Eine Kindheit und Jugend zwischen Krieg und Frieden - Günter Kühn - E-Book

Eine Kindheit und Jugend zwischen Krieg und Frieden E-Book

Günter Kühn

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Beschreibung

Krieg und Kriegsende, Vertreibung und Neubeginn: Die Erlebnisse eines Jungen, der mit seiner Familie aus Gleiwitz in Oberschlesien auf einer lebensgefährlichen Odyssee in den sicheren Hafen der Freien Hansestadt Bremen flüchtet. Günter Kühn, Jahrgang 1934, ist Wissenschaftlicher Direktor i. R., Historiker und Germanist, Autor und Herausgeber diverser Publikationen zum Thema Migration.

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Günter Kühn

 

Eine Kindheit und Jugendzwischen Krieg und Frieden

Erinnerungen eines Zeitzeugen

 

Laumann-Verlag

 

 

 

Alle im Buch enthaltenden Bilder stammen aus dem Privatarchiv des Autors.

 

 

© 2016 by Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG

Postfach 1461, 48235 Dülmen/Westf.

 

Gesamtherstellung:

Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG,

48249 Dülmen/Westf.

 

ISBN 978-3-89960-432-0

 

[email protected]

www.laumann-verlag.de

 

 

Gewidmet den Kindern und Jugendlichen

der Zweiten-Weltkriegs-Generation

 

 

 

Vorwort

 

Krieg und Kriegsende, Vertreibung und Neubeginn: Die Erlebnisse eines Jungen, der mit seiner Familie aus Gleiwitz in Oberschlesien auf einer lebensgefährlichen Odyssee in den sicheren Hafen der Freien Hansestadt Bremen flüchtet.

Warum sollten sich für meine Geschichte Menschen außerhalb meiner Familie interessieren? Ich bin davon überzeugt, dass meine Erinnerungen nicht nur mir gehören, sondern in gewissem Sinne auch meiner Generation.

Den Anlass zu der Niederschrift von Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend gaben Bemerkungen aus dem engeren Familienkreis, dass man eigentlich von mir gar nichts oder nur sehr wenig über meine Kindheit und Jugend erfahren habe. Ich muss gestehen, dass dies tatsächlich der Fall gewesen ist. Ich glaube aber auch, dass ich im jüngeren Erwachsenenalter wohl nicht bereit oder nicht in der Lage gewesen bin, mit anderen über die Zeit meiner Kindheit und Jugend offen zu sprechen, die sich zu einem großen Teil in den Kriegs- und Nachkriegsjahren abspielte und von zahlreichen Ängsten und Bangen erfüllt gewesen war. Sie lag zudem in einer Phase meines Lebens, in der das kindliche und selbst noch das jugendliche Gemüt zwischen realer Wahrnehmung und irrealer traumatischer Welt oftmals nicht trennscharf unterscheiden konnte. Bis heute frage ich mich deshalb gelegentlich selbstkritisch: War es wirklich so, wie du es jetzt beschrieben hast?

Als ich mich an meinen Schreibtisch setzte und zu schreiben begann, war ich mir nicht ganz im Klaren darüber, ob ich überhaupt einen zusammenhängenden Text zustande bringen würde oder ob – wie bisher das eine oder andere Mal – nur fragmentarische Erinnerungen und Bilder, oftmals sehr schemenhaft vor meinem inneren Auge auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden würden. Zu meiner großen Überraschung wurden meine Erinnerungen immer konkreter und zusammenhängender und flossen schließlich mit zunehmender Beschäftigung in fortlaufender Textform aufs Papier.

In meinen autobiografischen Erinnerungen handelt es sich um Geschehnisse aus meiner frühen Kindheit in der Vorkriegszeit, die sich während des Zweiten Weltkrieges und am dramatischen Kriegsende zu dunklen Eindrücken verdichteten und bei mir schattenhafte Spuren hinterlassen hatten. In dieser kindlichen Lebensphase stellte sich die Odyssee der Vertreibung insofern als eine einschneidende Zäsur dar, weil sich der Schauplatz meines Lebens schicksalhaft veränderte: Meine Familie verließ mit mir Oberschlesien und die Stadt Gleiwitz, und wir gelangten schließlich nach einigen Irrungen und Wirrungen in die Freie Hansestadt Bremen. Danach erfolgte gewissermaßen eine Stabilisierung und Konsolidierung unseres Lebens, wie es in Deutschland bei vielen Menschen in ähnlicher Situation zu beobachten war.

Ich habe diese Thematik in meinen beiden Büchern Fremde in der Fremde und Menschen in der Migration zwischen vertrauter und fremder Tradition ganz allgemein zu beschreiben versucht. In letzter Konsequenz betrachte ich deshalb diese autobiografische Niederschrift nicht nur als die Darstellung eines wesentlichen Abschnitts in meinem Leben, sondern ordne sie ebenso als einen konkreten und ganz persönlichen Beitrag zur Beschreibung der geschichtlichen Entwicklung unseres Landes – der Bundesrepublik Deutschland – und seiner Gesellschaft ein. Aus diesem Grund habe ich ganz bewusst als Autor den Status eines »Zeitzeugen« gewählt, der unter der Prämisse berichtet, dass die Gegenwart nicht ohne ein bestimmtes Wissen über die Vergangenheit zu verstehen ist. Gleichermaßen kann die Zukunft nicht ohne ein Grundverständnis der Gegenwart mit ihren wesentlichen historischen Bezügen gestaltet werden. Im Hintergrund meiner Ausführungen stehen die existenziellen Fragen nach den Ursachen und den Gründen der Flucht bzw. der Vertreibung, die äußeren Umstände also ebenso wie die innere Verfassung der Menschen während dieser Geschehnisse. Auch die näheren Umstände und Bedingungen bei der Ankunft an einem Zufluchtsort und der Prozess einer (allmählichen) Eingewöhnung in eine fremde Umwelt mit unbekannten Menschen werden in meinen Erinnerungen beleuchtet. Vor diesen Tatbeständen stehen Menschen, die sich in der Migration befinden und nach einem Ort des Halts und des Verbleibs suchen.

Migration und Integration begleiteten die Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis in die Gegenwart – heute wieder in dramatischer Aktualität durch Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie »Boatpeople« vorwiegend aus Nord- und Zentralafrika. Bereits 1954, dem Jahr, mit dem ich die Darstellung meiner Erinnerungen abschließe, wurden in verschiedenen europäischen und nordafrikanischen Ländern sowie der Türkei Arbeiter – damals als Gastarbeiter bezeichnet – für die expandierende deutsche Wirtschaft angeworben. Es war allgemein erwartet worden, dass sie nur für eine begrenzte Zeit bleiben würden. Sie blieben jedoch auf Dauer im Lande. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch begründet dies zutreffend mit den Worten: »Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.« Gleichzeitig strömten, bis zum Bau einer praktisch unüberwindlichen Grenzmauer 1963, deutsche Landsleute zu Tausenden aus der Deutschen Demokratischen Republik über die Grenze nach Westdeutschland in der Hoffnung, hier einen größeren persönlichen und staatlichen Freiraum mit demokratischen Rechtsverhältnissen sowie besseren wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen vorzufinden. Aufgrund dieser Annahme ist die Bundesrepublik Deutschland in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zu einer bevorzugten Zuflucht für Flüchtlinge und Verfolgte aus aller Welt geworden.

In der gegenwärtigen Diskussion um die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Asylsuchenden wird gelegentlich auf die historische Tatsache hingewiesen, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg über zwölf Millionen Menschen aufgenommen und integriert hat. Ein direkter Vergleich mit der derzeitigen Situation ist allerdings nur sehr beschränkt möglich, da es sich um Deutsche handelte, die aus einem identischen Traditionsrahmen ansässige Landsleute antrafen, die die gleiche Sprache beherrschten und in der Regel in gleichen staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen gelebt hatten. Entscheidender war aber wohl bei der Integration dieser unterschiedlichen regionalen Volksgruppen das gemeinsame Gefühl, den »totalen Krieg« überlebt zu haben, und der wiedererwachte Lebenswillen, gemeinsam eine bessere friedvolle Zukunft zu gestalten. Sie wollten »auferstehen aus Ruinen«! Bekanntlich hat es aber auch bei diesem deutsch-deutschen Integrationsprozess erhebliche Interessenkonflikte und Reibungen aus unterschiedlichen Gründen und Ursachen gegeben.

Zur besseren politischen, soziokulturellen und geschichtlichen Einordnung meiner beiden Lebensabschnitte »Kindheit« und »Jugend« in das Gesamtgeschehen des Zweiten Weltkrieges mit seiner unmittelbaren Vor- und Nachgeschichte sowie zum besseren Verständnis meiner damaligen persönlichen Lebensumstände dienen deshalb im Anhang einige sowohl allgemein als auch persönlich gehaltene Angaben. Kurze historische Abrisse über meine damaligen geografischen Lebensbereiche Oberschlesien und die Stadt Gleitwitz als Mittelpunkt sowie über die Freie Hansestadt Bremen mit dem kleinstädtischen Vorort Bremen-Vegesack, meinem eigentlichen lokalen Lebensbezug in Bremen, sollen dieses An-liegen erleichtern. Dabei ist beabsichtigt, die jeweils eigentüm-lichen Charaktere der beiden Landschaften mit ihren Menschen in ihrer traditionellen Verwurzelung und Herkunft vor Augen zu führen und im lokalen Vergleich die teilweise daraus resultierenden unterschiedlichen Lebensverhältnisse herauszustellen. Mit diesen sahen sich zur damaligen Zeit Einheimische wie Flüchtlinge und Heimatvertriebene konfrontiert, um letztlich mehr oder weniger freiwillig und reibungslos entsprechend den realen Verhältnissen eine gemeinsame Basis für ein akzeptables Zusammenleben zu finden.

Abschließend möchte ich mich an dieser Stelle bei meinem Bruder und meiner Schwägerin, Lothar und Ute Kühn, für die wertvollen Hinweise sowie bei Tomas M. Mielke für die redaktionelle Beratung recht herzlich bedanken.

 

Günter Kühn

 

 

 

 

Eine ganz persönliche Einführung:Eine oberschlesische Familiengeschichte

 

Einige Anmerkungen zum Lebensverlauf meines Vaters

 

Eltern sind bis heute normalerweise ein Lebenszentrum und ein Prägungsfaktor für ihre Kinder. Die soziale Herkunft und ihr bisheriger Lebensverlauf beispielsweise beeinflussen die allgemeine Erziehung und den Lebensverlauf ihrer Kinder. Aus diesem Grunde erlaube ich mir, einige Hinweise auf die Lebensgeschichte meiner Eltern zu geben, soweit sie mir bekannt sind und soweit sie in diesem Zusammenhang von Interesse sein könnten, ohne dass ich ihre Persönlichkeitssphäre verletzen möchte.

Mein Großvater väterlicherseits entstammte einer alten Müllersfamilie aus Niederschlesien. Da sein älterer Bruder nach den damals geltenden Erbgewohnheiten die Mühle übernommen hatte, blieben ihm eigentlich nur drei Möglichkeiten zur Auswahl:

– sich als Knecht und Gehilfe bei seinem älteren Bruder zu verdingen, sofern sein Bruder daran interessiert war bzw. es die Erträge der Mühle zuließen,

– durch Einheirat und Teilhabe an eine Mühle oder an einen Bauernhof zu gelangen, sofern sich eine derartige Gelegenheit überhaupt anbot,

– durch Auswanderung sein »Glück in der Fremde«, das heißt an einem anderen Ort, Arbeit zu suchen und die vertraute Umwelt zu verlassen.

Für meinen Großvater ergab sich die Möglichkeit, in Oberschlesien in einer der neu eröffneten Kohlengruben Arbeit zu finden, wo Ende des 19. Jahrhunderts, vergleichbar mit dem Ruhrgebiet, eine Industrialisierung im großen Umfang auf der Grundlage von Kohle und Eisenerz einsetzte, wodurch aus den nahen ländlichen Regionen zahlreiche Arbeitskräfte angezogen wurden. Im Verlauf dieser Binnenwanderung ließ sich mein Großvater in Kattowitz nieder und gründete dort eine Familie mit vier Kindern. So wie viele Bergleute seiner Zeit erkrankte er früh an einer Staublunge und verstarb bereits mit 45 Jahren. Zu allem Unglück folgte ihm seine Frau sehr bald nach durch ein langjähriges Leiden als Spätfolge einer schwierigen Geburt ihres letzten Kindes.

Wie mir weiter bekannt wurde, waren die vier Vollwaisen eine Zeit lang völlig auf sich allein gestellt und mussten sich so gut es ging durchs Leben schlagen. Der ältere Bruder meines Vaters fand irgendwelche Arbeit, um den Lebensunterhalt einigermaßen für sich und seine drei Geschwister zu bestreiten. Die älteste Schwester, zu der Zeit um die 15, 16 Jahre alt, war für den Haushalt und die Betreuung ihrer zwei jüngeren Geschwister verantwortlich – meinen Vater und seine jüngere Schwester. Wie lange dieser Zustand andauerte, kann ich nicht sagen. Der ältere Bruder fiel als Soldat im Ersten Weltkrieg. Alle anderen betroffenen Zeitzeugen sind mittlerweile verstorben, sodass ich ergänzende Auskünfte nicht mehr erhalten konnte. Mein Vater und auch meine Mutter haben sich über diese Phase seiner Kindheit und Jugend nur zögerlich geäußert. Was ich jedoch erfuhr, war, dass mein Vater schließlich einen Bäckermeister als Vormund erhielt, der ihn ziemlich drangsaliert haben musste und als billige Arbeitskraft ausnutzte. Auf diese Weise erlernte er das ungeliebte Bäckerhandwerk, das er nie mehr in seinem Leben ausgeübt hat.

Mein Vater nutzte jedenfalls den Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, um seine Lebenssituation zu verändern, und meldete sich mit knapp 18 Jahren als Kriegsfreiwilliger. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nahm er am Kriegsgeschehen bei der Artillerie an der Ostfront teil. Über seine Kriegserlebnisse hat er meines Wissens, zumindest in Anwesenheit von uns Kindern, ebenfalls nicht gesprochen. Ich habe nur in Erinnerung, dass er bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einen sehr ernsten Eindruck machte und keine Freude und erst recht keinen Stolz bei den Sondermeldungen über die schnellen Anfangserfolge der deutschen Wehrmacht zeigte. Von Kriegsbegeisterung war bei ihm keine Spur zu finden! Sehr lückenhaft bin ich ebenso über seine unmittelbare Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges informiert. Aus einigen Gesprächen der Erwachsenen habe ich entnommen, dass er wohl auch mit anderen zurückgekehrten jungen Kriegsteilnehmern an den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den polnischen und deutschen oberschlesischen Bevölkerungsgruppen, unter anderem auf dem Annaberg, auf deutscher Seite beteiligt gewesen war. Diese gewaltsamen Feindseligkeiten unter den beiden Volksgruppen hatten ihre Ursache in den Friedensbedingungen des Versailler Vertrags und der vorgesehenen neuen Grenzziehung in Oberschlesien, wo in einer Volksabstimmung über den Verbleib beim Deutschen Reich oder die Zugehörigkeit zur polnischen Republik entschieden werden sollte. Obwohl im überwiegenden Teilen zugunsten des Verbleibs bei Deutschland votiert worden war, korrigierte der Völkerbund das Votum zugunsten Polens. Aufgrund dessen wurde ein Großteil des östlichen oberschlesischen Industriegebiets mit Kattowitz Polen zugesprochen.

Anfang der 1920er-Jahre gab es wohl auch für meinen Vater Zeiten längerer Arbeitslosigkeit. Die Zwanzigerjahre galten ja als Jahrzehnt, in dem Deutschlands Wirtschaft und Handel völlig darniederlagen, durch enorme Reparationsleistungen sowie weltweite Wirtschafts- und Finanz- bzw. Banken- und Börsenkrisen zusätzlich belastet wurden. Es herrschte millionenfache Arbeitslosigkeit mit einem für uns unvorstellbaren sozialen Elend breiter deutscher Volksschichten. Letzten Endes war es aber meinem Vater gelungen, bei der damaligen Deutschen Reichsbahn eine feste Anstellung als Bahnhofsarbeiter und später als Rangierer zu erhalten. Dass er als Rangierer beschäftigt gewesen war, ist mir insofern deutlich im Gedächtnis haften geblieben, als in der Familie öfters von einem schweren Unfall meines Vaters beim Rangieren die Rede war, bei dem er unter einen Zug geriet und im Bauchbereich Verletzungen erlitten hatte, die ihm zeit seines Lebens zu schaffen machten. Im Verlauf der nächsten Jahre erhielt er bei der Deutschen Reichsbahn die Chance, in die Beamtenlaufbahn für das Fahrpersonal einzusteigen, wo er als Oberzugführer kurz nach seinem 40. Jubiläum als Eisenbahner von der späteren Bundesbahn 1960 in den Ruhestand verabschiedet wurde. Auf diese Laufbahn, bei der die Angehörigen der damaligen Deutschen Reichsbahn noch militärisch uniformiert Achselstücke als Rangabzeichen trugen, war er besonders stolz – insbesondere wohl auch im Bewusstsein, was aus der kleinen Vollwaise doch noch geworden war. Diese Uniformierung hätte ihm aber beim Einmarsch der sowjetischen Truppen in Oberschlesien fast das Leben gekostet. Wie es dazu gekommen war, habe ich in meinen nachfolgenden Erinnerungen beschrieben.

 

 

Einige Anmerkungen zum Lebensverlauf meiner Mutter

 

Meinen Großvater mütterlicherseits habe ich noch aus meiner Kleinkindzeit ganz dunkel in Erinnerung: Ein großer, alter, weißhaariger Mann, der mich das eine oder andere Mal als sein in der Familie erstgeborenes Enkelkind in die Arme nahm. Als jüngerer Sohn einer bäuerlichen Familie ohne Erbanspruch auf den Hof hatte er das Maurerhandwerk erlernt und war in den umliegenden Dörfern den Bauern beim Neubau eines Wohnhauses oder von Scheunen und Stallungen zur Hand gegangen. Wenn man so will, war er aus heutiger Sicht freiberuflich in einem Einmannbetrieb tätig. Vielleicht hat er auch bei Bedarf einen jungen Burschen als Gehilfen angestellt. Inwieweit sein Einkommen ausreichte, um eine Familie zu gründen, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Ich weiß nur, dass seine Heirat mit meiner Großmutter ihm allerhand Schwierigkeiten einbrachte. Meine Großmutter war nämlich die Tochter eines angesehenen Großbauern aus dem Nachbardorf, der einen staatlichen Hof mit Pferden und Kutsche besaß, jahrelang das Bürgermeisteramt ausgeübt hatte und als allseits bekannter Abgeordneter im Kreistag in der Kaiserzeit vor dem Ersten Weltkrieg saß. Er gehörte quasi zu den Honoratioren des Landkreises. Die Heirat seiner – wie es hieß – Lieblingstochter unter dem gesellschaftlichen Stand bedeutete für ihn einen Schock, den er lange Zeit nicht verwinden konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Vater als Eisenbahner kurz nach seinem 40. Dienstjubiläum auf dem Vegesacker Bahnhof.

 

In der Familie meiner Mutter mit ihren vier Geschwistern – drei Brüdern und einer älteren Schwester; eine jüngere Schwester war im frühen Alter verstorben – wurde eines sehr offensichtlich: Das ganze Leben und Streben wurde durch ihren Vater daraufhin ausgerichtet, als Bauer eine eigene Scholle zu besitzen, was er mit harter Hand zu erreichen suchte. Morgen um Morgen Land kaufte er mit der Zeit auf. Außerdem baute er sich ein neues Bauernhaus mit Stallungen für das Vieh, einer geräumigen Scheune sowie einem geräumigen Geräteschuppen. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, besaß er über fünfzig Morgen Acker-, Weide- und Wiesenland mit etlichen Kühen und Kälbern, einigen Schweinen und zahlreichem Federvieh. Die Kriegszeit erwies sich für ihn – wie für die übrigen Landwirte auch – finanziell als ein Gewinn, da er sich über den Verkauf seiner landwirtschaftlichen Produkte und die Preisgestaltung keinerlei Sorgen zu machen brauchte. Mein Großvater soll während dieser Jahre mit dem Ziel gespart haben, nach Kriegsende seinen Landbesitz erheblich zu vergrößern. So seine Vorstellungen und sein Traum! Der verlorene Krieg und die einsetzende miserable wirtschaftliche Lage im Deutschen Reich mit einer explodierenden Inflation zerstörten jedoch grausam seine Träume. Im wahrsten Sinne des Wortes waren schließlich die von ihm und seiner gesamten Familie schwer erarbeiteten Ersparnisse nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt worden waren. Ein Schicksal, das die Mehrzahl der Bevölkerung, insbesondere die Mittelschicht, im Deutschen Reich Anfang der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts traf. In dieser Zeit war mein Großvater nach Aussage meiner Mutter zu einem »gebrochenen Mann« geworden.

Im weiteren Verlauf der Zwanzigerjahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage, insbesondere auf dem Lande in Oberschlesien, derart, dass vor allem die jungen Leute keine Zukunft mehr sahen und teilweise fluchtartig die Dörfer und Bauerngehöfte verließen. Um beim Beispiel der Familie meiner Mutter zu bleiben: Der älteste Sohn in der Familie – ein vitaler und energischer junger Mann – sollte den Hof übernehmen, wobei mein Großvater noch die Hoffnung hatte, dass sein Sohn ebenfalls wie er selbst durch harte Arbeit den Landbesitz vermehren würde. Zur bitteren Enttäuschung meines Großvaters lehnte dieser es jedoch ab und verließ Oberschlesien mit seiner jungen Frau, um nach Nordamerika auszuwandern. Auf der Zwischenstation in Bremen bot sich ihm eine Arbeitsmöglichkeit auf der Bremer Vulkanwerft in Bremen-Vegesack an, die er ergriff und wo er sich zu einem anerkannten Facharbeiter und Meister emporarbeitete. Bei einem Luftangriff auf die Werft verlor er 1943 leider sein Leben. Durch seinen Entschluss, sich in Bremen-Nord niederzulassen, sollte aber Jahre später für unsere Familie Bremen zum Rettungsanker im Strudel der Nachkriegsfolgen des Zweiten Weltkrieges werden.

Mehr gezwungen als freiwillig übernahm schließlich der mittlere der drei Brüder meiner Mutter den Hof. Ich habe ihn leider überhaupt nicht in der Erinnerung, da er bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sofort eingezogen und bald darauf bei dem Kämpfen auf dem Balkan als vermisst gemeldet wurde. Dieser Schicksalsschlag traf die junge Frau mit zwei kleinen Mädchen umso härter, als sie nicht aus einer Bauernfamilie stammte und ihr die Arbeit in der Landwirtschaft schwerfiel. Jetzt stand sie vor der Aufgabe, den kleinen bäuerlichen Betrieb selbstständig zu führen. Allzu große Unterstützung von den Nachbarn oder der Gemeinde war nicht zu erwarten, da ja alle Männer im wehrfähigen Alter zur Wehrmacht eingezogen worden waren. Meine Großmutter, die als Witwe bereits Ende sechzig war und sehr kränkelte, lebte für sich im Wohnhaus auf dem »Altenteil«. Sie stellte für ihre Schwiegertochter keine Hilfe mehr dar. Meine Mutter und ihre Schwestern konnten nur sehr begrenzt unterstützend eingreifen, wie ich es eingehender in meinen Erinnerungen beschreibe. In jedem Fall versuchte die junge Frau, wie viele andere Frauen während des Krieges, »ihren Mann« zu stehen.

Mein Großvater hatte wohl in Anbetracht seiner eigenen Lebenserfahrungen alles in die Wege geleitet, dass seine drei Söhne bei Dorfhandwerkern in die Lehre gingen: der Älteste zu einem Zimmermann, der Mittlere zu einem Schmied und der Jüngste bei ihm als Maurer. Selbstverständlich war es auch, dass sie daneben – allerdings ebenso wie ihre Schwestern – noch auf dem eigenen Hof zu arbeiten hatten. Auch die beiden Mädchen erhielten insofern eine Ausbildung, als die Älteste auf dem Bauernhof weitgehend die Stelle ihrer Mutter einnehmen musste und praktisch einen Großteil der Hausarbeit zu leisten hatte. Meine Mutter als jüngere Tochter und Schwester hatte die nicht ganz so einfache und oftmals undankbare Aufgabe, gewissermaßen beide Frauen zu unterstützen. Allerdings durfte sie schließlich für zwei Jahre nach Berlin »in Stellung zu gehen«, um – heute würde man sagen als Au-pair-Mädchen – zu arbeiten. Durch Vermittlung einer Tante fand sie bei einer großbürgerlichen Offiziersfamilie eine entsprechende Anstellung. In Berlin lernte sie während dieser Zeit meinen Vater kennen, den sie bald heiratete. Sie kehrte jedoch nicht mehr auf den elterlichen Hof zurück, sondern zog mit ihrem Mann nach Hindenburg, meiner späteren Geburtsstadt. Auch ihre ältere Schwester hatte das Dorf bereits verlassen und ebenfalls in Hindenburg geheiratet und ein neues Zuhause gefunden.

Fast gleichzeitig kehrte ihr jüngster Bruder der alten Heimat den Rücken, um als Bergmann in einer der Kohlengruben zu arbeiten. Er hatte allerdings eine große Enttäuschung erfahren, die er sein Leben lang nicht überwand: Sehr früh machte sich bei ihm eine ausgeprägte Begabung im Zeichnen und Malen bemerkbar, sodass ein Kirchenmaler auf ihn aufmerksam geworden war und ihn gern als Lehrling zu für damalige Verhältnisse vorteilhaften Bedingungen einstellen wollte. Es war damals üblich, Lehrgeld von den Eltern zu verlangen, was ihm der Lehrmeister aber erlassen wollte; ebenso erklärte er sich bereit, weitgehend für die Beköstigung aufzukommen. Doch mein Großvater blieb in einem unerklärlichen Starrsinn hart und verweigerte seine Zustimmung. Sein jüngster Sohn sollte wie er Maurer werden. Die starre Haltung meines Großvaters führte, wie ich von meiner Mutter erfuhr, zu einem regelrechten Familiendrama. Es dürfte wohl auch einer der persönlichen Gründe seiner Kinder dafür gewesen sein, warum sie einer nach dem anderen den elterlichen Hof verließen. Bei Kriegsausbruch wurde mein Onkel ebenfalls sofort eingezogen, erlitt mehrere Verwundungen, kam aber am Ende mit dem Leben davon. Er hatte, wie man so sagt, großes Glück gehabt: Bei Stalingrad ist er dem sowjetischen Kessel entronnen, und bei den Kämpfen um die sogenannte Festung Breslau zum Kriegsschluss gelangte er mit einer schweren Verwundung im letzten Sanitätszug in amerikanische Gefangenschaft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Großmutter mit ihrer Schwiegertochter auf der Dorfstraße in Zellin. Auf der rechten Seite befindet sich das großelterliche Bauerngehöft.

 

Meine Erinnerungen

 

Unbeschwerte Tage der Kindheit auf dem Lande

 

Mein Leben auf dem Bauernhof meiner Großeltern

 

Ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, im Sommer 1934, wurde ich in Hindenburg/Oberschlesien geboren. Meine ersten verschwommenen Kindheitserinnerungen resultieren aber nicht von meiner Geburtsstadt her, sondern von dem Aufenthalt auf dem Lande, dem kleinen Dorf Zellin auf dem anderen, dem linken Oderufer unweit der Stadt Oppeln. Meine Mutter verbrachte dort als Bauerntochter erst allein mit mir, später zusammen mit meinem drei Jahre jüngeren Bruder in der Sommerzeit einige Wochen in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkrieges, insbesondere um bei der Ernte mitzuhelfen und zum Familienunterhalt etwas dazuzuverdienen, und um – was während der Kriegszeit noch weit wertvoller war – durch erarbeitete Naturalien zum Überleben in der Stadt wesentlich beizutragen.

Meine erste Wahrnehmung, die bis auf den heutigen Tag für mich noch bildlich vorstellbar ist, war die Person meiner Großmutter, die knöchellange, weite, schwere Röcke wie die älteren Bauersfrauen zu dieser Zeit auf dem Lande trug. Von meinem Großvater indes habe ich nur eine sehr verschwommene Vorstellung als einen alten Mann mit grauem dünnen Haar, der schwer nach Atem rang, weil er, wie ich später erfuhr, an Asthma erkrankt war und drei Jahre vor Kriegsbeginn verstarb.

In Erinnerung geblieben ist mir das umliegende Land als eine weite, flache Landschaft mit vielen blumigen Wiesen, auf denen hier und da braun-weiß gefleckte Kühe weideten, mit zahlreichen Äckern, auf denen die Bauern Kartoffeln und Getreide, manchmal Rüben und vereinzelt Mohn angebaut hatten, von dem, wenn er reif war, wir Kinder etwas naschten, nicht wissend, dass er nicht nur für den leckeren Mohnkuchen gebraucht wurde. Am Horizont lag als durchgängiger dunkelgrüner Streifen ein großes Waldgebiet, obwohl nicht allzu weit – für mich aber in meiner kindlichen Fantasie mit Hänsel und Gretel sowie mit der bösen Hexe und dem gefräßigen Wolf sehr fern, dunkel und unheimlich. Ganz in der Nähe unseres Bauernhauses streifte ein hörbar sprudelnder Bach die angrenzenden Gartengrundstücke der Bauernhöfe, der von dichtem Buschwerk und einzelnen Bäumen umrandet war und vom Wald herfloss.

Meine Kindheit in den sommerlichen Wochen spielte sich in dieser dörflichen und landschaftlichen Idylle ohne große Beeinträchtigungen und Sorgen ab. Ich hatte das große Glück, in zwei Nachbarsjungen gute Freunde zu finden, die mich auf ihren Hof und in ihre Familie mitnahmen und jedes Jahr freudig auf mich warteten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die »Rzeka« am Dorfende. Sie speiste zuvor die kleine Dorfbadeanstalt mit frischem Wasser – im Sommer ein Tummelplatz der Dorfjugend.

 

Von Vorteil war es auch, dass sich meine Mutter und die Eltern seit frühester Jugend gut kannten. Mit meinen Freunden hütete ich Kühe und versuchte, wenn ich durstig war, wie sie den Milchstrahl aus dem Euter einer Kuh direkt mit meinem Mund aufzufangen und zu trinken, was mir anfangs nicht gelang und ich es mit von fetter Milch verschmiertem Gesicht zur Gaudi meiner Freunde wütend aufgab. Sie boten daraufhin dem »Stadtjungen« etwas gönnerhaft in einem Blechnapf von ihnen gemolkene lauwarme Kuhmilch an, die wunderbar schmeckte.

Die Dorfjugend mussten schon sehr früh bestimmte Aufgaben auf dem Bauerhof selbstständig übernehmen, was sich noch verstärkte, als der Krieg ausbrach und ihre Väter und älteren Brüder zur Wehrmacht eingezogen wurden. Deren Arbeit musste zwangsläufig von den zurückgeblieben Frauen, den heranwachsenden Kindern und, soweit noch möglich, von den auf dem Altenteil lebenden Großeltern geleistet werden. Und so lernte ich schnell, weil ich dabei sein und meinen Freunden helfen wollte, das Federvieh zu füttern – wobei ich oftmals von einem wütenden Gänserich verjagt worden bin –, im Stall Heu und Stroh für die Tiere, die Kühe und Schweine, zu verteilen, bei der Ernte das mit der Sense geschnittene Getreide in Garben zu binden und zu Hockern auf dem Feld zusammenzustellen sowie später nach dem Trocknen zum Wagen zu schleppen, der von einem Pferd oder von zwei Kühen bzw. einem Ochsen heimwärts gezogen wurde. Ebenso war ich beim Dreschen des Getreides dabei. Es war eine fürchterlich laute, äußerst staubige Arbeit, die oft bis in die späte Nacht andauerte und in Nachbarschaftshilfe ablief: Meist stand der Bauer, in den Kriegsjahren dann einer der daheim geblieben älteren Männer – die Großväter, soweit sie noch die Kraft dazu besaßen –, zunehmend aber auch ein Kriegsgefangener oder ein zwangsverpflichteter Fremdarbeiter (so wurden sie damals genannt), nicht selten aber auch die Bauersfrau selbst oben auf der Dreschmaschine, nahm die Garben an und stopfte sie in die Maschinenöffnung. Die Körner des Getreides wurden aufgefangen und in Säcke verteilt, das Stroh gestapelt, bei modernen Dreschmaschinen schon zu Ballen, auf unserem Bauernhof noch mit der Hand gebunden. Gleichzeitig flogen ständig feiner Häcksel und Staub durch die Luft und machten die Sicht und das Atmen schwer. Hinzu kamen eine hochsommerliche Hitze und eine enorme Wärmeausstrahlung durch die Dreschmaschine, sodass zwar die Getreideernte einen der Höhepunkte im Jahresablauf des bäuerlichen Lebens darstellte, aber zugleich auch eine der härtesten Arbeitsphasen war.

Was mir in dieser Zeit besonders gut gefiel und wo ich mich sehr wohlfühlte, war das gesellige bäuerliche Beisammensein – sei es in der Arbeitspause auf dem Feld verschwitzt, durstig und hungrig, sei es zum Mittags- und Abendessen oft müde und entspannt. Zu den Sonntags- und Feiertagsmahlzeiten saßen alle nach dem Kirchgang entsprechend festlich gekleidet und in gehobener Stimmung um einen großen Esstisch herum. Auf Familienfeiern, wie Geburten- und Geburtstagen sowie Verlobungen und Hochzeiten, ging es immer recht fröhlich bis ausgelassen zu. Die Hausfrau war sehr bestrebt, alles nach besten Kräften und Vermögen herzurichten, was Küche und Keller hergaben.

Ein besonderes Ereignis war das Schlachtfest. Nachdem ein Schwein oder ein Kalb auf dem Gehöft von dem Dorffleischer geschlachtet und das Fleisch zerlegt bzw. zu Wurst verarbeitet worden war, kamen an einem der darauffolgenden Tage Nachbarn und Bekannte zu Besuch. Es gab einen feuchtfröhlichen Umtrunk und einen Imbiss mit den frischen Zutaten der Schlachtung. Gott sei Dank wusste es meine Mutter immer wieder einzurichten, dass ich als kleiner Junge an diesen Tagen nicht zu Hause war. Man sagt ja den Schlesiern nach, dass sie zu feiern verstehen und sehr gastfreundlich sind. Wie ich nach diesen Kindheitserfahrungen finde – zu Recht!

 

 

Der Tod meiner Großmutter als ein erstes erschütterndes Erlebnis in meiner Kindheit

 

Als sehr traurige Tage habe ich den Tod und das Begräbnis meiner Großmutter im Gedächtnis behalten. Sie starb 1943 mitten im Krieg, als sie zuvor die Nachricht vom Tode ihres ältesten Sohnes Viktor erhalten hatte, der kurz zuvor bei einem Bombenangriff auf die Bremer Vulkanwerft ums Leben gekommen war, sowie darauf die Nachricht, dass ihr mittlerer Sohn Anton, der den Hof nach dem Tode meines Großvaters übernommen hatte, in Rumänien als vermisst gemeldet worden war. Er sollte nie wieder heimkehren. Ich war gerade neun Jahre alt geworden und empfand erstmals tiefen Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen.

Meine Großmutter wurde in ihrem Zimmer im Bauernhaus aufgebahrt, und wir nahmen schweigend und mit Tränen in den Augen Abschied von ihr. Sie lag ganz friedlich im Sarg, mit bleichen und entspannten Gesichtszügen, aber ziemlich abgemagert, weil sie in den letzten Wochen und Monaten wegen einiger Magengeschwüre, die nach der ärztlichen Diagnose ursächlich zu ihrem Tode geführt haben sollen, kaum etwas außer etwas Flüssigkeit zu sich genommen hatte. Die nahen Angehörigen, meine Mutter, ihre Schwester und die Frau des vermissten Bruders, darüber hinaus wir fünf Kinder – mein Bruder und ich sowie ein älterer Cousin und zwei jüngere Cousinen – umstanden den Sarg, wobei die Erwachsenen meinten, dass es letztlich wohl das große Herzeleid war, das ihr durch den Tod des ältesten Sohnes und die Vermisstenmeldung ihres zweiten widerfahren sei.

Als der Sarg geschlossen worden war und in einer Trauerkutsche mit zwei schwarzen Pferden zur Kirche und den anliegenden Friedhof geleitet wurde, empfand ich auf einmal ein tröstliches Gefühl, vielleicht aufgrund meines kindlichen Glaubens, sie im Himmel wiederzusehen. Der Weg zur Kirche und zum Friedhof erschien mir damals allerdings endlos. In der ersten Reihe gingen mein älterer Cousin und ich mit meinem drei Jahre jüngeren Bruder, der etwa ein Kopf kleiner als ich war und den ich fest an der Hand hielt. Dahinter schritten als die nächsten Angehörigen meine Mutter und ihre Schwester sowie die Frau des vermissten Sohnes mit ihren beiden kleinen Töchtern an der Hand. Die weiteren Verwandten sowie Freunde und Bekannten der Familie folgten in angemessener feierlicher Weise. Mir schien der Trauerzug genau so endlos wie der Weg. Er führte auf einer langen Straße durch das ganze Dorf. Am Straßenrand standen Dörfler, die sich nicht dem Trauerzug angeschlossen hatten. Die Männer nahmen ihre Mützen ab und hielten sie vor der Brust, die Frauen bekreuzigten sich, manche knieten nieder. An die Totenmesse in der Kirche und die Grabrede des Dorfpfarrers sowie an die Augenblicke der Beisetzung kann ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich war es für einen kleinen Jungen zu viel der bewegenden Eindrücke an diesem Tag.

 

 

Prägende Eindrücke dieser Zeit auf mein späteres Leben