Einsichten und Ausblicke - Gerhart Hauptmann - E-Book
Beschreibung

Gerhart Johann Robert Hauptmann (geboren 15. November 1862 in Ober Salzbrunn (Szczawno-Zdrój) in Schlesien; gestorben 6. Juni 1946 in Agnetendorf (Agnieszków) in Schlesien) war ein deutscher Dramatiker und Schriftsteller. Er gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus, hat aber auch andere Stilrichtungen in sein Schaffen integriert. 1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

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Seitenzahl:68

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Einsichten und Ausblicke

Leben und MenschheitKunst und LiteraturDramaturgiePolemischesImpressum

Leben und Menschheit

Ex corde lux!

*

Wonach ich mich sehne? Nach gläubigen Menschen aller Art.

*

Ich will etwas, das von Klein und Groß ebenso unabhängig ist als von Gut und Böse.

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Ihr glaubt mich zu überschätzen? Schätzt mich nur als das, was ich bin, so verliere ich nichts.

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Wo willst du stehn? Hoch oder niedrig? verborgen oder öffentlich: auf der Rednerbühne? auf der Kommandobrücke eines Schiffes oder eines Staates?

Dort will ich stehen, wo ich zu mir und andern sagen muß: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!«

*

Ich habe niemals eine andere Würde bekleidet als die mir innewohnende.

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Soll ich mich in die Gegenwart drängen wie eine Zeitung?

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Es konnte mir nichts Besseres passieren, als daß der Antagonismus der Welt mich immer wieder auf mich und in mich zurückwies.

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Ich hasse die geistigen Ameisen. Ich liebe die geistigen Bienen.

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Da ich mich schon entschlossen habe, im Geistigen zu leben, lebe ich viel zu wenig im Geistigen.

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Der Himmel möge mir das Glück erhalten, mich täglich über das Lokale und allzu Persönliche ins Unendliche und Ewige erheben zu können, will heißen: vom zeitlichen ins ewige Schicksal.

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Von dem, was die Welt beherrscht und allgemeinste Verbreitung hat, von der Arglist, ist bis jetzt wenig in meinem Werk. Trotzdem habe ich sie von Jugend auf gekannt, gewußt, gesehen, gefühlt und mich gegen sie aufgebäumt: immer ohne sie eigentlich für möglich zu halten. Sie ist das wahrhaft Niederträchtige und im Nur-Irdischen das wahrhaft Erfolgreiche. Bosheit ist nur eine impotente Abart der Arglist.

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Indem ich meine Geschäfte besorge, besorge ich weiß Gott wessen Geschäfte.

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Ich hatte mitunter viel Zeit für fremdes Leid. Allmählich bekam ich mehr zu tun mit dem eigenen.

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Oft, wenn ich Schwächen meiner Natur freimütig bekannte, fand ich einen Menschen, der sich gleicher Schwächen rühmte.

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Die Hand am Ruder, kenn' ich keine Furcht, wohl aber als untätiger Passagier.

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Vogelstraußpolitik ist nicht immer ganz vom Übel. Ich erfahre es oft in den Kämpfen meiner Seele, in denen ich zugrunde gehen müßte, wenn ich nicht einen vorübergehenden Frieden auf Vogelstraußmanier mitunter erzwänge.

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Mein Frühjahr muß früh sein, mein Herbst spät, wenn Früchte reifen sollen.

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Die glücklichsten unter meinen Tagen begannen zuweilen hoffnungslos, die übelsten wie Gottes Sonntag.

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Mein Leben an einem Tage ohne Einsamkeit ist das Leben des Fisches in einem Teiche ohne Wasser.

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Mehr ist weniger: im Verkehr mit Menschen.

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Haus Gottes, Kirche. Welchen Besudelungen ausgesetzt! Wie rein dagegen mein Haus!

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Mich beschäftigt nicht nur die Sache der Lebendigen, sondern auch die der Toten.

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Ich fühle, daß ich wirke, und das macht mich, im Augenblick, wo ich es fühle ... nicht glücklich, nicht zufrieden, nicht stolz, aber ... im Wirken wahrhaft wirklich.

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Glaubt ihr, daß ich alles nicht kann, was ich ungetan lasse?

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Was ich vielleicht habe und was mein ist, wird mir fremd wie einem Fremden. Aber ich behalte keine Möglichkeit, es mir wie dieser vertraut zu machen.

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Wir haben ein Recht, über Unsinn zu klagen. Wir müssen schwerste Anklagen geduldig und schweigend anhören mit den lebendigsten Gegenbeweisen in der Hand. Unsere Richter sind so geartet, daß sie ganz bestimmt und gelassen wissen: ihr Justizmord sei reinste Gerechtigkeit. O wann wird der Tag kommen, diese Richter vor Gericht zu stellen? Niemals!

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Es kommt vor, daß eine Gesamtheit sich entschließt, dir großmütig das zu verehren, was schon seit Jahrzehnten dein schönstes Eigentum ist.

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Bewunderung, die man erfährt, macht klein; Geringschätzung groß.

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Wahrer Zynismus ist auf Grund eines höheren Sinnes für das Häßliche – nach Analogie des Schönheitssinnes! – volle Opposition gegen das Häßliche.

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Der Dummstolz ist der undurchdringlichste Panzer: aber ich mag wider ihn nicht einmal die goldene Rüstung meines echten Stolzes anlegen! Warum nicht? weil sie ein wenig jenem andern Panzer ähnlich sieht.

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Zwei Dinge unterschätzen meine Gegner, meinen Hochmut und meinen Gleichmut.

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Was habt ihr gegen die Eigenliebe? Ist es ein Verbrechen, wenn jemand bittet: Laß mich mir selbst gehören! –?

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Nein, ich liebe nicht alle Menschen, und sie haben es auch wahrhaftig nicht alle nötig.

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Es gab eine Zeit, wo ich für mutig galt. Heut bin ich es.

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Ich habe dem Politiker in mir jeden Tag mit einem Hammer den Schädel einschlagen müssen, um zu leben: es wäre verkauftes Menschentum, wenn ich es in meinem besonderen Falle nicht getan hätte.

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Im April 1913 sprang mein Kätzchen in den weißglühenden Kamin und wieder heraus. Es war vollständig nackt gesengt. Am 31. Mai 1913 tat ich dasselbe.

(Nach dem Festspielverbot.)

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Glaubt jemand vielleicht, ich könnte mich je als Kohlhaas auftun und nach Gerechtigkeit schreien? Der irrt sich.

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Meine Feinde kennen den Grad der Verachtung nicht, dessen ich fähig bin.

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»Und wissen Sie was? Ich kann schweigend lachen!« Die wenigsten Menschen können das.

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Man muß sich eingestehen, daß man immer Großes erlebt und nur Kleines weiß.

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Im Tropfen ist das ganze Meer.

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Blick und Gedanke sind nicht zu trennen.

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Sprechen ist durchweg geistiges Gestaltersein.

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Man sagt, eine Persönlichkeit sei bedeutend oder nicht. Nennen wir sie bedeutend, so lassen wir das außer acht, was sie ist. Was bedeutet ein Mensch? Das zu wissen ist wichtiger als die richtige Antwort auf die Frage: Was ist er? –?

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Menschen klagen zuweilen über Mangel an Persönlichkeit bei anderen: meistens sind es Leute, die Persönlichkeit weder haben noch dulden können, wo sie ihnen entgegentritt.

*

Man redet von öffentlichen Charakteren: es gibt überhaupt keine anderen. Das, was wir Charakter nennen, ist eine Form, die nur im Betrachter entsteht. Je intuitiver die Betrachtung ist, je tiefer sie auf Wesenhaftes drängt, um so weniger Charakteristisches wird sie bemerken. Der Künstler ist der sicherste, geduldigste, am wenigsten voreingenommene Betrachter. Wenn auch das Künstlerische in jedem Kinde und Menschen enthalten ist, so ist es doch meist verkümmert, und die Künstler sind eine kleine Gemeinde. Ihre Propaganda der Tat wirkt nicht so weit – weil nur auf Eingeweihte –, wie die Propaganda des Wortes, die von den Schulmeistern ausgeht. Sie, diese Schulmeister, haben den guten und schlechten, den schwachen und starken Charakter erfunden. Ihrem oberflächlichen Blick genügen wenige Züge, und der Masse wiederum behagen die wenigen Merkmale, die ihr an die Hand gegeben werden, um »richtig« über Menschen urteilen zu können. Überdies will der Schulmeister mit etwas »fertig« werden oder »fertig« sein: sonst läßt sich darüber nichts »Richtiges« sagen.

Ergo: Ihr sollt nicht einen »Charakter« aus mir machen wollen, und sucht ihr an mir feste Merkmale, 30 werdet ihr letzten Endes nur auf das stoßen, was allen Menschen gemeinsam ist.

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Ein Minister, mehr noch ein Parteipolitiker, ist ein Charakter. Ich nicht. Die Gesichter aber, welche diese Leute jahrzehntelang der Öffentlichkeit zukehren, sind nicht ihre eigenen, sondern Masken. Hinter jeder steckt ein Charakterloser, der mich tiefer als der Charakter interessiert. Charaktere wollen und müssen sich darstellen. Ich aber muß weder, noch will ich einen Charakter darstellen, sondern mich, mich selbst. Wenn ihr nach meinem Charakter sucht, so ist das als ob ihr nach meiner Staatsuniform sucht: ich habe keine. Aber ich denke mehr wert zu sein als das Werk eines Schneiders, und wenn ich auch selbst der Schneider wäre.

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Jedes Menschen Geist ist über alles hinaus synthetisch, und auch Goethes Kraft zur Synthese war diese natürlichste, nicht außergewöhnliche Kraft. Aber daß er sie in ihrer Wirksamkeit erkannte und gelten ließ, auch über alle logischen Widersprüche hinaus, gab ihr die große Entfaltung. Sie wird in vielen Fällen verkannt, negiert und in Bann getan zugunsten der reinen Logik, die auf gewissen Gebieten die großartigsten Synthesen zuwege bringt. Die reine Logik als synthetische Kraft ist immer nur eine Teilkraft der großen synthetischen Kraft der Persönlichkeit.

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Der Mensch beruhigt sich dem Mitmenschen gegenüber niemals gänzlich. Seelenruhe ist unsozial, man muß sie geheimhalten. Man gewinnt sie einzig aus sich und in sich. Jeder andere muß sie, selbst wenn er nicht will, zerstören.

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Was ist mein eigen? Alles und nichts! Mit größter Wahrscheinlichkeit ein feinstes formales Element, welches in der Gesamtäußerung der Persönlichkeit am stärksten hervortritt. Diese Gesamtäußerung kann aber nie eintreten; es wird sich also um Teile handeln, in denen aber das Eigenelement schwerer nachzuweisen ist.

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Eine Sache gewinnt oder verliert durch den Mann, der sich für sie einsetzt, auch ein Gedanke und eine Meinung.

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Schroff, eckig, unabgeschliffen, schmerzend im Reagieren muß der Echte zur Tiefe gezwungen sein: er muß Tyrann, Narr, Hysteriker scheinen! – Anders geht er den Weg der Verflachung.

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