Beschreibung

Carofiglios Liebeserklärung an seine Heimat

Nach zwanzig Jahren alte Freunde wiederzutreffen, ist ein merkwürdig beklemmendes, aber auch ein sehr schönes Ereignis. Nachts ist es immer ein ganz besonderes, vor allem in Bari. Da verwandelt sich die Provinzhauptstadt Apuliens in ein unwirkliches Kino des Gedächtnisses, in dem Gegenwart und Vergangenheit, Erinnerungen und Einbildung sich vermischen – und aus dem Mann, der sich keiner Illusion mehr hingeben will, wird wieder der drängende Student, der meint, dass im Leben alles möglich ist.

Eine wunderschöne Beschreibung Süditaliens: Wenn sich der Geruch des Meeres mit dem von frisch gebackener Focaccia vermischt …

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Seitenzahl: 201

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Inhaltsverzeichnis
Autor
Von Gianrico Carofiglio außerdem bei Goldmann lieferbar:
Widmung
Inschrift
EINS
ZWEI
Copyright
Buch
Giampiero, Paolo und der Ich-Erzähler waren zu Studiumszeiten unzertrennliche Freunde. Sie haben all die in diesem Lebensabschnitt wichtigen Erfahrungen zusammen erlebt: nächtliche Spritzfahrten, Kneipentouren, die erste Liebe - und die Ablösung von zu Hause, den ihnen allen gemeinsamen Traum, der Provinzstadt Bari eines Tages zu entkommen. Nach dem Abschluss verlieren sie sich aus den Augen, der eine wird erfolgreicher Notar und fährt Luxusautos, der andere geht nach Chicago und wird Universitätsdozent. Der Ich-Erzähler, der damals den größten Drang verspürte, die Stadt zu verlassen, ist geblieben und Schriftsteller geworden. Zwanzig Jahre später treffen die drei sich wieder und verbringen eine Nacht auf den Straßen und in den Lokalen Baris. Es ist vielleicht das letzte Mal, dass sie sich in dieser Konstellation treffen, und es vermischen sich Unbehagen, Spannungen, Groll, aber auch ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl, Wehmut und Sehnsucht nach den alten Zeiten. Die drei alten Freunde entdecken zwischen Buchhandlungen, Bäckereien und altbekannten merkwürdigen Gestalten ihre Vergangenheit wieder, geben sich ihren Erinnerungen hin und durchleben wichtige Episoden der eigenen Geschichte zusammen noch einmal.
Wunderschön beschreibt Carofiglio seine Heimatstadt, Straßen, Plätze und die damit verbundenen Ereignisse, Gerüche, Geräusche und Geschmäcker - eine Liebeserklärung an Bari und seine Bewohner!
Autor
Gianrico Carofiglio, geboren 1961 in Bari, arbeitete lange als Anti-Mafia-Staatsanwalt in seiner Heimatstadt. Seit 2007 berät er die italienische Regierung im Bereich Organisierte Kriminalität. Die Liebe zu seiner Geburtsstadt wird auch in seinen Guido-Guerrieri-Krimis offenbar, in denen die engen Gassen, die Bürgerhäuser und der Hafen Baris neben dem sympathischen Ermittler die wichtigste Rolle spielen.
Von Gianrico Carofiglio außerdem bei Goldmann lieferbar:
Reise in die Nacht. Roman (46429) In freiem Fall. Roman (46708) Gesetz der Ehre. Roman (46792) Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land (gebundene Ausgabe, 31183)
Für Giorgia, Alessandro und Francesca
Alles das hat sich mehr oder weniger zugetragen.
Kurt Vonnegut, Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug
Schreiben ist kein Spiegel, eher das Milchglas der Duschkabine, wo der Körper zerfällt und nur sein Schatten durchscheint undeutlich aber echt.
(…)
Deshalb ist das Wichtige hinter das Wasserzeichen zu schauen, wenn ich der Fälscher bin und nur das Wasserzeichen mein Werk ist.
Valerio Magrelli, Poesie (1980 -1992) e altre poesie
EINS
Die Musik ertönte aus einem fernen Internet-Radio und Willie Nelson sang gerade »You were always on my mind«, als das Telefon klingelte.
»Wer bin ich?«
Auf jeden Fall ein Störenfried, dachte ich, ohne die Stimme spontan einordnen zu können.
»Keine Ahnung, vielleicht kannst du es mir verraten?«
»Mein Gott, bist du humorlos. Wer keinen Humor hat, hat verlangsamte Reflexe, wusstest du das?«
Giampiero.
Giampiero Lanave.
Was bewog Giampiero Lanave an jenem Dezemberabend 2007, mich anzurufen? Unser letztes Telefonat lag über zwanzig Jahre zurück. Deutlich mehr als zwanzig Jahre. Ich wohnte damals woanders, und wir lebten alle in einer anderen Welt. Danach war ich ihm zwar mehrmals über den Weg gelaufen - wir lebten schließlich in derselben Stadt -, aber wir hatten nie wieder telefoniert und uns nie wieder verabredet.
»Giampiero?«, sagte ich mit einem kaum merklichen Zögern.
»Genau. Hat zwar ein bisschen gedauert, aber immerhin. Na, was treibst du so?«
Er tat so, als hätten wir uns erst vor ein paar Stunden gesehen, und ich antwortete zu meiner eigenen Überraschung mit derselben unangebrachten Selbstverständlichkeit.
»Ach, nichts Besonderes, ich höre gerade Musik und frage mich, was ich heute Abend noch unternehmen könnte.«
»Das kann ich dir sagen. Wir kommen dich gleich abholen, und dann gehen wir zusammen essen und unterhalten uns über die guten alten Zeiten.«
»Wir?«, fragte ich.
›Wir‹, stellte sich heraus, waren er und Paolo Morelli.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar war, dass es der Paolo Morelli war. Soweit ich wusste, war der jedoch ziemlich weit weg.
Aber das war offensichtlich nicht der Fall. Paolo Morelli war in Bari, zusammen mit Giampiero Lanave, und die beiden würden in Kürze vor meiner Haustür stehen. Um mit mir zusammen essen zu gehen. Damit wir uns über die guten alten Zeiten unterhalten konnten.
Das Ganze war zu absurd, um sich dagegen zu wehren oder auch nur um genauer nachzufragen. Also bat ich ihn, mir eine halbe Stunde Zeit zum Umziehen zu geben.
Ich legte auf und verspürte eine körperliche Unruhe, so etwas wie ein Kribbeln oder eine leichte Verspannung. Das war mir unangenehm, und ich versuchte, dieses Gefühl unter der Dusche loszuwerden.
Eine halbe Stunde später surrte die Türklingel. Aus meinem Computer ertönten die neurotischen Klänge eines einsamen Banjos, die ursprünglich einmal über Prärien und Ozeane geschwebt waren.
Ein riesiger schwarzer Range Rover stand in zweiter Reihe auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Als er mich aus dem Haus kommen sah, stieg Giampiero aus dem Auto, überquerte die Straße und umarmte mich.
»Verdammt schön, dich zu sehen. Wenn ich mich nicht gemeldet hätte, würden wir uns womöglich erst 2040 im Speisesaal eines Altersheims wiedersehen!«
Ich schätzte, dass er gut und gerne zehn Kilo zugenommen hatte, seit ich ihn das letzte Mal auf der Straße getroffen hatte, und etwa zwanzig seit unserem Examen. Er verkörperte genau das, was er auch war: ein Akademiker mittleren Alters, der nicht sonderlich auf sein Gewicht achtete. Wenn man ihn sah, dachte man automatisch an teure Stoffe, an einen langen Arbeitstag und an Azzaro. Diesen Duft hatte er schon vor vielen Jahren verwendet, als er ihn noch seinem Vater klaute.
Während Lanave und ich uns umarmten, länger, als mir angenehm war, war Paolo Morelli aus dem Auto gestiegen. Er lächelte und wirkte ein wenig verlegen. Genau wie ich.
Als Lanave mich endlich freigab, sahen Paolo Morelli und ich uns an, ohne uns zu rühren, ein paar unendliche Sekunden lang. Bevor die Situation unangenehm wurde, machte ich ein paar Schritte auf ihn zu. Da setzte auch er sich in Bewegung, und wir umarmten uns. Ich versuchte mich zu erinnern, wann wir uns das letzte Mal gesehen hatten, aber ich kam nicht darauf.
Er war damals weggegangen, ohne sich zu verabschieden - möglicherweise aber auch nur, ohne sich von mir zu verabschieden. Eine Zeitlang hatte ich mich gefragt, ob es einen Grund dafür gab, aber dann hatte ich aufgehört, darüber nachzugrübeln. Vielleicht interessierte mich die Antwort nicht oder aber, was wahrscheinlicher war, ich wollte sie gar nicht wissen.
Nach Paolos Abreise brach auch der Kontakt zwischen Giampiero und mir plötzlich ab. Als ob es die vier Jahre davor gar nicht gegeben hätte.
»Und was führt dich hierher?«, lautete meine originelle Begrüßungsfrage.
Seine Mutter war gestorben, das hatte ihn hierhergeführt.
»Oh, entschuldige, das tut mir sehr leid« - mitfühlender Gesichtsausdruck -, ach so, sie war schon seit vielen Monaten leidend, es war also eine Erlösung gewesen, für sie und alle Beteiligten. Doch, ich erinnerte mich richtig, sie war noch nicht sehr alt, aber eben schon lange sehr krank gewesen. Vor mehreren Jahren war sie zu ihrer Tochter nach Lecce gezogen, aber die letzte Zeit war es ihr so schlecht gegangen, dass sie im Krankenhaus lag.
Paolo und seine Schwester waren nach Bari gekommen, um sich um die Erbschaft zu kümmern. Ganz praktisch hieß das: Sie mussten die Wohnung verkaufen, in der sie aufgewachsen waren, und dann würden sie ihre Heimatstadt endgültig hinter sich lassen, denn es gab nichts und niemanden mehr dort, keine Verbindung mehr. Die Wohnung hatten sie an diesem Nachmittag verkauft. Die Abwicklung hatten sie einem Notar überlassen, der ein alter Schulkamerad und Kommilitone war, vom No - tariat Giampiero Lanave, dem Nachfolger von Gaetano Lanave. Giampiero hatte nämlich das Notariat von seinem Vater übernommen.
Während Paolo mir das erzählte - wie jemand, der höflich Formalien abspult -, fiel mir ein, dass wir über die Wohnung sprachen, in der wir vor vielen, vielen Jahren gemeinsam für die Prüfung in Wirtschaftsrecht gelernt hatten. Ein Stich ging mir durchs Herz.
Paolo wollte erst am nächsten Tag abreisen und war an diesem Abend allein in Bari. Seine Schwester war gleich nach Unterzeichnung des Kaufvertrags nach Lecce zurückgekehrt. Deshalb hatte der alte Lanave vorgeschlagen, mich zu »überfallen« - mich also so knapp vorher anzurufen, dass ich keine Zeit hätte, mir eine Ausrede auszudenken. Und jetzt saßen wir hier, in diesem riesigen, angeberischen, nach Leder riechenden, unnützen Auto: drei Fremde, die ein plötzlicher Zeitsprung wieder zusammengeführt hatte. Ich dachte an solche und ähnliche Dinge, aber Giampiero bremste meine spekulativen, zwischen Zynismus und Melancholie schwankenden Abschweifungen, sobald er losgefahren war.
»Also, Jungs, zuerst einmal gehen wir essen. Und dann ziehen wir um die Häuser und zeigen dem Mann aus Chicago, wie Bari sich in den letzten Jahren verändert hat. Und dass wir anderen Städten in nichts nachstehen.«
Paolos Gesichtsausdruck verriet, dass er lieber woanders wäre (auch wenn er vielleicht selbst nicht genau sagen konnte, wo) und dass er hoffte, die Angelegenheit würde nicht allzu lange dauern. Keiner konnte mein Gesicht sehen, denn ich saß hinten, aber ich glaube, mein Ausdruck war ungefähr derselbe.
Wir glitten über die Seepromenade Imperatore Augusto, die an der alten Stadtmauer entlangführt, bogen am Fortino Sant’Antonio ab und fuhren am Gran Cinema Margherita vorbei, das verbarrikadiert und mit Plakaten beklebt war, die eine baldige Renovierung und Neueröffnung verhießen.
Kurz darauf fanden wir einen Parkplatz, der tatsächlich den übertriebenen Maßen von Giampieros Auto entsprach. In diesem Viertel und zu dieser Uhrzeit war das ungefähr so sensationell und unwirklich wie die Vorstellung, dass Charlize Theron verkündete, sie wolle den Rest ihres Lebens (oder wahlweise, als zweitbeste Alternative, auch nur die nächste Nacht) mit mir verbringen. Beim Aussteigen fragte ich Giampiero, wie er es geschafft hatte, sich das legendäre Glück zu bewahren, das er schon in seiner Jugend beim Poker und beim »Chemin de fer« gehabt hatte.
Um ehrlich zu sein, sagte ich nicht »legendäres Glück«, sondern »verdammtes Schwein«. Er sah mich mit einem merkwürdigen Lächeln an, aus dem ich nicht ganz schlau wurde, und machte uns ein Zeichen, ihm zu folgen.
ZWEI
Wir hatten uns im Gymnasium kennengelernt und waren bis zum Abitur in einer Klasse gewesen, aber damals kannten wir uns eigentlich noch nicht wirklich. Freunde waren wir erst an der Uni geworden, obwohl wir eigentlich nichts gemeinsam hatten, außer dass wir alle drei Jura studieren wollten. Allerdings jeder aus einem anderen Grund.
Das beste Motiv hatte Giampiero. Sein Vater war Notar, und er würde auch Notar werden, daran gab es keinen Zweifel. Giampiero war jemand, der ganz genau wusste, was er wollte, und der sich nicht von unnützen Gedanken irremachen ließ. Er hatte immer sorglos gelebt und eine durchaus angenehme, um nicht zu sagen luxuriöse Existenz geführt: mit Villen am Meer, Chalets in den Bergen, teuren Autos, teuren Kleidern und immer mehr Geld in der Tasche, als wir anderen uns träumen ließen. Er war jedoch kein Angeber, und auf eine distanzierte Art war er durchaus großzügig, das musste man ihm zugutehalten.
Er machte keinen Hehl daraus, dass seine Entscheidung für den Notarsberuf mit der Absicht einherging, als Erwachsener denselben Lebensstil weiterzuführen, den er bereits als Kind gepflegt hatte.
In der Schule war er weder gut noch schlecht gewesen. Sie war ihm egal - es gab kein Fach, für das er sich wirklich interessierte -, aber er hatte schon damals genug Realitätssinn, um zu erkennen, dass es sich nicht lohnte, schlechte Noten heimzubringen und womöglich ein Jahr wiederholen zu müssen. Das hätte weniger Taschengeld, Nachhilfestunden in den Ferien und andere Unannehmlichkeiten mit sich gebracht. Am Schuljahresende wurde er trotz minimalen Einsatzes und immer gerade so versetzt; nur in Sport war er immer sehr gut.
Paolo war das genaue Gegenteil.
Er war immer Klassenbester gewesen, wahrscheinlich war er sogar der Beste in der ganzen Schule, und er lernte, weil es ihm Spaß machte. Es fiel ihm leicht, und er war in allen Fächern gut, offensichtlich ohne sich anzustrengen und ohne wie ein Streber zu wirken - was er eben nicht war. Er half den anderen gern und ohne etwas dafür zu erwarten. Bei den Klassenarbeiten in Griechisch und Latein stritt man sich um den Platz neben ihm.
Vor einiger Zeit hatte ich an Paolo gedacht, als ich nach einer Definition für Achtsamkeit suchte. Achtsamkeit ist eine moralische Tugend. Achtsam sein heißt, sich selbst und den anderen gegenüber gerecht zu sein. Achtsame Menschen sind neugierig und aktiv; sie lernen und arbeiten mit Begeisterung, Engagement und Leidenschaft; sie erforschen die Bedürfnisse der anderen und können ihnen helfen.
Paolo war ein achtsamer Junge.
Das bedeutete nicht, dass er keine Fehler hatte. Er konnte arrogant wirken oder manchmal sogar plötzlich grausam werden. Aber er benötigte immer einen Anlass dafür, etwa, dass jemand absichtlich oder unabsichtlich die Hierarchie in Frage stellte, so dass Paolo sich bedroht fühlte. Das geschah allerdings nicht oft, denn er spielte in einer anderen Liga.
Er hätte gern Philosophie studiert und wollte nach Pisa an die Elite-Uni »Normale« gehen. Er bewarb sich und bestand die schriftliche Aufnahmeprüfung mit Leichtigkeit, aber kurz vor der mündlichen Prüfung musste irgendetwas vorgefallen sein. Noch Jahre später habe ich immer wieder darüber nachgedacht, und letztendlich bin ich mir sicher, dass es mit seiner Familie zu tun haben musste. Sein Vater war Leutnant bei der Armee und seine Mutter Hausfrau - und ein Philosophiestudium, diese brotlose Kunst, war vielleicht ein Luxus, der in ihren Augen nicht zu verantworten war.
Wie auch immer, Paolo erschien nicht zur mündlichen Prüfung und wurde nicht an der Normale angenommen; stattdessen tauchte er schließlich etwas geistesabwesend in dem riesigen, überfüllten und stickigen Hörsaal auf, in dem die Vorlesungen über Privatrecht gehalten wurden.
Giampiero und ich hatten in der letzten Reihe Platz gefunden; als Paolo hereinkam, riefen wir ihn und er setzte sich neben uns. So begann es.
Das Erste, woran ich mich erinnere, ist, dass Paolo uns ein paar Wochen lang erklären wollte, warum er beschlossen hatte, Privatrecht zu studieren. Das nämlich - sagte er - würde ihm ermöglichen, die moralphilosophischen Studien, um die es ihm immer schon gegangen war, auch von einer praktischen und insofern interessanteren Perspektive aus zu betreiben. Paolo schien sehr genaue Vorstellungen von seinem Studienverlauf zu haben - und in gewisser Weise kam es dann ja auch so -, er wollte seine Examensarbeit über die Beziehung zwischen Recht und Moral schreiben, sagte er uns; speziell über die Spannung zwischen Rechtsgehorsam und dem Gehorsam gegenüber den moralischen Gesetzen (ich weiß, grinste er, Sophokles hat sich auch schon damit beschäftigt, aber das ist nun mal ein universelles Thema, dem man immer noch etwas hinzufügen kann). Als er nach ein paar Wochen einsah, dass sich keiner dafür interessierte und dass vor allem keiner wissen wollte, warum er nicht an die Normale gegangen war, ließ er das Thema sein und fügte sich wie wir in die schläfrige Routine des Jurastudiums an der Universität Bari. Das war Anfang der Achtzigerjahre.
Dann war da noch ich. Ich hatte mich für Jura eingeschrieben, weil ich nicht wusste, was ich eigentlich wollte, ob und welche Fähigkeiten ich abgesehen von meinen schulischen Leistungen, die ich in erster Linie meinem Improvisationstalent verdankte, überhaupt hatte.
Wo Paolo achtsam war, war ich zerstreut. Ich war geistesabwesend, konnte mich nicht konzentrieren, fand den entscheidenden Punkt nicht, brachte die tausend Dinge, mit denen ich mich beschäftigte, nie zu Ende. Von außen gesehen, wirkte ich vielleicht wie jemand mit vielen Talenten, aber in Wirklichkeit konnte ich nichts richtig gut. In meinen klaren Momenten wusste ich, dass ich vor allem ein hervorragender Blender war. Aber zum Glück waren diese Momente eher selten. Generell lebte ich in einer Art Nebel, der mein Bewusstsein sanft umhüllte.
Da ich keine genaue Vorstellung von mir selbst und den anderen hatte, spielte ich im sozialen Leben Rollen, die zu den jeweiligen Umständen passten und die von Filmen und Büchern inspiriert waren.
In Wirklichkeit wusste ich nicht, wer ich war und was ich wollte. Das Jurastudium war eine Möglichkeit, Zeit zu schinden und diese nicht ganz unwichtigen Dinge und Entscheidungen aufzuschieben.
Wie gesagt, wir waren sehr verschieden, aber in jener Bank in dem überfüllten Hörsaal wurden wir Freunde.
Die Fakultät für Jura befindet sich an der Piazza Cesare Battisti, direkt hinter dem Hauptgebäude der Universität, in unmittelbarer Nähe zum Herzen der Stadt: dem so genannten Borgo murattiano. Das moderne Stadtzentrum aus dem 19. Jahrhundert hat die Form eines castrum romanum wie in Turin: Es wird von rechteckigen, geraden Straßenzügen gebildet, in denen man sich unmöglich verlaufen kann, weder zu Fuß noch mit dem Auto.
Ich habe einmal etwas über die Form der von Murat entworfenen Straßenführung gelesen, was mir sehr gefallen hat. Der Franzose Paul Bourget hat es 1891 geschrieben, und mir hat dieser Gedanke sofort eingeleuchtet: »Ich finde die neue Stadt sehr anziehend mit ihren breiten, rechtwinkligen Straßen, an deren Ende man immer das Meer sehen kann; es ist wie in Turin, wo man überall
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel
»Né qui né altrove. Una notte a Bari« bei Editori Laterza & Figli, Roma-Bari
Deutsche Erstveröffentlichung Mai 2010
Copyright © der Originalausgabe 2008 by Gius. Laterza & Figli
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlagmotiv:
(getty images) David Tomlinson/Lonely Planet Images
Redaktion: Almut Werner wi ∙ Herstellung: Str.
eISBN : 978-3-641-03928-8
www.goldmann-verlag.de
Leseprobe

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