Einfach göttlich - Terry Pratchett - E-Book

Einfach göttlich E-Book

Terry Pratchett

4,6
8,99 €

oder
Beschreibung

Einmalige Sonderausgabe!

Brutha hat prankenartige Hände, einen tonnenförmigen Leib und baumstammdicke Beine, die in Spreizfüßen enden. Und er ist nicht gerade helle. Aber irgendwas muss an ihm dran sein, denn Gott Om hat zu ihm gesprochen. Er sei der Erwählte. Doch auf einmal ist die Inquisition hinter ihm her und bringt Brutha jede Menge Ärger. Und so zerbricht sich der dicke Tempelgärtner seinen Schädel darüber, wie bei allen Göttern er sein Amt wieder los werden kann …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 528

Bewertungen
4,6 (64 Bewertungen)
46
8
10
0
0


Sammlungen



Terry Pratchett

Einfach Göttlich

Ein Scheibenwelt-Roman

Aus dem Englischen neu übersetztvon Gerald Jung

MANHATTAN

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Small Gods« bei Victor Gollancz Ltd., London.

Die vorliegende Ausgabe ist eine Neuübersetzung des erstmals 1995 im Wilhelm Goldmann Verlag auf Deutsch erschienenen Romans.

Manhattan Bücher erscheinen im Wilhelm Goldmann Verlag, München, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 1992

by Terry & Lyn Pratchett

First published by Victor Gollancz Ltd., London

Discworld ® is a trademark registered by

Terry Pratchett

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1995

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Neuveröffentlichung 2012

Die Nutzung des Labels Manhattan erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Hans-im-Glück-Verlags, München

Umschlaggestaltung: Roland Eschlbeck

Umschlagmotiv: © Tom Steyer/die KLEINERT.de

Redaktion: Uta Rupprecht

ISBN: 978-3-641-09809-4V002

www.manhattan-verlag.de

NEHMEN WIR MAL DIE SCHILDKRÖTE UND DEN ADLER.

Die Schildkröte lebt nahe am Boden. Noch näher dran wäre schon fast unterirdisch. Der Horizont der Schildkröte beschränkt sich auf wenige Zentimeter, und ihre Höchstgeschwindigkeit reicht locker aus, um ein Salatblatt zu jagen und zu erlegen. Während die übrige Evolution an ihr vorbeigezogen ist, hat sie überlebt, indem sie – im Großen und Ganzen – für niemanden eine Bedrohung darstellte und ziemlich umständlich zu verspeisen war.

Auf der anderen Seite der Adler. Ein Geschöpf der luftigen Höhen, dessen Horizont sich bis zum Rand der Welt erstreckt. Sein Blick ist so scharf, dass ihm selbst aus einer halben Meile Entfernung nicht die kleinste Bewegung eines noch so winzigen Pelztierchens entgeht. Der Adler, das ist schiere Kraft gepaart mit schierer Beherrschung – der geflügelte, blitzschnell zuschlagende Tod. Krallen und Klauen, die aus allem, was kleiner ist als der Adler selbst, eine Mahlzeit machen, und aus allem, was größer ist, zumindest einen kleinen Imbiss herausholen.

Dabei sitzt der Adler zuweilen Stunde um Stunde auf seinem Felsvorsprung und überblickt die Gefilde der Welt, bis er irgendwo in der Ferne eine Bewegung wahrnimmt; dann konzentriert er sich, konzentriert sich, konzentriert sich mit aller Kraft auf den kleinen Schildkrötenpanzer, der dort in der Wüste zwischen den Büschen hin und her wackelt. Dann stößt er sich ab …

Und kurz darauf sieht die Schildkröte, wie die Welt unter ihr ins Bodenlose entschwindet. Sie sieht sie zum allerersten Mal nicht nur aus einem Zoll Entfernung, sondern aus einer Höhe von fünfhundert Fuß, und sie denkt erstaunt: Was ist mir der Adler doch für ein wunderbarer Freund!

Dann lässt der Adler los.

Und fast immer stürzt die Schildkröte in den Tod. Jeder weiß, wieso die Schildkröte sich so verhält. Schwerkraft ist eine Gewohnheit, die man nur sehr schwer ablegen kann. Niemand weiß, warum der Adler sich so verhält. So eine Schildkröte gibt zwar eine leckere Mahlzeit ab, aber zieht man den zu betreibenden Aufwand in Betracht, kann man sich von so gut wie allem anderen wesentlich bequemer ernähren. Es liegt einfach daran, dass Adler großen Spaß daran haben, Schildkröten zu schikanieren.

Natürlich ist dem Adler nicht bewusst, dass er sich damit an einer sehr brutalen Methode der natürlichen Auslese beteiligt.

Eines Tages werden Schildkröten fliegen lernen.

*

Die Geschichte spielt in einer Wüstengegend, einer Landschaft in verschiedenen Schattierungen von Umbrabraun und Orangegelb. Problematischer als der Schauplatz ist die Frage, wann sie anfängt und wann sie aufhört, aber zumindest einer ihrer Anfänge ereignete sich oberhalb der Schneegrenze, Tausende von Meilen entfernt in den Bergen rings um die Nabe.1

Eine immer wieder gestellte philosophische Frage lautet: »Verursacht ein Baum, der im Wald umstürzt, ein Geräusch, wenn niemand da ist, der es hört?«

Was so einiges über die Philosophen selbst aussagt, denn im Wald ist immer jemand. Selbst wenn es nur ein Dachs ist, der sich fragt, was das eben für ein komisches Krachen war, oder ein Eichhörnchen, das sich wundert, wieso die Umgebung plötzlich nach oben saust – irgendjemand ist immer da. Selbst wenn es ganz tief drinnen im Wald geschehen wäre, hätten es immer noch Millionen geringer Götter vernommen.

Ereignisse ereignen sich nun mal, immer eins nach dem anderen. Es ist ihnen völlig egal, wer sie bezeugen kann. Geschichte hingegen … Also, Geschichte ist ein Kapitel für sich. Geschichte muss beobachtet werden. Sonst ist sie nicht Geschichte, sondern bloß … na ja, lauter Ereignisse, die sich eins nach dem anderen ereignen.

Außerdem muss sie selbstverständlich kontrolliert werden. Sonst könnte ja alles Mögliche daraus werden. Denn Geschichte besteht, im Gegensatz zu weitverbreiteten Theorien, sehr wohl aus Königen und Jahreszahlen und Schlachten. Und die müssen alle zum richtigen Zeitpunkt passieren. Was ziemlich knifflig ist, denn in einem chaotischen Universum kann einfach zu viel schieflaufen. Wie schnell verliert das Pferd eines Feldherrn zur falschen Zeit ein Hufeisen, versteht jemand einen Befehl falsch oder wird der Überbringer der alles entscheidenden Nachricht von irgendwelchen knüppelbewehrten Halunken mit Finanzproblemen abgefangen. Außerdem gibt es noch sogenannte wilde Geschichten, parasitäre Auswüchse am Baum der Historie, die alles zu ihren Gunsten drehen und wenden wollen.

Deshalb gibt es Leute, die sich um den Lauf der Geschichte kümmern.

Man findet diese Verantwortlichen … Tja, es liegt nun mal in der Natur der Sache, dass sie überall dort anzutreffen sind, wohin sie entsandt werden, aber ihre geistige Heimat liegt in einem abgeschiedenen Tal hoch oben in den Spitzhornbergen der Scheibenwelt. Dort, wo die Bücher der Geschichte aufbewahrt werden.

In diesen Büchern werden die Ereignisse der Vergangenheit allerdings nicht wie Schmetterlinge auf Korken aufgespießt und katalogisiert, nein, es handelt sich vielmehr um die Bücher, aus denen Geschichte gewonnen wird. Es gibt über zwanzigtausend dieser Bücher, und jedes davon ist zehn Fuß hoch, in Blei gebunden, und die Buchstaben sind so klein, dass man sie nur mit einer Lupe lesen kann.

Wenn man sagt: »Es steht geschrieben …«, dann steht es hier geschrieben.

Es gibt viel weniger Metaphern als allgemein angenommen.

Einmal im Monat suchen der Abt und zwei seiner dienstältesten Mönche die Höhle auf, in der die Bücher aufbewahrt werden. Früher war das die alleinige Pflicht des Abtes, aber nach dem unglückseligen Fall des 59. Abtes, der mit kleineren Wetten eine Million Dollar ergaunert hatte, ehe ihm seine Mönchskollegen auf die Schliche kamen, waren ihm zwei andere, zuverlässige Mönche zur Seite gestellt worden.

Außerdem ist es nicht ungefährlich, sich allein in diese Höhle zu begeben. Die schiere Konzentration von Geschichte, die von dort aus geräuschlos nach draußen in die Welt rieselt, kann überwältigend wirken. Die Zeit ist eine Droge. Zu viel davon kann tödlich sein.

Der 493. Abt faltete die runzligen Hände und richtete das Wort an Lu-Tze, einen seiner allerdienstältesten Mönche. Die saubere Luft und das sorglose Leben in dem abgeschiedenen Tal hatten zur Folge, dass sämtliche Mönche dienstalt waren; außerdem bleibt, wenn man jeden Tag mit der Zeit an sich zu tun hat, immer auch ein wenig davon an einem selbst hängen.

»Es geht um Omnien«, sagte der Abt. »Das liegt an der Küste von Klatsch.«

»Ja, ich erinnere mich«, erwiderte Lu-Tze. »Ein junger Bursche namens Ossory, stimmt’s?«

»Man muss das alles … sehr sorgfältig beobachten«, sagte der Abt. »Es gibt gewisse Zwänge. Freier Wille, Vorbestimmung … die Macht von Symbolen … Wendepunkte der Geschichte … du kennst das ja alles.«

»Ich bin schon seit, hm, bestimmt schon siebenhundert Jahren nicht mehr in Omnien gewesen«, sagte Lu-Tze. »Ein sehr trockenes Fleckchen. Würde mich wundern, wenn es im ganzen Land auch nur eine Tonne fruchtbaren Bodens gibt.«

»Dann ab mit dir«, erwiderte der Abt.

»Ich nehme meine Berge mit«, sagte Lu-Tze. »Das Klima wird ihnen guttun.«

Er nahm auch seinen Besen und seine Schlafmatte mit. Geschichtsmönche machen sich nicht viel aus persönlichem Besitz. Sie sind der Meinung, dass die meisten Sachen sowieso nach ein- oder zweihundert Jahren hinüber sind.

Er brauchte vier Jahre bis nach Omnien. Unterwegs wurde er Zeuge etlicher Schlachten und eines Meuchelmordes, die ansonsten bloß zufällige Ereignisse geblieben wären.

*

Man schrieb das Jahr der Symbolischen Schlange. Seit der Verkündung des Propheten Abbys waren zweihundert Jahre vergangen.

Was bedeutete, dass die Zeit des 8. Propheten unmittelbar bevorstand.

Wenn man sich bei der Kirche des Großen Gottes Om auf eines verlassen konnte, dann auf das pünktliche Erscheinen ihrer Propheten. Man konnte den Kalender nach ihnen stellen – sofern man einen entsprechend großen Kalender hatte.

Und wie immer um die Zeit, zu der ein neuer Prophet erwartet wurde, verdoppelte die Kirche ihre Anstrengungen, fromm und gottgefällig zu sein. Es erinnerte sehr stark an den Rummel, den große Konzerne jedes Mal veranstalten, wenn die Revisoren erwartet werden; im Falle der Kirche hieß das, alle diejenigen, die man für nicht so fromm und gottgefällig hielt, festzunehmen und auf Hunderte ausgeklügelte Arten zu Tode zu bringen. Solche Praktiken gelten bei den meisten weitverbreiteten Religionen als verlässliches Barometer für den Zustand der eigenen Gottesfurcht. In diesem Zusammenhang wird auch gerne verkündet, dass es mehr verwirrte Abweichler gebe als bei den Landesmeisterschaften im Orientierungslauf und dass man die Ketzerei mit Stumpf und Stiel ausreißen müsse, genau genommen sogar mit Arm und Bein und Auge und Zunge, und dass es allerhöchste Zeit sei, reinen Tisch zu machen. Im Allgemeinen wird Blut für derartige Reinigungszwecke als äußerst wirkungsvoll angesehen.

*

Und es begab sich zu jener Zeit, dass der Große Gott Om zu Brutha, dem Auserwählten, sprach:

»Psst!«

Brutha ließ die Gartenhacke sinken und sah sich verdutzt im Tempelgarten um.

»Ja bitte?«, sagte er unsicher.

Es war einer der herrlichen ersten Frühlingstage. Die Gebetsmühlen drehten sich fröhlich in der von den Bergen herabstreichenden Brise; Bienen trödelten träge zwischen den Bohnenblüten herum und summten dabei möglichst lautstark, um den Eindruck geschäftiger Betriebsamkeit zu vermitteln. Hoch oben kreiste ein einsamer Adler.

Brutha zuckte die Achseln und widmete sich wieder den Melonen.

Fürwahr, der Große Gott Om sprach abermals zu Brutha, dem Auserwählten:

»Psst!«

Brutha stutzte. Da hatte eindeutig jemand aus dem Nichts zu ihm gesprochen. Vielleicht war es ein Dämon? Der Novizenmeister Nhumrod war ganz versessen auf das Thema Dämonen. Unkeusche Gedanken und Dämonen. Eins führte zum anderen. Brutha wurde sich plötzlich der unangenehmen Tatsache bewusst, dass ein Dämon bei ihm geradezu überfällig war.

Da hieß es mannhaft bleiben und die Neun Fundamentalen Aphorismen aufsagen.

Und abermals sprach der Große Gott Om zu Brutha, dem Auserwählten:

»Bist du taub, Bursche?«

Mit einem dumpfen Knall fiel die Hacke auf den sonnengewärmten Erdboden. Brutha fuhr herum. Da waren die Bienen, der Adler und – am anderen Ende des Gartens – der alte Bruder Lu-Tze, der gedankenverloren den Misthaufen umschichtete. Ringsum an den Mauern drehten sich beruhigend die Gebetsmühlen.

Er machte das Zeichen, mit dem der Prophet Ischkiebel die bösen Geister vertrieben hatte.

»Weiche von mir, Dämon, geh mir aus den Augen«, murmelte er.

»Aber ich stehe doch hinter dir!«

Brutha drehte sich abermals um, ganz langsam. Der Garten war immer noch leer.

Da rannte er davon.

*

Viele Geschichten fangen schon lange vor ihrem Anfang an, und Bruthas Geschichte hatte ihren Ursprung bereits Tausende von Jahren vor seiner Geburt.

Auf der Welt gibt es Milliarden von Göttern. Sie sind so zahlreich wie Fischlaich. Die meisten von ihnen sind so klein, dass man sie mit bloßem Auge nicht wahrnehmen kann. Sie werden von niemandem verehrt, zumindest von nichts Größerem als von Bakterien, die keine ordentlichen Gottesdienste abhalten und auch in puncto Wundertätigkeit keine großen Ansprüche stellen.

Das sind die geringen Götter: die Geister der Orte, an denen sich zwei Ameisenstraßen kreuzen, die Götter des Mikroklimas zwischen den Graswurzeln. Die meisten von ihnen kommen über dieses Stadium nie hinaus.

Weil es ihnen nämlich an Glauben fehlt.

Eine Handvoll von ihnen ist jedoch zu Größerem berufen. So etwas kann auf sehr unterschiedliche Art und Weise ausgelöst werden. Beispielsweise durch einen Schafhirten, der ein verlorengegangenes Lämmchen sucht und es irgendwo im Dornengestrüpp findet. Er nimmt sich ein paar Minuten Zeit, um einen kleinen Steinhaufen zu errichten – aus purer Dankbarkeit den Geistern gegenüber, die sich an jenem Ort aufhalten mögen. Beispielsweise durch einen besonders geformten Baum, der mit der Genesung von einer Krankheit in Verbindung gebracht wird. Beispielsweise durch eine Spirale, die jemand in einen auffälligen Stein ritzt. Denn was Götter brauchen, ist Glauben, und die Menschen verlangt es nach Göttern.

Oft ist die Sache damit auch schon erledigt. Manchmal jedoch geht es weiter. Mehr Steinchen werden hinzugefügt, mehr Steine übereinandergeschichtet, an der Stelle, wo einmal der Baum gestanden hat, wird ein Tempel erbaut. Der Gott wird stärker und immer mächtiger, der Glaube seiner Anhänger katapultiert ihn nach oben wie tausend Tonnen Raketentreibstoff. Für eine Handvoll Götter ist nur der Himmel die Grenze.

Und manchmal nicht einmal der.

*

Bruder Nhumrod kämpfte in der Abgeschiedenheit seiner kargen Zelle gerade mit einigen unreinen Gedanken, als er die inbrünstige Stimme aus dem Schlafsaal der Novizen vernahm.

Der junge Brutha lag vor einer Statue des Om in Seiner Manifestation als zuckender Blitzstrahl flach auf dem Boden und stammelte heftig zitternd bruchstückhafte Sätze eines Gebetes.

Nhumrod fand, dass dieser Junge etwas Unheimliches an sich hatte. Allein schon die Art und Weise, wie er einen ansah, wenn man mit ihm redete. So als würde er tatsächlich zuhören.

Er ging zu dem Jüngling und stieß ihn mit der Spitze seines Stockes an.

»Steh auf, Junge! Was hast du am helllichten Tag hier im Schlafsaal verloren? Hm?«

Brutha drehte, immer noch flach auf dem Boden liegend, den Kopf zu Nhumrod und umfasste die Fußgelenke des Priesters.

»Eine Stimme! Eine Stimme! Sie hat zu mir gesprochen!«, winselte er.

Nhumrod ließ den angehaltenen Atem entweichen. Aha. Damit kannte er sich aus. Stimmen waren genau Nhumrods Kuttenweite. Er hörte sie selbst unablässig.

»Steh auf, mein Junge«, sagte er eine Spur freundlicher.

Brutha erhob sich.

Er war, was Nhumrod schon etliche Male bemängelt hatte, zu alt für einen normalen Novizen. Ungefähr zehn Jahre zu alt. Gebt mir einen Jungen nicht älter als sieben, hatte Nhumrod schon immer gesagt.

Aber Brutha würde wohl als Novize sterben. Damals, als die Regeln gemacht wurden, hätte man so jemanden wie Brutha niemals zugelassen.

Das dicke Gesicht blickte den Novizenmeister an.

»Setz dich auf dein Bett, Brutha«, sagte Nhumrod.

Brutha gehorchte sofort. Er wusste überhaupt nicht, was das Wort Ungehorsam bedeutete. Es war nur eines von vielen Wörtern, deren Bedeutung er nicht kannte.

Nhumrod setzte sich neben ihn.

»Also, Brutha«, sagte er, »du weißt doch, was mit denjenigen geschieht, die die Unwahrheit sagen, oder nicht?«

Brutha nickte und wurde rot.

»Sehr schön. Und jetzt erzähl mir, was es mit diesen Stimmen auf sich hat.«

Brutha nestelte nervös am Saum seiner Kutte.

»Es war eigentlich nur eine Stimme, Meister«, sagte er.

»– nur eine Stimme«, sagte Bruder Nhumrod. »Und was hat diese Stimme gesagt? Hm?«

Brutha zögerte. Jetzt wo er darüber nachdachte, hatte die Stimme eigentlich so gut wie gar nichts gesagt. Sie hatte nur gesprochen. Außerdem war es immer schwierig, sich mit Bruder Nhumrod zu unterhalten, denn der hatte die nervöse Angewohnheit, ständig auf die Lippen seines Gegenübers zu schielen und dessen letzte Worte, kaum dass sie ausgesprochen waren, zu wiederholen. Darüber hinaus fasste er ständig alles an – Wände, Möbel, Leute –, als lebte er in der Angst, das Universum könnte verschwinden, wenn er es nicht festhielt. Er hatte so viele nervöse Ticks, dass sie praktisch Schlange stehen mussten. Für jemanden, der schon fünfzig Jahre in der Zitadelle überlebt hatte, war Bruder Nhumrod völlig normal.

»Also …«, fing Brutha an.

Bruder Nhumrod hielt eine knochige Hand hoch. Brutha sah die blassblauen Adern.

»Und ich bin sicher, du weißt auch, dass man in seinem Inneren zwei Arten von Stimmen hören kann«, sagte der Novizenmeister. Eine seiner Augenbrauen zuckte.

»Ja, Meister. Bruder Murduck hat es uns gelehrt«, erwiderte Brutha kleinlaut.

»– hat es uns gelehrt. Ja. Manchmal offenbart sich der Gott in Seiner unendlichen Weisheit einem Auserwählten, der daraufhin ein großer Prophet wird«, sagte Nhumrod. »Aber ich bin mir sicher, dass du dich keineswegs für einen solchen hältst, hm?«

»Nein, Meister.«

»– Meister. Aber es gibt auch andere Stimmen«, fuhr Bruder Nhumrod fort, dessen eigene Stimme nun mit einem leichten Tremolo vibrierte, »verführerische, schwatzende und betörende Stimmen, hab ich recht? Stimmen, die nur darauf warten, uns in einem unvorbereiteten Moment zu überrumpeln?«

Brutha entspannte sich. Jetzt befand er sich wieder auf vertrautem Terrain.

Von diesen Stimmen hatten alle Novizen schon einmal gehört. Nur dass sie normalerweise von eher unkomplizierten Dingen redeten, wie den Freuden nächtlicher Betätigung etwa, und dem allgemeinen Verlangen nach Mädchen. Was wiederum bewies, dass sie, auch was Stimmen anging, die reinsten Novizen waren. Die Stimmen, die Bruder Nhumrod heimsuchten, waren im Vergleich dazu ein ausgewachsenes Oratorium. Einige der keckeren Novizen versuchten Bruder Nhumrod immer wieder auf das Thema Stimmen zu bringen. Er könne ihnen eine Lehre sein, sagten sie. Besonders dann, wenn sich in seinen Mundwinkeln kleine weiße Schaumbatzen bildeten.

Brutha hörte dem Meister andächtig zu.

*

Bruder Nhumrod war zwar Novizenmeister, aber er war nicht der Novizenmeister. Er war lediglich der Meister der Gruppe, zu der auch Brutha gehörte. Es gab noch andere. Gut möglich, dass in der Zitadelle sogar jemand wusste, wie viele es insgesamt gab. Irgendwo musste jemand sein, dessen Aufgabe darin bestand, alles zu wissen.

Die Zitadelle nahm den gesamten Kern der Stadt Kom ein, die sich auf dem Gebiet zwischen den Wüsten von Klatsch und den Ebenen und Dschungeln von Wiewunderland erhob. Sie erstreckte sich meilenweit in alle Richtungen; ihre Tempel, Kirchen, Schulen, Schlafsäle, Gärten und Türme waren derart ineinandergewuchert, dass es aussah, als bauten Millionen von Termiten gleichzeitig an ihren Hügeln.

Wenn die Sonne aufging, ließ der Widerschein ihrer Strahlen die Torflügel des Haupttempels wie Feuer aufleuchten. Sie waren aus Bronze und bestimmt hundert Fuß hoch. Auf ihnen prangten in goldenen, mit Blei eingefassten Buchstaben die Gebote. Bis jetzt waren es fünfhundertundzwölf, aber der nächste Prophet würde zweifellos sein Scherflein dazu beitragen.

Der reflektierte Sonnenglanz ergoss sich über Zehntausende von glaubensstarken Bewohnern, die unterhalb der Zitadelle schufteten, um den Ruhm des Großen Gottes Om zu mehren.

Womöglich wusste doch niemand genau, wie viele von ihnen es gab. Manches neigt dazu, eine kritische Masse zu überschreiten. Mit absoluter Sicherheit gab es nur einen Zönobiarchen, den Obersten Iam. So viel war klar. Und sechs Erzpriester. Und dreißig Unter-Iams. Und Hunderte von Bischöfen, Dekanen, Unterdekanen und Priestern. Novizen gab es wie Ratten im Getreidespeicher. Dazu kamen Handwerker und Ochsenzüchter und Folterknechte und Veganische Jungfrauen …

So fand ein jeder, ungeachtet seiner besonderen Fähigkeiten, seinen Platz in der Zitadelle.

Und wenn deine besondere Fähigkeit darin bestand, die falschen Fragen zu stellen oder gerechte Kriege zu verlieren, dann befand sich dein Platz womöglich in einem der von der Quisition eifrig betriebenen Feueröfen der Läuterung oder einem der Verliese der Gerechtigkeit.

Ein Platz für jeden. Und jeder an seinem Platze.

*

Die Sonne brannte auf den Tempelgarten nieder.

Der Große Gott Om bemühte sich, im Schatten einer Melonenranke zu bleiben. Hier, inmitten dieser Mauern und umgeben von Gebetstürmen, war er höchstwahrscheinlich sicher, aber er konnte nicht vorsichtig genug sein. Er hatte schon einmal Glück gehabt, weshalb es wohl unverschämt gewesen wäre, das Glück noch einmal herauszufordern.

Als Gott hat man dummerweise niemanden, an den man seine Gebete richten kann.

Om kroch emsig auf den alten Mann zu, der in einiger Entfernung Pferdemist schippte. Als er nach erheblichen Mühen und Anstrengungen annahm, in Hörweite zu sein, sprach er: »He, du da!«

Keine Antwort. Nicht einmal ein Anzeichen, dass überhaupt ein Laut zu hören gewesen war.

Om riss endgültig der Geduldsfaden. Er verwandelte Lu-Tze in einen niederen Wurm in der widerlichsten Jauchegrube der Hölle, und dann wurde er noch zorniger, als er sah, dass der alte Mann friedlich weiterschaufelte.

»Die Teufel der Unendlichkeit sollen deine Knochen bei lebendigem Leib mit Schwefel füllen!«, schrie er.

Was ebenfalls keine große Wirkung zeigte.

»Tauber alter Knacker«, murmelte der Große Gott Om.

*

Vielleicht gab es ja doch jemanden, der alles wusste, was es hinsichtlich der Zitadelle zu wissen gab. Es gibt immer einen, der Wissen sammelt, nicht um des Wissens willen, sondern so, wie eine Elster alles sammelt, was glänzt, oder wie eine Köcherfliege kleine Zweige und Steinchen sammelt. Es gibt immer jemanden, der tun muss, was nun einmal zu tun ist: all das, worum sich andere nicht so gern kümmern oder was sie nicht einmal richtig wahrnehmen.

Als Drittes fiel den Leuten immer Vorbis’ Körpergröße auf. Er war gut sechs Fuß groß, aber dürr wie eine Bohnenstange. So als hätte ein Kind einen normal proportionierten Menschen aus Lehm geknetet und dann ausgerollt.

Als Zweites fielen einem Vorbis’ Augen auf. Seine Vorfahren entstammten einem jener Wüstenstämme, bei denen sich das Merkmal dunkler Augen herausgebildet hatte – nicht nur dunkle Pupillen, sondern ein fast völlig schwarzer Augapfel. Weshalb sich nur schwer sagen ließ, wohin ihr Besitzer gerade schaute. Es war so, als trüge er unter der Haut eine Sonnenbrille.

Aber als Allererstes fiel einem der Schädel auf.

Diakon Vorbis war kahl rasiert. Die meisten Kirchendiener ließen, sobald sie geweiht waren, Haare und Bart dermaßen wuchern, dass sich eine Ziege darin verstecken konnte. Vorbis hingegen rasierte sich überall. Er glänzte. Und die fehlende Behaarung schien seine Macht noch zu verstärken. Er bedrohte niemanden. Er drohte nie. Er vermittelte nur jedem das Gefühl, als führte er im Umkreis mehrerer Schritte eine private Sicherheitszone mit sich, in die man lieber nicht unbedacht eindrang. Selbst fünfzig Jahre ältere Vorgesetzte fühlten sich verpflichtet, sich zu entschuldigen, wenn sie ihn aus seinen Gedanken rissen – worüber er auch gerade nachgedacht haben mochte.

Es war fast unmöglich zu erkennen, worüber er nachdachte, und nachfragen wollte auch niemand. Der Grund dafür war ganz offensichtlich: Vorbis war das Oberhaupt der Quisition, und seine Aufgabe bestand darin, sich um all das zu kümmern, worum sich andere nicht so gern kümmerten.

Solche Leute fragte man nicht, woran sie gerade dachten. Es könnte ja sein, dass sie sich sehr langsam umdrehten und antworteten: »An dich.«

Der höchste Rang, den es innerhalb der Quisition zu erreichen gab, war der eines Diakons. Diese Regel war schon vor Jahrhunderten eingeführt worden, damit dieser Zweig der Kirche nicht unter der Hand ein paar Nummern aus seinen Stiefeln herauswuchs.2 Doch alle meinten, mit einem Verstand wie dem seinen hätte Vorbis inzwischen längst Erzpriester, vielleicht sogar Iam sein können.

Vorbis machte sich über derlei Trivialitäten keine Gedanken. Vorbis kannte seine Bestimmung. Hatte sie ihm nicht der Gott selbst verkündet?

*

»Na also«, sagte Bruder Nhumrod und tätschelte Brutha die Schulter. »Jetzt siehst du bestimmt wieder viel klarer.«

Brutha hatte den Eindruck, als erwartete Nhumrod eine bestimmte Antwort von ihm.

»Jawohl, Meister«, erwiderte er. »So ist es.«

»– ist es«, wiederholte Nhumrod und hörte nicht auf zu tätscheln. »Es ist unsere heilige Pflicht, den Stimmen jederzeit zu widerstehen.«

»Jawohl, Meister. Ich will ihnen widerstehen. Besonders dann, wenn sie mich auffordern, etwas von dem zu tun, was Ihr mir eben gesagt habt.«

»– gesagt habt. Gut. Gut. Und wenn du sie wieder hören solltest, was machst du dann? Hm?«

»Dann sage ich Euch sofort Bescheid«, lautete Bruthas pflichtbewusste Antwort.

»– Euch sofort Bescheid. Schön. Schön. Das höre ich gerne. Und genau das sage ich allen meinen Schützlingen immer wieder: Vergesst nie, dass ich immer da bin, um euch bei allem zu helfen, was euch bedrückt. Egal was.«

»Ja, Meister. Soll ich jetzt wieder in den Garten gehen?«

»– Garten gehen. Ich denke schon. Ich denke schon. Und keine Stimmen mehr, verstanden?« Nhumrod wackelte mahnend mit dem Zeigefinger der Hand, mit der er nicht Bruthas Schulter tätschelte. Eine seiner Wangen zog sich krampfhaft zusammen.

»Jawohl, Meister.«

»Was hast du eigentlich im Garten gemacht?«

»Ich habe die Melonenbeete gehackt, Meister.«

»Melonen? Ach ja. Melonen«, sagte Nhumrod langsam. »Melonen. Melonen. Tja, das erklärt natürlich so einiges.«

Ein Augenlid zuckte heftig.

*

Der Große Gott im stillen Kämmerlein von Vorbis’ Kopf war nicht der Einzige, der zum Exquisitor sprach. Früher oder später sprach jeder zum Exquisitor. Es war lediglich eine Frage des Durchhaltevermögens.

In letzter Zeit ging Vorbis nicht mehr so oft nach unten, um den Inquisitoren bei der Arbeit zuzusehen. Das musste man als Exquisitor auch nicht. Er schickte seine Anweisungen hinunter und erhielt von dort die Berichte. Besondere Umstände verdienten jedoch seine besondere Aufmerksamkeit.

Es sollte allerdings nicht verschwiegen werden … in den Kellern der Quisition gab es nicht viel zu lachen. Jedenfalls nicht, wenn man über einen gesunden Sinn für Humor verfügte. Dort hingen auch keine spaßigen kleinen Schilder, auf denen stand: Man muss kein erbarmungsloser Sadist sein, um hier zu arbeiten. Aber es hilft!!!

Es gab dort jedoch einiges, was bei einem vernunftbegabten Menschen durchaus die Vermutung nahelegte, der Schöpfer der Menschheit müsse über einen sehr schrägen Humor verfügen. Es waren Beobachtungen, die im Herzen einen so unbändigen Zorn aufwallen ließen, dass man am liebsten gegen die Tore des Himmels Sturm gelaufen wäre.

Die Becher beispielsweise. Zweimal am Tag machten die Inquisitoren Kaffeepause. Die Kaffeebecher, die die Männer von zu Hause mitgebracht hatten, standen rings um das Becken mit den glimmenden Kohlen, in dem normalerweise die Eisen und Messerklingen zum Glühen gebracht wurden.

Auf den Bechern standen Sprüche wie Souvenir aus der Heiligen Grotte des Ossory oder Für den liebsten Papa der Welt. Die meisten waren schon etwas angeschlagen, und es gab keine zwei, die zueinanderpassten.

Und dann die Postkarten an der Wand. Fuhr ein Inquisitor in Urlaub, so wollte es die Tradition, dass er einen grell kolorierten Ansichtsholzschnitt mit ein paar dazu passenden lustigen und etwas schlüpfrigen Zeilen hintendrauf an seine Arbeitsstelle schickte. Dort war auch der tränenreiche Brief von Hauptinquisitor Ischmall »Väterchen« Quoom angepinnt, in dem er den Kollegen dafür dankte, dass sie nicht weniger als siebenundachtzig Obolusse für sein Ruhestandsgeschenk und den hübschen Blumenstrauß für Frau Quoom gesammelt hatten, und in dem er ihnen versicherte, er werde sich stets voll Freude an seine Tage in Folterkeller Nr. 3 erinnern und freue sich darauf, ab und zu vorbeizukommen und ein wenig auszuhelfen, falls sie mal knapp an Personal wären.

Das alles belegte: Kein Exzess eines noch so durchgeknallten Psychopathen kann grausam genug sein, als dass ihn ein ganz normaler netter Familienvater, der jeden Tag zur Arbeit kommt und dort seine Pflicht erfüllt, nicht noch übertreffen könnte.

Diese Gewissheit bescherte Vorbis ein beruhigendes Gefühl. Wer so etwas wusste, wusste alles, was er über andere Leute wissen musste.

Momentan saß er neben einer Folterbank, auf der etwas lag, was streng genommen immer noch der zitternde Körper von Bruder Sascho war, seinem ehemaligen Sekretär.

Vorbis warf dem diensthabenden Inquisitor einen Blick zu, und als dieser nickte, beugte er sich über den angeketteten Sekretär.

»Wie lauteten ihre Namen?«, wiederholte er.

»… weiß nicht …«

»Ich weiß, dass du ihnen Abschriften meiner Korrespondenz ausgehändigt hast, Sascho. Es sind verräterische Ketzer, die eine Ewigkeit in der Hölle verbringen werden. Möchtest du ihnen dabei Gesellschaft leisten?«

»… kenne keine Namen …«

»Ich habe dir vertraut, Sascho. Du hast mich ausspioniert. Du hast die Kirche verraten.«

»… keine Namen …«

»Die Wahrheit ist das Nachlassen des Schmerzes, Sascho. Jetzt rede schon.«

»… Wahrheit …«

Vorbis seufzte. Dann sah er, wie sich einer von Saschos Fingern in der Fessel krümmte und wieder ausstreckte. Wie ein Winken.

»Ja?«

Er beugte sich über den Körper.

Sascho öffnete sein noch verbliebenes Auge.

»… Wahrheit …«

»Ja?«

»… die Schildkröte bewegt sich …«

Vorbis wich mit unverändertem Gesichtsausdruck zurück. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich selten, wenn er es nicht beabsichtigte. Der Inquisitor sah ihn entsetzt an.

»Verstehe«, sagte Vorbis. Dann erhob er sich und nickte dem Inquisitor zu.

»Wie lange ist er schon hier unten?«

»Zwei Tage, Eure Eminenz.«

»Wie lange kannst du ihn noch am Leben erhalten?«

»Vielleicht noch zwei Tage, Eure Eminenz.«

»Dann gib dein Bestes«, sagte Vorbis. »Streng dich an. Schließlich ist es unsere heilige Pflicht, sein Leben so lange wie möglich zu bewahren, oder nicht?«

Der Inquisitor antwortete mit dem Lächeln eines Mannes, der sich in der Gegenwart eines Vorgesetzten befindet, welcher ihn mit einem einzigen Wort im Handumdrehen auf der nächstbesten Streckbank festbinden lassen kann.

»Äh … Sehr wohl, Eure Eminenz.«

»Ringsum nichts als Lügen und Ketzerei«, seufzte Vorbis. »Jetzt muss ich mir wohl einen neuen Sekretär suchen. Manchmal ist es aber auch zum Auswachsen.«

*

Nach zwanzig Minuten entspannte sich Brutha. Die sirenenhaften Stimmen des sinnenfreudigen Bösen schienen von ihm gewichen zu sein.

Also widmete er sich wieder den Melonen. Er fand, dass er mit Melonen ganz gut klarkam. Mit Melonen kam man deutlich besser klar als mit den meisten anderen Dingen.

»He, du!«

Brutha richtete sich auf.

»Ich höre dich nicht, o niederträchtiger Sukkubus«, sagte er.

»Von wegen, mein Junge. Jetzt hör mal genau zu, ich möchte, dass du mir …«

»Ich hab die Finger in den Ohren!«

»Von mir aus. Wenn du unbedingt wie eine Vase aussehen willst. Was ich möchte …«

»Ich summe eine Melodie! Ich summe eine Melodie!«

Bruder Preptil, der Meister der Musik, hatte Bruthas Stimme einmal mit der eines enttäuschten Geiers verglichen, der zu spät bei dem toten Esel ankommt. Chorsingen war für Novizen Pflicht, aber nach mehrfachem Ersuchen seitens Bruder Preptil wurde Brutha davon befreit. Der Anblick seines großen runden Gesichts, das sich angestrengt verzog und verzerrte, war schon schlimm genug; viel schlimmer jedoch war seine Stimme, die zwar kräftig und voll tiefer Inbrunst war, aber stets hoffnungslos um die Melodie herumeierte, ohne sie auch nur halbwegs zu erwischen.

Stattdessen hatte er zusätzlichen Melonendienst bekommen.

Hoch oben in den Gebetstürmen ergriff ein Schwarm Krähen hastig die Flucht.

Nach einem ganzen Refrain von Er zertrampelt die Sünder mit eisernen Hufen nahm Brutha die Finger wieder aus den Ohren und lauschte misstrauisch.

Bis auf das ferne Protestgeschrei der Krähen herrschte Stille.

Es hatte funktioniert. Vertraue ganz auf Gott, hieß es immer. Und so hatte er es stets gehalten. So lange er sich erinnern konnte.

Erleichtert griff er wieder zur Hacke und wandte sich wieder den Melonenranken zu.

Kurz bevor das Blatt der Hacke den Boden berührte, erblickte Brutha die Schildkröte.

Sie war klein, gelblich und mit Staub bedeckt. Ihr Panzer war ziemlich ramponiert, und sie musterte ihn mit einem wachsamen Auge – das andere war einer der vielen Tausend Gefahren zum Opfer gefallen, denen jedes langsame Lebewesen, das sich dicht über dem Erdboden bewegt, ausgesetzt ist.

Brutha sah sich um. Der Garten lag inmitten des abgeschlossenen Tempelkomplexes und war von hohen Mauern umgeben.

»Wie kommst du denn hier herein, mein Kleiner?«, fragte er. »Bist du geflogen?«

Die Schildkröte glotzte ihn monoptisch an. Brutha bekam ein bisschen Heimweh. In den sandigen Hügeln seiner Heimat hatte es viele Schildkröten gegeben.

»Ich könnte dir ein bisschen Salat geben«, sagte Brutha. »Aber ich glaube nicht, dass Schildkröten in diesen Gärten erlaubt sind. Ihr seid doch Ungeziefer, oder?«

Die Schildkröte glotzte ihn weiterhin an. Kaum etwas kann so glotzen wie eine Schildkröte.

Brutha fühlte sich verpflichtet, etwas zu unternehmen.

»Es gibt auch Trauben«, sagte er. »Vielleicht ist es keine Sünde, dir eine Traube zu geben. Na, was meinst du, kleine Schildkröte? Eine Traube?«

»Wie würde es dir gefallen, eine Ausgeburt an Abscheulichkeit in der alleruntersten Höllengrube des Chaos zu sein?«, erwiderte die Schildkröte.

Die Krähen, die bis auf die Außenmauern geflohen waren, flatterten abermals auf, als eine äußerst gewagte Version von Der Ungläubige wandelt in einem Dornendickicht erklang.

Brutha machte die Augen wieder auf und zog die Finger aus den Ohren.

»Ich bin immer noch hier«, sagte die Schildkröte.

Brutha zögerte. Langsam, ganz langsam dämmerte ihm, dass Dämonen und Sukkuben einem normalerweise nicht in der Gestalt kleiner alter Schildkröten erschienen. Das wäre auch ziemlich sinnlos. Sogar Bruder Nhumrod würde der Aussage, dass es für ungezügelte Erotik durchaus geeignetere Manifestationen gab als einäugige Schildkröten, jederzeit beipflichten.

»Ich wusste gar nicht, dass Schildkröten reden können«, sagte er.

»Können sie auch nicht«, erwiderte die Schildkröte. »Guck mal auf meine Lippen.«

Brutha sah genauer hin.

»Du hast gar keine Lippen«, sagte er.

»Genau. Und auch keine richtigen Stimmbänder«, bestätigte die Schildkröte. »Ich rede direkt in deinem Kopf, kapiert?«

»Ach du meine Güte!«

»Du hast das doch kapiert, oder?«

»Nein.«

Die Schildkröte verdrehte ihr Auge.

»Ich hätte es wissen müssen. Na ja, ist jetzt auch egal. Ich muss meine Zeit nicht mit einem Gärtner vergeuden. Hol mir mal deinen Chef. Und zwar sofort.«

»Meinen Chef?« Brutha legte die Hand an den Mund. »Du meinst … Bruder Nhumrod?«

»Wer ist das?«, wollte die Schildkröte wissen.

»Der Novizenmeister!«

»Oje, oje!«, sagte die Schildkröte. »Nein«, fuhr sie fort und imitierte dabei deutlich übertrieben Bruthas Singsang, »ich meine nicht den Novizenmeister. Ich meine den Hohepriester oder wie er sich auch nennen mag. Ich nehme doch mal an, dass es hier so jemanden gibt?«

Brutha nickte entgeistert.

»Hohepriester? Du verstehen?«, sagte die Schildkröte. »Der. Hohe. Priester. Hohepriester.«

Brutha nickte wieder. Er wusste, dass es einen Hohepriester gab. Es war bloß so, dass er gerade noch die hierarchische Struktur zwischen sich und Bruder Nhumrod erfassen konnte. Zu ernsthaften Überlegungen über die Verbindung zwischen dem Novizen Brutha und dem Zönobiarchen war er nicht in der Lage. Theoretisch war er sich einer solchen Verbindung bewusst, in einer gewaltigen kanonischen Struktur mit dem Hohepriester an der Spitze und Brutha ganz weit unten, aber er sah sie auf die gleiche Weise vor sich, wie eine Amöbe die Kette der Evolution von sich bis hin zu, sagen wir mal, einem vereidigten Buchprüfer überblickt. Das eine oder andere wichtige Bindeglied dazwischen fehlte einfach.

»Ich kann nicht einfach hingehen und den …« Brutha zögerte. Allein der Gedanke, den Zönobiarchen anzusprechen, ließ ihn vor Schreck verstummen. »Ich kann nicht einfach jemanden darum bitten, den Hohen Zönobiarchen zu bitten, hierherzukommen und sich mit einer Schildkröte zu unterhalten.«

»Verwandle dich in einen Schlammegel und verdorre in den Feuern der Vergeltung!«, schrie die Schildkröte.

»Deswegen musst du nicht gleich fluchen«, sagte Brutha.

Die Schildkröte schaukelte zornig auf und ab.

»Das war kein Fluch! Das war ein Befehl! Ich bin der Große Gott Om!«

Brutha blinzelte.

Dann sagte er: »Von wegen. Ich habe den Großen Gott Om gesehen.« Gewissenhaft bildete er mit der Hand das Zeichen der Heiligen Hörner nach. »Er sieht nicht aus wie eine Schildkröte. Er erscheint als Adler oder als Löwe oder als mächtiger Stier. Im Großen Tempel steht eine Statue. Sie ist sieben Ellen hoch, mit Bronze und allem Drum und Dran. Der Stier zertrampelt Ungläubige. Als Schildkröte kann man keine Ungläubigen zertrampeln. Man kann ihnen allerhöchstens einen strengen Blick zuwerfen. Der Stier hat Hörner aus echtem Gold. Dort wo ich herkomme, stand im Nachbardorf eine Statue, die war eine Elle hoch, und das war auch ein Stier. Von daher weiß ich, dass du nicht der Große Gott« – wieder deutete er die Heiligen Hörner an – »Om bist.«

Die Schildkröte beruhigte sich wieder.

»Wie viele sprechende Schildkröten sind dir denn schon begegnet?«, fragte sie sarkastisch.

»Keine Ahnung«, antwortete Brutha.

»Was soll das heißen – keine Ahnung?«

»Na, vielleicht können sie ja alle sprechen«, sagte Brutha gewissenhaft und demonstrierte damit die ihm eigene Logik, die ihm zusätzlichen Melonendienst verschafft hatte. »Vielleicht sagen sie nur nichts, wenn ich in der Nähe bin.«

»Ich bin der Große Gott Om«, sagte die Schildkröte. In ihrer zwangsläufig recht leisen Stimme schwang ein drohender Unterton mit. »Und es dürfte nicht mehr lange dauern, bis du ein sehr unglückseliger Priester bist. Jetzt geh und hol ihn her.«

»Novize«, erwiderte Brutha.

»Was?«

»Novize, nicht Priester. Sie wollen mich nämlich nicht …«

»Hol ihn her!«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Zönobiarch jemals in unseren Gemüsegarten kommt«, sagte Brutha. »Ich glaube, er weiß nicht mal, was eine Melone ist.«

»Das ist mir völlig egal«, erwiderte die Schildkröte. »Wenn du ihn nicht sofort holst, wird die Erde erbeben, der Mond wird sein wie Blut, Fieberkrämpfe und Schwären werden die Menschheit befallen, und die unterschiedlichsten Krankheiten werden sie heimsuchen. Das meine ich wirklich ernst«, fügte sie hinzu.

»Mal sehen, was sich machen lässt«, meinte Brutha und trottete davon.

»Und dabei bin ich, in Anbetracht der Umstände, noch ziemlich zurückhaltend!«, rief ihm die Schildkröte nach.

»So schlecht singst du gar nicht, weißt du!«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.

»Ich hab schon Schlimmeres vernommen!«, ergänzte sie, als Bruthas schmutzige Robe durch das Tor verschwand.

»Aber es erinnert mich an die Zeit, als die Pest in Pseudopolis wütete«, sagte sie leise, während die Schritte verklangen. »Was war das damals für ein Heulen und Zähneklappern!« Sie seufzte. »Herrliche Zeiten! Ach, was waren das für herrliche Zeiten!«

*

Viele fühlen sich zur Priesterschaft berufen, aber was sie in Wirklichkeit hören, ist eine innere Stimme, die ihnen sagt: »Es wäre ein ziemlich guter Job mit einem Dach überm Kopf, und schwer heben muss man auch nicht. Oder willst du wie dein Vater den ganzen Tag hinter dem Pflug hergehen?«

Im Gegensatz dazu glaubte Brutha nicht einfach nur. Er glaubte richtig. So etwas ist normalerweise schon peinlich, wenn es in einer gottesfürchtigen Familie vorkommt, aber Brutha hatte nur seine Großmutter, und die glaubte ebenfalls richtig. Sie glaubte so unbeirrt, wie Eisen an Metall glaubt. Sie war eine jener Frauen, die der Schrecken jedes Gemeindepriesters sind, eine derjenigen, die sämtliche Lieder und Psalmen auswendig kennen und alle Predigten obendrein.

Nun waren in der Omnianischen Kirche Frauen im Tempel nur geduldet. Sie mussten sich absolut still verhalten und gut verhüllt in einem eigens für sie reservierten Bereich hinter der Kanzel bleiben, damit der Anblick der einen Hälfte der menschlichen Spezies die männlichen Gemeindemitglieder nicht dazu brachte, Stimmen zu hören, die denen nicht unähnlich waren, wie sie Bruder Nhumrod zu jeder wachen Stunde plagten. Das Problem war jedoch, dass Bruthas Großmutter über eine Persönlichkeit verfügte, die sogar Bleiplatten durchdrang, gepaart mit einer Frömmigkeit von der unerbittlichen Härte eines Diamantbohrers.

Wäre sie als Mann zur Welt gekommen, hätte der Omnianismus seinen achten Propheten um einiges früher als erwartet gefunden. So aber organisierte sie die Dienstpläne für die Reinigung des Tempels, das Polieren der Statuen und das Steinigen mutmaßlicher Ehebrecherinnen mit schrecklicher Effizienz.

Auf diese Weise kam es, dass Brutha in der festen und unverbrüchlichen Gewissheit um den Großen Gott Om aufwuchs. Brutha hatte immer schon mit absoluter Sicherheit gewusst, dass Oms Blick stets über ihn wachte, ganz besonders an Orten wie dem Abtritt, und dass Dämonen ihn von allen Seiten bestürmten und nur durch die Kraft seines Glaubens in Schach gehalten werden konnten – und durch Großmutters Stock, der, falls er ausnahmsweise nicht im Einsatz war, gleich hinter der Tür bereitstand. Brutha konnte jeden Vers aus allen sieben Büchern der Propheten auswendig aufsagen und auch jede einzelne göttliche Vorschrift. Er kannte sämtliche Gesetze und Lieder. Besonders die Gesetze.

Die Omnianer waren ein gottesfürchtiges Volk.

Und sie hatten so einiges zu fürchten.

*

Vorbis’ Gemach befand sich in der oberen Zitadelle, was für einen einfachen Diakon eher ungewöhnlich war. Er hatte nicht darum gebeten. Er bat recht selten um etwas. Das Schicksal begünstigt die Seinen auf seine ganz eigene Weise.

ENDE DER LESEPROBE