Eines Abends in Paris - Nicolas Barreau - E-Book

Eines Abends in Paris E-Book

Nicolas Barreau

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Beschreibung

Jeden Mittwoch kommt eine junge Frau im roten Mantel in Alain Bonnards kleines Pariser Programmkino, und immer sitzt sie auf demselben Platz in Reihe 17. Eines Abends fasst sich Alain ein Herz und spricht sie an. Sie verbringen den Abend miteinander, doch in der Woche darauf taucht sie nicht mehr auf. Obwohl er von ihr kaum mehr als ihren Vornamen weiß, begibt sich Alain auf die Suche nach ihr und erlebt eine Geschichte, wie sie kein Film schöner erzählen könnte...

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Übersetzung aus dem Französischen von Sophie Scherrer

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96298-8

© 2012 Nicolas Barreau Deutschsprachige Ausgabe: © 2012 Thiele Verlag in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München und Wien Umschlaggestaltung: semper smile, München, nach einem Entwurf von Christina Krutz, Biebesheim am Rhein Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Was im Leben du auch anfängst,tu es mit Liebe.

1

Eines Abends in Paris, es war etwa ein Jahr nachdem das Cinéma Paradis wieder eröffnet worden war, und genau zwei Tage nachdem ich das Mädchen im roten Mantel zum ersten Mal geküsst hatte und voller Unruhe unserer nächsten Begegnung entgegenfieberte, passierte etwas Unglaubliches. Etwas, das mein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte und mein kleines Kino zu einem magischen Ort werden ließ – einem Ort, an dem sich Sehnsüchte und Erinnerungen trafen, einem Ort, an dem Träume plötzlich wahr werden sollten.

Von einem Moment auf den anderen war ich Teil einer Geschichte, wie sie kein Kino schöner erfinden kann. Ich, Alain Bonnard, wurde herausgerissen aus meiner gewohnten Umlaufbahn und hineinkatapultiert in das größte Abenteuer meines Lebens.

»Du bist ein Mann der Peripherie, ein Beobachter, der es vorzieht, am Rand des Geschehens zu stehen«, hatte Robert einmal zu mir gesagt. »Mach dir nichts draus.«

Robert ist in erster Linie mein Freund. In zweiter Linie ist er Astrophysiker und nervt seine Umwelt damit, die astrophysikalischen Gesetze auf die Dinge des täglichen Lebens zu übertragen.

Mit einem Mal war ich nun also kein Beobachter mehr, sondern war mittendrin in diesem turbulenten, unerwarteten, verwirrenden Geschehen, das mir den Atem raubte und bisweilen auch den Verstand. Das Schicksal hatte mir ein Geschenk gemacht, ich hatte es überwältigt entgegengenommen und hätte dabei fast die Frau verloren, die ich liebte.

An jenem Abend aber, als ich nach der letzten Vorstellung auf die regennasse Straße hinaustrat, in der sich zögernd das Licht einer Laterne spiegelte, ahnte ich noch nichts von alledem.

Und ich wusste auch nicht, dass das Cinéma Paradis den Schlüssel zu einem Geheimnis barg, von dem mein ganzes Glück abhängen sollte.

Ich ließ das Gitter herunter, um abzuschließen, streckte mich und atmete tief durch. Der Regen hatte aufgehört, nur ein kleiner Schauer. Die Luft war weich und frühlingshaft. Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch und wandte mich zum Gehen. Erst da bemerkte ich den kleinen schmächtigen Mann im Trenchcoat, der mit seiner blonden Begleiterin im Halbdunkel stand und das Kino interessiert in Augenschein nahm.

»Hi«, sagte er mit unverkennbar amerikanischem Akzent. »Sind Sie der Besitzer dieses Kinos? Great film, by the way.« Er wies auf den Schaukasten, und sein Blick blieb anerkennend an dem Schwarz-Weiß-Plakat des Films The Artist hängen, dessen altmodische Stille vor allem die Bewohner der neuen Welt völlig aus der Fassung gebracht hatte.

Ich nickte kurz und war schon darauf gefasst, dass er mir jetzt eine Kamera in die Hand drücken und mich bitten würde, von sich und seiner Frau ein Foto vor meinem Filmtheater zu machen, das zwar nicht das älteste von Paris ist, aber eben doch eines dieser kleinen alten plüschigen Kinos, die heutzutage traurigerweise vom Aussterben bedroht sind, als der kleine Mann einen Schritt näher trat und mir durch seine Hornbrille einen freundlichen Blick zuwarf. Mit einem Mal meinte ich ihn zu kennen, aber ich hätte nicht sagen können, woher.

»Wir würden uns gerne mit Ihnen unterhalten, Monsieur …«

»Bonnard«, sagte ich. »Alain Bonnard.«

Er streckte mir die Hand hin, und ich schüttelte sie, einigermaßen verwirrt.

»Kennen wir uns?«

»Nein, nein, ich glaube nicht. Anyway … nice to meet you, Monsieur Bonnard. Ich bin …«

»Oh, sind Sie etwa verwandt mit dem Bonnard? Dem Maler?«

Die blonde Frau war aus dem Schatten getreten und sah mich aus ihren blauen Augen belustigt an.

Dieses Gesicht hatte ich ganz bestimmt schon einmal gesehen. Viele Male sogar.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff. Und noch bevor der Amerikaner in dem beigefarbenen Trenchcoat seinen Satz zu Ende brachte, wusste ich, wen ich vor mir hatte.

Keiner kann es mir verdenken, dass ich die Augen aufriss und mir vor Überraschung der Schlüsselbund aus der Hand glitt. Die ganze Szenerie war – um es mit den Worten des schüchternen Buchhändlers aus dem Film Notting Hill zu sagen – einigermaßen surreal. Einzig das Geräusch der Schlüssel, die mit einem leisen Klirren vor mir auf dem Trottoir landeten, überzeugte mich davon, dass dies alles wirklich passierte. So unwirklich es auch war.

2

Als Kind schon waren die schönsten Nachmittage jene, die ich mit Onkel Bernard verbrachte. Wenn meine Schulkameraden sich zum Fußball verabredeten, Musik hörten oder hübsche Mädchen an den Zöpfen zogen, rannte ich die Rue Bonaparte hinunter, bis ich die Seine sehen konnte, bog noch zweimal um die Ecke, und dann lag die kleine Straße vor mir, in der sich das Haus meiner Träume befand – das Cinéma Paradis.

Onkel Bernard war so etwas wie das schwarze Schaf in der Familie der Bonnards, wo alle vorwiegend in juristischen oder administrativen Berufen arbeiteten – der Betreiber eines Cinéma d’Art, eines kleinen Lichtspieltheaters, der nichts anderes tat, als sich Filme anzuschauen und sie vorzuführen, wo man doch wusste, dass Filme den Menschen nur Flausen in den Kopf setzten – nein, das war wenig respektabel! Meine Eltern fanden meine Freundschaft mit dem unkonventionellen Onkel, der nicht verheiratet war, 1968 im »Pariser Mai« zusammen mit aufgebrachten Studenten und Filmschaffenden wie dem berühmten François Truffaut gegen die Schließung der Cinémathèque française durch den Kultusminister demonstriert hatte und nachts sogar manchmal auf dem zerschlissenen roten Sofa im Vorführraum übernachtete, etwas befremdlich. Doch da ich ein guter Schüler war und auch sonst keine Probleme machte, ließen sie mich ziehen. Sie hofften wohl, dass mein »cinéastischer Spleen« irgendwann von selbst vorübergehen würde.

Ich hingegen hoffte das nicht. Über dem altmodischen Kassenhäuschen des Paradis hing ein Plakat mit den Köpfen der großen Regisseure, und darunter stand Le rêve est réalité – »Der Traum ist Wirklichkeit«. Das gefiel mir außerordentlich. Und dass der Erfinder des Films ein Franzose namens Louis Lumière gewesen war, entzückte mich.

»Meine Güte, Onkel Bernard«, rief ich aus und klatschte in kindlicher Begeisterung in die Hände. »Der Mann brachte das Licht auf die Leinwand, und er heißt auch so – Lumière, das ist ja großartig!«

Onkel Bernard lachte und legte behutsam eine dieser großen Filmrollen ein, die es damals noch in allen Kinos gab und die Tausende von einzelnen Augenblicken zu einem großen wundervollen Ganzen zusammenfügten, wenn sie sich über dem Filmprojektor drehten – in meinen Augen pure Magie.

Ich war Monsieur Lumière wirklich zutiefst dankbar für die Erfindung des Cinématographen, und ich glaube, ich war in meiner Klasse der Einzige, der wusste, dass der erste, nur wenige Sekunden dauernde Film aus dem Jahre 1895 die Ankunft eines Zuges im Bahnhof von Ciotat zeigt. Und dass das französische Kino in seiner Seele ein zutiefst impressionistisches Kino ist, wie Onkel Bernard mir immer wieder versicherte. Ich hatte keine Ahnung, was »impressionistisch« bedeutete, aber es musste etwas Wunderbares sein.

Als unsere Klasse kurze Zeit später mit Madame Baland, der Kunstlehrerin, ins Jeu de Paume ging, wo damals noch die Gemälde der Impressionisten hingen, bevor sie in den alten Bahnhof am Quai d’Orsay umzogen, entdeckte ich unter den zart hingetupften, lichtdurchfluteten Landschaften auch eine schwarze, weißen Rauch ausstoßende Lokomotive, die in einen Bahnhof fährt.

Ich sah mir das Gemälde lange an und glaubte nun zu wissen, warum man das französische Kino »impressionistisch« nannte. Es hatte etwas mit ankommenden Zügen zu tun.

Onkel Bernard zog amüsiert die Augenbrauen hoch, als ich ihm meine Theorie erklärte, aber er war zu gutmütig, um mich zu korrigieren.

Stattdessen brachte er mir bei, wie man den Filmprojektor bedient und dass man immer höllisch achtgeben muss, dass der Zelluloidstreifen niemals zu lange über dem Lichtstrahl schwebt.

Als wir einmal zusammen den Film Cinema Paradiso anschauten, verstand ich auch, warum. Dieser italienische Klassiker war einer der Lieblingsfilme meines Onkels – vermutlich hatte er sogar sein Kino danach benannt, obwohl es kein französischer Film mit impressionistischer Seele war. »Nicht schlecht für einen italienischen Film, pas mal,hein?«, brummte er in seiner bärbeißig-patriotischen Art und konnte doch kaum seine Rührung verbergen. »Ja, man muss zugeben, auch die Italiener können was.«

Ich nickte, noch ganz erschüttert von dem tragischen Schicksal des alten Filmvorführers, der durch einen Brand in seinem Kino erblindet. Natürlich fand ich mich in dem kleinen Jungen Toto wieder, auch wenn meine Mutter mich nie geschlagen hat, weil ich mein Geld für Kinovorstellungen ausgab. Das musste ich ja auch nicht, denn ich bekam die schönsten Filme umsonst zu sehen, auch solche, die für einen elfjährigen Jungen nicht immer geeignet waren.

Onkel Bernard scherte sich nicht um Altersbeschränkungen, solange es »ein guter Film« war. Und ein guter Film war ein Film mit einer Idee. Ein Film, der die Menschen berührte, der ihnen Mitgefühl entgegenbrachte bei dem schwierigen Versuch, zu »sein«. Der ihnen einen Traum mit auf den Weg gab, an dem sie sich festhalten konnten, in diesem Leben, das nicht immer einfach war.

Cocteau, Truffaut, Godard, Sautet, Chabrol, Malle – sie waren wie Nachbarn für mich.

Ich drückte dem Kleinganoven aus Außer Atem die Daumen, ich streifte mir mit Orphée die dünnen Handschuhe über und teilte Spiegel, um hindurchzuschreiten und Eurydice aus der Unterwelt zu befreien. Ich bewunderte die überirdisch schöne Belle aus La Belle et la Bête, wenn sie mit ihrem hüftlangen blonden Haar und einem flackernden fünfarmigen Leuchter vor dem traurigen Monster die Treppe emporschritt, und bangte mit dem jüdischen Intendanten Lucas Steiner aus Die letzte Métro, der sich in einem Keller unter seinem Theater versteckt halten und mit anhören musste, wie sich oben auf der Bühne seine Frau in einen Schauspielerkollegen verliebte. Ich schrie mit den Jungen aus Der Krieg der Knöpfe, die sich gegenseitig verprügelten. Ich litt mit dem verstörten Baptiste aus Kinder des Olymp, der im Gedränge seine Garançe für immer verlor, war zutiefst entsetzt, als Fanny Ardant in Die Frau nebenan am Ende ihren Liebhaber und anschließend auch noch sich selbst in den Kopf schoss, fand Zazie aus Zazie dans le Métro ziemlich schräg mit ihren großen Augen und ihrer Zahnlücke und lachte über die Marx Brothers in der Oper und all die schlagfertigen Wortgefechte der streitbaren Paare in den Komödien von Billy Wilder, Ernst Lubitsch und Preston Sturgis, die bei Onkel Bernard immer nur Les Américains hießen.

Preston Sturgis, so erklärte mir Onkel Bernard einmal, hatte sogar die goldenen Regeln für eine Filmkomödie aufgestellt: Eine Verfolgungsjagd ist besser als ein Gespräch. Ein Schlafzimmer ist besser als ein Wohnzimmer, und eine Ankunft ist besser als eine Abreise. Diese Regeln der Komik weiß ich noch heute.

Les Américains waren natürlich nicht so impressionistisch wie »wir Franzosen«, aber sie waren äußerst komisch, und ihre Dialoge waren sehr pointiert – anders als bei den französischen Filmen, wo man oft das Gefühl hatte, heimlicher Zeuge wortreicher Diskussionen zu sein, die auf der Straße, im Café, am Meer oder im Bett stattfanden.

Man kann sagen, dass ich schließlich mit dreizehn Jahren schon sehr viel über das Leben wusste, auch wenn ich selbst noch nicht viel erlebt hatte.

Alle meine Freunde hatten schon ein Mädchen geküsst, ich träumte von der schönen Eva Marie Saint, die ich gerade in einem Hitchcock-Thriller gesehen hatte. Oder von dem lichtdurchfluteten Mädchen aus Jeux interdits, die inmitten der Gräuel des Zweiten Weltkriegs mit ihrem kleinen Freund Michel eine eigene Welt erschafft und Kreuze für tote Tiere auf einem geheimen Friedhof aufstellt.

Marie-Claire, ein Mädchen aus unserer Schule, erinnerte mich an die kleine Heldin aus Verbotene Spiele, und eines Tages lud ich sie zu einer Nachmittagsvorstellung in das Kino meines Onkels ein. Ich habe tatsächlich vergessen, was an diesem Tag gespielt wurde, aber ich weiß noch, dass wir uns den ganzen Film über an unseren verschwitzten Händen hielten und ich sie nicht einmal losließ, als meine Nase entsetzlich zu kribbeln begann.

Als der Abspann über die Leinwand flackerte, drückte sie mir ihre kirschroten Lippen fest auf den Mund, und wir waren in aller kindlichen Unschuld ein Paar – bis sie am Ende des Schuljahres mit ihren Eltern in eine andere Stadt zog, die nach Erwachsenenmaßstäben nicht weit von Paris lag, aber für einen Jungen meines Alters am Ende der Welt – und damit unerreichbar geworden war. Nach einigen Wochen tiefster Trauer beschloss ich, unsere unglückliche Geschichte später mit einem Film zu ehren.

Natürlich wollte ich eines Tages ein berühmter Regisseur werden. Und natürlich wurde ich es nicht. Ich folgte dem Drängen meines Vaters, studierte Betriebswirtschaft, weil man damit »immer etwas werden kann«, und arbeitete einige Jahre in einem großen Unternehmen in Lyon, das sich auf den Export von Luxusbadewannen und hochwertigen Badezimmerarmaturen spezialisiert hatte. Ich verdiente, obwohl noch jung, viel Geld. Meine Eltern waren stolz, dass nun doch etwas aus dem weltfremden Jungen von einst geworden war. Ich kaufte mir einen alten Citroën mit offenem Verdeck und hatte nun auch richtige Freundinnen. Nach einer Weile verließen sie mich wieder, enttäuscht darüber, dass ich am Ende doch nicht der tolle Macher war, für den sie mich anfangs wohl gehalten hatten.

Ich war nicht unglücklich und ich war nicht glücklich, doch als mich an einem heißen, stickigen Sommernachmittag ein Brief von Onkel Bernard erreichte, wusste ich, dass sich alles ändern würde und dass ich tief im Inneren immer noch der Träumer war, der mit klopfendem Herzen in der Dunkelheit eines kleinen Kinosaals gesessen hatte, um in andere Welten einzutauchen.

Es war etwas geschehen, das niemand für möglich gehalten hatte. Onkel Bernard, inzwischen bereits dreiundsiebzig, hatte die Frau seines Lebens gefunden und wollte mit ihr an die Côte d’Azur ziehen, dorthin, wo es das ganze Jahr über warm war und die Landschaft in ein ganz besonderes Licht getaucht.

Ich verspürte einen kleinen Stich im Herzen, als ich las, dass er vorhatte, das Cinéma Paradis aufzugeben.

Seit ich Claudine kenne, habe ich das Gefühl, dass die ganze Zeit ein Filmprojektor zwischen mir und dem Leben gestanden hat, schrieb er mit seiner ungelenken Schrift.

Für meine letzten Jahre will ich nun selbst die Hauptrolle spielen. Trotzdem macht es mich traurig, dass aus dem Ort, an dem wir zusammen so viele wunderbare Nachmittage verbracht haben, vielleicht ein Restaurant wird oder einer dieser neumodischen Clubs.

Bei dem Gedanken, dass das alte Kino dergestalt umfunktioniert werden könnte, drehte sich mir der Magen um. Und als Onkel Bernard mich am Ende seines Briefes fragte, ob ich mir vielleicht vorstellen könnte, nach Paris zurückzukehren und das Cinéma Paradis zu übernehmen, seufzte ich fast vor Erleichterung.

Auch wenn Du inzwischen ein ganz anderes Leben führst, mein Junge, so wärst Du doch der Einzige, den ich mir als meinen Nachfolger vorstellen könnte. Du hast schon als Kind diese Kinoverrücktheit gehabt und ein ausgezeichnetes Gespür für gute Filme.

Ich musste lächeln, als ich an Onkel Bernards emphatische Vorträge von einst dachte, dann glitt mein Blick über die letzten Zeilen seines Briefes, und noch lange nachdem ich sie gelesen hatte, starrte ich auf das Papier, das in meinen Händen angefangen hatte zu zittern und sich dann mit einem Riss zu öffnen schien, wie damals die Spiegel des Orphée.

Weißt du noch, Alain, wie du mich immer gefragt hast, warum du die Filme mehr liebst als alles andere? Heute will ich es dir verraten. Der kürzeste Weg führt über das Auge zum Herzen. Vergiss das nie, mein Junge.

Ein halbes Jahr später stand ich auf dem Bahnsteig des Pariser Gare de Lyon, von dem aus alle Züge in Richtung Süden fahren, und winkte Onkel Bernard nach, der mit seiner Liebsten, einer entzückenden kleinen Dame mit unzähligen Lachfältchen, entschwand.

 Ich winkte, bis ich nur noch sein weißes Taschentuch sehen konnte, das unternehmungslustig im Wind flatterte. Dann nahm ich mir ein Taxi, das mich zurückbrachte zum wichtigsten Ort meiner Kindheit. Zum Cinéma Paradis, das nun mir gehörte.

3

In Zeiten wie diesen ist es nicht einfach, ein kleines Programmkino zu führen, ich meine eines, das in erster Linie versucht, von der Qualität seiner Filme zu leben und nicht von Werbeeinnahmen, riesigen Popcorneimern und Coca-Cola.

Die meisten Leute haben es verlernt, genau hinzuschauen, sich einfach einzulassen auf zwei Stunden, in denen die wesentlichen Dinge des Lebens angerissen werden, ob sie nun ernst oder heiter sind. Sich einzulassen, ohne zu essen, zu trinken, zu kauen und durch ihre Strohhalme zu schlürfen.

Als ich nach meiner Rückkehr nach Paris einmal in einem der großen Multiplex-Kinos auf den Champs-Elysées war, wurde mir klar, dass meine Vorstellung vom Filmtheater, dem man auch einen gewissen Respekt erweisen sollte, vielleicht etwas anachronistisch geworden war, und ich weiß noch, dass ich mir plötzlich, obwohl gerade neunundzwanzig Jahre alt geworden, ziemlich démodé und deplatziert vorkam in dem ganzen Geplapper und Geraschel um mich herum.

Kein Wunder, dass die Filme heute immer lauter und schneller werden, immerhin müssen die großen Hollywood-Blockbuster und Actionfilme, die auch in Europa ein Millionenpublikum anlocken sollen, ja den ganzen Lärm übertönen, der in einem solchen Kinosaal herrscht, und der zunehmenden Unkonzentriertheit des Publikums immer neue Attraktionen entgegensetzen.

»Gibt es hier kein Popcorn?«, ist die immer wieder gestellte Frage in meinem Kino. Erst letzte Woche quengelte ein kleiner dicklicher Junge an der Hand seiner Mutter herum, weil die Vorstellung, zwei Stunden in einem Sessel zu sitzen und Der kleine Nick anzuschauen, ohne sich dabei etwas in den Mund zu stopfen, offenbar unerhört war.

»Kein Popcorn?«, wiederholte er fassungslos und verdrehte seinen Hals, um nach einer entsprechenden Glasvitrine Ausschau zu halten.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, hier gibt es nur Filme.«

Auch wenn mir diese Antwort immer einen gewissen Triumph bereitet, mache ich mir doch manchmal Sorgen um die Zukunft meines Kinos.

Nach meiner Rückkehr aus Lyon hatte ich einiges Geld in die Renovierung des Cinéma Paradis gesteckt, die bröckelnde Fassade war ausgebessert und gestrichen worden, der alte Teppich wurde erneuert, die weinroten Kinosessel gereinigt und die Technik insoweit aufgerüstet, dass ich neben den alten Filmrollen nun auch digitale Filme abspielen konnte. Ich hatte einen gewissen Anspruch, was die Auswahl meines Programms anging, der sich zwangsläufig nicht immer mit dem Geschmack der Massen deckte.

François, ein Student der Filmhochschule, half mir bei den Vorführungen, und Madame Clément, eine ältere Dame, die früher im Printemps gearbeitet hatte, saß abends an der Kasse, wenn ich es nicht selbst war, der die Karten verkaufte.

Als ich das Cinéma Paradis wieder eröffnete, kamen viele, die das Kino noch von früher kannten. Und auch viele, die neugierig geworden waren, weil die Neueröffnung einigen Zeitungen doch eine kleine Meldung wert gewesen war. Die ersten Monate liefen gut an, dann kamen Zeiten, in denen der Kinosaal nur zur Hälfte gefüllt war, wenn überhaupt. Oft genug machte mir Madame Clément ein Zeichen, um anzuzeigen, wie viele Zuschauer wir am Abend hatten – manchmal reichten dafür zehn Finger.

Nicht dass ich geglaubt hätte, ein kleines Kino sei eine Goldgrube, aber meine Ersparnisse waren ziemlich zusammengeschmolzen und ich musste mir etwas überlegen. So kam ich auf die Idee, jeden Mittwochabend eine zusätzliche Spätvorstellung zu geben – mit jenen alten Filmen, die mich früher so begeistert hatten.

Das Besondere an diesem Konzept war, dass die Filme wöchentlich wechselten und dass es allesamt Liebesfilme waren, wenn auch im weiteren Sinne. Ich gab dem Ganzen den Namen Les Amours au Paradis und freute mich, als die Spätvorstellungen am Mittwoch sich zu füllen begannen. Und wenn ich an diesen Abenden nach dem Abspann die Türen des Kinosaals öffnete und die Liebespaare sah, die eng aneinandergeschmiegt und mit glänzenden Augen das Kino verließen, einen Geschäftsmann, der vor lauter Beschwingtheit seine Aktentasche in den Stuhlreihen vergaß, oder eine alte Dame, die auf mich zukam, mir persönlich die Hand schütteln wollte und mir mit sehnsüchtigem Blick erklärte, dass dieser Film sie an die Zeit erinnerte, als sie noch jung war, wusste ich, dass ich den schönsten Beruf der Welt hatte.

An diesen Abenden lag ein ganz besonderer Zauber über dem Cinéma Paradis. Es war mein Kino, das den Menschen Träume schenkte, so wie es Onkel Bernard immer gesagt hatte.

Doch seit die junge Frau im roten Mantel mittwochs in die Spätvorstellung kam und mir jedes Mal wenn sie an die Kasse trat, ein schüchternes Lächeln zuwarf, war ich selbst es, der anfing zu träumen.

4

»Was meinst du damit, du hast sie noch nie gefragt? Wie lange kommt sie denn schon in dein Kino?«

Mein Freund Robert wippte ungeduldig auf seinem Stuhl. Wir saßen draußen im Café de La Mairie, einem kleinen Café, das links neben der Saint-Sulpice-Kirche liegt, und obwohl es erst März war und das Wetter in den vergangenen Wochen eher regnerisch gewesen war, brannte die Sonne auf unsere Gesichter.

Wenn wir uns mittags treffen, will Robert immer ins Café de La Mairie, weil es dort angeblich die beste Vinaigrette für seinen geliebten Salade Paysanne gibt, die in eigens dafür abgefüllten Glasfläschchen auf den Tisch gestellt wird.

»Nun ja…« Ich sah zu, wie er mit einem Schwung das ganze Fläschchen über dem Salat leerte. »Ich würde sagen, das Ganze geht seit Dezember.«

Mein Freund warf mir einen überraschten Blick zu. »Das Ganze? Wie meinst du das jetzt wieder? Also läuft denn was zwischen euch oder nicht?«

Ich schüttelte den Kopf und seufzte. Für Robert ist die erste und einzig entscheidende Frage, ob »etwas läuft« zwischen einem Mann und einer Frau. Der Rest interessiert ihn nicht. Er ist Naturwissenschaftler und zutiefst unromantisch. Er kennt keine Zwischentöne, und das Glück verstohlener Blicke ist ihm fremd. Wenn er eine Frau toll findet, dann läuft da auch was, meistens schon am ersten Abend. Kein Ahnung, wie er das macht. Natürlich kann er sehr charmant und lustig sein. Und er legt Frauen gegenüber eine entwaffnende Ehrlichkeit an den Tag, der sich die meisten offenbar schwer entziehen können.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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