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Der Fürst von Tränenfels - ein Name, mit dem er sich nie identifizieren konnte. Einsam und gequält von seinen düsteren Gedanken und seinem sinnlosen Dasein , wartet er auf das Ende. Mit seinem treuen Freund als Begleiter, macht er sich auf die Suche nach der Erlösung...
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2020
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...der Sturm hat etwas nachgelassen. Mein trauriger Blick wandert über das verwüstete Land. Ausgerissene Bäume, alte, eingestürzte Dächer und Überflutungen hat der lang ersehnte Regen mitgebracht. Man hat ihn vorausgesagt, man hat uns davor gewarnt. Die Worte der Weisen wurden aber wie so oft zuvor in den Wind geschlagen. Hinter dem trockenen Fenster der alten viktorianischen Burg, mit ihren symmetrischen Verzierungen, fühle ich mich in meiner Kammer sicher und beschützt. Schwarze Gestalten laufen umher, suchen Schutz vor den großen Regentropfen, vor umherfliegenden Ästen und Ziegeln. Ein greller Blitz zuckt am Himmel und ich sehe ein einsames Pferd, das sich vor dem Wald in Todesangst aufbäumt. Wieder habe ich mit offenen Augen geträumt. Wieder habe ich mich dabei erwischt, wie ich der kalten, düsteren Realität entflohen bin. Sowas darf nicht mehr passieren. Tagträumereien sind gefährlich, wie ich am eigenen Leib erfahren musste. Ich weiß nur allzu gut wohin das führt... Am Ende hat man sich wieder nur etwas vorgemacht und steht entmutigt und niedergeschlagen vor den Trümmern seiner Visionen dar. Nein! Ich darf das nicht mehr machen... nie mehr! Ich muss lernen, in der Realität zu leben, auch wenn ich dafür den Schutz, Geborgenheit und das Versprechen der Phantasie einbüße. Langsam mache ich einige Schritte vom Fenster zurück. Ein heller Blitz zuckt ganz in der Nähe. Die Hunde werden aufgeschreckt und wimmern in ihren Zwingern. Der grollende Donner, der seine lamentierende Antwort so deutlich zum Ausdruck bringt, lässt auch nicht lange auf sich warten und macht seinem Ärger, in einem gewaltigen Aufschrei, der den Boden erzittern lässt, Luft. „Die Hunde!“ schießt es mir plötzlich durch den Kopf. Ich gehe die alte Wendeltreppe hinunter um nach ihnen zu sehen. An den Ecken der Dächer haben die wasserspeienden, steinernen Gargoyles Fluten gebildet, die sich wie ein endlos anhaltendes, trauriges Lied ihren Weg durch die feuchte Erde bahnen. Zielstrebig laufe ich zum Ostflügel der Burg wo die Zwinger sind. Blitze zucken heftig am Himmel und der Wind heult klagend, als er mit aller Kraft über das Land peitscht. Der Sturm sammelt sich wieder und prasselt mit Entschlossenheit nieder.
Ein schauriges Schauspiel bietet sich mir, als ich das Gebäude im Osten erreiche. Das Wasser hat den Zwinger eingenommen. Ein großer Teil des Gebäudes wurde weggespült und das Dach hält sich gerade noch so an einem Balken. Wie ein Titan aus der Mythologie, der die Welt auf seinen Schultern hält, stützt dieser Balken die ganze Konstruktion. Unaufhaltsam frisst sich die Flut durch die Erde und droht, das Dach in jedem Moment niederzureißen. Ich vergesse alles um mich herum und stürze mich wie wahnsinnig geworden ins Wasser. Die Strömung reißt mich ins Innere des Gebäudes. Es gelingt mir kaum, mich an etwas festzuhalten, um der enormen Kraft des Wassers zu trotzen. Die Fackeln sind längst erloschen. Meine Augen können sich nur schwer an die Dunkelheit gewöhnen. Nur ab und zu, wenn ein Blitz den Himmel spaltet, kann ich ein paar Umrisse, die wie schemenhafte Gestalten aussehen, erkennen. Meine Hand greift verzweifelt nach irgendetwas, woran sie sich festhalten kann. Plötzlich spüre ich nasses Fell. In der Dunkelheit klammere ich mich mit beiden Armen daran fest und ziehe es zu mir. Ich spüre Augen und Zähne. Wahrscheinlich wird es einer meiner treuen Hunde sein, der dem schlechten Wetter zum Opfer gefallen ist.
Plötzlich wird der Raum erhellt und für den Bruchteil einer Sekunde erkenne ich große gelbe Augen und scharfe Reißzähne. Mein schmerzlicher Aufschrei wird vom Donner übertönt und lässt mich mit meinem Elend alleine. Verzweifelt kämpfe ich gegen das steigende Wasser. Ich halte das Tier mit den Zähnen fest und greife wie wild um mich. Ein lauter Knall durchbricht das monotone, hypnotische Plätschern der Regentropfen. Die linke Schulter schmerzt. Ich fühle, wie warmes Blut aus ihr strömt, als ich fortgespült werde.
Ich wache auf… der Regen ist vorbei… Wie lange war ich jetzt bewusstlos? Und was wichtiger ist... warum lebe ich noch? In der ganzen Zeit, in der ich auf Gottes Erde wandere, habe ich schon einige Male dem Tod ins Angesicht geblickt. Ich habe mir sehnsüchtigst gewünscht, dass die Dame mit der Sense mich holen kommt, doch dem war nicht so. Immer wieder geschah etwas, was mich an diesem verfluchten Leben gebunden hielt. Diesmal war es auch nicht anders. Ich versuche, meine Gedanken zu sammeln. Mein Blick fällt auf die Blutlache, in der ich liege. Es ist mein eigenes. Die über Jahre gesammelten Anatomiekenntnisse sagen mir, dass ich an Blutleere sterben hätte müssen. Und nun bin ich wieder bei vollem Bewusstsein und versuche aufzustehen. Als ich ein paar Schritte gehe, überfallen mich wieder meine schwarzen Gedanken. Langsam kommen die Erinnerungen wieder. Der Zwinger, dann nasses Fell und Zähne... Wahrscheinlich war das schwere Dach eingestürzt, hat mir eine klaffende Wunde beigebracht und mich bewusstlos geschlagen. „Der Wolf muss doch hier irgendwo sein“ dachte ich. Mit Schmerzen in den Augen schleppe ich mich auf allen Vieren in Richtung Burg, die in einer beachtlichen Entfernung vor mir liegt. Die Flut hat mich also so weit aufs Feld gespült. Plötzlich weiten sich meine Augen und ein Fünkchen Hoffnung steigt in mir auf. Da hinten, keine zwanzig Schritte entfernt, liegt er. Er scheint tot zu sein. Ein Schauer läuft eiskalt über meinen Rücken und ich schleppe mich zu ihm hin. „Bitte verlass mich nicht, du bist der einzige, den ich noch auf dieser Welt habe“ denke ich und Tränen der Verzweiflung rinnen über meine Wangen. Der Wolf, den ich als Junges aufgezogen habe und der mir bis heute immer ein treuer Freund war, liegt nun vor mir und bewegt sich nicht. Ich nehme seine riesige Schnauze in die Arme und drücke sie fest an mich. „Er hat es endgültig hinter sich, er ist jetzt an einem besseren Ort“ denke ich und weiß nicht, wie ich die kommende Einsamkeit überwinden würde. Da zuckt etwas ganz leicht zusammen. War es der Wolf? Ich drehe ihn auf die Seite und befreie seinen Rachen von Schmutz und Erde. Zu meiner Erleichterung fängt er wieder an zu Atmen. Noch langsam und unbeholfen, aber er ist am Leben! Mit all meiner Willenskraft richte ich ihn auf und langsam schleppen wir uns zur Burg. Nach einer halben Ewigkeit liegen wir nun beide da, bandagiert, trocken und müde. Ich würde ihn nie wieder mehr alleine lassen! Langsam gehen wir wieder die Treppen herauf zum Schlafgemach. Der Wolf legt sich auf dem Boden, darauf wartend, dass ich ihn sich ausruhen lasse. Das große, massive Himmelbett bietet genug Platz und ich machte ihm ein Zeichen, er solle mir folgen. Ich decke ihn und mich mit der schwarzen Seidendecke zu und kurz darauf schliefen wir ein.
***
„Bemannt die Brüstung!“ rief ich meinen Soldaten zu. Im selben Moment flog ein von einem Tribok geschleuderter Stein knapp an meinem Kopf vorbei und bohrte sich tief in die Wand hinter mir. Stein- und Holzsplitter zerbarsten unter den dumpfen Aufschlag. Ich rief meinen Untertanen zu, sie sollen die Stellung halten, doch niemand hörte mehr auf mich. Die Angst ist in vielerlei Hinsicht stärker als ein direkter Befehl eines Feldherrn, der einen düsteren Hauch der Exekution mit sich trägt. So zog ich mein Schwert, bereit jeden niederzustrecken, der feige davonläuft. Plötzlich ertönte ein Knall, der meine Ohren außer Gefecht setzte. Ein weiteres Geschoss war eingeschlagen und hatte die Burgmauer zerstört, auf der ich stand. Wieder mal hat mich der Tod auf eine so hinterlistige Art umgangen und ich fand mich kurz darauf, von Pflanzen umschlungen, im Wassergraben wieder. Trotz meiner Verletzungen stand ich blitzschnell auf, griff nach meinem Schwert und fing an, das zu verteidigen, was noch von mir und den wenigen Tapferen übriggeblieben war, die nicht weggelaufen waren.
Der erste Gegner, der mich angriff, schien ein kräftiger, großer Mensch zu sein. Er trug wie ich eine Rüstung, die von einem langen, schwarzen Ledermantel umschlossen wurde. Am unteren Ende des Mantels schien er seltsame Runen zu haben, die immer wieder giftgrün schimmerten. Er trug einen mächtigen, mit Blut und Eingeweide geschmückten Bihänder und schwang ihn so leicht hin und her, wie ein Poet seine Feder über das Papier gleiten lässt. Der große Totenkopf, der so kunstvoll auf dem Teil seines Helmes geschmiedet worden war, der das Gesicht darstellte, grinste mich düster, fast schon spöttisch, an. Lange konnte ich ihn leider nicht bewundern denn seine eiserne Faust traf mich im Hinterkopf. Mein Helm verbeulte sich und ein Gefühl der Unsicherheit auf den Beinen kam in mir auf. Mir wurde übel, ich hatte jetzt aber keine Zeit für solche körperlichen Schwächen. Der nächste Hieb seines Schwertes traf mich quer über die Brust, zerfetzte den Ledermantel und bohrte sich durch die Rüstung. Ich blutete stärker. Zum Glück blieben meine Innereien dort wo sie waren, es musste also nur ein Kratzer sein. Ich empfand nichts anderes außer Wut. „Wenn du mich töten willst, machs richtig, ich warte sehnsüchtigst darauf!“ dachte ich und stürzte mit einem hasserfüllten Aufschrei auf ihn los. Ein paar Hiebe und der Riese sank vor mir auf die Knie. Ein Kreis aus zuschauenden Soldaten hatte sich um uns gebildet. Mein Gegner musste ein großer Befehlshaber sein, denn als er zu Boden glitt, sprang seine Leibgarde sofort auf, um mich von ihren Herrn fern zu halten.
