Beschreibung

Maine, um 1850. Harriet liebt Geschichten. Und sie weiß, dass sie ein Talent zum Schreiben hat. Doch eigentlich hat sie als Frau ganz andere Verpflichtungen. In Calvin Stowe begegnet sie ihrer großen Liebe. Er bestärkt Harriet darin, ihrer Berufung zu folgen. Als die Sklavenfrage ihr Land spaltet, kämpft Harriet auf ihre Weise für die Menschen: Sie schreibt "Onkel Toms Hütte", eine ergreifende Geschichte, die Millionen von Menschen tief berührt. Das Ende der Sklaverei ist endlich in Sicht ... Spannend und einfühlsam schildert der Roman das Leben und die Persönlichkeit dieser bemerkenswerten Frau: ihre Liebe, ihren Glauben und ihr leidenschaftliches Engagement.

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Seitenzahl: 214

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Dorothee Dziewas

Eine kleine Lady

Harriet BeecherStowe –die Frau, die „Onkel Toms Hütte“ schrieb

© 2011 Brunnen Verlag Gießen

www.brunnen-verlag.de

Umschlagfoto: Getty images, shutterstock

Umschlaggestaltung: Sabine Schweda

Satz: DTP Brunnen

Druck: CPI – Ebner und Spiegel, Ulm

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

ISBN 978-3-7655-7029-2

Prolog

NOVEMBER 1878

Über Nacht war der Winter hereingebrochen. Die dichte Schneedecke glitzerte unberührt in der Morgensonne und verzauberte den Garten hinter dem Haus in ein weißes Märchenland. Wo die Herbststürme vor Kurzem noch die Blätter von den Ästen geweht hatten, herrschte jetzt andächtiges Schweigen. Harriet ließ den Blick über die schneebedeckten Bäume und Büsche wandern und rieb sich den schmerzenden Arm. Wenn das Wetter umschlug, spürte sie es immer in den Knochen.

Sie wandte den Blick vom Fenster ab und sah zu ihrem Schreibtisch hinüber. In letzter Zeit war es ruhiger um sie geworden, aber das machte ihr nichts aus. Jetzt hatte sie mehr Zeit, um Briefe zu schreiben, zu malen und die Früchte ihrer Arbeit zu genießen.

Als sie hinter sich ein Geräusch hörte, drehte sie sich um. Sie lächelte. „Ah – Betty, bringst du den Tee?“

„Ja, Ma’am“, erwiderte das Mädchen, das den Kopf zur Tür hereingesteckt hatte und jetzt zögernd den Raum betrat.

„Stell ihn dort ab, ich schenke mir gleich selbst ein, danke.“ Harriet trat an ihren Schreibtisch und nahm das Buch in die Hand, das dort lag. Während die Schritte des Mädchens auf der Treppe verklangen, strich Harriet mit den Fingern über den Einband. Dann schlug sie den Buchdeckel auf. Die Leute von Poganuc stand in großen Buchstaben auf der Titelseite. Und darunter ihr Name: Harriet Beecher Stowe.

Schon vor acht Jahren hatte sie ihrem Verleger von der Idee zu diesem Buch erzählt. Und jetzt hielt sie es endlich in Händen. Es war immer ein besonderer Augenblick, wenn die fertigen Bücher eintrafen. Doch diesmal betrachtete sie ihr Werk mit besonders liebevollem Blick. Auf diesen Seiten stand ihre eigene Geschichte, hier hatte sie ihre Kindheit wiederaufer­stehen lassen.

Sie schlug das erste Kapitel auf, und als sie die ersten Zeilen las, wanderten ihre Gedanken in die Vergangenheit: „… eine große, saubere Küche in Neuengland vor ungefähr sechzig Jahren …“

Ein ungewöhnliches Mädchen

September 1819

Hattie!“ Harriet blickte nur kurz auf. Dann kletterte sie über die moosbewachsenen Steine am Ufer des Flusses, um in eine Mulde im flachen Wasser hineinzuspähen. Die Herbst­sonne ließ glitzernde Lichter auf dem Wasser tanzen, aber in die Mulde unter den Steinen fiel kein Sonnenstrahl. Wie oft hatte Harriet schon gedacht, sie könnte einfach ihre Hand aus­strecken und ­einen der Hechte fangen, die dort reglos im Schatten der Tannen verharrten. Aber jedes Mal, wenn sie mit den Fingerspitzen das Wasser berührte, waren die Fische wie der Blitz verschwunden.

Am Fluss und in den Wäldern ihrer Heimatstadt Litchfield im Bundesstaat Connecticut gab es unendlich viele Dinge zu entdecken, und Harriet liebte Samstage wie diesen. Wenn alle Hausarbeiten getan waren, konnte sie mit ihren Geschwistern loslaufen und Beeren oder Nüsse sammeln. Der Duft der kleinen, saftigen Wildäpfel im Sommer vermischte sich mit dem der Tannenzapfen und des feuchten Waldbodens. Im Herbst gingen Harriet und ihre Geschwister Pilze und Kastanien sammeln, eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen ihr Vater seine Bücher und Predigten vernachlässigte und mit ihnen durch die Wälder streifte.

„Hattie!“, ertönte Henrys Stimme wieder, diesmal lauter, und sie sah ihren Bruder zwischen den Bäumen auf sich zu rennen. „Komm! Onkel Samuel ist da!“

Harriet raffte ihren Rock und balancierte auf den Steinen zurück zum Ufer. Sie mochte Onkel Samuel. Er erzählte immer aufregende Geschichten von fernen Ländern, gefährlichen Abenteuern und fremdländischen Menschen, denen er auf seinen Reisen als Kapitän begegnet war. Harriet konnte ihm stundenlang zuhören.

Während sie ihrem Bruder zum Pfarrhaus folgte, überlegte sie, was für Schätze der Onkel diesmal wohl im Gepäck haben mochte.

„Onkel Samuel!“ Harriet riss die Tür zur Wohnstube auf. Ihr Onkel stand zusammen mit ihrem Vater am Kamin und wärmte sich auf. Zwei der Studenten, die mit bei ihnen wohnten, saßen am Tisch über ihren Büchern. Harriet konnte sich nicht er­innern, wann sie das letzte Mal nur mit ihren Eltern und ihren Geschwistern zusammen gegessen hatte. Irgendein Verwandter, Untermieter oder Gast war immer im Haus.

„Onkel Samuel! Erzählst du uns wieder eine Geschichte?“

„Na, wenn das nicht unsere Harriet ist!“ Der Onkel grinste. „Also, Lyman“, fügte er zu Harriets Vater gewandt hinzu, „deine Tochter ist ja schon wieder gewachsen. Wie alt ist sie jetzt? Neun?“

„Acht“, kam Harriet ihrem Vater zuvor.

„Und bist du in der Schule fleißig?“

Lyman Beecher sah seine Tochter an, und seine Miene zeigte fast so etwas wie Stolz. „Unsere Harriet ist sehr klug und lernt gut. Ich würde hundert Dollar dafür geben, wenn sie ein Junge wäre und Henry ein Mädchen.“

Harriet wusste, dass es ein Lob sein sollte. Es geschah nicht oft, dass ihr Vater sie lobte. Meistens beachtete er sie gar nicht, und wenn er es doch einmal tat, dann verglich er sie mit ihren Brüdern. Das Mädchen unterdrückte ein Seufzen. Wie so oft wünschte sie sich, Mama wäre noch am Leben. Als Roxana Beecher ihren letzten Atemzug getan hatte, war Harriet erst fünf Jahre alt gewesen, und so konnte sie sich nicht an sehr viele Einzelheiten erinnern. Aber nach dem, wie Harriets Großmutter und Mamas Geschwister von ihr sprachen, musste sie geradezu ein Engel gewesen sein. Harriet kam recht gut mit ihrer Stiefmutter aus, aber das war nicht dasselbe. Wenn sie abends im Bett lag, stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn ihre schöne, sanfte Mutter mit ihr das Abendgebet sprechen könnte.

„Weißt du eigentlich, dass ich vor einigen Wochen nur ganz knapp einem gefährlichen Tier entkommen bin?“, fragte Onkel Samuel mit einem Augenzwinkern, als er ihre bekümmerte Miene sah. „Nein? Die Geschichte muss ich euch unbedingt erzählen.“

Harriets Miene hellte sich auf und sie nahm die Hand ihres Onkels, um ihn zu dem alten Sofa zu ziehen, das unterm Fenster stand. „Erzählst du sie uns jetzt gleich?“

Onkel Samuel lachte, aber sein Schwager runzelte die Stirn. „Harriet, du weißt doch, dass wir gleich zu Abend essen. Du kannst Mutter in der Küche helfen. Und dann müsst ihr auch noch eure Schulaufgaben machen. Nun lass deinen Onkel in Ruhe.“

Harriet wandte sich ab, damit ihr Vater nicht sah, wie sie die Augen verdrehte. „Ja, Vater.“

Henry warf ihr einen Blick zu und zuckte mit den Schultern. „Komm, wir sehen nach, ob Zillah den Nachtisch schon fertig hat. Vielleicht können wir ein bisschen davon probieren.“

Harriet seufzte und ging mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder in die Küche, um beim Tischdecken zu helfen. Sie würde sich eben in Geduld üben müssen, bis sie die neuesten Abenteuer aus Onkel Samuels Leben zu hören bekam. Gut, dass morgen Sonntag war, da würden sie alle gemeinsam im kleinen Wohnraum am Kamin sitzen und den Erzählungen ihres Onkels lauschen.

Nach dem Essen zogen die Männer sich mit einer Tasse ­Kaffee zurück, während Hatties Stiefmutter, die wie sie selbst Harriet hieß, mit einer Handarbeit auf dem Sofa Platz nahm. Der kleine Charles war vom Mädchen zu Bett gebracht worden, und Harriet und Henry wurden in ihr Zimmer geschickt, um zu lernen.

Es dauerte nicht lange, und der Tisch, an dem die Geschwister jeden Tag ihre Schulaufgaben machten, war mit Büchern und Blättern übersät. Auch wenn sie jetzt lieber bei den Erwachsenen gesessen hätte, machte es Harriet eigentlich nichts aus zu lernen. Sie ging gerne zur Schule. Zum Glück war ihr Vater immer der Meinung gewesen, dass auch Mädchen eine gute Schulbildung bekommen sollten. Sie war ganz aufgeregt gewesen, als sie in diesem Sommer von der Grundschule auf die höhere Schule hatte wechseln dürfen. Normalerweise nahm die Mädchenschule keine Schülerinnen auf, die jünger als zwölf Jahre waren, aber weil Harriet einen so wachen Geist besaß, hatte man bei ihr eine Ausnahme gemacht. Umso mehr bemühte sie sich, mit den älteren Kindern mitzuhalten.

Auch zu Hause tat sie alles, um sich gegen ihre großen Geschwister zu behaupten. Manchmal saß die ganze Familie um den Küchentisch und schälte Berge von Äpfeln, die für den Winter zu Apfelmus eingekocht wurden. Bei diesen Gelegenheiten brachte ihr Vater ihnen mit dem Schälmesser in der Hand bei, wie sie ihre Ansichten formulieren und dafür eintreten konnten. Er zeigte ihnen, wie man Gegenargumente widerlegte und in einem Gespräch die Oberhand behielt. An solchen Tagen war Harriet froh, dass ihr Vater sie so behandelte, als wäre sie ein Junge. Nicht auszudenken, wenn sie all die spannenden Unterhaltungen verpasst und stattdessen Strümpfe hätte stricken müssen!

Außerdem las sie für ihr Leben gern. Sie verschlang jedes Buch, das sie in die Finger bekam. Wie viele Stunden hatte sie schon im Studierzimmer ihres Vaters vor den hohen Bücherregalen gestanden und einen der ledergebundenen Bände nach dem anderen herausgezogen und ehrfürchtig betrachtet. Die meisten Bücher waren mit Predigten, Aufsätzen und theologischen Abhandlungen gefüllt, aber manchmal fand sich eine unverhoffte Perle unter den gelehrten Werken. Ein Geschichtsband zum Beispiel mit Landkarten und Zeittafeln. Oder die Biografie eines einflussreichen Predigers, den ihr Vater verehrte und dessen Erlebnisse vor Harriets innerem Auge die lebhaftesten Bilder entstehen ließen. Am liebsten aber las Harriet in den Geschichten von Walter Scott.

Ivanhoe und andere Bücher des großen schottischen Schriftstellers waren ein Schatz; selbst ihr strenger Vater, der sonst keine Romane im Haus duldete, konnte sich ihrem Zauber nicht entziehen. Und die Kinder liebten die spannenden Geschichten und dramatischen Schilderungen. Sie gaben den Bächen und Hügeln in der Umgebung die schottischen Namen, die sie aus Scotts Büchern kannten, und Harriet konnte ganze Dialoge auswendig aufsagen.

Die große alte Wohnzimmeruhr schlug sieben und Harriet schlug seufzend ihre englische Grammatik auf. 

 Am nächsten Morgen wurde sie von energischem Klopfen geweckt. Die Tür ging auf und das Mädchen stellte eine Kerze auf den Tisch neben der Tür, denn durch die Fenster drang noch kein Lichtschein. Harriet setzte sich schlaftrunken auf. Im Bett nebenan regte Henry sich ebenfalls.

„Henry, bist du wach?“

„Mmmm.“ Es klang mehr nach einem Stöhnen als nach Zustimmung.

Harriet schwang die Füße aus dem Bett und wusch sich in der kühlen Morgenstunde schnell das Gesicht, bevor sie ihr Sonntagskleid anzog.

Der Tag begann im Hause Beecher um vier Uhr morgens. An den Wochentagen gab es immer irgendeine Arbeit zu verrichten, bei der die Kinder helfen mussten. So wurde montags die Wäsche gewaschen, am Dienstag wurde sie gebügelt und am Mittwoch wurde Brot gebacken.

Aber heute war Sonntag. Harriet lief die Treppe hinunter und in die große Küche, in der sich nach und nach auch die anderen Familienmitglieder und Hausgäste einfanden. Sie setzte sich neben ihren Onkel und zupfte ihn am Ärmel.

„Onkel Samuel?“

„Guten Morgen, Harriet.“

„Erzählst du nach dem Gottesdienst deine Geschichte? Ich bin doch schon so gespannt darauf!“

Der Onkel lächelte. „Wir wollen sehen, was euer Vater sagt. Aber weißt du was? Ich habe euch auch etwas mitgebracht.“

Harriet sah ihn mit großen Augen an. „Wirklich? Was ist es denn? Was hast du uns mitgebracht?“ Sie konnte kaum still sitzen, so ungeduldig war sie.

„Guten Morgen.“ Lyman Beecher kam im Sonntagsstaat zur Tür herein und nickte in die Runde, bevor er am Kopfende des Tisches Platz nahm. Dann neigte er den Kopf und betete: „Herr Jesus, segne diese Speise und mache uns demütig, damit wir rechte Christen seien. Dein heiliger Name sei gepriesen. Amen.“

Kaum war das Amen verklungen, stürzten Harriets Brüder sich auf das Graubrot und die Wurst, die das farbige Mädchen aufgetischt hatte. Der würzige Duft von gebratenem Speck hing in der Luft, und Harriet sog ihn ebenso begierig in sich auf wie die Jungen. Nachdem alle Teller gefüllt waren, tunkte sie ihr Brot in die dampfenden Bohnen, während ihre jüngeren Brüder sich damit vergnügten, Fratzen zu schneiden, wann immer ihr Vater in eine andere Richtung blickte.

„Nun, Lyman, wie ist es um deine Schäflein bestellt?“, fragte Onkel Samuel seinen Schwager augenzwinkernd. „Warnst du sie immer noch vor den heidnischen Gewohnheiten der römischen Kirche?“

Harriets Vater zog die Augenbrauen hoch, antwortete aber nicht. Wahrscheinlich wollte er am Tag des Herrn keinen Streit aufkommen lassen.

„Meinst du die Katholiken, Onkel Samuel?“, fragte Harriet. „Wieso sind sie denn Heiden? Ich dachte, die Heiden leben im Orient.“

„Nun, mein Kind, das ist eine gute Frage. Dein Vater miss­billigt die Riten der katholischen Kirche, weil sie nicht in der Bibel zu finden sind. Dabei habe ich auf meinen Reisen nach Spanien Bischöfe kennengelernt, die ebenso fromm waren wie dein Vater und seine Gemeinde. Ja, ich bin sogar Muslimen begegnet, die ehrlicher waren als mancher Christ, den ich kenne!“

Harriet blickte erschrocken zu ihrem Vater hinüber. Sie sah, dass sich auf seiner Stirn eine strenge, steile Falte gebildet hatte. Die bekam er immer, wenn er irgendwelche Irrlehren oder einen „lauwarmen“ Glauben witterte.

„Du weißt, dass ich deine unorthodoxen Ansichten nicht teile, Samuel“, bemerkte Lyman steif. „Für uns kann es nur einen Weg geben – und das ist der Weg des Gehorsams, auf dem wir jeden Tag nach Gottes biblischen Weisungen leben. Sie und nichts sonst sind die Grundlage unseres Glaubens!“

Wann immer Onkel Samuel da war, spürte Harriet, dass die Atmosphäre im Haus etwas angespannt war. Der Onkel machte oft Späße und zog seinen Schwager gerne auf, aber Harriet war sich sicher, dass es nicht böse gemeint war. Jemand, der so gutmütig war wie Onkel Samuel, der alle seine Neffen und Nichten mit Geschenken bedachte und so liebevoll von Harriets Mutter sprach, konnte gar nicht gemein sein. Doch wenn es um Gott ging, verstand ihr Vater keinen Spaß, das wusste sie. Sie und ihre Geschwister hatten schon so manche Stunde auf Knien gebetet, wenn der große Prediger Lyman Beecher seine Stimme zu Gott erhob, und die Kapitel aus der Bibel, die er zu Beginn der täg­lichen Familienandacht vorlas, waren oft auch sehr lang.

Es war nicht so, dass Harriet etwas gegen die Bibel hatte. Sie liebte dieses Buch mit seinen Geschichten über die spannenden Erlebnisse von Mose oder David und über Jesus, der kranken Menschen half. Und sie lernte eifrig die Bibelverse und die Artikel aus dem Katechismus auswendig, die ihr Vater den Kindern aufgab. Schließlich wollte sie, dass Gott sie mit Wohlwollen ansah und dass ihr Vater stolz auf sie war. Sie wünschte nur, er würde nicht immerzu von der Hölle sprechen und vom Gehorsam und von Geboten und von den bösen Dingen, die die Menschen taten. Manchmal bekam sie es richtig mit der Angst zu tun. Was, wenn sie nicht gerettet würde?

„Kannst du mir bitte noch mal den Speck reichen, Hattie?“, riss Mrs Beechers Stimme sie aus ihren Gedanken. Harriet schob ihrer Stiefmutter den Teller zu und löffelte schweigend ihre restlichen Bohnen auf. Der Appetit war ihr plötzlich vergangen.

„Wenn ihr Kinder fertig seid, könnt ihr aufstehen und eure Teller ins Spülbecken stellen“, sagte Harriets Stiefmutter kurz darauf. „Und dann macht euch für die Andacht fertig.“

Die nächste Stunde verbrachten die versammelten Beechers und ihre Hausgäste mit Bibel und Gebet und damit, sich für den Kirchgang zurechtzumachen. Das Gotteshaus stand gleich nebenan, ein quadratischer Bau mit schmucklosen, weiß getünchten Wänden. Um diese Jahreszeit war es bereits empfindlich kalt in dem ungeheizten Gebäude, und so war das Still­sitzen während der Versammlung eine wahre Charakterprüfung. Die ausführliche Predigt und die wenigen, behäbigen Psalmen­gesänge taten ihr Übriges, um den Kindern die Zeit lang werden zu lassen.

An diesem Tag wollte der Gottesdienst schier kein Ende nehmen, und Harriet rutschte ungeduldig auf der Bank hin und her. Während ihr Vater auf der Kanzel stand und seine Schäfchen ermahnte, nicht vom Weg des Guten Hirten abzukommen, malte Harriet sich aus, was ihr Onkel diesmal von seinen Reisen mitgebracht haben könnte.

Endlich war es so weit. Das Mittagessen war abgetragen, die Küche aufgeräumt und geputzt und allmählich scharten sich alle Bewohner des Hauses um den Kamin in der Stube, wo Onkel Samuel eine Kiste mit geheimnisvollem Inhalt aufgebaut hatte.

Harriet hüpfte vor Begeisterung auf der Stelle, während sie zusah, wie ihr Onkel die kostbaren Mitbringsel eins nach dem anderen aus der rauen Holzkiste holte. Jedes Stück war einzeln in Seidenpapier eingeschlagen, und jedes Mal, wenn Onkel Samuel eines auswickelte, ging ein Raunen durch die Kinderschar. Diesmal hatte er aus Asien ein Paar seidene Pantoffeln für Mrs Beecher mitgebracht, bemalte Fächer für Catharine und Mary und hübsche bunte Holzkästchen für die kleineren Kinder. George erhielt ein afrikanisches Schnitzmesser mit dunklem Holzgriff.

Was Harriet jedoch am meisten interessierte, waren die Bücher, die ihr Onkel zum Schluss hervorholte. Manchmal waren sie in Sprachen geschrieben, die sie nicht verstand, aber oft waren es die neuesten Gedichte von Byron oder Shelley, die in Zukunft die heimische Bibliothek zieren würden.

„Hier, Harriet, das letzte Buch darfst du auspacken.“ Onkel Samuel reichte ihr das in Papier gehüllte Paket. Es war dick und schwer und roch leicht süßlich, wie exotische Gewürze. Vorsichtig schlug sie das Seidenpapier zurück, und vor ihr lag ein Exemplar der Geschichten aus tausendundeiner Nacht. Ehrfürchtig fuhr sie mit dem Finger über den gewölbten ledernen Buchrücken mit der goldenen Prägung und über die feinen dunkelroten Ornamente auf dem Deckel. Schon das Äußere verhieß wundervolle Geheimnisse.

„Wisst ihr, wie dieses Buch in meinen Besitz gelangt ist?“, fragte Onkel Samuel in die Runde. Die Kinder schüttelten stumm die Köpfe und sahen ihn erwartungsvoll an. „Das war so …“

Wie gebannt hingen alle an den Lippen des Onkels, als er von seiner jüngsten Reise erzählte – Geschichten von Menschen aus dem fernen Orient, von wilden Tieren und wundersamen Landschaften.

Seit Harriet denken konnte, war Onkel Samuel in der Welt herumgereist, hatte von seinen Abenteuern erzählt und unzählige Andenken aus fernen Ländern mitgebracht. Wann immer der Onkel zu Besuch kam, stiegen in Harriet Erinnerungen an die Zeit auf, die sie als kleines Kind bei ihrer Großmutter verbracht hatte. Die Vorhänge um ihr Bett waren aus indischem Leinen gefertigt und mit seltsamen großen Pflanzen bedruckt, zwischen denen sich chinesische Sommerhütten und Riesen­vögel tummelten – auch diesen Stoff hatte ihr Onkel von seinen Reisen mitgebracht.

Sie erinnerte sich noch an den Tag kurz nach dem Tod ihrer Mutter, als sie in Nutplains ankam. Die Großmutter hatte sie auf ihren Schoß gezogen und geweint, und Harriet hatte sich gewundert, warum eine erwachsene Frau bei ihrem Anblick in Tränen ausbrach.

Harriet liebte Nutplains. Jeder Wacholderstrauch, jeder Pfad, jeder Hügel um den Hof der Großeltern, wo Harriet und ihre Geschwister gespielt hatten, sprach von der Liebe, mit der sie jedes Mal dort empfangen wurden. Die Traurigkeit, die sie ohne ihre Mama zu Hause empfunden hatte, schien wie verflogen, wenn sie in dem eleganten Elternhaus von Roxana Beecher war. Im Haus ihrer Großmutter ging es immer viel fröhlicher zu als zu Hause. Während Harriets Vater jegliche Weihnachtsfeierlichkeiten als „unbiblisch“ bezeichnete, wurden die Feiertage im Haus ihrer Großmutter ausgiebig begangen. Das Haus wurde mit Tannenzweigen geschmückt und Großmutter machte den Kindern Geschenke. Doch auch der Alltag war dort anders. Die Großmutter las aus ihrem englischen Gebetbuch Gebete für den König und die Königin und die ganze königliche Familie vor. Die Kinder lernten, bei Tisch gerade zu sitzen und „Ja, Ma’am“ und „Nein, Ma’am“ zu sagen.

Und dann war da noch Tante Harriet. Sie war nicht verheiratet und hatte keine eigenen Kinder, aber wenn die kleine Hattie bei ihr war, dann sorgte sie wie eine Mutter für das Mädchen. Sie brachte ihrer Nichte Nähen und Stricken bei, weil sie der Meinung war, eine junge Dame müsse das können. Und sie erzählte immer wieder von Roxana.

„Sieh mal, Miss Harriet“, sagte ihre Tante zum Beispiel und nahm einen handbemalten Teller aus der Vitrine im Wohnzimmer. „Diesen Teller hat deine Mutter selbst bemalt. Hier kannst du sehen, wie fein die Zeichnung ist – deine Mama hatte eine sehr ruhige Hand.“

Harriet betrachtete das Bild des kleinen Vogels, der auf einem zarten Zweig in der Mitte des Porzellans saß. Die leuchtend rote Brust und die lustigen dunklen Augen waren eine Freude anzusehen. „Was für schöne Farben er hat!“, staunte sie.

Tante Harriet lächelte. „Ja, unsere Roxana hatte wirklich ein Auge für diese Dinge. Auch beim Sticken hat sie immer die schönsten Farben ausgewählt. So wie hier.“ Sie zog eine Tischdecke aus feinem Damast aus der untersten Schublade der Anrichte. „Siehst du?“

Wenn ich doch auch so schöne Dinge erschaffen könnte!, hatte Harriet damals gedacht. Schon früh hatte sie ihre Mutter bewundert, die so sanft und gebildet war und so wunderschöne Handarbeiten anfertigte. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Mutter die wunderbarste Frau auf der ganzen Welt gewesen sein musste. Jedes Ungemach, die Hausarbeit, den Lärm ihrer Kinder, die Strenge des Vaters und ihre schwindende Gesundheit hatte sie mit sanftem Gleichmut ertragen. Selbst auf ihrem Sterbebett hatte sie nicht geklagt, und Harriet erinnerte sich daran, wie sie mit ihren letzten Atemzügen vom Himmel erzählt und für ihre Familie gebetet hatte.

Und ihre Mutter hatte Bücher geliebt, genau wie Harriet. Es musste schwer für sie gewesen sein, nachdem sie den großen Prediger Lyman Beecher geheiratet hatte – den Mann, der in allen schönen Dingen, in Romanen und Gedichten nur welt­liche oder gar unchristliche Vergnügungen sah. Und so sehr Harriet ihrem Vater zuliebe eine gehorsame Tochter und demütige Christin sein wollte, so sehr sehnte sie sich doch zugleich nach der schönen und lebensfrohen Welt, in der ihre Mutter auf­gewachsen war.

„Und als der Tiger mit gefletschten Zähnen auf mich zukam, blieb mir fast das Herz stehen – das könnt ihr mir glauben“, riss die dramatisch erhobene Stimme ihres Onkels sie aus ihren Gedanken. Er saß auf der vorderen Sesselkante und wandte den Kopf langsam nach rechts und dann wieder nach links. „Ich wagte kaum, mich zu bewegen, schließlich wollte ich das riesige Tier nicht reizen. Aber zugleich musste ich einen Ausweg finden, denn hinter mir waren nur steile Felsen.“

Harriets Geschwister, zwei Schülerinnen von der Mädchenschule, die im Pfarrhaus wohnten, und einige Studenten aus dem juristischen Seminar lauschten gebannt Onkel Samuels Geschichte. Niemand konnte so gut erzählen wie er. Aber der Onkel war auch in anderen Dingen sehr klug. Später am Abend würde die Unterhaltung sich sicherlich wieder um Literatur und Philosophie, um Geschichte und natürlich um Theologie drehen, so wie es meistens war, wenn sie alle beisammensaßen. Es war immer spannend, den Gesprächen der Erwachsenen zu folgen. Harriet sog all dies in sich auf, begierig, mehr zu lernen.

Die Tür ging auf und Lyman Beecher kam herein. Harriet blickte zu ihrem Vater auf. Er war nicht nur auf der Kanzel eine beeindruckende Erscheinung. Auch in seinem eigenen Haus, als Lehrer und Erzieher beherrschte er die Bühne mit seinem energischen Schritt, seiner kräftigen Stimme und einer intensiven Gegenwart, die alle Anwesenden automatisch aufmerken ließ.

Dabei war der wortgewaltige Prediger nicht immer ernst und unnahbar. Ebenso wie Harriets Mutter hatte ihr Vater ein Herz für die Musik. Er hatte eine Geige, die er liebte und die in seinem Studierzimmer einen beinahe ebenso prominenten Platz hatte wie Vaters Bibel. Harriet selbst hatte Klavier gelernt, ihr Bruder spielte Flöte und sonntagabends nach Sonnenuntergang kam die Familie oft zusammen, um gemeinsam zu musizieren. Wenn er Geige spielte, war Lyman Beecher wie ausgewechselt, und Harriet liebte diese sanfte, fröhliche und lebensfrohe Seite ihres Vaters. Jetzt hielt er sich jedoch im Hintergrund und ließ Onkel Samuel seine Geschichte zu Ende erzählen.

„Ihr könnt euch vorstellen, wie froh ich war, als der Tiger gefangen und in einen Käfig gesperrt worden war und ich wohlbehalten an Bord meines Schiffes zurückkehren konnte.“ Mit diesen Worten lehnte Onkel Samuel sich zurück und genoss sichtlich die Wirkung seiner Erzählung.

„So, Kinder“, meldete Harriets Vater sich jetzt zu Wort. Er erhob sich, in der Hand seine große schwarze Bibel, die vom vielen Lesen schon ganz abgegriffen war. „Gleich gibt es Abendessen. Vorher will ich euch aber an die Predigt aus dem heutigen Gottesdienst erinnern.“ Harriet fragte sich, ob er wohl meinte, den fantasievollen Ausführungen seines Schwagers eine ernstere Kost entgegensetzen zu müssen. „Ich lese den Text aus dem Buch Hesekiel, Kapitel 34, noch einmal vor: ‚Aber zu euch, meine Herde, spricht Gott der Herr: Siehe, ich will richten zwischen Schaf und Schaf und Widdern und Böcken. Ist’s euch nicht genug, die beste Weide zu haben, dass ihr die übrige Weide mit Füßen tretet, und klares Wasser zu trinken, dass ihr auch noch hineintretet und es trübe macht, sodass meine Schafe fressen müssen, was ihr mit euren Füßen zertreten habt, und trinken, was ihr mit euren Füßen trübe gemacht habt? Darum spricht Gott der Herr: Siehe, ich will selbst richten zwischen den fetten und den mageren Schafen.‘“

Der Pastor hob warnend den Zeigefinger. „Ihr wisst doch, dass nur die Schafe, die dem Guten Hirten folgen, vor dem Verderben verschont bleiben. Wer Jesus nicht als seinen Heiland annimmt, wer die eigene Sünde nicht bekennt und bereut, wird von Gott verstoßen werden. Er ist der Richter, vor dem ihr euch irgendwann verantworten müsst.“ Harriets Vater ließ seinen eindringlichen Blick in die Runde schweifen. „Und weil der Herr wie ein Dieb in der Nacht kommen wird, duldet eure Entscheidung keinen Aufschub. Bekehrt euch, ehe das letzte Urteil gesprochen wird und Gott euch am Jüngsten Tag für immer in die Hölle schickt!“

Harriet zuckte zusammen. Da war sie wieder, diese Angst. ­Eigentlich war sie sich keiner besonderen Schuld bewusst, keiner großen Sünde, die sie hätte bereuen müssen. Natürlich hatte sie gelegentlich ihre Geschwister geärgert, und manchmal tat sie so, als hätte sie nicht gehört, wenn ihre Stiefmutter ihr etwas auftrug. Und erst heute Morgen hatte sie in der Kirche gesessen und gehofft, die Predigt würde schneller vorbeigehen, damit sie endlich Onkel Samuels Geschichte hören konnte. Ob Gott sie dafür bestrafen würde? Harriet spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen. Sie wollte doch ein braves Mädchen sein und eine gute Christin. Sie hoffte inständig, sie würde endlich die Bekehrung erleben, von der ihr Vater immer sprach.