Beschreibung

Besser als Baldrian! »Wer originelle Einfälle haben will, muss gut schlafen«, wusste Pablo Picasso. Gewöhnliche Bürger behelfen sich mit Schäfchenzählen, Fernsehen oder Baldrian. Von Schlaflosigkeit heimgesuchte Hochbegabte ersinnen originellere Rezepte. Bleisoldaten ordnen (Friedrich der Große), Perlen aufreihen (Maria Montessori), koreanische Schriftzeichen betrachten (Woody Allen), Mantren summen (Dalai Lama). Dietmar Bittrich schildert die wachen Nächte der Genies und ihre genialen Einschlaftricks.

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Seitenzahl: 71


Dietmar Bittrich

Einschlafbuch für Hochbegabte

Von Genies für Genies

Deutscher Taschenbuch Verlag

Originalausgabe 2011

© Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

eBook ISBN 978-3-423-40594-2 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21267-0

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Inhaltsübersicht

Geniale Störungen und wundersame Rezepte

Wirbelnde Gedanken von Marilyn bis Fidel Castro

Lärmende Nachbarn von Kleopatra bis Humphrey Bogart

Störende Geistesblitze von Stieg Larsson bis Charlie Chaplin

Untaugliche Schlafstätten von Sissi bis Michael Jackson

Banges Wachen von Bismarck bis Karl Marx

Unruhige Partner von Alfred Hitchcock bis Tony Curtis

Jucken und Kribbeln von Frida Kahlo bis Orson Welles

Glückliches Erwachen

Meister der Schlaflosigkeit

Verzeichnis der Schlummerrezepte

Geniale Störungen

und wundersame Rezepte

»Wer originelle Einfälle haben will, muss gut schlafen«, lehrte Pablo Picasso. Er selbst lag häufig wach, vor allem während intensiver Schaffensphasen. Es dauerte einige Jahre, bis er sein ganz persönliches Rezept gegen Schlaflosigkeit gefunden hatte: Zeichnungen alter Meister betrachten. »Das Idyllische beruhigt.« Im Bett liegend, bei gedämpftem Licht, vertiefte er sich in alte Blätter, in Landschaften von Rembrandt und in Naturszenen von Ruisdael, folgte den Bögen, Schraffuren, Linien – und nickte ein. Das Blatt sank auf die Bettdecke. Diese Gewohnheit war der Grund dafür, dass die Grafiken alter Meister aus Picassos Nachlass zahlreiche wertmindernde Falten und Knickspuren aufwiesen. »Pablos Einschlafrezept«, seufzte der Auktionator, »war kostspielig.«

Doch guter Schlaf ist wichtiger als das Glück der Erben. Wir können Picassos Rezept befolgen – wie auch all die anderen Einschlaftricks der Hochbegabten, die in diesem Buch versammelt sind. Natürlich lässt sich nicht jedes einzelne Rezept perfekt nachahmen. Mit der Axt Bäume zu fällen, wie es der spleenige Altkaiser Wilhelm II. zu tun beliebte, ebenso der Schauspieler Harrison Ford, um nach einem Tag voller Geistesblitze körperlich müde zu werden – das ist uns nur eingeschränkt möglich. Die Leute von gegenüber würden die Stirn runzeln, wenn die von uns umgelegten Bäume auf ihr Auto krachten. Ebenso ist es nur wenigen vergönnt, wie Queen Victoria zum Einschlafen eine Schar elfengleicher Jungfrauen herbeizuwinken, die schottische Lullabys zum Besten geben, mit abnehmender Lautstärke. Sobald Ihre Majestät rasselnd zu schnarchen begann, durften die Mädchen das Gemach verlassen; sie mussten nicht mal mehr auf Zehenspitzen trippeln.

Die meisten Einschlaftricks der Zartbesaiteten und Hochbegabten– Streichhölzer ordnen, Bücher rückwärts lesen, aufräumen, im Kreis gehen, die Zimmerdecke mit imaginären Farben bemalen – können wir hingegen mühelos ausprobieren. Ich spreche von uns, von Ihnen und mir, die wir wie Leonardo da Vinci oder Agatha Christie, wie Marilyn Monroe oder Albert Einstein zu den Genies zählen, die schlecht schlafen. Natürlich schlafen wir nicht immer schlecht. Aber häufiger als Minderbegabte.

»Dumme schlafen gut«, seufzte Preußenkönig Friedrich, als er zur Abhilfe der eigenen Rastlosigkeit nachts Bleisoldaten zu perfekten Schlachtordnungen aufreihte. Mit »dumm« meinte er nicht nur seine Leibwächter, die während seiner nächtlichen Unruhe hemmungslos vor der Tür schnarchten – nach des Königs Einschätzung einzig vergleichbar den unsensiblen Jüngern, die während der Not ihres Meisters im Garten von Gethsemane seelenruhig dösten. Friedrich meinte mit »dumm« auch seine Lieblingsfeindin, die österreichische Kaiserin Maria Theresia, die nach Auskunft ihrer Garden selbst im Krieg vor schwierigsten Entscheidungen tief und unstörbar schlummerte.

Was ist dran an der Schlaflosigkeit der Hochbegabten? Die Schlafforscher, voran diejenigen der American Academy of Sleep Medicine, haben eine auffallende Verbindung von Intelligenzquotient und Schlafschwierigkeiten ermittelt. Nicht, dass jeder, der schlecht schläft, von herausragender Intelligenz wäre. Der Nachbar über uns zum Beispiel, der mitten in der Nacht den Inhalt seiner Schubladen auf den Boden schüttet und zu kramen beginnt, ist strohdumm und schläft trotzdem nicht. Aber bei ihm liegt es am Kaffee, bei uns an der Intelligenz. Und natürlich an unserer Sensibilität.

Sollte unser IQ nicht ganz so hoch sein wie bei den unruhigen Schläfern Galilei und Stephen Hawking, liegt unser nächtliches Wachsein an unserer außergewöhnlichen Feinfühligkeit. Nicht alle Hochbegabten müssen die Quantenmechanik draufhaben. Zu Hochbegabten dürfen sich auch jene zählen, die besonders empfindsam sind, und natürlich alle, die sich durch bewundernswerte Kreativität auszeichnen. Da sind wir also wieder, Sie und ich.

Eine Forschergruppe der American Sleep Association hat sich die Mühe gemacht und die Biografien von Künstlern untersucht, von Malern, Musikern, Dichtern, Architekten, Tänzern, Schauspielern, dazu noch von Entdeckern, Forschern und Erfindern. Und siehe da, beinahe hätten wir es geahnt, sie schlummerten auffallend unruhig. Fast alle. Und zweifellos schlechter als ihre weniger begnadeten Mitarbeiter. Ihr Schlaf war löchrig, leicht störbar, kurz. Sie konnten schwer zur Ruhe kommen, wachten bald wieder auf. Sie bewegten sich mehr im Schlaf, reagierten empfindlicher auf Geräusche, Ambiente, Temperaturwechsel. Die übliche Wirkung der Dunkelheit auf das Schlafhormon Melatonin schien sich bei ihnen nicht einzustellen oder war seltsam schwach ausgeprägt.

Warum eigentlich?, grübelten die Forscher. Etwa weil kreative Leute so viele Geistesblitze haben, dass sie innerlich leuchten und sozusagen ihr eigenes wach haltendes Licht produzieren?

Aber ja! Daran muss etwas Wahres sein! Geistesblitze sind zweifelsfrei eine Art Licht, sogar eine besonders intensive und obendrein umweltfreundliche Sorte. Wir wissen, wovon die Rede ist. Mitten in der Nacht suchen uns erleuchtende Ideen heim. Als feinsinnige Grübler bringen wir Licht in die Labyrinthe unserer Gedanken, während unsere stumpferen Partner gnadenlos wegsacken. Genau dieses innere Licht unterbricht oder verhindert unseren Schlaf.

Es ist nicht leicht, hochbegabt zu sein! Doch die Begabung hat auch ihr Gutes. Sie entdeckt Auswege. Sie macht erfinderisch. »Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch«, hoffte der Poet Friedrich Hölderlin. Das Rettende für ihn: Er wanderte nachts im Kreis. Und zwar, wie er bald herausfand, am besten rechts herum. Das ermüdete ihn Schritt für Schritt und schläferte ein. Das Wandern links herum machte ihn wach.

Sonderbar? Einfach ausprobieren. Interessant ist, dass Anhänger der Drehübung der sogenannten »Fünf Tibeter« sich rechts um die eigene Achse drehen, um Energie loszuwerden (negative natürlich); jedoch links herum, um Energie hereinzuholen (selbstredend positive). Positive Energie brauchen wir nachts nicht mehr. Drehen wir uns zur Probe also rechts herum, um den energetischen Überschuss loszuwerden, und wandern wir rechtsdrehend im Kreis wie der sensible Hölderlin. Oder wenigstens im Halbkreis um das Bett des Partners; mag er oder sie ruhig unsere abgeworfenen negativen Energien aufsaugen. Mal sehen, ob er am nächsten Morgen von Albträumen erzählt.

Viele Genies sind auf ungewöhnliche Einschlaftricks gekommen. Und genau davon handelt dieses Buch. Von den originellen Schlafgewohnheiten und von den noch originelleren Schlafmitteln. Ein besonders geniales teile ich gleich noch mit: das Rezept des Dalai Lama, dessen Schlafstörungen von emsiger Reisetätigkeit herrühren und von den zahlreichen Anfragen spirituell ausgereifter Damen.

Zuvor aber noch ein Hinweis von Pop-Artist Andy Warhol. Kreative, meinte er, seien von der Anlage her Schichtarbeiter. Sie haben die gleichen sleep disorders, die gleichen unordentlichen Schlafgewohnheiten wie angestellte Schichtarbeiter. Denen werden solche Unregelmäßigkeiten auferlegt, Freelancer schaffen die Unordnung aus eigenem Antrieb. Warhol berichtete, wie er völlig unberechenbar mitten in der Nacht zu erwachen pflegte, dann schöpferisch aufdrehte, ein paar Stunden später müde wurde und sich schlafen legte, mittags wieder von der Matratze kroch, abermals emsig schaffte, wieder schlief und so weiter. Verabreden konnte man sich nicht mit ihm.

Wie viele andere Hochbegabte war Warhol in der Kindheit Schlafwandler gewesen. Und wie viele, die ihren Anwandlungen freien Lauf lassen, gewöhnte er sich daran, ohne erkennbaren Rhythmus zu wachen und zu schlafen. Auffallend alt wurde er damit nicht. Und doch scheint eine gewisse Unregelmäßigkeit der menschlichen Natur mehr zu entsprechen als die Regelmäßigkeit. Von der Schlafforschung erfahren wir, dass Menschen von sich aus einem 25-Stunden-Rhythmus folgen. Aus rätselhaften Gründen tickt die innere Uhr so, als drehe die Erde sich langsamer. Der vorgeschriebene 24-Stunden-Rhythmus läuft der Körperuhr zuwider. Das führt zwangsläufig zu Störungen. Jedenfalls bei sensiblen Genies.

Doch wir wollen nicht nach Ursachen forschen. »Wer nach Gründen sucht, schläft schlecht«, erkannte Goethe in wacher Dunkelheit. Uns geht es um die nächtlichen Abenteuer der Hochbegabten. Es geht um ihre oft belustigende Störanfälligkeit und ihre wundersamen Abhilfen. Die Kapitel sind nach den Arten ihrer Schlaflosigkeit geordnet – den einen plagten vor allem Geräusche, den anderen hielten großartige Einfälle wach, hier fand jemand nie die richtige Schlafstätte, dort herrschte immer die falsche Temperatur, einmal störte der Partner, dann wieder sein Fehlen…

Es gibt so herrlich viele Gründe, schlecht zu schlafen! Und mindestens so viele geniale Wege, dann doch tief und erholsam ins Nichts zu sinken. Ein Register der originellen Schlafrezepte findet sich am Ende des Buches, nebst einem Register all unserer Kollegen, die auf diesen Seiten vertreten sind.