Einmal München - Antalya, bitte - Thomas Käsbohrer - E-Book

Einmal München - Antalya, bitte E-Book

Thomas Käsbohrer

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9,99 €

Beschreibung

Nach dem abrupten Ende seiner beruflichen Karriere im Frühsommer 2014 beschließt Thomas Käsbohrer, nach Antalya zu reisen. Doch statt den dreistündigen Flug zu wählen, entscheidet er sich für die langsame Route. Er fährt mit dem Bus von München ins slowenische Izola und besteigt dort sein kleines Segelboot LEVJE. Und segelt fünf Monate von Slowenien über Italien und Griechenland ins südtürkische Antalya. EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA, BITTE beschreibt die Reise mit einem kleinen Boot entlang der Küsten des Mittelmeeres. Mit Geschichten vom und über das Meer. Und über die Menschen, die dort leben. Ein Buch, das in der Lage ist, die Sehnsucht nach dem Meer für einen Moment zu stillen, voll intensiver und leiser Beschreibungen, die geprägt sind von der Liebe zu weiten Horizonten. Ein Buch über Abschied und Neuanfang und über die Kunst, langsam zu reisen, um zu sich selbst zu finden.

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EPUB

Seitenzahl: 240

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Einmal München-Antalya,          bitte

Teil I – Ablegen und Loslassen

Widmung

Dieses Buch wäre nicht denkbar ohne die Menschen, die mich prägten, förderten, ermutigten. Meiner Mutter, die mir die Liebe zum Kochen und Reisen beibrachte und der es nicht vergönnt war, beides so zu leben, wie sie es wollte. Meiner Großmutter, die mich Freiheit und Verstehen spüren ließ. Meinem Freund Andal für die guten Gedanken, die wir tauschten, unser Leben lang. Sven für die Liebe zu Booten. Katrin für ihre Geduld. Susanne für ihre Kraft und ihren unerschütterlichen Glauben

Ablegen.

Im Hellblau des Himmels leichte weiße Schlieren. Ich stehe in Izola, in Slowenien, auf der Pier, „Pontile C 26“. Mein Liegeplatz mit LEVJE die letzten fünf Jahre. Es ist Mittwoch, der 21. Mai 2014. Kurz vor 13 Uhr.

Ich habe eben noch einmal eine Runde an Deck gedreht. Ich weiß nicht, die wievielte. Kontrolliere Leinen und Fender, dies und das. Ich schaue den Mast hinauf, der vor wenigen Tagen noch zerlegt neben mir auf der Betonmole lag. Haben wir alles richtig montiert und wieder zusammengebaut? Zwei Terminals waren gebrochen, die wichtigsten Teile. Die, die dafür sorgen, dass der Mast aufrecht stehen bleibt, in Wind und Wellen. Wenn der Wind besonders stark bläst und man seine ungeheure Wucht spürt: dann denkt der Segler an seinen Mast. Dass er aufrecht stehen bleibt. In jeder Situation. Sicherheitshalber habe ich mit Sven, meinem Freund, Maschinenbauer, der mir bei meinen Vorbereitungen half, alle Terminals ausgetauscht und neue montiert. Und Wanten und Stagen, fingerdicke Drahtseile, die den Mast nach allen Seiten abstützen, auch gleich erneuert.

Ich sehe nach dem Bootshaken. „Mezzo Marinaio“ nennen ihn die Italiener liebevoll – „halber Seemann“. Er liegt bereit, um mich abzuhalten, wenn ich beim Ablegen einem anderen Boot zu nahe kommen sollte. Oder sich einer der Festmacher, die mich noch mit dem Land verbinden, beim Einholen verklemmen sollte.

Ich schaue mich einmal um. Eine Möwe zieht kreischend eine Bahn durch die Gasse zwischen den vertäuten Schiffen. Alles bereit. Alles klar. Ich bin bereit. Und LEVJE, mein Schiff, ist es auch. Es ist Zeit, loszufahren.

Ich gehe zurück ins Cockpit. Beuge mich hinunter, da wo links der Zündschlüssel steckt, unter der Sitzbank. 15 Jahre habe ich von genau diesem Moment geträumt. Eine kurze Drehung des Zündschlüssels. Ein durchdringendes Jaulen erklingt: die Warnung, dass Wasserkühlung und Öldruck meines Dieselmotors nicht funktionieren. Das ist normal: Als LEVJE gebaut wurde, in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre, baute man das noch ein. Ein lauter, heulender Ton. Ich drücke den Knopf für den Anlasser. Ein kurzes Bullern, der Ton verschwindet – und dann ist er da, der Motor. Sachte wummernd springt er an, ich spüre das Vibrieren im Boot, sehe, wie der oberste Relingdraht des Seezauns wie eine Gitarrensaite schwingt, höre, wie das Kühlwasser an LEVJEs Heck ins Wasser platscht. Alles nehme ich in ein und demselben Moment auf, im Bruchteil einer Sekunde, wahrscheinlich 50, 70 Eindrücke, Sinneswahrnehmungen gleichzeitig, die mir doch nur das Eine signalisieren. Alles normal. Alles bereit.

Ich lasse den Motor einen Moment laufen. Höre ihm weiter zu bei der Arbeit. Ob er rund läuft. Ob gleichmäßig Kühlwasser aus LEVJEs Auspuffrohr am Heck quillt. Ich nehme LEVJEs Holzpinne in die Hand. Sie lässt sich frei bewegen, das Ruder auch, ich bewege es einmal nach jeder Seite.

Ich schaue mich um. Schaue mich um, ob gerade noch jemand anderer dabei ist abzulegen, im selben Moment, und mir in die Quere kommen könnte. Alles frei. Schaue nach dem Verklicker ganz oben im Mast, der mir sagt, aus welcher Richtung der Wind weht. Leichter Nordwest, also genau von vorn. Ich beuge mich hinunter zur Grundleine auf LEVJEs Steuerbordseite. Ich betrachte sie kurz, die kleine schwarze Markierung darauf, die mir immer sagte, wie ich LEVJE im richtigen Abstand zur Pier festmachen muss, damit sie vom Jugo, vom Südwind, nicht auf die Pier gedrückt wird. Fünf Jahre hat sie LEVJE sicher an ihrem Platz gehalten, sicheren Halt gegeben, ob in der böigen Bora Istriens oder in den heftigen Gewittern, wie sie in der Nordadria üblich sind. Ich löse den Knoten. Und werfe die Grundleine los. Sie platscht ins Wasser, sinkt auf den Grund, ich sehe ihr langsam nach, bis ich sie kaum mehr sehen kann im Blaugrüngrau und ihre Umrisse in der Tiefe verschwinden.

Dann gehe ich nach vorne. Steige über den Bugkorb auf die Pier. Irgendwie ist alles eingeübt, eingebrannt sind die Abläufe in fünf Jahren. Beuge mich hinunter, löse langsam erst den einen Festmacher. Ich halte LEVJE noch kurz, die Festmacher waren kurzstag, unter Spannung, damit LEVJE mir nicht auf das Nachbarboot vertreibt. Dann löse ich den anderen Festmacher, halte LEVJE kurz fest. Und steige über. LEVJE entfernt sich langsam, ganz langsam, von der Pier: Die zweite Grundleine am Heck verleiht LEVJE etwas Fahrt, zieht sie hinaus, hinaus aus der Box. Ich löse die letzte Verbindung, die uns hält. Ziehe uns an der Grundleine drei, vier Meter aus unserer Box, hinein in die Boxengasse, werfe auch die letzte Verbindung über Bord. LEVJE ist frei.

Ich beuge mich hinunter, nach rechts, zum Schalthebel, lege vorsichtig den Rückwärtsgang ein. Ein Schlag, in dem sich LEVJEs Faltpropeller entfaltet. Langsam, erst langsam, dann schneller, immer schneller gleitet LEVJE aus ihrer Box. Wir drehen rückwärts ein in die Boxengasse. Noch mal ein Blick nach vorn. Alles frei. Wieder beuge ich mich zum Schalthebel, stoppe LEVJEs Rückwärtsfahrt, indem ich den Vorwärtsgang einlege. Bremsen gibt es nicht auf einem Boot, niemals steht ein Boot ganz still, immer ist es in Bewegung, selbst fest vertäut. Langsam schiebt sich LEVJE nach vorn, richtet ihre Nase in die Mitte der Boxengasse. Das Boot meiner Nachbarn, die ALICE LA MERAVIGLIOSA von Reijko und Vlasta, der Wunderbaren, bleibt langsam zurück.

Der Schornstein der alten Fabrik liegt rechts von uns. Ein uralter Schornstein, vielleicht sogar noch aus der Zeit, bevor Planwirtschaft und jugoslawischer Sozialismus in Istrien einzogen. Der Schornstein. Man sieht ihn, wenn man Izola ansteuert, schon von Weitem übers Meer. Wenn man weit draußen auf ihn zuhält, steuert man genau auf die Einfahrt des Hafens von Izola zu. Ein alter Fabrikschornstein, der mir immer die Richtung wies, nach einem Wochenende in den Lagunen, traurig, weil ich wieder heim musste und goldene Tage abrupt endeten.

Ich biege langsam nach links ein, in die Hauptgasse. Lasse den Schornstein hinter mir liegen. Das beruhigende Sirren der Welle, die Motor und Schiffsschraube verbindet. Ich stehe aufrecht, damit ich über LEVJEs Sprayhood hinwegsehen kann, nach vorne schauen kann, ob alles frei ist. Zwei Männer auf der Pier blicken kurz von ihrer Arbeit auf. Ich halte fest die Pinne in der Hand. Ich steuere mein Boot.

Ablegen. Sein eigenes Boot hinaussteuern: Dieser Moment hat mich stets mit unbändiger Freude und mit Stolz erfüllt. Ablegen. Es ist viel, was in den Momenten des Ablegens in mir vorgeht. Das Auf-mich-allein-gestellt-Sein. Nicht mehr auf der Pier stehen, vom vermeintlich sicheren Ufer aus anderen Booten zusehen mit einem „Das-möcht-ich-auch-mal“. Sondern ablegen. Eine Pinne, ein Ruder in der Hand halten, ein Schiff, sein Schiff zu steuern: ist etwas Besonderes. Mein Leben mit all seinen 100.000 Möglichkeiten, wohin ich jetzt gehen, was ich jetzt tun, schaffen, werden könnte: Es ist in meiner Hand. 

Wir drehen in die Hauptgasse ein. Hier, im Innenteil der Außenmole liegen die großen, schmucken Yachten. An Ihnen vorbeizufahren ist immer ein Vergnügen. Die uralte WIEN, ein alter Dampfer aus der Kaffeehauszeit. SUNNY SIDE UP. Die CUORE MATTO, das verrückte Herz. Schiffe sind wie uralte Bekannte. Ein Schiffsname steht für die Geschichte, für die Sehnsüchte seines Eigners. Izolas zwei Kirchtürme liegen vor mir, ich steuere fast genau auf sie zu. Der kleine, geduckte im alten Ort. Der große, jüngere oben auf dem Hügel. Beide mit venezianischer Turmspitze, so wie überall in Istrien, wo die Venezianer ihre Kirchtürme errichteten in hoch aufragendem, massigem Stil, genauso wie den von San Marco: Damit jeder, der von See kam, wenn er auf die Küste, aufs Land blickte, schon von Weitem wusste: „Dies ist das Meer Venedigs.“ „Il Golfo di Venezia“, wie in jahrhundertealten Seekarten dieses Meer bis hinunter nach Griechenland hieß.

Ich beschleunige LEVJEs Fahrt jetzt etwas. Jemand, der mir von der Pier etwas zuruft. Vor dem Ort der alte Hafen. Und das Feld der Bojenlieger. Ich lasse es rechts liegen, lege die Pinne nach rechts, LEVJE dreht langsam nach links ein um den Molenkopf, es ist eine majestätische Bewegung, auch wenn hier ein kleines Schiff eindreht, immer weiter. Ich fahre einen U-Törn, den das Fahrwasser um die Außenmole herum vorgibt. Und plötzlich liegt es vor uns: das offene Meer. „Jadransko more“, nennen es die Slowenen. „Akdeniz“ nennen die Türken es da, wo ich hin will. Die roten Fahrwassertonnen liegen rechts von uns, eine nach der anderen gleitet an uns vorbei, voraus die Klippen von Strunjan, gleißend sandfarben, noch vier, noch drei, noch zwei, noch eine rote Tonne. Und dann sind wir draußen.

Meine Reise hat begonnen.

… und für all jene, die in dieser Nacht kein Auge zutun und sich nach den wunderbaren Eisenbahnfahrten im Fernsehen morgens um 02:30 Uhr sehnen: hier mein einhändiger, letzter Ableger aus Izola.

Rückblende: Loslassen.

Während ich im Bus sitze von München nach Izola, neben meinem Seesack, ist er wieder da, der Gedanke. Mehr als 15 Jahre sind vergangen, seit etwas in mir zum ersten Mal den Wunsch formulierte: Ich. Möchte. Segeln. Gehen. Mindestens ein halbes Jahr.

1998 zum ersten Mal auf einem Dickschiff: Keine Ahnung von Tuten und Blasen. Kaum waren wir aus dem Hafen von Marmaris heraus, brach aus mir, ich weiß nicht wie: ein Jubel, verdichtet zu einem langen, lauten Schrei, während ich alleine am Vorstag, am Bug des Schiffes stand. Es war wie ein jubelndes „Ich-bin-da“, überrascht davon, wie schön es ist, auf dem Meer unterwegs zu sein. Etwas war erwacht und ich war angekommen. Ich wusste: Es würde mich nie mehr verlassen in diesem Leben. Ich hatte etwas gefunden: eine einfache, tiefe Freude über das Auf-dem-Meer-Sein.

Noch auf dieser allerersten Reise beschloss ich, mein Leben zu ändern. Segeln zu gehen. Mindestens ein halbes Jahr. Und so viel Zeit wie möglich auf dem Wasser zu verbringen. Aber: Kann man das? Darf man das? Einfach alles abbrechen, einfach verschwinden für ein halbes Jahr?

Glück ist: Mit den Menschen zu leben, die du liebst. Mit der Arbeit, die dich erfüllt. An dem Ort, an dem du zu Hause bist. Eigentlich ganz einfach. All das hatte ich in meinem Leben. Und doch. Da war dieser Traum. Morgens beim Aufwachen die Farbe des Meeres, das Blaugrüngrau der nördlichen Adria vor Grado an einem Sommermorgen. In langweiligen Meetings minutenlang mir die Farbe des Meeres vorstellen, mich wegbeamen, wie brechende Wellenkämme zu durchscheinendem Glas werden, wenn die tief stehende Sonne bei höheren Windstärken durch sie hindurchscheint. Die Gewichte, die in einem glücklichen Leben an mir hingen, nicht mehr zu spüren.

Darf man das? Einfach einem Traum folgen? Nur weil er immer wiederkehrt? Darf man ein Leben grundlegend ändern? Beziehung, einen Beruf, den man liebt, einfach liegen lassen? Eine Frau, die man liebt, einfach zurücklassen? Ein Zuhause, das man liebt, verlassen?

Die Jahre vergingen. Und mein Leben war wie das Land, in dem ich lebte. In dem so oft Wichtiges mit Unwichtigem, Wertvolles mit Wertlosem verwechselt wird. In dem zu gerne vergessen wird, was Beachtung verdient, und Beachtung erhält, was dem Vergessen gehört. In dem die Gewissheit, dass alles so bleibt, trügerisch ist. Mein Traum: Er blieb. Die erste Bootsbeteiligung an einem Schiff im Mittelmeer, von sechs Wochen Urlaub mindestens sechseinhalb auf dem Meer verbringen … Es reichte nicht. Zeitweilig drei Schiffe besitzen, eines auf den Seen: Es reichte nicht. Der Hunger wuchs, je mehr ich aß. Die Winter waren lang und öde. Hätte es nicht die Bücher gegeben, darüber, wie es ist, auf dem Meer zu segeln und an genau diesem unwirtlichen Ort Frieden zu finden, ich hätte es kaum ertragen. Das Feuer: Es glomm unter der Asche.

Es dauerte 15 Jahre, bis es so weit war. Mein Leben, es hatte mich dahin getragen, wo mein Traum es hin haben wollte. Mein eigenes kleines Schiff, LEVJE, lag bereit im Hafen. Ich hatte 15 Jahre davon geträumt. Mein Arbeitgeber sagte nach 22 Jahren: „Ich brauche dich nicht mehr.“ Ich wusste: Jetzt war es so weit. Jetzt würde ich Segeln gehen.

Darf man das? Etwas folgen, das ein Traum ist? Einfach ausscheren? Ein ganz anderes Leben leben?

Ich werde es herausfinden. Auf einem Seeweg, der Jahrtausende alt ist. An Küsten, an denen Menschen der Steinzeit in kleinen Schilfbooten schon vor 12.000 Jahren aus groben Händen Harpunen schleuderten, um zu überleben. In Buchten, in denen minoische Händler feilschend Siedlungen und Werkstätten errichteten. An Flussmündungen, in denen phönizische Händler aus Tyros ihre schweren Holzschiffe an Land gezogen hatten. An Inseln, an denen dickbauchige römische Getreideschiffe voller Amphoren zerschellt waren. In Meerengen, in denen venezianische und türkische Galeeren sich jahrhundertelang Scharmützel lieferten. Auf einer Route, auf der alle unterwegs waren, alle von Anbeginn der Zeit: Fischer und Feilscher, Händler und Hökerer, Heilige und Kreuzritter, Piraten und Philosophen. Genau hier wollte ich unterwegs sein. Auf dem Seeweg von den Alpen, durch die der Bus gerade rollt, bis dorthin, woher in Antike und Mittelalter Wissen und Reichtum und Rätsel herkamen, als es noch nichts anderes gab, wohin man hätte blicken können: in den Osten.

Ich sitze im Bus neben meinem Seesack. Ich weiß nicht, was mich erwartet auf meiner Reise. Ich weiß nur, dass ich heute Abend auf LEVJE einschlafen werde, im Hafen von Izola.

Die vergessenen Orte: Izola. Slowenien. Oder: Ein Abschied.

Wie so oft hatte es das Leben entschieden und nicht ich: Auf unserer allerersten Reise auf LEVJE waren wir die istrische Küste hinuntergesegelt. Zum ersten Mal auf einem Boot im Mittelmeer, das mir gehörte. Wir fühlten uns mutig, als wir zum ersten Mal draußen ankerten, vor den glamourösen Lichtern der Hotels, Casinos und Nachtclubs von Portoroz – und nicht im Hafen. Und ängstlich, als genau in jener ersten Nacht ein Gewitter über uns aufzog. „Was für eine blöde Idee, genau vor dem Hafen zu ankern, wär ich doch bloß …“ Mutig, als wir nach überstandenem Gewitter nur noch draußen ankerten. Mutig, als wir zum ersten Mal über den Quarner segelten, über den großen Meeeresarm, der die kroatischen Inseln vom nördlichen Festland trennt, nach Cres. Und dort auf LEVJE in einer einsamen Bucht ankernd zehn Tage und Nächte blieben. Ein kleiner Küstenstreifen, ein Paradies, das wir uns nur mit zwei Schlauchboot-Leuten teilten, im Schatten der Olivenbäume, an denen an langen Schnüren Muscheln hingen. Nichts fehlte. Das Leben: Es war unglaublich gut.

Auf dem Rückweg stellte sich die Frage: „Wo LEVJE über den Winter lassen? Wo bleiben?“ Italien war Land unserer Wahl, wegen Sprache und Küche und Wein. Aber je weiter wir im späten August nach Norden kamen, umso zugeknöpfter waren die Häfen um Monfalcone und Triest, umso unattraktiver erschien uns der „Porto Turistico“ von Lignano. Wohin? Am Ende sagte Izola ja. Und da waren wir dann.

In Izola gab es auf der Uferpromenade drei Restaurants. Die Spaghetti Frutti di Mare schmeckten, als wären sie in der Waschmaschine bei 90 Grad gewaschen. Antipasti? Gab es nicht. Und wenn, dann war’s zäh gekochter Tintenfisch mit etwas Käse drüber gerieben. „Hobotnica“, stand auf der Karte. Rund um uns nur Slowenen. Die paar Italiener, die sich über die Grenze verirrt hatten, rückten schnell wieder ab. „Wir bleiben erst mal für ein Jahr. Und dann gehen wir nach Italien“, sagte Katrin. Und beide jammerten wir Italien hinterher.

Hinzu kamen meine Bootsnachbarn. Man hatte uns in die lauteste Ecke des Hafens von Izola gesteckt, unter laute Slowenen, die lärmend lachten, Männlein und Weiblein, die betrunken auf dem Steg feierten und tanzten, wenn die Sonne weg war, und morgens, wenn die Tramonta ihre Kaltluft wie aus einer Trillerpfeiffe über den Hafen von Izola presste. Merkwürdig. Zu allem Unheil hatte man LEVJE neben die Lautesten im Hafen gelegt: Rejko und die wie ein Schlot unentwegt qualmende Vlasta. Sie lärmten fröhlich mit ihren Gästen neben LEVJE. Bis es mir eines Nachts zu bunt wurde. Ich den Motor startete und samt schlafender Katrin einfach ablegte und mich in der Dunkelheit in eine andere, ruhigere Ecke des Hafens verholte.

Die Sprache war uns fremd. Die Menschen. Das Essen. Nicht, was wir gewollt hatten.

Irgendwann stellte ich fest, dass Rejko und Vlasta Italienisch sprachen – wie die meisten Bewohner Istriens. Sie behandelten mich nach meinem nächtlichen Manöver respektvoll, nein, nicht deswegen. Sondern weil ich immer noch da war, nicht Ärger gemacht hatte im Marina-Büro wie alle anderen vor mir. Die Slowenen rund um Rejko und Vlasta nickten mir freundlich zu. Ich hatte meine Feuertaufe bestanden, war angekommen. Von da an reichte es, wenn Rejko und Vlasta samt Sippe mal wieder bis Zwei ihr fröhliches „Eii jeiii jeiii jeeeeiiiii jeeii jeeii“ in die Nacht gröhlten, wenn ich einfach nur an LEVJEs Deck erschien und „Per Favore“ sagte. Rejko verschluckte sich dann am Rotwein und Vlasta schwieg qualmend sofort still hinter schweren Brillengläsern. Slowenien begann, uns zu gefallen.

Und nicht bloß wegen Rejko und Vlasta. Izola war nett, vergessen von Zeit und Welt und Wirtschaft. Wie man das Wort „Einkaufszentrum“ schrieb, war unbekannt. Am Samstag war Bauernmarkt und wir merkten, dass wir die Oma, die ihre Ernte der letzten Woche, eine Kiste Tomaten, Spinat, Knoblauch dort anbot, mehr liebten als den fahrenden Händler neben dran mit einem Angebot, wie wir es aus Deutschland kannten. Wir gingen mit Vorliebe am Samstag ins „Suzie Cafe“, um zu frühstücken. Unser Essen durften wir mitbringen, denn außer zu Trinken gab es im „Suzie Cafe“ nichts. Dort saßen am Morgen Fischer, Rentner und Arbeiter über ihrem zweitem Glas Wein, aus dem Cafe erscholl fröhliche Humptata-Humptata-Musik und die Oma kam vom Markt, um lärmend ihren Prosecco zu leeren. Den wievielten weiß ich nicht. Nettes Land.

Wir kamen uns näher. Schritt für Schritt. „Wann fahren wir eigentlich wieder nach Izola?“, fragte Katrin, wenn es Frühjahr wurde. Slowenien begann uns zu interessieren: Vollmitglied der EU seit 2004. Weniger Einwohner als der Großraum München. Aber so groß wie Hessen. Mit einer Meeresküste von 46,6 Kilometer Länge. Und ganzen vier Hafenstädten. Unter Europäern ist Slowenien so gut wie unbekannt. Es wird bestenfalls mit der Slowakei verwechselt. Bis 2008 war Slowenien ein Musterknabe in der EU mit besten Wirtschaftszahlen. Vor Jahren ist das Land unter den EU-Rettungsschirm geschlüpft, die Angst geht um bei meinen Bootsnachbarn, allesamt gesetzte, ältere Slowenen. Wenn ich mit Vlasta darüber rede, wie es in Slowenien geht, dann ruft Rejko aus dem Inneren von ALICE LA MERAVIGLIOSA hoch: dass er es nicht hören mag.

Die Party, die wir jedes Wochenende auf unserem Steg erlebt hatten, findet nur noch selten statt. Mittlerweile ist es leise geworden, gefeiert wird nicht mehr so oft. Es ist alles bescheidener geworden auf dem „Pontile C“. Der Fabrikbesitzer aus Kranj im Norden Sloweniens, der vor ein paar Jahren im Vollrausch seinen nagelneuen A5 vor meinen Augen im Hafenbecken versenkte – der Audi schwamm tatsächlich ein paar Minuten an der Wasseroberfläche, der luftgefüllte Kofferraum hielt ihn oben, als der platzend aufging, sank er auf mehrere Meter Wassertiefe, mit eingeschaltetem Fernlicht, das den Grund leuchtend blau erleuchtete und nach fünf Minuten erlosch, zwei Koffer schaukelten noch friedlich an der Wasseroberfläche – aber das ist eine andere Geschichte vom Meer! – der Fabrikbesitzer hat seine GRAND SOLEIL vom Steg an die viel günstigere Boje im Hafen verlegt. Als ich ihn neulich traf, sagte er, er wisse jetzt wieder, was das Brot im Laden koste. Der Stuhlfabrikant hat Krach mit den Bootsnachbarn, weil er Leute entlassen musste. Rejko und Vlasta trinken kaum noch. Vlasta hat nach schwerer Krankheit das Rauchen aufgegeben. Von einem Tag auf den anderen. Und joggt jeden Morgen drei Kilometer. Wiegt nur noch die Hälfte. Sieht aus wie ein Model.

Und wie die Menschen, so hat sich auch das alte Izola in der Krise der letzten Jahre gewandelt. Vor 100 Jahren war es einfach ein bettelarmer Fischerort, einstiges Venedig, dahindämmernd wie seine einstige Beherrscherin. Nach dem zweiten Weltkrieg dem Staatenbund verschiedener Balkan-Ethnien namens Jugoslawien zugeschlagen. In der Planwirtschaft „Erholungsort“ mit zu erfüllenden Planzahlen. Und daraus wurde, was wir 2009, nur wenige Kilometer von Italien, antrafen: Keine gute Pasta. Kaum guter Wein. Postsozialistische Urlaubsatmosphäre mit muffigem Essen. Und muffligen Kellnern. Urlaubsort für die Hauptstädter aus dem eine Autostunde entfernten Lubljana.

Heute gibt es in Izola ein wunderbares Weinlokal und mindestens zwei Restaurants, deren Betreiber Berufsfischer sind, die darin kein Auskommen mehr fanden. Und die heute ihren eigenen, am Vortag gefangenen Fisch (und keine Aquakultur) auf den Tisch bringen. Ich bin sicher, dass die fast 50 Kilometer Küste in zehn Jahren ein sehr begehrtes Fleckchen sein werden. Es ist – von München und Wien aus gesehen – tatsächlich die kürzeste Distanz zum Mittelmeer, die man fahrtechnisch zurücklegen kann: 500 Kilometer.

Nun breche ich auf. Was ich von Slowenien mitnehme? Wie folgt:

Die erfolgreichsten slowenischen Exportartikel:

1.   Slavko Avsenik und seine Original-Oberkrainer. Kennt man den noch? Aber ja, war doch in jedem Musikantenstadel. Und ist typisch für das Humptata, das einem an jeder Ecke Sloweniens um die Ohren fliegt. Musikalisch betrachtet IST Slowenien ein Musikantenstadel.

2.   Giuseppe Tartini. Naja. Im 18. Jahrhundert in Piran geboren, das wie die ganze Küste von den Venezianern weniger „beherrscht“ als vielmehr wirtschaftlich „verwertet“ wurde.

3.   Slowenischer Honig. Als Exportartikel noch unentdeckt. Aber auch für einen Nicht-Honigesser wie mich ein Genuss – und etwas ganz anderes als das, was unter goldgelbem Logo mit kleingedrucktem Vermerk „Honig kann auch aus nichteuropäischen Ländern und Südamerika stammen“ bei uns auf den Tisch kommt.

4.   Fuzi. Schon gesprochen ist das Wort ein Genuss und pure Sinnlichkeit: „Fuuuuuusi“. Mit stimmhaftem „S“. Eine istrische Pasta-Spielart. Am liebsten mit Frutti di Mare.

Meine fünf Vorurteile über Slowenien:

1.   Slowenien ist ein bisschen wie Auenland, Slowenen sind wie Hobbits. Am liebsten sitzen sie zusammen in größerer Gesellschaft, mit Humptata-Humptata, sind fröhlich, tanzen auf den Tischen und stoßen mit einem laut ansteigenden „Ooooooooooooobba“ an. Sie feiern gerne. Und wenn’s in der Ecke irgendeines Hafens an der kroatischen Küste laut und ausgelassen herging: waren’s meist Slowenen. Sie hat ihr Gutes, diese auenländische Ausgelassenheit.

2.   Slowenen sprechen in der Öffentlichkeit laut. Sehr laut. Telefoniert werden muss in der Öffentlichkeit unbedingt so, dass jeder im Hafen alles mitbekommt. Egal was öffentlich gesagt wird: Laut muss es sein, klar und deutlich verständlich für jeden, der 120 Meter entfernt steht. Aber auch dies habe ich schätzen gelernt. Es sagt ganz klar: „Stasi oder Securitate hatten wir hier nicht. Wir waren immer und überall wir.“

3.   Tito allerorten an der Wand. Oft trifft man in Bars oder auch Bäckereien auf Fotokalender an der Wand mit offiziellen Fotos von Tito. Ich hab’s nie begriffen. Aber auch diese Fotos habe ich mittlerweile lieben gelernt: Als stimmungsvolle Relikte der vermeintlich heilen Siebzigerjahre. In St. Tropez: Brigitte Bardot, in der Türkei: überall Kemal Atatürk, in Izola: eben Tito. Die letzteren beiden immer als echte „Salonlöwen“. Ober-lässig bei gesellschaftlichen Anlässen. Männer, denen die Unbill der Welt nichts, aber auch gar nichts anhaben kann. Das schöne Bild stört nur, dass Tito in den Siebziger- und Achtzigerjahren für Morde an Exil-Jugoslawen verantwortlich war, die erst vor Kurzem von der Münchner Staatsanwaltschaft aufgerollt wurden.

4.   Die Geschichte des Ausstiegs Sloweniens aus dem damaligen Jugoslawischen Staatenverbund? Beeindruckend. Slowenen waren die Ersten, die als Kollektiv beschlossen: Wir machen unser eigenes Ding. Und steigen aus dem Bundesstaat aus. Sie haben das innerhalb weniger Wochen sehr entschlossen durchgezogen. Auch als die Bundesarmee anrückte Richtung slowenischer Grenze und unverhohlen mit militärischer Aggression drohte: Die Slowenen nahmen ihre Gewehre. Stiegen in die Busse. Fuhren zur Grenze. Stellten die Busse quer. Waren bereit zu allem. Die Bundesarmee zog nach einigen Wochen zäher Verhandlungen wieder ab, friedlich. Eine gute Geschichte.

5.   Ljubljana. Jung, studentisch, architektonisch ein Mix aus Habsburger Reich und Plattenbau. Sehr netter Ort. Und Hauptort der Hobbits.

Menschen am Meer: Slobo. Oder: Sprache ist nicht wirklich wichtig.

Wer heute von Deutschland kommend die Grenze, die eigentlich keine mehr ist, hinter Triest nach Slowenien überquert, stellt fest, dass da noch eine mächtige Grenze verläuft. Eine Sprachgrenze. Kommt man eben noch mit romanischen Grundkenntnissen glänzend durch die Welt, ist mit Betreten des slawischen Sprachraums alles anders. Von eins bis drei geht’s noch („ena“, „dwa“, „tri“), spätestens bei vier („schtiri“) fliegt man aus der Kurve. Die Wurst heißt „Klobase“, „Popušt“ der Rabatt, Männer sind plötzlich „Moški“ und Frauen „Zenški“. Zwar kommt man in Istrien mit Italienisch besser durch, obwohl unmittelbar nach dem Krieg die Vertreibung aller Italienischstämmigen einsetzte. Aber man trifft oft auf Slowenen, die eben nur slowenisch sprechen. Und zu denen gehört: Slobo.

Slobo arbeitet in Izola im Hafen. Er nimmt in die Hand, was Bootsbesitzer nicht gerne in die Hand nehmen: den Pinsel mit den giftigen Antifouling-Farben, mit denen das Unterwasserschiff einmal jährlich gestrichen werden muss, weil es ohne diese Brachialbehandlung innerhalb weniger Wochen einen glibbrigen, bartähnlichen Bewuchs aus Tausenden verschiedener Organismen tragen würde.

Meine Bekanntschaft mit Slobo begann mit handfestem Krach. Er strich um mich und LEVJE herum, als ich es am Land auf Hochglanz polierte. Erst sah er mir skeptisch zu. Dann stand er plötzlich mit seiner eigenen Poliermaschine, die er liebevoll „Polirka“ nannte, und seiner eigenen Polierschmiere neben mir. Und wollte loslegen. An meiner LEVJE! Mit seiner Schmiere!

Ich verscheuchte ihn. „Thomas Problem!“, maulte er. Und es war fortan seine Begrüßungsformel für mich. Er trottete davon, seine Polirka traurig unter dem Arm.

Am nächsten Tag stand er plötzlich neben mir, als ich LEVJEs Unterwasserschiff mit Antifouling strich. Hatte plötzlich eine Farbwalze in der Hand. Und strich neben mir LEVJEs Unterwasserschiff. Ich argwöhnte Finsteres. Da will einer Geld. Der will bestimmt hinterher 200 Euro. Was soll’s.

Ich muss zugeben: Slobo machte seine Sache gut. Er war doppelt so schnell wie ich und bekam das Giftzeug gleichmäßiger drauf als ich. Ich war beeindruckt. Und fragte Slobo am nächsten Tag, was ich ihm denn für die vier Stunden Arbeit geben dürfte. Er brummte: „Jaa, Jaa“. Winkte ab. Und ging davon. Ich war noch mehr beeindruckt. Und stand in Slobos Schuld.

Von Katrin habe ich gelernt: Echte Geschenke müssen dem Schenker wehtun. Ich ging an LEVJEs Whiskyschapp und nahm die teurere für Slobo raus. Und hielt sie ihm hin.

Slobo äugte. Wollte sich schon wegdrehen.

Ich: „Slobo, sei kein Idiot. Das ist echter schottischer Whisky.“

Slobos Miene hellte sich auf. „Jaa Jaa“, sagte er. Und schenkte mir sein schönstes Zahnlücken-Lächeln.

Eine Woche vor der Abfahrt verzweifelten Sven und ich bei der Demontage des Vorstags. Wir bekamen eine etwa handgroße Verschraubung einfach nicht auf. Eisensäge, Gummihammer, Betonklotz, gusseiserner Hafenpoller, schwerer Hammer, Zangen, Meißel, Telefonate mit Deutschland: Alles versagte. Nichts half. Nach drei Stunden gaben wir auf. Wir saßen ratlos rum. Das Teil: Es hatte uns geschafft. 

Ich ging zu Slobo.

Slobo: Jaa Jaa. Thomas Problem".

Ich (kleinlaut) hielt ihm das Teil hin, das für die meisten aussah wie Schrott. Er wußte sofort, was es war.

Slobo: „Jaa Jaa.“

Ich: „Meinst du, du kriegst das auf?“

Slobo: „Jaa Jaa.“

Ich (Hoffnungsschimmer): „Echt?“

Slobo: „Jaa Jaa.“

Ich: „Wie willst du das denn machen?“

Slobo: „Jaa Jaa.“ Ein unverständlicher Wortschwall.

Ich: „Wenn du's kaputt machst, bin ich geliefert. Und kann nicht lossegeln.“

Slobo: „Jaa Jaa.“

Ich: „Das kostet mich 3000 Euro, wenn’s kaputtgeht. Ist dir schon klar?“

Slobo (ungerührt): „Jaa Jaa.“

Ich: „Ich tret dich echt in den Hintern, wenn’s kaputtgeht.“

Slobo: „Jaa Jaa“.

Eine Stunde später stand Slobo mit seinem Freund Tomasz vor mir. Beide grinsten um die Wette. Das Teil war auseinander. Sie hatten eine Stunde zu zweit hingewerkelt, allein der Himmel weiß, wie die beiden das angestellt hatten. Aber die Verschraubung war auf.

Ich (begeistert): „Echt große Klasse! Mensch, dafür habt Ihr euch einen Kasten Bier verdient.“

Slobos Zahnlücken grinsten noch breiter: „Whisky.“

Landschaften der Seele: In den Lagunen von Grado.

Zwischen Chioggia im Südwesten über Venedig bis nach Grado im Osten erstreckt sich eine Landschaft, die eng mit meinem Segeltraum verbunden ist: Die Lagunen.

Es ist eine riesige Wasserwüste und sie beginnt, wenn man von Izola nur fünf Stunden nach Westen über den Golf von Triest segelt, in die Richtung, in der auch Venedig liegt. Unterbrochen wird die Wasserlandschaft von unzähligen Inseln und Sandbänken, Anspülungen, Kanälen, mit dichtem Buschwerk bewachsenen Schlickbänken. Erfüllt ist sie vom Geruch sich mischenden Salz- und Süßwassers, von wogend treibendem Seegras und sich darin verhedderndem ungeahntem Leben.

Manche der Inseln haben nur die Größe eines Vorgartens und doch steht das reetgedeckte Haus eines Fischers drauf. Die Bewohner haben das bisschen Ufer mit mühsam herbeigeschafften Steinen befestigt, damit der wenige schlickige und schlammige Grund, der das Inselchen ausmacht, nicht einfach von den Wellen fortgewaschen wird in wenigen Jahren. Andere Sandbänke sind richtig groß, über Dämme mit dem Festland verbunden und mit Städten darauf: Grado, Lignano, Venedig und Chioggia sind einige davon. Die Einfahrt durch die Kanäle in diese Lagunenstädte auf dem eigenen Boot – etwa in das Stadtzentrum, den Stadthafen von Grado, mitten durch die Häuser, zwischen vertäuten Fischerkähnen hindurch – ist immer wieder ein Genuss. Eine Fahrt durch den Geruch von heißem Rost, Diesel, Fischlaich in Kübeln und Netzen voller Fischschuppen.

Obwohl vergängliches Schwemmland, ist diese Landschaft doch eine uralte Kulturlandschaft. Auf dem Inselchen Ravaiarina, auf dem nur ein einfaches Restaurant steht, genau nördlich von Grado, ist eine Römerstraße eingezeichnet. Auf dem unbesiedelten Inselchen gegenüber Reste eines Tempels, dem Belenus, einem in römischer Spätzeit für Krieg zuständigen Gott, wer weiß von wem in welcher Bedrängnis errichtet und geweiht. Venedig ist im 5. und 6. Jahrhundert in dieser Landschaft entstanden. Römische Flüchtlinge vom Festland, die sich vor herandrängenden plündernden Ostgoten, Westgoten, Vandalen und vor allem Langobarden auf die einfachen, mit Krüppelholz bewachsenen Inseln flüchteten mit allem, was sie hatten. Und aus den Überschüssen der Salzproduktion und des Fischfangs in Sand und Schlick der Lagunen die größte Seemacht des Mittelalters, Venedig, erschufen. Doch davon später.

In dieser fast menschenleeren Wasserlandschaft am Rand der großen Berge, die wie eine Mauer nach Norden schützen, wo Flüsse und Meere sich ständig verbinden, herrscht die perfekte Stille. Alles, was ich in diesem Augenblick höre, ist das Rufen von Möwen, Wattvögeln, einer Wildtaube und – einer Nachtigall. Vor allem im Mai rufen sie hier, vollkommen unscheinbare Vögel, aber der schönste Gesang der Welt, sie, die das Wasser, die Nähe zum Wasser, so dringend zum Leben brauchen.

Durch diese Landschaft führen – bis auf die Dämme – keine Straßen. Lediglich in den Schlick gerammte Pfähle, die Dalben, markieren Wasserstraßen für die Boote. Es gibt Verkehrsschilder, Wegkreuzungen, Gabelungen, und wer die Dalbenstraßen verlässt, der bleibt mit dem Kiel seiner Yacht ganz unweigerlich im Schlick stecken: Das Wasser ist nur noch 30 Zentimeter tief, Seegras wogt bis zur Oberfläche. Nur die Fischer, die hier auf gut motorisierten Kähnen rauschend schnell entlangmotoren, kennen die verborgenen Wege und Schliche durch die Wasserwüste. Es ist faszinierend, ihnen zuzusehen, wie sie in rascher Fahrt genau eine x-beliebige Stelle zwischen den weiß-rot-weißen Dalben anvisieren, ungemindert zwischen den Dalben ins Unmarkierte, vermeintlich Flache hineinschießen und immer noch ebenso unvermindert zwischen den Inseln hindurchbrausen, während der unkundige Betrachter den Atem anhält und meint: Sie müssten längst zerschellt sein, auf irgendeiner Sandbank, irgendeinem verborgenen Uferstreifen.