Einer flog über das Möwennest - Krischan Koch - E-Book

Einer flog über das Möwennest E-Book

Krischan Koch

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Beschreibung

Ewig jung und tot in Fredenbüll- ein neuer Fall für Thies Detlefsen & Nicole Stappenbek Der entspannte Sommerabend an Fredenbülls Badestelle nimmt für Althippie Bounty und seine Freunde von Stehtisch 2 ein unerwartetes Ende, als sie in einem Möwennest neben flauschigen Küken eine Urne entdecken, gefüllt mit Asche – und einem glitzernden Diamanten. Dorfpolizist Thies Detlefsen wittert sofort ein neues Verbrechen und leitet die Ermittlungen ein. Das Morden im Norden geht weiter. Aber auch Tochter Telje benötigt gerade dringend Papas Polizistenrat: Sie absolviert ihr Medizinpraktikum in einer Klinik im nahe gelegenen Sankt Peter-Düne, wo der renommierte Professor Victor Nagy an einem Serum für ewige Jugend forscht. Doch irgendwas stimmt da nicht. Auf der mysteriösen Station 7 verschwinden Patientinnen, ein Pfleger überlebt die Nachtschicht nicht, die Probandinnen zeigen  und die tyrannische Oberschwester hat eindeutig Dreck am Stecken … In seinem 14. Fall bekommt es Dorfcop Thies Detlefsen mit einem mysteriösen Urnenfund, glitzernden Diamanten und einem verbrecherischen Klinikchef zu tun.  Ein neuer Band der kultigen Krimireihe von der Nordseeküste – von SPIEGEL-Bestseller-Autor Krischan Koch. 

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Der entspannte Sommerabend an Fredenbülls Badestelle nimmt für Althippie Bounty und seine Freunde aus der »Hidden Kist« ein unerwartetes Ende, als sie in einem Möwennest, neben flauschigen Küken, eine Urne entdecken, gefüllt mit Asche – und einem glitzernden Diamanten. Dorfcop Thies Detlefsen wittert sofort ein neues Verbrechen und leitet die Ermittlungen ein. Aber auch Tochter Telje benötigt dringend Papas Polizistenrat: Als angehende Ärztin absolviert sie gerade ihr Klinisches Jahr in einer Klinik im nahe gelegenen Sankt Peter-Düne. Dort forscht der renommierte Professor Victor Nagy an einem Serum für ewige Jugend. Doch irgendwas stimmt da nicht. Auf der mysteriösen Station 7 verschwinden Patientinnen, ein Pfleger überlebt die Nachtschicht nicht und die tyrannische Oberschwester Mildred hat eindeutig Dreck am Stecken …

Der knifflige 14. Fall für Thies Detlefsen und Nicole Stappenbek ist wirklich zum Haare raufen!

 

 

Von Krischan Koch sind bei dtv außerdem erschienen:

Flucht übers Watt

Venedig sehen und stehlen

Ruhe oder es knallt!

 

Die Fredenbüll-Reihe:

Rote Grütze mit Schuss

Mordseekrabben

Rollmopskommando

Dreimal Tote Tante

Backfischalarm

Pannfisch für den Paten

Mörder mögen keine Matjes

Friedhof der Krustentiere

Der Weiße Heilbutt

Mord im Nord-Ostsee-Express

Schnappt Scholle

Krieg der Seesterne

Das Schweigen der Kegelrobben

Krischan Koch

Einer flog über das Möwennest

Ein Küsten-Krimi

Für meine Lektorin Karoline,

die mit mir zusammen siebzehn Bücher

auf den Weg gebracht hat

»Wenn Mister McMurphy seine Medizin nicht oral zu nehmen wünscht, werden wir dafür sorgen, dass er sie auf andere Weise bekommt.«

 

Schwester Mildred Ratched in ›Einer flog über das Kuckucksnest‹

1

In dem engen Flur zwischen den gekalkten Wänden hallt das Klacken des Lichtschalters doppelt nach. Das gleißende Neonlicht blendet ihn sofort. Er kneift die Augen zusammen. Die Kellerräume mit den Alu-isolierten Heizungsrohren unter der Decke und den offen liegenden Elektrokabeln stehen in krassem Kontrast zur repräsentativen Empfangshalle der Klinik und den Patientenzimmern, die meisten mit Blick auf die Nordsee. Er nimmt die schäbigen Gänge im Keller gar nicht mehr wahr. Er will jetzt nur nach seinen Mäusen sehen.

Als der Professor das Labor betritt, kann er zuerst kaum etwas erkennen. Doch schnell hat er sich an das schummrige Licht der Infrarotleuchten gewöhnt. Zwei Mäuse strecken ihm hinter der Glasscheibe des mehrstöckigen Terrariums ihre spitzen Zähne entgegen. Dabei wirken sie reichlich lustlos, wie paralysiert. Eine andere Maus macht sich sehr viel munterer über die blauen Körner her, die ein Futterspender zusammen mit Getreide und Nüssen in eine Kunststoffrinne rieseln lässt. Außerdem liegen in dem Terrarium etliche leblose Versuchstiere, die nicht mehr als weiße Mäuse erkennbar sind. Sie haben auffällige dunkle Stoppeln. Weiße Mäuse mit Dreitagebart. Doktor Nagy fällt auf, dass die Behaarung der Nager stärker geworden ist. Sehr seltsam. Einige zeigen noch ein letztes Zucken, die meisten bewegen sich gar nicht mehr. Wie ärgerlich, in seinen Versuchsreihen läuft nicht mehr alles wie gewünscht.

Zu späterer Stunde hatte er nach seinen speziellen Patientinnen auf der Station Sieben gesehen. Bei Patti McMurphy waren die Rötungen der Haut deutlicher geworden. Das war auffällig, aber es sah trotzdem gut aus, fand der Professor. Ihre Haut wirkte straffer als noch vor ein paar Tagen. Aber war bei der Patientin nicht neuerdings eine auffällige Körperbehaarung zu beobachten? Patti zeigte deutliche Ansätze eines Damenbartes. Sie selbst schien es noch gar nicht bemerkt zu haben. Bei Yvonne Paschke war das nicht so glimpflich abgelaufen. Das Einbettzimmer, in das sie verlegt worden war, ist seit ein paar Tagen nicht mehr belegt. Dabei waren Yvonnes Laborwerte unauffällig gewesen. Die letzte Injektion hatte die Patientin eigentlich gut vertragen. Aber das hatte getäuscht. Ihr Zimmer ist schon wieder geräumt. Inzwischen steht dort ein neu bezogenes Bett für die nächste Patientin bereit.

Sie hatten alle gedacht, das wäre jetzt der Durchbruch. Aber es war ein Rückschlag, nein, kein Rückschlag, ein Ergebnis, das aus der Reihe fiel, das ist normal bei jeder wissenschaftlichen Neuerung. Und woran sie hier arbeiteten, ist eine medizinische Revolution, davon ist Nagy fest überzeugt.

2

Karsten Kracke hängt entspannt in dem Pilotensitz seiner einmotorigen Cessna. Unter ihm ziehen die Halligen Gröde und Oland vorüber. Die Nordsee glitzert in der Sonne. Die Schaumkronen zeichnen ein paar weiße Linien auf das Wasser. Aus dem Lautsprecher dröhnen die Songs der Doors. Hinter ihm im Gepäckfach stehen vier biologisch abbaubare Urnen mit der Asche Verstorbener. Seine Kunden und deren Angehörige legen Wert auf Nachhaltigkeit. Vielleicht lässt sich so der ökologische Fußabdruck des Verblichenen zumindest beim Ableben nicht noch vergrößern.

Für Kracke ist der ökologische Fußabdruck kein Thema. Er hat das Fliegen schon immer geliebt, jetzt hat er ein Geschäft daraus gemacht, das immer lukrativer wird. Seebestattungen gibt es schon seit Langem, aber die Flugbestattung über der Nordsee, bei der die Urne über dem Meer abgeworfen wird, ist seine neue geniale Idee. In der Regel hat er nur eine Urne an Bord und zwei oder drei Angehörige des Verstorbenen. Mehr passen in die kleine Maschine nicht rein. Kracke sagt ein paar knappe Worte und während des Fluges spielt eine gewünschte Musik, immer wieder Bachs Suite Nr. 3 in D-Dur, aber oft auch Popsongs aus der Jugend der Verblichenen. Bei seiner letzten Bestattung kam The End zum Einsatz und bei seinem heutigen Flug ohne Passagiere hat Kracke noch einmal die Doors angeklickt. »›… this is the end, my only friend, the end‹.«

Karsten ist bester Laune trotz der düsteren Musik, die Doors heben seine Stimmung noch. Den Gedanken an die Anfangssequenz in Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm Apocalypse Now, in dem die amerikanischen Hubschrauber Napalm über dem vietnamesischen Dschungel abwerfen, schiebt er sofort beiseite. Die Doors im Duett mit dem Schnurren des Propellermotors lassen ihn endgültig abheben. Und bei dem nächsten Song Riders on the Storm befindet er sich, begleitet von drei Kormoranen, endgültig im Schwebezustand über der See.

Das Geschäft brummt. »Krackes Flugbestattungen« können sich vor Kunden kaum retten. Wenn es so weitergeht, muss er bald täglich seine Cessna starten, um die Urnen über der See abzuwerfen. Seit Kurzem hat er einen neuen Großkunden, bei Bestattungen ein eher ungewöhnlicher Umstand. Normalerweise startet er von Sylt, vom Flughafen Westerland, aber in der letzten Zeit immer öfter von der Halbinsel Eiderstedt, von Sankt Peter-Ording, das ist sein Heimatflughafen sozusagen.

»›Into this house, we’re born, into this world, we’re thrown …‹« Karsten lässt das Festland endgültig hinter sich. Ein paar Seemeilen will er noch auf die Nordsee hinausfliegen. Dann wird er die Luke öffnen, um die vier Urnen, die er an Bord hat, in die See fallen zu lassen. Er dreht sich von seinem Pilotensitz zu der Luke um und stutzt. Wieso stehen da auf einmal nur drei Urnen? Er hatte vier Urnen an Bord, da ist er sich sicher. Oder hat er eine stehen lassen? Er kann jetzt schlecht auf dem Flugplatz anrufen und fragen, ob da noch irgendwo eine Urne rumsteht. Nein, das kann nicht sein, er hatte vier Urnen an Bord. Er dreht sich von seinem Sitz aus noch mehr nach hinten. Und dann sieht er, dass die Klappe halb geöffnet ist. Einer der Behälter muss herausgefallen sein. Die kleine Maschine sackt vor Schreck kurz in ein Loch, dann hat Kracke sie wieder auf Kurs.

Er grübelt noch, wo er die Urne verloren haben könnte. Hoffentlich schon auf See. »Und nicht über irgendeinem Acker«, brummt er. Aber er kann es ohnehin nicht ändern. Er lenkt die Cessna über Pellworm hinweg auf die Nordsee hinaus. Eine Seemeile hinter Norderoogsand öffnet er die Luke und lässt die drei übrig gebliebenen Bio-Urnen eine nach der anderen zu den sphärischen Klängen von Riders on the Storm in die Wellen stürzen.

3

»Antje, dat darf ja wohl nich wahr sein! Wie soll ich jetzt bitte an meinen Platz an Stehtisch Zwei kommen?« Piet Paulsen ist entsetzt angesichts der mannshoch gestapelten Pakete. »Heute is aber besonders schlimm. Antje, bist du überhaupt da?« Der ehemalige Landmaschinenvertreter starrt ratlos auf den Turmbau aus Kartonpappe. Der junge Schnauzermischling Kuddel tollt zwischen den Stapeln hindurch und muss niesen.

»Was ist dat denn? Ich komm ja gar nich mehr an den ›Explosion‹ ran.« Auch Schimmelreiter Hauke Schröder protestiert angesichts des verbarrikadierten Daddelautomaten.

Die gesamte »Hidde Kist« steht voller Pakete unterschiedlichster Größe. Die Imbisswirtin an ihrer Fritteuse ist dahinter nicht mehr zu sehen.

»Das geht so nicht weiter, ich sag Klaas das nun schon seit Wochen. Wir sind hier kein Paketamt!«, schallt es aus den Kartontürmen heraus. »Und jetzt soll ich hier die Abholscheine kontrollieren und am liebsten auch noch Briefmarken verkaufen. Kommt nich in die Tüte! Nachher kleben die Marken noch auf den Matjesbrötchen.«

Seit einem Vierteljahr hat Postbote Klaas zusätzlich die Paketzustellung übernommen. Seitdem fährt er statt des normalen Postrades ein langes Lastenfahrrad. Die herkömmliche Briefzustellung war mit der aufkommenden Digitalisierung immer weniger geworden, die Paketzustellung dagegen hatte immens zugenommen. Seinen Fredenbüller Edeka-Laden will Hans-Jürgen Ahlbeck nicht weiter als Zwischenlager und Abholstation für Pakete zur Verfügung stellen. Ahlbeck ist auch sauer, dass ihm durch den Onlinehandel die Kunden weglaufen. Seine Mutter, Oma Ahlbeck, hat die Teilzeitbeschäftigung an der Kasse deutlich reduziert. »Wat soll ich da rumsitzen, wenn es gar nix zum Einscannen gibt?«

Klaas dagegen hat sich sofort engagiert der neuen Herausforderung gestellt. »Nur noch Reklame verteilen, ist doch keine Aufgabe. Dafür habe ich nich Postbote gelernt.«

»Wieso, du hast ’ne Lehre gemacht?« Bounty staunt. »Is ja geil.«

»Ja, nee.« Klaas druckst herum. »Aber seit 2005 is dat offizieller Lehrberuf. Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen.«

»Da übst du dann zwei Jahre Einwerfen in’ Briefkasten, oder wie?« Piet sieht den Postboten skeptisch an. »Demnächst hat Klaas noch ’n Lehrling dabei.«

»Und ich übernehm die Musikstunde.« Bounty stimmt gleich den berühmten Song an. »›Please Mister Postman, look and see, is there a letter, a letter for me …‹«

»Nee, aber jede Menge Päckchen«, kontert Klaas.

»Beatles? Nä?« Antje blickt beglückt zwischen den Kartons heraus.

»Ja, auch, aber ursprünglich von den Marvelettes.« Bounty kennt sich aus und dann fällt ihm ein, warum er eigentlich hier ist. »Antje, bekommst du das hin, mir in dem Paketchaos zwischendurch acht Fischbrötchen zu zaubern?«

»Acht?« Antje ist ganz von den Socken. »Wat hast du denn vor?«

»Big Party? Und wir sind nich eingeladen.« Piet wirft ihm einen vorwurfsvollen Blick über seine Gleitsichtbrille zu.

»Bei dem Wetter wollen Giselle und ich zusammen mit dem Schimmelreiter und Merle mal nach Neutönninger Siel an den Strand. Und da brauchen wir einen kleinen Imbiss.«

»Was soll ich denn machen? Matjesburger, ›Croque Störtebeker‹, ›Rollmops Moulin Rouge‹, Henrys Heringshappen!?«, tönt es durch das Pappmaché. Antje ist sofort in ihrem Element.

»Mach mal einfach ’n entspannten Mix. Oder was meinst du, Hauke?« Bounty und dem Schimmelreiter läuft schon das Wasser im Munde zusammen. »Ich räum derweil mal ’n paar Päckchen beiseite. Wollen wir mal sehen, ob für uns was dabei ist.« Schon hebt der Althippie ein voluminöses und offenbar schweres Paket hoch, das durch die stilisierten Flaschen und die Aufschrift »Vorsicht Glas« unschwer als Weinkarton zu erkennen ist.

»Meinetwegen gerne«, ruft Antje. »Nimm mit, die Dinger. Ich bin froh um jedes Päckchen, das ich los bin.«

»Darf ich mal fragen, was dat hier werden soll?« Klaas schlägt einen strengen Beamtenton an, den man von ihm gar nicht kennt. »Ihr spinnt ja wohl völlig!«

»Ja, Bounty, so geht dat nich!«, funkt Paulsen dazwischen und verzieht dabei keine Miene. »Du bist keine Fachkraft.«

»Da dürft ihr eigentlich nicht mal die Adresse lesen. Postgeheimnis gilt für Pakete genauso!« Klaas versteht bei dem Thema keinen Spaß.

»Oha, allmählich wird das eng hier.« Auch Thies, der jetzt in der Eingangstür der »Hidden Kist« erscheint, staunt angesichts der Paketstapel.

»Sag mal, Thies, wo du grad da bist …« Die Imbisswirtin packt die ersten Fischbrötchen in eine Tüte. »Können wir die Pakete nich bei dir in der Wache zwischenlagern? In der Zelle ist genug Platz, die steht doch seit Ewigkeiten leer.«

»Wie stellst du dir dat vor?« Der Fredenbüller Polizeihauptmeister kann nur den Kopf schütteln. »Und die Inhaftierten geben auf Abholschein dann die Pakete raus, oder wie?«

»Wann hattet ihr denn die Zelle zuletzt mal besetzt? Das ist doch Jahre her!« Antje ist von der Idee ganz begeistert.

»Resozialisierungsmaßnahme.« Piet Paulsen hält inzwischen ein schmales, extrem langes Paket mit einem rätselhaften Inhalt in den Händen. »Verurteilt zu drei Jahren Paketdienst.«

4

Seit vierzehn Tagen arbeitet Telje in der renommierten »Renova«-Hautklinik im abgelegenen Sankt Peter-Düne. Die Tochter des Fredenbüller Polizeihauptmeisters hat ihr Medizinstudium inzwischen beendet und gerade den dritten Teil des klinisch-praktischen Jahres angetreten. Eigentlich hatte sie es nicht so eilig, in die nordfriesische Heimat zurückzukehren. Und darauf, sich von ihrer Mutter täglich anhören zu müssen, dass sie ihren Fredenbüller Jugendfreund heiraten soll, hat sie schon gar keine Lust. Doch die bahnbrechenden Forschungsprojekte des geheimnisumwitterten Klinikchefs Professor Victor Nagy interessieren sie, nein, haben sie geradezu magisch angezogen. Es geht da um spektakuläre Regenerationen der Haut und angeblich auch anderer Organe. Telje sucht nämlich noch nach einem Dissertationsthema und denkt dabei in Richtung Dermatologie.

Doch den großen Professor hat sie bisher kaum zu Gesicht bekommen. Nur einmal ist er kurz vor Dienstantritt zu frühester Morgenstunde auf dem Flur grußlos an ihr vorübergeeilt. In den ersten Tagen hat sie auf ihrer Station eher mit den gängigen Neurodermitis- und Psoriasis-Therapien zu tun. Zusammen mit dem jungen Stationsarzt Tom Bertram begutachtet sie schwer gerötete, schuppende und nässende Haut, verordnet Glukokortikoide und verfolgt erste Verbesserungen bei den Patienten nach der Fototherapie in dem hauseigenen Solewannenbad mit Nordseewasser. Die Anlage, eine Art Swimmingpool mit UV-Strahlern von der Decke, und auch die futuristisch gestylten Bestrahlungskabinen sind beeindruckend. Aber eine medizinische Revolution ist das alles nicht. Und auch der kleine Sportplatz mit Meerblick und zwei Basketballkörben für die Reha-Maßnahmen rekonvaleszenter Patienten deutet auf keine bahnbrechenden Therapieansätze hin. Keine Forschung zu Telomeren oder Interferon-Signalwegen. In ihrem Studium hatte sich Telje mit dem Zusammenhang von Interferon mit Psoriasis und Herpes beschäftigt. Das möchte sie jetzt unbedingt vertiefen. Aber daran ist nicht zu denken. Telje ist voll im Routinestress. Sie und ihr Kollege Tom Bertram sind nicht nur für ihre, sondern noch für eine weitere Station zuständig, deren Stationsarzt von einem Tag zum anderen die Klinik verlassen hat.

»Hat er gewechselt?«, wollte Telje von Oberschwester Mildred wissen.

»Hat sich einfach aus dem Staub gemacht«, hatte die Schwester in eisigem Ton geantwortet.

»Krass.« Mehr fiel ihr dazu nicht ein. Schon gar nicht gegenüber der strengen Oberschwester.

Die Leitung der Klinik ist Telje ohnehin fremd und abweisend gegenübergetreten. Oberschwester Mildred wirkt seltsam alterslos. Sie trägt altmodisch auftoupierte Haare und sieht sie aus stahlblauen Augen mit der Empathie eines Gefrierschrankes an. Sie hatte ihr das Schwesternzimmer gezeigt, als wäre es eine Gefängniszelle.

»Wir legen hier Wert auf Ruhe. Das ist ein Krankenhaus und kein Nachtclub.«

»Natürlich, schon klar«, hatte Telje geantwortet.

Oberarzt Doktor Speiwill ist fast noch schlimmer, er hatte Telje bei den ersten Visiten schlicht ignoriert. Sie hat allerdings den Eindruck, dass er alle ignoriert, auch die Patientinnen und Patienten. Herr Morch dagegen scheint sie ständig im Blick zu haben. Der Laborant wacht fortwährend darüber, dass sie sich von dem Labor im Keller fernhält und vor allem von der mysteriösen Station Sieben, die sie auf keinen Fall betreten darf.

Was geschieht dort? Ist das vielleicht illegal? Werden dort verbotene Versuche mit den Patienten gemacht? Warum gibt es in einer Klinik mit lediglich vier Stationen überhaupt eine Station Sieben? Krankenpfleger Maxime hat auf der Sieben gearbeitet und könnte sicher Antworten geben. Aber er fantasiert wohl gern. Der Pfleger mit den regenbogenfarben geringelten Socken und langen roten Haaren, die er zu einem Zopf geflochten hat, erzählt angeblich reichlich wilde Geschichten. Außerdem soll er wiederholt in den Medikamentenschrank gegriffen haben, laut Aussage von Schwester Fenja.

Der Geruch von Sterillium, der sie schon das ganze Studium begleitet hat, ist derselbe wie in allen Krankenhäusern. Aber irgendetwas ist hier in dieser Klinik anders. Telje hat ein mulmiges Gefühl, sie weiß nur noch nicht, warum. Trotzdem kann sie es kaum erwarten, am nächsten Tag wieder ihren Dienst anzutreten. Und das liegt vor allem an Stationsarzt Tom Bertram. Doktor Bertram sieht aber auch zu gut aus. Der junge, wache Blick, die lässig verstrubbelten Haare, als sei er nicht dazu gekommen, sich morgens zu kämmen, der meist nicht ganz zugeknöpfte weiße Arztkittel. Ein bisschen wie Brad Pitt von der Nordseeküste.

»Ich bin Tom.« Er hatte sie gleich angelacht.

»Telje«, hatte sie noch etwas schüchtern entgegnet.

»Ja, weiß ich doch.« Er hatte genickt. »Wir schmeißen jetzt die Station, Telje und Tom, wie klingt das?«

»Na ja, ganz gut.« Telje hatte ihn ernst angesehen.

»Cool klingt das.« Er hatte die Mundwinkel zu einem demonstrativen Grinsen verzogen. »Und die weitere Station, wo zurzeit ein Kollege fehlt, gleich mit. Kein Problem für uns, oder?«

Irgendwie fühlte sich Telje ein bisschen ausgenutzt, obwohl er sie in den ersten beiden Wochen erstaunlich umsichtig und entspannt in die Abläufe auf ihrer Station eingearbeitet hatte. Nur wenn Telje auf Professor Nagy und die Station Sieben zu sprechen kam, wurde Bertram auffällig wortkarg. Aber dann war er gleich wieder richtig nett. In seinem Beisein kommt es Telje vor, als sei sie schon ewig Ärztin und würde schon länger in der Renova-Klinik arbeiten. Sie hat überhaupt kein Problem, sich einzugewöhnen.

Auch heute erklärt Tom ihr geduldig die Krankenakten der einzelnen Patienten, diskutiert Therapien. Sie sitzen schon wieder länger im Ärztezimmer zusammen, zumindest länger als nötig. Die aktuellen Routinedinge sind eigentlich längst besprochen.

»Wo kommst du eigentlich her?«, fragt sie Tom auf einmal.

»Aus Fredenbüll, das ist nur ein paar Kilometer von hier.«

»Oh, spannend.« Bertram sieht sie interessiert an.

»Na ja. Das ist so ein kleines Kaff an der Küste.« Telje wundert sich. Was soll daran spannend sein?

»Ist ja eine tolle Gegend hier an der Nordsee.« Er grient sie an. »Musst du mir unbedingt mal zeigen, dein kleines Kaff an der Küste. Machen wir mal eine kleine Spritztour im Cabrio.« Tom hat einen alten roten Alfa Spider, damit hat sie ihn schon auf dem Parkplatz vorfahren sehen. »Oder wir sehen uns das mal von oben an.« Er blickt sie erwartungsvoll an.

»Wie, von oben?« Telje versteht nicht ganz.

»Ich hab einen Flugschein und ein Freund von mir hat eine schnuckelige kleine Einmotorige.«

In dem Moment kommt Fenja, die junge Stationsschwester, in das Ärztezimmer gerauscht und sieht sie an, als hätte sie beide bei irgendetwas Verbotenem erwischt.

»Tom, ich brauche von dir noch den neuen Medikationsplan für Frau Schattschneider in Zweihundertdrei«, giftet sie den Stationsarzt an. Von seiner geplanten Erkundungstour mit Telje in die nordfriesische Provinz hält sie offenbar nicht allzu viel. »Und ich brauche die Dosierungen …« Sie sieht ihn streng an. »… übrigens, kleine Erinnerung: Wir wollten in den nächsten Tagen zum Surfen und heute Abend hast du mir einen Cocktail versprochen.«

»Na, klar«, gibt der Doktor achselzuckend zurück. »Ich weiß jetzt gar nicht, was das eine mit dem anderen zu tun haben soll.«

Telje fällt ein, dass sie ganz dringend nach einer Patientin sehen muss, und sie ergreift die Flucht. Von Krankenhausflirts will sie im Augenblick nichts wissen. Schließlich ist sie übermorgen mit ihrem Jugendfreund Tjark verabredet, der ihr vor zwei Jahren das Leben gerettet hat. Seitdem sie wieder hier im Norden ist, will sie Tjark treffen. Er ruft sie täglich an, aber es ist immer irgendetwas. Telje ist tatsächlich im Stress.

5

Es ist ein schöner Frühsommertag. Ein bisschen kühl, aber sonnig. Zum Baden sind es noch nicht die richtigen Temperaturen. Doch zumindest mit den Füßen war Merle schon mal im Wasser. Bounty und Giselle sind zusammen mit dem Schimmelreiter und seiner Freundin Merle an die Badestelle in Neutönninger Siel gefahren. Für Sandwiches aus der »Hidden Kist« ist gesorgt. Und Merle hat ihre kleine Tochter Annabelle mitgebracht.

Der Schimmelreiter Hauke Schröder und Merle haben die alte Sommerliebe aufleben lassen, seit sie sich nach etlichen Jahren im letzten Herbst wiedergesehen hatten. Seitdem heißt Annabelle Annabelle Sunshine, das hatten Bounty und der Schimmelreiter sich damals bei einem gemütlichen Tütchen am Strand ausgedacht. »Annabelle Sunshine Schröder, klingt geil!«, findet der Althippie noch immer. Die inzwischen Vierjährige musste sich an den Namen ein bisschen gewöhnen, aber inzwischen gefällt er ihr richtig gut.

Im letzten Jahr hatte Hauke für seine Firma »Tapeten Tobarben« mal wieder auf Amrum zu tun gehabt. Bei seinem Treffen mit Merle und ihrer Tochter war ihm aufgefallen, dass Annabelle ziemlich genau neun Monate nach seiner Romanze mit Merle auf die Welt gekommen war. Es ist mittlerweile mehr als ein Verdacht, Hauke ist sich eigentlich sicher. Aber Merle hält sich bedeckt. Irgendwie versteht er das nicht. Und ob sie so richtig zusammen sind, weiß er auch nicht recht. Sie sehen sich alle paar Wochen in Fredenbüll oder auf Amrum und blättern dabei nicht nur zusammen in Teppichmuster-Katalogen.

Ihre Wohnung auf Amrum meidet der Schimmelreiter allerdings. Merles Liaison mit dem Juniorchef des Hotels, in dem sie arbeitet, ist noch nicht wirklich beendet. »Aber ich arbeite dran«, hatte sie ihn neulich angelacht. Zwischenzeitlich wollte sie ihn auch schon überreden, als Hausmeister für das Hotel »Halligblick« anzuheuern. Aber das ist nichts für ihn. Der Schimmelreiter braucht die Freiheit, beruflich zumindest … und natürlich auf der Straße. Sein Mustang, Modell King Cobra, Baujahr neunzehnhundertachtundsiebzig, ist gerade wieder durch den TÜV gekommen.

Während Annabelle Sunshine ein paar Meter weiter mit nackten Füßen durchs Wasser hüpft, ist auch das Erwachsenenquartett blendender Laune. Kaum sitzen sie an der Badestelle im Gras, schon haben sie Appetit und fallen über die Fischbrötchen aus der »Hidden Kist« her. Dabei müssen sie höllisch aufpassen, dass ihnen Antjes leckere Sandwiches nicht von den Möwen weggeschnappt werden. Wie so oft brüten gleich mehrere Sturmmöwen an der Badestelle am Rand des kleinen Strandes und sogar auf dem DLRG-Häuschen. Ein Heringsburger mit Zwiebel-Chili-Gurkenrelish wird Merle gleich von einem herabstürzenden Vogel aus der Hand gerissen. Sie bekommt einen gewaltigen Schreck. Die nächsten Krabbenbrötchen und Matjesburger essen sie hinter vorgehaltener Hand, während der Schimmelreiter zur Abschreckung immer mal wieder wild mit einem Arm wedelt. Das solvente Tütchen, das Bounty als Dessert vorbereitet hat, können sie wenigstens in Ruhe genießen. Der Joint ist bereits ein paarmal herumgegangen, als Merle auf ein gar nicht so entferntes Möwennest deutet.

»Seht mal! Was ist das denn?«

»Das ist ein Möwennest.« Bounty klingt mal wieder tiefenentspannt, als würde er das Nest in den schönsten Regenbogenfarben sehen.

»Wo die Möwenmama dein leckeres Fischbrötchen gerade an ihre Jungen verfüttert.« Giselle staunt über den Appetit der in Tarnfarben gepunkteten Küken, die sich gerade um einen Zwiebelring streiten.

»Nein, das daneben!« Merle klingt beunruhigt. »Was ist das?«

»Dat sind die Jungen … man nennt sie auch Küken.« Der Schimmelreiter nimmt einen ausgiebigen Zug aus dem Joint.

»Voll flauschig, die Küken im Tarnanzug.« Bounty klingt auch irgendwie flauschig. »Möwen im Military-Look«, grinst er.

»Das mein ich doch nicht. Jetzt schaut doch mal hin. Ein Junges sitzt doch auf … was ist das?«, ruft Merle. »So eine Art Dose.«

»Ja, stimmt, was is dat?« Hauke sieht es jetzt auch. »Bierdose is dat nich.«

»Nein, größer«, stellt Giselle fest.

»Viiiel größer.« Bounty glaubt, er halluziniert.

»Das sieht aus … nein, das kann nicht sein … wie eine Urne … wie eine Urne bei einer Bestattung.« Giselle nimmt die Sonnenbrille ab, um besser sehen zu können.

»’ne Uuurne?« Bounty hat kurz den Verdacht, dass mit seiner Kräutermischung etwas nicht in Ordnung ist. Aber das kann nicht sein, das Gras kommt aus seinem Garten.

Annabelle Sunshine, Merle und Giselle gehen mit vorsichtigen Schritten auf das Nest zu. Hauke und Bounty folgen ihnen. Sie wollen die Möwenmutter und ihre Jungen nicht verschrecken, aber dieses seltsame Gefäß müssen sie doch mal genauer inspizieren.

Dann entdeckt Giselle zwei stilisierte Olivenbaumzweige. »Das ist ganz klar ’ne Urne.«

»Is ja irre.« Bounty kann es immer noch nicht glauben.

»Unheimlich.« Merle ist nicht wohl dabei.

»Normal is dat nich«, konstatiert der Schimmelreiter.

Das bekiffte Quartett ist ratlos und dann greift der Althippie zum Handy.

»Ich ruf lieber mal bei Thies an.«

6

»Sehr schön, Frau McMurphy, ich sehe, wir haben Fortschritte gemacht.« Professor Nagy tritt an ihr Bett. Oberarzt Speiwill, Schwester Mildred und Stationspfleger Mirko stehen am Fußende Spalier. »Wie fühlen Sie sich?« Die leise Stimme mit dem ungarisch gefärbten Akzent findet die Patientin einerseits vertrauenerweckend, andererseits ist dieser nicht sehr große, eher schmächtige Mann mit dem grauen altmodischen Bürstenschnitt wie aus den Fünfzigerjahren ihr auch ein bisschen unheimlich.

Er wartet ihre Antwort gar nicht ab. »Besser, nicht wahr?«

»Ja, Herr Professor.« Ihre Stimme ist im ersten Moment noch leise, aber dann wird sie fester. »Ich fühle mich in den letzten Tagen …« Sie sucht nach Worten. »… wieder kräftiger.«

»Wir sind mit ihren aktuellen Werten sehr zufrieden.« Er lässt sich von der Oberschwester die Krankenakte reichen. »Nicht wahr, Speiwill?«

»Ja, sieht gar nicht schlecht aus.« Die blecherne Stimme des Oberarztes klingt nicht ganz so zuversichtlich. »Sie hat hier natürlich auch eine Hypertrichose entwickelt.« Er verschluckt das medizinische Fachwort, aber deutet dabei auf die entstandene Behaarung der Oberlippe.

»Hypertrichosis medicamentosa«, nickt der Professor, als sei dies eine freudige Erkenntnis.

»Haben wir das synthetische Hormon etwas zu hoch dosiert?«, raunt Speiwill dem Professor zu.

»Dafür können wir eine sehr erfreuliche Entwicklung bei den Telomeren beobachten. Nicht nur bei unseren Lieblingen im Labor, auch hier.« Nagy gibt sich keine Mühe, besonders leise zu sprechen.

»Telo … mere?«, fragt Patti McMurphy. »Hyper … trich …?

»Das hat alles seine Ordnung. Nichts von Bedeutung«, brummt Professor Nagy vor sich hin. »Wir sind auf einem guten Weg.«

»Was sind denn das für Veränderungen, die da mit mir passieren?« Die Patientin ist beunruhigt.

»Eine Zellulartherapie.« Aus dem Mund des Professors klingt es wie eine Zauberformel.

»… die nichts mit früheren Frischzellenkuren zu tun hat …«, erklärt Speiwill, »… in denen den Patienten die Zellaufschwemmungen ungeborener oder junger Kälber injiziert wurden.«

»Aber wir wollen ja keine Kuh aus Ihnen machen.« Dabei lächelt der Professor nicht, sondern sieht sie todernst an. Patti wird gleich ganz anders, aber sie lässt sich nichts anmerken.

»Wir sind da jetzt einen großen Schritt weiter«, fährt Speiwill fort. »Ihre Zellen werden erneuert sozusagen. Wir haben eine Substanz entwickelt, die Ihre Zellen schützt, vor Mutationen, vor Alterung. Wir bringen die Zellen in Schwung!« Der kühle Speiwill wird regelrecht emotional.

»Sie werden zu neuem Leben erwachen.« Der Professor mustert seine Patientin diabolisch aus seinen hellgrauen Augen, die sich plötzlich zu verdunkeln scheinen.

»Wir werden dann jetzt auch zu sportlichen Aktivitäten kommen.« Schwester Mildred sieht sie streng an, als wolle sie Patti in eine Folterkammer schicken.

»Morgen geht es nach draußen auf den Basketballplatz«, meldet sich erstmals Krankenpfleger Mirko zu Wort.

Die Aussicht auf ein Basketballspiel bringt Patti mehr in Schwung als jede Frischzellenkur. Dabei fällt ihr gleich wieder ihre Bettnachbarin Yvonne ein, die genauso wie sie früher Basketball gespielt hat und die wie sie von einem neuen, ewig jungen Leben träumte.

Nach dem Unfalltod ihres Partners und einer sich anschließenden langen depressiven Phase will Patti noch einmal neu anfangen, in einer neuen Stadt mit neuen Freunden. Alte Freunde hat sie nicht, keine Kinder und eigentlich auch keine Familie, nur eine demente Mutter in einem Pflegeheim bei Bad Nauheim und eine Schwester im fernen Neuseeland. Deswegen hatte sie sich mit ihrer Bettnachbarin Yvonne gleich so gut verstanden. Yvonne hatte ebenfalls keine Familie. Sie hatten beide keinen Besuch hier in der Klinik bekommen. Irgendwie hatte sie das verbunden.

»Wo ist eigentlich meine Nachbarin Yvonne geblieben?«, fragt sie in die Runde.

»Yvonne?« Der Professor ist nicht recht orientiert. Oder tut er nur so?

»Yvonne Paschke«, hilft die Oberschwester ihm auf die Sprünge.

»Yvonne Paschke«, brummt Nagy. »Natürlich.«

»Frau Paschke hat die Renova-Klinik verlassen.« Mildred fasst sich in die Dauerwelle. »Entlassen auf Wunsch der Patientin.«

»Ach so«, stammelt Patti. Irgendwie befriedigt sie diese Auskunft nicht. Sie findet sie eher beunruhigend. Wo ist Yvonne geblieben? Ist sie einfach so gegangen, ohne sich zu verabschieden?

Gerade eben hatte sie sich besser gefühlt, nach den aufmunternden Worten des Professors. Sie war tatsächlich wieder fit, einigermaßen fit zumindest. Morgen darf sie mal nach draußen, und dann auch noch auf einen Basketballplatz. Jetzt kommen ihr doch auf einmal Zweifel. Vorhin vor dem Spiegel meinte sie, bereits einen Schimmer auf ihrer Oberlippe bemerkt zu haben. Sie streicht sich unter der Nase über die Haut, von unten nach oben, von den Seiten zur Mitte. Ein paar Härchen waren da immer schon, aber auf einmal fühlt sich das richtig stoppelig an. Was ist mit ihr passiert? Patti wühlt sich hektisch aus dem Bett und läuft mit Herzklopfen in das kleine Bad vor den Spiegel.

7

»Da muss ich mehrmals fahren«, stellt Thies fest, als er ein weiteres Paket zu seinem Polizeiwagen trägt, während Schnauzermischling Kuddel laut niesend an dem Paket hochspringt. »Alle Pakete krieg ich da nich rein.« Aber Klaas’ Lastenfahrrad ist für die große Paketpost erst recht nicht das geeignete Transportmittel.

»Die beiden Weinkisten muss ich noch mal extra bringen.« Vorher braucht Thies aber erst mal einen Kaffee.

Das Vorhaben, seine Polizeistation zum Paketpostamt umzufunktionieren, hat er im letzten Moment noch abwenden können. Er hat spontan im Friseursalon bei Alexandra angerufen, ob sie nicht ein paar Pakete unterbringen könne. Nur zwischenzeitlich. Der hintere Raum des Salons, wo immer noch die längst stillgelegte und leicht eingestaubte Sonnenbank steht, wird nicht mehr genutzt, seitdem dort vor Jahren der örtliche Versicherungsvertreter im Solarium zu Tode gegrillt wurde. Der Frisierbetrieb spielt sich ausschließlich im vorderen Teil ab. Salonchefin Alexandra war gerade so im Stress, dass sie nicht protestieren konnte. So will Thies sich mit Klaas zusammen und drei Dutzend Paketen auf den Weg in den Salon machen.

»Vorsicht, verheb dich nich«, ruft Antje Thies zu.

»Den Weinkarton können wir eigentlich hierbehalten«, schlägt Piet Paulsen vor, obwohl er eigentlich Biertrinker ist. »Können wir dann demnächst auf den Klassenerhalt anstoßen.«

»Ja, Piet, wat is eigentlich? Deine Flagge steht immer noch auf halbmast.« Das ist Klaas schon lange ein Dorn im Auge. Während der Zeit in der zweiten Liga hatte Piet die HSV-Flagge im Vorgarten auf halbmast gesetzt und da hängt sie seltsamerweise immer noch.

»Weiß auch nich, der Seilzug klemmt irgendwie.« Er winkt ab. »Dat is nach sieben Jahren alles festgerostet.«

»Lass doch hängen … fürs nächste Jahr.« Antje grient. »Die Arbeit kannst du dir sparen.«

Paulsen hört gar nicht hin und Antje macht vor dem Tresen eine Dehnübung.

»Das viele Stehen vor der Fritteuse über all die Jahre, dat geht auf die Bandscheibe.« Die Imbisswirtin hat zunehmend Probleme mit dem Rücken. Jeden Morgen macht sie ihr Übungsprogramm nach Pieper-Kracht. »Langsam dehnen bis zum Wohlfühlschmerz«, wie es der Rückenguru im Internet gebetsmühlenartig verkündet.

»Antje, mach mir lieber mal ’n Wohlfühlpils.« Piet Paulsen hat sein eigenes Mantra.