Eine Katze hinter den Kulissen - Lydia Adamson - E-Book

Eine Katze hinter den Kulissen E-Book

Lydia Adamson

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Beschreibung

Weihnachten in New York. Alice Nestleton, Detektivin mit einer Vorliebe für Katzen, findet endlich Zeit, sich eine Ballettaufführung anzusehen. Doch hinter den Kulissen kommt es zu einem mysteriösen Zwischenfall. Der vormals gefeierte russische Tänzer Peter Dobrynin, der nun als Vagabund umherzieht, wird erschossen. Als ihre Freundin Lucia verdächtigt wird, schaltet Alice sich ein. Ein wahrer Alptraum beginnt: Unter den Obdachlosen der Stadt sucht sie nach dem Mörder - und begegnet der ungewöhnlichsten Katze von ganz New York.

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Über Lydia Adamson

Lydia Adamson ist das Pseudonym einer bekannten Krimiautorin. Bisher im Aufbau Taschenbuch Verlag erschienen: »Eine Katze kommt selten allein«, »Eine Katze macht Theater«, »Eine Katze im Wolfspelz«, »Eine Katze bittet zum Tee«, »Eine Katze hinter den Kulissen«, »Eine Katze sitzt im Glashaus«, »Eine Katze schlägt den Takt«, »Eine Katze tanzt aus der Reihe«, »Eine Katze ist kein Engel«, »Eine Katze lädt zur Weihnachtsgans«, »Eine Katze auf dem Laufsteg«, »Eine Katze kommt selten allein«.

Informationen zum Buch

Weihnachten in New York. Alice Nestleton, Detektivin mit einer Vorliebe für Katzen, findet endlich Zeit, sich eine Ballettaufführung anzusehen. Doch hinter den Kulissen kommt es zu einem mysteriösen Zwischenfall. Der vormals gefeierte russische Tänzer Peter Dobrynin, der nun als Vagabund umherzieht, wird erschossen. Als ihre Freundin Lucia verdächtigt wird, schaltet Alice sich ein. Ein wahrer Alptraum beginnt: Unter den Obdachlosen der Stadt sucht sie nach dem Mörder – und begegnet der ungewöhnlichsten Katze von ganz New York.

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Lydia Adamson

Eine Katze hinter den Kulissen

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Julia Schade

Inhaltsübersicht

Über Lydia Adamson

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Impressum

1

Versetzen Sie sich in eine Aufführung des Balletts Der Nußknacker: Stellen Sie sich die Musik vor, die Kostüme, die festliche Atmosphäre.

Diese Vorstellung findet am Heiligen Abend im Lincoln Center statt, es tanzt das New York City Ballet.

Gibt es ein Ereignis, das typischer für die ungeheure Weihnachtsfreude in Manhattan ist?

Das möchte ich bezweifeln.

Aber was machte ich eigentlich da, in einer Loge im ersten Rang, mit fünf Kindern?

Ja, Sie können gerne nachzählen. Fünf Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren. Kathy, Laura, Stephen, Edward und ein Kind, das Ada oder Dada oder Sadie hieß.

Ich war hier, weil ich in einer Anwandlung von Prahlerei einer Catsitting-Kundin gegenüber damit angegeben hatte, daß ich gute Plätze für den Nußknacker bekommen könne, wann immer ich wolle.

Mrs. Timmerman machte große Augen, als sie das hörte. »Aber wie denn?« fragte sie.

»Eine Freundin von mir ist dort ein ziemlich hohes Tier«, gab ich geheimnisvoll zurück.

Diese Freundin gab es wirklich. Lucia Maury arbeitete in der Verwaltung des Lincoln Centers für darstellende Künste. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Reisen des New York City Ballets zu organisieren, wenn die Truppe auf Tournee ging. Ich kannte Lucia seit mehr als zwanzig Jahren. Wir waren Zimmergenossinen gewesen, damals, als wir beide gerade nach Manhattan gekommen waren, sie, um zu tanzen und ich, um die Schauspielschule zu besuchen. Wir waren seither immer in Kontakt geblieben, und einer der Gründe dafür war unsere gemeinsame Leidenschaft für Maine-Coon-Katzen. Lucia hatte früher einen wundervollen Maine-Coon-Kater namens Splat gehabt, der vor drei Jahren gestorben war. Sein Tod hatte sie so sehr mitgenommen, daß sie sich nie wieder eine Katze angeschafft hatte. Lucia war eine sehr gute Tänzerin gewesen, bis sie sich eine Verletzung am Knie zuzog. Und seit sie in der Verwaltung des Lincoln Center tätig war, hatte sie mir immer wieder Karten angeboten. Ich hatte meistens abgelehnt.

Der einzige wunde Punkt in unserem Verhältnis war die Tatsache, daß ich schrecklich eifersüchtig auf sie war – wenn sie tanzte. Wie so viele Schauspielerinnen habe auch ich diesen Minderwertigkeitskomplex Ballettänzern gegenüber. Sie sind einfach wundervoll! Und sie tun genau das, was wir alle gerne tun würden, aber nie erreichen werden.

Jeder, der kurz vor dem Beginn einer Ballettvorstellung schon einmal hinter der Bühne war, wird wissen, was ich meine. Die Tänzer unterhalten sich über alles mögliche, von Liebhabern über Einkaufstips bis zum Wetter. Manche machen Dehnübungen, andere schminken sich.

Plötzlich fängt das Orchester an zu spielen, und ein paar Sekunden später geht der Vorhang auf.

Eine Tänzerin, die noch einen Augenblick zuvor aus Langeweile an einem Fingernagel gekaut hat, wirbelt auf die Bühne und vollführt mehrere großartige Sprünge und Pirouetten.

Plötzlich bleibt sie vorn am Bühnenrand stehen, verbeugt sich anmutig und zufrieden und gleitet dann weiter über die Bühne, als ob das gar nichts wäre.

In ganz kurzer Zeit ist die Tänzerin aus einem Zustand völliger Ruhe in Ekstase geraten, mit plötzlichem Verharren: ein diszipliniertes Feuerwerk aus Körperkontrolle und Anmut.

Wie sollte eine Schauspielerin also nicht eifersüchtig auf eine Ballerina sein?

Aber um es kurz zu machen: Mrs. Timmerman ging mir an diesem Tag auf die Nerven. Sie redete in einer Tour über ihr Landhaus in Dutchess County, doch daß sie sich entschlossen hätten, dieses Jahr das Weihnachtsfest in Manhattan zu verbringen, damit die Kinder einmal »Weihnachten in der Stadt« erleben könnten. Und abgesehen davon könne Belle, die Katze, das Landleben sowieso nicht ausstehen.

Sie redete und redete und mir blieb nichts anderes übrig, als höflich zuzuhören. Je länger sie erzählte, desto gereizter wurde ich. Und irgendwann erwähnte ich ganz beiläufig, daß ich alle möglichen Theater- und Ballettkarten bekommen könnte, auch die für die Vorstellung des Nußknackers am Heiligen Abend. Das war meine Art, ihr zu zeigen, daß ich zwar Catsitterin war, aber noch ein anderes Leben führte, ein Leben auf einem kulturell viel höheren Niveau als ihres, egal, wie reich sie war.

Das war ein bißchen übertrieben. Normalerweise bin ich nicht so kleinlich. Aber die Weihnachtszeit in New York ist immer so eine Sache, auch für ein Bauernmädchen aus Minnesota, das schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in Manhattan lebt. Und meine Unterhaltung mit Mrs. Timmerman fand neunzehn Tage vor Heiligabend statt.

Um meine dumme Bemerkung zu relativieren, bot ich ihr an, die Karten zu besorgen und die Kinder in die Vorstellung zu begleiten. Alle waren hellauf begeistert, außer Belle, der Katze, und mir.

So war es also dazu gekommen, daß ich am Heiligen Abend mit einer ganzen Horde Kinder im Nußknacker saß, auf einem teuren Logenplatz des Staatstheaters, mitten in der ganzen weihnachtlichen Pracht aus Lichtern, Farben, Musik und Phantasie.

Um ehrlich zu sein, Tschaikowski hat mir nie besonders gelegen, und so ließ ich schon nach der ersten Szene meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen und versuchte, mir vorzustellen, wie die erste Aufführung des Nußknackers in den Vereinigten Staaten wohl ausgesehen haben könnte. Sie hatte 1940 stattgefunden, als ich noch gar nicht geboren war, in der alten Metropolitan Opera. Das Ballet Russe aus Monte Carlo hatte getanzt. Alicia Markova war die Zuckerfee gewesen und André Eglevsky Prinz Florestan.

Aber es gelang mir nicht, die Inszenierung vor meinem inneren Auge heraufzubeschwören, und so döste ich einfach ein wenig. Meine Schäfchen waren dagegen völlig gebannt. Im Halbschlaf sah ich meine beiden Katzen Bushy und Pancho vor mir, wie sie für eine Aufführung des Nußknackers probten, in der alle Partien von Katzen getanzt wurden.

Ich öffnete meine Augen in dem Moment, als auf der Bühne gerade der Mäusekönig von der Prinzessin zur Strecke gebracht wurde.

Die Tür zu unserer Loge war einen Spalt breit geöffnet worden.

Lucia Maury stand da. Ich hatte gar nicht gewußt, daß sie auch in der Weihnachtsvorstellung sein würde. Sie hatte es nicht erwähnt.

Sie rührte sich nicht. Sie hielt einen Finger vor den Mund, um mir zu bedeuten, daß die Kinder ihre Anwesenheit nicht bemerken sollten. Es war ziemlich sonderbar.

Dann winkte sie mit der Hand.

Ich ging hinaus. Die Kinder waren viel zu fasziniert von dem Ballett, um überhaupt zu bemerken, daß ich weg war.

In dem Moment, als ich aus der Loge kam und leise die Tür hinter mir schloß, wurde mir klar, daß Lucia in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte. Sie krümmte ihren mageren, knochigen Körper, und sie war sehr blaß. Sie hatte die langen Ärmel ihres hübschen schwarzen Kleides bis über die Ellbogen aufgekrempelt, als ob sie körperliche Arbeit verrichten wolle.

»Lucia! Was ist los?«

Sie wollte antworten, brach aber in Tränen aus. Sie schluckte sie herunter, griff meinen Arm und zog mich den Gang entlang.

Gelangweilte Platzanweiser starrten uns an. Die Musik von drinnen war nur noch ganz leise zu hören.

Sie schleifte mich durch das Foyer im Halbgeschoß, an der Bar vorbei, wo schon alles für die Pause vorbereitet war, und durch eine Glastür hinaus auf den Balkon.

Es war kalt. Ein kräftiger Wind wehte. Die ganze Stadt war festlich erleuchtet. Die Fontäne unten auf der Plaza sah wundervoll aus. Ich konnte die Glocken der Heilsarmee-Weihnachtsmänner auf dem Broadway hören.

Zuerst dachte ich, wir beide wären die einzigen Menschen auf diesem windigen Balkon.

Aber dann sah ich am westlichen Ende vor der Wand eine kleine Gruppe von Leuten. Mindestens zwei davon waren Polizeibeamte.

Lucia fing an zu zittern. Ungefähr anderthalb Meter vor der Gruppe blieb sie stehen.

Plötzlich wußte ich, warum wir hier waren.

An die Wand gelehnt saß ein Penner ohne Schuhe.

Seine leuchtend blauen Augen waren weit aufgerissen.

Ich wollte eigentlich meinem Ärger Luft machen, daß sie mich auf einen eiskalten Balkon geschleppt hatte, nur um mir einen Betrunkenen zu zeigen. Schließlich gab es Hunderte von dieser Sorte in der Umgebung des Lincoln Center.

Aber dann fiel mir an diesem Betrunkenen noch etwas auf, abgesehen von der Tatsache, daß er wunderschöne Augen hatte und im Dezember keine Schuhe trug.

Der Mann hatte ein Loch in der Stirn. Ein kleines, ausgefranstes Loch.

Der Mann war tot. Das Loch stammte von einer Kugel.

»Das ist Dobrynin, Alice«, sagte Lucia. »Dobrynin!«

Hatte Lucia sie noch alle?

»Meinst du etwa Peter Dobrynin?«

»Ja! Ja! Ja!« flüsterte sie völlig außer sich. »Es ist Peter!« Ihre Finger krallten sich so fest in meinen Arm, daß ich vor Schmerz aufschrie. Einer der Polizisten drehte sich um und schaute mich an.

Peter Dobrynin? Ich blickte noch einmal auf den toten Mann ohne Schuhe. Wie war das möglich?

Peter Dobrynin war vor drei Jahren aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Der gefeiertste Ballettänzer seit Nijinsky hatte sich zurückgezogen. Es gab alle möglichen Gerüchte und Spekulationen: Er machte einen Drogenentzug in einer Klinik. Er war in ein Kloster in Vermont eingetreten. Er war in einer Irrenanstalt gelandet. Niemand wußte, was wirklich aus ihm geworden war.

Aber was für einen Eindruck hatte dieser Mann, der im Kirow-Ballett ausgebildet worden war, in der Welt des Tanzes gemacht, bevor er verschwunden war! Er war größer, beeindruckender und dramatischer gewesen als Baryshnikow, technisch perfekter und musikalischer als Nurejew. Seine Partien in Giselle und Feuervogel hatten ihn zum neuen Star des amerikanischen Balletts gemacht.

Und auch in seinem Privatleben war Dobrynin ebenso spektakulär gewesen wie auf der Bühne: als Liebhaber, Raufbold, Ausgeflippter, Junkie, Trinker, auf den Partys des Jet-set und in den angesagten Clubs in Harlem. Er war ständig völlig durchgedreht.

Lucia wollte mich wegziehen, aber ich widerstrebte. Ich konnte meine Augen einfach nicht von der Leiche wenden.

War dieses Wrack von einem Mann wirklich einmal der gefeierte Tänzer Dobrynin gewesen?

Eine Bö wehte über die offene Betonfläche, und mich schauderte. Schießlich war immer noch Weihnachten in New York.

2

Lucia verbrachte die Nacht auf meinem Sofa. Aber auch nach zwei Tassen heißen Tees mit Zitrone und Brandy konnte sie nicht schlafen.

Ich hörte sie herumlaufen und weinen, und gegen zwei Uhr morgens nahm ich mein Bettzeug und ging ins Wohnzimmer, um in ihrer Nähe zu sein. Es war ziemlich hart auf dem Boden, und mein Maine-Coon-Kater Bushy war nicht gewillt, sich von dem Kopfkissen auf meinem Bett zu erheben und mir bei meiner Wache Gesellschaft zu leisten.

Pancho, mein anderer Kater, der niemals mehr als vierzig Sekunden in einem zu schlafen scheint und ständig auf der Flucht vor imaginären Feinden ist, blieb mehrmals kurz stehen, um mich zu beschnüffeln. Dafür war ich dankbar.

Gegen vier Uhr fiel Lucia endlich in einen tiefen Schlaf.

Um neun Uhr morgens schlief sie immer noch fest. Ich ging hinunter, um die Zeitung und Croissants zu kaufen. Es war schließlich Weihnachten.

So früh am Morgen war die Straße menschenleer – über allen Wipfeln ist Ruh, würde der Dichter sagen. Gott sei Dank war die französische Bäckerei geöffnet. Mit dem Wechselgeld zog ich eine Ausgabe der Daily News aus einer dieser blöden Automatenkisten und büßte dabei nur zehn Cent ein.

Als ich gerade Kaffee machte, hörte ich, daß Lucia sich rührte.

»Ich habe mich letzte Nacht angestellt wie ein kleines Kind. Es tut mir leid, Alice. Aber das war alles zuviel für mich. Und jetzt verderbe ich dir die Feiertage.«

Sie stand vor meiner winzigen Küche. Es war sonderbar, wie ihr kleiner, fester Ballerinenkörper gealtert war. Ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen war immer noch mager und die Konturen fest. Lucia trug ihr halblanges, sandfarbenes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie sah aus, als ob sie gleich an der Ballettstange trainieren würde.

»Ich freue mich, daß du hier bist, von den Umständen einmal abgesehen«, sagte ich. Früher hatten wir uns häufig gegenseitig besucht. »Und außerdem weißt du doch, daß ich mir noch nie viel aus Weihnachten gemacht habe.«

Sie nickte ruhig und half mir, den Kaffee und die Croissants ins Wohnzimmer zu tragen. Bushy war endlich aufgewacht und hatte seinen großen Morgenauftritt gehabt. Jetzt beschnupperte er Lucia gründlich und dachte wahrscheinlich darüber nach, wie lange er wohl brauchen würde, um sie zu seiner Sklavin zu machen.

Wir lasen den Artikel in der Daily News gemeinsam, als wir ihn endlich gefunden hatten. Auf den ersten beiden Seiten der Weihnachtsausgabe waren nur Frieden-auf-Erden-Geschichten, Weihnachtsmänner und glückliche Familien. Betlehem, bewacht von schwer bewaffneten israelischen Soldaten; Archivfotos von der Mitternachtsmesse in der St. Patrick’s Cathedral; Krippenspielszenen aus irgendwelchen Vororten. Peter Dobrynins Tod war auf der fünften Seite gelandet.

TOD EINES TÄNZERS lautete die fettgedruckte Schlagzeile.

Den Artikel zierten mehrere Fotos von Dobrynin in seinen berühmtesten Rollen und ein einzelner, kleiner Schnappschuß von der Bahre, auf der die abgedeckte Leiche in einen wartenden Krankenwagen gebracht wurde.

Zwischen den Fotos erläuterte eine umrahmte Textpassage noch einmal den kometenhaften Aufstieg Peter Dobrynins in der Welt des Tanzes – und seinen ebenso kometenhaften Fall.

Der Text war kurz und sachlich.

Der gefeierte Ballettänzer Peter Dobrynin wurde letzte Nacht erschossen im Staatstheater im Lincoln Center aufgefunden, während das New York City Ballet gerade seine traditionelle Weihnachtsvorstellung von Tschaikowskis Nußknacker gab. Der tote Dobrynin trug keine Schuhe.

Angestellte des Lincoln Center glaubten zunächst, der Tote sei ein Obdachloser aus der Umgebung, dem es gelungen war, unbemerkt das Theater zu betreten. Aber mehreren Besuchern des Balletts fiel die Ähnlichkeit zwischen dem Toten und Dobrynin auf, der sich in den letzten Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Diese Identifizierung wurde später bestätigt.

Die Polizei gab bekannt, daß das Tatmotiv noch ungeklärt ist. Es gibt derzeit noch keine Verdächtigen oder Tatzeugen. Die Tatwaffe ist noch nicht gefunden worden. Nach Aussage der Polizei ist Dobrynin höchstwahrscheinlich während der Anfangsszenen des Balletts auf dem Balkon des Theaters erschossen worden.

Ende der Geschichte. Offenbar war die Zeit zu knapp gewesen, die üblichen Lobeshymnen zu verfassen. Der Rest der Weihnachtsausgabe enthielt Reportagen über bedauernswerte Polizeibeamte und andere unentbehrliche städtische Angestellte, die an den Feiertagen arbeiten mußten.

Lucia schob die Zeitung von sich weg in die Mitte des Tisches. Wir schauten einander an. Was sollte man jetzt sagen, vielleicht »Fröhliche Weihnachten«? Sie nahm einen Schluck Kaffee.

»Hast du keinen Weihnachtsbaum, Alice?« fragte sie und schaute sich um.

Ich lachte kurz auf. Nun, ich hatte zwar einen Kranz aus Tannenzweigen an die Wohnungstür gehängt, aber auch nur, weil die Hersteller einer Handcreme, für die ich mal ein paar Werbespots gesprochen hatte, ihn mir geschickt hatten. Der Kranz war einfach zu grün und zu schön gewesen, um ihn wegzuschmeißen.

»Ich habe seit Jahren auch keinen Weihnachtsbaum mehr«, gab Lucia zu. Dann lächelte sie. »Hast du schon mal darüber nachgedacht, was für ein trauriges Schicksal Weihnachtsbäume haben?«

Mir war klar, daß sie im Grunde gar nicht über Bäume sprach, aber ich wußte nicht, was ich auf ihre Bemerkung antworten sollte.

Lucia nahm ihre Kaffeetasse und ging hinüber zum Fenster. Ich blieb, wo ich war, und ließ sie ihren Gedanken nachhängen.

Wenig später sah ich, wie sie erstarrte, während sie hinunter auf die Straße blickte.

»Oh, schau doch mal!« rief sie aus.

»Was ist denn?« Ich wollte schon aufstehen.

»Oh … nein, nichts. Ich dachte, ich hätte eine Gruppe Kinder gesehen, die singend von Haus zu Haus zieht.«

»Aber doch nicht in diesem Viertel, meine Liebe«, sagte ich. Ich wollte gerade eine zynische Bemerkung über den einzigen Grund machen, den es in diesem Viertel für eine Gruppe Kinder gibt, sich zusammenzurotten. Aber Lucia hatte sich vom Fenster abgewandt, und ich sah ihr an, daß sie Angst hatte.

»Es ist so schrecklich, so fürchterlich!« schluchzte sie und vergrub ihr Gesicht in den Händen. »Dieses verdammte, grauenhafte Weihnachten.«

Wie ich da so saß und zuschaute, wie sich meine verzweifelte Freundin die Augen ausweinte, fiel mir komischerweise eines der vielen glücklichen Weihnachtsfeste ein, die ich bei meiner Großmutter in Minnesota verbracht hatte. Bei uns zu Hause auf der Farm war Weihnachten ohne alle religiösen Bräuche gefeiert worden, aber es waren immer ganz besondere Tage gewesen. Alles schien dann außergewöhnlich zu sein: die mächtige, unbeschnittene Rottanne, deren Zweige bis auf die Veranda ragten; die Routinearbeiten, die erledigt werden mußten, ob nun Weihnachten war oder nicht; das riesige Frühstück, zu dem es Pfannkuchen, selbstgekochte Marmelade und köstliche Würste gab, die ein Nachbar gemacht und meiner Großmutter geschenkt hatte; die praktischen Geschenke, meist Kleidungsstücke, und fast nur Winterklamotten; und schließlich das Geld, daß Großmutter mir jedes Jahr in einem Umschlag gab, »damit du dir was Schönes kaufen kannst«, wie sie immer fröhlich sagte.

Aber jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als mich um die unglückliche Frau zu kümmern, die da vor meinem Wohnzimmerfenster weinte. Ich ging zu ihr hinüber, legte einen Arm um ihre Schulter und führte sie zurück zu ihrem Stuhl.

»Ich … ich mußte ihn … identifizieren, Alice! Kannst du dir vorstellen, wie das war? Er war so … so … seine Augen …, sie waren so weit aufgerissen! Und dieses schreckliche Loch in seinem Kopf! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie fürchterlich das war!«

Ich dachte, es wäre das Beste, Lucia nicht zu unterbrechen und ihr zu sagen, daß ich genau wußte, wie so etwas war. Ich hatte meine Erfahrungen mit Leichen.

»Ich möchte dir etwas erzählen, Alice.« Sie war jetzt ein wenig ruhiger und nahm einige Schlucke Kaffee. »Es ist etwas sehr … Persönliches.«

Ich wartete.

»Vor ungefähr vier Jahren hatte ich … Dobrynin und ich waren ein Liebespaar.«

Ich konnte mein Erstaunen wohl kaum verbergen.

»Doch«, fuhr Lucia fort, als ob sie meine Bedenken zerstreuen wolle. »Ich hatte eine Affäre mit ihm.«

Die wohlerzogene, anständige Lucia – wie ich eine Frau mittleren Alters – und der besessene Verführer Dobrynin? Ich hatte bestimmt schon absurdere Geständnisse gehört, aber im Moment wollte mir keines einfallen. Das war doch nicht möglich. Das war ja, als wenn die Königin von England zugeben würde, was mit Fidel Castro gehabt zu haben. Oder Dietrich Fischer-Dieskau, der seine jahrelange Beziehung zu Janis Joplin gestand.

Lucia Maury war immer eine sehr liebe Frau gewesen, und sie war es auch jetzt noch. Sie war aus Delaware nach New York gekommen. Ihre Familie war äußerst wohlhabend und ebenso prüde, Puritaner durch und durch. Und Lucia war im Grunde genauso, trotz ihres kulturellen Niveaus und ihren Erfahrungen. Sogar in der Zeit, die bei anderen die »wilden Zwanziger« sind, hatte sie niemals Alkohol angerührt oder eine Zigarette geraucht. Ich hatte nie erlebt, daß sie nach Mitternacht noch auf war. Harte Arbeit, Disziplin und Leidenschaft für die Kunst – sonst kannte sie nichts.

Und jetzt erzählte sie mir, sie habe eine Affäre mit einem Satyr gehabt. Ein großer Tänzer, ohne Zweifel. Aber auch ein ausschweifender Mann, besonders was Sex betraf. Dobrynins Unersättlichkeit und seine phantasievolle Verführungskunst waren legendär. Offenbar hatte es ihm Spaß gemacht, der Regenbogenpresse und den Klatschspalten endlos Stoff zu liefern.

»Ich habe ihn sehr geliebt, Alice«, flüsterte sie. »Wir haben uns sehr geliebt.«

Das bezweifelte ich zwar sehr, aber das sagte ich natürlich nicht. Wenn Dobrynin überhaupt etwas geliebt hatte, dann das Ballett, den Alkohol und sich selbst, dachte ich, aber wahrscheinlich nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

»Er war nicht so, wie die Leute immer sagen.« Lucia war wieder aufgestanden. »Glaub mir, Alice, Peter war lieb und wunderschön …« Sie brach den Satz ab und drehte sich wieder zum Fenster um, bevor sie weitersprach. »Es ist so schrecklich, so tragisch. Er hätte der größte Tänzer der Welt sein können.«

Sie beugte sich herunter und griff nach meiner Hand. »Versprich mir, daß du mit mir zu der Beerdigung gehst. Bitte, Alice.«

»Natürlich, Lucia, wenn du das möchtest. Aber warum setzt du dich jetzt nicht hin und entspannst dich ein bißchen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Ich muß jetzt nach Hause.«

»Ich begleite dich«, bot ich an.

»Nein«, sagte sie entschlossen. »Du hast schon genug für mich getan. Mach’s gut, Alice.« Sie nahm ihre Sachen und ging.

3

Als ich mit Lucia die höhlenartige russisch-orthodoxe Kirche betrat, hatte ich sofort das Gefühl, in einem fremden Land zu sein. Überall waren Blumen und prächtig bestickte Priestergewänder, und es duftete nach Weihrauch. Dies war eine Beerdigung vom Typ »letzter großer Auftritt«, wie ein respektloser Schauspielerkollege solche Ereignisse einmal genannt hatte.

Die Trauergäste waren nicht weniger elegant, herausgeputzt und ehrfurchtgebietend. Wohin man auch schaute, sah man dicken schwarzen Samt, Pelze, fließenden Chiffon: blasse makellose Haut, gehüllt in dunkle Eleganz.

Einen starken Kontrast zu all dieser Pracht bildete der schlichte geschlossene Sarg, ein einfaches Modell ohne jede Verzierung.

Lucia und ich saßen in einer der hinteren Reihen und beobachteten die Hereinströmenden. Diese Ballettleute boten ein regelrechtes Schauspiel. Sie glitten geräuschlos und in königlicher Haltung die Gänge auf und ab, als ob sie Spaziergänger aus einem vergangenen Jahrhundert wären. Jung und alt, berühmt, erfolglos oder einfach unbekannt, sie bewegten sich alle auf dieselbe gekünstelte Weise, die in ihrer Theatralik schon fast absurd wirkte.

Lucia beugte sich verschwörerisch zu mir hinüber. »Da ist Louis Beasley«, flüsterte sie und deutete mit einem Kopfnicken auf einen korpulenten Mann, der sich gerade einige Reihen vor uns setzte. »Und der da neben ihm, das ist Vol.«

Beasley, der Impresario, der Dobrynin »entdeckt« hatte, sah aus wie ein wohlgenährter Küchenkater. Er trug einen langen Biberpelz. Sein jüngerer Liebhaber, Vol Teak, glich mehr einer wilden Siamkatze. Die beiden waren in die Kirche gekommen und den Gang hinuntergeschritten, als ob sie auf den Balkon ihres Hotelzimmers in Venedig treten würden, um ein Sonnenbad zu nehmen.

»Schau mal«, flüsterte Lucia aufgeregt, »da ist Melissa!«

Ich verdrehte mir den Kopf, um zu sehen, wie die ehemalige Ballerina Melissa Taniment neben ihrem Gatten Platz nahm. Sie war immer noch sehr anmutig und beeindruckend, besonders wegen ihrer hypnotisierenden, haselnußbraunen Augen. Dobrynin war mit einem Schlag ein Star geworden, als Melissa sich ihn als Partner in Giselle ausgewählt hatte. In der Folge hatten sie eine stürmische Liebesaffäre gehabt, die die Klatschspalten der Revolverblätter lange gefüllt hatte.

Dann zeigte mir Lucia noch Betty Ann Ellenville, die Ballettkritikerin, deren Artikel nicht unerheblich zu Dobrynins Ruhm beigetragen hatten; Maggie Brown, eine von Dobrynins Lehrerinnen; Dr. James Broga, seinen Arzt, ein Spezialist für Sportverletzungen, und noch ein halbes Dutzend anderer Berühmtheiten. Lucia war eine gute Führerin durch die Welt des Balletts, doch dann wurde ihr Vortrag durch den ersten Trauerchoral der Geistlichen unterbrochen.

Als der Gottesdienst zu Ende war, schritt Louis Beasley entschlossen auf die Kanzel, um die Totenrede zu halten. Seine Stimme klang herrisch, obwohl er bewegt war.

»Das hier«, er deutete auf den schlichten Sarg, »das hier ist das Schicksal, das alle jungen Götter erwartet. Wahnsinn und Tod. Tod und Wahnsinn. Nijinsky ist wahnsinnig geworden. Und Dobrynin schließlich auch.« Beasley machte eine Pause. »Peter Dobrynin war das, was jeder Tänzer gerne sein möchte. Arglos. Ehrlich. Reinheit der Form. Reinheit der Seele.

Aber es ist, wie schon La Rochefoucauld gesagt hat: ›Die Sonne und den Tod kann man nicht lange betrachten.‹ Und deshalb werden wir, wenn wir uns an Dobrynin erinnern, nicht an seinen schrecklichen Tod und daran, daß wir einen faszinierenden Menschen verloren haben, denken. Nein, wir werden an den tanzenden Dobrynin denken.«

Beasley griff nach den Fransen seinen langen roten Kaschmirschals. Er ging ein paar Schritte auf und ab.

Jetzt war aus den Reihen zum ersten Mal ein Schluchzen zu vernehmen. Ich wollte mich umdrehen, um zu sehen, wer da weinte, aber das schien mir völlig unangebracht zu sein, also schaute ich weiter auf Beasley.

»Was fällt mir ein, wenn ich an Peter Dobrynin denke? Ich will es Ihnen sagen.« Er machte eine Pause und schluckte hörbar. »Ich denke an den Anfang der Coda des Pas de deux des Schwarzen Schwans aus Schwanensee. Ich denke an Peter als Siegfried, an seine Folge unvergleichlicher Jetés. Ich denke an seinen Tanz, der von Schönheit, Kraft und Weisheit erfüllt war, die nur er auszudrücken verstand.«

Jetzt liefen Tränen die Wangen des Impresarios hinunter und drohten seine Stimme zu ersticken. Seine letzten Worte waren undeutlich. Ich glaube, er sagte etwas ziemlich Abgedroschenes, wie: »Auf Wiedersehen, geliebter Dobrynin. Ruhe in Frieden.«

Lucia wirkte bekümmert. »Ich habe ihn nie den Pas de deux des Schwarzen Schwans tanzen sehen«, vertraute sie mir flüsternd an, und ihre Stimme klang schrecklich traurig.

»Schau dir Melissa an«, drängte mich Lucia. »Schau dir ihr Gesicht an!« Ich drehte mich um, um nach der wunderschönen Ballerina zu sehen, die sich vor fünf Jahren von der Bühne verabschiedet hatte. Was ich sah, verwunderte mich. Ihr hübsches Gesicht wirkte wie tot – es war völlig starr und ausdruckslos. Sie schien wie in Trance oder als ob sie einer Musik lauschen würde, die sonst niemand hören konnte.

Ich spürte, wie Lucia neben mir zitterte und offenbar befürchtete, daß sie wieder zusammenbrechen würde. Ich nahm ihre Hand, unsere Blicke trafen sich, und sie dankte mir mit einem Kopfnicken.

Dann begann der Auszug aus der Kirche, und ich hoffte, die Zeremonie würde damit abgeschlossen sein. Zuerst kamen die Geistlichen, die sangen und ihre Weihrauchgefäße schwenkten. Sie verließen langsam die Kirche, gefolgt von den Trägern mit dem Sarg und der Trauergemeinde.

»Ich will nicht mit auf den Friedhof gehen. Ich will einfach nicht!«

Ich drehte mich zu Lucia um, die vergessen hatte, daß wir schon vorher besprochen hatten, nicht mal zu versuchen, zum Friedhof rauszukommen. Wir waren schließlich keine nahen Verwandten des Verstorbenen, also würde kein Platz für uns in den schwarzen Limousinen sein, und wir hatten beide kein Auto.

Wir waren gerade aus der Kirche getreten, als die Frau vor mir – es war die Journalistin Betty Ann Ellenville – ruckartig stehenblieb.

Ich lief auf, sie stolperte und setzte eine Kettenreaktion in Gang: Alles strauchelte und stieß erschreckte Schreie aus.

Ich bemerkte plötzlich, daß alle Trauergäste übereinander zu fallen schienen.

»Was ist eigentlich los?« zischte Lucia.

Ich konnte sehen, daß die Sargträger stehengeblieben waren, bevor sie die Straße erreicht hatten. Jetzt schrien alle und zeigten auf etwas. Man spürte, daß die Situation irgendwie gefährlich war.

Ich schob Lucia zu der Tür an der Seite der Kirche. Hier würden wir besser auf die Straße sehen können, um die Ursache für das plötzliche Stocken auszumachen.

Die Prozession war auf den Stufen vor der Kirche zum Stehen gekommen, weil man den Sarg noch nicht in den Leichenwagen laden konnte.

Auf die Seite des Leichenwagens, die der Kirche zugewandt war, hatte jemand etwas in großen, blutroten Buchstaben geschrieben. Das mußte geschehen sein, während der Aussegnungsgottesdienst stattfand und die Fahrer zweifellos einen Kaffee trinken gegangen waren.

Jetzt waren die Chauffeure hektisch dabei, mit Handschuhen, Kappen, Papier und allem, was sie finden konnten, die Aufschrift wegzuwischen.

Auf dem Wagen stand: ANNA PAWLOWA SMITH.

Sonst nichts.

Jeder weiß, wer Anna Pawlowa war. Aber wer um alles in der Welt war Anna Pawlowa Smith? Lucia wußte es auch nicht. Niemand in der Menge hatte eine Ahnung. Man war allgemein der Ansicht, daß die Beerdigung von einem aus dieser Gemeinde gestörter Fans – oder gewalttätiger Prominentenhasser – unterwandert worden war, die sich gerne in Veranstaltungen wie diese schmuggeln.

Es gelang den Männern nicht, das Geschmiere zu entfernen. Irgendwann gaben sie auf und luden den Sarg in den Leichenwagen. Dann fuhr die Wagenkolonne endlich ab. Peter Dobrynin würde im Familiengrab seiner Mutter in Connecticut bestattet werden.

Ich begleitete Lucia bis zur Park Avenue und setzte sie dort in ein Taxi. Ich selbst ging zu Fuß weiter Richtung Innenstadt. Es war sehr schönes Wetter, und ein kräftiger Wind wehte. Für jeden anderen auf der Straße war dies wahrscheinlich ein angenehmer Nachweihnachtsnachmittag. Nur ich empfand ihn komischerweise bedrückend. Die Sonne schien, und ich war warm eingepackt … und trotzdem spürte ich, wie meine Glieder langsam taub wurden.

4

Ungefähr sechsunddreißig Stunden vor dem Beginn des neuen Jahres klopfte Tony Basillio an meine Tür. So machte er es immer: Plötzlich war er einfach da, aus heiterem Himmel. Basillio, der Mann aus dem Nichts.

Tony legte genau die Art von besitzergreifendem Benehmen an den Tag, die für ehemalige Liebhaber typisch ist, aber so, wie er aussah, war jetzt nicht der richtige Moment, sich darüber zu beschweren. Er war völlig durchgedreht. Offenbar war seine Rückkehr in die Welt des Theaters – nachdem er über zehn Jahre ein braver Bürger gewesen war – die Ursache dafür, daß er tiefer und tiefer in trübe Gewässer geriet.

»Hallo, Schwedenmädel«, sagte er breit, »hier bin ich wieder. Ich weiß, wie sehr du mich vermißt hast. Schließlich hast du mir all diese verzweifelten, flehentlichen Liebesbriefe geschrieben und mich dauernd angerufen.«

»Du hast wirklich keinen Grund, dich zu beklagen, Tony. Ich hab ja nicht mal gewußt, wo du die letzten paar Monate gewohnt hast.«

Er nahm Bushy auf den Arm, der sich gerade putzte, und ließ sich mit dem Kater aufs Sofa fallen.

»Ich könnte einen Brandy vertragen, Schwedenmädel«, sagte er müde. »Aber vielleicht könntest du mir statt dessen auch ein paar Vollkorntoasts mit Kräuterquark machen.«

»Ich hab keinen Kräuterquark im Hause, und das weißt du ganz genau.«

»Dann nehme ich den Brandy, mein Mädchen.«

Er grinste, als ich ihm das Glas brachte.

»Du bist schöner denn je, Alice«, sagte er. »Können wir jetzt ins Bett gehen, jetzt gleich?«

Ich ignorierte diese Frage. Bushy nützte die Gelegenheit und entwand sich Tonys Griff.

»Was treibst du denn so, Tony?« fragte ich ein wenig mißtrauisch.

Er grinste mich noch einmal auf seine vermeintlich unwiderstehliche Art an, aber diesmal zitterte er. Wie gewöhnlich war er ziemlich salopp gekleidet. Dann bemerkte ich, daß sein ausdrucksvolles, vernarbtes Gesicht von der Kälte gerötet war. Er hatte sein Haar recht lang wachsen lassen, es fiel ihm bis in den Nacken. Na ja, dachte ich, wenigstens hat er noch nicht dieses Pferdeschwanz-Syndrom entwickelt, das heutzutage bei Männern mittleren Alters so verbreitet ist. Denn er war ein Mann mittleren Alters, auch wenn man das manchmal kaum glauben konnte.

»Schwedenmädel«, wiederholte er schmachtend. Niemand sonst nannte mich bei diesem albernen Namen. »Ich treibe nichts Gutes, aber ich habe viel Spaß dabei.«

Tony reckte sich genüßlich.

Nein, der Name »Schwedenmädel« hat überhaupt nichts mit mir oder meinem Leben zu tun. Denn ich bin zwar in der Tat groß und blond, aber ich sehe überhaupt nicht wie eine Schwedin aus, und ich bin auch keine.

»Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich von einer tollen Party zur nächsten eile und schöne junge Schauspielerinnen anmache. Und wenn ich dann eine entdeckt habe, die ungefähr neunzehn ist und gerade erst aus der Provinz gekommen, mit langen goldenen Haaren und einem festen, voll entwickelten Körper und diesem hungrigen Gesichtsausdruck, dann sage ich ihr einfach, wer ich bin.

Natürlich hat sie noch nie von mir gehört. Also erzähle ich ihr, daß ich ein berühmter Bühnenbildner bin, daß früher sogar Olivier persönlich es abgelehnt hat, in einem amerikanischen Film mitzuspielen, wenn ich nicht die Kulissen entwarf.

Und dann frage ich sie, ob sie nicht mit in mein Zimmer kommen möchte, um sich die … äh … Entwürfe für die Bühnenbilder für den Thebaner-Zyklus anzuschauen. Und dann verspreche ich ihr, daß ich einen Star aus ihr machen werde, und sie schmilzt in meinen Armen dahin. Sie kennen diese Masche, Miss Nestleton. Tja, so ungefähr. Das ist es, was ich so treibe.«

Er hielt mir das leere Glas hin.

»Na gut, Tony«, sagte ich, ohne ihm das Glas abzunehmen, »und jetzt, wo du in dein wirkliches Leben zurückgekehrt bist, was hast du jetzt vor?«

»Gib mir bitte erst noch einen Brandy.«

»Ich weiß nicht, Tony. Die Flasche ist fast leer.«

»Aber es ist doch schließlich immer noch Weihnachtszeit!«

Ich tat widerwillig, aber ich nahm das Glas und schenkte nach.