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Erika Kessel, hat als Metzgereifachverkäuferin eine Leidenschaft für Blut- und Leberwurst und der Umgang mit toten Tieren ist ihr vertraut. Doch als sie eines fahlen Morgens auf dem Weg zur Arbeit eine tote alte Frau in einem Bündel Lumpen entdeckt, lässt ihr deren Schicksal keine Ruhe mehr. Da die örtliche Polizei sie herablassend hinter ihre Metzgerstheke zurückschickt, als sie bei den Ermittlungen helfen möchte, nimmt sie die Nachforschungen selbst in die Hand, gründet eine Soko und entblättert mit Hilfe ihrer Freunde das tragische Leben der Toten, das alle überrascht.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Christine Baral
geboren 1957 in Pfullingen, ist in einer großen Pfarrersfamilie aufgewachsen. Sie ist verheiratet, lebt in Pfullingen, hat Kinder und viele Enkelkinder.
Als Diplom-Sozialpädagogin war Christine Baral bis zu ihrem Rentenbeginn in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit tätig. Dabei lernte sie viele Menschen und deren Biografien aus verschiedenen Perspektiven kennen und schätzen. Sie empfindet dies wie auch die eigene Familienarbeit als Bereicherung ihrer Lebenserfahrung.
Die Lust zu erzählen und Geschichten lebendig werden zu lassen, zeigten sich schon in ihrer Kindheit. Die ersten Kriminalgeschichten begegneten ihr genaugenommen in der Bibel und in den Sagen des Klassischen Altertums. Mit den spannenden Abenteuern der »5 Freunde« und »Der schwarzen Sieben« war sie als erwachsene Leserin vorbereitet auf die große Welt der Kriminalliteratur, wobei die Bücher der Autorinnen Agatha Christie und Dorothy L. Sayers für sie von besonderer Bedeutung waren und blieben.
Sie freut sich, nun endlich mit der eigenen Protagonistin, der patenten und bodenständigen Metzgereifachverkäuferin Erika Kessel, ein Verbrechen aufzuklären und damit ein größeres Publikum zu unterhalten.
Christine Baral
EINE SPUR AUS SEIDE
Kriminalroman
Oertel+Spörer
Dieser Kriminalroman spielt weitgehend an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2024Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: © AdobeStockGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Elga Lehari-ReichlingKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-170-1
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Ein Morgen wie jeder andere für Erika Kessel, die sich in aller Frühe auf kleinen Nebenstraßen mit ihrem Fahrrad auf den Weg zur Arbeit machte. Allerdings nur so lange, bis sie an dem etwas abseits der Feuerwache stehenden Altkleidercontainer vorbeiradeln wollte und fast zum Sturz kam. Sie hatte einen Haufen Lumpen gestreift, der zusammengeknüllt neben der Sammelstelle lag und überraschend Widerstand bot. Erschrocken sprang sie ab, um sich das Lumpenbündel im fahlen und nebligen Novemberlicht näher anzuschauen. Als sie mit zitternden Händen den Stoff etwas zur Seite schob, entdeckte sie das schmale Gesicht einer älteren Person, die mit geschlossenen Augen da lag und offensichtlich tot war.
Entsetzt musste sie mit einem Anflug von Übelkeit kämpfen. Trotzdem konnte sie sich nicht sofort von der kleinen Gestalt lösen, war sie wie gelähmt. Der Anblick löste Trauer bei ihr aus, aber keine Panik. Seltsamerweise registrierte sie, dass die Tote keineswegs in Lumpen lag, wie sie zuerst gedacht hatte, sondern ein zerschlissenes und schmutziges Seidenkleid trug.
Sie verständigte Andi, ihren Mann, der Frühschicht hatte und als Polizist bereits Dienst schob auf der Wache ihres Heimatorts Drachstein. Dass er ihren Anruf zuerst als »echt blöden Scherz« abtat, konnte sie nachvollziehen. Aber dann wurde ihm doch recht rasch am Klang ihrer Stimme und an der Wortwahl klar, dass hier ein echter Notruf vorlag.
Solange sie auf ihn wartete, machte Erika wie fremdgesteuert Fotos mit ihrem Handy. Die ganze Situation war so still und unwirklich, dass sie vermutlich für sich selbst den Beweis festhalten wollte, dies wirklich erlebt zu haben. Anders konnte sie sich ihr Verhalten später nicht erklären. Ihr Handy verschwand blitzschnell in der Tasche, als ihr Mann Andreas und seine junge Kollegin Sandra im Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene um die Ecke bogen.
Der Polizeieinsatz zu so früher Stunde blieb nicht unbemerkt in der Bevölkerung und lockte die ersten Neugierigen aus der Nachbarschaft an. Statt den Schauplatz in Augenschein nehmen zu können, wurde Sandra Schäfer erst einmal von ihrem Kollegen beauftragt, dafür zu sorgen, dass sich niemand dem Fundort näherte. Sie bewerkstelligte dies mithilfe von Erika und viel Polizei-Absperrband, das sie großzügig an Bäumen rund um die Sammelstelle befestigten.
Es verdross Erika sehr, dass ihr Andi sie ebenso vom Platze wies wie alle anderen, obwohl sie doch fürs Erste die einzige Zeugin war. Aber es half nichts, auch kein beleidigter Blick. Überdies war ihr Gatte schon damit beschäftigt, erste Spuren zu sichern. Nicht ohne ihr vorher zuzurufen, sie möge in ihrer Mittagspause ins Revier kommen, damit ihre Beobachtungen protokolliert werden könnten.
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich in ihre Metzgerei Grobmayer zu trollen, wo sie seit vielen Jahren als rechte Hand ihres Chefs den Verkauf managte. Zwischen frisch gebrühten Saitenwürstchen, die versorgt werden mussten, und den Vesperwünschen der eiligen Frühaufsteher, sann sie über ihren gruseligen Start in den Tag nach. Aber damit ihr beliebter Kartoffelsalat bis zur Mittagszeit noch fertig wurde, war jetzt gleichwohl gezieltes Arbeiten gefragt.
Allerdings schweiften ihre Gedanken ständig ab. Sie malte sich aus, wie die hiesige Polizeiwache mit der ihr gut bekannten Besetzung den Fall anging. Mit Sicherheit war der Dienstgruppenleiter Hubertus Wasser längst ebenfalls vor Ort, ebenso die Spurensicherung aus Stuttgart. Ihre hübsche, aber mit 19.000 Einwohnern eher unbedeutende Kleinstadt Drachstein war personell für Sondereinsätze der Polizei nicht ausreichend ausgestattet. Spannende Aufgaben rissen ihre Stuttgarter Kollegen an sich, sobald sie Wind davon bekamen, was Andi und seine Kollegen auf der kleinen Wache oft verdrossen beklagten. Ein vermintes Gebiet.
Nach dem 12-Uhr-Läuten konnte Erika endlich ihre Schürze abnehmen und sich per pedes zum Polizeiposten aufmachen. Erstaunlicherweise nahm aber nicht Andi ihre Aussage zu Protokoll, sondern der Chef persönlich, »um familiäre Verwicklungen zu vermeiden«, wie er sich jovial ausdrückte. Erika ärgerte es aber, dass der Termin schnell abgearbeitet war und sie sich auf den Heimweg machen musste, ohne ihre Gedanken und Fragen hatte anbringen zu können.
Da ihr Mann jetzt viel beschäftigt war, rechnete sie erst gar nicht damit, dass er pünktlich zum Mittagessen erschien. Dafür begrüßten sie ihre geliebten Augsburger Hühner schon von Weitem mit ausgiebigem Gegacker. Diese treuen und robusten Freundinnen lagen ihr seit vielen Jahren am Herzen, lange bevor es bei jungen Öko-Familien Mode wurde, Hühner zu halten. Ihre Zuneigung zu der gackernden Schar hielt sie aber nicht davon ab, gelegentlich ein Huhn für ihren Kochtopf zu wählen, wobei sie das Schlachten mit geübtem Griff selbst in die Hand nahm. Schon von Natur aus wuchs das Fleisch der Augsburgerinnen eher langsam, wobei es eine leichte, äußerst delikate Wildnote entwickelte, die sie sehr liebte.
Den großen Hühnerstall mit vielerlei Beschäftigungsmöglichkeiten für ihre Tiere hatte Andi zusammen mit seinem besten Freund Burkhard, genannt Chet, gebaut. Mit einem Netz über der gesamten Anlage, da die kecken Augsburgerinnen gerne mal ein Stück flogen, um auszubüxen und der besseren Übersicht wegen auf Bäumen zu sitzen. Mit dem Herz auf dem rechten Fleck hatte Chet sogar noch eine hübsche, bunte Solarlichterkette rund um das Hühnerhaus angebracht, für ihn als gelernten Elektriker eine leichte Übung. Nachvollziehen konnte er diesen Wunsch Erikas zwar nicht, da die Hühner sich nachts im Verschlag befanden und so gar nichts von der Festbeleuchtung hatten. Generell erschloss es sich ihm nicht, warum die Hühnerwohnung geschmückt sein sollte. Aber hier passte nun wirklich der Spruch: »Jedem Tierchen, sein Pläsierchen!«, wie er Erika einst grinsend wissen ließ.
Allerdings hatte er selbst mit seiner Liebe zum Jazz genug Erfahrung damit gemacht, was es hieß, vom üblichen Geschmack abzuweichen. Seine Jahrgangskollegen besuchten – eher gezwungenermaßen – die Konzerte des örtlichen Kirchen- und Posaunenchors und, wenn es mal ganz wild wurde, Open-Air-Veranstaltungen der regionalen Rockbands. Vom Cool-Jazz eines Chet Bakers an seiner Trompete oder seinem Flügelhorn hatten sie keine Vorstellung und leider konnten sie auch den Zauber nicht genießen, wenn Chet seine »Funny Valentine« mit samtiger Stimme besang.
Wie immer, wenn Erika ihren Gedanken freien Lauf gewähren wollte oder musste, gelang dies am besten mit den Händen in einer großen Portion Hackfleisch. Die hatte sie sich auch heute, frisch durchgelassen durch den Fleischwolf, mit nach Hause genommen. Gemischt mit allerlei Kräutern, Brotbröseln, Eiern, Knoblauch und Zwiebeln – und seit Neuestem auch Dill – formte sie Fleischküchlein um Küchlein und buk sie danach aus. Eine dicke Scheibe Bauernbrot dazu, scharfer Senf und eine Tomate und fertig war ihr Mittagessen. Andi konnte es ihr gleichtun, egal, wann es ihn heute nach Hause trieb, da Fleischküchlein auch kalt einfach eine Delikatesse waren.
Der übliche Hackfleisch-Entspannungs-Effekt blieb diesmal allerdings aus. Zu sehr beschäftigte Erika die Frage, warum diese unbekannte alte Frau wie ein Haufen Lumpen neben den Sammelcontainern weggeworfen worden war. Anders konnte sie die Situation, wie sie sie aufgefunden hatte, nicht bezeichnen. Und wie war sie wohl zu Tode gekommen? An ihrem Gesicht hatte Erika keine Kampf- oder Krampfspuren entdecken können. Mehr hatte der erste Augenschein ja nicht preisgegeben.
Hoffentlich wusste Andi schon mehr, sie sehnte seine Heimkehr herbei. Ihr blieb bis dahin nur die Möglichkeit, die heimlich aufgenommenen Handyfotos nochmals genau unter die Lupe zu nehmen. Wobei sie ein Schaudern verspürte, als sie die intime und verstörende Situation in ihrer Fotogalerie aufrief, um sich in das Elend der Verstorbenen zu vertiefen. Erst als sie die Fotos größer zog, sah sie eine feine, rote Linie gerade noch aus dem hochgeschlossenen Kleid blitzen, ähnlich einer frischen Narbe. Allerdings verlief der rote Strich über den jetzt sichtbaren Teil des Halses und nun ahnte sie, woran die alte Frau gestorben war.
»Wie bösartig!«
Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, mit niemandem über ihre morgendliche Entdeckung zu sprechen, bis Andi wieder daheim war und sie sich endlich persönlich austauschen konnten. So weit die Theorie. Darum war sie auch von Hubertus Wasser gebeten worden. Die Praxis hielt dem Vorhaben jedoch nicht länger stand und wie von selbst tippten Erikas Finger die Nummer ihrer besten Freundin Marianne – wenig originell Mary gerufen – ein. Zum Glück war sie gleich zu sprechen und obendrein bereit, schnell rüberzukommen, sie wohnte ja nur ein paar Häuser weiter.
Endlich konnte sie ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen. Zu ihrer eigenen Überraschung begann sie während ihres Berichts plötzlich zu weinen. Nachdem Mary den ersten Schock überwunden hatte ob der furchtbaren Ereignisse, die ihr Erika schluchzend erzählte, blieb sie trotz dieser Ausnahmesituation unaufgeregt, wie es ihre Art war, und zeigte dennoch Mitgefühl für ihre aufgelöste Freundin.
Nach ihrem aufwühlenden Bericht warf Erika auch ihre Hemmungen über Bord und zeigte Mary die Handyaufnahmen. Sie wurden ganz still, als sie mit zwei Fingern die Vergrößerungsfunktion bedienten und im Detail das tote Gesicht der Unbekannten studierten.
»Was für ein schönes Kleid sie trägt«, unterbrach Mary die Stille.
Auch ihr war inmitten des Elends dieser besondere purpurne Seidenstoff aufgefallen, der sich wie eine edle Hülle um die Tote legte. Vielleicht lag es daran, dass sie und Erika begeisterte Quilterinnen waren, die sich mit anderen Gleichgesinnten regelmäßig im Gemeindehaus trafen. Dort tauschten sie Stoffe und Muster und unterstützten sich bei schwierigen Nähmanövern. Bis Top, Fließ und Backing für ihre Überdecken, Tischläufer, Hochzeitsdecken und Sets immer perfekt zusammengenäht waren, bedurfte es viel Geduld, Zusammenarbeit, Kreativität, geschickter Hände und eines guten Auges, genau genommen einer guten Lebensschule.
Komisch, was für Gedankensprünge mir trotz der traurigen Ereignisse durch den Kopf gehen und welche Details ich dabei wahrnehme, wunderte sich Mary.
Erika nahm Mary das Ehrenwort ab, Andi nicht zu petzen, dass sie die Fotos gemacht hatte. Sie befürchtete Ärger, falls er dahinterkam. Sein Zorn auf fotografierende Zaungäste bei Unfällen und ähnlichen Katastrophen war ihr wohlbekannt und bis dato hatte sie sich immer ebenfalls empört, wenn er von solchen Erlebnissen berichtete. Da sich Andi aber immer noch nicht zu Hause blicken ließ, konnten die Freundinnen ihrer Fantasie freien Lauf lassen und darüber spekulieren, welch düsteres Geheimnis im Leben der Toten so schwerwiegend für jemanden war, dass dieser dafür sorgen wollte, es nicht öffentlich werden zu lassen. Insgeheim nahm sich Erika vor, dieses Geheimnis zu lüften, aber diesen kühnen Gedanken offenbarte sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal Mary.
Von einer gezielten Beziehungstat bis hin zu einem Zufallsopfer, gar Mafia, Raub oder Sexualmord erwogen die beiden Freundinnen alle gängigen Verbrechensmöglichkeiten. Wobei fürs Erste nur feststand, dass mit großer Kaltblütigkeit und Brutalität eine zierliche alte Frau erdrosselt worden war. Falls die Gerichtsmedizin keine anderen Ergebnisse gewann, wovon Erika aber nicht ausging.
Als Andi geschafft nach Hause kam, war Mary längst wieder über alle Berge. Das war sogar wörtlich zu nehmen, denn sie musste ihre zwölfjährige Enkelin vom Handballtraining abholen und die Sporthalle samt Hartplatz und Fußballfeldern lag etwas außerhalb der Drachsteiner Innenstadt in Höhenlage. Seit Mary überraschend Witwe geworden war, überhäuften ihre drei erwachsenen Kinder samt anhängiger Bagage sie mit vielerlei Familienaufträgen. Angeblich, um ihr über die Trauer mit familiärer Ablenkung hinwegzuhelfen. Erika hingegen hegte den Verdacht, dass Marys Kinder es sich mit der Beschäftigungstherapie der Mutter bequem eingerichtet hatten. Solange Klaus noch gelebt hatte, waren er und Mary mit ihren Bikes viel unterwegs gewesen, gerne auch auf Rock- und Metal-Festivals. Jetzt war ihre Freundin, nach Ansicht ihrer Sippe, ständig verfügbar, schließlich gaben sie ihr damit ja das Gefühl, noch gebraucht zu werden. Damit musste, wenn es nach Erika ging, bald mal Schluss sein.
Erika konnte es kaum erwarten, von ihrem Liebsten auf den aktuellen Ermittlungsstand zu der von ihr aufgefundenen toten Frau gebracht zu werden. Aber außer missmutigem Brummen war nichts aus ihm herauszuholen, vielmehr verschwand er gleich im Badezimmer. Statt sachdienlicher Hinweise nur Radio-Gedudel und Wasserrauschen. Vielleicht lösten ihre Fleischküchlein, garniert mit einem kalten Pils und frischen Beilagen, seine Zunge. Und tatsächlich wurde Andi während des liebevoll angerichteten Vespers etwas gesprächiger. Allerdings wusste er selbst noch nicht viel über ihren neuen Kriminalfall, da die Auswertung der Spurensicherung und das Ergebnis der Autopsie noch auf sich warten ließen und die Stuttgarter Kollegen die alte Frau in Drachstein nicht als Priorität einstuften. Da gab es in der Landeshauptstadt spektakulärere Aufgaben.
Zusammen mit Hubertus und Sandra hatte Andi getreu ihres internen Ablaufplans für Todesfälle seinen Part übernommen: die Zeugenbefragung. Sandra fotografierte, während Hubertus den Tatort sicherte und dokumentierte, bis die Kollegen eintrafen. So viel konnte Erika in Erfahrung bringen. Leider auch das Ergebnis von Andis Haus-zu-Haus-Befragungen, nämlich niente, nix. Niemand hatte etwas mitgekriegt. Vielleicht war die Spurensicherung erfolgreicher, irgendwie musste die Tote ja an dem Auffindungsort abgeworfen worden sein.
Erika ging das purpurfarbene Seidenkleid der Toten nicht aus dem Sinn, es passte so gar nicht in die gesamte Szenerie und kam ihr vor wie ein Hilfeschrei. Ein Ruf nach Würde und Schutz. Sie bat Andi zu erforschen, von welchem Hersteller das auffällige Kleid der Toten war. »Dolce & Gabbana« lautete seine überraschend schnelle Antwort mit dem Hinweis, dass auch in ihrem Provinz-Revier die edle Bekleidung der Toten ein Thema war, zumal keine anderen persönlichen Gegenstände bei ihr gefunden worden waren.
»Rosa« werde ich die Tote in Gedanken ab jetzt nennen, ging es Erika durch den Kopf. Es störte sie, dass diese Frau ohne Papiere, Handy oder andere persönliche Habseligkeiten namenlos blieb. Als hätte sie keine Bedeutung. Sie fühlte sich ihr verbunden, war sie doch die Erste gewesen, die sie entdeckt hatte.
Dass »Rosa« neben dem Altkleidercontainer abgelegt worden war, beschäftigte und empörte Erika sehr. Das musste doch eine tiefere Bedeutung haben. Hier in Drachstein wurde keine ältere Frau vermisst, das hätte sie sonst mitgekriegt. Schließlich wohnte sie seit ihrer Hausgeburt hier und kannte, nicht zuletzt durch ihre Tätigkeit in der Metzgerei, die ganze Bevölkerung. Von vielen wusste sie mehr, als ihr eigentlich lieb war. Das blieb nicht aus, wenn man wie sie einem Schwätzchen neben dem Abwiegen von Fleisch und Wurst nicht abgeneigt war. Kurzum, eine von uns kann Rosa nicht sein, dachte Erika. Das stand fest. Aber wie kam sie dann hierher und vor allem, warum?
Mit Andi war an diesem Abend nicht mehr viel anzufangen. Zum Reden und Spekulieren hatte er absolut keine Lust, es war sowieso nicht seine Art, Privates und Berufliches zu vermengen, obwohl es sich ehrlich gesagt manchmal nicht vermeiden ließ. Schließlich musste er auch manchmal Dampf ablassen. Im aktuellen »Fall Rosa«, jetzt nannte er sie auch schon so, wie von Erika vorgeschlagen, war sie ja eine wichtige Zeugin, genaugenommen bis jetzt die einzige. Vielleicht fiel ihr doch noch eine ungewöhnliche Wahrnehmung ein.
Erikas Fund hatte sich in Windeseile im Ort herumgesprochen und kurbelte nun das Metzgers-Geschäft mächtig an. Ob groß, ob klein, Männlein oder Weiblein, alle wollten von Erika persönlich bedient werden, da konnte ihre Kollegin Franziska noch so freundlich ihre Dienste anbieten. Zudem machte die bekannt private Nähe zum Polizeiposten ihre Informationen noch wertvoller.
»Entweder wollte oder konnte sie nicht«, mutmaßte Susanne Treiber, als nichts Neues von der umschwärmten Kesslerin über die Ladentheke hinweg zu erfahren war. »Das war doch sicher ein Raubmord. Wie man hört, hatte die Tote ja absolut nichts bei sich. Was bin ich froh, dass mir erspart geblieben ist, sie zu finden, schließlich nutze ich diesen Container ja auch des Öfteren«, spekulierte sie über das makabre Geschehen.
Wie immer war Erika von der selbstverliebten und dreisten »S.T.«, wie Franziska und sie diese Dauerkundin intern nannten, höchst genervt, aber die ließ nicht locker. Während S.T. weiter einen Wunsch nach dem anderen in Auftrag gab, musste Erika sich deren krude Weltanschauungstheorien über diese unsicheren Zeiten anhören, ob sie wollte oder nicht. Und sicher nicht zum letzten Mal, S.T. ernährte sich und ihre dreijährigen Zwillinge hauptsächlich über die örtlichen Schnellgerichte-Anbieter, Bäcker und Metzger. Zeit zum Kochen hätte sie schon, da die Buben zumindest vormittags im Kindergarten waren, »aber keine Lust«, wie sie gerne kundtat.
»Ich komm jetzt dran, wenn die gute Frau Treiber endlich den Hals voll hat«, tönte es aus der zweiten Reihe.
Margot Trappatoni, geborene Wurster, hatte als Zugeständnis an ihre italienische Wahlverwandtschaft deren Sprachgeschwindigkeit und die eindeutigen Gesten übernommen und stand ihrem Sergio darin keinesfalls nach. Natürlich hatte auch sie eine Meinung zum Mord im Ort:
»Eindeutig ein Mafia-Mord, ist doch deren Handschrift – lautlos töten und liegen lassen.«
Erika hatte mit dieser Analyse gerechnet. Sie beeilte sich besonders, die schnell heruntergerasselten Wünsche zu erfüllen, damit »Signora Trapp« möglichst presto weiterziehen sollte.
Glücklicherweise rief Sandra an, um eine Bestellung aufzugeben:
»Wir machen heute keine richtige Mittagspause, richte uns doch zwei Leberkäswecken, einen Schnitzelwecken und drei Portionen Kartoffelsalat her, ich komm gleich vorbei, um die Sachen zu holen.«
Doch keineswegs sollte sich die viel beschäftigte Sandra auf den Weg machen, dass verbat sich Erika. Das war ihre Chance, diesem Stress im Laden für kurze Zeit zu entfliehen und vielleicht – wenn sie es geschickt anstellte – ein paar Neuigkeiten aufzuschnappen. Wahrscheinlich lag der Obduktionsbericht bereits vor und der interessierte sie am meisten.
Statt großer Geschäftigkeit, herrschte konzentrierte Arbeitsruhe im Polizeiposten Drachstein, was Erika bei einer Mordaufklärung so nicht erwartet hatte. Alle Augen waren auf die Bildschirme gerichtet und wie erhofft konnte Erika im Vorbeigehen auf Sandras Bildschirm mitlesen, da sie tatsächlich den Obduktionsbericht studierte. Deshalb führte ihr Weg nicht in die ihr wohlbekannte Teeküche des Reviers, sondern direkt zu Andi, um ihn von hinten zärtlich zu umfangen, was eine ausgezeichnete Sicht auf dessen Bildschirm gewährte. Gleiche Lektüre schätzte sie, allerdings war nicht alles mit einem schnellen Blick zu erfassen. »Geschätztes Alter zwischen 80 und 85 Jahren« konnte sie noch erhaschen, bevor Hubertus Wasser energisch intervenierte.
»Alles, was recht ist, Erika, aber das geht jetzt doch zu weit. Lass deinen Mann los, der ist im Dienst, und verzupf dich. Wenn wir eine Soko aufstellen, bist du natürlich dabei, wirst als Erstes gefragt.«
Ungern machte sich Erika los von ihrem Andi, der ihr mit rotem Kopf und ohne ein Wort zu sagen böse Blicke zuwarf.
Der alte Grobmayer und die junge Franziska erwarteten sie mit neugierigen Blicken, ganz zu schweigen von der verbliebenen Kundschaft, die auch mitgekriegt hatte, wohin die Frau Kessel entfleucht war.
»Her mit den Neuigkeiten«, schrie es Erika förmlich entgegen, die Erwartung an sie war nicht zu übersehen. Um ihren Ruf als Insiderin nicht völlig zu ruinieren, platzte sie mit der Information zum geschätzten Alter der Toten heraus, obwohl das sicher nicht die beste Idee war. Dieses Detail gab vermutlich auch die Polizei bald offiziell weiter, schließlich wollte sie weiterkommen bei der Identifizierung von Rosa. Dass die Metzgereifachverkäuferin Kessel schon vorab damit hausieren gegangen war, würde ihrer Reputation beim örtlichen Polizeiposten und bei ihrem Andi nicht gerade nützen. Das war klar.
»Soso, zwischen 80 und 85 Jahre«, brummte es bedeutungsschwer aus der zweiten Reihe.
Heiner Bertsch, genannt »Heinerle«, gab jetzt auch seinen Senf dazu. Erika achtete gewöhnlich wenig auf seine zahlreichen Kommentare, die oft vernuschelt rüberkamen. War er doch täglich Stammgast, um sich als Alt-Junggeselle hier mit seinem Bedarf zu versorgen. Ab und zu schob sie ihm ein Restepaket für umsonst über die Warmtheke, denn Heinerles Hunger war groß und die Rente klein.
»Eine Altersgenossin also, diese Tote, bin ja selber ungefähr so alt. Ob ich sie vielleicht gekannt habe?«, sinnierte er weiter, aber niemand ging auf seine Gedanken ein.
Aus dem Kühlraum stapfte der alte Grobmayer heraus und balancierte eine Stange, über der frische Weißwürste hingen. Seine Blicke ließen keine Zweifel darüber aufkommen, dass seine Metzgerei kein Gemeindehaus, sondern ein Verkaufsraum war, in dem die Kundschaft fachlich bedient und dann möglichst mit einer prall gefüllten Tüte wieder verabschiedet werden sollte. Wäre die Kesslerin keine so erfahrene Fachkraft und somit unverzichtbar, hätte er schon häufiger dem Treiben in seinem Verkaufsraum Einhalt geboten. Aber bei der Arbeitsmarktlage waren ihm natürlich die Hände gebunden.
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