Eine wildere Zeit - William E. Glassley - E-Book

Eine wildere Zeit E-Book

William E. Glassley

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Beschreibung

Grönland ist einer der letzten wahrhaft wilden Orte der Erde. William E. Glassley hat von dort nicht nur bedeutsame Erkenntnisse für die Geologie mitgebracht, sondern auch ergreifende und anmutige Beobachtungen der Wildnis. In Eine wildere Zeit erzählt der Geologe William E. Glassley von seinen Expeditionen in ein von Menschen nie betretenes, nicht einmal exakt kartiertes Gebiet: die Fels- und Tundralandschaften am Rande des Eises. Zusammen mit zwei Kollegen sucht er nach Beweisen für die These, dass Grönland vor Urzeiten aus der Kollision zweier Kontinente entstanden ist, die ein Meer zwischen sich verdrängt haben. Gebirgszüge von der Größe der Alpen falteten sich auf und versanken wieder. Das Team verbringt Wochen in vollkommener Abgeschiedenheit, im wilden Herzen unberührter Landschaften, die das Gefühl einer Ur-Welt vermitteln. Sie erleben Luftspiegelungen und gefährliche Meeresströmungen, turmhohe Eiswände zersplittern vor ihren Augen. Sie entdecken Riesenkristalle, die aus den Magmakammern des Erdinneren stammen, uralte Steine, die eine Rückdatierung der Geologie Grönlands um Hunderte von Millionen Jahren erlauben. Wenn man Glassleys Erzählung liest, meint man, der Gebirgsbildung bei der Arbeit zuzuschauen. Mit der Sprache eines Dichters schildert er die überwältigende Schönheit extremer Wildnis und lässt uns spüren, was die letzten unberührten Landschaften für den Menschen bedeuten.

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Seitenzahl: 209

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Grönland ist einer der letzten wahrhaft wilden Orte der Erde. William E. Glassley hat von dort nicht nur bedeutsame Erkenntnisse für die Geologie mitgebracht, sondern auch ergreifende und anmutige Beobachtungen der Wildnis.

In Eine wildere Zeit erzählt der Geologe William E. Glassley von seinen Expeditionen in ein von Menschen nie betretenes, nicht einmal exakt kartiertes Gebiet: die Fels- und Tundralandschaften am Rande des Eises. Zusammen mit zwei Kollegen sucht er nach Beweisen für die These, dass Grönland vor Urzeiten aus der Kollision zweier Kontinente entstanden ist, die ein Meer zwischen sich verdrängt haben. Gebirgszüge von der Größe der Alpen falteten sich auf und versanken wieder.

Das Team verbringt Wochen in vollkommener Abgeschiedenheit, im wilden Herzen unberührter Landschaften, die das Gefühl einer Ur-Welt vermitteln. Sie erleben Luftspiegelungen und gefährliche Meeresströmungen, turmhohe Eiswände zersplittern vor ihren Augen. Sie entdecken Riesenkristalle, die aus den Magmakammern des Erdinneren stammen, uralte Steine, die eine Rückdatierung der Geologie Grönlands um Hunderte von Millionen Jahren erlauben.

Wenn man Glassleys Erzählung liest, meint man, der Gebirgsbildung bei der Arbeit zuzuschauen. Mit der Sprache eines Dichters schildert er die überwältigende Schönheit extremer Wildnis und lässt uns spüren, was die letzten unberührten Landschaften für den Menschen bedeuten..

Über den Autor

William E. Glassley ist Geologe an der University of California, Davis, und Professor emeritus der Universität Aarhus, Dänemark. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln hat er ein Lehrbuch über Geothermie verfasst. Eine wildere Zeit ist sein erstes Buch für ein breiteres Publikum. Glassley lebt in Santa Fe, New Mexico.

John und Kai auf dem Weg zum Eis

William E. Glassley

EINE WILDERE ZEIT

Aufzeichnungen eines Geologenvom Rande des Grönland-Eises

Aus dem Englischenvon Christine Ammann

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

Entweder ist alles erhaben oder nichts.

KATHERINE LARSON

Du bist nicht in die Welt gekommen,

Du bist aus der Welt gekommen,

wie eine Welle aus dem Meer.

Du bist in dieser Welt kein Fremder.

ALAN WATTS

 

 

 

 

Für Kai Sørensen und John Korstgård, derenFreundschaft, Mut und Leidenschaft Team Alpha erstmöglich machte,

und für Nina,durch die ich lernte, im Jetzt zu leben

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Impressionen I

Spaltung

Stille

Fata Morgana

Zerbrochenes Gestein

Flechten

Der Falke

Impressionen II

Festigung

Die Sonnenwand

Vogelschreie und Mythen

Alpenschneehuhn

Klare Gewässer

Der Fischefluss

Impressionen III

Neufindung

Gezeiten

Kiesel-Metronom

Gletscher

Die Robbe

Zugehörigkeit

Impressionen IV

Epilog

Anhang

Glossar

Literatur und Danksagung

Anmerkungen

Zitatquellen

Vorwort

WENN WIR zu alten oder neuen Reisezielen aufbrechen, verbergen sich in den Landschaften, die wir uns ausmalen, Erwartungen. Wir erhoffen uns bestimmte Abenteuer und befürchten, zu etwas vorzudringen, was wir insgeheim herbeisehnen. Wir halten das Ziel für den Endpunkt unserer Reise, doch meistens stimmt das nicht. Manchmal verwandelt sich das Reiseziel in ein Tor, das unsere Erwartungen verschlingt und hinter dem wir dem Undenkbaren begegnen. So ergeht es mir auf meinen Reisen in die grönländische Wildnis.

Grönland ist der Traum eines jeden Geologen. Weil sich die Gletscher schneller zurückziehen, als die Pflanzen nachrücken können, liegt der jahrtausendelang eisbedeckte Felsuntergrund nun völlig offen und blank poliert da. Er glitzert in der Sonne und wartet scheinbar nur darauf, dass jemand die verblüffenden Kunstwerke erkundet.

Dass Gesteine fließen können, kann man sowieso kaum glauben, aber die Felsgefüge in Grönland könnte man sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen. Sie zeigen zweifelsfrei, dass das Erdinnere fast so flüssig ist wie Wasser. Hauchdünne oder haushohe Gesteinsschichten, in Braun, Grauweiß, Grün, Schwarzblau oder Rot, sind endlos mitein ander verfaltet, verjüngen sich, verdicken sich, dehnen sich zu papierdünnen Strichen, schwellen wieder an und erzählen Geschichten, die wir unbedingt lesen möchten, aber kaum entziffern können.

Um einige der Geheimnisse zu lüften, reise ich mit zwei dänischen Geologen, Kai Sørensen und John Korstgård, ab und zu nach Grönland. Wir kampieren dann mehrere Wochen in einer der größten unberührten Landschaften der Welt, wandern durch die fünfzigtausend Quadratkilometer große Wildnis, klettern auf Händen und Füßen über nackten Fels und versuchen, aus den bruchstückhaften Hinweisen, die wir finden, eine Szenenfolge abzuleiten. Mithilfe neuester Ermittlungsmethoden, verschiedenster Techniken, Technologien und vager Logikketten entwickeln wir eine schlüssige Erzählung, die beinah die gesamte Erdgeschichte umfasst.

Bislang konnten unsere Forschungen und die von Kollegen seit den 1940er-Jahren nur erste Umrisse dieser Erzählung liefern. Wir wissen nicht viel mehr, als dass sich das Leben und die Gesteine wohl auf wundersame Weise ineinander verwoben haben. Wenn man unser Forschungsobjekt mit einer alten Handschrift vergleichen würde, dann wären die Titelseiten fast vollständig erhalten, aber die Tinte der einzelnen Kapitel mehr oder minder verblichen.

Dass wir noch nicht mehr erreicht haben, kann nicht verwundern. Da die Region über dem Polarkreis liegt, ist es nur wenige Monate im Jahr hell und warm genug zum Zelten. Zudem ist das Gebiet so abgelegen, dass man nur unter Mühen hin- und zurückkommt. Der logistische Aufwand ist enorm. Wir haben über das riesige, noch weitgehend unerforschte Gelände daher nur wenige gesicherte Erkenntnisse.

Was man weiß, ist außerdem noch immer quälend rätselhaft. In den Gesteinen finden sich vage Hinweise auf verschiedenste Gebirgsbildungsprozesse, die irgendwann vor zwei bis dreieinhalb Milliarden Jahren stattgefunden haben. Das jüngste Ereignis war vielleicht so gewaltig, dass es sozusagen die spätere Entstehung des Himalaja vorwegnahm, mit gewaltigen Bewegungen entlang enormer Störzonen, einem Vulkansystem, das mit den Anden mithalten kann, und Ozeanbecken so groß wie der Atlantik. Doch all das ist längst verschwunden, verschluckt von der weitereilenden Erdgeschichte. Es gibt nur wenige und schwierig zu interpretierende Beobachtungen, die diese These stützen können.

Hinzu kommt noch, dass sogar hinsichtlich der Grundannahmen, auf denen die Geologie basiert, Unsicherheit besteht. Alle geologischen Studien zu heutigen Vorgängen auf der Erde beruhen auf der Plattentektonik, nach der die Erde ein dynamischer Planet mit zwölf Ozean- und Kontinentalplatten ist, die sich durch die heißen Temperaturen im Erdinneren langsam über die Erdoberfläche bewegen. Wo die Platten zusammenstoßen, entstehen Gebirge, und wo die Platten auseinanderdriften, Krusten. Der ständige Prozess aus Krustenbildung und -zerstörung läuft dabei in einem geschlossenen System ab; es ist ein Nullsummenspiel. Doch während die Plattentektonik für die letzten neunhundert Millionen Jahre als bewiesen gilt, fehlen für die Zeit davor Belege, oder wenn es welche gibt, sind sie hochumstritten. Die Gesteine in Grönland sind jedoch wesentlich älter als neunhundert Millionen Jahre, und daher wissen wir nicht mit letzter Gewissheit, wie wir unsere Funde interpretieren sollen und durch welche Kräfte sie entstanden sind.

Die Gesteine, die wir erforschen, stammen aus einer Übergangsperiode. Die Erdgeschichte kennt einen chemischen Wirkstoff, der weich und zart, aber überaus mächtig ist: das Leben. Die Erdatmosphäre ist durch seinen Atem und die Zusammensetzung der Ozeane und Flüsse durch seinen Stoffwechsel entstanden. Und auch die Kontinente sind das Ergebnis von Leben: Weil sich vor über 3800 Millionen Jahren chemische Reste der Fotosynthese mit dem Erdmantel vermischten, konnten die Gesteine leichter schmelzen, aus dem tiefen Erdinnern heraussickern und zu den Landmassen zusammenwachsen, auf denen wir heute herumlaufen.[1] Aber haben damit auch schon die plattentektonischen Prozesse eingesetzt, oder sind ihnen uns noch unbekannte Prozesse vorausgegangen? In den Gesteinen, die wir sammeln und erforschen, verbirgt sich die Antwort auf diese Frage.

Wir arbeiten in einem wenig erforschten, hundertfünfzig Kilometer breiten Landstrich westlich vom grönländischen Inlandeis. Obwohl wir aus wissenschaftlichem Interesse hier sind, leben wir dort beinah in einer mythischen Welt. Wochenlang zelten wir in einem der größten unberührten Gefilde der Welt und sind auf uns allein gestellt, freiwillig vom Rest der Menschheit isoliert. Wir bewegen uns zu Fuß oder per Boot durch eine Welt, in der großteils noch nie ein Mensch gewesen ist. Wir nehmen Proben, fotografieren und vermessen unbegreiflich alte Felsen, in denen fast die gesamte Geschichte unserer Erde aufbewahrt ist. Das Gestein ist rau und erbarmungslos, aber von erhabener Schönheit. Es berichtet von einer sich unbändig entwickelnden Welt.

Wenn man sich in der überwältigenden Wildnis zu Fuß oder per Boot von Fels zu Fels bewegt, wird das Leben zu einer Übung in Demut. Die Zeit wird brüchig und versinkt in unbekannten Nebengewässern der Wahrnehmung. Wenn man die Gletscher, schläfrigen Fjorde, felsigen Berge und Tundraebenen betrachtet, steht man immer wieder vor dem Unbegreiflichen. In solchen Momenten offenbart die Welt ihr Innerstes. Die Kluft zwischen den Erwartungen, die wir aus unserem urbanen Leben mitbringen, und dem puren, nackten Gestein der ungezähmten Landschaft ist beinah unüberbrückbar. Unweigerlich stellt sich das niederschmetternde Gefühl ein, dass wir die Welt in dieser puren Nacktheit nicht mehr kennen und uns beinah unwiderruflich von ihr entfremdet haben.

Ich weiß jetzt, dass die Wildnis nicht bloß ein Ort ist, sondern eine Erfahrung. Die unberührten Landschaften beflügeln uns, sie beleben unsere Vorstellungskraft durch Geheimnisse und Verknüpfungen, zu denen wir sonst nirgendwo Zugang haben. Nirgendwo sonst können wir so viel Tiefe, Fülle und Reichtum erleben. Die Wildnis liegt am Grund dessen, was wir als Seele empfinden. Darum ist sie zweifellos auch unsere Heimat. Das habe ich in Grönland gelernt. Ausgerechnet bei der Suche nach quantitativen, objektiven Beobachtungen hat sich mir die emotionale Wahrheit der Wildnis offenbart.

Das Wort Wildnis stammt vom mittelhochdeutschen Wiltnus, »unbebaute, unkultivierte Gegend mit üppig wucherndem Pflanzenwuchs und ungezähmten Tieren«[2]. Das Leben in der Wildnis ist für den Menschen ein ständiger Kampf. Man kann dort nur schwer siedeln, Ackerbau und Viehzucht betreiben, Kinder großziehen oder abends gemeinsam am Ofen sitzen. Die Wildnis mit ihren wilden Tieren ist ein Randgebiet, in dem der Mensch vielleicht her umstreift, aber vermutlich scheitern wird, wenn er dort dauerhaft leben will. Die Wildnis ist kein einladender Ort. Der Mensch könnte dort zur Beute werden.

Einst war überall Wildnis, und wir sind von Anfang an dort herumgestreift. Viele Sprachen kennen kein Wort für sie, weil sie als natürliches Umfeld keinen Namen brauchte. Doch wir streifen heute nicht mehr umher und haben der fast verschwundenen Wildnis vor etwa tausend Jahren einen eigenen Namen gegeben. Der Planet wurde von uns wie von einer gigantischen Tsunami-Welle überflutet. Wir überschwemmen ihn mit immer mehr Menschen und drängen die echte Wildnis zunehmend an den Rand. In den nächsten fünfunddreißig Jahren wird die Weltbevölkerung von derzeit über sieben Milliarden auf mehr als zehn Milliarden wachsen. Das heißt, wir werden die Wildnis noch mehr beschneiden und uns damit der einzigen Möglichkeit berauben, unsere wahren Wurzeln kennenzulernen: Wenn wir der unberührten Landschaft nicht mehr unmittelbar gegenübertreten können, geht uns unsere Gegenwelt verloren. Doch tragischerweise bemerken wir den eigentlich offensichtlichen Verlust kaum. Ich möchte von diesem Verlust berichten, weil ich ungewollt zum Augenzeugen wurde.

Eines Abends, als Kai kochte und John seine Aufzeichnungen überarbeitete, spazierte ich allein an der Küste nördlich von unserem Camp entlang, auf der Suche nach einem ruhigen Ort, wo ich den Tag noch einmal Revue passieren lassen konnte. Ich überquerte einen Hügel und entdeckte überrascht eine kleine Bucht. Es war Ebbe, an der fernen Fjordmündung schwappten die Wellen herein. Ich ging zu dem schmalen Strand hinunter: Winzige Kräuselwellen, Ausläufer der Wellen weiter draußen, wanderten über den dünnen Wasserfilm, der den durchnässten Schlick überzog. In der Fjordmitte trieben Eisberge vorbei. Auf dem Wasser, das die Sedimente gerade eben bedeckte, spiegelten sich rosagrau getupfte Wolken. Eigentlich passierte nichts, doch in den dunklen Schatten der zighundert kleinen und großen Steine, mit denen die Bucht übersät war, entdeckte ich eingebildete Augen und stelzende Gestalten. Ich ließ die wilde Kulisse auf mich wirken. Doch irgendwann wurde das Bild von etwas gestört; etwas passte nicht, irgendetwas, das ich nicht bewusst sah. Als ich mir die Steine genauer anschaute, bemerkte ich schließlich, dass auf einem seltsamerweise ein kleiner, gut austarierter Tundrahügel saß. Die mehrere Zentimeter hohe, flache Kuppe, auf der lange Grashalme wuchsen, sah aus, als hätte sie jemand mit Bedacht dort hingesetzt. Ich versuchte, mir einen Reim darauf zu machen, als mir auffiel, dass alle Steine ab einer gewissen Größe einen solchen Tundrahügel trugen. Und die flachen Rundungen der Tundrahüte endeten alle genau in derselben Höhe.

Verblüfft wurde mir klar, dass die Büschel erodierte Reste einer Tundraebene waren, die sich noch vor Kurzem bis ans Ende der Bucht erstreckt haben musste. Der ansteigende Meeresspiegel hatte an den sich zersetzenden, zarten Pflanzenresten geknabbert und die einstige Linie der Land-Gezeiten-Harmonie verschluckt. Widerstandslos und still hatte sich die Wildnis in eine neue Zukunft zurückgezogen, die unwissentlich von uns geformt wird.

Wenn eines Tages die letzte Wildnis verschwunden sein wird, die dem Klimawandel noch standgehalten hat, bleiben uns nur noch Fossilien und die Erinnerung: an Muster und Formen, Stille und Schreie, Geruch und Geschmack. Dann werden wir den einzigen Bezugspunkt verloren haben, der uns etwas über die Bedeutung des menschlichen Denkens auf dieser Welt sagen kann.

Während John, Kai und ich in der Wildnis von Westgrönland zelteten, wurde der Lärm der Städte mehr und mehr zur vagen Erinnerung und wir selbst zum Teil der Landschaft. Die Grenze zwischen dem Außen und Innen unserer Seele verschwamm. Wer und was wir als Individuen waren, hing auf einmal mit der Erdgeschichte zusammen. Was wir als Wissenschaftler erforschen und erkennen wollten, verschmolz untrennbar mit dem alles überstrahlenden Erlebnis der Wildnis.

Einleitung

GRÖNLAND, eine der größten unberührten Regionen der Welt, ist bis heute überwiegend eisbedeckt. Wo kein Eis liegt, wird die Landschaft zur Erfahrung. Wirkliche und eingebildete Grenzen, Grenzen mit und ohne Namen verwandeln sich in Möglichkeiten. In der rauen Nacktheit der Wildnis sind unsere Sinne erstaunlich geschärft. Die grönländische Felslandschaft ist so geschichtsträchtig, dass man scheinbar nur einen Fuß darauf setzen muss, um die Wirklichkeit zu begreifen.

Die ganz reale Bedeutung Grönlands in Daten und Fakten hat eine nähere Betrachtung verdient. Würde man das eisbedeckte, felsgesäumte Land auf das westliche Nordamerika legen, würde es im Norden und Süden über die USA hinausreichen und sich von San Francisco bis fast nach Denver erstrecken. Das Land ist zu über achtzig Prozent von der einzigen Permafrost-Eiskappe der nördlichen Halbkugel bedeckt, die mit teils über drei Kilometer Dicke zehn Prozent des weltweiten Süßwassers speichert. Der Gipfel der Eiskappe, der »Summit«, ist über dreirtausendfünfhundert Meter hoch.

Grönland liegt zu mehr als fünfzig Prozent über dem Polarkreis und war die letzte Landmasse, die, vor ungefähr viertausendfünfhundert Jahren, von Menschen besiedelt wurde. Es ist das am dünnsten besiedelte Land der Welt und das einzige, in dem laut den Daten der Weltbank null Menschen pro Quadratkilometer leben (Die Datenbank kennt nur ganze Zahlen). Zum Vergleich: In den USA leben auf einem Quadratkilometer 35 und in Deutschland 234 Menschen. Die meisten der knapp 60.000 ständigen Einwohner Grönlands bezeichnen sich als Inuit. Die größte Stadt des Landes ist, mit 16.500 Einwohnern, Nuuk. Auf der gesamten Insel gibt es nur achtundsiebzig Städte, Dörfer, Gemeinden und Siedlungen. Viele davon haben weniger als fünfzig Einwohner. Die Inuit nennen ihr Land Kalaallit Nunaat.

Grönland, Dicke des Eises und eisfreie Gebiete (grau) Das Kästchen markiert unser Forschungsgebiet

Forschungsgebiet. An der gepunkteten Linie beginnt das Inlandeis.

Die grönländische Kultur wurzelt in einer jahrhundertealten Tradition aus Fischerei und Jagd. Robben und Rentiere sind Grundnahrungsmittel, werden zu Kleidung verarbeitet und ermöglichen einen bescheidenen Handel. Die Jagd ist Teil eines Lebens am Existenzminimum. Kunst, Fotografie, Literatur und Sagen können einen Einblick in das Leben und die Traditionen der indigenen Inuit vermitteln, aber weil es keinen nennenswerten Handel gibt, haben nur wenige Außenstehende Zugang zu der Kultur und können beurteilen, ob und wie sie sich verändert.

Entscheidungen weit entfernter Länder, die den komplexen Welthandel, Moral und Natur bestimmen, wirken sich selbst im abgeschiedenen Grönland noch aus. Unter dem Eindruck massenhaft in Kanada abgeschlachteter Robbenbabys verbot die Europäische Union 1983 den Handel mit Robbenfell und 2009 auch den mit allen anderen Robbenprodukten. Mit weitreichenden, teils unbeabsichtigten Folgen. Weil die Inuit mit Robbenfellen und anderen Robbenprodukten kein Einkommen mehr erzielen konnten, kam ihre Jagdkultur zum Erliegen. Und weil weniger Robben gejagt wurden, nahmen die Robbenpopulationen explosionsartig zu. Damit gingen jedoch auch die Fischbestände zurück, ein weiterer wichtiger Teil der Subsistenzwirtschaft der Inuit. Seit Kurzem ist den Inuit zwar wieder eine nachhaltige Robbenjagd erlaubt, aber die Einkommensverluste waren erheblich. Die grönländische Wirtschaft hängt heute zu sechzig Prozent von den regelmäßigen Subventionen des Königreichs Dänemark ab, zu dem Grönland als autonomer Bestandteil gehört. Grönland kämpft darum, zu einer nachhaltigen Wirtschaft zurückzukehren, doch die Herausforderungen sind durch den sich rasant beschleunigenden Klimawandel ins Unermessliche gewachsen.

In diesem Buch geht es um die Erfahrungen, die ich während fünf Expeditionen zu den Gesteinen Grönlands gemacht habe. Ich erzähle die Geschichte in drei Teilen. Jeder handelt von einem prägenden Naturerlebnis, das meine Wahrnehmung verändert hat. In »Spaltung« geht es um Erwartungen, die zerbröckeln, um Erlebnisse, die von einer tiefen Unkenntnis zeugen. In »Festigung« finde ich mich damit ab, dass ich ein Produkt von Evolution und Erdgeschichte bin und Unwissenheit untrennbar zum Bewusstsein gehört. »Neufindung« erzählt schließlich von Einsichten, die mir gezeigt haben, was wir über diese Erde wissen und nicht wissen können.

Als Bewohner dieser Welt tragen wir Verantwortung, aber unser Leben hat damit noch keinen Sinn. Es macht die Erhabenheit der Wildnis aus, dass sie diesen scheinbaren Widerspruch durch die überwältigende Schönheit einer uns gegenüber gleichgültigen Evolution sichtbar macht. Unseren Einfluss auf die Wildnis erkennen wir dort, wo sie mit dem menschengemachten Klimawandel konfrontiert wird, reagieren muss und neu entsteht.

Dieses Buch erzählt keine chronologische Geschichte. Erlebnisse, die unsere Sichtweise verändern, folgen oft seltsamen Gesetzen, sind sehr persönlich oder offenbaren ihre eigentliche Bedeutung erst später. Jeder Versuch, darüber zu schreiben, kann nur Stückwerk sein. Neue Einsichten oder Perspektiven sind immer nur ein weiterer Faden eines ewig unvollendeten Gobelins.

Die Wildnis spricht vollkommen offen mit uns. Überzeugungen und Vorstellungen, die wir in sie hineintragen, werden von ihr gespiegelt, wenn auch oft in einer für uns schwer verständlichen Form. Mit diesem Buch möchte ich dazu beitragen, die Wildnis auf unserer Erde zu bewahren. Wir können uns in der wahrhaft unberührten Wildnis auf einzigartige Art und Weise mit der Welt verbunden fühlen. Wenn wir die Wildnis verlieren, haben wir keine Möglichkeit mehr, unsere eigenen Wurzeln und die unserer Art zu entdecken.

IMPRESSIONEN I

Schönheit ist nichts anderes als ein sinnlich erfahrbares Abbild der Unendlichkeit.

GEORGE BANCROFT

WAS WIR sehen, ist nichts als Oberfläche. Wir nehmen nur das reflektierte Licht wahr, das durch Ereignisse, die bis in die Gegenwart hineinwirken, flüchtig Gestalt angenommen hat. Wir haben durch Erfahrung gelernt, daraus Textur und Form, Gewicht und Temperatur abzulesen.

Doch was ruht still und leise unter der irdischen Oberfläche, die wir wahrnehmen? Wir greifen nach den Sternen, um zu verstehen, warum die Sonne aufgeht, warum es Winter wird und warum wir sterben müssen. Doch hinter jeder Antwort auf unsere Fragen verbirgt sich nur eine weitere Frage, ein rätselhaftes Geheimnis, das unsere Fantasie beflügelt. Das Wissen über unsere Welt besteht aus Fragmenten. Jeder baut sich aus den Fragmenten seinen eigenen Rahmen, an dem er seine Vorstellungen von Sinn aufhängen kann.

Auf diese Weise haben wir auch erkannt, dass sich das Leben unaufhaltsam weiterentwickelt und aus Sternenstaub und Zeit irgendwann unser Gehirn entstanden ist. Doch obwohl wir diese erstaunliche Erkenntnis gewonnen haben, wissen wir, dass wir aus kosmischer Perspektive nichts sind als ein banales Ereignis. Nichts als ein Pünktchen auf dem reißenden Energiefluss, der seit den unergründlichen Anfängen der Welt vor beinah vierzehn Milliar den Jahren unermüdlich weiterströmt. Wir sind von der Geschichte hingerissen, die uns die Sterne anscheinend erzählen, doch können wir sie nicht wirklich begreifen. Wir laufen durch Landschaften, erkunden die Gesteine und ihre Geschichten und hoffen auf einen Erkenntnisblitz, der uns sagt, worauf es ankommt.

SPALTUNG

Am stärksten beeindruckte uns auf unserer kleinen Reise, dass die große, weite Welt so schnell verblasste. Wir vergaßen Angst, Grausamkeit und Gift des Krieges und der wirtschaftlichen Unsicherheit. Was vor unserem Aufbruch brennend wichtig gewesen war, verlor an Bedeutung. Solche Prioritäten sind offenbar ansteckend, aber wir waren den Virus losgeworden, oder die Antikörper der Stille hatten ihn vertilgt. Unser Tempo hatte sich stark verlangsamt, von den hunderttausend kleinen Handlungen, die unseren Alltag ausmachten, übten wir nur noch wenige aus.

JOHN STEINBECK

Stille

DAS FORSCHUNGSINSTITUT Survey of Denmark and Greenland hatte einen Fischtrawler gechartert, der uns vor Ort bringen sollte. Mit babyblauem Rumpf, einem verwitterten, abgeblätterten Steuerhaus, in dem gerade mal zwei Leute Platz fanden, und einem ausgetretenen Holzdeck, auf dem sich jetzt unsere Rucksäcke, Kisten und Zelte und die Taschen mit frischen Lebensmitteln und Sonstigem für unsere Expedition stapelten. John, Kai und ich waren in Aasiaat an Bord gegangen, in Westgrönland am südlichen Ende der Diskobucht. Aasiaat ist mit etwas über dreitausendeinhundert Einwohnern einer der größten Orte Grönlands. An einem Sommernachmittag kann man in ein paar Stunden sämtliche Straßen und Häuser besichtigen.

Es hatte eine halbe Stunde gedauert, bis wir unser Gepäck unter dem wachsamen Blick von Peter, unserem Skipper, verladen und verzurrt und dann sorgfältig überprüft hatten, ob alles da war. Schließlich legten wir ab, in Richtung eisberggespickter Gewässer. Da wir Stunden unterwegs sein würden, beschlossen wir, auf dem winzigen Vorschiff, wo zwei Kojen mit der Schiffswand verschraubt waren, reihum ein Nickerchen zu machen. Durch die Rumpfplanken, sieben Zentimeter dick und aus Eiche, konnte ich das Meer rauschen hören. Ich schlief eine gute Stunde, dann stand ich wieder auf und schaute mich um.

Es war kühl und windstill, das Wasser lag spiegelglatt unter einem verhangenen Himmel. In der Ferne tauchten ab und zu Wale auf; sie schwelgten in den Fischschwärmen dicht unter der Wasseroberfläche. Schäreninseln zogen an uns vorbei. Auf manchen waren ganze Husky-Rudel zu sehen. Die Schlittenhunde wurden den Sommer über dort ausgesetzt und verwilderten dann fast.

Fasziniert lehnte ich an der Reling, von der der Lack absplitterte, im Hintergrund das gleichmäßige »Tschacktschack Tschack-tschak« des Dieselzweitakters. Mit dickem Funktions-T-Shirt, Sweater und Fleecejacke, die Wollmütze tief über den Ohren, war ich warm angezogen und auch bei frostigen vier Grad gut geschützt.

Als wir die letzte Schäreninsel hinter uns ließen, überfiel mich plötzlich Angst: Die Welt, die wir für längere Zeit verlassen würden, zerrte an mir. Seit Monaten freute ich mich auf die Expedition, auf die tagtäglich neuen Entdeckungen, die ich in der unerforschten Landschaft zweifellos machen würde und mit meinen alten Freunden teilen konnte. Doch auf einmal war meine aufgeregte Vorfreude von Melancholie und Trauer überschattet: Monatelang würde ich meine Frau und Tochter weder sehen noch hören, das Familienleben würde mir fehlen, die kleinen Alltagsfreuden, das gemeinsame Kochen, der Kinoabend, das Zeitunglesen, auf einer Party mit Freunden zu lachen, Nina zum Schulbus zu bringen.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als der Maat an Deck kam und sich neben mir an die Reling lehnte: strohige, sandfarbene Haare, hellblaue Augen, wettergegerbtes Gesicht, eine breite, flache Nase, die von einem bewegten Leben zeugte. Er sprach perfekt Englisch, allerdings mit überraschendem Akzent.

»Was habt ihr in der Gegend hier oben vor?«, fragte er. Trotz der Kälte trug er nur ein kurzärmeliges T-Shirt und Jeans.

»Wir sind Geologen«, sagte ich und nahm sofort so etwas wie Haltung an. »Wir wollen die Felsen untersuchen.«

Er überlegte einen Moment. Dann sagte er: »Mmh. Sucht ihr nach Gold?«

Ich schüttelte den Kopf. »Uns interessiert die Geschichte der Gesteine hier.«

Er nickte und schob das Kinn vor.

»Was ist daran so interessant?«, fragte er dann wie nebenbei, wobei er nicht mich, sondern die vorbeiziehende Landschaft anschaute.

In der Geologie, erläuterte ich, würde diskutiert, ob es hier vor fast zwei Milliarden Jahren Gebirgszüge gegeben hat, die so groß waren wie der Himalaja oder die Alpen. Leider würden allerdings nur ein paar rätselhafte Spuren auf die tiefen Wurzeln des alten Gebirges hinweisen. Durch die Erosion seien sie jetzt, nach langer Zeit, freigelegt worden, und wir könnten nun überprüfen, was an der Geschichte dran sei.

»Solche Berge hier? Eigentlich kaum zu glauben«, sagte er, während an uns eine hügelige Landschaft vorbeizog, die einen K2, Eiger oder Mount Everest schwer vorstellbar machte.

»Wo kommst du her?«, fragte ich. Seine typisch englische Hautfarbe und sein Akzent ließen keinen Zweifel daran, dass er nicht von hier stammte.

»Sydney. Vor fünf Jahren bin ich mit meiner Freundin hierhergekommen, als Tourist. Irgendwie sind wir dann hier hängen geblieben, in dieser wunderbaren Gegend. Peter und ich sind uns zufällig immer wieder begegnet, ich mochte ihn. Er ist Schwede und lebt seit fünfundzwanzig Jahren hier. Jedes Jahr im Februar besucht er seine Familie in Schweden, dann kommt er wieder. Er kann nirgendwo anders mehr leben. Als meine Freundin und ich das erste Mal hier waren, haben wir in dieser Zeit sein Haus gehütet. Und als er wieder da war, bot er mir diesen Job hier auf seinem Boot an. Ich hab angenommen.«

Er blickte eine Weile aufs Wasser. Dann sagte er: »Ich kann nicht mehr nach Australien zurück. Da ist es einfach zu heiß.« Er lachte, aber dann wurde er ernst.

»Es gefällt mir hier. Man lebt so frei und offen. Woanders wohnen einfach zu viele Menschen … Hier passt jeder auf den anderen auf. Und alle wissen, dass es eigentlich nur auf das hier draußen ankommt.« Er wies mit dem Arm in Richtung Horizont. »Der Frieden hier, die Einsamkeit. Das findet man sonst nirgends … Ohne das kann ich nicht mehr leben. Und meine Freundin auch nicht. Das ist jetzt unsere Heimat.«

Ich betrachtete die Landschaft und fragte mich, was er wohl empfand. Ich lebte gern in meinem Viertel, der Bay Area in San Francisco, ich mochte die Straßen, die Cafés und die kleinen Läden, aber mein Heimatgefühl schien mir nur ein schwacher Abglanz dessen, was ihn mit dieser Landschaft verband.