Eines Morgens in Paris - Charles Scott Richardson - E-Book
Beschreibung

Octavio ist Bäcker, sammelt Bücher und lernt durch eine Verkettung von Zufällen Isabeau kennen - die Liebe seines Lebens. Ein in grünes Leinen gebundenes Buch spielt dabei eine genauso große Rolle wie ein halbblinder Uhrmacher, eine Buchhändler-Familie und ein Künstler. Und dann ist da noch die schrullige Stammkundschaft der Boulangerie… Wir werden Zeuge einer gleichermaßen außergewöhnlichen wie unwahrscheinlichen Liebesgeschichte, die vom Glück des Zufalls und der Liebe erzählt. Charles Scott Richardsons Roman ist eine zauberhafte, rührende Ode an das Leben und eine ganz besondere Entdeckung für alle, die auch Die fabelhafte Welt der Amélie lieben.

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EPUB

Seitenzahl:247

Sammlungen



C. S. Richardson

Eines Morgens in Paris

Roman

Aus dem kanadischen Englisch von Giovanni und Ditte Bandini

Atlantik

Für Hannah und Alexander

Der Beobachter ist ein Fürst, der überall sein Inkognito genießt. Der Liebhaber des Lebens macht sich die Welt zur Familie, wie der Liebhaber des schönen Geschlechts sich eine Familie aus allen gefundenen, erreichbaren und unerreichbaren Schönheiten bildet; wie der Liebhaber von Bildern in einer Zauberwelt der Träume lebt, die auf Leinwand gemalt sind.

 

Charles Baudelaire

Der Maler des modernen Lebens, 1863

Für die geschwätzige Stammkundschaft der Bäckerei wird es unwiderstehlich: der Rauch in ihren Nasen, die Stimmen unter ihren Fenstern, die Schritte der Neugier im Anmarsch. Sie sind als Erste da, die Wichtigtuer, beschatten ihre schaulustigen Augen gegen die Sonne und tauschen ihre Theorien.

Merken Sie sich diesen Tag, sagt jemand. Wir erleben hier das Werk des Teufels. Nur der Satan würde eine Bibliothek verbrennen.

Es ist die Vorsehung, erhebt sich ein Widerspruch. Gottes Plan, der uns Sterblichen offenbart wird.

So oder so, sagt ein Dritter, ist es grausam. Wahrhaft grausam, einen guten Mann zu solch einem schrecklichen Schicksal zu verdammen.

Die besonneneren Kunden des Bäckerladens treffen ein. Manche, um ungläubig und wie angewurzelt auf dem Kopfsteinpflaster stehenzubleiben, andere, um hektisch auf und ab zu gehen, bereit, ihrem Bäcker irgendwie zu helfen. Ein alter Mann drängt sich durch die Menge und zieht an der blauen Tür des Bäckerladens. Die Schlösser halten stand, seine dicke Brille kommt durch die Anstrengung in Schieflage. Drei, vier Jungen zerstreuen sich auf der Suche nach Eimern; ein fünfter läuft los, um die Feuerwehr zu holen. Eine ältere Frau ruft ihm die Adresse hinterher.

Köpfekratzen und Händeringen. In der Sommerhitze werden Taschentücher aus Taschen und Ärmeln gezogen; Stirnen gewischt, Augen getupft, Münder bedeckt. Ein Hustenanfall, dann fragt jemand, ob einer den Bäcker gesehen hat.

Geht spazieren, könnte ich mir denken. Ist schließlich Sonntag.

Ein Glückstag also, und umso besser, dass unser Mann nicht hier ist. Stellen Sie sich vor, mit ansehen zu müssen, wie Ihr Leben in Rauch aufgeht. Ein noch größeres Glück, dass er nicht ebenfalls verkohlt ist.

Und was bleibt von diesem ganzen Glück, frage ich Sie, wenn er heimkommt und vor dem Nichts steht? Nachdem er so viel gesammelt hat, all diese Bücher? Das wird dem Mann das Herz brechen.

Wahrhaft grausam.

 

Die Menschenmenge wird zu einem kleinen unruhigen Meer vor dem Bäckerladen, jedes Gesicht zu einem perlenfarbenen Himmel gewandt. Sie schauen schweigend zu, halten ihre Kinder dicht bei sich, beten darum, dass die Feuerwehr nicht vom Verkehr aufgehalten wird. Über ihnen verschwindet die Wohnung des Bäckers.

Glimmende Flocken erblühen kurz in der schweren Luft, gleiten über hängende Schultern, ruhen einen Augenblick lang auf Schuhspitzen, sterben auf der Straße winzige Tode. Blicke hier und da: ein Satz, eine Phrase, ein verhallendes Wort treiben vorüber. Unter den verglühten weißen Stückchen sind Fetzen von rotem Leder und verschlissenen blauen Stoffen, die eingerollten, geschwärzten Ränder von Marmorpapieren, verschmorte Enden von Seidenbändchen, alles langsam zu Boden trudelnd.

An einem Julimorgen fängt es im 8. Pariser Arrondissement an zu schneien.

Seinerzeit war der Vater des Bäckers ein gefeierter Mann gewesen, obwohl er keinen offiziellen Titel innehatte. Nie hatte an der Tür seines Ladens das Schild gehangen: SEHEN SIE ÉMILE NOTRE-DAME, DEN DÜNNSTEN BÄCKER VON PARIS! Ebenso wenig war ihm je eingefallen, sich diese Eigenschaft zunutze zu machen und im Schaufenster den Hinweis zu platzieren: UND DOCH, WIE RUND SIND SEINE BROTE!

Seine magere Erscheinung war Quelle endloser Debatten unter den Stammkunden, wenn sie um ihr täglich Baguette anstanden. Manche behaupteten, Monsieur könnte ebenso gut unsichtbar sein. Mit diesen Beinen ist unser lieber Émile mehr denn aller Ehren wert. Andere waren sicher, dass es unter den zahllosen Bäckern der Stadt auch dürrere Kandidaten geben musste. Daraufhin gab jemand zu bedenken, dass es nicht Monsieurs Statur war, die ihn ehrenwert mache. Unser Mann leistet einen vorbildlichen Dienst, sagte er, seinem Handwerk ebenso wie uns. Er steht zu unchristlichen Uhrzeiten auf, backt uns bei noch so schlechtem Wetter gutes Brot und reicht es mit einem Lächeln und einer Geschichte über den Ladentisch. Von mir aus könnte er aus Zahnstochern gebaut sein.

Am Ende waren sie sich alle einig, dass es – in Anbetracht der Lockungen von Butter, Hefe und Eiern – an ein Wunder grenzte, wie ein Bäcker in Frankreich überhaupt so schlank sein konnte.

Das Volumen der Bäckersfrau gab nie Anlass zu Diskussionen. Eine Frau von italienischer Abstammung und hitziger Religiosität, war Madame Immacolata Notre-Dame ansonsten von großzügiger Rundheit. Einzig ihr Kopf war klein: eine zierliche Kugel, bedeckt mit straff ins Genick gezogenem Haar, die durch die hochgeschlossenen Kragen von Madames Blusen umso kleiner wirkte. Niemand redete sie mit Immacolata an. Für alle war sie schlicht und fromm Madame; und ihr Émile war jedermanns Monsieur.

 

Die Bäckerei nahm das Erdgeschoss eines schmalen keilförmigen Gebäudes ein, das im ganzen Viertel als das Tortenstück bekannt war. So weit irgendjemand zurückdenken konnte, stand in verschnörkelten Holzbuchstaben über ihren Schaufenstern

BOULA GERIE NOTRE-DAME

, wobei das N schon immer gefehlt hatte.

Alle, die den Laden besuchten, waren sich darin einig, dass die Beschilderung ebenso charmant war wie das gequetschte Dreieck von Gebäude, das die Bäckerei beherbergte, und das Dick und Dünn von deren Besitzerehepaar. Dennoch gab es Forderungen, dass Monsieur eine Reparatur vornähme. Die aufgeregteren Stammkunden beharrten, Touristen könnten, wenn sie irgendwo falsch abbogen und sich außerstande sahen, Boula und gerie zu entschlüsseln, zum Herumlungern verlockt werden. Sie werden sehen, Monsieur, wie sich diese armen Geschöpfe zur Mutmaßung versteigen, das unterbrochene Wort könnte Kathedrale bedeuten. Was sie nur umso ängstlicher machen wird, weil sie sich fragen werden, ob sie überhaupt im richtigen Arrondissement sind. Dann werden sie ihre Koffer entleeren, auf der Suche nach Sprachführern und Stadtplänen. Und dann, Monsieur, wird das Unausweichliche geschehen: Unterwäsche und Strümpfe, und der Himmel weiß, was noch, werden über die ganze Straße verstreut.

Um diese Bedenken zu zerstreuen, dachte sich Monsieur dann eine Geschichte über das Verschwinden des Ns aus. Er fing etwa damit an, dass er behauptete, Napoleon selbst habe es geklaut. Der General erwachte dann in der Gestalt Monsieurs zum Leben: wie er eine wackelige Leiter hinaufkletterte, sich nach dem ersehnten Buchstaben reckte, störrische Nagelköpfe mit den Fingern herauspulte. Und mit jeder Nacherzählung änderte sich der Verbleib des verschollenen Konsonanten. Einmal tauchte er im Invalidendom auf, mit Tapetenkleister an den Deckel des Sarkophags des großen Mannes geklebt. Monsieur sprang von der letzten unsichtbaren Sprosse und verbeugte sich tief.

Sie dürfen es gern zurückholen, meine Freunde.

 

Dass die Bäckerei sich in einem Gebäude befand, das nach einem Süßgebäck benannt war, stellte eine Ironie dar, die niemandem entging. Seit Jahrhunderten herrschte in der Welt eine Ordnung, eine naturgegebene Aufteilung gastronomischer Handwerksberufe. Bäcker kneteten ihren Teig, Konditoren echauffierten sich über ihr Marzipan. Jeder blieb für sich, ärgerlich genug, wenn der Zufall ihn an des anderen Laden vorbeiführte. Wollte man seine Familie ernähren, ging man zur boulangerie. Das Gelüst nach einer Makrone bedeutete einen Gang zur pâtisserie, und zwar einen flotten. Die Ordnung war richtig: Jeder wusste, dass es Unsinn war, beim Obsthändler nach einem Kürbis zu fragen; Hunde und Katzen im selben Wurf bedeuteten das Ende der Zivilisation.

Aber wir leben in modernen Zeiten, beeilten sich die Stammkunden zu erinnern. Wir müssen uns ändern, so wie die Welt es tut, Monsieur.

Viel zu leichtfertig für Monsieurs Geschmack. Brot war der Stoff des Lebens, für ihn der Stoff von Generationen: Die Notre-Dames waren so lange schon Bäcker, wie es überhaupt Notre-Dames gab. Wir haben Könige und Waschfrauen gespeist, pflegte er zu verkünden. Unsere Brote haben zahnende Säuglinge beruhigt und Revolutionen ausgelöst. Ich frage Sie: Würden Sie etwa das Cassoulet Ihrer Großmutter mit einer Handvoll Aprikosenmarmelade auftunken? Ich hoffe, doch wohl nicht.

Nein. Monsieur würde eine Zunft, die älter als die Pyramiden war, nicht dadurch verraten, dass er mit Crèmes und Glasuren herumalberte. Andere mochten ihre Éclairs neben ihren Bauernbrötchen anbieten – um Himmels willen nicht in derselben Vitrine! –, aber derlei Verbrüderung war nicht sein Fall. Eher lasse ich mich mit Mousse ausstopfen, knurrte er, als dass ich anfange, Eischnee in eine Torte zu löffeln und als Erfolg meiner Bemühungen vier Wochen verdorbenen Magen auftische.

Die gesamte Kundschaft hielt treu zu diesem Glaubensbekenntnis, wenngleich es vorkam, dass, sollte Monsieur sich eine Pause von den Öfen gönnen und zu seiner Frau nach oben begeben, einem Stammkunden eine leise Anspielung auf Himbeertörtchen entschlüpfte.

 

Die Wände des Bäckerladens waren mit Allegorien geschmückt: Eine rotwangige Frau drückte ein Bukett von Weizenähren an ihren Busen; ein lachender Bäcker schniefte Duftwölkchen aus einem glühenden Backofen; geflügelte Kleinkinder stemmten Tabletts von Pains au Chocolat für die Frühstückstafel der Götter. Eine Vitrine zog sich über die ganze Länge des Ladens hin, die Reihen von Hefezöpfen, wie Liebende, Kurve für Kurve aneinander geschmiegte Croissants, mit den eingeritzten Initialen N-D versehene Landbrote und Baguettes in zweierlei Längen zur Schau stellte. Neben dieser Vitrine thronte die Registrierkasse, ein eisernes Ungetüm, das zum Öffnen der Schublade einen ordentlichen Fausthieb erforderte. Weidenkörbe standen überall herum, in ständiger Gefahr, umgestoßen zu werden, und überquellend von verschiedenerlei Roggenbrot, Weizenbrötchen mit süßen versteckten Rosinen und Monsieurs sanft würzigen Kräuterbrioches.

Über der Tür zum Keller und seinen Öfen hing ein Kalender, der ein einzigartiges, himmlisches Bier bewarb. Der Kalender zeigte ein in Rosa- und Violetttönen gehaltenes Porträt der Heiligen Maria höchstpersönlich mit ekstatisch verdrehten Augen und orangefarbenen Lichtstrahlen, die aus ihrem Kopf hervorbrachen. Eine goldene Flasche schwebte, in der heiligen Wärme schwitzend, in den Wolken über ihr.

 

Sobald der letzte Kunde bedient und verabschiedet war, stiegen Monsieur und Madame die Treppe zu ihrer Wohnung ins oberste Stockwerk des Tortenstücks hinauf. Morgen für dunklen Morgen runter und die Öfen anfeuern, den Marmor polieren, die Körbe aufstellen. Abend für Abend rauf nach Haus und ins Bett.

Der Notre-Dame’sche Haushalt war tragfähig, aber leicht abschüssig, ein auf Grund gelaufenes Boot bei Ebbe. Küche und Wohnzimmer waren ein einziger Raum, mit zwei abgewetzten Sesseln ausgestattet. Der Esstisch stammte aus einem Café in der Nähe des Tortenstücks, ein Hochzeitsgeschenk des Eigentümers. Der Badezimmerfußboden neigte sich zu einem Schlafzimmer hin, wo Monsieur mit Vergnügen das Bett verrückte, wann immer Madame die Kleiderschrankschublade aufzuziehen wünschte. Der Dachboden, zu erreichen über eine Wendeltreppe, die unerklärlicherweise von der Mitte der Wohnküche aufstieg, war eine Stätte ungehobelter Balken und mauselöchriger Ecken. Wenn sich Monsieur in einem bestimmten Winkel aus dem Dachbodenfenster lehnte und die Versammlung von Tauben verscheuchte, konnte er einen Ausblick über die Schornsteine des Arrondissements hinweg genießen.

St. Honoré, der Schutzheilige der Bäcker, starrte aus Gebetszetteln, die überall in der Wohnung angebracht waren. Eine von Papierstreifen, die Madames Lieblingsverse markierten, schon ganz aufgequollene italienische Bibel machte die komplette Notre-Dame’sche Bibliothek aus.

 

Wer erstmals, am hinteren Ende der morgendlichen Schlange, vor der Boulangerie Notre-Dame stand, konnte sich gut ablenken, bis er an die Reihe kam. Wenn er endlich den Laden betreten hatte, konnte er etwa die bemalten Kacheln bewundern. Oder zusehen, wie der Vorrat an Baguettes vor seinen Augen dahinschwand, und bangen, ob noch welche übrig sein würden, wenn er den Verkaufstisch erreichte. Oder seine Aufmerksamkeit auf Monsieur und Madame richten, die sich hinter der Vitrine tummelten. Ein ungleiches Paar, dachte der Neuankömmling dann vielleicht bei sich, tippte seinem Vordermann auf die Schulter und fragte, wie dieser merkwürdig magere Bäcker und seine gewichtige bessere Hälfte sich kennengelernt hatten. Köpfe drehten sich um, Kehlen räusperten sich, und das Bienenhaus der Bäckerei kam zum Stillstand.

Ein Stammkunde sagte dann, es war Erdbeer. Ein anderer erwiderte: Nein, es war Himbeer.

Wie Sie meinen, aber ich weiß genau, dass es nah beim Fluss geschah.

Im Park, wollen Sie sagen.

Monsieur legte dann vielleicht den Arm um Madames Taille. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir auf dem Boulevard, sagte er.

Na dann, Monsieur, war es gewiss an einem Samstagabend.

Sonntagmittag, entgegnete darauf Madame, mit dem Anflug eines Lächelns, und legte den Kopf an die Schulter ihres Mannes. Ohne darauf zu achten, schlossen die Diskutierenden dann einen Kreis um den Neuen.

Sie müssen sich unseren Bäcker da vorstellen, wie er an seinem Ruhetag dahinschlendert, den Kopf –

wie üblich in den Wolken, damit beschäftigt, eine neue Geschichte zu ersinnen, als –

er an einer Konditorei vorübergeht und –

den Blick abwendet, wie es sich für einen anständigen Bäcker gehört, und –

so die junge Schönheit übersieht, die gerade aus dem Geschäft herauskommt.

Madame sah dann ihren Mann an. Ich aß gerade ein Törtchen, nicht wahr?

Monsieur küsste seine Frau auf die Wange. Eine Leckerei, sagte er dann. Nach der Messe.

So ereignete sich der unvermeidliche Zusammenstoß: durch den Monsieur im Rinnstein landete, Madame den größten Teil des Törtchens über das Gesicht geschmiert bekam. Er sprang auf, kampfbereit, und wandte sich seinem Gegner zu. Und da stand sie, richtete ihr Schultertuch, wischte sich Vanillepudding vom Kleid und stieß errötend ein Sortiment italienischer Flüche aus. Sie war das schönste Geschöpf, das er je gesehen hatte. Er strich sich die Haare glatt und kramte in seinen Taschen nach einem Taschentuch. Als er es gefunden hatte, wartete er kurz ihr Nicken des Einverständnisses ab. Er wischte einen Tropfen Himbeermarmelade von ihrem Mundwinkel. Sie starrte unverwandt in seine strahlend grauen Augen.

Da haben Sie’s, schloss dann einer. Ich wusste doch, dass es Himbeer war.

Was zählt, fügte Monsieur dann hinzu, ist, dass es rot war.

 

Auf jenem Gebäck bauten Émile und Immacolata ihr gemeinsames Leben auf, wenngleich keiner, der sie kannte, die Kühnheit besaß anzumerken, dass dieses Glück, ausgerechnet!, vor einer Konditorei seinen Anfang genommen hatte.

Es folgten die Sonntagnachmittage in einem kleinen Café nah der Boulangerie Notre-Dame: stets derselbe Außentisch, zu jeder Jahreszeit, ein paar Tische weiter ihre Mutter als Anstandsdame. Émile kam immer mit der Sonntagszeitung unter dem Arm an, breitete schwungvoll die Titelseite aus und spann ein Märchen um die vielen Bilder. Immacolata verdrehte die Augen oder hielt den Atem an, immer an den richtigen Stellen, ohne sich daran zu stören, dass ihr gutaussehender Bäcker seine Geschichten nie damit begann, dass er die Schlagzeile las.

Einmal war auf der Titelseite die Enthüllung einer gigantischen Marmorstatue in einem fernen Museum abgebildet. Émile sprach vom Marmor in seiner Bäckerei, erklärte mit tiefer Stimme und zahlreichen Kunstpausen, dass die Platten und Fliesen über ein – von Haien und Meerjungfrauen wimmelndes – Meer gekommen waren, direkt von den Steinbrüchen Siziliens.

Aber auf Sizilien gibt es gar keinen Marmor, sagte Immacolata. Die haben einen Vulkan. Dort gießen sie ihre Statuen aus geschmolzener Lava.

Aber ich bin mir sicher, dass mein Marmor aus Italien gekommen ist. Ganz sicher – per Schiff – übers Meer – wimmelnd –

Dann hat seine Seereise in der Toskana begonnen. Wie ich.

Und die Haie – die Meerjungfrauen?

Immacolata warf einen Blick hinüber zu ihrer Mutter, die ein paar Tische weiter saß, legte dann ihre Hand auf Émiles.

Sie schwimmen noch heute, soweit ich weiß. Ich war damals noch klein, aber ich erinnere mich, dass ich sie durch die Stäbe der Reling beobachtete, während wir davonsegelten.

 

Der Frühling 1901 erlebte die Trauung Émiles und Immacolatas in einer Seitenkapelle der Kirche von Saint-Augustin. Es folgte eine kleine Feier in der Bäckerei. Émile hatte die Windbeutel für das Dessert selbst gebacken, ohne einer Menschenseele zu verraten, dass er sich – unter dem Vorwand eines nächtlichen Spaziergangs – mit einem Konditor im Neunten zusammengetan hatte, um die Crèmefüllung für die Gebäckstücke anzurühren.

Ein paar Kunden hatten ein Duo von Cello und Violine engagiert. Natürlich drängelten sich die Stammkunden ganz vorn in der Schlange um einen Tanz mit Madame.

 

Jeden Sonntagmorgen zog sich Madame einen Schal über den Scheitel, legte die flache Hand auf den nächstliegenden St. Honoré und brach zur Kirche auf. In schlankeren Jahren hätte man sie auf den Knien zur Messe rutschen sehen können, und einmal machte sie, freudig wie eine Märtyrerin, die Pilgerfahrt nach Chartres auf die gleiche Weise, indem sie ab dem Bahnhof Montparnasse den Gang des Waggons kniend vor und zurück kroch. Während der Messe betete sie ununterbrochen, die Hände ringend, die Knöchel weiß, zum Erzengel Gabriel um Kindersegen.

Sobald seine Frau zum Gottesdienst gegangen war, zog Monsieur seinen einzigen schwarzen Anzug an, stieg von den Pantoffeln in seine Sonntagsschuhe, kämmte sein unbändiges Haar, knöpfte sich seinen einzigen Kragen zu und stieg hinunter in die Bäckerei. Nachdem er den Verkaufstresen mit dem Ärmel blank poliert hatte, trat Monsieur ins Freie, inhalierte einen mehlstaubfreien Morgen und platzierte sein knochiges Gesäß auf den Bordstein. Erst dann lehnte er sich gegen die blaue Tür des Bäckerladens und begann, die Bilder in seiner Zeitung zu studieren.

 

An einem Nachmittag im Dezember 1907 – ein Nordwind stach auf die Schaufenster der Bäckerei ein – erhielt Madame eine Antwort auf ihre Gebete. Hinter dem Tresen stehend, legte sie sich eine Hand an die Wange und bekreuzigte sich. Dann klemmte sie sich die Finger in der zuschnappenden Schublade der Registrierkasse ein.

Der Nächste?, sagte sie, möglicherweise zu laut.

 

Während des folgenden Sommers schien Madame ihren Umfang zu verdoppeln. Der Morgen des achten August fand sie kreißend im Keller der Bäckerei, auf demselben Tisch, auf dem, wäre es ein beliebiger anderer Samstag gewesen, Monsieur seinen zweiten Schwung Baguettes hätte in Arbeit haben müssen. Trotz der frühen Stunde versprach der Tag bereits der heißeste des Sommers zu werden.

Backöfen auf voller Hitze, gehende Teige, die aus ihren Blechformen überquollen, oben ein Laden voll Kunden, die sich besorgt fragten, ob jemand einen Arzt holen gegangen war, während die Klatschmäuler unter ihnen sich für heißes Wasser und kalte Tücher aussprachen und so viele Fenster wie möglich öffneten oder schlossen – alles zusammen trug dazu bei, die Bedingungen in der Bäckerei schwieriger zu machen, als irgendwer hätte erwarten können.

Gegen Mittag war ein leiser Schrei vom Keller her zu vernehmen. Alle im Laden grinsten und klopften sich gegenseitig auf die Schulter, machten sich dann auf die Suche nach Champagner und den guten Kristallgläsern. Monsieur legte seinen neugeborenen Sohn in eine Schüssel voll ruhendem Teig. Er wischte seiner Frau die Stirn und strich ihr das Haar glatt und schmunzelte über seinen eigenen Spruch.

Ein ganz schöner Laib, den du da gebacken hast, mein Liebes.

 

Alles in Madames Kopf löste sich und verwirbelte in Schwärze. Halbnackt, aufgeschwemmt und zerrissen jedem Blick preisgegeben, geriet sie wegen der plötzlichen Leere in ihrem Inneren in Panik. Wegen der Tatsache, dass sie für das zitternde Ding, dessen rosa Fäustchen über den Rand der Schüssel neben ihr schwankten, nichts empfand. Sie wartete auf das Glücksgefühl, die Erleichterung, die Erregung, den Frieden.

Monsieur flüsterte, dass der Junge einen Namen brauchen würde.

Madame wandte sich ab, ihre Gedanken taumelten in tausend Richtungen. Sie hatte sich die Knie wund gebetet. Sie war so genau, so achtsam, so übervoll von Glauben an Gabriels Güte gewesen. Sie konnte sich keines Tages entsinnen, an dem sie nicht vom Muttersein geträumt hatte. Sie hatte sich dieses Kind schon gewünscht, als sie selbst noch ein Kind gewesen war. Jetzt wollte die Angst nicht verschwinden. War das Gabriels Vergeltung für ihre Selbstsucht? Eine Gabe zu gewähren, nur um ihr zugleich jeden Wert zu nehmen? Madame starrte ihren Mann an, und Tränen füllten ihre Augen, flossen über ihre Wangen und bildeten Pfützen auf dem Marmor unter ihr.

Ich gebe mir solche Mühe, sagte sie.

Monsieur rang sich ein Lächeln ab. Ruh dich jetzt aus, mein Liebes. Ich werde mir etwas überlegen.

Der Junge verbrachte seine erste Nacht, in Windeln gewickelt, in der Schublade des elterlichen Kleiderschranks. Er schlief, wie bei Neugeborenen üblich, friedlich und ahnungslos.

 

Am nächsten Morgen zeigte Monsieurs Zeitung den Moment, nachdem ein Zug mit einem Elefanten kollidiert war. Das verdutzte Tier sauste durch die Luft, während der Lokomotivführer den Kopf aus dem Lokfenster reckte und mit rot geblähten Backen in seine Trillerpfeife blies. Die Schlagzeile erklärte: SELTSAMES EISENBAHNUNGLÜCK IN SIAM!!

An jedem anderen Sonntag hätte Monsieur eine fantastische Geschichte zustande gebracht – und er hätte es nicht erwarten können, sie seiner Frau nach ihrer Rückkehr von der Messe zu erzählen. Tiere, Vögel, mythische Kreaturen: Das waren seine Spezialitäten. Der Elefant hätte sich in einen wahnsinnigen Ausreißer verwandeln können, einem afrikanischen Wanderzoo entsprungen. Oder zu einem, durch ein Missgeschick am Stadtrand aufgehaltenen, Geschenk des Maharadschas von Kalkutta für den Bürgermeister von Paris werden können. Er hätte Madame eingeladen, sich zu ihm auf die Türstufe des Bäckerladens zu setzen, und sich dann in einen zappeligen Kommunalbeamten verwandelt, der seine Uhr schüttelte, um festzustellen, ob sie noch lief, oder in einen würdevollen und aufgeblasenen indischen Fürsten, der sich, Entschuldigungen stammelnd, verbeugte und dabei versuchte, seinen Turban auf dem Kopf zu behalten.

Doch der Kopf eines frischgebackenen Vaters ist von anderen Träumen und anderen Sorgen erfüllt. Monsieur bekam gerade mal das Datum der Zeitung mit: 88.08.

 

Monsieur hastete durch den Bäckerladen und die Treppe hinauf bis zum obersten Stock des Tortenstücks. Er hörte schon das Quäken und Japsen seines heulenden Sohnes. Er fand seine Frau im Schlafzimmer vor, wie sie, das Gesicht zur Decke gewandt, den Säugling zu stillen versuchte.

Octavio, sagte er, wobei er das avio zu einem ahhvio dehnte und die Zeitung über seinem Kopf schwenkte. Verstehst du, mein Liebes? Achter Tag, achter Monat, achtes Arrondissement.

Madames Augen waren verquollen; ihr Haar hing in klitschnassen Strähnen herunter.

Dein Sohn, sagte sie.

Unser Sohn.

Seine Frau gab keine Antwort, als Monsieur das Zimmer verließ, um ein Fläschchen Milch aufzuwärmen. Draußen hing der Himmel in der Sommerhitze über dem Tortenstück durch, drohte einen Wolkenbruch an.

Der Bäcker eilt heimwärts, Richtung Westen jetzt, die Sonne im Gesicht. Er trägt ein mit Bindfaden verschnürtes Bündel, drei grüne gebundene Bücher. Die Last knallt ihm bei jedem Schritt gegen die Beine; die raue Schnur schneidet ihm in die Hand. Er nähert sich dem Ende einer wohlvertrauten Route, aber an diesem Tag birgt es keinen Trost.

 

Der Sonntag hatte wie jeder andere davor begonnen. Er war von der Bäckerei aufgebrochen, den Kopf voller Möglichkeiten. Eine Woche ist vergangen, dachte er. Bestimmt hatte sie sein Geschenk gefunden. Sie konnte schon da sein, selbst zu dieser frühen Stunde, im Park warten und rätseln, wer etwas so Schönes zurückgelassen haben mochte. Ob sie wohl wusste, dass es für sie gedacht war?

Während er dahineilte, hatte er sie sich vorgestellt. Sie saß auf ihrem Stuhl am Becken mit den Booten, löste in der Wärme des Julimorgens ihren Schal und lächelte während des Lesens. Jetzt schrieb sie etwas. Notierte sich, da war er sich sicher, ihre Lieblingsgeschichte, die eine unter tausend, die ihm schon immer die liebste gewesen war.

Den ganzen Morgen lang hatte er versucht, seinen gewohnten Rhythmus und Zeitplan beizubehalten. Er hatte seinen Lieblingsbücherstand am Fluss aufgesucht. Dennoch hatte er mit dem Besitzer kaum ein paar Worte gewechselt, rasch seine Bestände gesichtet und sich dann, ohne groß nachzudenken, für die grünen entschieden. Er hatte den Pont des Arts fast im Laufschritt überquert. Er hatte sich gezwungen, nicht hinzusehen, während er durch die Tuilerien auf das Becken zuging.

Aber er hatte ihren leeren Stuhl gesehen. War er spät dran, hatte er sie verpasst? Oder hatte jemand anders es gesehen, es für etwas Vergessenes gehalten, weggeworfen? Er hatte gewartet. Die Frau tauchte nicht auf. Schließlich begann ein Parkwächter, die um das Wasser verstreuten Stühle an ihren Platz zurückzuziehen. Dann hob der Alte ihren Stuhl hoch, staubte ihn mit der Hand ab und trug ihn die paar Schritte zu den Bäumen. Den hatte seit einer Weile niemand mehr benutzt.

 

Der Bäcker kommt an einem Café vorbei und stolpert über die ausgestreckten Beine eines Herrn, der auf der Terrasse sitzt. Der Mann schenkt ihm keine Beachtung, während er mit seiner Zeitung jongliert, sie an den Rändern fasst, versucht, sie verkehrt herum zu falten, sich ärgert, dass seine Arme nicht lang genug sind. Er schließt die Zeitung, um sie längs zu falten, lässt eine Hand von der oberen Ecke hinuntergleiten, während die andere den unteren Rand festhält. Er schafft es nur, seine Handgelenke zu verknoten und die Zeitung falsch herum zu falzen. Der Bäcker findet sein Gleichgewicht wieder und schlurft weiter.

Jetzt durch einen kleinen Park. Beim Karussell drängen sich Kinder um einen Gewichtheber aus dem Zirkus, hüpfen dabei wie auf ihren Betten auf und ab, die Finger nach unsichtbaren Zimmerdecken ausgestreckt. Der Kraftprotz hält in einer Hand ein Buch. Mit der anderen stemmt er mit gespielter Anstrengung, ohne die Augen von seiner Lektüre zu wenden, einen Stuhl. Auf dem Stuhl sitzt ein quiekendes Mädchen. Sie winkt ihren Freunden zu, die unten die Arme um die starken Beine des Gewichthebers schlingen. Auf dem Karussell verharren weiße Pferde im Galoppsprung und warten auf ihre abgelenkten Reiter.

Der Bäcker kommt an zwei alten Frauen vorbei, die auf einer Bank sitzen. Jede liest in einem Exemplar ein und desselben billigen Taschenbuchs. Die eine zieht eine Grimasse, als habe man ihr einen Stich ins Herz versetzt, und klappt das Buch zu. Im selben Moment schnappt die andere hinter vorgehaltener Hand nach Luft und reißt die Augen auf.

Ein mit Eis und Messern bewaffneter Dezemberwind raffte in einer nordischen See seine Röcke. Er stieg bei Calais an Land, schwankte, bis er die Straße nach Paris fand, stöhnte sich südwärts durch dichte, alte Wälder, zog auf der Hauptstraße in Beauvais ein, hielt inne vor der Kathedrale, kreiste um den Marktplatz, lüpfte dann seinen steifgefrorenen Rocksaum und schlüpfte ungebeten unter der Tür des einzigen Bekleidungsladens der Stadt durch.

 

Um dann die kräftigen Schenkel Pascal Normandes zu umspielen, der hinter der Tür kniete und in einer mit Pfauen bestickten Weste, einem makellosen Anzug, Vatermörder, Seidenkrawatte und Perlennadel steckte. Er strich mit den Fingern entlang des Türrahmens, um die Zugluft zu messen. In einer solchen Haltung erglühte sein Gesicht in einem besorgniserregenden Dunkelrosa. Seine fülligen Lippen verzerrten sich zu einem höhnischen Lächeln.

Zum Teufel mit diesen gottverdammten Bauern, sagte er.

Ächzend stand er auf, klopfte sich die Hosenknie ab, zog seine Weste glatt, zupfte an seinem Kragen und spähte durch ein frostgeblümtes Fenster auf den menschenleeren Platz.

Zum Teufel mit ihnen allen.

Pascal hatte an diesem Tag nicht mehr Kundschaft gehabt als am Vortag, oder am Tag davor, oder im vergangenen Monat, oder im ganzen Jahr, seitdem er das Atelier Normande eröffnet hatte. Dennoch vergewisserte er sich mit einem Rundblick, dass alles bereit war. Parat, hätte er vielleicht gesagt, wäre das Wetter nicht so kalt gewesen.

Zergliederte Kleiderpuppen lehnten an den eisigen Wänden. Regalböden bogen sich unter der Last von Textilien: Ballen von Braun- und Grüntönen, eine Auswahl von irischen Tuchen, seltene Satins, safranrote Kattuns aus den Färberkesseln Marokkos. Im Schaufenster trug ein Chor von Köpfen eine Kollektion von, so verkündete das Reklameschildchen, CHAPEAUX MERVEILLEUX!, deren aeronautische Krempen von dickem Landstaub bedeckt waren. Eine Reihe von Damenschuhen stand, die Spitzen akkurat ausgerichtet, längs der Ladentischfront.

Hinter welcher: Madame Céleste Normande. Durch die Temperaturen im Geschäft genötigt, von ihrer gewohnten Kleiderordnung abzuweichen, war sie in eine kratzige Decke gehüllt, die sicher einen Ausschlag hervorrufen würde. Sie sah zu ihrem Mann hin, und ein Wölkchen von Dampf entfloh ihren zusammengebissenen Zähnen.

Paris, sagte sie.

 

Pascal Normande war im 20. Arrondissement der Metropole als der uneheliche Sohn einer Lohnschneiderin zur Welt gekommen. Sie hatte ihren Jungen vergöttert, nur um sich im Hinterzimmer eines muffigen Modegeschäfts zu Tode zu nähen. Der erste Anzug, den er besaß, war derjenige, den er zu ihrem Begräbnis getragen hatte. Er hatte ihn selbst geschneidert, waren doch diese dunklen Tage und Nächte an ihrer Seite nicht spurlos an ihm vorübergegangen; seine Knopflochnähte waren ein so würdiger Tribut wie die schönste Totenrede. Er gelobte an ihrem Grab, dass er der Normande sein würde, an dem das Schicksal der Familie genesen sollte.

Céleste Renault war die Tochter eines Dienstmanns, der durch die besseren Hotels der Boulevards die Runde gemacht hatte. Als Mädchen hatte sie immer ihr sauberstes Kleidchen an, zog den Saum hinunter, um ein Loch im Knie ihrer Strümpfe zu verdecken, und holte ihren Vater am Ende seiner Schicht ab. Sie saß in seinen Foyers unter den Kübelpalmen und übte erwachsene Posen, bewunderte die Gäste, die kamen und gingen. Die Haufen von Reisekoffern lösten stets einen Kicheranfall aus, wenn sie die Drehtüren verstopften. Auf dem Heimweg fragte sie dann ihren Vater, wo das Gepäck hergekommen war. Die messingbeschlagenen Überseekoffer, die Leder-Schrankkoffer, die so hoch waren wie sie, die wie Geburtstagstorten dekorierten Hutschachteln.

Wie viel würde da hineinpassen, Papa?

Eine ganze Welt, sagte dann ihr Vater immer. Eine, wie du und ich sie nie zu Gesicht bekommen werden.

 

Sie wuchsen im 20. auf, Céleste oben auf dem Hügel von Bellerive, Pascal an dessen Fuß. Doch ihre Wege kreuzten sich erst auf der Weltausstellung von 1900.

Die zentralen Ausstellungshallen und Pavillons umrundend, war die große Attraktion der Expo die »Straße der Zukunft«: Der Ausstellungskatalog beschrieb sie als DER BIS HEUTE UNERFÜLLTE WUNSCHTRAUM EINER EPOCHE! Die Konstruktion bestand aus zwei Laufbändern aus Holz, die mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten dahinglitten. Langsam und behäbig, war die innere Bahn als diejenige für Menschen mit schwacher oder gebrechlicher Konstitution – Frauen, Kinder, Geistliche – ausgewiesen. Die Außenbahn bewegte sich doppelt so schnell.