Beschreibung

"Wir werden nicht leben. Wir werden brennen und mit uns das gesamte Universum." Alison findet sich verletzt und gebrochen in einer anderen Welt wieder. Ein Kampf ums Überleben beginnt, in dem sie sich neue und alte Feinde gegen sie verbünden. Doch Gareths Verrat wiegt schwer und bringt sie dem Abgrund näher als jeder andere Schmerz. Sie weiß nicht mehr, wem sie noch vertrauen kann und wer ihr wahrlich zur Seite steht. Die Umstände können nicht schlechter sein, als sie schließlich auf die Dämonengöttin trifft und mit ihr um ihr Leben feilschen muss. Ihre Zeit ist knapp, denn wenn sie nicht rechtzeitig einen Weg zurückfindet, ist die Erde dem Untergang geweiht. Das große Finale der Reihe! Teil 1: Ein Käfig aus Rache und Blut Teil 2: Ein Thron aus Knochen und Schatten Teil 3: Eine Krone aus Herz und Asche

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Eine Krone aus Herz und Asche

Laura Labas

Copyright © 2018 by

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Marlena Anders

Korrektorat: Julia Mayer

Layout: Michelle N. Weber

Illustrationen: Anja Uhren

Umschlagdesign: Sanja Gombar Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-296-9

Alle Rechte vorbehalten

Für Silvana

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Namensglossar

Danksagung

Über die Autorin

Kapitel Eins

Die Hexe

Vor hunderten von Jahren in Triste

Morrigan betrachtete ihre makellose Erscheinung in dem in Gold eingefassten Spiegel und lächelte zufrieden. Ihr Körper war in ein schwarzes Spitzenkleid gehüllt, das ihr von ihrem Gemahl geschenkt worden war. Da Devlin auch nach so vielen Jahrzehnten immer noch blind war, achtete er mehr auf das Gefühl der Stoffe als auf den Schnitt. Darauf konzentrierten sich allein die Schneider und sie hatten auch dieses Mal ausgezeichnete Arbeit geleistet. Die langen, spitzenbesetzten Ärmel lagen genauso wie das Kleid eng an ihrer Haut an, sodass die sanfte Rundung ihres Bauches bereits jetzt zur Geltung kam. Morrigan hatte Devlin noch nicht die frohe Kunde, dass sie ein weiteres Kind unter ihrem Herzen trug, mitgeteilt. Aber bald.

Ihr zufriedenes Lächeln wandelte sich zu einem hoffnungsfrohen. Sie hatte gemerkt, dass Devlin in den letzten zwei Jahren immer unglücklicher wurde. Er vermisste seine Heimat, auch wenn es ihm hier in Triste an nichts mangelte. Mittlerweile hatten sie ihre Grenzen gesichert und die Schlachten gegen Duster, gegen Aeshma, fanden nur noch selten auf ihrem Grund und Boden statt. Ihr Volk sehnte sich nach Frieden, das wusste sie, aber sie war nicht fähig nachzugeben. Sie konnte nicht.

Auch nicht für Devlin?

Schon einmal hatte sie den Fehler begangen, jemandem ihr Herz bedingungslos in die Hände zu legen und sie war um eine schmerzvolle Erfahrung reicher geworden. Aeshma hatte sich in Devlins menschliche Schwester verliebt und sie, Morrigan, Dämonenhexe und Königin, aus seinem Königreich verbannt. Nun, vielleicht war sie auch freiwillig gegangen, aber wie hätte sie in Duster bleiben und dabei zusehen können, wie er dieser … Menschenfrau den Hof machte?

Nein, sie hatte sich richtig entschieden, war nach Triste zurückgekehrt und hatte ihr Volk auf den rechten Pfad gewiesen – auf einen Kriegspfad gegen den Erzdämon Aeshma. Und plötzlich hatte Devlin ihren Weg gekreuzt. Indem er sie liebte und verehrte, verhinderte er, dass ihr Herz vollkommen zu Eis gefror. Sie liebte ihn ebenfalls, auch wenn sie einen kleinen Teil von sich selbst zurückhielt. Nur einen winzig kleinen Teil, aber er reichte aus, um den Krieg weiter voranzutreiben.

Sie legte ihre Hände auf die kleine Wölbung und fragte sich, ob sie mit einem Jungen oder einem Mädchen gesegnet werden würde. Es war bei Weitem nicht ihr erstes Kind mit Devlin, doch es fühlte sich so an. Die Schwangerschaft war so wichtig für ihre Beziehung. Sie würde ihm ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, das wusste sie. So war es auch bei jeder anderen Schwangerschaft gewesen und wenn die Kinder die Welt erblickten, mit ihren blassen Augen und lautem Geschrei, war er jedes Mal wie gebannt. Genauso wie sie.

Die meisten ihrer Kinder waren mittlerweile gealterte Männer und Frauen, die selbst bereits Kinder und Kindeskinder hatten, aber Morrigan und Devlin luden sie noch immer Monat für Monat an den Hof ein. Es war anders als mit Aeshma. Dieser hatte sich kaum um ihre gemeinsamen Kinder gekümmert und so hatte sich auch Morrigan dazu gezwungen gefühlt, sie nicht zu sehr in ihr Herz zu schließen. Letztlich ersparte ihr dies großes Leid, denn anders als sie und Aeshma waren ihre Kinder nicht für die Ewigkeit gedacht, auch wenn Königsdämonen länger zu leben schienen als ihre Schattenkinder.

Sie hatte all ihre Magie dazu benutzt, Devlins Leben an ihr eigenes zu binden, sodass seine Lebensdauer so lang anhielt wie die ihre. Für ihre Kinder hatte die Magie nicht ausgereicht. So schmerzvoll sie auch gewesen war, sie bereute ihre Entscheidung nicht.

Die Flügeltüren zu ihrem Gemach wurden von livrierten Dienern geöffnet, um ihren Gemahl einzulassen, der dieser Tage nicht einmal mehr seinen Stock brauchte. Er fand sich trotz seiner Blindheit gut zurecht, da er die Auren um sich herum fühlen konnte. So zumindest hatte er es ihr damals erklärt.

»Morrigan«, begrüßte er sie, nachdem sich die Türen hinter ihm geschlossen hatten und er an ihre Seite getreten war. Sie befand sich gegenüber von ihrem Bett, neben dem Spiegel und der Fensterfront, die den Blick auf das ruhige Meer offenbarte. Eine Terrassentür war geöffnet und ließ die salzige Brise ins Gemach ein.

Devlin küsste ihre Wange, während sich seine Hände um ihre Taille legten und von dort nach vorne wanderten. Stirnrunzelnd zog er seinen Kopf etwas zurück, seine Handflächen befühlten jedoch weiter die verräterische Rundung.

»Du bist schwanger?«, fragte er heiser, bevor er sich räusperte. Zwei Wochen war er fort gewesen, um beim Neuaufbau eines Dorfes zu helfen. Sie hatte ihn so vermisst.

Sie konnte sich ein glückliches Lächeln nicht verkneifen, als sie ihre Hände auf die seinen legte.

»Freust du dich?« Sie beugte sich vor und verschloss für einen Moment seine Lippen mit ihren.

»Ja«, wisperte er und küsste sie erneut mit so großer Leidenschaft wie bei ihrem ersten Kuss im Wintergarten. Sie konnte sich nur dazu überwinden, den Kuss zu unterbrechen, weil sie einen derart großen Drang verspürte, sein Lächeln zu sehen.

Als sie sich von ihm löste, zuckte er überrascht zusammen. Zuerst dachte sie, er wollte sie reinlegen und gestehen, dass er sich doch nicht über ihr Kind freute, doch dann sah sie das sich ausbreitende Blut auf seinem Hemd und die Pfeilspitze, die daraus hervorragte.

Bevor sie wirklich begriffen hatte, was vor sich ging, wurde sie von einem zweiten Pfeil an der Schulter getroffen. Zusammen mit Devlin ging sie zu Boden.

Woher war der Angriff gekommen? Von der Terrasse?

Sie versuchte ihren Blick zu heben, doch es war ihr unmöglich, ihn von Devlins flehendem Gesicht zu nehmen. Seine Unterlippe bebte, als würde er ihr etwas sagen wollen. Der Schmerz in ihrer Schulter sank ins Nichts. Ihre schwarze Krone rutschte von ihrem geneigten Kopf, als sie sich über ihren Gemahl beugte, und fiel klirrend auf den Boden.

nein nein nein

»Verlass mich nicht«, wisperte sie. Nichts war wichtig. Weder ihr Schmerz noch ihre Magie. Ihre Schatten gehorchten ihr nicht, sammelten sich nicht wie ein Schutzschild um sie, als würden sie in ihr nicht mehr ihre Meisterin erkennen. »Devlin. Bitte.«

»Ich liebe dich so sehr, Morrigan«, raunte Devlin, bevor er einen schwachen letzten Atem ausstieß – in demselben Augenblick als sie der nächste Pfeil ins Herz traf. Das Herz, das in diesem Moment brach.

Devlin. Verlass mich nicht.

Aber sie war es, die hinabglitt in die Dunkelheit. Das Letzte, was sie sah, waren dunkle Finger, die sich um ihre schwarze Krone legten. Dann existierte nur noch Finsternis, bis …

sie erwachte

Sekunden

Stunden

Jahre

Ewigkeiten

später

Verlass mich nicht, echote es in ihrem Inneren, das leer und taub war.

Sonnenlicht kitzelte ihre Nase, Hitze trieb den Schweiß auf ihre Stirn und Sand verklebte ihre Wimpern. Stöhnend rollte sie sich auf die Seite und rieb sich mit ihren Fingern, die sich schwer wie Blei anfühlten, über die Lider, bis sie diese öffnen konnte. Sofort wurde sie von einer hochstehenden Sonne geblendet und es dauerte, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnten. Sie bemerkte schließlich, dass sie nicht das Rauschen ihres Blutes hörte, sondern das des Meeres. Sie befand sich an einem fremden Strand. Es konnte nicht Triste sein. In Triste gab es weder solchen Sand, noch war es dort je so heiß gewesen.

Wie war sie hergekommen? Was war geschehen?

Blinzelnd stemmte sie sich hoch und richtete sich auf, sodass sie dem blauen, sanften Meer zugewandt war. Meilenweit erstreckte sich das Wasser, bis es sich schließlich mit der Farbe des Himmels vermischte. Links und rechts zog sich der Strand in einem weiten Bogen entlang und ließ in Morrigan die Vermutung aufkommen, dass sie sich auf einer Insel befand. Auf einer sehr, sehr kleinen Insel.

Hinter ihr standen Palmen in kleinen Gruppen beieinander, deren ausladende Blätter in einer Brise wogen, die Morrigan nicht spüren konnte. Ein paar Sträucher mit reifen Früchten tummelten sich zwischen den schlanken Stämmen, ließen jedoch den Blick zum anderen Ende der Insel frei. Vielleicht war sie insgesamt so groß wie der äußere Hof ihres Schlosses. Lächerlich klein.

Und es gab nicht einen einzigen Schatten. Unter den Palmen herrschte genauso viel Helligkeit wie daneben. Nichts würde Morrigan vor den Sonnenstrahlen schützen können.

Wo war sie nur?

Dann fiel es ihr wieder ein. Die Erinnerung rollte wie eiskaltes Wasser über sie hinweg. Sofort legte sie die Hände auf ihren Bauch, der nunmehr flach war. Kein Kind. Es war fort. So wie Devlin. So wie sie. Als wäre es nie dort gewesen. Verschwunden. Von ihr getrennt.

Ihre Atmung beschleunigte sich und sie bekam gleichzeitig nicht genügend Luft, trotzdem konnte sie den Schmerz nicht in sich halten. Wie Lava brach er aus ihr hervor.

Sie schrie und schrie, bis sie heiser war. Es zwang sie in die Knie.

Der Tod zwang sie in die Knie.

Sie hatte alles verloren und war nun auf einer einsamen, heißen, schattenlosen Insel gefangen, die ihre Hölle war. Ihr Jenseits. Das hatte auf sie gewartet. Das hatten die Götter also für sie bestimmt? Einsamkeit und Hitze. Ohne ihre geliebten Schatten.

Ihre Finger gruben sich in den weichen Sand, als kein Ton mehr ihre trockene Kehle verließ.

Sie verlor jegliches Gefühl für Zeit. Spürte nur die Hitze, keinen Hunger, keinen Durst, während sie im Sand sitzen blieb und den Verlust ihres Kindes und ihres Gemahls zu begreifen versuchte.

Nach Taubheit und Trauer folgte jedoch sogleich der Zorn. Wer hatte ihnen das angetan? War es Aeshma gewesen?

Oh, wie sie ihn verabscheute!

Sie würde ihn töten. Mit ihren eigenen Händen würde sie das Leben aus ihm und seiner menschlichen Hure herausreißen.

Der Hass keimte in ihrem gebrochenen Herzen und nähte dieses mit schmerzhaften Stichen zusammen. Nur so gelang es ihr, sich zu erheben, als sie merkte, dass sie nicht länger allein auf der Insel war. Zwei Menschen waren wie aus dem Nichts aufgetaucht und genossen das Sonnenlicht auf ihrer Haut, schwammen im warmen Wasser und räkelten sich im Sand. Für sie war diese Insel etwas Gutes. Für sie war es keine Strafe.

Und sie hasste sie dafür.

Sie hasste jeden Menschen, der in den folgenden Jahren diese Insel betrat und sie stellte sicher, dass sie es wussten; bis eine Menschenfrau ihr eines Tages die Stirn bot und ihr zu einer Freundin wurde. Joana.

Der Hass aber wuchs bedächtig weiter und breitete sich bis in ihre tintenschwarzen Haarspitzen aus. Sie würde ihre Rache bekommen.

Oh ja.

Früher oder später.

Kapitel Zwei

Der Königsdämon

Gareth spürte Alisons Hand noch immer an seiner. Wie ein Echo, das niemals verklingen würde. Es erleichterte ihm den Kampf gegen sich selbst, ihre sich entfernende Gestalt nicht mit seinen Blicken zu verfolgen. Das würde nur unnötig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Außerdem hatte sie ihm eine wichtige Nachricht mitgeteilt.

Er erreichte Dorian gerade noch rechtzeitig und leitete ihm Alisons Warnung weiter. Billings wusste über Ascias geheime Aktivitäten und den Kampf gegen Vessen Bescheid, und würde dieses Bankett nutzen, um Dorian vor allen bloßzustellen. Er würde allen Verbündeten Ascias zeigen, was für ein Verräter Dorian war, da er hinter ihren Rücken Schattendämonen abschlachten ließ und mit Menschen zusammenarbeitete.

Dann rief Billings schon den Namen seines alten Freundes. Dorian und Gareth wurden nach vorne in Richtung der Bühne geschoben. Gareth wollte sich zur Wehr setzen, doch sein König bedeutete ihm mit einem bedeutsamen Blick abzuwarten.

Sie hatten das Podest beinahe erreicht und wären zweifellos von Billings’ bulligen Königsdämonen ergriffen worden, wenn in diesem Moment nicht Panik ausgebrochen wäre. Jemand rief ›Feuer‹ und Gareth konnte hinter sich eine brennende Wand erkennen, die sich unaufhaltsam von Vorhang zu Vorhang fraß. Er verkniff sich ein dankbares Lächeln. Offensichtlich hatte ihnen Alison einen Vorteil verschaffen wollen, und er schätzte ihre Hilfe.

»Hier entlang«, wies er seinen König an und Dorian ließ sich von ihm zu einem der Dienstbotenausgänge ziehen, da die Wächter und Billings für einen Augenblick wie erstarrt das Schauspiel beobachteten. Die meisten Anwesenden entschieden sich für die Flucht in den Garten, da sie sich draußen am sichersten fühlten. Niemand machte Anstalten, den Brand zu löschen. Es gab nicht viel, das Königsdämonen so verletzen konnte, dass sie sich nicht mehr heilen konnten – Feuer gehörte allerdings dazu. Deshalb siegte der Fluchtinstinkt über den rationalen Gedanken, die Flammen zu ersticken.

Dorian und er duckten sich hinter mehreren Gästen entlang, damit sie nicht von Billings gesehen werden konnten, falls er sich nicht wie alle anderen von den in Flammen stehenden Vorhängen ablenken lassen würde. Glücklicherweise erreichten sie ohne Zwischenfälle den wie leer gefegten Flur und suchten sich ihren Weg zum Vordereingang, der dank der Hysterie unbewacht war. Niemand hinderte sie daran, in den Hof hinauszutreten, doch sobald sie über die Pflastersteine in Richtung des Haupttores liefen, bäumte sich die Erde grollend auf.

Gareth musste sich an einem Holzpfahl abstützen, der am Rande des Weges in den Boden gestampft worden war. Dorian zeigte nicht die geringste Überraschung und hielt sich vollkommen aufrecht.

»Was war das?«

»Sie hat ein Tor geöffnet«, antwortete Dorian heiser. »Komm mit, wir müssen den Stall erreichen, bevor Billings realisiert, dass wir ihm entwischt sind.«

Sie schritten über den Kiesweg, der sie hoffentlich direkt zum Hinterhof des Rathauses führen würde. Dort befanden sich die Stallungen und somit ihre Möglichkeit zur Flucht, auch wenn Gareth das Gelände am liebsten sofort und ohne Pferd verlassen hätte. Sie würden ohnehin nicht gleich die Stadt hinter sich lassen können, da sie noch Elle einsammeln mussten. Er konnte noch immer nicht glauben, dass sie unverletzt war. Hier in Billings.

»Was meinst du damit? Wer hat welches Tor geöffnet?« Gareth folgte Dorian zwar in der Dunkelheit dicht auf den Fersen, doch er wollte Antworten und dafür wäre er sogar stehen geblieben. Dies war jedoch nicht nötig, da ihm Dorian sofort antwortete.

»Sag bloß, du warst so blind vor Leidenschaft, dass du nicht erkannt hast, was deine kleine Jägerin zu verheimlichen versuchte?«, stieß Dorian hervor, als sie sich eng an die Fassade pressten, um den Innenhof nach Wachen abzusuchen. Das Beben hatte nicht nachgelassen, als ein kräftiger Wind aufkam. Losgerissene Dachschindeln zerschellten auf den Pflastersteinen. Das eingepferchte Nutzvieh stieß unruhige Laute aus, als würde es spüren, dass hier in ihrer Nähe etwas ganz und gar Unnatürliches geschah.

»Was redest du da?« Gareth hatte das Gefühl, als wäre er in einem Albtraum gefangen. Er hätte sich vor Wochen damit durchsetzen sollen, Billings’ Einladung zum Bankett abzulehnen. Dorian hätte das allerdings nie zugelassen und Gareth während seiner Überzeugungsversuche nur mit einem milden Lächeln bedacht.

Seine Sturheit würde ihnen heute hoffentlich nicht teuer zu stehen kommen und die Welt in eine Katastrophe stürzen – wenn es nicht bereits geschehen war.

Er drehte sich zu seinem Schützling um, anstatt den Weg zum Stall fortzusetzen. Sein Blick war durchdringend und ernst, doch es fand sich auch eine gewisse Anspannung darin, die Gareth nicht gefiel. In der Ferne gesellten sich Gewehrschüsse zu dem Grollen der Erde. Das ergab für Gareth noch weniger Sinn als dieses Gespräch.

»Sie trägt den Schlüssel in sich«, verkündete er schließlich und ließ Gareth keine Zeit, diese weitreichende Tatsache zu verarbeiten, sondern wandte sich abrupt ab und eilte über den Platz.

Gareth brauchte einen Moment, um sich von dem Schock so weit zu erholen, dass er seinem König folgen konnte.

Das Beben wurde schlimmer. Der Boden brach auf. Gareth erinnerte sich an die Zeit zurück, als damals vor so vielen Jahren mehrere Tore geöffnet gewesen waren. Durch eines von ihnen war auch er mit seiner Familie geschlüpft. Der Übergang störte das Gleichgewicht der Welt. Er brachte das Wetter durcheinander und rief den Zorn der Erde hervor.

Aber auch seine eigene Wut kämpfte sich mit zunehmender Kraft an die Oberfläche.

Alison trug den Schlüssel und sie hatte sich ihm nicht anvertraut. Er schalt sich selbst für seine offensichtliche Blindheit, denn Hinweise darauf hatte es genug gegeben. Ihre übernatürliche Stärke, ihre Schnelligkeit und … unfreiwillig sprangen seine Gedanken zur Wölbung unter ihren Rippen auf der rechten Seite. Er hatte sie mehr als einmal darauf angesprochen, doch er war so erpicht darauf gewesen, ihr zu vertrauen, dass er ihre Ausrede über eine falsch zusammengewachsene Rippe geglaubt hatte. Wie ein liebeskranker Idiot! Enttäuschung mischte sich in seinen schwelenden Zorn und sein Herz sank.

Im Laufschritt betraten sie den ersten von drei länglich angelegten Ställen, wo sie von wiehernden Pferden begrüßt wurden.

Wütend suchte er sich eines aus und sattelte den braunen Hengst in aller Eile. Dorian entschied sich für ein hellbraunes Pferd direkt neben ihm.

»Wenn sie den Schlüssel hat und … das Tor nun offen ist«, murmelte Gareth leise, aber in dem Wissen, dass ihn Dorian noch immer über den aufbrausenden Sturm und die Geräusche des Bebens hören konnte. »Wir müssen ihr helfen!« Obwohl ihr Betrug schwer wog, konnte er seine Zweifel nicht gewinnen lassen. Alison konnte das wohl kaum freiwillig getan haben und damit den Dämonen die Chance geben, noch mehr von ihnen auf die Erde zu locken. Gareth wusste nur von Dorian von dem Schlüssel und dem Schloss, die von den Kaskaden erschaffen worden waren. Bisher hatte er dem König immer vertraut, das bedeutete allerdings nicht, dass er unfehlbar war. »Und bist du dir wirklich sicher, dass sie den Schlüssel besitzt?«

»Ich war von ihrer Stärke beeindruckt und hegte die Vermutung schon, bevor wir sie zu uns holten. Allerdings war ich mir nicht sicher, bis sie vor den Kaskaden fliehen konnte«, antwortete Dorian und zog sich in den Ledersattel. Gareth wollte es ihm nachtun, aber er war wie erstarrt. Fühlte, wie die Erde unter seinen Sohlen auseinanderbrach. Im wahrsten Sinne des Wortes.

»Wieso hast du nichts gesagt?«

»Ich wollte den Schlüssel nicht für mich nutzen, da ich keinerlei Bedürfnis verspürte, die Tore erneut zu öffnen.« Dorian klang ungeduldig. »Wir müssen los, Gareth.«

»Nicht bevor du mir nicht ein paar Fragen beantwortet hast. Du scheinst die Sache hier ja vollkommen entspannt zu sehen!«, herrschte ihn Gareth an, während sich seine Finger um die Zügel seines Pferdes schlossen, sodass seine Knöchel weiß hervortraten. Er wusste nicht, wohin mit seinen übersprudelnden Gefühlen. Gefühle, die ihn nahe an einen Abgrund führten.

»Nachdem Alison entführt worden ist, befürchtete ich, dass etwas Derartiges in Gang gesetzt worden ist. Was ich jedoch nicht kommen sah, war Alisons Beteiligung. Sie ist eine gute Schauspielerin«, gestand Dorian. »Ich dachte wirklich, sie konnte vor den Rebellen fliehen, ohne von ihnen überzeugt worden zu sein.«

»Überzeugt zu werden von was genau?«

»Das Tor zu öffnen. Ich war mir sicher, dass sich das Gefäß des Schlosses nicht bei einem Dämon aufhält, also blieben nur noch Menschen übrig. Und welche menschliche Gemeinschaft ist groß genug, um dem Schloss weiszumachen, dass es etwas in der Welt bewegen kann?«

»Die Rebellen«, antwortete Gareth tonlos.

Dorian nickte ernst. »Ich weiß nicht, wie sie es geschafft haben, aber sie haben Alison anscheinend auf ihre Seite gezogen.«

»Aber … warum würde sie uns dann vor Billings warnen? Und was will sie mit dem geöffneten Tor tun?« Gareth sah seinem Königsdämon die Ungeduld deutlich an, doch er entschloss sich, sie nicht weiter zu beachten. Er musste wissen, was hier vor sich ging.

»Wie ich schon sagte, es war offensichtlich nicht ihr Plan. Vielleicht hat jemand aus dem Lager der Rebellen herausgefunden, wie er uns alle vernichten kann. Oder wir werden alle durch das Tor gezogen? Möglicherweise öffnen sie das Tor zu einer gänzlich anderen Welt?« Er zuckte mit den Schultern. Eine Geste, die Gareth nicht oft bei seinem Gegenüber zu sehen bekam.

»Uns ist noch nichts geschehen. Wir sind noch immer hier.«

»Offensichtlich. Vielleicht liege ich auch falsch. Nichtsdestotrotz können wir nicht länger hier bleiben. Ich weiß, du hast Gefühle für sie entwickelt, aber es scheint so, als würde sie nicht das Gleiche für dich empfinden. Denkst du nicht, dass wir Elle finden und so schnell wie möglich von hier verschwinden sollten, solange Billings noch mit etwas anderem beschäftigt ist?«

Gareth nickte, obwohl sein Herz schmerzte.

»Hast du Noah gesehen?«, wechselte Dorian abrupt das Thema.

»Nein«, presste der jüngere Königsdämon hervor.

»Ich hoffe, er findet seinen Weg zu uns.«

Schweigend stieg Gareth auf sein Pferd und ritt neben Dorian aus den Ställen zum hinteren Ausgang, der unbewacht war. Mehrere Erdrisse zogen sich vor ihnen entlang, doch sie waren noch schmal genug, damit ihre Pferde sie problemlos überspringen konnten. Während eines solchen Sprunges wurde Gareth schwindelig und er musste den Druck seiner Oberschenkel verstärken, um nicht vom Pferd zu fallen.

Er wusste augenblicklich, was das zu bedeuten hatte, auch wenn er dieses Gefühl das erste Mal, als er es gespürt hatte, ignoriert hatte. Alison war verschwunden. Er spürte, dass sie lebte, aber er konnte nicht mehr sagen, wo sie sich aufhielt. Es war, als wäre sie vom Rathaus ins Nichts verschwunden. War sie durch das Tor gegangen? Hatte jemand an ihr die gleiche Droge benutzt wie bei ihrer Entführung?

Er musste sich konzentrieren, auch wenn es ihm unwahrscheinlich schwerfiel. Alles, was er wollte, war, umzukehren und Alison in seine Arme zu schließen. Er glaubte nicht, dass sie ihn verraten hatte. Dann hätte sie ihn nicht warnen müssen. Sie hätte ganz einfach zusehen können, wie Billings die Falle zuschnappen ließ.

Sie hatten das Innere der Stadt erreicht, in dem heller Aufruhr herrschte. Menschliche Sklaven, Schatten- und Königsdämonen liefen hektisch umher, riefen nach Freunden und Familienmitgliedern, während der Wind in den Straßen toste, Sand und Erde aufwirbelte und in ihre Gesichter peitschte. Manche hievten ihr Hab und Gut auf robuste Wagen, andere begnügten sich mit dem, was sie selbst tragen konnten, und rannten möglichst schnell zu einem der Tore. Gareth vernahm Kindergeschrei und die strenge Stimme von Befehlshabern, die für Ruhe und Ordnung sorgen wollten. Nicht mehr lange und auch sie würden einsehen, dass die Stadt verloren war.

Er wusste ganz genau, wo sich Elle aufhielt, da es das Quartier war, das sie für die menschlichen Jäger auserkoren hatten. Sie brauchten mit ihren Pferden nicht sehr lange, da sie sich keinen Weg durch die Menge erkämpfen mussten. Die Menschen und Dämonen wichen freiwillig zurück, um nicht versehentlich unter die Hufen zu geraten.

Vor dem Hintereingang stieg Dorian ab und bedeutete Gareth, auf ihre Pferde zu achten. Sie wussten nicht, wie schlimm der Sturm und das Beben, das für den Moment nachgelassen hatte, noch werden würden. Es machte auch in diesem Viertel den Eindruck, als würden viele von den Bewohnern fliehen wollen, solange sie noch konnten, um nicht von den Trümmern erschlagen zu werden. Es war wichtig, dass Gareth achtgab, trotzdem verspürte er einen schmerzhaften Stich in der Brust. Er hatte tagelang nach Elle gesucht. Er hatte Adam getröstet, während Dorian sich in seinem Arbeitszimmer eingeschlossen hatte.

Er beobachtete, wie dem König die Tür geöffnet wurde und dieser im Haus verschwand. Wo kamen all seine verbitterten Gedanken her? Seit wann erlaubte er sich, so von Dorian Ascia zu denken?

»Gareth!«, rief Elle, noch während sie aus dem Haus stürmte. Er stieg von seinem Pferd und drückte das Mädchen eng an sich. Sie war wie eine Nichte für ihn, auch wenn er weder mit ihrer Mutter noch mit ihrem Vater blutsverwandt war.

»Du wirst uns genau berichten müssen, was geschehen ist«, sagte er bewegt und tätschelte ihre gerötete Wange.

»Wo sind Alison und die anderen Jäger? Und Evan und Crystal?«, entgegnete sie, anstatt ihm eine vernünftige Antwort zu geben.

»Uns bleibt leider keine Zeit, Elle«, mischte sich Dorian ein und legte eine Hand auf ihre schmale Schulter. Sie trug ein unauffälliges Hemd und eine dunkelblaue Hose. Er konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals in Hosen gesehen zu haben. »Wenn wir Glück haben, schließen sie später zu uns auf. Lasst uns gehen.«

Er hob Elle auf sein Pferd, sodass sie seitlich vor ihm saß, dann lenkten sie ihre Pferde durch den einsetzenden Regen. Gareth wünschte sich, er hätte daran gedacht, seinen Umhang mitzunehmen, aber ihre Flucht war zu abrupt gewesen. Und wenn er ehrlich war, wäre er viel lieber für Alison umgekehrt als für seinen Umhang.

Kurz bevor sie das nördliche Stadttor erreichten, setzte ein weiteres schweres Beben ein. Es zwang sie dazu, von den Pferden abzusteigen. Die Tiere wieherten beunruhigt, während der Regen zunahm und die Gebäude um sie herum einstürzten. Regelrecht in sich zusammenfielen.

»Wir müssen laufen«, brüllte Gareth über den Lärm hinweg.

Dorian hob Elle erneut aufs Pferd und befahl ihr, sich an der Mähne des Pferdes festzuhalten. Es musste für den Kampf ausgebildet worden sein und hatte gelernt, sich in Extremsituationen ruhig zu verhalten.

Dorian und Gareth liefen neben den Tieren her und führten sie an den Zügeln durch die zerfallende Stadt. Es war, als würde die Erde wie ein Vulkan brodeln und Gesteinsbrocken ausspucken, denen sie nur mit Mühe ausweichen konnten.

Vor ihnen rannten mehrere Dämonen und Menschen, die aus Panik einzelne Taschen und Koffer fallen ließen, um noch schneller zu sein. Ein tiefes Grollen, das wie das Brüllen eines Gottes klang, rollte über die Stadt hinweg. Gareth warf einen kurzen Blick über die Schulter, bevor er sich auf den vor ihm liegenden Weg konzentrierte. Hinter ihnen war ein riesiges Loch entstanden, das sich nach und nach an den Häusern und den Pflastersteinen gütlich tat. Was auch immer die Rebellen und Alison getan hatten, es würde die Stadt zerstören.

Gareth konnte nicht sagen, dass er Billings eine Träne nachtrauern würde, doch er wusste, dass der Kern der Macht des Königsdämons nicht in der Stadt lag. Seine Armee befand sich an einem anderen, geheimen Ort, den Ascia bis heute nicht hatte herausfinden können. Sie wussten nur, dass die Kasernen irgendwo in den Rayons errichtet worden waren.

Sie traten gerade unter dem Tor hervor, als ihnen von drei Königsdämonen der Weg versperrt wurde. Da sie keine Uniform trugen, schätzte Gareth sie als normale Bürger von Billings ein, was sie jedoch nicht weniger gefährlich machte. Sie hatten die anderen Flüchtenden keines Blickes gewürdigt, sich aber vor sie gestellt.

»Gebt uns die Pferde und wir lassen euch leben«, versprach ihnen der Dämon mit den abstehenden roten Haaren. Seine von Staub und Dreck bedeckten Freunde nickten, glaubten aber nicht wirklich daran, dass es keinen Kampf geben würde, da ihre Körper weiterhin angespannt blieben. Sie waren bereit, sich zu wandeln.

»Ihr solltet uns besser gehen lassen«, betonte Gareth. Er war bei Weitem nicht zum Scherzen aufgelegt und das Letzte, was er wollte, war, weiter aufgehalten zu werden, wodurch sie Elle womöglich noch in Gefahr brachten. »Falls euch euer Leben lieb ist«, fügte er der Vollständigkeit halber noch hinzu.

Der Rothaarige lachte, dann wandelten er und seine Freunde sich, sodass sie innerhalb weniger Augenblicke knurrend mit schwarzen Klauen und verlängerten Reißzähnen angriffen.

Gareth und Dorian waren vorbereitet. Während sich der König ebenfalls wandelte, behielt Gareth seine menschliche Form bei, da er sich im gewandelten Zustand noch immer nicht vertraute. Er zog seinen Dolch, den er an seiner Hüfte trug, und stürzte sich damit auf den Königsdämon, der ihm am nächsten stand. Der Regen störte ihn nicht länger und sein Körper passte sich problemlos an das Beben an, sodass seine Bewegungen präzise und schnell waren. Er duckte sich unter den Klauen hinweg und rammte seinem Kontrahenten mit dem mausbraunen Schnurrbart den Ellenbogen in die Bauchhöhle. Der Dämon stockte nicht einmal in seinen Bewegungen, sondern wirbelte herum, um Gareth nicht den Rücken als Angriffsfläche zu bieten. Gareth war jedoch flinker als er und konnte den Dolch in seinen unteren Rücken stoßen, bevor er wieder aus seiner Reichweite verschwinden musste.

Der Schnurrbartträger knurrte bösartig, als er auf ihn zurannte. Gareth rutschte über den nassen Boden, stützte sich mit den Händen ab und trat dem fremden Königsdämon die Beine weg. Er stürzte zu Boden, wo ihn Gareth mit seinem Körper festhielt und ihm die Kehle durchtrennte. Blut spritzte und vermischte sich mit den dicken Wassertropfen auf Gareths Gesicht.

Flink erhob er sich und sah, dass sich auch Dorian gegen den Rothaarigen durchgesetzt hatte, der nun regungslos auf den Pflastersteinen lag. Eine dunkle Lache bildete sich unter ihm. Der dritte in der Runde brannte von innen heraus, wie es nur Dorian oder Billings zu bewerkstelligen vermochten. Eine grauenvolle, aber effektive Fähigkeit.

Elle hatte derweil auf die Pferde achtgegeben, obwohl wahrscheinlich niemand so waghalsig gewesen wäre, sich in den Kampf einzumischen.

»Kommt«, raunte Dorian, stieg hinter Elle auf und trieb vor Gareth sein Pferd an. Sie durften keine Zeit mehr verlieren. Das Loch hinter ihnen breitete sich weiter aus, saugte das Stadttor auf und verschlang Mensch und Dämon gleichermaßen.

Je weiter sie sich von der Stadt entfernten, desto schwächer wurde das Beben und desto weniger Städtern begegneten sie, da die meisten zu Fuß oder auf Wagen unterwegs waren. Gareth stieg gelegentlich vom Pferd, um an zufällig ausgewählten Baumstämmen eingeritzte Zeichen für die Jäger zu hinterlassen, in der Hoffnung, dass sie dem eingekreisten A einen Sinn beifügen würden. Vielleicht … vielleicht wäre auch Alison unter ihnen.

»Was ist geschehen?«, fragte Elle schließlich, nachdem sie ein kleines Waldstück erreicht hatten.

Der Regen peitschte nicht mehr länger in ihre Gesichter und das Beben hatte gänzlich aufgehört. Es war stockdunkel, doch ihnen machte das nichts aus. Als Schattendämonen hätten sie ihre Umgebung vermutlich so differenziert sehen können, als wäre es taghell, doch auch als Königsdämonen kamen sie gut zurecht. »Hat euch Alison nicht rechtzeitig Bescheid gesagt? Es tut mir leid, dass ich einfach weggelaufen bin …«

»Jemand hat das Tor zu einer anderen Dimension geöffnet«, hörte Gareth Dorian antworten.

»Zu … unserer Heimat?«, keuchte sie, während sie sich eng an den Rücken ihres Onkels kuschelte.

»Die Frage bleibt offen. Alison trägt den Schlüssel in sich, also ist sie zum Teil dafür verantwortlich.«

Bei diesen Worten verkrampften sich Gareths Hände um die kalten Lederzügel. Wie hatte sie ihm so etwas Wichtiges verheimlichen können? Aber er hatte ihr wiederum auch nicht erzählt, dass sein Bruder für den Tod ihrer Familie verantwortlich war. War ihre Beziehung also nur eine Farce gewesen? Hatte keiner von beiden wirklich an ein gutes Ende geglaubt und dem anderen vertraut?

Die Wahrheit schmerzte ihn noch mehr als er je zugeben würde.

Kapitel Drei

Der Königsdämon

Sie ritten noch die gesamte Nacht weiter, um einen so großen Abstand wie möglich zwischen sich und Billings zu bringen. Das Beben verfolgte sie nicht und auch der Sturm ließ nach, je weiter sie sich entfernten. Sie durchquerten mehrere Geisterstädte, bis sie ein kleines Dorf erreichten, das fernab von jeglichen Highways angesiedelt war. Gareth setzte noch zwei weitere Symbole an Hausmauern, bevor sie sich auf einer leerstehenden Ranch niederließen. Er kümmerte sich um das Wohlergehen der Pferde und führte sie in den Stall, der dem Wohnhaus am nächsten stand, während Dorian Elle ins Haus begleitete.

Mit geübten Handgriffen sattelte er und rieb die Pferde ab, führte sie dann in zwei verschiedene Boxen und füllte ihre Tränken mit dem Wasser aus dem Brunnen auf. Auf dem Dachboden fand er ein paar Heuhaufen. Er verteilte einen Teil davon in den ansonsten kargen Boxen und fütterte die Pferde mit gerupftem Gras. Alles nur, damit ihm Zeit zum Nachdenken blieb. Letztlich erkannte er jedoch, dass er nur das Unweigerliche hinauszögerte.

Eine halbe Stunde später gesellte er sich zu Dorian und seiner Nichte, die in einem Kamin im Erdgeschoss ein wärmendes Feuer entzündet hatten, sodass ihre nasse Kleidung trocknen konnte. Außerdem hatten sie ein paar Dosen Bohnen und Kartoffeln aufgetrieben, woraus sie eine eher dürftig schmeckende Mahlzeit zubereiteten. Elle fielen immer wieder die Augen zu, während sie in einer Wolldecke eingekuschelt vor dem Feuer in einem Ohrensessel saß, doch sie kämpfte tapfer gegen die Müdigkeit an.

»Es wird heute nichts mehr passieren, Elle«, versicherte ihr Dorian, als er vor ihr kniete und ihr eine Strähne aus dem Gesicht strich. »Wir brechen frühestens heute Abend auf. Adam wird hocherfreut sein, dich wiederzusehen, Kleines.«

»Er wird mir den Kopf abreißen, meinst du«, erwiderte sie milde lächelnd.

Dorians Gesichtsausdruck wurde ernster. »Dir ist wirklich nichts geschehen? Wo bist du gewesen?«

»Wolltest du mich nicht schlafen lassen?«

»Ich habe meine Meinung geändert«, grummelte er, klang aber nicht aufbrausend oder bedrohlich.

»Ich habe das Rathaus durch den Garten verlassen und bin wirklich nicht weit gekommen, als ich in eine Gruppe von … Schattendämonen gelaufen bin«, erzählte sie langsam, distanziert, als wäre es nicht ihre Erinnerung, sondern die Geschichte einer Fremden. Ihr Blick nahm einen entrückten Ausdruck an. »Sie haben mich hin- und her geschubst, bis einer von ihnen sagte, dass ich die perfekte Kandidatin wäre.«

»Wofür?«

»Für … Versuche.«

Gareth ballte seine Hände unwillkürlich zu Fäusten. Alison hatte nur Zeit gehabt, um ihm von Elles Unversehrtheit zu berichten und ihn zu warnen. Er fragte sich, ob sie überhaupt gewusst hatte, was Elle durchgemacht hatte.

»Welche Art von … Versuchen?«, zwang sich Gareth zu fragen, da es Dorian offenbar die Sprache verschlagen hatte.

»I-im Labor, aber … mehr weiß ich nicht. Evan und Crystal haben mich zum Glück gerettet, bevor sie viel mehr tun konnten, als mich zu untersuchen«, antwortete Elle leise.

»Evan? Der Jäger?«, hakte Dorian nach, dessen Schultern sich merklich entspannt hatten.

»Ja. Sie waren auf der Suche nach Crystals Schwester Amy, die genauso wie Crystal über … besondere Fähigkeiten verfügt. Billings hat an ihr herumexperimentieren lassen und dann ist etwas anderes aus ihnen geworden«, sprudelte es förmlich aus der Königsdämonin hervor.

Gareth und Dorian warfen sich düstere Blicke zu. Sie hatten ja geahnt, dass Billings viele Projekte im Geheimen führte, aber es nun bestätigt zu bekommen …

Elle gähnte und Dorian befahl ihr erneut, sich auszuruhen. Sie würden sich später weiter unterhalten. Das Wichtige war, dass sie nun in Sicherheit und weitgehend unversehrt war.

Gareth wanderte nachdenklich durch den Flur und nach draußen, wo er sich gegen die Holzbalustrade der Veranda lehnte. Seine Gedanken wirbelten unruhig umher, jetzt da er sich nicht mehr in unmittelbarer Gefahr befand. Er versuchte vergeblich, die Verbindung zu Alison neu zu entfachen, doch er spürte nichts mehr, außer dass sie am Leben war. Immerhin war das ein Trost, auch wenn es ihn nicht von dem Zorn ablenkte, der in ihm herangewachsen war, seit Ascia ihm von dem Schlüssel erzählt hatte.

Er wusste, dass es nicht gerecht von ihm war, wütend auf sie zu sein, da sie noch am Anfang ihrer Beziehung gestanden hatten, doch mit Rationalität kam er nicht weiter. Die Gefühle in ihm brodelten und suchten nach einem Ventil.

Dorian gesellte sich schließlich zu ihm und tat nichts, um die spannungsgeladene Stille abzumildern. Entweder war es ihm egal wie es Gareth ging, oder er wusste einfach nicht, was er sagen sollte.

Es ist wohl kaum Letzteres der Fall. Dorian weiß immer, was er sagen soll, dachte Gareth sarkastisch und der Griff um die Holzbalustrade verstärkte sich unwillkürlich.

Er drehte sich um, da er sich sicher war, dass er etwas Falsches tun würde, sollte er weiter neben Dorian ausharren.

Der ältere Königsdämon hatte jedoch etwas anderes im Sinn, da er, gerade als sich Gareth zur Haustür wandte, die Stimme erhob. Er sprach in einem autoritären Ton, den er sich immer dann für Gareth aufbewahrte, wenn dieser sich seiner Meinung nach irrational benahm.

»Was ist es, Gareth? Wir stecken in einer misslichen Lage und es ist mir lieber, wenn ich mich auf dich verlassen kann. Also sag mir endlich, was dich stört.«

»Du kannst nicht damit aufhören, oder?«, stieß Gareth zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Womit genau?« Dorian wandte sich um und hob fragend eine Augenbraue.

»Mich wie ein ahnungsloses Kind zu behandeln. Ein Junge, der gerade von seinen nicht sehr liebevollen Eltern zu dir gekommen ist, um von dir zu lernen«, erläuterte Gareth und versuchte, seine Stimme möglichst ruhig zu halten. Er verriet schon durch seine Wortwahl zu viel von seinem inneren Aufruhr, doch gleichzeitig hatte er es satt, seine Wut weiterhin zu unterdrücken.

»Ich behandle dich so, wie es dein Verhalten verlangt. Versuche nicht, deinen Frust über Alisons Geheimnis auf mich zu übertragen.«

»Du denkst, du bist allwissend, nicht wahr?«, spottete Gareth und erkannte sich selbst nicht mehr wieder. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so respektlos mit seinem Anführer gesprochen zu haben.

»Wenn ich allwissend wäre, wäre ich auf Lystras Verrat und Billings’ Falle vorbereitet gewesen«, erwiderte Dorian trocken. Seine Miene blieb reglos, als würde ihn das Gespräch bereits jetzt langweilen.

Gareths Geduldsfaden riss. Er packte Dorian mit einer blitzschnellen Bewegung am Kragen und zog ihn leicht hoch. Der König wehrte sich nicht, was seine Wut ins Unermessliche steigerte. Er wurde nicht mal ernst genommen!

»Sie ist verschwunden, Dorian! Ich weiß nicht, was geschehen ist, aber Alison ist außerhalb meiner Reichweite«, grollte er. »Ich kann nur hoffen, dass die Rebellen sie mit derselben Droge versorgt haben wie bei ihrer letzten Entführung, ansonsten gibt es nur eine weitere Möglichkeit und das ist die, dass sie die Erde verlassen hat! Ja, vielleicht bin ich blind vor Liebe gewesen. Vielleicht wollte ich ihr so sehr vertrauen, dass ich die Anzeichen ignoriert habe, aber das entschuldigt nicht dein Verhalten! Wie du nie müßig wirst, mir unter die Nase zu reiben, kennst du mich und weißt, was ich für Alison empfinde. Du hättest mich auf die Möglichkeit hinweisen sollen, dass sie den Schlüssel in sich trägt! Ich hätte … ich hätte …« Seine Stimme brach, er ließ von Ascia ab und streckte, angewidert von sich selbst, die Arme nach vorne aus. Er betrachtete seine Handflächen für einen langen Moment.

Langsam drehte er sich weg und fuhr hilflos über sein Gesicht.

»Liebe«, echote Dorian tonlos. »Du magst mir nicht glauben, aber du hast dein Herz besser vor mir verhüllt als du denkst. Ich wusste, dass du Alison zugeneigt bist, doch das Ausmaß deiner Gefühle war mir offensichtlich nicht bekannt.«

»Das ändert nichts an der Tatsache, dass du mich nur als einen von ihnen siehst.«

»Von ihnen?«

»Deinen Spielfiguren. Du sagst mir nur so viel, wie ich deiner Meinung nach zu wissen brauche. Du korrigierst mein Verhalten nur dann, wenn es von deinem Kurs abweicht.«

»Ich hege die Vermutung, wir sprechen nicht mehr nur über Alison und den Schlüssel.«

»Tun wir nicht«, bestätigte ihm Gareth leise und wagte es, seinen Ziehvater erneut anzusehen. Die unlesbare Miene überraschte ihn kaum. »Es geht um … alles, aber insbesondere darum, dass du mich schon immer kontrolliert hast, ohne dass es mir bewusst gewesen ist. Meine Eltern, Rope, Noah …«

»Findest du nicht, du steigerst dich jetzt in etwas hinein? Wir sind beide erschöpft, befinden uns mehr oder weniger offiziell im Krieg und sehen uns einer beschwerlichen Reise nach Hause gegenüber …«

Gareth war nicht bereit, jetzt nachzugeben, also schnitt er das einzige Thema an, von dem er wusste, dass es Dorian berührte.

»Vor zehn Jahren kamst du mit Noah nach Hause und hast … was genau erwartet? Dass ich ihn wie meinen Bruder behandle? Meinen Bruder, der ein psychopathischer Killer ist? Oder wolltest du, dass ich Rope ganz einfach vergesse und ihn ersetze? Das ist … krank.« Noah war Dorians Schwachpunkt. Gareth hatte dies schon lange gewusst, aber nie wahrhaben wollen. Der Schattendämon hatte einen Platz im Herzen des Königs, den Gareth niemals erreichen würde.

»Ich habe von dir erwartet, dich wie der Dämon zu benehmen, zu dem ich dich erzogen habe«, antwortete Dorian kühl, während er seinen Kragen richtete. »Ich habe nicht erwartet, dass du dich von kindischer Eifersucht darüber, wie gut er sich mit seinem Bruder versteht, leiten lässt. Aber selbst nachdem Noah ihn verloren hat, hast du es nicht gut sein lassen.«

»Er wollte nichts von mir wissen«, sagte Gareth leise, als er sich daran erinnerte, wie er versucht hatte, sein grobes Verhalten wiedergutzumachen.

»Kannst du es ihm übelnehmen?« Dorians Augen blitzten herausfordernd. Wie erwartet konnte er seine Gefühle nicht so gut verheimlichen, wenn es um Noah ging. »Nach all den Monaten, in denen du ihn drangsaliert hast? In denen du deutlich gemacht hast, dass er niemals auf der gleichen Ebene stehen wird wie du?«

»Wenn du das wirklich gesehen hast, warum hast du mich dann nicht aufgehalten?«, konterte Gareth und hob warnend einen Finger. »Ich sage dir, wieso. Du hast das alles geplant, du verdammter Hurensohn. Du wusstest wie wir uns verhalten werden, noch bevor wir es kommen sahen. Du wolltest Noah zu dem stärksten und besten Schattendämon machen und mich …«

»Was, Gareth? Was habe ich dir angetan, das so schrecklich gewesen ist?« Dorians Stimme triefte vor Hohn und Spott. Der Moment seiner Schwäche war vorüber und er hatte die Mauer wieder um sich herum errichtet.

»Du hast erlaubt, dass ich ihn wie den letzten Dreck behandle. Du hast mich glauben lassen, dass ich das Recht dazu habe, weil ich es für ein paar Jahre ebenfalls schwer gehabt hatte. Du …« Er stockte, als er die Wahrheit endlich erkannte, die sich seit langer Zeit in der Dunkelheit versteckt gehalten hatte. »Du hast verhindert, dass ich stärker werde als du.«

Dorian schüttelte ungläubig den Kopf. »Jetzt habe ich wirklich keine Ahnung mehr, wovon du sprichst.«

»Und ob du das hast! Ich war so von meiner Wut eingenommen, dass ich niemals eine wahre Chance gehabt hatte, die Kontrolle nach einer Wandlung zu behalten. Du hast sichergestellt, dass ich meine Gefühle so tief wie möglich in mir vergrabe, damit ich mich nie mit ihnen auseinandersetze. Damit ich nie mit mir selbst ins Reine kommen kann. Das ist deine Schuld«, sagte Gareth leiser, weniger zornig. »Aber es ist meine, dass ich es so lange zugelassen habe.«

»Gareth!«

Er ignorierte ihn und suchte den Stall auf, um nach den Pferden zu sehen. Es war genug gesagt und gehört worden. Am liebsten wäre er zurück nach Billings geritten, um Alison zu suchen, doch sein Pflichtbewusstsein ließ das nicht zu. Er hatte Dorian die Treue geschworen und er würde sich nicht abwenden, nur weil er erkannt hatte, dass er für den König nicht wie ein Sohn, sondern nur eine Spielfigur war. Das bedeutete allerdings nicht, dass er keine Zeit brauchte, um mit der Erkenntnis zurechtzukommen. Ja, er würde seine Aufgabe weiterhin ernst nehmen, Dorian beraten und beschützen, aber ihre Beziehung würde sich nur noch auf rein professioneller Ebene abspielen. Dafür würde er schon sorgen.

Die Pferde dösten in ihren Boxen, was Gareth als ein gutes Zeichen wertete. Offensichtlich hatten sie sich im Gegensatz zu ihm von ihrem Schock darüber, dass die Erde bebte, erholt und würden ihnen in den nächsten Tagen gute Dienste leisten. Sicherheitshalber kontrollierte er noch einmal ihre Beine auf etwaige Schwellungen und Verletzungen, wurde jedoch nicht fündig.

Er kraulte die Nüstern des hellbraunen Hengsts, während er darüber nachgrübelte, wie sie an ein drittes Pferd kämen. Sie würden so schnell wie möglich nach Ascia reisen müssen und da sie keine persönliche Bahn zur Verfügung hatten, wäre das eine Reise von Wochen, wenn nicht sogar Monaten, wenn sie kein Pferd für Elle auftreiben konnten. Es wäre Wahnsinn. Sie würden es nie rechtzeitig schaffen, bevor Billings seine Armeen mobilisiert und mit der Bahn transportiert hätte, um Ascia einzunehmen. Eine andere Lösung musste her.

Die Ohren des Hengstes drehten sich einen Moment, bevor auch Gareth das Klappern von Hufen vernahm. Sie bekamen Besuch.

Er zog seinen spitzen Dolch, den er unter seinem Hemd getragen hatte, und schlich aus dem dunklen Stall in die schwache Morgensonne. Die Pferde bewegten sich im leichten Trab vorwärts, als hätten es ihre Reiter eilig, aber nicht zu eilig. Es wirkte nicht so, als seien sie auf der Flucht. Er schätzte ihre Anzahl auf sechs, konnte sich aber auch irren, da er ziemlich erschöpft war. Königsdämonen kamen zwar sehr gut ohne regelmäßigen Schlaf aus, doch die Flucht, der kurze Kampf und der Streit mit Dorian hatten ihn geschlaucht. Eben jener trat nun an seine Seite, da er die herannahende Gesellschaft ebenfalls gehört hatte.

Dorian nickte zu einer Baumgruppe, die dem Haupthaus am nächsten stand, und wartete, bis Gareth sich dahinter versteckte, bevor er selbst sich hinter den Brunnen duckte.

Vögel zwitscherten, Blätter raschelten und das Hufgeklapper wurde stetig lauter, bis sich Gareth sicher war, dass es nur vier Pferde waren, die sich ihnen näherten.

Er wagte einen Blick aus dem Schatten einer besonders breiten Akazie, deren Stamm sich in drei breite Arme teilte, als die Gruppe in Sichtweite kam. Zwei Frauen und ein Mann in dunklen Umhängen. Das hinterste Pferd, eine kastanienbraune Stute, war reiterlos. Die zweite Frau führte es mit einem Seil, das sie an dem Sattel ihres eigenen Pferdes befestigt hatte.

Da sie ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen hatten, konnte er sie zunächst nicht erkennen, doch dann nahm er eine helle, fast weiße Strähne wahr, die sanft im Wind wehte.

Er steckte seinen Dolch ein und trat hinter dem Baum hervor, um sich direkt vor den Pferden auf dem Pfad zu positionieren. Der vorausreitende Mann zügelte sein Tier und zwang damit auch die anderen, anzuhalten.

»Gareth!«, rief Hadley aus und schob sich, wie auch Phi und Bird, die Kapuze aus der Stirn. »Wir haben dich wirklich gefunden!«

In diesem Moment gesellte sich auch Dorian zu ihnen und stellte sich neben Gareth. Seine Miene war ernst, verriet darüber hinaus jedoch nicht, was er bezüglich des Auftauchens seiner Jäger empfand.

»Wo ist Elle?«, fragte Bird, die als Erste von ihrem Pferd gesprungen war.

»Sie schläft«, antwortete Gareth. »Alison?«

Die drei warfen sich jeweils einen Blick zu, was in jeder anderen Situation komisch ausgesehen hätte. Gareth war allerdings zu angespannt, um darüber auch nur schmunzeln zu können.

»Alison? Noah?« Gareths Stimmbänder fühlte sich so rau wie Schleifpapier an.

»Wir müssen reden«, sagte Phi.

Nachdem die Pferde versorgt waren und die Jäger die Chance gehabt hatten, etwas zu essen, versammelten sie sich in der geräumigen Landhausküche, um Elle nicht zu wecken. Gareth hatte sie gerade in ihre Flucht eingeweiht und Dorian verlor währenddessen nicht ein Wort. Es war, als hätte der König sich in sich selbst zurückgezogen, was Gareth nur sehr selten bei ihm erlebt hatte. Gareth hoffte, dass er bereits Pläne schmiedete, um es schnellstmöglich nach Ascia zu schaffen.

»Wir haben uns noch im Küchentrakt von Alison getrennt, die euch vor Billings warnen wollte. Deshalb haben wir sie erst wiedergesehen, nachdem wir Billings’ Arbeitszimmer durchsucht haben«, berichtete Ophelia möglichst ruhig, doch Gareth sah ihr an, dass ihr etwas auf dem Herzen lag. Sein eigenes krampfte sich bei der Vorstellung, was dies sein könnte, zusammen.

»Habt ihr etwas darüber herausgefunden, was dieser Bastard plant?«, unterbrach Dorian sie und faltete seine Hände auf der rauen Tischplatte. Sie hatten sich allesamt um den länglichen Bauerntisch gesetzt, der genügend Platz für zwölf Personen geboten hätte.

»Wir haben ein paar Dokumente gefunden, die deutlich belegen, dass es mehr als eine Einrichtung gegeben hat, um an Menschen zu experimentieren. Keine von ihnen konnte jedoch irgendeinen Erfolg verbuchen, bis auf die in der Nähe von Descar. Mittlerweile sind alle Experimente eingestampft worden. Außerdem fanden wir Berichte, in denen von wahnsinnig gewordenen Schattendämonen die Rede waren – Vessen. Sie wurden meist von Beschwerdebriefen begleitet. Ein paar waren von dir.« Sie nickte Dorian zu. »Andere von Keplinger, Descar, Banph und Reginald.«

»Allesamt im Westen«, fasste Dorian stirnrunzelnd zusammen, bevor er wieder in grübelndes Schweigen verfiel.

»So sieht es aus. Keine Sichtung außerhalb dieser Zone, wobei Reginald nur von zwei Begegnungen berichtete, Descar allerdings von mehr als hundert.«

»Werden sie also dort ausgesetzt? Oder befindet sich dort die Infektionsquelle?«, grübelte Gareth laut.

»Beides wäre eine Möglichkeit. Erinnert ihr euch an die Information, die Alison bei den Rebellen aufgeschnappt hat? Dass ein ganzes Menschendorf überfallen worden ist und die Bewohner abgeführt worden sind?«, fragte Phi und lehnte sich auf ihren Unterarmen weiter nach vorne. Unter ihren Augen zeichneten sich tiefe Schatten ab. Sie wirkte erschöpft und ausgezehrt, als hätte sie einen harten Kampf hinter sich. Gareth und Dorian nickten gleichzeitig. »Wir hegen den Verdacht, dass da im Norden etwas ist, wofür er die Menschen braucht und das die Schattendämonen infiziert.«

»Das wäre möglich.« Dorian neigte leicht den Kopf. »Meine Spione kamen mit keinerlei brauchbaren Informationen zurück. Die Stadt ist dem Erdboden gleichgemacht worden. Keine Überlebenden. Die Spuren führten ebenfalls in den Norden, doch es war bereits zu viel Zeit vergangen, um sie mehr als ein paar Meilen nachverfolgen zu können.«

Gareth war nicht überrascht, da er derjenige gewesen war, der diese Informationen erhalten und an Dorian weitergeleitet hatte.

»Noch etwas?« Gareth hätte am liebsten mit seinem Fuß gewippt oder nervös seine Nasenwurzel massiert, doch er wusste es besser, als vor den Jägern Gefühle zu zeigen.

Phi und Bird wechselten einen bedeutungsschweren Blick, dann erhob die Asiatin die Stimme. »Ich habe mich von Ophelia und Hadley getrennt, um nach Alison zu suchen, als klar war, dass etwas schiefgelaufen ist. Es hat gebrannt und Chaos ist ausgebrochen. Zuerst konnte ich sie nicht finden, doch dann sah ich Noah, der in den Keller des Rathauses lief. Ich … Ich bin ihm gefolgt, weil ich gehofft habe, dass er einen anderen Weg nach draußen kennt.« Sie stockte und wischte sich mit einer Hand über den Mund, bevor sie mit ihr über die Tischplatte fuhr. »Er führte mich in ein Kellergewölbe, in dem sich Alison bereits zusammen mit einer Gruppe Fremder befand. Ich glaube, sie waren Kaskaden und Rebellen. Und … Billings war auch dort. Sie haben ein Tor geöffnet, das in der Mitte des Raumes … zuckte. Es bestand aus Blitzen und Rauchwolken. Ich erkannte es zunächst nicht als ein … Tor, aber dann … es ging alles so schnell. Einer der Kaskaden, ein alter Mann, der einen Turban trug, hat eine Frau geschubst, die ins Tor gestolpert ist. Und dann … durch Magie beförderte er auch Noah hindurch. Zusammen mit Alison und einem Mann, den ich nicht kenne. Das Beben wurde stärker und das Tor schloss sich. Eine Kraftwelle hat mich gegen die Wand geschleudert und ich …«

»Ist schon okay«, versicherte ihr Ophelia. »Bird ist ohnmächtig geworden und erst wieder aufgewacht, als alle verschwunden waren. Sie hat Glück gehabt, dass sie nicht gesehen wurde.«

»In der Tat«, bestätigte Dorian kalt. Doch ein Blick in sein Gesicht verriet Gareth, dass ihn der Bericht alles andere als kalt gelassen hatte. Noah war in einer fremden Welt. Der Sohn befand sich außerhalb der schützenden Hände seines Ziehvaters. Gareth empfand zwar nicht denselben Schmerz, aber die Bestätigung zu erhalten, dass Alison tatsächlich nicht mehr hier auf der Erde weilte, brachte ihn an den Rand des Wahnsinns. Er konnte kaum stillsitzen, wollte aufspringen und nach ihr suchen, obwohl er die Sinnlosigkeit dessen erkannte. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit spürte er aufsteigende Tränen, für die er sich nicht mehr fähig gehalten hatte.

»Nur durch viel Geschick und Mühe konnten wir uns einen Weg freikämpfen. Die überlebenden Rebellen haben sich zurückgezogen. Wir haben ein Pferd mehr mitgenommen, weil wir Elle abholen wollten, aber ihr habt sie vor uns erreicht«, beendete Hadley die Rekapitulation der Ereignisse.

Schweigen senkte sich über sie und erschwerte ihnen das Atmen. Sie hatten so viel verloren, so schien es, und es gab keinen Weg wie sie es zurückbekamen.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Ophelia schließlich und richtete sich in ihrem Stuhl auf.

»Wir gehen nach Hause«, raunte Dorian heiser, erhob sich in einer fließenden Bewegung und verließ die Küche.

Kapitel Vier

Es war so schrecklich heiß.

Ich hustete, aber es verschaffte mir keine Erleichterung. Mein Mund blieb staubtrocken und meine Verletzungen brannten wie Feuer, das sich an meinem Fleisch labte. Die Sonne, eine riesige Flammenscheibe direkt über uns, entsandte beinahe fassbare Hitzewellen, die meine Augenbrauen fast versengten. Wir befanden uns eindeutig in einer Wüste. So weit das Auge reichte gab es nichts Weiteres als Sanddünen und einen wolkenlosen blauen Himmel.

»Wo sind wir?«, krächzte Cleo, die sich mühsam aufgerichtet hatte und nun vergeblich den Sand von ihrer Kleidung klopfte. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie sie eine Hand über ihre Augen legte und sich suchend umsah.

»Duster? Triste? Gibt es noch andere Welten?«, grummelte Colin an meiner Seite. Ich wich unwillkürlich zurück, bevor mich ein spitzer Kopfschmerz durchzuckte und an jeder weiteren Bewegung hinderte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als auf dem erhitzten gelben Sand sitzen zu bleiben und die Schmerzen zu ertragen.

»Eindeutig Triste, wenn auch an der Grenze zu Duster. Wenn mich nicht alles täuscht, befinden wir uns in der Wüste Gemarrah«, antwortete Noah selbstsicher und wirkte als einziger von uns nicht unglücklich über den Verlauf der Ereignisse. Natürlich. Er hatte sein Ziel erreicht und war in seiner Heimat angekommen, selbst wenn er noch nie hier gewesen war. Allein das Zucken seines Wangenmuskels verriet, dass er sich nicht vollkommen wohl in seiner Umgebung fühlte.

Stöhnend schloss ich meine Augen und überlegte, ob man mich in Ruhe sterben lassen würde. Ich fühlte mich kraftlos und leer. Ich wollte nicht an das Vergangene denken und sah keinerlei Sinn darin, meinen Blick auf die Zukunft oder die Gegenwart zu richten. Am liebsten würde ich im Sand versinken und nicht wiederauftauchen.

»Ich sehe etwas. Dahinten!«, rief Cleo in einer viel zu hohen Tonlage, die mir in den Ohren schmerzte. Sie bewirkte jedoch, dass ich für einen kurzen Augenblick aus meiner Lethargie erwachte und ein weiteres Mal versuchte, aufzustehen.

»Alison?«

Noah trat an meine Seite und legte eine Hand stützend um meine Schultern, sodass ich mit seiner Hilfe auf die Füße kam. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so verletzt gewesen war, bevor Gareth in mein Leben getreten war. Es war eine Ironie des Schicksals, dass mich ausgerechnet sein Bruder, der Mörder meiner Familie, fast zu Tode geprügelt hatte.

»Es geht schon«, beschwichtigte ich Noah, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass nichts mehrging.

»Sieht aus, als wäre da eine Baumgruppe. Eine Oase vielleicht?«, rätselte Colin, der nun in die Richtung blickte, in die Cleo gedeutet hatte. Nun da ich aufrechtstand, konnte ich auch endlich den Grund für den unterschwelligen hoffnungsfrohen Ton erkennen.

»Könntet ihr vielleicht versuchen, das Tor erneut zu öffnen, bevor wir hier verdursten?«, schlug Cleo vor, der anscheinend klar geworden war, wie weit diese Oase von uns entfernt war. Von unserer Position aus ließen sich bloß Schatten erkennen, die sich jedoch eindeutig von dem Gold des Sandes abhoben. Wenn es sich nicht sogar um eine Fata Morgana handelte, würde es mehrere Stunden dauern, bis wir die Schatten erreichten.

»Ich weiß nicht, ob das funktioniert«, warf Noah ein, der mich noch immer an seine Seite gedrückt hielt, als würde er genau wissen, dass ich nicht allein würde stehen können. »Der Schlüssel und das Schloss sind nicht für diese Welt geschaffen worden.«

»So gern ich dich auch habe, Noah, du bist der Einzige, der nicht von hier weg will«, hustete ich. »Lass es uns versuchen. Colin?«

Ich hatte den Blick des Rebellen bisher erfolgreich gemieden, da ich mich vor dem fürchtete, was ich in seiner Miene lesen würde. Würde er sich auf mich stürzen, wie er es versprochen hatte? Würde er nun, da ich schwach und verwundet war, Rache an mir nehmen? Meine Gliedmaßen fühlten sich kraftlos an und ich war mir sicher, nicht gegen Colin bestehen zu können.

Glücklicherweise war sein Verlangen nach Hause zurückzukehren größer als sein Hass auf mich, sodass er seine Zustimmung gab. Er übernahm den Platz an meiner Seite und Noah zog sich widerwillig zurück. Ich glaubte nicht, dass er unsere Rückkehr verhindern wollte, er traute Colin nur nicht mit meinem Wohlbefinden und diese Tatsache erwärmte mein Herz.

Colin wies eine Schramme an seiner Stirn auf, doch abgesehen davon schien er unbeschadet zu sein. Ich hob mein Top an und seine Hand legte sich zögerlich auf meine entblößte Haut, die große Blutergüsse aufwies. Eigentlich hätte ich eine Welle der Euphorie spüren müssen. Etwas, das mich in einen Rausch versetzte und mich davon überzeugen wollte, dass Colin mich nie wieder loslassen sollte, weil er das Schloss und ich der Schlüssel war, aber es tat sich nichts. Ich spürte den Schlüssel als Objekt unter meinen Rippen, aber nichts darüber hinaus.

»Noah hat recht«, flüsterte ich enttäuscht und suchte reflexartig nach einer anderen Verbindung. Nach Gareth. Doch auch er war verschwunden. Ich spürte nur ein Flackern, das mir sagte, dass er noch am Leben war. Wir waren vollkommen abgeschottet und besaßen keine Möglichkeit, diese Welt zu verlassen.

»Was machen wir nun?« Cleo stemmte die Hände in die Hüften.

Urplötzlich packte mich Colin am Arm und schleuderte mich zur Seite. Ich kam auf Händen und Knien zum Halten, versank jedoch ein paar Zentimeter in dem heißen Sand, der mich sofort verbrannte.

»Bist du verrückt geworden?«, schrie Noah und eilte zu mir.

»Wir brauchen sie nicht. Also hält mich nichts davon ab, mir das zu nehmen, was bereits so lange hinausgezögert wurde«, antwortete Colin viel zu ruhig für meinen Geschmack.

»Was zur Hölle redest du da?«

»So ein Psychopath …«, murmelte Cleo und stellte sich zwischen ihn und mich.

»Ich habe seinen Vater getötet«, hustete ich und spuckte Blut aus. Meine Verletzungen, die Rope mir zugefügt hatte, waren offensichtlich schlimmer als gedacht. »Er will sich dafür an mir rächen.«

Noah half mir hoch, behielt den Rebellen allerdings im Auge. Colin hatte seine Hände zu Fäusten geballt und beobachtete uns ganz genau. Ich hätte ihn nie so nahe an mich heranlassen sollen, ohne mit einer Attacke zu rechnen. Andererseits, wie hätte ich mich verteidigen sollen? Ich konnte kaum allein stehen.

»Wenn du sie auch nur mit dem Zeigefinger berührst, wirst du sterben. Ich nehme an, dass die Magie des Schlosses genauso wenig funktioniert wie die des Schlüssels, also bist du genauso schwach wie jeder andere Mensch auch.«

Ein Blick in Colins Gesicht verriet eindeutig, dass er nicht daran gedacht hatte. Wut vermischte sich mit Frustration. Er strich sich sein braunes Haar zurück und wandte sich für einen Moment ab. »In Ordnung. Solange wir ums Überleben kämpfen, werde ich mich fernhalten.«

»Das ging viel zu einfach«, sagte Cleo mit argwöhnisch zusammengezogenen Augenbrauen.

»Wie sagt man? Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Ich glaube ihm für den Moment«, erwiderte ich, als der Husten etwas nachgelassen hatte.

»Meine Warnung bleibt bestehen«, betonte Noah. »Lasst uns losgehen. Ich zergehe noch zu einer Pfütze.«

»Nicht nur du«, stimmte ich ihm zu. »Richtung Oase?«

»Richtung Oase«, wiederholten alle anderen und wir begannen die Höllenwanderung zu einem unsicheren Ziel. Es war jedoch das einzige Ziel, was wir hatten.

Eine Zeitlang übernahm Colin die Führung, doch schon bald konnte er den Abstand zu uns nicht mehr halten und er fiel zurück, bis wir auf gleicher Höhe waren. Nach jedem weiteren Schritt war ich davon überzeugt, dass dieser mein letzter wäre. Alles schmerzte, ich schwitzte und hustete ständig. Meine Augen brannten wegen des Sandes und der Helligkeit, trotzdem schaffte es Noah, mich weiter voranzutreiben. Seine stützende Hand verließ nicht für einen Moment meinen Rücken und die Dankbarkeit darüber, dass er hier war, ließ mich weitermachen.