragend an, dann sagte sie leise, damit Mara im Wohnzimmer nichts hören konnte: „Es ist ja nicht so, als hätte ich dir gerade einen runtergeholt.“
Die Bitterkeit in ihrer Stimme war schneidend und kühl. Seine Worte taten weh, schnitten in ihre Seele.
Sie wandte sich ab und ging ins Wohnzimmer. Ihre eigentlich gute Laune war gedämpfter, doch sie war noch nicht völlig ruiniert, sicher war er schlichtweg überfordert.
Sie setzte ein liebevolles Lächeln auf und trat an ihre Tochter heran, die laut singend auf dem Sofa hockte und gedankenverloren die kleinen Beine baumeln ließ.
„Möchtest du Kuchen Mara?“
„Ja!“, frohlockte sie und lächelte ein bezauberndes, pausbäckiges Lächeln. Ihre Mutter schmunzelte nur und ging in die Küche, um den Käsekuchen aus dem Kühlschrank zu holen. Sie hatte den Kuchen gekauft, statt selber einen zu backen, die Zeit dafür hatte sie einfach nicht gefunden. Ihrer Tochter würde es nicht kümmern woher ihr Kuchen tatsächlich kam, solange sie nur ihre Geschenke bekam.
Es dauerte lange bis sie Mara endlich in ihr kleines Bett bringen konnte, denn nachdem sie ihren Kuchen gegessen hatte, waren ein paar befreundete Kinder aus der Nachbarschaft gekommen und hatten ihr Wohnzimmer einige Stunden lang belagert. Nachdem Louis wortkarg wie allzu oft heimgekommen war, hatte Marc sich auch noch um ihn kümmern müssen, sodass Leah alleine mit den fremden Kindern zurechtkommen musste.
Mara war am späten Abend dann noch immer sehr aufgeregt gewesen, hatte natürlich mit all ihren Geschenken spielen wollen und sich rigoros gegen das Zubettgehen gewehrt. Als sie schließlich doch in ihrem Bett gelegen hatte, war es natürlich notwendig gewesen, dass Leah ihr noch eine Geschichte vorlas. In Gedanken war sie jedoch nicht dabei, wie die Prinzessin gerettet wurde, sondern im Bett mit ihrem Mann. Sie stellte sich seine Hände an ihrem Körper vor, seinen warmen Atem auf ihrer Haut… Und hoffte, dass er bloß nicht müde sei.
In ihrem Innersten nagte die Angst vor einer weiteren Zurückweisung, vor einer Enttäuschung durch ihn, die ihr ohnehin fragiles Selbstbewusstsein weiter schädigen würde.
Sie stand auf und gab ihrer Tochter noch einen Kuss auf die Stirn, dann löschte sie das Licht und schloss die Tür vorsichtig hinter sich, bevor sie dem dunklen Flur zu ihrem Schlafzimmer folgte. Durch die Zimmertür ihres Sohnes ertönte gedämpft Musik und sie überlegte kurz ihn zu ermahnen, bevor sie dachte, dass es doch umso besser war, je weniger er hörte. Sie lächelte.
Leise öffnete sie die Tür zu dem größten Raum auf dieser Etage, nur um sie hinter sich zuzuziehen und abzuschließen. Marc war noch im Bad, das eine direkte Verbindungstür zu ihrem Schlafzimmer hatte.
Leah würde auch diese verschließen, um keine Störung durch neugierige Kinderaugen zu riskieren. Sie schlüpfte aus ihrem schlichten Wollkleid und hängte es auf einen Bügel, dann streifte sie sich auch die blickdichte schwarze Strumpfhose ab und steckte sie in eine der Schubladen. Zweifelnd zupfte sie an ihrem schwarzen Spitzenbody herum, den sie schon den ganzen Tag darunter trug.
Leah öffnete die Schublade wieder und zog noch ein Paar schwarze Seidenstrümpfe heraus, die sie sich rasch überstreifte.
Leise schloss sie die Schranktür und warf noch einen Blick in den Wandspiegel, fuhr sich durch die schulterlangen braunen Haare und schürzte die Lippen. In der Dunkelheit sah sie verrucht und geheimnisvoll aus, wie sie fand, nicht mehr wie die brave Hausfrau, die sie den Abend über gegeben hatte. Geschmeidig ließ sie sich auf die Tagesdecke des Doppelbettes gleiten und positionierte sich lasziv darauf.
Gerade als sie schon langsam unruhig wurde, die Position immer wieder änderte, öffnete sich die Tür des Badezimmers und ihr Mann kam herein. Er trug bereits nur noch Boxershorts und ein abgetragenes T-Shirt, war offenbar bereit schlafen zu gehen. Leah lächelte und musterte ihren Mann. Sein Blick drückte Überraschung, aber keine Ablehnung aus.
„Womit habe ich das denn verdient?“
Eigentlich gar nicht, dachte Leah, hielt sich jedoch zurück.
„Einfach so, weil du ein wunderbarer Ehemann bist!“ Sie lächelte.
Marc stand noch immer in der Tür, offenbar nicht sicher, was er tun sollte.
Leah beschloss die Initiative zu ergreifen und stand auf, sehr darauf bedacht sich anmutig und aufreizend zu bewegen, während sie an ihrem Mann vorbei zur Badezimmertür ging und den Schlüssel drehte. Dann wendete sie sich um und sah sich Marc direkt gegenüber, der zu ihr trat und seine langen Arme um ihren Körper schlang.
„Du siehst toll aus.“, raunte er in ihr Ohr, während seine Lippen sanft ihr Ohrläppchen streiften.
Sie glaubte zumindest, dass dies passieren würde, sobald sie sich umdrehte.
Was sie jedoch sah, als sie Marc in die Augen blickte, war Entrüstung.
Er trat einen Schritt von ihr weg.
„Du kannst es nicht lassen, oder?“
Seine Stimme war beherrscht und ruhig, doch sie hörte den schwankenden, wutschwangeren Unterton. Und sie verstand es nicht, konnte ihn nur mit offenem Mund anstarren, während sie abwehrend die Arme um ihren zitternden Körper schlang.
Sie war nicht fähig seine Reaktion zu verstehen, war nicht fähig nachzuvollziehen, wofür er sie strafte, warum er sie verletzte.
Marc starrte durch die sie umgebende Dunkelheit, musterte sie nicht, wie sie es erwartet hatte, sondern starrte ihr in die Augen, während sich eine senkrechte Falte in seine Stirn grub.
„W…Was…?“, setzte Leah an, doch ihre Stimme brach. Ihr Mann war niemand, der leicht in Zorn geriet oder nicht an sich halten konnte und, wenn sie sich für ihn Dessous angezogen hatte, um ihn zu verführen, so war er immer begeistert gewesen.
Unfähig sich seine Reaktion und den Zorn, den er mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlte, zu erklären, rollte eine einsame Träne über ihre Wange.
„Warum verstehst du nicht, dass ich meine Ruhe brauche? Bist du so darauf fixiert gefickt zu werden?“
Seine Stimme war kalt, schneidend und ließ Leah an die Tür hinter sich sinken.
Der Raum kam ihr nun sehr klein vor, viel zu eng, um sich darin aufzuhalten, erst recht zu zweit. Doch Marc stand vor ihr und glich einer Wand, die Gesichtszüge tief in seine sonst so weiche Haut gegraben. Es war Wut, vielleicht noch etwas anderes, aber vor allem Wut. Leah hatte in ihrem Leben niemals Angst vor ihrem Ehemann gehabt, in keiner Sekunde ihres jahrelangen Zusammenlebens hatte sie je gedacht er könne ihr ernsthaft schaden. Doch mit der Tür in ihrem Rücken und ihm vor sich schaltete sich an diesem Abend zum ersten Mal in ihrem Leben tatsächlich der in ihrer DNA verankerte Fluchtreflex ein.
„Gott, warum kannst du es nicht verstehen?“, keuchte Marc und wendete sich ab, was seine Frau heiße Luft aus ihren Lungen stoßen ließ. Er klang nun anders, viel ruhiger, doch sie fürchtete ihn noch immer, erkannte in ihm nichts von dem Mann, den sie noch vor kaum einer Minute hatte verführen wollen, mit dem sie bereits einen so großen Teil ihres Lebens geteilt hatte.
Sie wagte es nicht ihn anzusehen, starrte auf seine nackten Füße, die auf dem rauen Teppichboden umherliefen, während Marc zu sprechen begann: „Willst du mir damit zeigen, dass du mich verabscheust? Mich verabscheust dafür, dass ich ein Loser bin? Dafür, dass ich einfach keine Lust habe?“
Seine Kiefer mahlten, als er schwieg und eine tiefe Falte grub sich über seine Stirn bis zu Nasenwurzel.
Leah schüttelte nur den hängenden Kopf, teils aus Fassungslosigkeit, teils, um ihm zu widersprechen, konnte sie doch so wenig nachvollziehen, warum er ein solches Bild von ihr hatte. Es war ihr unmöglich ihn zu verstehen, nicht einer der Gedanken die er ihr unterstellte war ihr je gekommen.
„Marc bitte beruhige dich doch!“
„Beruhigen, Beruhigen! Das ist deine Lösung für alles! Hauptsache Ruhe und alles läuft nach Plan!“
Leah biss die Zähne aufeinander, ihr Kopf fuhr hoch. Ihre Angst schlug angesichts der scheinbar gebannten Gefahr rasch in Entrüstung um.
„Wann war ich jemals so?“, presste sie hervor, darauf bedacht ihn nicht wieder zu verärgern. Er zuckte die Schultern, wobei er sehr abwertend aussah.
„Seit die Kinder da sind.“
Marc lachte beinahe, während er es sagte. Leah zog eine Augenbraue hoch, doch statt zu reagieren, schwieg sie. Sie konnte sich denken, wohin dieses Gespräch führen würde, und das ertrug sie nicht.
„Ich gehe.“, sagte sie. Marc sah sie einen Moment an, dann setzte er sich auf das Bett und seufzte, seine Anspannung fiel in sich zusammen.
„Lass das doch. Können wir nicht reden wie normale Menschen?“
„Ich kann reden, aber du solltest erst einmal darüber nachdenken, was hier gerade vorgefallen ist. Gründlich darüber nachdenken.“
Nun war es die Schärfe ihrer Stimme, die das Dunkel durschnitt.
Leah wandte sich von der Szenerie ab und warf einige Sachen in eine kleine Reisetasche, die immer bereitstand, wenn jemand von ihnen für ein paar Tage verreisen musste. Dann verließ sie das Zimmer, ihren Mann würdigte sie keines Blickes, doch er versuchte auch nicht sie zurückzuhalten, was ihren Entschluss zu gehen nur weiter festigte.
Ihr Herz pochte unnatürlich schnell und es tat ihr weh, so weh.
Die Haustür flog hinter ihr zu, Leah begann mit raschen Schritten um ihr in der Einfahrt geparktes Auto herum zu gehen und drückte auf den Funkschlüssel. Als sie gerade die Kofferraumklappe ihres Golfs öffnete, sah sie ihren Nachbarn Christian, der mit seinem Golden Retriever an der Leine die Straße hinunter auf sie zukam. Leah schluckte, war sie doch nicht gerade versessen darauf in diesem Moment Smalltalk zu betreiben.
„Guten Abend Leah!“
Sie zwang sich zu lächeln, während sie beiläufig die Tasche in ihr Auto legte und den Kofferraumdeckel schloss.
„Guten Abend.“
Christian war groß und hatte breite Schultern, die jedoch nicht im Geringsten zu seinem mehr als gewöhnlichen Gesicht, den hellbraunen Haaren und den matten, braunen Augen passten. Als er seine hohe Stirn in lange Falten zog, wurde Leah klar, dass er keineswegs blind war, und sich wahrscheinlich denken konnte, was bei seinen Nachbarn in diesem Moment vor sich ging.
Dennoch fragte er: „Ist alles in Ordnung bei euch?“
Sie zwang sich zu lächeln.
„Aber sicher. Ich fahre für ein paar Tage zu meiner Mutter.“
„Ah.“
Er klang wenig überzeugt, beschloss aber offenbar, sich nicht weiter in die Probleme von Leah und ihrem Mann einzumischen.
„Na dann noch einen schönen Abend!“ Er wandte sich zum Gehen.
Eilig öffnete sie die Fahrertür und schwang sich hinter das Lenkrad.
Nun stand vollständig außer Frage, dass in der Nachbarschaft geredet werden würde. Kümmerte es Leah? Sie wusste es nicht recht, beschloss aber unter allen Umständen zu verschwinden.
Der Gedanke daran zu ihrem Mann in das gemeinsame Ehebett zurückzukehren war nicht erträglich und schmerzte, würde einer Kapitulation gleichen. Entschlossen startete sie den Motor, warf einen letzten Blick auf die menschenleere Straße, in der ihr Haus stand und stieß dann aus der Einfahrt, um mit hohem Tempo durch die Spielstraße zu fahren und Distanz zwischen sich und den schlimmen Abend zu bringen. Das Radio ihres Autos blieb stumm an diesem Abend, während sie zuerst ziellos immer weiter wegfuhr, bevor sie sich schließlich doch in die Richtung ihres Elternhauses wandte. Es fühlte sich an wie Aufgeben.
Ihre Mutter empfing sie warm und herzlich, fand jedoch keinen Zugang zu ihrer Tochter, die sich weigerte darüber zu sprechen, was vorgefallen war. Sie machte sich Sorgen, das war offensichtlich, doch Leah konnte nicht erzählen, was passiert war. Dafür zeigte Charlotte Weiland Verständnis, auch, wenn sie lieber erfahren hätte was vorgefallen war.
Als Leah an diesem Abend auf der großzügigen Ledercouch in dem hellen Altbau ihrer Eltern saß, hing sie Gedanken nach, die nicht mit ihrem Ehemann zusammenhingen. Der Abend hatte vieles in ihr aufgewühlt, doch sie dachte nur an ihre beiden Kinder, die wahrscheinlich noch immer nichtsahnend in ihren Betten schliefen und erst am nächsten Morgen fragend zu ihrem Vater schauen würden, der ihnen mit einem gestressten Ausdruck auf dem Gesicht irgendeine Geschichte auftischen würde. Sie waren zu jung, um verstehen zu können, dass eine Ehe Arbeit war, waren zu jung um wissen zu können, dass Dinge von denen man jahrelang glaubte, dass sie gut waren, am Ende vielleicht nur eine Fassade waren.
Auf der Arbeit war Leah wie immer. Sie war konzentriert, effizient, einfach gut, in dem was sie tat. Was vielleicht nicht schwer war, erledigte sie doch einen Job ohne viel Kreativität oder Persönlichkeit, doch ihr reichte, dass sie nun einmal gut darin war. Ihre Mitarbeiter schätzten sie, doch befreundet war sie mit niemandem. Am meisten sprach sie mit Marie, der Frau, die ihr gegenüber an einem Schreibtisch saß, auf dem allerlei bunte Zettel und Stifte, täglich wechselnde Naschereien und eine adäquate Menge an Nippes ihr Zuhause gefunden hatten.
Leah störte dieses Durcheinander nicht, auch wenn die einzige Dekoration auf ihrem Tisch ein Foto ihrer beiden Kinder war, dass in einem schlichten schwarzen Rahmen steckte. Sie sah es sich gern an, wenn sie gestresst war oder eine schwierige Aufgabe vor sich hatte.
Das Bild war vor zwei Jahren entstanden, mitten in einem der heißesten Sommer, den sie je erlebt hatte. An einem Sonntag waren sie mit den Kindern zu einem nahegelegenen See gefahren, wo die beiden mit ihren bunten Schwimmsachen und Sonnenmützen auf dem Kopf kreischend in das erfrischend kalte Wasser gesprungen waren.
Marc hatte das Foto geschossen, während er einen Arm um sie gelegt hatte und sie an sich gezogen hatte. Ein glücklicher, ein schöner Tag, wie sie ihn seitdem lange nicht mehr erlebt hatte. Dennoch erinnerte sie sich gerne an die Tage, in denen noch alles in Ordnung gewesen war, in denen sie nie daran gezweifelt hatte, dass ihr Leben genau so war, wie sie es immer gewollt hatte. In der letzten Zeit war sie sich dabei nicht mehr sicher gewesen.
Wann immer Leah an diesem Tag nach dem Streit mit ihrem Mann über den Tisch zu Marie sah, presste sie unwillkürlich die Zähne aufeinander. Hatte sie je so glücklich ausgesehen wie ihre Kollegin?
Leah konnte sich nicht erinnern, konnte sich mitunter kaum daran erinnern, wie sie am Morgen im Spiegel ausgesehen hatte.
Schlecht, da war sie sich sicher.
Es war gegen Nachmittag als David, der nun ihrem Team zugeteilt war, in einem marineblauen Anzug und braunen Lederschuhen, die sie nicht sehr geschmackvoll fand, in das Großraumbüro kam. Unter dem Arm trug er eine unauffällige Aktentasche aus Leder und einen dünnen Ordner, den er auf den Platz neben Leah fallen ließ.
„Hallo die Damen!“, begrüßte er sie lapidar und lächelte ein breites Lächeln, welches Leah recht sympathisch fand und als Pluspunkt für ihren neuen Mitarbeiter verbuchte.
Ein solch gewinnendes Lächeln hatte auch ihr Ehemann vor nicht allzu langer Zeit oft zur Schau gestellt.
„Hallo David.“, flötete Marie und strich sich eine Strähne hinter das kleine, fleischige Ohr. Täuschte sie sich, oder lächelte Marie noch ein Stück breiter als sonst?
Leah runzelte die Stirn, als sie Davids Antwort und dem daraufhin entstehenden Gespräch lauschte, dann verzogen sich ihre Lippen zu einem schmalen Lächeln. Unfähig ihre Belustigung über die zarten Annäherungsversuche ihrer Kollegin zu verstecken, stand sie rasch auf und verschwand in Richtung der kleinen Kaffeeküche am anderen Ende des Büros, um ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bringen. Die so glückliche, so zufriedene Marie, die ihr Leben über alles liebte und es niemals ändern wollte, flirtete mit dem neuen Kollegen, und das ohne rot zu werden. Eine Welle der Zuneigung zu diesen beiden Kollegen, die ihr doch so fremd waren, überfiel sie.
Ein kleiner, harmloser Flirt hatte es geschafft Leah zum Lächeln zu bringen, hatte wie ein frischer Windstoß für einen Moment ihre Gedanken aufgeklart und die dunklen Gewitterwolken der Vorahnung vertrieben.
Der Abend kam zu schnell für Leah. Sie fürchtete schon den ganzen Tag die Konfrontation, fürchtete, wie es weitergehen wollte und spürte gleichzeitig, was drohte. Die Kinder waren, anders als sonst, sehr ruhig gewesen, friedlich und fast schon liebenswert, sodass nicht einmal sie es geschafft hatten die Konfrontation ihrer Eltern in deren Schlafzimmer weiter hinaus zu zögern.
Leah hatte die Heftigkeit nicht kommen sehen, auch wenn ihre Begegnung mit Marc einige Tage zuvor bereits zutiefst verstörend gewesen war.
Leah war nach Hause gekommen, war sich ihrer Pflicht bewusstgeworden. Nicht Marc gegenüber, aber doch für Mara und Louis. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es einfach werden würde, dass nach dem gegenseitigen Ignorieren an diesem Tag tatsächlich alles beim Alten sein würde, doch die Ereignisse dieses Abends hatte sie sich in keiner ihrer Vorstellungen auch nur im Geringsten ausgemalt.
Hätte die Konfrontation an diesem Abend in einem anderen Raum des Haues stattgefunden, so wäre Leah mit großer Wahrscheinlichkeit taumelnd zu Boden gegangen, auf harte Fliesen oder einen der dünnen Teppiche im Haus aufgeschlagen und einfach liegen geblieben.
Im Schlafzimmer jedoch schaffte sie es mit Glück nur auf das Bett zu stürzen, während Marc sie anbrüllte. Kleine Speicheltropfen schäumten zischend aus seinem Mund hervor, trafen ihr glühendes Gesicht und brannten sich wie Gift in ihre empfindliche Haut.
Sie hatten nicht ein ruhiges Wort miteinander gesprochen, hatten nicht diskutiert, nicht einmal gestritten. Ihr Ehemann, der Mann, mit dem sie zwei Kinder hatte, der Mann mit dem sie seit Jahren zusammen war, hatte einfach den Raum betreten und zu schreien begonnen.
Welche Worte auch immer Leah sich zurechtgelegt hatte, sie kam nicht dazu auch nur ein einziges davon auszusprechen. Seine Stirn glänzte feucht, die starre rechte Hand, mit der er die Zimmertür hinter sich zuschlug, war zu einer Klaue gekrümmt und mit dicken Sehnen und Adern überzogen.
Die grotesk nach oben gezogene Oberlippe entblößte seine geraden, weißen Zähne, die im Mondlicht unnatürlich schimmerten. Sein Oberkörper war leicht nach vorne gebeugt, die Angriffshaltung eines verzweifelten Tieres, in die Ecke getrieben, und bereit sich an die letzte Chance zu klammern, die es sah.
Der Ausdruck in seinem Gesicht, dem Gesicht, das sie so oft geküsst und liebkost hatte in all den Jahren, war nicht unbedingt Wut. Es war ein animalischer Schmerz, der Furchen in seine sonst so glatte Haut grub, doch es war auch blinde Aggression.
„Du kleine Hure!“, war das erste, was ihr Mann ausspie, als er durch die Tür des Schlafzimmers in den Raum stolperte.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Leah, dass er betrunken sein musste, dass er taumelte, weil er vielleicht ein Glas Wein zu viel gehabt hatte. Dann jedoch, mit seinem zweiten Ausspruch, taumelte sie selbst zurück. Getroffen, verwundet, tödlich verletzt.
Mann am Boden!, hörte sie ihre fiktiven Kriegskameraden schreien, als sie haltlos auf das Bett zurücktaumelte, in dem er sie so oft zurückgewiesen hatte.
„Ich verabscheue dich!“, sagte er. Nur diesen Satz. Nur diese Worte, die wie scharfe Klingen in ihr Herz fuhren, sich in das weiche Fleisch gruben, und alles Leben heraustrennten.
Sie ließen Leah glauben, dass sie niemals wieder würde aufstehen können.
Wochen und Monate hatte sie damit verbracht zunächst enttäuscht, dann verletzt und schließlich wütend zu sein, doch eine solche Wut hatte zu keiner Zeit in ihr geruht.
Und niemals hatte sie geglaubt, dass Marc so fühlte, niemals hatte sie Anzeichen dafür entdecken können. Er war ein guter Mann. Er war geduldig, er war freundlich.
Aber nicht an diesem Abend.
Alles, was Leah herausbringen konnte war ein leises „Oh.“, während sie zitternd die Hände in die weiche Tagesdecke grub.
„Ich weiß alles. Alles einfach.“, presste er hervor, offenbar noch schlimmere Worte unterdrückend. Sie schüttelte ungläubig den Kopf, konnte dem, was er sagte, nicht folgen und riss die Augen noch weiter auf.
Was konnte sie auch sagen, wie konnte sie ihn besänftigen, wenn sie doch nicht einmal wusste, was ihn so erregt hatte? Sie rang mit sich, unschlüssig, was sie tun sollte, aber auch ängstlich, was er nun tun würde. Marc war in ihren Augen nicht fähig sie zu schlagen oder anzugreifen, doch sie hatte ihn nie so gesehen, wie in diesem Moment.
Alles war möglich, wenn er ihr ein solches Gesicht zeigte, in dem sie den Menschen, den sie besser als irgendwen sonst auf der Welt zu kennen glaubte, nicht wiedererkannte.
„Schau mich doch nicht so stumpfsinnig an!“, fauchte er und wandte den Blick ab, einen Ausdruck von Abscheu auf den männlichen Zügen seines Gesichtes.
„Ich… Ich weiß einfach nicht wovon du redest, Marc!“ Ihre Stimme war leise und unendlich rau, Tränen stiegen in ihre Augen.
Sein Kopf ruckte in ihre Richtung, seine Augen funkelten. Die großen Hände ballte er immer wieder zu Fäusten, löste sie wieder, verkrampfte sie erneut. Er sah wie ein Boxer kurz vor der letzten Runde eines langen Kampfes aus, irgendwo zwischen Verzweiflung und Siegeswille, gefangen in blinder Wut.
„Willst du mich für dumm verkaufen?“
Er lachte kurz und stoßweise, dann schüttelte er mit einem schiefen Lächeln den Kopf. Strähnen seines braunen Haares fielen in sein Gesicht, umrahmten all den Wahnsinn darin.
„Du bist eine Schlampe, mein Schatz.“, fügte er, nun grinsend, hinzu.
Leah fürchtete den Ausdruck in seinen sonst so lebhaften Augen, dieses tote, leere Starren jagte ihr Schauer über den Rücken. Unruhig wich sie zurück, schuf Distanz, während ihr Mann bewegungslos im Raum stand. Speichel glänzte feucht auf seinen Lippen. Sie suchte nach Anzeichen von Schmerz in seinem Gesicht, doch der fast verzweifelte Ausdruck des Schmerzes war mittlerweile blanker Wut gewichen.
Und das war es, was ihr eigentlich wirklich Angst machte.
Leah kannte diesen Ausdruck nicht an ihrem Mann, in diesem Moment war er ihr vollkommen fremd.
„Ich verstehe nicht was los ist!“, brachte Leah heraus, die Stimme leise, gebrochen. Sie war ahnungslos, was seinen Zorn so erregt haben könnte. Ohne sich einer Schuld bewusst zu sein sah sie zu ihm auf.
Marc kam einen Schritt auf sie zu, das Gesicht zu einer hässlichen Grimasse des Zorns, nein, des Wahnsinns, verzerrt.
„Du hast mich betrogen.“
Seine Worte gruben sich scharfkantig in ihre Eingeweide, sie schnappte hörbar nach Luft.
„Ich habe nicht…“
„Wage es bloß nicht jetzt zu lügen!“
Marc brüllte, Speichel flog. Leah sprang zurück, spürte den harten Widerstand der Wand im Rücken, als sie dagegen prallte.
„Ich habe keine Ahnung wovon du sprichst!“
Auch Leahs Stimme war nun lauter, doch sie zitterte, wankte mit den heißen Tränen, die in ihr aufstiegen. Sie hatte nichts gemacht. Sie war niemals auch nur auf den Gedanken gekommen, einen anderen Mann in ihr Bett zu lassen. Sie war eine gute Ehefrau.
Einen Moment lang glaubte sie, Marc würde sie einfach anspucken, sie schlagen, oder bei den Haaren packen. Doch er lachte. Er lachte laut und grausam.
Leahs Wangen brannten. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal geweint hatte, doch in diesem Moment traten die heißen Tränen über die Schwelle ihrer Lider und flossen lodernd über ihre Wangen.
„Marc, bitte erkläre mir doch was los ist!“
Ihre Stimme war nun flehend.
So sehr seine harten Worte sie verletzt hatten, so sehr ängstigte sie sein Schweigen.
Marc lachte nicht mehr.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich weiß einfach, dass du dir längst Ersatz für mich gesucht hast.“
Leah legte unwillkürlich den Kopf schief, schlang die Arme um ihren zitternden Oberkörper.
„Ich habe keinen Ersatz für dich!“
Sie sprach nun sehr leise, fast zärtlich. Eine kaum sichtbare Veränderung ging in dem Gesicht ihres Mannes vor. Der Schmerz flackerte für einen Moment auf, dann war wieder nur Zorn zu sehen.
Das dunkle Zimmer glühte förmlich unter seinem Hass.
„Ich weiß es Leah!“
Wieder Schmerz. Er wandte sich ab.
„Höre mir doch bitte zu! Wer auch immer dir so etwas erzählt, der kennt mich nicht! Marc, ich…“
Ihre Stimmer brach, schluchzend schlug sie die Hand vor den Mund.
Er schüttelte den Kopf, noch immer von ihr abgewandt.
„Ich weiß es einfach. Geh jetzt.“
Scharf sog sie Luft ein, begann rascher zu atmen.
„Ich habe nichts getan! Wie könnte ich auch? Du bist mein Ehemann.“, brachte Leah hervor.
Marc kämpfte sichtlich mit seiner Wut, immer wieder sah er sie kurz an, dann wandte er den Blick wieder ab und ging einige Schritte durch das Schlafzimmer, während er weiterhin eine kühle Distanz wahrte. Leah litt unter ihrer Ahnungslosigkeit. Marc gab nicht preis, was genau er zu wissen glaubte, was irgendjemand ihm anscheinend über sie erzählt hatte.
„Sprich mit mir.“
Ihre Stimme war sanft, doch die Angst schwang darin mit.
„Du warst weg.“, stellte er fest.
Leah zog die Augenbrauen hoch.
„Ich war bei meinen Eltern! Du hast mich zurückgewiesen!“
Sie war einfach nicht imstande noch mehr zu sagen. Ihr Hals fühlte sich rau und heiß an, salzige Tränen trockneten auf ihren Wangen.
„Ich habe dich nicht zurückgewiesen.“
Marc prustete verächtlich und fixierte sie mit hartem Blick.
Leah kämpfte aufsteigende Entrüstung nieder, wissend, dass sie damit nichts bezwecken konnte. Zu sehr war er in dem Moment gefangen, viel zu überzeugt war er von seiner eigenen, persönlichen Wahrheit.
„Doch, das hast du.“
Er wandte sich schwungvoll ab, starrte aus dem Fenster ihres Schlafzimmers in die meterdicke Dunkelheit. Er ging in die Defensive.
„Ich arbeite hart. Ich bin müde, wenn ich heimkomme, dann noch die Kinder, …“
Er verstummte, während ihm offenbar bewusstwurde, dass er sich rechtfertigte. Eine senkrechte Falte grub sich in seine Stirn.
„Warum soll ich denn überhaupt schuld sein?“, keifte er mit zurückgewonnener Heftigkeit.
Leah musste sich einen Moment sammeln.
„Ich habe dich nicht betrogen.“, brachte sie leise hervor.
„Ich weiß es!“
Marc lachte abfällig und harsch auf, dann fuhr er fort: „Dein neuer Kollege scheint dich ja auf den ersten Blick überzeugt zu haben!“
Neben all der Bitterkeit hörte sie den aufbrandenden Schmerz in seiner kratzigen Stimme. Schmerz, der ihren Empfindungen nicht im Ansatz gerecht werden konnte. Warum nur war Schuld stets leichter zu beweisen, als Unschuld es war?
„Wie kann ich dir zeigen, dass ich nicht lüge? Was kann ich tun?“,
presste sie zitternd hervor, getroffen von all der Verachtung in seinem stechenden Blick. Neue Tränen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche.
Marc schüttelte nur den Kopf.
„Ich habe Fotos gesehen.“
Leah war unschuldig. Sie wusste es, doch Marc war nicht bereit ihr zu glauben. Er bestand darauf Fotos gesehen zu haben. Fotos, die nicht existieren konnten, die es nicht gab.
Sie starrte auf ihre einfachen Turnschuhe.
Es konnte nicht lange dauern, bis ihre Mutter kam. Fahren konnte sie nicht, ihr Zustand war nach den Vorwürfen und dem Schmerz des Abends viel zu schlecht.
Die Haut in ihrem Gesicht spannte sich unangenehm, gereizt von Tränen und der Hitze ihrer Verzweiflung. Sie war unfähig selbstbestimmt zu handeln. Ihre Mutter anzurufen war nicht ihre, sondern die Idee ihres Mannes gewesen. Das hatte ihn jedoch nicht daran gehindert sie vor die Tür zu setzen. Keines ihrer Kinder war aufgestanden und hatte nachgesehen, was vor sich ging, obwohl ihr Streit so laut gewesen war, dass ihre Worte auch in den angrenzenden Kinderzimmern zu hören gewesen sein mussten.
Es störte sie nicht, dass sie nicht auch noch fragende Kinderstimmen und schrilles Geschrei hatte ertragen müssen, dennoch verstörte es sie zutiefst, dass sie vor der Tür ihres vertrauten Heimes saß, hinausgeworfen von dem Mann, mit dem sie Jahre ihres Lebens geteilt hatte, und die Menschen, die ihr neben ihm am meisten auf der Welt bedeuteten, keine Notiz davon nahmen.
Das Haus, in dessen Einfahrt sie saß, war ihr Zuhause. Es war Freitagnacht und unter ihr brannte der Asphalt vor Kälte, drang über ihre Beine auch in die letzten Winkel ihres Körpers. Leah machte sich nicht die Mühe aufzustehen, scherte sich nicht darum, was eine Mutter von ihrer Tochter denken mochte, die mitten in der Nacht vor ihrem eigenen Haus auf der Straße saß, eine kleine, hastig gepackte Reisetasche vor sich.
Würde sie Mara in vielleicht dreißig Jahren in genau derselben Position sehen? Es war immerhin möglich.
