Eine Lebensbeschreibung - Joachim Nettelbeck - E-Book

Eine Lebensbeschreibung E-Book

Joachim Nettelbeck

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Beschreibung

Joachim Christian Nettelbeck war ein durch seine Rolle bei der Verteidigung Kolbergs im Jahre 1807 und seine Autobiographie bekannter deutscher Seefahrer und Volksheld. Dies ist seine Autobiographie.

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Seitenzahl: 749

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

Joachim Nettelbeck

Inhalt:

Joachim Nettelbeck – Biografie und Bibliografie

Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet , J. Nettelbeck

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN:9783849632601

www.jazzybee-verlag.de

www.facebook.com/jazzybeeverlag

[email protected]

Joachim Nettelbeck – Biografie und Bibliografie

Schiffskapitän, geb. 20. Sept. 1738 in Kolberg, Sohn eines Brauers, gest. 29. Jan. 1824 in Kolberg, befuhr von seinem 15.–45. Jahre fast alle europäischen Meere, die westindischen Gewässer und die Küste von Guinea, machte sich bei den wiederholten Belagerungen seiner Vaterstadt im Siebenjährigen Krieg als Bürgeradjutant verdient und stand 1770 kurze Zeit in preußischen Seediensten. 1783 ließ er sich in Kolberg als Branntweinbrenner nieder und war bis 1809 Bürgerrepräsentant der Stadt. Als die Franzosen 1806 Kolberg angriffen, verhinderte er an der Spitze der Bürgerschaft und in Verbindung mit seinem Freunde Schill durch seinen Einfluß auf den Festungskommandanten, Obersten v. Loucadou, den Fall des Platzes. Auf sein schriftliches Gesuch beim König erhielt die Stadt einen neuen, tüchtigen Befehlshaber, den Major Gneisenau, dem N. als Bürgeradjutant zur Seite trat. In dieser Stellung leitete er die Überschwemmungen, das Löschwesen, die Verproviantierung der Truppen und erhielt die Eintracht zwischen der Bürgerschaft und der Besatzung sowie den Mut und die Ausdauer beider. Nachdem infolge des Abschlusses des Waffenstillstandes in Tilsit die Belagerung aufgehoben war, ehrte ihn sein König unter anderem durch Erteilung der Erlaubnis, die preußische Marineuniform zu tragen, und 1817 bewilligte er ihm eine lebenslängliche Pension von 200 Tlr. Seine sehr interessante Lebensbeschreibung, von ihm selbst ausgezeichnet, gab Haken (Leipz. 1821–23, 3 Bde.; 4. Aufl. 1878, 2 Tle.), Mendheim (in Reclams Universal-Bibliothek), in gekürzter Fassung O. Zimmermann (Leipz. 1906) heraus. 1903 ward in Kolberg ein Gneisenau-Nettelbeck-Denkmal (von Georg Mayer) errichtet.

Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

Meinem Könige Friedrich Wilhelm dem Mannlichen ehrfurchtsvoll zugeeignet

Sire!

Ewr. Königlichen Majestät erkühne ich mich, diese Blätter zu weihen. Ein Greis schaut in denselben mit dem letzten Abendrot in sein früheres Leben zurück und fühlt mit stiller Freude, daß er diese achtzig Jahre herdurch in Gesinnung und Tat weder König noch Vaterland verleugnet, und daß es je und je sein Stolz gewesen, sich als treuen Untertan und unsträflichen Bürger zu erweisen. Von seinen zitternden, aber unbefleckten Händen möge Ewr. Königlichen Majestät auch dies geringe Opfer seiner Verehrung nicht mißfällig sein.

Kolberg, am dritten August 1821.

Joachim Nettelbeck.

Erstes Kapitel

Am 20. September 1738 ward ich zu Kolberg geboren und bekam dann den Taufnamen Joachim. Mein Vater, Johann David Nettelbeck, war hier Brauer und Branntweinbrenner und stand bei der Bürgerschaft in besonderer Liebe und Anhänglichkeit. Dies Glück ist mir von ihm übererbt und genieße es noch jetzt in meinem Alter bei meinen lieben Mitbürgern. Meine Mutter war aus des Schiffers Blanken Geschlecht. Auch meiner beiden Paten – nämlich der Kaufleute Herren Lorenz Runge und Grüneberg – muß ich hier dankbar erwähnen, weil so manche ihrer väterlich gemeinten Vorstellungen, und was sie mir sonst Gutes eingeprägt, bei mir einen Eindruck gemacht, der mich durch mein ganzes Leben begleitet hat.

Der gütige Leser wolle sich's gefallen lassen, etwas von meinen ersten Jugendjahren zu hören. Seit ich kaum das Alter von drei viertel Jahren erreicht, bin ich bei meinen Großeltern väterlicherseits erzogen worden; aber sobald ich habe lallen können, stand auch mein Sinn darauf, ein Schiffer zu werden. Dies mag wohl daher kommen, daß mir dergleichen oftmals vorgeplaudert worden. Mein Hang dazu trieb mich so gewaltig, daß ich aus jedem Holzspan, aus jedem Stückchen Baumrinde, was mir in die Hände fiel, kleine Schiffchen schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte.

Meines Vaters Bruder war Schiffer, und keine größere Freude gab es für mich, als wenn er mit seinem Schiffe hier im Hafen lag. Denn da hatte ich zu Hause keine Ruhe, sondern bat, man möchte mich nach der Münde lassen. O welch ein vergnügtes Leben, wenn ich auf dem Schiffe war und mit den Schiffsleuten in ihrer Arbeit herumsprang.

Nicht viel geringer war meine Liebe und Freude am Gartenwesen; denn auch mein Großvater war ein sonderlicher Gartenfreund, nahm mich beständig mit dahin, gab mir sogar ein klein Fleckchen Land zum Eigentum und ließ mich sehen und lernen, was zur Gartenarbeit gehörte. Hier legte ich Obstkerne, ich verpflanzte, ich pfropfte und okulierte, ich begoß und pflegte meine Gewächse. Meine Kernstämmchen wuchsen heran, und sieben von diesen selbstgezogenen Bäumen sind noch (wie sehr es mir auch um sie leid tat, da ich jetzt der Besitzer des nämlichen Gartens bin) in der letzten französischen Belagerung umgehauen worden.

An dieses kleine, aber für mich unschätzbare Grundstück, dessen Pflege noch in diesem Augenblick die Freude meines Alters ausmacht, heften sich zugleich auch ein paar meiner frühesten und lebendigsten Erinnerungen, die ich darum nicht ganz mit Stillschweigen übergehen darf.

Ich mochte wohl ein Bürschchen von fünf oder sechs Jahren sein und noch in meinen ersten Höschen stecken (also etwa um das Jahr 1743 oder 44), als es hier bei uns und im Lande weit umher eine so schrecklich knappe und teure Zeit gab, daß viele Menschen vor Hunger starben; denn der Scheffel Roggen galt den damals beinahe für unerschwinglich gehaltenen Preis von einem Taler acht Groschen. Es kamen von landeinwärts her viele arme Leute nach Kolberg, die ihre kleinen, hungrigen Würmer auf Schiebkarren mit sich brachten, um Korn von hier zu holen, weil man Getreideschiffe in unserm Hafen erwartete, die der grausamen Not steuern sollten. Alle Straßen bei uns lagen voll von diesen unglücklichen, ausgehungerten Menschen. Meine Großmutter, bei der ich, wie schon gesagt, erzogen ward, ließ täglich mehrere Körbe voll Grünkohl in unserm Garten pflücken, kochte einen Kessel voll nach dem andern für unsre verschmachtenden Gäste, und mir ward das gern übernommene Ehrenämtchen zuteil, ihnen diese Speise in kleinen Schüsselchen nebst einer Brotschnitte zuzutragen. Da rissen mir denn Alte und Junge meinen Napf begierig aus der Hand oder auch wohl untereinander selbst vor dem Munde weg. Ich kann nicht aussprechen, welch einen schauderhaften Eindruck diese Szene auf meine kindliche Seele machte!

Endlich langte ein Schiff mit Roggen auf der Reede an, dem sich tausend sehnsüchtige Augen und Herzen entgegenrichteten. Aber o Jammer! beim Einlaufen in den Hafen stieß es gegen eine Steinkiste des Hafendammes und nahm so beträchtlichen Schaden, daß es im Strome selbst nur wenige hundert Schritte weiter der Münder Vogtei gegenüber in den Grund sank. Sollte die kostbare Ladung nicht ganz verloren sein, so mußten schleunige Anstalten getroffen werden, das verunglückte Fahrzeug wieder über Wasser zu bringen. Dazu wurden denn zwei Schiffe benutzt, die eben auch im Hafen lagen, und wovon das eine von meines Vaters Bruder geführt wurde. So war ich denn auch bei diesem Emporwinden, an welchem ich eine kindische Freude hatte, beständig zugegen, ward mitunter auch wohl als unnütz und hinderlich über Seite geschoben und habe darüber alle diese einzelnen Umstände nur um so besser im Gedächtnis behalten.

Ging nun gleich das Wiederflottmachen des Schiffes glücklich vonstatten, so war doch das Korn durchnäßt, zum Vermahlen untüchtig und die Hoffnung all der darauf vertrösteten Menschen vereitelt. Die Kolberger Bürger kauften den beschädigten Roggen um ein Viertel des geltenden Marktpreises; und da mein Vater damals königlicher Kornmesser im Orte war, so ging auf diese Weise die ganze geborgene Ladung durch seine Hände. Jeder suchte mit seinem Kaufe so gut als möglich zurechtzukommen und ihn aufs schnellste zu trocknen. Alle Straßen waren auf diese Weise mit Laken und Schürzen überdeckt, auf welchen das Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Kurze Zeit darauf erschien ein zweites großes Kornschiff, und nun ward es endlich möglich, die fremde Armut zu befriedigen.

Im nächstfolgenden Jahre erhielt Kolberg aus des großen Friedrichs vorsorgender Güte ein Geschenk, das damals hierzulande noch völlig unbekannt war. Ein großer Frachtwagen nämlich voll Kartoffeln langte auf dem Markte an, und durch Trommelschlag in der Stadt und in den Vorstädten erging die Bekanntmachung, daß jeder Gartenbesitzer sich zu einer bestimmten Stunde vor dem Rathause einzufinden habe, indem des Königs Majestät ihnen eine besondere Wohltat zugedacht habe. Man ermißt leicht, wie alles und jedes in eine stürmische Bewegung geriet, und das nur um so mehr, je weniger man wußte, was es mit diesem Geschenke zu bedeuten habe.

Die Herren vom Rate zeigten nunmehr der versammelten Menge die neue Frucht vor, die hier noch nie ein menschliches Auge erblickt hatte. Daneben ward eine umständliche Anweisung verlesen, wie diese Kartoffeln gepflanzt und bewirtschaftet, desgleichen wie sie gekocht und zubereitet werden sollten. Besser freilich wäre es gewesen, wenn man eine solche geschriebene oder gedruckte Instruktion gleich mit verteilt hätte; denn nun achteten in dem Getümmel die wenigsten auf jene Vorlesung. Dagegen nahmen die guten Leute die hochgepriesenen Knollen verwundert in die Hände, rochen, schmeckten und leckten daran; kopfschüttelnd bot sie ein Nachbar dem andern; man brach sie voneinander und warf sie den gegenwärtigen Hunden vor, die daran herum schnupperten und sie gleichmäßig verschmähten. Nun war ihnen das Urteil gesprochen! »Die Dinger«, hieß es, »riechen nicht und schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen sie fressen. Was wäre uns damit geholfen?« Am allgemeinsten war dabei der Glaube, daß sie zu Bäumen heranwüchsen, von welchen man zu seiner Zeit ähnliche Früchte herabschüttle. Alles dies ward auf dem Markte dicht vor meiner Eltern Tür verhandelt, gab auch mir genug zu denken und zu verwundern und hat sich darum auch bis aufs Jota in meinem Gedächtnis erhalten.

Inzwischen ward des Königs Wille vollzogen und seine Segensgabe unter die anwesenden Garteneigentümer ausgeteilt nach Verhältnis ihrer Besitzungen, jedoch so, daß auch die Geringeren nicht unter einigen Metzen ausgingen. Kaum irgend jemand hatte die erteilte Anweisung zu ihrem Anbau recht begriffen. Wer sie also nicht geradezu in seiner getäuschten Erwartung auf den Kehrichthaufen warf, ging doch bei der Auspflanzung so verkehrt als möglich zu Werke. Einige steckten sie hie und da einzeln in die Erde, ohne sich weiter um sie zu kümmern; andere (und darunter war auch meine liebe Großmutter mit ihrem ihr zugefallenen Viert) glaubten das Ding noch klüger anzugreifen, wenn sie diese Kartoffeln beisammen auf einen Haufen schütteten und mit etwas Erde bedeckten. Da wuchsen sie nun zu einem dichten Filz ineinander, und ich sehe noch oft in meinem Garten nachdenklich den Fleck drauf an, wo solchergestalt die gute Frau hierin ihr erstes Lehrgeld gab.

Nun mochten aber wohl die Herren vom Rat gar bald in Erfahrung gebracht haben, daß es unter den Empfängern viele lose Verächter gegeben, die ihren Schatz gar nicht einmal der Erde anvertraut hätten. Darum ward in den Sommermonaten durch den Ratsdiener und Feldwächter eine allgemeine und strenge Kartoffelschau veranstaltet und den widerspenstig Befundenen eine kleine Geldbuße aufgelegt. Das gab wiederum ein großes Geschrei und diente auch eben nicht dazu, der neuen Frucht an den Bestraften bessere Gönner und Freunde zu erwecken.

Das Jahr nachher erneuerte der König seine wohltätige Spende durch eine ähnliche Ladung. Allein diesmal verfuhr man dabei höheren Orts auch zweckmäßiger, indem zugleich ein Landreiter mitgeschickt wurde, der, als ein geborner Schwabe (sein Name war Eilert, und seine Nachkommen dauern noch in Treptow fort), des Kartoffelbaues kundig und den Leuten bei der Auspflanzung behilflich war und ihre weitere Pflege besorgte. So kam also diese neue Frucht zuerst ins Land und hat seitdem durch immer vermehrten Anbau kräftig gewehrt, daß nie wieder eine Hungersnot so allgemein und drückend bei uns hat um sich greifen können. Dennoch erinnere ich mich gar wohl, daß ich erst volle vierzig Jahre später (1785) bei Stargard zu meiner angenehmen Verwunderung die ersten Kartoffeln im freien Felde ausgesetzt gefunden habe.

Doch es ist wohl Zeit, daß ich von diesen langen Abschweifungen wieder in meine goldnen Jugendjahre und zu meinen damaligen Lieblingsbeschäftigungen zurückkehre!

Bei manchen andern Kindereien war ich auch ein großer Liebhaber von Tauben. Von meinem Fxühstücksgelde sparte ich mir so viel am Munde ab, daß ich mir ein Paar kaufen konnte. Das war nun eine Herrlichkeit! Da aber meine Großeltern unter dem Posthause bei Herrn Frauendorf wohnten, so gab es hier keine Gelegenheit, die Tauben ausfliegen zu lassen. Ich machte daher mit dem sogenannten »Postjungen«, Johann Witte (nachherigem Post- und Bankodirektor in Memel), einen Akkord, daß er meine Tauben zu sich nehmen, ich aber täglich eine gewisse Portion Erbsen zum Füttern hergeben sollte, die ich meinen Großeltern leider heimlich in den Taschen wegtrug. Die Tauben vermehrten sich, hinfolglich auch die Futtererbsen.

Bei all diesen Spielereien ward (wiederum leider!) die Schule versäumt: ich hatte weder Luft noch Zeit dazu. Wenn meine Großmutter meinte, ich säße fleißig auf der Schulbank, so schiffte ich in Rinnsteinen und Teichen oder ich verkehrte mit meinen Tauben, und das machte mir so viel zu schaffen, daß ich weder bei Tage noch bei Nacht davor ruhen konnte. Diese unruhige Geschäftigkeit hat mich auch nachmals in mein männliches Wesen bei weit wichtigern Dingen und selbst bis in mein Alter verfolgt. Freilich wohl habe ich mir dabei weniger für mich als für andere meiner Mitmenschen zu tun und zu sorgen gemacht.

Einigen Vorschub zu diesen Possen tat mir auch wohl Pate Runge, der nicht Frau noch Kinder hatte, mich sehr liebte und sich viel mit mir abgab. Endlich aber nahm er mich einmal etwas ernsthafter ins Verhör (wie auch zuweilen von Pate Grüneberg geschah) und gab mir zu bedenken, daß, wenn ich Schiffer werden wollte, so müßte ich auch fleißig in die Schule gehen, eine firme Hand schreiben und gut rechnen lernen, sonst dürfte ich nie an so etwas denken. Mir fuhr das gewaltig aufs Herz. Ich sann nach, was denn wohl von meinem jetzigen Tun und Treiben abgestellt werden müßte. – Was anders als meine Tauben, die mir so viel Zeit kosteten und doch so sehr am Herzen lagen! Wie ich es aber auch bedenken mochte, so war es doch nicht anders: – ich mußte meine lieben Tierchen fahren lassen, die sich indes ansehnlich vermehrt hatten! Dies geschah denn auch mittels eines förmlichen schriftlichen Kontrakts, wodurch ich den Johann Witte kindischerweise zu ihrem alleinigen Herrn und Besitzer einsetzte.

So war ich also meine Tauben los, und nun kriegt ich einen so brennenden Trieb zur Schule, daß mich die Lernbegierde auf all meinen Schritten und Tritten verfolgte. Ich wollte und mußte ja ein Schiffer werden! Auch alle meine heiligen Christgeschenke, woran es meine Herren Paten nicht fehlen ließen, hatten immer eine Beziehung auf die Schifferschaft. Bald war es ein runder holländischer Matrosenhut, bald lange Schifferhosen, bald wieder Pfefferkuchen als Schiffer geformt u. dgl.

So mochte es etwa in meinem achten Jahre sein, als Pate Lorenz Runge mir unter andern Weihnachtsbescherungen auch eine Anweisung zur Steuermannskunst in holländischer Sprache verehrte. Dies Buch machte meine Phantasie so rege, daß ich Tag und Nacht für mich selbst darin studierte, bis mein Vater ein näheres Einsehen hatte und mir bei einem hiesigen Schiffer namens Neymann zwei wöchentliche Unterrichtstage in jener edeln Kunst ausmachte. Dagegen blieben die andern vier Tage noch zum Schreiben und Rechnen bei einem andern geschickten Lehrer namens Schütz bestimmt. Ein Jahr später aber ward die Steuermannskunst die Hauptsache und alles andere in die Neben- und Privatstunden verwiesen.

Mein Eifer für diese Sache ging so weit, daß ich im Winter oftmals bei strenger Kälte, wenn des Nachts klarer Himmel war, und wenn meine Eltern glaubten, daß ich im warmen Bette steckte, heimlich auf den Wall und die hohe Katze 3 ging, mit meinen Instrumenten die Entfernung der mir bekannten Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und darnach die Polhöhe berechnete. Dann, wenn ich des Morgens erfroren nach Hause kam, verwunderte sich alles über mich und erklärte mich für einen überstudierten Narren. Schlimmer aber war es, daß man mich nun des Abends sorgfältiger bewachte und mich nicht aus dem Hause ließ. Dennoch suchte und fand ich oftmals Gelegenheit, bei Nacht wieder auf meine Sternwarte zu kommen; was mir aber, wenn ich mich morgens wieder einstellte, von meinem Vater manche schwere Ohrfeige einbrachte.

Ähnlicher Lohn ward mir auch sonst noch für ähnlichen Eifer! Zu oft hatte ich gehört, daß ein Seemann vor allen Dingen gut klettern lernen müsse, um die Masten bei Tag und Nacht zu besteigen, als daß ich nicht hätte begierig werden sollen, mich darin beizeiten zu üben. Hierzu fand sich eine erwünschte Gelegenheit durch die nähere Bekanntschaft mit dem Sohne des damaligen Glöckners. Er war in meinen Jahren, hieß David und wollte auch Schiffer werden. Mit diesem machte ich mich außer der Schulzeit auf den Boden der großen Kirche in das Sparrwerk und die Balkenverbindungen bis hoch unter das kupferne Dach hinaus. Hier stiegen und krochen wir überall herum, daß wir uns in der gewaltigen Verzimmerung dieses großen Gebäudes oftmals dergestalt verirrten, daß einer vom andern nichts wußte. Kamen wir dann wieder zusammen, so konnten wir nicht genug erzählen, wo wir gewesen waren und was wir gesehen hatten.

Bald ging es nun zu einem Wagstück weiter. Auch in die Spitze des Turms krochen wir in dem inwendigen Holzverbande hinauf – so hoch, bis wir uns in dem beengten Raume nicht weiter rühren konnten. Aber eben diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam mir in der Folge recht gut zustatten, um hier in der äußersten Spitze, wo ein Wetterstrahl am 28. April 1777 gezündet hatte, das Feuer löschen zu können; wie ich zu seiner Zeit weiter unten erzählen werde.

Und nunmehr genügte es uns nicht, bloß innerhalb uns von Balken zu Balken zu schwingen, es sollte auch außerhalb des Gebäudes geklettert werden! So machten wir uns denn auf das kupferne Dach, stiegen bei den Glocken aus den Luken auf das Gerüst, von da auf den First des kupfernen Kirchendaches, und indem wir darauf wie auf einem Pferde ritten, rutschten wir längshin vom Turm bis an den Giebel und auf gleiche Weise wieder zurück. Ein paar hundert Zuschauer gafften drunten zu unserer großen Freude nach uns beiden jungen Wagehälsen in die Höhe. Auch mein Vater war, ohne daß ich es wußte, unter dem Haufen gewesen, und so konnte es nicht fehlen, daß mich bei meiner Heimkunft für diese Heldentat eine derbe Tracht Schläge erwartete.

Aber die Luft zu einem wiederholten Versuche war mir dennoch nicht ausgetrieben worden! Ich lauerte es nur ab, daß mein Vater verreist war, und an einem schönen Sommertage nachmittags um vier Uhr, als ich der Zucht des Herrn Schütz entlaufen war, konnte ich nicht drum hin, meinen lieben Turm wieder zu besuchen. Ein Schulkamerad, David Spårke, eines hiesigen Schiffers Sohn, leistete mir Gesellschaft. Diesen beredete ich, den Ritt auf dem Kirchendache mitzumachen. Ich zuerst stieg aus der Luke auf das Gerüst und von da auf den First des Daches. David Spärke kam mir zuversichtlich nach, da er mich so flink und sicher darauf hantieren sah.

Allein kaum war er mir sechs oder acht Fuß nachgeritten, so überfiel ihn plötzlich eine Angst, daß er erbärmlich zu schreien begann, sich zu beiden Seiten an den kupfernen Reisen festklammerte und nicht vor-nicht rückwärts kommen konnte. Ich kehrte mich nach ihm um, kam dicht zu ihm heran, und hier saßen wir nun beide, sahen uns betrübt ins Gesicht und wußten nicht wo aus noch ein. Er wagte es nicht, sich umzudrehen: ich konnte an ihm nicht vorbeikommen. Dabei hörte er nicht auf, in seiner Seelenangst aus vollem Halse zu schreien. Auf der Straße gab es einen Zusammenlauf und bald auch Hilfe. Denn der alte Glöckner mit seinem Sohne und mehreren andern kamen auf den Turm und zogen meinen Freund David mit umgeworfenen Leinen rücklings nach dem Gerüst und so vollends in die Luke hinein. Ich aber folgte wie ein armer Sünder zitternd und bebend nach.

Des nächsten Tages kam mein Vater wieder nach Hause, und da gab es denn, wie zu erwarten war, rechtschaffene, aber verdiente Prügel. Damit aber nicht genug, meinte auch Herr Schütz, mein Lehrer, es müsse hier der übrigen Schulkameradschaft wegen noch ein anderweitiges Beispiel zu Nutz und Lehre statuiert werden und bat sich's bei meinem Vater aus, gleichfalls noch Gericht über mich halten zu dürfen. Das ward ihm gern bewilligt. Meine Strafe bestand in einem dreitägigen Quartier in dem dunkeln Karzer auf dem Schulhofe. Hier ward ich nachmittags, sobald die Schulzeit abgelaufen war, eingesperrt und immer erst morgens um acht Uhr, als die Schule wieder anging, herausgelassen. Nur mittags durfte ich nach Hause gehen, um zu essen; aber schon in der nächsten Stunde auf meiner Schulbank mich einfinden und um vier Uhr meine traurige Wanderung in die Finsternis wieder antreten.

Nächst der Unbequemlichkeit einer einzigen täglichen Mahlzeit bei einem (Gott weiß es) gesegneten Appetite, war's meine größte Qual und Not, daß ich die Scham und Schande nicht bemeistern konnte, von den andern Schulbuben über mein Abenteuer noch ausgelacht zu werden. Niemand hatte Mitleid mit meinem Unstern, ausgenommen ein einziges gutherziges Mädchen, die älteste Tochter des Kaufmanns Hexrn Seeland. (Wenn ich mich recht entsinne, nannte man sie Dörtchen.) Dörtchen also steckte mir den letzten Abend, mit Tränen in den Augen, ihre Semmel zu, konnt' es aber nicht so heimlich abtun, daß es nicht von den andern wäre gesehen und verraten worden. Die Semmel ward mir vom Lehrer wieder abgenommen und konfisziert. Ich weinte, sie weinte; Herr Schütz selbst konnte sich dessen nicht erwehren. Ich bekam meine Semmel zurück, aber bloß – wie er hinzusetzte –, um das gute Kind zu beruhigen. – Ich habe nachher im Jahre 1782 (also nach Verlauf von vierundreißig Jahren!) die Freude gehabt, dieses nämliche Dörtchen Seeland in Memel wieder anzutreffen. Ihre Eltern waren in ihrem Wohlstande zurückgekommen, den sie damals durch eine Auswanderung nach Rußland zu verbessern hofften. Ich hatte jene Semmel noch nicht vergessen, und es hat mir wohlgetan, sie einigermaßen vergelten zu können.

Zweites Kapitel

Endlich, da ich etwa elf Jahre alt sein mochte, sollte es zu meiner unsäglichen Freude Ernst mit meiner künftigen Bestimmung werden. Meines Vaters Bruder nahm mich auf sein Schiff, die Susanna, als Kajütenwächter, und so ging meine erste Ausflucht nach Amsterdam. Hier sah ich nun eine Menge großer Schiffe auf dem Y vor Anker liegen, die nach Ost- und Westindien gehen sollten. Täglich ward auf ihnen mit Trommeln, Pauken und Trompeten musiziert oder mit Kanonen geschossen. Das machte mir allmählich das Herz groß! Ich dachte: Wer doch auch auf so einem Schiffe fahren könnte! – und das ging mir um so viel mehr im Kopfe herum, als es damals unter all unsern Schiffsleuten, wie ich oft gehört hatte, für einen Glaubensartikel galt: daß, wer nicht von Holland aus auf dergleichen Schiffen gefahren wäre, auch für keinen rechtschaffenen Seemann gelten könnte. Gerade das aber machte ja mein ganzes Sinnen und Denken aus! – Im Vorbeigehn will ich aber noch hinzufügen, daß jener Glaube auf einem ganz guten Grunde beruhte. Man findet wirklich bei keiner Nation eine größere Ordnung auf den Schiffen als bei den Holländern auf solchen bedeutenden Fahrten in fremde Weltteile.

Wovon mir das Herz voll war, ging mir auch alle Augenblicke der Mund über. Ich gestand meinem Oheim, wie gern ich am Bord eines solchen ansehnlichen Ostindienfahrers sein und die Reise mitmachen möchte. Er gab mir immer die einzige Antwort, die darauf paßte, daß ich nicht klug im Kopfe sein müßte. Endlich aber ward dieser Hang in mir zu mächtig, als daß ich ihm länger widerstehen konnte. In einer Nacht, zwei Tage vor unserer Abreise, schlüpfte ich heimlich in unsere angehängte Jolle – ganz wie ich ging und stand und ohne das geringste von meinen Kleidungsstücken mit mir zu nehmen. Man sollte nämlich nicht glauben, daß ich desertiert, sondern daß ich ertrunken sei, und wollte so verhindern, daß mir nicht weiter auf den andern Schiffen nachgespürt würde. Unter diesen aber hatte ich mir eins aufs Korn gefaßt, von welchem mir bekannt geworden war, daß es am andern nächsten Morgen nach Ostindien unter Segel gehen sollte. Das letztere zwar war richtig, aber über seine Bestimmung befand ich mich im Irrtum; denn es war zum Sklavenhandel auf der Küste von Guinea bestimmt.

Still und vorsichtig kam ich mit meiner Jolle an der Seite dieses Schiffes an, ohne von irgend jemand auf demselben bemerkt zu werden. Ebenso ungesehen stieg ich an Bord, indem ich mein kleines Fahrzeug mit dem Fuße zurückstieß und es treibend seinem Schicksal überließ. Bald aber sammelte sich das ganze Schiffsvolk (es waren deren vierundachtzig Köpfe, wie ich nachmals erfuhr) verwundert um mich her. Jeder wollte wissen, woher ich käme, wer ich wäre, was ich wollte. Statt aller Antwort – und was hätte ich auch sagen können? – fing ich an erbärmlich zu weinen.

Der Kapitän war diese Nacht nicht an Bord. Man brachte mich also zu den Steuerleuten, welche das Verhör ins Kreuz und in die Quere mit mir erneuerten. Auch hier hatte ich nichts als Tränen und Schluchzen. »Aha, Bursche!« legte sich endlich einer aufs Raten – »ich merke schon! Du bist von einem Schiffe weggelaufen und denkst, daß wir dich mitnehmen sollen!« – Das war ganz meines Herzens Meinung. Ich stammelte also ein Ja darauf hervor, konnte mich aber diesmal nicht entschließen, noch weiter herauszubeichten. Inzwischen hatte man einiges Mitleid mit mir, gab mir ein Glas Wein samt einem Butterbrot und Käse und wies mir eine Schlafstelle an mit dem Bedeuten, daß morgen früh der Kapitän an Bord kommen werde, der mich vielleicht wohl mitnehmen möchte. – Da lag ich nun die ganze Nacht schlaflos und überdachte, was ich sagen und verschweigen wollte.

Am andern Morgen mit Tagesanbruch fand sich der Lotse ein; der Anker ward aufgewunden, und man machte sich segelfertig, wobei ich treuherzig und nach Kräften mit Hand anlegte. Unter diesen Beschäftigungen kam endlich auch der Kapitän heran. Ich ward ihm vorgestellt, und auch seine erste und natürlichste Frage war, was ich auf seinem Schiffe wollte. – Ich fühlte mich nun schon ein wenig gefaßter und gab ihm über mein Wie und Woher so ziemlich ehrlichen Bescheid, nur setzte ich hinzu (und diese Lüge hat mir nachmals oft bitter leid getan, denn mein Oheim war gegen mich die Gütigkeit selbst, als ob ich sein eignes Kind wäre), dieser habe mich auf der Reise oftmals unschuldig geschlagen, wie das denn auch nur noch gestern geschehen sei. Ich könne dies nicht länger ertragen, und so sei ich heimlich weggegangen und bäte flehentlich, der Kapitän möchte die Güte haben, mich anzunehmen. Ich wollte gern gut tun.

Nun ich einmal so weit gegangen war, durfte ich auch die richtige Antwort auf die weitere Frage nach meines Oheims Namen und Schiffe nicht schuldig bleiben. »Gut!« sagte der Kapitän, »ich werde mit dem Manne darüber sprechen.« – Das klang nun gar nicht auf mein Ohr! Ich hub von neuem an zu weinen, schrie, ich würde über Bord springen und mich ersäufen, und trieb es so arg und kläglich (mir war aber auch gar nicht wohl ums Herz!), daß nach und nach das Mitleid bei meinem Richter zu überwiegen schien. Er ging mit seinen Steuerleuten in die Kajüte, um die Sache ernstlicher zu überlegen; ich aber lag indes, von Furcht und Hoffnung hin- und hergeworfen, wie auf der Folter; denn die Schande, vielleicht zu meinem Oheim zurückgebracht zu werden, schien mir unerträglich.

Endlich rief man mich in die Kajüte. »Ich habe mir's überlegt«, hub hier der Kapitän an, »und du magst bleiben. Du sollst Steuermannsjunge sein und monatlich sechs Gulden Gage haben; auch will ich für deine Kleidungsstücke sorgen. Doch höre, sobald wir mit dem Schiffe in den Texel kommen, schreibst du selbst an deines Vaters Bruder und erklärst ihm den ganzen Zusammenhang. Den Brief will ich selbst lesen und auch für seine sichere Bestellung sorgen.« – Man denke, wie freudig ich einschlug, und was für ein Stein mir vom Herzen fiel!

Jetzt gingen wir auch unter Segel. Allein ich will es auch nur gestehen, daß, sowie ich meines Oheims Schiff so aus der Ferne darauf ansah, mir's innerlich leid tat, es bis zu diesem törichten Schritte getrieben zu haben. Trotz diesem Herzweh erwog ich, daß er nicht mehr zurückgetan werden konnte, wofern ich nicht vor Beschämung vergehen sollte. Ich machte mich also stark, und als wir im Texel ankamen, schrieb ich meinen Abschiedsbrief, den der Kapitän las und billigte und mein Steuermann an die Postschule besorgen sollte.

Wie die Folge ergeben hat, ist jedoch dieser Brief mit oder ohne Schuld des Bestellers nicht an meinen Oheim gelangt, entweder daß dieser zu früh von Amsterdam abgegangen oder daß das Blatt unterwegs verlorengegangen. Mein Tod schien also unzweifelhaft; denn man glaubte (wie ich in der Folge erfuhr), ich sei in der Nacht aus der Jolle gefallen, die man am nächsten Morgen zwischen andern Schiffen umhertreibend gefunden hatte.

Nachdem wir im Texel unsere Ladung, Wasser, Proviant und alles Zubehör, welches der Sklavenhandel erfordert, an Bord genommen hatten, gingen wir in See. Mein Kapitän hieß Gruben und das Schiff Afrika. Alle waren mir gut und geneigt; ich selbst war vergnügt und spürte weiter kein Heimweh. Wir hatten zwei Neger von der Küste von Guinea als Matrosen an Bord. Diese gab mir mein Steuermann zu Lehrern in der dort gewöhnlichen Landessprache, und ich darf wohl sagen, daß sie an mir einen gelehrigen Schüler fanden. Denn meine Luft, verbunden mit der Leichtigkeit, womit man in meinem damaligen Alter fremde Sprachtöne sich einprägt, brachten mich binnen kurzem zu der Fertigkeit, daß ich nachher an der Küste meinem Steuermanne zum Dolmetscher dienen konnte. Und das war es eben, was er gewollt hatte.

Unsere Fahrt war glücklich, aber ohne besonders merkwürdige Vorfälle. In der sechsten Woche erblickten wir St. Antonio, eine von den Inseln des Grünen Vorgebirges (Capo verde), und drei Wochen später hatten wir unser Reiseziel erreicht und gingen an der Pfefferküste bei Kap Mesurado unter sechs Grad nördlicher Breite vor Anker, um uns mit frischem Wasser und Brennholz zu versorgen. Zugleich war dies die erste Station, von wo aus unser Handel betrieben werden sollte.

Späterhin gingen wir oberhalb Windes weiter östlich nach Kap Palmas, und hier erst begann der Verkehr lebendiger zu werden. Die Schaluppe wurde mit Handelsartikeln beladen, mit Lebensmitteln für zwölf Mann Besatzung auf sechs Wochen versehen und mit sechs kleinen Drehbassen, die ein Pfund Eisen schossen, ausgerüstet. Mein Steuermann befehligte im Boot, ich aber, sein kleiner Dolmetscher, blieb auch nicht dahinten und ward ihm im Handel vielfach nützlich. Wir machten in diesem Fahrzeuge drei Reisen längs der Küste, entfernten uns bis zu fünfzig Meilen vom Schiffe und waren gewöhnlich drei Wochen abwesend. Nach und nach kauften wir hierbei vierundzwanzig Sklaven, Männer und Frauen (auch eine Mutter mit einem einjährigen Kinde war dabei!), eine Anzahl Elefantenzähne und etwas Goldstaub zusammen. Bei dem letzten Abstecher ward auch der europäische Briefsack auf dem holländischen Hauptkastell St. George de la Mina von uns abgegeben.

Unser Schiff fanden wir bei unserer Heimkehr etwas weiter ostwärts nach der Reede von Laque la How oder Kap Lagos vorgerückt. Acht unserer Gefährten waren in der Zwischenzeit auf demselben infolge des ungesunden Klimas gestorben. Dagegen hatte der Kapitän anderthalbhundert Schwarze beiderlei Geschlechts eingekauft und einen guten Handel mit Elfenbein und Goldstaub gemacht. Für alle diese Artikel gilt Kap Lagos als eine Hauptstation, weil landeinwärts ein großer See von vielen Meilen lang und breit vorhanden ist, auf welchem die Sklaven von den Menschenhändlern (Kaffizieren) aus dem Innern in Kanus herbeigeführt werden.

Gerade in dieser Gegend war auch Kapitän Gruben bei den hier ansässigen, reichen Sklavenhändlern von alters her wohlbekannt und gern gelitten. Dennoch war ihm schon auf einer vorigen Reise hierher ein Plan fehlgeschlagen, den er entworfen hatte, sich zum Vorteil der holländischen Regierung an diesem wohlgelegenen Platze unvermerkt fester einzunisten. Er hatte es mit den reichen Negern verabredet, ein abgebundenes, hölzernes Haus nach europäischer Bauart mitzubringen und dort aufzurichten, worin zehn bis zwanzig Weiße wohnen könnten, und welches durch einige daneben aufgepflanzte Kanonen geschützt werden sollte. Als es aber fertig dastand, kamen diese Anstalten den guten Leutchen doch ein wenig bedenklich vor. Sie bezahlten lieber dem Kapitän sein Häuschen, das so ziemlich einer kleinen Festung glich, reichlich mit Goldstaub, und so sahen es auch noch meine Augen, indem es von einem reichen Kaffizier bewohnt wurde.

Nachdem wir von hier noch eine Bootreise gleich den vorigen und mit ebenso gutem Erfolg gemacht hatten, gingen wir nach vier bis fünf Wochen mit dem Schiffe weiter nach Axim, dem ersten holländischen Kastell an dieser Küste, wo denn auch fortan der Schaluppenhandel ein Ende hatte. Ferner steuerten wir, Cabo tres Puntas vorbei, nach Accada, Boutron, Saconda, Chama, St. Georg de la Mina und Moure. Überall wurden Einkäufe gemacht, so daß wir endlich unsere volle Ladung, bestehend in vierhundertzwanzig Negern jedes Geschlechts und Alters, beisammen hatten. Alle diese Umstände sind mir noch jetzt in meinem hohen Alter so genau und lebendig im Gedächtnisse, als wenn ich sie erst vor ein paar Jahren erlebt hätte.

Nunmehr ging die Reise von der afrikanischen Küste nach Surinam quer über den Atlantischen Ozean hinüber, wo unsere Schwarzen verkauft werden sollten. Während neun bis zehn Wochen, die wir in See waren, sahen wir weder Land noch Strand, erreichten aber unsern Bestimmungsort glücklich, vertauschten unsere unglückliche Fracht gegen eine Ladung von Kaffee und Zucker und traten sodann den Rückweg nach Holland an. Wir brauchten dazu wiederum acht bis neun Wochen, bis wir endlich wohlbehalten im Angesicht von Amsterdam den Anker fallen ließen. Es war im Juni 1751, und die ganze Reise hin und zurück hatte einundzwanzig Monate gedauert. Elf Leute von unserer Mannschaft waren während dieser Zeit verstorben.

In Amsterdam ließ ich es mein erstes sein, nach Kolberg an meine Eltern zu schreiben und ihnen Bericht von meiner abenteuerlichen Reise zu erstatten. Denke man sich ihr freudiges Erstaunen beim Empfange dieser Zeitung! Ich war tot und war wieder lebendig geworden! Ich war verloren und war wiedergefunden! Ihre Empfindungen drückten sich in den Briefen aus, die ich unverzüglich von dort her erhielt. Segen und Fluch wurden mir darin vorgestellt. Ich Unglückskind wäre ja noch nicht einmal eingesegnet! Augenblicklich sollt ich mich aufmachen und nach Hause kommen!

Es traf sich erwünscht, daß ich mich in Amsterdam mit einem Landsmanne, dem Schiffer Christian Damitz, zusammenfand. Auf seinem Schiffe ging ich nach Kolberg zurück. Von meinem Empfange daheim aber tue ich wohl am besten zu schweigen.

In meiner Vaterstadt blieb ich nun und hielt mich wieder zum Schulunterricht, bis ich mein vierzehntes Jahr erreicht und die Konfirmation hinter mir hatte. Dann aber war auch länger mit mir kein Halten; ich wollte und mußte zur See wie der Fisch ins Wasser, und mein Vater übergab mich (zu Ostern 1752) an Schiffer Mich. Damitz, der soeben von Kolberg nach Memel und von da nach Liverpool abgehen wollte, und in den er ein besonderes Vertrauen setzte. Beide Fahrten waren glücklich. Wir gingen weiternach Dünkirchen, wo wir eine Ladung Tabak einnahmen; dann über Norwegen nach Danzig – und so kam ich kurz nach Neujahr zu Lande um neunzehn Taler Löhnung reicher nach Kolberg zurück. Ich glaubte wunder, was ich in diesen neun Monaten verdient hätte! Und noch vor wenig Jahren brachten es unsere Matrosen wohl auf fünfzehn und mehr Taler monatlich. So ändern sich die Zeiten!

In den beiden nächstfolgenden Jahren (1753 und 54) schwärmte ich auf mehr als einem kolbergschen Schiffe und unter verschiedenen Kapitänen auf der Ost- und Nordsee umher und war bald in Dänemark und Schweden, bald in England und Schottland, in Holland und Frankreich zu finden. Auf all diesen Reisen entsinne ich mich aber keines Dinges, das hier wieder erwähnt zu werden verdiente: denn Sturm und gut Wetter und was dem weiter angehört und auf solchen Reisen unausbleiblich vorfällt, sind bei einem Seemann etwas Alltägliches, und es ist meine Art nicht, davon viel Aufhebens zu machen.

Eben darum aber mochte dies einförmige Leben meinem feurigen Sinn länger nicht anstehen. Der alte Hang zum Abenteuern erwachte, so daß ich in Amsterdam, wo ich mit Kapitän Joach. Blank, einem alten lieben kolbergschen Landsmann und Verwandten, zusammentraf, der Versuchung zu einem weitern Ausflug länger nicht widerstehen konnte, sondern mich ohne weitere Erlaubnis von Hause flugs und freudig auf sein Schiff Christina, das nach Surinam bestimmt war, als Konstabler verdung. Als indes auf der Hinfahrt unser Steuermann das Unglück hatte, über Bord zu fallen und zu ertrinken, kam ich für diese Reise zu der Ehre, den Untersteuermann vorzustellen.

Daß ich mich hier auf eine ausführliche Beschreibung der Kolonie Surinam einlasse, wird wohl nicht von mir erwartet werden. Man weiß, daß sie ihren Namen von dem Flusse Surinam führt, an welchem auch dritthalb Meilen aufwärts die Hauptstadt Paramaribo gelegen ist. An seiner Mündung ist er wohl zwei Meilen breit und bleibt gegen sechzig Meilen landeinwärts auch bei der niedrigsten Ebbe für kleinere Fahrzeuge noch schiffbar. Nur wenig geringer ist der mit ihm verbundene Fluß Comandewnne, welcher bis gegen fünfzig Meilen aufwärts befahren wird. Mit beiden steht noch eine Menge toter Arme oder Kreeks in Verbindung, und an allen Ufern hinauf drängen sich die Zucker- und Kaffeeplantagen, während alles übrige Land eine fast undurchdringliche Waldung ausmacht. Eben dadurch aber wird diese Kolonie eine der ungesundesten in der Welt, und wenn eine Schiffsequipage von vierzig Mann binnen den vier Monaten, welche man hier gewöhnlich verweilt, nur acht bis zehn Tote zählt, so wird dies für ein außerordentliches Glück gehalten.

Diese große Sterblichkeit hat aber zum Teil auch wohl ihren Grund in den anstrengenden Arbeiten, wozu die Schiffsmannschaften nach hiesigem Gebrauch angehalten werden; denn sie müssen ebensowohl den Transport der mitgebrachten Ladung an europäischen Gütern nach den einzelnen Plantagen als die Rückfracht aus denselben an Kolonialwaren besorgen. Man bedient sich dazu einer Art von Fahrzeugen, Punten genannt, die wie Prahme gebaut sind und ein zugespitztes, mit Schilf bedecktes Wetterdach tragen, so daß sie das Ansehen eines auf dem Wasser schwimmenden deutschen Bauernhauses gewähren. Zwei solcher Punten werden jedem Schiffe zugegeben, und mir als Untersteuermann kam es zu, mit Hilfe von vier Matrosen die Fahrten auf den Strömen damit zu verrichten, wozu denn oft vierzehn Tage und noch längere Zeit erfordert wurden.

Bei unserer Ankunft gab es auf dem Schiffe ein kleines Abenteuer, das unsern Schiffer eine Zeitlang in nicht geringe Sorge setzte, endlich aber doch einen ziemlich lustigen Ausgang gewann. Unter der Ladung nämlich, die wir in Amsterdam eingenommen hatten, befand sich auch eine Kiste von etwa drei Fuß ins Gevierte, worüber der Kapitän zwar das richtige Konossement in Händen hatte, ohne gleichwohl beim Löschen vor Paramaribo die Kiste selbst an Bord wieder auffinden zu können. Sie war an einen dortigen Juden adressiert, dessen wiederholte Nachfrage trotz allem Suchen unbefriedigt bleiben mußte. Diese Verlegenheit schlau benutzend, brachte endlich der Hebräer nicht nur seine Klage bei dem holländischen Fiskal (Kolonierichter) an, sondern reichte zugleich ein langes Verzeichnis ein von goldenen und silbernen Taschenuhren, Geschmeiden und andern Kostbarkeiten zu einem Belauf von beinahe viertausend Gulden an Werte, die in der Kiste enthalten gewesen. Der Prozeß ging seinen Gang, und der Jude brachte seine Beweise so bündig vor, daß das endlich erfolgte rechtskräftige Erkenntnis meinen Kapitän zur völligen Schadloshaltung binnen vierzehn Tagen verurteilte, dem es übrigens überlassen blieb, sich wiederum an seine Leute zu halten.

Ganz unerwartet aber fand sich nunmehr die verwünschte Kiste im hintern, untersten Schiffsraume wieder auf, wo sie durch irgendein Versehen hoch mit Brennholz überstauet gewesen war. Glücklicherweise hatte das Siegel derselben, das auch auf dem Konossement abgedruckt war, keinen Schaden gelitten. Aber zugleich kam es uns wunderlich vor, daß die Kiste beim Heben und Schütteln derselben sich gar nicht so anließ, als ob Sachen von der angegebenen Art darin enthalten sein könnten. Dieser Verdacht ward dem Fiskal unter der Hand gesteckt. Er kam selbst an Bord, überzeugte sich von der Richtigkeit des Konossements und der Unversehrtheit des Siegels, und da der Jude ein armer Teufel war, dem sich mit einer Geldstrafe nichts anhaben ließ, so sollte er, wie es in aller Welt Brauch ist, für den versuchten Betrug mit seiner Haut bezahlen.

Zuvörderst ward ihm gemeldet, daß sein Eigentum wieder zum Vorschein gekommen sei und von ihm alsogleich an Bord in Empfang genommen werden könne. Sein Erschrecken über diese Nachricht war drollig genug, aber dem Frieden nicht trauend, verlangte er, man möchte ihm die Kiste in Gottes Namen nur an Land und in sein Haus schaffen, bis auf seine beharrliche Weigerung der Fiskal ihn durch zwei Neger mit Gewalt und gebunden an Bord holen ließ. Hier mußt' er in dessen Beisein die Kiste als die seinige und als vollkommen unverletzt anerkennen, dann aber auch öffnen, und nun kam ein gar bunter Inhalt zum Vorschein! Der ganze Trödel bestand aus Redoutenanzügen und fratzenhaften Gesichtslarven; der unglückliche Eigentümer aber ward auf des Richters Geheiß über seine Kiste hingestreckt und von ein paar Matrosen mit ihren Tauendchen so unbarmherzig zugedeckt, daß ihm wahrscheinlich alle ähnliche Spekulationen für eine lange Zeit vergangen sein werden.

Eher hätte man Surinam damals eine deutsche als eine holländische Kolonie nennen können; denn auf den Plantagen wie in Paramaribo traf man unter hundert Weißen immer vielleicht neunundneunzig an, die hier aus allen Gegenden von Deutschland zusammengeflossen waren. Unter ihnen hatte ich während dieser Reise Gelegenheit, auch zwei Gebrüder, des Namens Kniffel, kennenzulernen, die aus Belgard in Pommern gebürtig und also meine nächsten Landsleute waren. Sie hatten in früherer Zeit als gemeine holländische Soldaten sich hierher verirrt, aber Glück, Fleiß und Rechtlichkeit hatten sie seither zu Millionären gemacht, welche hier eines wohlverdienten Ansehens genossen. Am Comandewyne besaßen sie zwei Kaffeeplantagen. Die eine hieß Friedrichsburg, und eine andere dicht daneben, welche von ihnen selbst angelegt worden, hatten sie ihrer Vaterstadt zu Ehren Belgard genannt. Zu Paramaribo war eine Reihe von Häusern, die eine Straße von vierhundert Schritten in der Länge bildeten, ihr Eigentum und führte nach ihnen den Namen Knisselsloge. Ebendaselbst hatten sie eine lutherische Kirche aufgeführt und zur Erhaltung derselben für ewige Zeiten die Einkünfte der Plantage Belgard gewidmet.

Diese Gebrüder standen schon seit längerer Zeit mit meinem Kapitän Blank, als einem Kolberger und Landsmann, in besonders freundschaftlichem Verkehr. Er versorgte sie und ihre Plantagen ausschließlich mit allem, was sie aus Europa bedurften, und hinwiederum führte er alle ihre dortigen Erzeugnisse nach Holland zurück. So geschah es auch bei der gegenwärtigen Reise; da ich denn oft von ihm mit Aufträgen an sie geschickt und ihnen auf diese Weise bekannt und lieb wurde. Schon die vielfältigen Beweise von Güte, die ich von ihnen beiderseits erfuhr, würden mich veranlaßt haben, ihrer hier zu gedenken, wenn nicht auch der Verfolg meiner Lebensgeschichte mir wiederholte Gelegenheit gäbe, auf ihren Namen zurückzukommen.

Unsere Heimfahrt nach Amsterdam, die sechs Wochen währte, war glücklich, aber ohne weitere Merkwürdigkeit. Wir waren vierzehn Monate abwesend gewesen, und unser Schiff bedurfte einer völlig neuen Verzimmerung, die sich bis in den November 1755 zu verzögern drohte. Dies dauerte mir zu lange und gab die Veranlassung, daß ich in einen andern Dienst, unter Kapitän Wendorp, überging. Sein Schiff war nach Curacao bestimmt; auf der Rückreise ergänzten wir bei St. Eustaz unsere Ladung und nach neun Monaten, die ich hier kurz übergehe, warfen wir wiederum vor Amsterdam wohlbehalten die Anker.

Hier warteten Briefe auf mich von meinen Eltern von so drohendem Inhalt und angefüllt mit so gerechten Vorwürfen, daß ich's wohl nicht länger verschieben durfte, mich zum zweitenmal als der verlorne Sohn reuig nach Hause auf den Weg zu machen. Doch fand ich gleich im voraus einigen Trost in dem Vorschlage, daß meines Vaters Bruder bestimmt sei, des Herrn Beckers Schiff, genannt die Hoffnung, mit einer Ladung Holz von Rügenwalde nach Lissabon zu führen, und mit dem sollte ich fahren. Dies war im Jahre 17564.

So ging ich denn als Passagier nach Danzig und traf es da eben recht, daß zwölf junge und schmucke seefahrende Leute ausgesucht werden sollten, um die sogenannte Herrenborse aufs stattlichste zu bemannen. Es war nämlich zu der Zeit der König August 5 von Polen in der Stadt anwesend, und auf der Reede lag eine zahlreiche Flotte von russischen Kriegsschiffen vor Anker, der er einen Besuch abzustatten gedachte. Zu dieser Luftfahrt die Weichsel hinunter sollte nun jene Staatsjacht dienen. Zufällig kriegte man mich mit an, um die Mannschaft vollzählig zu machen und sowohl das Außerordentliche bei der Sache als auch der Dukaten, der dabei für jeden Mann abfallen sollte, machten mir Luft, diesen Ehrendienst zu verrxhten. 

Das dauerte aber nur so lange, bis wir zum Schifferältesten Karsten kamen, wo wir zu der Feierlichkeit mit einer Art von Uniform aufgeputzt werden sollten, die mit blanken Schilden und vielen roten, grünen und blauen Bändern verbrämt war. So ausstaffiert, hielt man mir zuletzt einen Spiegel vor: – aber wie erschrak ich, als ich sah, was für einen Narren man aus mir gemacht hatte! Das war jedoch das wenigste! Allein das Herz im Leibe wollte mir zerspringen, wenn ich dabei bedachte, daß ich einen andern als meines eigenen Königs Namenszug im Schilde an meiner Stirne tragen sollte. Die Tränen traten mir in die Augen. Mir war's, als mutete man mir zu, meinen großen Friedrich zu verleugnen. Gerne hätte ich mir alles wieder vom Leibe gerissen und hätte den Handel wieder aufgesagt, wenn es möglich gewesen wäre. Doch ich war einmal unter den Wölfen und mußte mit ihnen heulen! Indes gelobte ich mir's, diesen Makel dadurch wieder gutzumachen, daß ich den verheißenen Dukaten dem ersten preußischen Soldaten zuwürfe, der mir begegnen würde. Ein alter Husar wurde dies Glückskind, und der mag sich wohl nicht schlecht verwundert haben, daß ein achtzehnjähriges Bürschchen wie ich mit Golde um sich warf!

Drittes Kapitel

Im Monat August traf ich in Kolberg ein, fand meines Oheims Schiff bereits in der Ausrüstung und ging mit demselben auf die Rügenwalder Reede, wo wir unsere Ladung Holz einnahmen. Mit mir fuhr mein jüngerer Bruder, sechzehn Jahre alt, als Kajütenwärter. Auch hatte mein Oheim seinen eigenen vierzehnjährigen Sohn mitgenommen, und es befanden sich unsrer in allem dreizehn Menschen am Borde. Aber gleich der Anfang dieser Fahrt versprach wenig Gutes, da wir durch Sturm und widrige Winde dergestalt aufgehalten wurden, daß wir erst mit Ausgang Oktobers im Sunde anlangten.

Hier ging mein Oheim mit mir und noch drei andern Matrosen in der Segelschaluppe nach Helsingör an Land, woselbst seine Geschäfte ihn so lange verweilten, daß wir erst abends um neun Uhr auf den Rückweg kamen. Die See ging hoch, und unser Fahrzeug, das mit Wasser- und Bierfässern und andern Provisionen schwer beladen war, hielt wenig Bord. Zudem stand uns ein steifer Südwind entgegen, der uns zum Lavieren nötigte, und eben machten wir einen Schlag dicht hinter dem dänischen Wachtschiffe vorüber, als ein harter Stoßwind so plötzlich aufstieg und so ungestüm in unsere Segel fiel, daß die Schaluppe Wasser schöpfte, umschlug und im Hui! den Kiel nach oben kehrte.

Wir, die wir drinsaßen, wurden samt und sonders herausgespült. Ich ergriff ein Ruderholz und war so glücklich, mich über dem Wasser zu erhalten. Wo die andern blieben, sah ich nicht. Indes war unser Unglück von dem dänischen Kriegsschiffe nicht unbemerkt geblieben, und sogleich auch stieß ein Fahrzeug ab, uns zu retten. Allein es war stockfinster und von uns Verunglückten keine Seele aufzufinden. Nur die Schaluppe kam ihnen in den Wurf und ward geborgen; freilich aber war die ganze Ladung davongeschwommen und ging verloren.

Unter uns Umhertreibenden mochte ich wohl der erste sein, der sich glücklich aus diesem bösen Handel zog. Ich trieb nämlich gegen ein vor Anker liegendes Schiff und erhielt mich so lange am Ankertau, bis die Leute mich zu sich an Bord ziehen konnten. Mein guter Oheim hingegen ward ebensowohl durch den harten Sturm als die schnelle Strömung beinahe eine Viertelmeile weit bis unterhalb des dänischen Kastells davongeführt. Aber indem er sich kümmerlich an einem Spriet festgeklammert erhielt, brauchte er wohl eine Stunde, bevor er mit Schwimmen das Land erreichte. Zwei Matrosen wurden durch eine Lotsenjolie gerettet; einer aber blieb leider verloren.

Erst am Morgen fanden wir vier Geborgenen uns in Helsingör wieder zusammen. Unsere Schaluppe ward uns von dem Wachtschiffe wieder zurückgegeben; wir ersetzten unsre verunglückte Ladung durch angekaufte neue Vorräte, versahen uns mit frischen Rudern und kehrten sodann nach unserm Schiffe zurück. Sobald auch nur Wind und Wetter wieder günstiger geworden waren, säumten wir nicht, unsere Fahrt trotz der späten und bösen Jahreszeit fortzusetzen.

Am 2. Dezember nahmen wir nicht ohne Beunruhigung wahr, daß ein gewaltiger Sturm aus Norden uns auf die flämischen Bänke geworfen hatte, deren Gefährlichkeit wir nur gar zu wohl kannten. Nur zu bald auch bekamen wir mehrere heftige Grundstöße, die unser Steuerruder aussetzten und uns seiner verlustig machten. Um nicht augenblicklich auf den Strand zu geraten, blieb nichts übrig, als uns auf der Stelle vor zwei Anker zu legen. Es war zehn Uhr vormittags, das Land eine kleine halbe Meile entfernt und unser Ankerplatz auf vier Faden Tiefe mitten in der schäumenden Brandung, während unsere Segel, die wir nicht mehr festmachen konnten, im Winde flatterten. Welle für Welle stürmte über das Verdeck hinweg, so daß wir in einem fort unter Wasser standen und, da wir hier keine Leibesbergung mehr fanden, uns sämtlich oben im Mast erhielten.

Unsere Lage ward noch unerfreulicher, da mein Oheim gegen uns bemerkte, daß wir uns hier im Angesichte der flandrischen Küste befänden und es kaum würden vermeiden können, auf den Strand zu laufen. Hier war also österreichisches Gebiet, wir preußische Untertanen, und Preußen mit Österreich seit kurzem im Kriege begriffen. Er verbot uns demnach für jenen Fall, es auf irgendeine Weise zu verraten, daß wir von Rügenwalde kämen und ein preußisches Schiff hätten. Vielmehr sollten wir in der Aussage übereinstimmen: Schiff und Ladung sei schwedisches Eigentum, komme von Greifswalde und sei nach Lissabon bestimmt. Sobald der Sturm es nur zulasse – setzte er hinzu –, wollte er hinabsteigen, die preußische Flagge vernichten und ebensowohl seine Schiffspapiere über Seite zu bringen als der bereitgehaltenen schwedischen Dokumente aus der Kajüte habhaft zu werden suchen.

Wirklich auch entschloß er sich zu diesem gewagten Versuche; aber beim Niedersteigen schwankte der Mast dergestalt, und ein unglücklicher Schlag des peitschenden Segels traf ihn so gewaltsam, daß es ihm unmöglich wurde, sich länger zu halten. Er fiel, stürzte mit dem Rücken auf den Rand des auf dem Verdecke stehenden Bootes, von da mit dem Kopfe gegen die scharfe Ecke eines Pöllers und endlich auf das Deck, welches die Sturzwellen immerfort so hoch als die Seitenborde ragten, mit Wasser überschwemmt hielten, und so sahen wir ihn in diesem Wasser hin und her gespült werden. Der Anblick war so gräßlich, daß wir ihn länger nicht ertragen konnten. Ich wagte mich mit noch zwei Matrosen hinab in dieser Not; wir zogen ihn mit Mühe auf das Kajütendeck, wo doch nicht jede Woge eine Überschwemmung verursachte, und waren nun in der Nähe Zeugen von seinem jammervollen Geschick. Der Schlag des Segels hatte das linke Auge getroffen, welches weit aus dem Kopfe nur noch an einer schwachen Sehne hervorhing. Das Blut drang zugleich aus Mund, Nase und Ohren. Aus der hohlen Brust stöhnte ein dumpfes Röcheln, ohne Spur eines Bewußtseins. Trost- und ratlos schob ich ihm das hängende Auge in den Kopf zurück und band ihm mein Halstuch darüber. Um und neben ihm lagen nun ich, sein Sohn und noch ein getreuer Matrose in fester Umklammerung, um uns gegen die Gewalt der Sturzseen zu erhalten, und unbeweglich bis gegen fünf Uhr abends, da endlich unsere Ankertaue brachen, und wir bei halber Flut unaufhaltsam gegen den Strand getrieben wurden.

Endlich stieß das Schiff auf den Grund und hielt mit heftigen Stößen an, solange das Wasser im Wachsen blieb. Erst als die Ebbe wieder eintrat, saß es völlig fest; aber nun brachen sich auch die rollenden Wellen mit solcher Macht dagegen, daß jede einzelne darüber weg schlug, und Schaum und Gischt die volle Höhe des Mastes emporgewirbelt wurden. Allmählich brach auch das Gebäude in all seinen Fugen, und wir sahen die Stücke davon unter unsern Füßen eins nach dem andern davontreiben. So wie aber die Ebbe sich immer weiter zurückzog, ließ auch die zertrümmernde Gewalt des Wogendrangs nach, die uns sonst unausbleiblich in den Abgrund mit fortgerissen hätte; das Verdeck ward von Wasser frei, und wir konnten wieder einen Gedanken an Rettung fassen.

Es war Mondenschein, und am Lande erblickten wir eine Menge von Menschen, die uns aber bei unserer noch beträchtlichen Entfernung vom Ufer nicht helfen konnten. Zwar banden wir ledige Wasserfässer an Taue und warfen sie über Bord in der Meinung, daß sie dorthinwärts treiben sollten; allein die Strömungen der Ebbe rissen sie vielmehr in der entgegengesetzten Richtung mit sich fort. Jetzt fiel uns ein, daß wir einen Pudel auf dem Schiffe hatten, der wohl an Land schwimmen und die ersehnte Gemeinschaft mit jenen Helfern bewirken könnte, wenn wir ihm ein Tau um den Leib bänden und dieses nach und nach fahren ließen. Es geschah, doch das arme Tier wollte dem Schiff nicht von der Seite, und wenn auch eine Sturzwelle es eine Strecke mit sich fortschleuderte, so kam es doch alsobald wieder zurückgeschwommen und winselte, an Bord aufgenommen zu werden. Vergebens schlugen wir nach ihm mit Stangen und Tauen, bis es uns endlich erbarmte, und wir das treue Geschöpf wieder an Bord nahmen.

So schlich die Mitternacht heran, wo uns deuchte, daß nunmehr die Ebbezeit wohl abgelaufen sein müßte. Jetzt also befanden wir uns dem Strande am nächsten, der, unserer Schätzung nach zwei- oder dreihundert Schritte entfernt sein mochte; und so war es denn auch an der höchsten Zeit, alles aufzubieten, um womöglich lebendig an Land zu kommen, bevor die Flut wieder stiege, deren Gewalt ohnehin das Schiff nicht mehr ausdauern konnte, ohne gänzlich in Trümmer zu gehen. Es mußte gewagt sein! Sowie demnach eine Sturzwelle nach der andern sich zu uns heranwälzte, so sprang auch der Reihe nach jemand von uns über Bord und ward sogleich mit der Brandung gegen das Ufer hin getrieben, wo die Menschen, uns aufzufangen und aufs Trockene zu bringen, bereitstanden.

Ich samt meinem Bruder und dem Sohn meines Oheims, wir waren die letzten, die um den Röchelnden her mit den Armen fest verschlungen, dies alles vom Kajütendeck mit ansahen, aber uns nicht entschließen konnten, dies teure Jammerbild dahinten zu lassen. Wir schrien, wir wimmerten und wußten nicht, was wir mit demselben anfangen sollten. Vom Strande her ward uns durch ein Sprachrohr unaufhörlich zugeschrien: »Springt über Bord! Springt über Bord! Wächst das Wasser mit der Flut wieder an, so seid ihr verloren – springt! springt!«

Angefeuert und beängstigt zugleich durch dies Rufen, zogen wir endlich unsern Leidenden, dessen Bewußtsein völlig geschwunden war, hart an den Bord des Schiffes und nahmen eine besonders mächtige Sturzwelle in acht, mit welcher wir ihn in Gottes Namen dahin fahren ließen. Zu unsrer unaussprechlichen Freude sahen wir, wie er mit derselben im Fluge dem Lande zugeführt wurde, und wie dort die guten Leute ihn auffingen, ehe er noch von der See wieder zurückgespült werden konnte. Jetzt trieb ich meinen Bruder, den entscheidenden Sprung zu wagen; dann den Sohn meines Oheims und ein Stein nach dem andern fiel mir vom Herzen, da ich sie alsobald gerettet und in Sicherheit erblickte. Nun warf ich mich gleichfalls, als der letzte, wohlgemut in die rollenden Wogen, und in der nächsten Minute umfingen mich auch bereits hilfreiche Arme, die mich den Strand hinauf ins Trockne trugen.

Es ergab sich, daß die Mehrzahl unserer menschenfreundlichen Retter aus österreichischen Soldaten bestand, welche hier, seitdem ihre Kaiserin Maria Theresia sich auch mit England im Kriege befand, zur Deckung der Küste postiert standen und etwa alle zweitausend Schritte ein Wachthaus am Strande hatten. In ein solches Gebäude ward nun auch unser armer, zerschmetterter Oheim von uns mit Hilfe der Soldaten an Armen und Beinen getragen, und man deckte ihn mit allem, was sich an trockenen Kleidungsstücken vorfand, sorgfältig zu, um ihn wieder zu erwärmen. Neben ihm zu beiden Seiten lagen sein Sohn und ich, hielten ihn umfaßt und nahmen ihm von Zeit zu Zeit das geronnene Blut aus dem Munde.

So mochte er etwa eine Stunde gelegen haben, als er zum erstenmal wieder nach seinem unglücklichen Fall den Mund zu der hervorgestöhnten Frage öffnete: »O Gott! Ist mir noch zu helfen?« – Das war Musik in meinen Ohren! Mit freudiger Hast erwiderte ich ihm: »Ja, ja, lieber Vatersbruder! Gott kann – Gott wird Euch noch wieder helfen. Wir sind am Lande.« – »So bringt mich denn zu einem Doktor«, – war seine kaum verständliche Antwort, und ich konnte ihn damit trösten, daß bereits nach demselben geschickt sei.

Dem war wirklich also; denn sofort nach unserer Landung war auch an die nächste Garnison in Veurne, welches drei viertel Meilen entfernt lag, eine Meldung geschehen und um ärztliche Hilfe gebeten worden. Zugleich erfuhren wir von den Soldaten, daß wir uns hier drei Meilen von Nieuport und zwei Meilen von Dünkirchen befänden. Der Grund und Boden unter uns war österreichisch, aber die französische Grenze nach letzterm Orte hinwärts nur eine Viertelmeile entfernt. Als man uns (wie sofort geschah) über unser Woher und Wohin befragte, so erklärten wir uns der frühern Abrede eingedenk für Schwedisch-Pommern aus Greifswalde, die eine Ladung Balken nach Lissabon hätte bringen wollen.

Am 3. Dezember mit dem frühen Morgen erschien ein Fuhrwerk mit Stroh gefüllt und einer Leinwanddecke versehen, welches angewiesen war, unsern armen Oheim in das Lazarett nach Nieuport zu schaffen. Dieser Ort war mir aus Furcht einer möglichen Entdeckung unsrer wahren Herkunft nicht recht gemütlich; dagegen vermeinte ich unserm Elende in Dünkirchen vielleicht bessern Rat zu schaffen, wo ich vor ein paar Jahren bereits gewesen war und einigermaßen des Orts Gelegenheit kannte. Ich lag daher unserm Führer an, seinen Kranken lieber nach der französischen Grenzstadt zu bringen, und hierzu ließ er sich auch um so bereitwilliger finden, da er eine Meile am Wege ersparte.

Mit schwerer Mühe ward der Oheim auf den Wagen gehoben. Ich und sein Sohn legten uns zu beiden Seiten neben ihn und hielten ihn möglichst sanft in unsern Armen, während mein Bruder den Wagen begleitete, welcher den ebenen Weg längs dem Seestrande einschlug. Gott weiß aber, daß ich wohl nie mehr geweint und gejammert habe als auf dieser Fahrt. Der geringste Anstoß des Wagens verursachte dem Kranken die peinlichsten Schmerzen, daß er kläglich winselte und zugleich an den Stücken geronnenen Blutes im Munde und Halse zu ersticken drohte, wie sehr ich auch durch Herausnahme derselben bemüht war, ihm Luft zu verschaffen.

So kamen wir endlich nachmittags (es war an einem Sonntage) in Dünkirchen an. Ich ließ den Fuhrmann vor einem Wirtshause halten, welches das Schild »Zum roten Löwen« führte; denn hier hatte ich bei meiner früheren Anwesenheit jezuweilen ein Glas Bier getrunken und rechnete mich also in meinem Sinn zu den Bekannten des Hauses. Das hinderte jedoch nicht, daß ich hier mit meiner unerwünschten Begleitung geradezu ab- und nach dem Klosterhospital hingewiesen wurde, wo der rechte Ort für fremde Kranke und Gebrechliche sei. Wirklich auch waren wir dort kaum angelangt und mein Oheim vom Wagen gehoben, so sahen wir ihn auch von einem Schwarm katholischer Ordensgeistlicher umzingelt, die ihn in Empfang nahmen und zuförderst auf einen langen und breiten Tisch ausstreckten, wo er bis auf die nackte Haut entkleidet wurde.

Hiernächst fand sich eine Anzahl von Doktoren und Chirurgen ein, welche nun zu einer genaueren Untersuchung seiner Verletzungen schritten. Die erste Operation geschah durch Lösung des Tuches, welches ich dem Armen gleich nach seinem unglücklichen Falle um das Auge gebunden. Jetzt war dieses mit dem geronnenen Blute an dem Verbande festgetrocknet und zog sich mit demselben weit aus dem Kopfe hervor. Da es nur noch durch einen dünnen Nervenstrang in der Augenhöhle befestigt hing, so war es freilich rettungslos verloren, ward kurzweg abgeschnitten und auf eine Teetasse hingelegt.

Bei weiterer Untersuchung ergab sich, daß das linke Bein oberhalb des Knies im dicken Fleische gebrochen war; doch am bedenklichsten blieb die Zerschmetterung eines Rückenwirbels dicht unterm Kreuz, und die dem armen Manne auch wohl die empfindlichsten Schmerzen verursachen mochte. Denn während man ihn nach der Kunst behandelte und die Gliedmaßen bald so, bald anders reckte und dehnte, hörte er nicht auf zu winseln und zu ächzen. Uns drei Jungen, die wir Zeugen von dem allen waren, schnitt jeder Klageton tief durchs Herz, und wir heulten und lamentierten mit ihm in die Wette, so daß man sich genötigt sah, uns aus dem Gemache fortzuweisen.