Eine Woche im Gestern - Denise Hunter - E-Book
Beschreibung

Ryan McKinley wäre gerne wieder so glücklich wie gestern. Nach wie vor trauert er seiner großen Liebe Abby hinterher und wünscht sich, dass es nie zur Scheidung gekommen wäre. Als er aus heiterem Himmel einen Anruf seiner Exschwiegereltern bekommt, die ihn überreden wollen, ihren 35. Hochzeitstag mitzufeiern, sieht Ryan seine große Chance gekommen. Anscheinend hat Abby ihren Eltern nie erzählt, dass sie geschieden sind. Also hat sie jetzt auch keine Möglichkeit, ihn davon abzuhalten, mitzukommen. Eine Woche lang kann er wieder in die Rolle ihres Ehemanns schlüpfen. Eine Woche lang kann er ihr vor Augen führen, was sie verloren hat. Doch können ein erzwungener Roadtrip und eine vorgetäuschte Beziehung wirklich wieder alles ins Lot bringen?

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EPUB

Seitenzahl:406


Denise Hunter

Eine Woche im Gestern

Über das Buch: Ryan McKinley wäre gerne wieder so glücklich wie gestern. Nach wie vor trauert er seiner großen Liebe Abby hinterher und wünscht sich, dass es nie zur Scheidung gekommen wäre. Als er aus heiterem Himmel einen Anruf seiner Exschwiegereltern bekommt, die ihn überreden wollen, ihren 35. Hochzeitstag mitzufeiern, sieht Ryan seine große Chance gekommen.

Anscheinend hat Abby ihren Eltern nie erzählt, dass sie geschieden sind. Also hat sie jetzt auch keine Möglichkeit, ihn davon abzuhalten, mitzukommen. Eine Woche lang kann er wieder in die Rolle ihres Ehemanns schlüpfen. Eine Woche lang kann er ihr vor Augen führen, was sie verloren hat. Doch können ein erzwungener Roadtrip und eine vorgetäuschte Beziehung wirklich wieder alles ins Lot bringen?

Über die Autorin:Denise Hunter hat bereits über 20 Romane geschrieben, die in den USA mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurden. Neben dem Schreiben genießt sie es, mit ihrer Familie zu reisen und Schlagzeug zu spielen. Zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen lebt sie in Indiana.

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96362-997-6 Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2015 by Denise Hunter Originally published in English under the titleMarried ’til MondayPublished by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins Christian Publishing, Inc., Nashville, Tennessee 37214, U.S.A.All rights reserved. German edition © 2018 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH35037 Marburg an der LahnDeutsch von Dorothee DziewasUmschlagbilder: © iStockphoto.com / boggy22, geraria Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH  Satz und Datenkonvertierung E-Book: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH

www.francke-buch.de

Kapitel 1

Seit fünf Monaten lag der antike Ring einsam auf der Arbeitsfläche von Ryan McKinleys Küchenzeile. Es war eine ganz gewöhnliche Geschichte, etwas war verloren gegangen und war wieder aufgetaucht. Aber ein Happy End würde es nicht geben. Jedenfalls nicht für ihn.

Er ging aus der Küche, mehr um dem Ring zu entfliehen als aus irgendeinem anderen Grund, und blieb vor der Standuhr stehen, an der er auf dem Weg zur Treppe vorbeikam. Er schob den Schlüssel in die vorgesehene Öffnung und drehte ihn, damit das Gewicht nach oben wanderte, während er wieder einmal an Abby dachte. Die Uhr aufzuziehen, war immer ihre Aufgabe gewesen. Es war für sie beinahe ein Zwang gewesen, das alte Ding am Laufen zu halten.

Bei ihm war das anders. Die Zeiger der Uhr standen jetzt schon fast eine Woche still, genau auf zwölf nach sieben. Er stieß das Pendel an und schloss die antike Tür, während das vertraute Ticken das große, leere Haus füllte. Er musste an die frische Luft, am besten joggen, und mit dem gleichmäßigen Geräusch seiner Füße auf dem Gehweg die Gedanken an sie aus dem Kopf bekommen.

In letzter Zeit musste er einfach immerzu an sie denken. Die Uhr, der Ring … das Haus. Er hatte sich schon tausendmal einen Dummkopf geschimpft. Das Traumhaus seiner Ex-Frau zu kaufen, war ein Fehler gewesen, genau wie PJ es vorhergesagt hatte.

Als es an der Tür klopfte, seufzte er erleichtert angesichts der Ablenkung.

PJs breites Lächeln begrüßte ihn, als er die Tür aufmachte. Wenn man von der kleinen Schwester sprach … „Passt es gerade?“

Sein Blick fiel auf die Tupperdose in ihrer Hand. „Essen passt immer.“

PJ rauschte an ihm vorbei in die Küche. „Tut mir leid, aber es ist nicht Fleisch mit Kartoffeln. Cole mag keine Crêpes, also bist du mein Versuchskaninchen.“

„Das ist hart, aber irgendjemand muss sich ja dafür hergeben.“

In der Küche nahm PJ den Deckel ab und ein süßer Schokoladenduft stieg ihm in die Nase. Da er sich zum Abendessen lediglich ein Fertiggericht aufgewärmt hatte, knurrte sein Magen erwartungsvoll.

PJ hatte das Wishing Steakhaus in Chapel Springs eröffnet, als sie gerade erst ihre Ausbildung zur Köchin absolviert hatte. Mit dem Restaurant hatte sie ein eigenes Haus und den Mann ihrer Träume bekommen. Seine kleine Schwester hatte schon immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden.

Er holte zwei Gabeln aus der Spülmaschine und gab eine davon PJ.

Skeptisch musterte sie die Gabel. „Sauber?“

Er warf ihr einen bösen Blick zu und stürzte sich auf die Süßspeise. Der warme Nachtisch zerging ihm förmlich auf der Zunge. „Mmh. Nicht schlecht.“

PJ probierte einen winzigen Bissen. „Genau die richtige Haselnussnote, finde ich. Vielleicht ein bisschen mehr Vanille?“

„Von mir gibt es 9,5 Punkte. Die Einzelheiten musst du selbst rausfinden.“

Während sie die Crêpes aßen, brachte PJ ihn auf den neuesten Stand, was die Familie betraf. Aus ihrer Sicht war da hauptsächlich das Liebesleben ihrer Geschwister interessant. In den letzten Jahren hatte Amor beim McKinley-Clan ordentlich zugeschlagen. Erst Madison, dann Jade und jetzt PJ. Zwei von ihnen waren inzwischen verheiratet und bei PJ würde es auch nicht mehr lange dauern, vermutete er. Und er, der Älteste, war immer noch solo. Oder besser gesagt, wieder solo.

Als sie genug gegessen hatten, legten sie die Gabeln in die Spüle.

„Ich muss los, damit ich in Hanover bin, bevor die Geschäfte schließen.“ PJ schnappte sich ihre Handtasche, während Ryan den Deckel auf die Pfannkuchenreste legte.

„Ooooh, hübsch.“ Sie streckte den Arm aus und wackelte mit den Fingern.

PJ hatte sich Abbys Ring über den Finger gestreift.

„Für wen ist diese Schönheit denn?“, fragte sie. „Verschweigst du mir was?“

Ryan schloss den Tupperdeckel mit einem lauten Geräusch. „Zieh ihn ab.“

„Ist ja schon gut.“ Sie zog an dem Ring und rümpfte die Nase, weil er nicht über den Knöchel gehen wollte, obwohl sie daran drehte und zerrte.

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“, knurrte er.

„Keine Sorge, ich krieg ihn schon ab.“ Sie drehte den Wasserhahn auf und seifte ihre Hand ein. „Er sieht alt aus.“

„Ist er auch. Er hat Abbys Großmutter gehört.“

Als PJ es noch einmal versuchte, rutschte der Ring vom Finger. Sie spülte ihn unter fließendem Wasser ab.

Ryan warf einen Blick in den Ausguss. „Vorsichtig!“

„Ich bin doch kein Idiot.“

Als sie fertig war, riss Ryan ihr den Ring aus den Händen.

„Wieso hast du ihn eigentlich?“, fragte sie.

Er legte den Ring wieder neben das Ladegerät für sein Handy. „Ich habe ihn beim Umzug gefunden.“

Abby war damals so durcheinander gewesen, dass sie das Fehlen des Schmuckstücks gar nicht bemerkt hatte. Sie hatten auf der Suche nach dem Ring das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Zu ihren Eltern hatte sie nie ein enges Verhältnis gehabt, aber ihre Großmutter hatte ihr alles bedeutet. Als sie starb, war das für Abby sehr schwer gewesen. In all den Jahren, die Ryan sie kannte, war sie den Tränen nie so nahe gewesen wie damals.

„Willst du ihn ihr nicht zurückgeben?“

„Ich weiß nicht.“

„Das musst du tun. Er hat ihrer Großmutter gehört. Schick ihn einfach mit der Post. Ich kann bestimmt ihre Adresse herausfinden, wenn du sie brauchst.“

„Ich kann ein solches Erbstück doch nicht einfach mit der Post schicken.“

„Dann willst du ihn ihr persönlich vorbeibringen?“

„Ich weiß nicht, PJ. Was denkst du, warum er seit fünf Monaten hier liegt?“

„Okay, tut mir leid.“ PJ schob den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter und verließ die Küche.

Ryan folgte ihr, während er sich mit dem Zeigefinger über die Stirn rieb. Dieser dämliche Ring machte ihn noch ganz kribbelig. Er hatte deswegen schon gebetet, aber irgendwie fand er keine innere Ruhe in dieser Angelegenheit. Wahrscheinlich sollte er den Ring wirklich in einen Umschlag tun und abschicken und ihn dann vergessen. Ein Stück Abby weniger in seinem Leben.

An der Tür sah er PJ entschuldigend an. „Tut mir leid, dass ich dich angeblafft habe.“

„Schon gut. Sag Bescheid, wenn du ihre Adresse brauchst – oder wenn du reden willst.“

„Mach ich.“

Das Telefon klingelte und PJ warf einen Blick über die Schulter zurück. „Du hast den Festnetzanschluss behalten?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Dann geh besser dran.“

Sie verabschiedeten sich und er durchquerte das Wohnzimmer. Im Grunde genommen wusste er, dass der Telefonanschluss überflüssig war, eine unnötige Ausgabe. Aber es war die einzige Möglichkeit, wie Abby ihn erreichen konnte, wenn sie es wollte.

Du bist so blöd, McKinley.

Aber wenn es um Abby ging, hatte er eine Menge Blödheit zu bieten.

Als er den Hörer von der Gabel nahm, warf er einen Blick auf das Display, aber die Nummer kannte er nicht. „Hallo?“

Als sich am anderen Ende der Leitung niemand meldete, setzte er an, noch einmal Hallo zu sagen.

„Ryan? Hallo, mein Lieber. Lillian hier. Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass ich dich zu Hause antreffe.“

Der vertraute Maine-Akzent von Abbys Mutter überraschte ihn. Warum rief sie an? „Lillian. Das ist aber eine Überraschung.“

Ein schreckliches Gefühl stieg in ihm auf. Was, wenn Abby etwas Schlimmes zugestoßen war? Bevor er fragen konnte, sprach sie weiter.

„Wie geht es dir? Wir haben so lange nicht mehr miteinander gesprochen.“

„Mir geht es gut. Du kennst ja Chapel Springs. Hier bleibt alles beim Alten. Wie geht es dir und Bud?“

Während er mit einer Hand den Hörer ans Ohr hielt, rieb er mit der anderen seine Nasenwurzel. Er hatte kaum je mit Lillian gesprochen, als Abby und er verheiratet gewesen waren. Wie merkwürdig, dass sie jetzt anrief, mehr als drei Jahre nach ihrer Scheidung.

„Oh, uns geht es gut. Du kannst dir ja denken, dass wir mit den Vorbereitungen für das Fest beschäftigt sind. Abby ist nicht da, oder?“

Er runzelte die Stirn. „Äh, nein …“

„Dachte ich mir. Aber ich habe versucht, sie auf dem Handy anzurufen, und du kennst ja Abby. Sie geht kaum an das Ding dran. Vielleicht ist es sowieso besser, wenn ich mit dir spreche.“

Das war alles ziemlich seltsam. Die Frau konnte doch nicht ernsthaft an Demenz leiden. Sie war schließlich noch keine sechzig.

„Abby hat mir erzählt, dass du nicht zu unserem Jubiläum kommen kannst, aber ich hatte gehofft, du würdest es dir anders überlegen. Die Arbeit läuft doch nicht weg und es ist Jahre her, dass ihr uns besucht habt.“

Sein Verstand erstarrte. Nur sein Mund bewegte sich noch.

„Die Vorstellung, dass Abby den ganzen Weg alleine fährt, gefällt mir gar nicht.“ Sie senkte die Stimme ein wenig. „Und du weißt ja, dass die Beziehung zu ihrem Vater … schwierig ist. Ich wäre wirklich froh, wenn sie deine Unterstützung hätte.“

„Meine Unterstützung …“

„Ich weiß, dass wir nie ein besonders enges Verhältnis hatten, aber das würde ich gerne ändern. Ich vermisse mein einziges Kind. Und vielleicht täte euch die gemeinsame Zeit auch gut. Ein kleiner Urlaub.“

Er kratzte sich am Kopf. „Ich, äh … ich bin ein bisschen verwirrt, Lillian.“

Er hörte eine gedämpfte Unterhaltung im Hintergrund, so als hätte sie den Hörer mit der Hand abgedeckt. Kurz darauf war sie wieder am Apparat.

„Bud will mit dir reden. Hier, ich gebe ihn dir.“

„Ich habe gehört, dass du zu beschäftigt bist, um unseren Hochzeitstag mitzufeiern.“

Ryan hatte ganz vergessen, wie unangenehm die spitzen Bemerkungen von Bud sein konnten.

„Herzlichen Glückwunsch, Bud. Klingt so, als hättet ihr eine schöne Feier geplant.“

„Es wäre jedenfalls eine schöne Feier, wenn ich meinen Schwiegersohn dazu bewegen könnte, unsere Tochter herzubringen. Lillian hat es sich in den Kopf gesetzt.“

Schwiegersohn? Warum taten sie beide ... Es war, als wenn ... Er wusste, dass Abbys Verhältnis zu ihren Eltern nicht gerade eng war. Konnte es sein, dass sie ihnen nichts von der Scheidung erzählt hatte? Das ergab alles überhaupt keinen Sinn.

„Hast du deine Zunge verschluckt, Junge?“

„Nein, nein. Wann wollte Abby denn zu euch kommen? Ich habe meinen Kalender nicht griffbereit.“

Bud wiederholte die Frage in Lillians Richtung, während Ryan krampfhaft überlegte. Vielleicht war dies die Gelegenheit, für die er gebetet hatte. Seine Chance, Abby wiederzusehen. Ihr den Ring zurückzugeben.

Klar, McKinley. Das ist alles, was du willst.

„Einen Tag vor dem Fest.“ Bud war wieder in der Leitung. „Nächste Woche, am vierundzwanzigsten. Also, bringst du sie her oder was ist los?“

Im Hintergrund hörte man Lillian mit ihm schimpfen, dann war wieder ihre Stimme zu vernehmen. „Es wäre so schön, wenn ihr beide kommen könntet.“

Nächste Woche. Seine Gedanken überschlugen sich. Die Kollegen würden ein paar Tage ohne ihn zurechtkommen. Der Gedanke, Abby wiederzusehen, ließ das Herz in seiner Brust wie wild hämmern. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Ein Teil seines Wesens, von dem er gar nicht gemerkt hatte, dass es begraben gewesen war, erwachte wieder zum Leben.

In Gedanken stellte er sie sich vor. Nicht so, wie sie ausgesehen hatte, als sie sich kennengelernt hatten, als er ihr den Hof gemacht hatte. Sondern so, wie sie später ausgesehen hatte. Als sie ihn lieben gelernt hatte. Ihre Züge sanfter, ihre grünen Augen nicht mehr misstrauisch und distanziert, sondern neugierig. Hoffnungsvoll. Die roten Locken um den hellen Teint, die süßen Sommersprossen auf ihrer Nase.

„Ryan, bist du noch da?“

„Ja.“ In letzter Zeit hatte alles mit Abby zu tun. Vielleicht wollte Gott ihm etwas sagen. Er fühlte diesen inneren Drang.

Bist du das, Gott? Ist es das, was du willst?

Sein Herzschlag beruhigte sich, als er plötzlich einen inneren Frieden verspürte. Alles schien in dieselbe Richtung zu weisen. Der Ring, der Anruf …

Vielleicht war er verrückt, aber er würde es tun.

„Okay“, sagte er, den Hörer fest umklammert. „Ich werde da sein.“

Kapitel 2

Es war nach acht und die Sonne war gerade hinter der Silhouette von Indianapolis untergegangen, als Abby McKinley die schwere Glastür der Detektei Wainwright aufstieß. Sie war völlig fertig, mehr als sie zugeben mochte, und es war erst Montag.

Als sie das Büro betrat, schlug ihr die kalte Luft der Klimaanlage entgegen – eine Erlösung, nachdem sie stundenlang mit der Kamera in ihrem viel zu warmen Auto gesessen hatte.

Ihr Chef saß hinter seinem Schreibtisch und starrte mit gerunzelter Stirn auf seinen Computerbildschirm, seine grau melierten Haare so zerzaust, als wäre er gerade erst mit den Händen hindurchgefahren.

Sie trat direkt an Franks Tisch, auf dem sich jede Menge Unterlagen türmten, und ließ die Owens-Akte neben eine leere Chipstüte fallen.

„Schon fertig?“, fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern und setzte sich an ihren eigenen Schreibtisch, um ihr E-Mail-Postfach zu öffnen, während Frank in der Mappe blätterte. „Nette Bilder. Es war also nicht der Junge, der den Swimmingpool reinigt?“

„Das wäre zu offensichtlich gewesen. Es war ein Ex-Freund. Vor zwei Monaten haben sie sich auf Facebook wiedergetroffen.“

„Du bist ein Genie.“

So schwierig war es nun auch wieder nicht gewesen. Ein bisschen Überwachung, ein bisschen Müllologie, ein bisschen IT am heimischen Rechner. Menschen hinterließen Spuren, ob sie wollten oder nicht.

„Ich habe einen VIP-Fall für dich“, sagte er. „Genau dein Ding. Ehefrau verdächtigt Ehemann, eine Affäre zu haben. High Society, bewachte Wohnanlage. Dafür brauche ich meine beste Mitarbeiterin.“

„Ich bin deine einzige Mitarbeiterin. Wann?“

„Nächstes Wochenende. Mir ist klar, dass das knapp ist, aber – was ist?“

Abby schüttelte den Kopf. Normalerweise konnte sie einen Fall so kurzfristig annehmen, aber ... „Ich fahre am Mittwoch, schon vergessen? Mit dem Wagen.“

„Nimm den Flieger. Ich zahle dir das Ticket. Mensch, für das, was diese Lady bezahlt, kannst du erster Klasse fliegen.“

Es war nicht das Geld, das sie vom Fliegen abhielt. Und sie sagte nur ungern Nein, wenn sie so kurz vor einer Beförderung stand. Lewis würde das ausschlachten, so gut er konnte. Aber diese Reise hatte sie schon vor Wochen angekündigt und sie wollte ihre Mutter nicht enttäuschen.

„Tut mir leid, aber es geht nicht. Du musst es Lewis geben.“

Dass sie den Fall ihrem Rivalen überlassen musste, war wirklich ärgerlich. Sie schloss ihr E-Mail-Programm und stand auf, um zu gehen.

Frank zog eine Grimasse und fuhr sich mit der Hand über seinen dicken Schnurrbart. Abby hätte schwören können, dass dabei ein paar Chipskrümel durch die Gegend flogen. „Ich brauche dich für diesen Job, Abby.“

Sie nahm ihre Handtasche vom Fußboden. „Aber ich werde nicht hier sein.“

„Der Flug plus einen Bonus. Mein letztes Angebot.“

„Glaub mir, Frank, ich wünschte, ich könnte es übernehmen.“

„Willst du wirklich, dass Lewis es macht?“ Die unausgesprochene Botschaft war klar und deutlich. Wie scharf bist du auf die Agentur in St. Paul?

„Es tut mir leid, ich kann das nicht absagen.“ Sie öffnete die Tür. „Bis morgen früh, Frank.“

„Du machst mich fertig, Mädchen“, rief er, bevor die Tür hinter ihr zufiel.

Der Heimweg war kurz und schmerzlos. Sie fuhr den Wagen in den Carport und ging den Weg hinauf. Boos Gesicht lugte zwischen den Gardinen hervor, ihre winzigen Pfoten auf der niedrigen Fensterbank, die rosafarbene Schleife schief auf ihrem Kopf. Als Abby das Haus betrat, roch es nach Oregano und Knoblauch. Jemand kochte etwas Leckeres zu essen.

Sie sammelte ihre Post ein und schloss dann die Wohnungstür auf. Die Yorkshireterrier-Dame tänzelte um ihre Füße. „Hey, kleine Boo. Mommy ist wieder zu Hause.“ Abby nahm die Hündin auf den Arm und ließ sich von ihrer zappeligen kleinen Freundin küssen. Angesichts der Begeisterung musste sie unwillkürlich lächeln. „Tut mir leid, dass ich so spät bin, Kleines. Gehen wir Gassi.“

Abby drückte einen Kuss zwischen die großen spitzen Ohren des Tieres, dann hakte sie die Leine ein und ging mit der Hündin hinaus. „Komm, Gassi, Boo.“

Mit einem schlechtem Gewissen lief sie um den Wohnblock, bis es dunkel geworden war, dann ging sie wieder in ihre Wohnung, während sie über den Fall eines Versicherungsbetrugs nachdachte, den sie beinahe unter Dach und Fach hatte. Als sie ein Stück Pizza vom Vortag aufwärmte, wanderten ihre Gedanken zu dem kommenden Wochenende, zu der Feier, zu ihren Eltern.

Zu ihrem Vater.

Gestern Abend hatte sie ihren Hochzeitsschmuck aus der Schatulle geholt. Die Ringe hatte sie sich nicht mehr angesehen, seit sie sie abgelegt hatte. Als sie sie jetzt gesehen hatte, waren wieder all die Gefühle aufgestiegen. Wie ausgehöhlt und verletzt und am Boden sie sich an jenem Tag gefühlt hatte. Es hatte unendlich lange gedauert, bis der Schmerz nachgelassen hatte. Selbst jetzt spürte sie noch eine Leere in der Brust, wenn sie an Ryan dachte.

Hör auf, Abby.

Sie wusste nicht, was in letzter Zeit mit ihr los war. Die Erinnerung an Ryan schlummerte immer dicht unter der Oberfläche, wie es schien. An diesem Wochenende würde es noch schlimmer sein, weil alle nach ihm fragen würden. Wenn sie wieder diese Ringe an den Fingern trug. Schlimm genug, dass sie seinen Nachnamen hatte behalten müssen.

Wenn du ihnen die Wahrheit gesagt hättest, wäre das nicht nötig gewesen.

Sie hatte es versucht. Ehrlich. Aber schon wenn sie nur an die mögliche Reaktion ihres Vaters gedacht hatte, hatte sie davon Abstand genommen. Er war immer davon ausgegangen, dass ihre Ehe scheitern würde. Dass sie scheitern würde. Die Genugtuung, dass er recht gehabt hatte, gönnte sie ihm einfach nicht.

Außerdem war es nicht so, als hätten sie und ihre Eltern eine echte Beziehung. Eine Karte zu Weihnachten, ein paarmal im Jahr eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Ihre Mutter hatte ihn an den Apparat geholt, als sie angerufen hatte, um Abby zu überreden, dass sie zum Hochzeitstag kam. Er hatte sie über Ryan ausgefragt, mit diesem typisch misstrauischen Tonfall.

Wenn es irgendetwas gab, das noch schlimmer war, als ihrem Vater ihre Scheidung zu gestehen, dann war es das Eingeständnis, dass sie ihm seit drei Jahren nicht die Wahrheit gesagt hatte. Ihren Vater anzulügen, hatte schwere Strafen zur Folge.

Er kann dir nicht mehr wehtun, Abby.

Sie hätte sich nicht zu diesem Wochenende überreden lassen sollen. Jetzt bekam Lewis die Gelegenheit, einen guten Eindruck zu machen, und sie riskierte ihre Chance auf eine eigene Agentur. Aber jetzt konnte sie nicht mehr absagen. Schließlich freute sich ihre Mutter schon so lange auf das Wiedersehen und Lillian Gifford hatte im Laufe der Jahre genügend Enttäuschungen hinnehmen müssen.

Es war das erste Mal seit dem College, dass Abby nach Hause fuhr. Mit Summer Harbor verband sie nicht dieselben nostalgischen Gefühle, die der eigene Heimatort bei den meisten Menschen auslöste. Die Schönheit der rauen Küstenlandschaft oder des geschäftigen Hafens mit den hübschen Geschäften konnte sie nicht leugnen. Aber die meisten ihrer Erinnerungen drehten sich um ihre instabile Familie und sie lösten nur Gefühle der Angst und Ungewissheit aus.

Jetzt schob sie all das beiseite. Sie würde erst daran denken, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden ließ.

Nach dem Abendessen machte sie es sich auf dem Sofa bequem und sah sich einen Krimi im Fernsehen an. Boo rollte sich auf ihrem Schoß zusammen und schnarchte leise. Dabei hob und senkte sich ihr kleiner Leib mit jedem Atemzug.

Zwanzig Minuten später hatte sie gerade entschieden, dass die Sendung doch nicht so toll war, als es an ihrer Tür klopfte. Boo richtete sich sofort auf, sprang vom Sofa und rannte mit scharfem Bellen zur Tür.

Wahrscheinlich Mrs McCauley von nebenan. Der Postbote brachte immer ihre Post durcheinander. Vielleicht sollte Abby sie zu einer Tasse Tee einladen. Sie konnte ein bisschen Gesellschaft gebrauchen. Ablenkung. Und die Frau schien immer einsam zu sein, obwohl sie verheiratet war und eine Enkelin im Teeniealter seit einem Jahr bei ihnen wohnte.

„Schhh. Ist ja gut, Boo.“

Die Hündin würdigte Abby kaum eines Blickes, die braunen Augen fest auf die Tür gerichtet, das Bellen jetzt hektischer.

Abby griff nach der Türklinke und zog an der Tür, ein Lächeln auf den Lippen.

Dann stockte ihr das Herz. Sie atmete tief ein, aber die Luft schien den Weg nach draußen nicht mehr zu finden. Ihr Lächeln erstarb.

Sein Gesicht war so vertraut wie ihr eigenes. Sie kannte jede Kontur. Jede Kante. Jeden goldenen Punkt in seinen schokoladenbraunen Augen. Drei Jahre hatten nicht gereicht, um die Einzelheiten auszulöschen.

„Hallo, Abby“, sagte Ryan.

Kapitel 3

Wenn es an Ryan McKinley etwas gab, das sie verdrängt hatte, dann seine Größe. Wie breit seine Schultern waren und wie hochgewachsen er war. Mit hohen Absätzen war sie mit den meisten Männern auf Augenhöhe, aber Ryan war so groß, dass sie immer zu ihm aufblickte.

Und jetzt hatte sie nur Socken an und er überragte sie um einiges. Sie trat einen Schritt zurück, um auf Abstand zu gehen, während sich ihre Brust zusammenzog.

„Ryan.“ Irgendwie brachte sie es heraus, ohne das Chaos in ihrem Innern durchblicken zu lassen.

„Lange nicht gesehen, Abby.“

„Was machst du hier?“

Ein Mundwinkel wanderte nach oben. „Du kommst wie immer gleich zur Sache.“ Sein Blick huschte zu Boo hinunter, die aufgehört hatte zu bellen und jetzt seine Schuhe beschnüffelte.

Während er abgelenkt war, holte Abby bebend Luft und setzte eine Maske der Gleichgültigkeit auf. Ihr Blick fiel auf die Tür gegenüber, die einen Spaltbreit geöffnet war. Mrs Dohertys Gesicht war dahinter zu sehen.

„Kann ich reinkommen?“

Sie wägte schnell ihre Alternativen ab, vor allem das kurzfristige Unbehagen, mit ihm allein zu sein, gegen die langfristigen Folgen durch Mrs Dohertys große Klappe.

Mist.

Sie öffnete die Tür ganz und trat zur Seite, so weit sie konnte. Sein Geruch stieg ihr trotzdem in die Nase und alle Alarmglocken gingen an. Der vertraute Männergeruch, gemischt mit Moschus und Leder, würde noch in der Luft liegen, wenn er längst gegangen war. Der Duft erinnerte sie sofort an ihre ersten gemeinsamen Tage. Wundervolle, schöne, beängstigende Tage.

Dann schloss sie die Tür. Boo zitterte jetzt und Abby hob sie hoch, bevor sie auf den Boden pieseln konnte. Sie hielt die Hundedame im Arm und streichelte ihren weichen Kopf.

Ist schon gut, Kleines.

Ryan sah sich in der Wohnung um. „Nett hast du’s hier.“

„Wie hast du mich denn gefunden?“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Du meinst, nachdem du mir erzählt hast, dass du nach Wisconsin ziehst?“

Sie blickte Boo an. Tatsächlich hatte sie überlegt, dorthin zu ziehen. Und vielleicht hatte Ryan auch nicht wissen sollen, dass sie nur anderthalb Stunden entfernt von ihm wohnte. Es war schon so schwer genug.

Er stand ganz entspannt da und lehnte sich an die Rückseite des Sofas, seine kräftigen Finger auf das weiche Leder gelegt. Er sah immer noch besser aus, als gut für ihn war. Dichtes dunkles Haar. Kantiges Kinn. Warme braune Augen.

Wahrscheinlich standen ihr Haare vom Lümmeln auf dem Sofa zu Berge und ihr Make-up war sicher seit Stunden ruiniert, sodass die Sommersprossen auf ihrer Nase zu sehen waren.

Normalerweise bot sie ihrem Besuch einen Stuhl und etwas zu trinken an, aber sie wollte nicht, dass Ryan länger blieb als nötig. Ihn zu sehen, war für ihr Wohlbefinden schon eine Katastrophe und ihr fiel kein einziger guter Grund ein, warum er ihr Leben so durcheinanderbringen sollte. Aber andererseits hatte er es schon durcheinandergebracht, als er das erste Mal in ihr Leben getreten war.

„Warum bist du hier?“, fragte sie noch einmal. Ihr Tonfall klang scharf. Irgendwie schien er diese Wirkung auf sie zu haben.

Er sah sie einen Moment lang an, bevor er die Hand in die Hosentasche seiner Jeans schob. Als er sie wieder herauszog, öffnete er sie.

Entsetzt starrte sie ihn an und ein kleiner Aufschrei entfuhr ihr. „Nanas Ring!“ Ihre Finger berührten sich ganz leicht, als sie den Ring an sich nahm. Sie versuchte den elektrischen Schlag zu ignorieren, den ihr die Berührung versetzte. „Wo hast du ihn gefunden?“

„Unter der Schublade von deinem Nachttisch.“

Sie legte den Ring auf ihre Hand und schloss die Finger darum, damit das geliebte Erbstück sicher war. Sie hatte geglaubt, es sei für immer verloren.

„Ich habe ihn gefunden, als ich umgezogen bin.“

Also war er nicht in ihrem alten Haus in der Orchard Street geblieben. Sie wusste nicht, warum ihr bei dem Gedanken das Herz schwer wurde. Sie hatte ihn sich immer in ihrem gemütlichen kleinen Bungalow vorgestellt. Dort waren sie eine Zeit lang glücklich gewesen. Bis alles den Bach hinuntergegangen war.

„Ich kann nicht fassen, dass du ihn gefunden hast. Wo bist du denn hingezogen?“ Aber warum wollte sie das wissen?

Etwas flackerte in seinen Augen auf. Er verlagerte sein Gewicht ein wenig, verschränkte die Arme vor der Brust, sodass sein Bizeps voll zur Geltung kam. „Näher an die Stadt.“

In der Orchard Street hatte er sich immer eingeengt gefühlt. Schließlich war er auf einem Bauernhof groß geworden. Aber mehr hatten sie sich damals nicht leisten können. Sie dachte an ihr wunderbares Traumhaus in der Main Street und spürte einen Anflug von Traurigkeit.

Plötzlich fragte sie sich, ob er wieder geheiratet hatte. Vielleicht war er deshalb umgezogen. Sie warf einen Blick auf seine linke Hand, die sie vorhin flüchtig berührt hatte. Erleichterung durchströmte sie, als sie feststellte, dass er keinen Ring trug. Sofort schalt sie sich für diese Reaktion.

Er ist ein Teil deiner Vergangenheit, Abby. Mehr nicht.

Ein Teil, der ihr viel Kopfschmerzen und Kummer bereitet hatte. Wenn sie schon damals gewusst hätte, wie es sich anfühlt, wenn ein Herz entzweibricht, hätte sie ihn niemals geheiratet.

Aber andererseits hatte sie keine Wahl gehabt.

Boo hatte sich beruhigt und wollte nicht länger festgehalten werden. Abby setzte die Hündin auf den Boden und richtete sich auf. Dann steckte sie sich den Ring an den Finger. Das antike Schmuckstück funkelte im Schein der Deckenleuchte.

„Deine Mutter wird froh sein, ihn am kommenden Wochenende zu sehen.“

Sie starrte ihn an. Woher wusste er, dass sie am Wochenende ihre Mutter besuchen würde?

„Sie hat letzte Woche angerufen.“

Jetzt gefror der Atem in ihrer Lunge. Wusste er, dass Abby seinen Eltern nichts von der Scheidung erzählt hatte? Hatte Ryan ihnen die Wahrheit gesagt? Bitte nicht. Sie versuchte, die Antwort in seinen Augen, seiner Haltung zu lesen, aber er ließ sich nichts anmerken.

Vielleicht wusste Ryan gar nicht, dass ihre Eltern glaubten, sie wären immer noch verheiratet. Vielleicht hatte ihre Mutter gar nichts verraten. Vielleicht hatte sie nur eine harmlose Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.

„Du hast es ihnen nicht gesagt, Abby?“

Ihre Wangen wurden warm, als sie seinen prüfenden Blick spürte. Er würde es nicht verstehen. Wie sollte er auch, wo er doch so behütet in einer liebevollen Familie groß geworden war?

„Die Gelegenheit hat sich noch nicht ergeben.“

„In drei Jahren?“

„Ist es schon so lange her?“

Er legte den Kopf schief und musterte sie so, wie er es am Anfang immer getan hatte, als er mit aller Kraft versucht hatte, sie zu verstehen. Na, viel Erfolg dabei.

„Ich habe nichts gesagt“, sagte er jetzt.

Eine schwere Last fiel ihr vom Herzen, obwohl sie sich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemühte, als sie den Blick hob. „Warum denn nicht?“

„Ich dachte mir, dass du deine Gründe haben wirst.“

Keine, von denen sie ihm erzählen würde. Er wusste mehr als genug von ihr. Mehr als jeder andere. Inzwischen war Boo zu Ryan gekrochen und schnupperte wieder an seinen Schuhen.

„Also, wann fahren wir?“

Ihre Augen verengten sich. „Wie bitte?“

„Deine Eltern haben mich zu ihrer Feier eingeladen.“ Ryan hockte sich hin und streckte die Hand aus, damit Boo daran schnuppern konnte.

Sie beobachtete ihn. So lässig. So entspannt. Als sie verheiratet gewesen waren, hatte sie das verrückt gemacht. „Du kannst doch nicht zu meinen Eltern fahren.“

„Klar kann ich.“

„Aber wir sind geschieden.“

„Das wissen sie doch nicht.“ Er sah sie nicht einmal an, weil er zu sehr damit beschäftigt war, ihren verräterischen Hund am Bauch zu kraulen.

Warum tat er das? Einfach auf der Matte zu stehen ... sich selbst zu diesem Wochenendtrip einzuladen. Das war doch lächerlich.

„Warum willst du überhaupt hinfahren?“

„Ich habe Beau seit Jahren nicht mehr gesehen. Er kommt doch auch, oder?“

„Natürlich. Aber darum geht es nicht.“

„Ich kann mir freinehmen und da dachte ich: warum nicht?“

Warum nicht? Warum nicht? Ihr fielen eine Million Gründe ein, angefangen bei ihrer konfliktreichen Ehe bis hin zu ihren Eltern.

„Es sind sechs Tage.“ Und sie würden sich anfühlen wie sechshundert Tage, wenn Ryan mitkam.

„Ich habe die Zeit. Oder hast du einen Freund, der was dagegen haben könnte?“

„Nein, habe ich nicht – du fährst nicht mit mir, Ryan.“

Er richtete sich auf und lehnte sich wieder entspannt ans Sofa. „Also, deine Eltern werden es sehr merkwürdig finden, wenn wir in getrennten Autos ankommen.“

Sie wollte etwas entgegnen, überlegte es sich dann aber anders.

Was war schlimmer? Die ganze Zeit allein mit Ryan im Auto zu sitzen oder zwei Tage Eheglück zu spielen.

Wie sie sich wünschte, sie hätte noch ihren pelzigen, zitternden Schutzschild auf dem Arm. „Warum tust du das?“

„Es war zu spät, um einen Flug zu buchen.“

„Du willst doch gar nicht dahin und hast auch für meine Eltern nichts übrig.“

„Ich kenne sie kaum.“

„Eben.“

„Ich habe ihnen versprochen, dass ich komme. Und ich will für Beau da sein.“

„So wie er für dich da war?“

Ryan musterte sie, bis sie sich vorkam wie ein Insekt unterm Mikroskop. „Ich verstehe. Er ist dein Cousin. Er liebt dich. Das haben wir hinter uns.“

Sie hatte nicht gewusst, dass die beiden in Verbindung standen und offenbar Busenfreunde waren. Sie würde Beau umbringen. Er hatte ihr Geheimnis vor ihren Eltern und allen anderen gewahrt, aber sie hatte nicht gewusst, dass er selbst Geheimnisse hatte.

„Der Tod seines Vaters hat ihn ziemlich aus der Bahn geworfen. Es geht ihm nicht gut.“

Das war nicht gut. Überhaupt nicht gut. Ihre Ehe war aus gutem Grund gescheitert. „Wir würden uns schon streiten, bevor wir nur die Grenze von Ohio erreicht hätten.“

„Wir können doch wohl davon ausgehen, dass wir beide ein bisschen reifer geworden sind.“

„Aber wir streiten uns immer.“

„Nur, weil du unvernünftig bist.“

Sie stieß einen knurrenden Laut aus und wandte sich ab.

Er brachte sie einfach auf die Palme. Jedes Mal. Irgendwie hatte er trotzdem einen Weg in ihr Herz gefunden – und war dann darauf herumgetrampelt.

„Also, wann fahren wir los? Morgen? Oder am Mittwoch? Wir können uns hier treffen oder du kannst auf dem Weg bei mir vorbeikommen, was dir lieber ist.“

Sie drehte den Ring an ihrem Finger, eine alte Angewohnheit, in die sie sofort wieder zurückfiel. Nachdenken. Sie musste nachdenken. Sie konnte unmöglich mit ihrem Ex-Mann tagelang in einem Auto unterwegs sein.

Aber getrennt konnten sie auch nicht auftauchen.

„Wir können meinen Pick-up nehmen, wenn du willst“, sagte er.

„Du kannst nicht dahin fahren, Ryan. Das ist doch verrückt.“

„Ich finde, es ist total sinnvoll. Ich fahre nach Summer Harbor. Du fährst nach Summer Harbor. Warum sollten wir nicht Benzin sparen und den Verschleiß minimieren? Außerdem erwarten deine Eltern, dass wir zusammen kommen.“

Zusammen kommen. Zusammen essen. Zusammen in einem Zimmer übernachten. Zusammen schlafen.

Sie wischte jede Emotion aus ihrer Miene und wandte sich um. Verstand er überhaupt, was diese Reise bedeutete?

„Ich übernachte bei meinen Eltern.“

„Und?“

„Sie werden also erwarten, dass wir uns ein Zimmer teilen.“

„Ich schlafe auf dem Boden.“

„Du hast aber auch für alles eine Antwort parat, oder? Das kann einfach nicht gut gehen.“

„Du denkst zu viel nach. Es sind zwei Tage bei deinen Eltern. Sie werden mit der Feier mehr als beschäftigt sein. Wir fallen bei dem Durcheinander gar nicht auf und fahren dann wieder nach Hause. Ganz einfach.“

Einfach? Was Ryan und sie betraf, war gar nichts einfach. War es nie gewesen. Er war in jeder Hinsicht das Gegenteil von ihr. Er ein Optimist, sie Zynikerin. Er ein Sparer, sie eher großzügig. Er entspannt, sie zielstrebig.

„Ich habe meine Route genau geplant. Wo ich unterwegs übernachten will.“ Zog sie die Sache tatsächlich in Erwägung?

„Kein Problem.“

„Du müsstest dir selbst ein Hotelzimmer organisieren.“

„Natürlich.“

Das alles war ein Riesenfehler. Sie verschränkte die Arme und betrachtete ihn misstrauisch. Anfangs hatte sie gedacht, er hätte sich gar nicht verändert. Doch bei näherem Hinsehen bemerkte sie ein feines Netz aus Falten um seine Augen. Und sein kantiges Kinn, das zu oft von Bartstoppeln bedeckt gewesen war, war frisch rasiert.

„Sieh mal, Abby“, sagte er in der leisen, mitfühlenden Stimme, mit der er sie immer rumgekriegt hatte. „Ich weiß, dass viel passiert ist ... Aber wir waren Kinder. Wir haben uns in Schwierigkeiten manövriert und es hat nicht funktioniert. Jetzt sind wir erwachsen. Wir haben uns weiterentwickelt. Wir könnten Freunde sein oder wenigstens Bekannte, die zusammen eine Reise unternehmen.“

Jedes Mal tat er das. Ihr das Gefühl geben, dass sie überreagierte. Vielleicht war ihre Reaktion ja wirklich überzogen.

„Aber wir müssten so tun, als wären wir verheiratet“, sagte sie.

„Nur zwei Tage lang.“

Beau hatte es wirklich nicht leicht gehabt, seit er seinen Dad verloren hatte. Irgendwie versuchte er, seinen Job als Deputy Sheriff und die Baumschule seines Vaters zu managen. Abby vermutete, dass er sich nicht genügend Zeit für die Trauer nahm. Es würde ihm sicherlich guttun, wenn er Zeit mit Ryan verbrachte. Ihr Ex machte sie zwar wahnsinnig, aber er konnte so gut zuhören, wie niemand sonst, den sie kannte.

Und dieses Wochenende konnte den Verdacht ihres Vaters entkräften, dass etwas zwischen ihnen nicht stimmte. Vielleicht würde die Beziehung zu ihrem Vater sich jetzt ändern. Schließlich war sie inzwischen erwachsen. Sicher grollte er ihr nicht mehr so sehr. Es gab keinen Grund mehr, warum er sie ablehnen sollte.

Aber der Haken war, dass sie so tun musste, als wären sie verheiratet. „Nur bis Sonntag?“

„Ich kann fahren, wenn du willst, oder dich wenigstens zwischendurch ablösen. Damit du keine Kopfschmerzen bekommst.“

Das war auch so ein Punkt.

Boo schnupperte an ihren Füßen. Sie nahm die Hündin auf den Arm und drückte sie an sich, aber der zappelige Schutzschild war nicht groß oder fest genug. Nicht einmal annähernd.

Ryan richtete sich auf und zog sein Handy aus der Hosentasche. „Wann morgen?“

„Ich fahre am Mittwoch.“

„Um wie viel Uhr?“

„Sieben Uhr morgens.“

„Dann hole ich dich um sieben ab.“

Sie würde ihm nicht die Kontrolle über diese Reise überlassen. „Nein, ich hole dich ab.“

„Gut. Wie ist deine Handynummer?“

Nervös spulte sie die Nummer ab und er tippte sie in sein Smartphone ein.

„Ich schicke dir meine Anschrift, dann hast du auch meine Nummer.“ Er machte die Tür auf. „Und wir sehen uns gegen halb neun am Mittwoch. Gute Nacht.“ Dann war die Tür zu und er war verschwunden.

Es war Realität. Die Sache passierte tatsächlich. Wie konnte es sein, dass er in ihr Leben zurückgekommen war und es wieder einmal völlig auf den Kopf gestellt hatte?

Kapitel 4

Abby war in ihrem zweiten Studienjahr am Boston College gewesen, als sie Ryan kennengelernt hatte. Nach einer schwierigen Beziehung in der Highschool und zwei Jahren mit College-Studenten hatte sie den Männern bis zu ihrem Abschluss abgeschworen.

Sie hatte einen Job bei Dunkin’ Donuts direkt neben dem Campus angenommen. Wegen der morgendlichen Arbeitszeiten konnte sie sonntags nicht in den Gottesdienst gehen und musste am Wochenende früh ins Bett – Letzteres eine Tatsache, über die ihre Mitbewohnerin und Freundin Chelsea nicht sehr erbaut war. Aber Abby vermisste sie nicht, die Partys, zu denen sie mitgeschleift oder wo sie von aalglatten Typen angebaggert wurde, die unermüdlich nach einer passenden Bettgefährtin Ausschau hielten.

In der Klausurenwoche des ersten Semesters saß sie in der vollen Bibliothek und teilte sich einen Tisch mit Chelsea und mehreren anderen Studentinnen. Sie sollten für ihr Englischseminar lernen, aber Chelsea interessierte sich mehr dafür, ihre Stundenpläne fürs nächste Semester zu vergleichen.

Abbys Lernpensum war gewaltig – achtzehn Stunden mit Leistungsnachweis – und durch ihren Wochenendjob im Donut-Laden hatte sie nicht viel Zeit für andere Dinge.

„Ach, du liebe Güte“, sagte Chelsea in ihrem viel zu lauten Flüsterton. „Du bist nächstes Semester ja eine totale Langweilerin.“ Ihre Freundin schmollte, ein Gesichtsausdruck, mit dem sie bei der männlichen Spezies alles bekam, was sie wollte.

„Ich muss in drei Jahren fertig sein.“ Im Gegensatz zu Chelsea hatte Abby keinen reichen Papa und keine Kreditkarte ohne Limit.

„Lass einen Kurs wegfallen. Nur einen. Du kannst doch im Sommer Blockwochen machen.“

„Das mache ich ja schon.“

„Geh mit mir am Freitag zu der Sigma-Party“, wechselte Chelsea plötzlich das Thema.

„Du weißt doch, dass ich samstags arbeiten muss.“

„Arbeiten, wie doof!“

„Schhh!“ Ein Mädchen an ihrem Tisch funkelte sie über den Rand ihrer Harry-Potter-Brille an.

„Sorry“, sagte Abby und senkte dann die Stimme. „Ich bin diese blöden Partys leid. Ich weiß nicht, was du daran findest, wenn sich die Kerle der Burschenschaft betrinken und zum Affen machen.“

Chelsea schob ihr langes braunes Haar über die schlanke Schulter zurück. „Achtung, cooler Typ auf halb acht. Oh Mann, der hat ein Auge auf dich geworfen.“

Abbys Blick fuhr hoch, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können. Der Typ war süß. Dunkle Haare, breite Schultern. Und er starrte sie von seinem Tisch auf der anderen Seite des Raumes unverhohlen an. Sie spürte, wie ihre Wangen warm wurden, und senkte den Blick auf ihre Notizen.

Chelsea stieß sie an. „Komm, wir gehen rüber und sagen Hallo.“

„Nein.“ Abby schob ihren Stundenplan zur Seite. „Wir sind hier, um zu lernen.“

„Aber er ist total cool.“

„Dann kannst du ja rübergehen.“

Chelseas Augen funkelten belustigt. „Ich bin nicht diejenige, die er anstarrt.“

Abby warf einen schnellen Blick hinüber, aber sofort bereute sie das. Der Typ sah sie immer noch an.

Sie schob ihre Karteikarten zusammen und verwickelte Chelsea wieder in ihre Lernübungen, indem sie ihre Freundin im Flüsterton abfragte. Zwanzig Minuten später blickte ihre Mitbewohnerin zum hundertsten Mal von ihren Zetteln auf.

„Er geht.“

„Gut. Vielleicht kannst du dich dann endlich konzentrieren.“

Das Harry-Potter-Mädchen knallte ihr Buch zu und verließ den Tisch. Eine Sekunde später nahm ein anderes Mädchen dort Platz, das der jungen Drew Barrymore ähnlich sah.

„Er kommt rüber“, sagte Chelsea.

„Weil der Ausgang hinter uns ist.“

„Du darfst ihn dir nicht durch die Lappen gehen lassen. Ach, du liebe Güte, er kommt zu uns. Echt jetzt –“

„Hi“, sagte eine tiefe Stimme hinter ihr.

Chelsea starrte mit großen Augen über Abbys Kopf hinweg. „Hi.“

Abby blickte nur kurz auf, aber es reichte, um den olivefarbenen Teint, das kantige Kinn und ein Paar braune Augen zu registrieren, die dem ganzen Paket Wärme verliehen.

„Hi.“ Abby blätterte in ihren Karteikarten, ohne allerdings die Begriffe darauf wahrzunehmen.

„Ich heiße Ryan.“ Seine Stimme war tief und sanft, ein Kontrast zu seinem männlichen Gesicht und der muskulösen Gestalt.

„Chelsea. Das hier ist meine Freundin Abby.“

„Freut mich.“

Aus irgendeinem Grund raste ihr Herz und ihr Mund war wie ausgetrocknet. So fühlte sie sich immer auf den dämlichen Partys.

„Braucht ihr Hilfe beim Lernen? Ich bin echt ein Profi im Abfragen.“

Plötzlich sprang Chelsea auf und raffte ihre Sachen zusammen. „Ich kann nicht. Bin verabredet. Aber Abby könnte Hilfe gebrauchen.“

„Ich habe ein Seminar.“

„Nein, hast du nicht, weißt du noch? In zwei Stunden ist die Klausur ... also los.“

Abby warf ihrer Freundin einen finsteren Blick zu, den Chelsea gar nicht beachtete, während die in Rekordzeit die Bücher in ihrer Tasche verstaute.

„Wir sehen uns in der Englischklausur.“ Als sie an Ryan vorbei war, drehte Chelsea sich noch einmal um und reckte den Daumen in die Höhe. Abby würde sie umbringen.

Ryan deutete auf den Stuhl neben ihr. „Darf ich?“

Abby zuckte mit den Schultern, nahm ihre Karten und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, während er den Stuhl hervorzog und sich darauf niederließ. Sein männlicher Duft stieg ihr in die Nase.

„Das war übrigens kein Witz mit dem Helfen. Ich bin in Englisch ziemlich gut.“

Sie warf ihm einen Blick zu. „Ich studiere Journalismus im Hauptfach. Da brauche ich wohl kaum Hilfe bei einem Grundkurs Englisch.“

„Journalismus? Worüber willst du denn schreiben?“

Sie konnte sich gerade noch beherrschen, um nicht die Augen zu verdrehen. „Hör zu, ich habe kein Interesse. Warum baggerst du nicht jemand anders an? Da drüben sitzt ein hübsches Mädchen.“ Sie zeigte mit dem Daumen auf die Drew-Barrymore-Doppelgängerin.

Er wandte nicht einmal den Blick ab. „Wer sagt denn, dass ich dich anbaggere. Vielleicht arbeite ich hier und mache nur meine Arbeit.“

Ihr Gesicht wurde rot. Blöder irischer Teint. Sie musste nicht aufblicken, um zu sehen, dass er sie anstarrte. Sie spürte seinen Blick wie einen Laserstrahl und sie wand sich auf ihrem Stuhl.

„Du bist Bibliothekshelfer?“

„Nein, aber ich könnte einer sein.“

Jetzt verdrehte sie doch die Augen.

„Geh heute Abend mit mir einen Kaffee trinken.“

„Du baggerst mich ja doch an.“

„Ich versuche, dich kennenzulernen.“

Klar. „Und wie ich schon sagte: kein Interesse. Und ich muss jetzt wirklich lernen.“ Sie warf ihm einen Blick zu. „Allein.“

Er hob die Hände und seine Lippen verzogen sich zu einem anbetungswürdigen Lächeln. „Ist ja schon gut. Ich lass dich in Ruhe.“ Sein Blick huschte über ihre verstreuten Unterlagen. „Jedenfalls im Moment. Nett, dich kennenzulernen, Abby.“

Die Klausuren lagen hinter ihr, dann die Weihnachtsferien. Abby hatte ihn fast vergessen – oder jedenfalls redete sie sich das ein –, als er im nächsten Semester in ihrem Zeichenwahlfach erschien. In der ersten Stunde setzte er sich neben sie und ebenso in jeder weiteren Stunde, egal, wie sehr sie versuchte, es zu verhindern.

Es dauerte nicht lange, bis er sie wieder bat, mit ihm auszugehen. Und es dauerte auch nicht lange, bis sie merkte, dass er ein unbegabter Künstler war. Wirklich unbegabt. Später erfuhr sie, dass er an dem Tag in der Bibliothek einen Blick auf ihren Stundenplan geworfen hatte und für sein letztes Wahlfach auf Zeichnen umgeschwenkt war.

Mindestens einmal pro Woche fragte er sie. Eines Tages, zwei Monate nach Semesterbeginn, sah sie ihn zusammen mit ihrem Cousin Beau in der Mensa. Wie sich herausstellte, waren die beiden gute Freunde. Beau versicherte ihr, dass Ryan ein anständiger Kerl sei. Er kam aus Indiana und studierte an der Uni, weil er dort als Schwimmer ein Stipendium erhalten hatte. Das erklärte seine schlanke Figur und seine breiten Schultern.

Trotzdem wehrte sie sich noch. Sie hatte keine Zeit für Jungs und sie wusste besser als die meisten anderen Mädchen, dass ein „anständiger Kerl“ alle möglichen Geheimnisse haben konnte.

Irgendwann mitten im Semester legte sie nach seiner hundertsten Frage ihre Zeichenkohle nieder und schenkte ihm ihre ganze Aufmerksamkeit.

„Hör zu. Du bist bestimmt ein netter Kerl – hartnäckig bist du weiß Gott –, aber du willst nicht wirklich mit mir ausgehen. Ich bin zynisch und kompliziert und hebe mich für die Ehe auf, also warum suchst du dir keine leichtere Beute?“

Er legte den Kopf schief und sah sie an. Seine Wange zierte ein Kohlefleck und es juckte ihr in den Fingern, ihn fortzuwischen. Diese warmen braunen Augen blickten sie unverwandt an, bis sie Gefahr lief, auf der Stelle zu schmelzen.

Sie zwang sich wegzuschauen, da fiel ihr Blick auf seine Zeichnung. Es sollte ein Obstkorb sein, aber es sah aus wie ein Boot voller Bowlingkugeln.

„Ich finde deinen Zynismus merkwürdig charmant“, sagte er leise. „Ein schönes Gegengewicht zu meinem völlig realitätsfernen Optimismus. Kompliziert bedeutet, dass es eine Menge Schichten gibt, die aufzudecken Jahre dauert. Und Reinheit ist eine Tugend, kein Makel.“

Sie stieß die Luft aus, als hätte jemand einen Ballon zum Platzen gebracht. Nicht, was sie erwartet hatte. Andererseits war Ryan immer für eine Überraschung gut.

„Komm schon, Abby. Es ist nur ein Date. Ein einziges Date.“

„Und dann lässt du mich in Ruhe?“

Er presste die Lippen aufeinander. „Wenn du es dann immer noch willst.“

„Das werde ich. Wann und wo?“

In seinen Augen flackerte etwas auf. „Ich hole dich am Samstagvormittag ab.“

„Ich arbeite bis drei Uhr.“

„Dann um vier. Reicht dir das?“

„Okay. Wohin gehen wir?“

„Das ist eine Überraschung.“

Am Samstag duschte Abby nach der Arbeit, um den Bäckereigeruch loszuwerden, dann trocknete sie sich die Haare und band sie zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammen. Sie schrubbte sich das Make-up aus dem Gesicht, sodass die Sommersprossen auf ihrer Nase zum Vorschein kamen, dann schlüpfte sie in eine Jeans und ihr Eagles-T-Shirt. Es war ihr unangenehm, wie ihre Hände dabei zitterten. Es war nur ein Date. Dann würde er sie in Ruhe lassen.

Als er erschien – fünf Minuten zu früh –, öffnete sie die Tür. Er trug ein Hemd mit Kragen und eine Baumwollhose. Sie reckte trotzig das Kinn vor.

Sein Blick fiel auf ihr Outfit und seine Mundwinkel zuckten. „Bist du so weit?“

„Ja.“

„Ich hoffe, du hast Hunger.“

Wohin sie fuhren, verriet er ihr nicht. Sie bogen auf die Schnellstraße in Richtung Süden. Seine Hand lag lässig auf dem Lenkrad, während er ihr von seiner Familie zu Hause erzählte und nach ihrer fragte. Sie antwortete kurz und vage und die ganze Zeit hatte sie das Bedürfnis, Nanas Ring an ihrem Finger zu drehen. Trotzdem zwang sie sich, die Hände ruhig auf dem Schoß liegen zu lassen.

Als der Wagen etwa eine Stunde später hielt, waren sie bei einem urigen Restaurant am Cape Cod angekommen. Da Abby keinen Fisch mochte, aßen sie Chickenwings und Kartoffelsalat und Maisbrot mit Sirupbutter. Anschließend gingen sie am menschenleeren Strand spazieren. Als sie in der kalten Februarluft fröstelte, legte er ihr seine Jacke um die Schultern. Sie sammelte Muscheln, während die tosenden Wellen und die Rufe der Möwen ihre Nerven beruhigten.

Kurz darauf saßen sie wieder im Auto und die Spannung stieg, als sie in den Campus einbogen.

„Danke für den Ausflug“, sagte sie, als sie zusammen zum Haupteingang ihres Studentenwohnheims gingen. „Das hat Spaß gemacht.“

Ihr wurde bewusst, dass es stimmte. Die Zeit war schnell verstrichen. Mit Ryan fiel eine Unterhaltung leicht und ein oder zwei Mal hatte er sie sogar zum Lachen gebracht.

An der Tür drehte er sich zu ihr um. Die Lampe am Haus warf einen sanften goldenen Schein auf sein Gesicht. Er war auf raue Weise schön und sie fragte sich, was er an ihr fand, mit ihren unordentlichen roten Haaren und der zu blassen Haut.

Sein Blick begegnete ihrem und seine warmen Augen ließen sie nicht mehr los. „Geh am nächsten Wochenende mit mir aus.“

Das Timbre seiner Stimme löste ein Erdbeben in ihr aus. Was war nur mit ihm los? Bemerkte er nicht, wie schrecklich sie aussah? Die hässlichen Sommersprossen auf ihrer Nase?

Sie schwankte. Inzwischen wusste sie, dass Ryan nicht wie die anderen Typen war, die sie im College kennengelernt hatte. Er war höflich und rücksichtsvoll und schien sich nicht für Partys oder Alkoholexzesse oder weibliche Eroberungen für eine Nacht zu interessieren.

Sie mochte ihn. Vielleicht zu sehr. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass Ryan McKinley in der Lage war, größeren Schaden anzurichten.

„Ich weiß nicht, Ryan.“

Schon wenn er sie nur ansah, schlug ihr Herz schneller. Das war gut und schlecht zugleich. Wie wäre es wohl, wenn er sie berührte? Sie küsste? Der Gedanke löste eine Panik aus, die sie nicht mehr gespürt hatte, seit sie in den Weihnachtsferien zu Hause gewesen war.

„Du hast doch gesagt, es hätte dir Spaß gemacht.“

„Das stimmt, aber – hör zu, ich habe im Moment mit dem Studium und meinem Job echt viel zu tun. Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist.“

Er lehnte sich mit seiner Schulter an die Hauswand. „Komm doch am Samstag mit mir zum Basketballspiel. Da wolltest du doch sowieso hin, oder?“

„Schon.“ Aber es wäre eine Verabredung und dann würde er noch eine wollen und nach dem, was Kyle mit ihr in der Highschool gemacht hatte, wusste sie nicht, ob sie für eine Beziehung bereit war.

Sanft berührte er mit dem Zeigefinger ihre Stirn. „Du denkst zu viel nach. Wir treffen uns dort, wir verbringen Zeit miteinander. Bring deine Mitbewohnerin mit, wenn du willst, und ich komme mit Beau.“