Verlag: Mare Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Eis - Ulla-Lena Lundberg

Finnlands Nr. 1-Bestseller "Von seltener Intensität und Zauberkraft. ... Ein Klassiker schon jetzt!" Aikalainen So etwas haben die windumtosten Örar-Inseln, ein Archipel abseits der Schiffsrouten zwischen Finnland und Schweden, noch nicht erlebt: Mit der Ankunft ihres neuen Pfarrers Petter Kummel Mitte der 1940er-Jahre bricht für die Inselbewohner eine ganz neue Ära an. Die Fischer und Bauern verfallen der optimistischen, aufgeklärten Ausstrahlung des jungen Pastors, seiner Frau Mona und ihrer kleinen Tochter Sanna ebenso schnell wie umgekehrt die Pfarrersfamilie dem rauen Charme der Landschaft und ihrer Gemeinde. Am liebsten möchten die Kummels für immer bleiben. Doch auf dem Meer und dem Eis, das im Winter die Kirchinsel mit den Höfen verbindet, herrschen unsichtbare, uralte Mächte, für deren Warnungen die Zugezogenen keinen Sinn zu haben scheinen... Mit der Meisterschaft einer großen Erzählerin lässt Ulla-Lena Lundberg ihre Leser am Eheleben von Petter und Mona teilhaben, an Versuchungen, denen der Pastor ausgesetzt ist, an schwelenden Konflikten zwischen den Ost­ und den Westdörfern, aber auch am Zusammenhalt einer Gemeinschaft, die für ihre Klatschlust genauso berühmt ist wie für ihren kräftigen Gesang. Der Autorin gelingt das Kunststück, hochspannend von etwas scheinbar Unspektakulärem zu erzählen: vom Glück, das im Familienleben und in den Dingen des Alltags liegen kann. Wie spektakulär dieses Glück in Wirklichkeit ist, erweist sich am Ende erst durch seine Zerbrechlichkeit.

Meinungen über das E-Book Eis - Ulla-Lena Lundberg

E-Book-Leseprobe Eis - Ulla-Lena Lundberg

mare

Ulla-Lena Lundberg

EIS

Roman

Aus dem Schwedischen vonKarl-Ludwig Wetzig

Die Übersetzung wurde gefördert von

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unterhttp://dnb.ddb.de abrufbar.

Da die Handlung unter der schwedischsprachigen Minderheitin Südfinnland und auf den Åland-Inseln spielt,tragen auch die erwähnten Orte im offiziell zweisprachigenFinnland ihre schwedischen Namen. So ist etwa Helsingforsdie schwedische Bezeichnung für Helsinki.

Die Originalausgabe erschien 2012 unterdem Titel Is bei Schildts & Söderströms, Finnland.Copyright © Ulla-Lena Lundberg 2012

© 2014 by mareverlag, Hamburg

Covergestaltung Simone Hoschack, mareverlag, HamburgCoverabbildung Hintergrund: Plainpicture / neuebildanstalt / Gertz, Vogelschwarm: [M] shutterstock / Butterfly Hunter

Lektorat Rudolf MastTypografie (Hardcover) Farnschläder & Mahlstedt, HamburgDatenkonvertierung eBook bookwire

ISBN eBook: 978-3-86648-309-5ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-206-7www.mare.de

Inhalt

Teil I

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Teil II

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Teil III

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Teil I

Erstes Kapitel

Wer einmal die Veränderung in einer Landschaft gesehen hat, sobald ein Schiff ins Blickfeld kommt, wird sich nie mit der Behauptung einverstanden erklären können, dass ein einzelnes Menschenleben ohne Bedeutung sei. Ein solcher Frieden liegt über Wasser und Land. Die Leute lassen den Blick über die Hafenbucht schweifen, das Auge ausruhen, und schauen dann weg. Es ist, wie es immer ist. In jeder Brust sehnt man sich nach etwas anderem, und alles, wonach wir uns sehnen, kommt mit einem Schiff.

Es reicht schon, wenn nur ich komme, ich, Anton mit der Post. Unten in der Kajüte mag sitzen, wer will, doch zwischen Himmel und Erde steigt Erwartung auf, sobald der Erste mich erspäht. Die Landschaft liegt nicht mehr still da, alles kommt in Bewegung, sobald die Nachricht die Runde macht. Einige sind schon losgerannt und rufen: Sie kommen!

So ist es auch mit denen, die sich, uralt und unsichtbar, außerhalb des Sichtkreises aufhalten. Wenn sich ein Mensch nähert, wird die Luft dichter, du spürst, wie sie näher herandrängen und etwas über dich in Erfahrung bringen wollen, obwohl du den Verdacht hegst, dass sie gar nicht mehr wissen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und obwohl dich der Gedanke beschleicht, dass sie keine Menschen mehr sind und uns die Wesen, deren Anwesenheit du nur ahnst, nicht mehr ähneln. Dennoch nimmst du das pochende Begehren wahr, mit dem sie wissen wollen, wer du bist.

Obwohl ich volle Fahrt voraus laufe, komme ich nur langsam voran. Alles ist in Aufregung, ich sehe, wie sie zappeln und versuchen stillzustehen, während sie warten. Ich tue, was ich kann, halte Kurs, stelle im rechten Moment die Maschine ab und treibe auf den Steg zu. Kalle steht mit der Trosse und einem Fuß bereit für den Fall, dass wir zu hart anstoßen sollten, aber meistens streifen wir den Steg nur leicht und machen dann fest. Die Passagiere sind dann bereits aus der Kajüte gekommen, Rufe und Gespräche fliegen zwischen Boot und Land hin und her, und die Welt sieht sehr anders aus als vorhin, als wir noch draußen für uns allein waren und die Leute an Land noch nichts von unserem Kommen wussten.

Heute mache ich gegen alle Gewohnheit am Kirchensteg fest, weil ich den neuen Pastor an Bord habe. Aus dem Grund haben sie noch ein wenig intensiver Ausschau gehalten als sonst und kamen gleich angelaufen, sobald wir weit draußen über der Kimm auftauchten. Der Küster spielte den Ausguck, und der Kantor hat dafür gesorgt, dass die Boote, mit denen sie gekommen sind, bei den flachen Felsen liegen, damit wir freie Fahrt zum Anleger haben. Warmer Rauch steigt aus den Kaminen, denn die Frauenzimmer haben angeheizt und das Essen auf dem Herd stehen. Es ist still an diesem Morgen noch im kältesten Mai, aber, hui, wie die Blicke und die Gedanken fliegen! Wie mag er sein? Wie wird es mit ihm gehen? Doch kein Bedenken wird nach außen hin sichtbar, denn man soll Menschen herzlich und ohne Vorbehalte empfangen, als ob es überhaupt keine Probleme geben könnte, wenn ein unbekannter Mensch eintrifft, an den man sich wird gewöhnen müssen.

Der Pastor hat schon eine ganze Zeit lang an Deck gestanden, obwohl ihn seine Frau mehrfach am Rock zupfte und meinte, er würde sich erkälten. Er aber bleibt draußen, und als er seine Kirche den Felsen hinaufsteigen und mit ihrem roten Dach herübergrüßen sieht, guckt er ganz feierlich, doch gleichzeitig geht ein breites Lächeln über sein Gesicht, und als wir in die Bucht einlaufen, sieht er so fröhlich aus, dass alle denken: Mit dem wird es gut gehen. Er winkt schon von Weitem, und sie winken zurück und rufen »Willkommen!«. Er ruft: »Danke« und »Da sind wir, aber gute Leute, ihr seid ja mitten in der Nacht aufgestanden, um uns zu empfangen!«.

Er ist schon einmal hier gewesen und erkennt daher den Küster, den Kantor und Adele Bergman wieder, die im Kirchenvorstand sitzt und sich sehr für die Kirche und den Pfarrer engagiert. Aber jetzt ist es etwas anderes, wo er als stellvertretender Pfarrer wiederkommt und sich mit Frau und Kind hier niederlassen wird. Der erste Eindruck ist günstig. Doch als er an Land gehen will, schert das Boot ein kleines Stück vom Steg ab, so als ob die See ihn zurückholen wolle, und ein kalter Luftzug weht durch den Sund. Was das bedeuten soll, weiß ich nicht.

Adele Bergman weiß dagegen genau, dass es hier draußen eine dankbare Aufgabe ist, Gäste zu empfangen. Wenn sie von Åbo kommen, sind sie mindestens einen halben Tag unterwegs, die Zeit für die Anreise nach Åbo gar nicht mitgerechnet. In allen Arten von Wetter sind sie herumgeschaukelt und durchgerüttelt worden. Wenn sie endlich an Land schwanken, haben sie Sand in den Augen, und die Kleidung klebt ihnen kalt und klamm am Leib. Sie sind hungrig, und gleichzeitig ist ihnen schlecht. Sie klappern und schwitzen, sie schnauzen sich gegenseitig an und wünschen sich, sie wären nie hierhergekommen.

Auf solche Dinge gründet sich die berühmte Gastfreundschaft auf den Örar-Inseln. Der Mensch ist so eingerichtet, dass schon ein halber Tag reicht, um ihn sich hungrig, übermüdet und zerschlagen fühlen zu lassen. Wenn er dann unter ein trockenes Dach kommt, die Wärme vom Ofen spürt und man ihm etwas Warmes zu essen vorsetzt, fühlt er sich ernstlich, als habe man ihn im letzten Augenblick gerettet, und weiß denen, die ihn aufgenommen haben, gar nicht genug zu danken. Sicher ist den Inselbewohnern schon öfter gedankt worden, aber es ist trotzdem schön, und mit Freude haben sie Herd und Kachelöfen angeheizt, selbst wenn auch ihre Nacht dadurch reichlich kurz ausfiel.

Da stehen sie und gucken erfreut, Adele Bergman und ihr Elis, dann der Kantor, der Küster und Signe, seine Frau, denn nur selten wird einem für einen so geringen Aufwand eine solche Wertschätzung entgegengebracht. Neuankömmlinge zu begucken macht immer Spaß, aber diesmal sind sie außerdem ein offizielles kirchliches Empfangskomitee, das jede Berechtigung hat, die Neuankömmlinge auf dem Anleger zu erwarten, sie ausgiebig zu betrachten und sie dann unter ihre Fittiche zu nehmen und zum Pfarrhof zu lotsen.

Und sie in die Gemeinde einzuführen, denn es ist nicht unwichtig, dem Pastor gleich zu Anfang eine erste vage Vorstellung über gewisse Verhaltensweisen zu vermitteln, die ihm für seinen weiteren Werdegang von Nutzen sein dürften. Der neue ist noch jung und seine Frau noch jünger, da darf man wohl hoffen, dass sie klug genug sind, gut gemeinte Ratschläge anzunehmen.

Der Pastor strahlt gute Laune aus. Jungen Menschen kommt die Anreise unendlich lang vor, weil man sich nicht bewegen kann und es so wenig zu unternehmen gibt. Jetzt ist er froh, angekommen zu sein, dass er an Land gehen, Hände schütteln und Anweisungen für das Gepäck erteilen kann, dass er dem Postboten die Hand drücken und ihm dafür danken kann, dass der ihn mit all seinen Habseligkeiten direkt am Kirchensteg absetzt. Aber er freut sich auch noch auf andere Weise, denn zum einen ist es einfach sein Naturell, und zum anderen brennt ein Feuer in seiner Brust, entzündet von allem, was er in seinem Leben noch erreichen und erleben will.

Insgeheim denkt Adele Bergman oft, mit einem katholischen Geistlichen wäre es netter, der allein käme und mehr uns gehörte. In unserer lutherischen Kirche aber soll es einer mit Frau und Kind und Mobiliar sein, die ihn mit Beschlag belegen und Zeit und Aufmerksamkeit von ihm fordern. Man glaubt geradezu, mit einem Pfarrer, der all das nicht hat, stimme etwas nicht, und darum gucken alle so schrecklich freundlich auf die Pastorsgattin, die gleich an Land kam und ein so kleines Kind auf dem Boden absetzte, dass man ihm noch kaum zugetraut hätte, schon auf eigenen Beinen stehen zu können. Ein kleines Mädchen ist es, in Mütze und Mantel mit einem Schlitz im Rücken. Ein richtiges Pfarrhofsfräulein, sagt der kinderliebe Kantor galant, als er aufmerksam auch die Kleine begrüßt.

»Willkommen auf Örar«, sagt er, und das Kind fängt nicht an zu weinen, sondern blickt ihn ernst an.

Die Frau des Pastors ist klein und flink. Sie weiß ja nicht, dass das Boot warten wird, bis alles ausgeladen ist, darum wirft sie ihrem Mann einen wütenden Blick zu, weil der sich, das Kind auf dem Arm, unterhält, während sie sich abrackert, Koffer und Kisten und Bündel mit Bettwäsche an Land schleppt und sich erkundigt, was mit den an Deck verzurrten Möbelstücken passieren soll.

»Petter, komm jetzt her!«, ruft sie schließlich.

Der Pfarrer drückt Signe das Kind in die Hand, als wisse er, wie versessen sie auf Kinder ist. Er tritt eilig an die Reling, und die anderen folgen ihm. Kalle und der Skipper stehen auf der anderen Seite und verteilen, und im Nu hieven sie Buffet und Anrichte, Tisch und Stühle von Bord, die dann unausgeschlafen auf dem Steg warten.

»Bezugsfertig«, stellt der Kantor fest. »Seeblick und hohe Zimmerdecken.«

Zwei Betten und ein Gitterbettchen folgen noch, ein Küchentisch mit Sitzbänken, ein Schreibtisch und eine Kommode und zwei Fahrräder, dann aber scheint der ganze Hausrat vollständig zu sein. Die Pfarrersfrau zählt nach und kontrolliert, während der Pastor dem Kind gut zuredet, das sich aus dem Arm windet und auf die Erde will. Adele wirft einen Blick in den Laderaum und staunt, wie viel Fracht der Kapitän aus Åbo mitgebracht hat.

»Nicht schlecht«, versichert der, »es läppert sich so langsam.«

Anderthalb Jahre nach Kriegsende darf man das aber auch allmählich erwarten.

Der Kapitän und Kalle müssen mit den Waren noch hinüber zum Ladenanleger, bevor sie nach Hause dürfen. Sie sehen die Frau des Pastors an und fragen, ob das alles war. Sie glaubt schon, worauf der Kapitän zur Maschine abtaucht, Kalle die Leinen loswirft und der Pfarrer sich noch einmal bedankt. Das Boot legt ab, die auf dem Steg bleiben stehen und schwatzen, obwohl sie doch ins Warme kommen und etwas essen sollten. Wie üblich bleibt alles an Adele hängen. »Seht ihr denn nicht, dass die Leute müde sind?«, meint sie. »Jetzt packt ihr das Allernötigste auf die Schubkarre, und dann gehen wir zum Pfarrhof!«

Durch den Tau gehen sie zum Haus hinauf, rot und drall steht es da, strotzend vor Kachelofenwärme, die aus den Schornsteinen wallt. Das Empfangskomitee hat ordentlich eingeheizt. In der Küche hüpfen Wasserkessel und Kaffeekanne auf den Herdringen. Der Grützetopf hat die Wärme gespeichert, belegte Brote liegen unter dem Gazeschirm neben der Milchkanne.

Ganz wie es sich gehört, bleiben sie stehen und schnappen nach Luft: »Nein, was für eine behagliche Wärme! Und wir haben geglaubt, wir kämen in ein kaltes und feuchtes Haus, und uns gefragt, wo wir wohl den Schlüssel holen sollten.« Und weiter: »Ja, ist es denn möglich? Ist das für uns? Nein, also wirklich, liebe Freunde!«

»Nehmen Sie Platz und greifen Sie zu«, fordern die Gastgeber mehrmals und in verschiedenen Tonlagen auf und setzen sich auch selbst, denn Adele hat in einem Korb genügend Tassen und Muckefuck für alle mitgebracht. Auch Brot, obwohl es eigentlich so gedacht war, dass davon etwas für die Pfarrersfamilie übrig bleiben sollte.

»Oh ... oh, wie lecker«, sagen sie. »Was für ein Brot! Und Butter! Guck, Sanna, Papa tut ein Stück in die Hafergrütze, und jetzt nehmen wir einen großen Löffel. Hat das gut geschmeckt? Jetzt kannst du einmal zeigen, wie fein du schon Milch aus der Tasse trinken kannst. Und der Kaffee! Heiß, dass er bis in die Zehen wärmt. Ich weiß gar nicht, wie wir das danken und wiedergutmachen können.«

So geht es weiter. Es tut gut, das zu hören, eine Belohnung, die jeder Mensch für eine gut gelöste Aufgabe verdient. Das Empfangskomitee bleibt noch sitzen und schwatzt, obwohl jeder weiß, dass die Neuankömmlinge ein wenig Ordnung schaffen und sich dann ausruhen sollten. Von wie weit her sie aber auch gekommen sind, und wie schön es ist, endlich am Ziel zu sein und einen so herzerwärmenden Empfang bereitet zu bekommen. Hier möchten sie bleiben, denn besser wird es nirgends.

Der Pastor erkundigt sich, wer von welchem Hof kommt, und will wissen, wie weit die entfernt liegen. Der Kantor, mit dem er am häufigsten zu tun haben wird, wohnt am weitesten weg, aber das spielt er herunter: Was macht das schon, wenn man ein Boot hat? Sie brauchen ihn bloß anzurufen, dann wird er kommen. Der Küster wohnt ganz in der Nähe und muss lediglich über einen schmalen Sund setzen, wenn er zur Kirche muss, also kommt er gern auf einen Sprung herüber und packt mit an. Genau wie Signe, die jetzt in den Stall möchte, um die Kühe zu melken.

Da horcht die Pfarrersfrau auf, denn sie haben die beiden Kühe des Vorgängers übernommen. Sie glüht vor Interesse auf und fragt, ob sie mitkommen darf, bereut es aber sogleich, als ihr einfällt, was es an diesem Vormittag noch alles zu tun gibt. Also am Abend: »Wenn Sie, Signe, so nett wären und das heute noch einmal übernähmen, dann könnten wir am Abend zusammen gehen, und ab morgen übernehme ich es selbst.«

Sie schauen sie an. Die Pfarrersfrauen pflegen nicht in den Kuhstall zu gehen. Aber die hier behauptet, von einem Bauernhof zu kommen und sich besonders für Viehhaltung zu interessieren. »Darum wird es richtig Spaß machen, eigene Kühe zu haben, auch wenn es nur zwei sind«, erklärt sie, und der Pfarrer guckt stolz.

»Meine Mona hier, die kann alles Mögliche«, sagt er. »Hier sind wir richtig, denn hier werden wir das Vergnügen haben, über das Amt hinaus auch alles Praktische übernehmen zu können.«

Er wendet sich wieder an den Kantor, der auch Sprecher des Gemeindekirchenrats ist, und meint, sie hätten sicher noch eine Menge zu besprechen. Er hoffe, dem Kantor nicht zu viel Zeit zu stehlen, wenn er vorschlage, dass sie sich bereits im Lauf der Woche einmal formlos treffen sollten, um die üblichen Routinen in der Gemeinde durchzugehen, und dazu ist der Kantor gern bereit. Adele sieht, dass er den Pfarrer schon jetzt gut leiden kann, sogar überraschend gut. Gegenüber einem Geistlichen, der ihm weniger sympathisch gewesen wäre, hätte er sich ebenso zuvorkommend verhalten, aber etwas zurückhaltender, jetzt aber freut er sich darauf, sich des neuen anzunehmen und ihm eine Stütze zu sein. Wie er es, zu seinem eigenen Glück oder Unglück, für eine Reihe von Menschen ist, die ihm näherstehen. Sogar für Adele, obwohl er zu seinem heimlichen Bedauern schon verheiratet war, als sie in den Ort kam.

Die Frau des Pfarrers sagt, sie wolle ihren Petter heute noch zum Einkaufen in den Laden schicken, nachdem er sich ein wenig ausgeruht habe, und man beschreibt ihm den Weg. Das Fahrrad kann er in den Kahn laden und über den schmalen Sund rudern. Von da sind es nur noch fünf Kilometer bis zum Kaufladen.

»Gut, dass der Herr Pastor åländische Wurzeln hat«, meint Adele. »Andere Pfarrer, die aus der Stadt kamen, haben beim Rudern manchmal eine ziemlich komische Figur gemacht.«

Der Pastor lacht von Herzen und erklärt, es sei ein Glück, dass er mit der Leiterin des Genossenschaftsladens schon Bekanntschaft geschlossen habe, die ganz den Eindruck mache, als könne sie eine Freundin in der Not werden. Adele gibt ein förmliches »Bitte sehr« von sich und wird ungeduldig auf den Besuch warten. Der Pastor sitzt da und sieht nicht so aus, als habe er es je eilig, aber seine Frau wird unruhig, steht mit dem eingeschlafenen Kind auf dem Arm auf und sieht sich nach einem Platz um, wo sie es hinlegen kann. Wir sollten die Möbel ins Haus bringen und so schnell wie möglich das Allernötigste einrichten, denkt sie.

Adele sieht, dass sie nur mit Mühe ihre Ungeduld darüber unterdrücken kann, dass die anderen nicht gescheit genug sind, endlich zu gehen, so sehr wie es sie drängt, endlich anzufangen, und sie stellt fest, dass sie auch die Frau des Pastors sympathisch findet. Sie sind nämlich beide von derselben zupackenden Art, die immer dann gefragt ist, wenn etwas angepackt und erledigt werden muss. Lächelnd sehen sie sich an, die Pfarrersfrau hat sich nämlich ebenso ihr Bild von Adele Bergman gemacht.

Die erhebt sich und sagt: »So, liebe Leute, jetzt wollen wir die neue Pfarrersfamilie aber endlich Ordnung in ihr Heim bringen lassen. Wir bedanken uns und heißen sie noch einmal willkommen. Die Männer dürfen jetzt die Möbel vom Anleger herauftragen, und dann sagen wir Danke und Auf Wiedersehen.«

Auf den Höfen heißt es, Adele würde herumkommandieren, für viele aber ist es eine Erleichterung, wenn jemand klar ansagt, wo es langgeht. Der Kantor, der Küster und Elis bedanken sich und machen sich bereitwillig auf den Weg zum Steg, der Pastor läuft ihnen nach und sagt, er werde wohl noch mithelfen, seine eigenen Habseligkeiten zu tragen, irgendwo müsse doch Schluss sein. Mit vier kräftigen Männern geht es schnell, und bald steht alles zusammen im Wohnzimmer.

Ein letztes Mal danke und auf Wiedersehen. Fröhlich wie Kinder begeben sich der Küster und Signe zum Stall, Adele, der Kantor und Elis zum Kirchensteg, Helfer der Kirche und sichtlich Freunde. Erleichterung im Herzen, denn für den Anfang hat sich alles gut angelassen.

Zweites Kapitel

Man möchte sich gern vorstellen, dass sich der Pfarrer und seine Frau nun, wo sie endlich allein sind und im Begriff, ihr neues Leben auf dem eigenen Pfarrhof zu beginnen, einander zuwenden und umarmen. Aber sicher ist das nicht. Es gibt vieles, was im Lauf eines Lebens erledigt werden muss, und wenn man sich nicht beeilt, schafft man lediglich einen Bruchteil davon.

Zum Ausruhen bleibt keine Zeit, denn wie soll man alles auf die Reihe bekommen? Als Erstes müssen sie zusehen, Sanna, die in ihrem feinen Mantel auf dem Fußboden eingeschlafen ist, ins Bett zu bekommen. Also müssen zuerst die Rollen mit dem Bettzeug hereingeholt, die Decke und die Kindermatratze am Kachelofen angewärmt werden, bevor sie das Kinderbett machen und die Kleine hineinlegen können. Und wenn sie schon einmal dabei sind, können sie auch gleich die anderen Betten hereinschaffen und das Bettzeug auspacken, dann ist auch das erledigt. Da jetzt alles so einladend ausgebreitet ist, könnten sie eigentlich selbst ein kurzes Nickerchen halten, denn es ist schließlich erst acht, und der ganze Tag liegt noch vor ihnen. Aus der Überlegung heraus, dass sie in letzter Zeit zu viel geschuftet und viel zu wenig geschlafen haben, ist es die Frau, die den klugen Vorschlag macht, aber der Pfarrer ist viel zu aufgedreht, er sagt, er habe jetzt keine Ruhe, es gebe so viel zu sehen und zu tun.

»Verschnaufen kann man im Grab«, vertröstet er.

»Das sollte ein Geistlicher aber nicht sagen«, antwortet ihm eine belustigte Stimme. »Aber es heißt ja, da ruhe man in Frieden.«

Das ist Brage Söderberg von der Küstenwache, der nach den hiesigen Gepflogenheiten einfach ins Haus getreten ist, zumal die Tür offen stand. Damit beweist er umgehend die Hypothese, die Mona in den folgenden Jahren bitter und triumphierend zugleich ein ums andere Mal wiederholen wird: Wenn man sich einmal im Leben für ein halbes Minütchen hinlegen will, kommt natürlich jemand.

Und unleugbar ist Brage gekommen, wohlwollend lächelnd, eine für die Pfarrersleute unwiderstehliche Freundlichkeit und gute Laune ausstrahlend. Ungeniert steht er mitten im Umzugsdurcheinander und grinst, und der Pfarrer gibt rasch zurück: »Zum Glück kenne ich mich da aus.«

Wie es auf der Insel üblich ist, verschwendet Brage Söderberg keine Zeit darauf, sich vorzustellen, seinen Namen erfahren sie erst später auf Nachfrage vom Küster. Brage begrüßt sie beide herzlich und heißt sie willkommen und erklärt, er habe sein Küstenwachboot unten am Steg, und falls sie vorhätten, den Kaufladen aufzusuchen, weil sie doch am ersten Tag sicher viele Dinge benötigten, dann würde es gut passen, wenn sie gleich mit ihm kämen, denn er wolle selbst dorthin, um für die Station zu bunkern.

»Danke«, antwortet der Pfarrer. »Das Angebot kommt uns sehr gelegen, aber dürfen wir Ihnen wirklich solche Umstände machen?«

»Keine Umstände«, antwortet der Mann von der Küstenwache. »Man muss gucken, wie man zurechtkommt, wenn man auf einer Insel lebt.«

In den Ohren der Pfarrersleute klingt es wie eine wunderbare und ganz und gar originelle Feststellung, bis sie im Lauf der Zeit merken, dass sie am Ort zum Standardrepertoire gehört. Mit ihr drückt man die Selbstverständlichkeit nachbarschaftlicher Hilfe aus und auch eine Unzahl eigenmächtiger Handlungen und kreativer Lösungen, die sich nicht immer an die Grenzen der staatlichen Rechtsprechung halten. Der Pfarrer wittert eine Unabhängigkeit, nach der es ihn sein ganzes fest geregeltes Leben verlangt hat, und einen Anarchismus, der ihn große Sympathie für den noch namenlosen Brage Söderberg empfinden lässt. Der ist auf den Schwingen der Morgenröte gekommen und hat eine mühselige Expedition federleicht gemacht.

Durch die Pfarrersfrau aber geht ein Ruck, sie fliegt auf und läuft und holt ein Blatt Papier aus einer Tasche, zieht einen Stift aus einer anderen. An der Anrichte stehend, schreibt sie hektisch, tritt von einem Fuß auf den anderen und ruft entschuldigend: »Nur eine halbe Minute noch!«

Brage Söderberg sieht verwundert drein, dem Pfarrer schwant, dass man es hier sonst vielleicht nicht so furchtbar eilig hat. Doch darüber kann seine Frau jetzt nicht nachdenken, die Eile, die sie bei dem Beamten von der Küstenwache voraussetzt, bringt die beiden Männer auf Trab, und sie selbst läuft nebenher und schärft ihrem Mann ein, woran er denken, wonach er fragen, was er kaufen und bestellen soll. Sicher habe sie noch vieles vergessen, ruft sie und wedelt mit der Liste, er solle auch den eigenen Verstand gebrauchen und selbst mitdenken. Jetzt sollen sie voranmachen, los, los! Ob sie auch die Marken hätten? Gütiger Himmel, nein!

»Entschuldige, ich lauf schon.« Sie läuft los, und sie läuft schnell.

Puh! Brage Söderberg steht noch nicht auf so vertrautem Fuß mit ihnen, dass er einen Kommentar dazu abgibt, doch der Pfarrer erklärt leicht verlegen, dass sie in Eile sei, weil sie seine Arbeitszeit in Anspruch nähmen. Sie werde schon ruhiger, wenn sie sich ein wenig eingerichtet hätten. Während sie warten, betrachtet er mit unverfälschtem Interesse das Küstenwachschiff, sie erörtern Pferdestärken und Seetüchtigkeit, und der Pfarrer äußert die Hoffnung, um Rat fragen zu dürfen, falls er die Gelegenheit erhalten sollte, sich ein Motorboot zuzulegen, etwas, worauf er sehr hoffe. Da ist seine Frau schon wieder zurück, mit geröteten Wangen und ein wenig außer Puste. Sie reicht ihm nicht nur die Bezugsmarken, sondern, triumphierend, auch sein Portemonnaie, das auf dem Küchentisch gelegen hat. In dem ganzen Durcheinander! Musste er es denn jedes Mal gleich irgendwo hinlegen, sobald er ins Haus kam? Warum konnte es nicht einfach in der Rocktasche bleiben, so dünn und mager, wie es ist? Wie dem auch sei, jedenfalls braucht er dank ihres raschen Handelns und ihrer Aufmerksamkeit nicht schon am ersten Tag im Kaufladen um Kredit nachzusuchen und ihnen Schande zu machen.

Jetzt aber los! Als das Boot über den schmalen Sund davontuckert, scheint es langsamer zu sein als die Frau, die noch einmal die Anhöhe hinaufdampft. Doch als sie hinter dem Kamm außer Sicht ist, verlangsamt sie ihr Tempo etwas. Sie ist allein, obwohl ihr von dem ganzen Motortuckern, Reden und dem Schlafmangel der letzten Tage der Kopf brummt, und sie gesteht es sich zu, einmal durchzuatmen und die Kirche zu betrachten, die rotbemützt im ersten Anflug von Frühlingsgrün mitten in einem knallblauen Meer und hellen Himmel steht. Hübsch, gesteht sie sich zu denken zu, frische Luft, allerdings noch kühl, da dürfen wir Sanna noch bis Mittsommer warm anziehen.

Außerdem denkt sie, dass sie jetzt Haus und Heim und ein eigenes Leben haben, und mit Freude betritt sie das Pfarrhaus und macht sich daran, Möbel zu rücken und auszupacken. Aber zuerst, in der eigenen Küche, streckt sie die Hand aus und nimmt das letzte Butterbrot, mit ordentlich Butter drauf, das sie vielleicht dem Küstenwächter hätte anbieten sollen, aber auf den Gedanken ist sie nicht gekommen. Von jetzt an wird sie ihre eigene Butter herstellen, ihr eigenes Brot backen und all die Dinge tun, die es in einem kleineren bäuerlichen Betrieb zu tun gibt. Sie sieht, dass Signe, die Frau des Küsters, eine Kanne Milch in die Küche gestellt hat, noch warm. Falls Petter Mehl bekommt, kann sie Pfannkuchen backen, und wenn er Kartoffeln mitbringt, ist alles bestens. Am Abend kann er beim Steg ein Netz auswerfen, denn sie haben den Kahn und das Barschnetz des vorigen Pfarrers auf einer Auktion ersteigert. (Wo Petters allzu schwatzhafte und darum unaufmerksame und leicht übers Ohr zu hauende Verwandte als Mittelsmänner fungierten. Mit Enttäuschungen solcher Art muss man rechnen.)

Die Pfarrersfrau liebt ihren Mann. Liebe zwischen jungen Eheleuten ist nichts Außergewöhnliches, aber die Glut in der Brust der Pfarrersfrau ist etwas anderes. Es fällt ihr schwer, sie hinter den Rippen zu halten und zu verhindern, dass sie ausbricht wie eine Schweißflamme und Augenbrauen und Haare an allem, was ihr in den Weg kommt, versengt, in seine Zeit eindringt und in das Territorium, das rechtmäßig ihr zusteht. Da der Pfarrer so oft außer Haus oder von Amtsgeschäften in Anspruch genommen ist, dämmt sie das Feuer mit emsiger Geschäftigkeit ein. Die aufgewachte Sanna weiß, dass es das Beste ist, still in ihrem Kinderbettchen sitzen zu bleiben und nicht dem Wirbelwind in die Quere zu kommen, der da durch die Zimmer fegt. Gerade stürzt Mama an der Türöffnung vorbei und sieht, dass Sanna wach ist.

»Schlaf, schlaf«, ruft sie, »Mama ist ja da.«

Es scharrt und knarrt, als sie die große Anrichte im Wohnzimmer an ihren Platz schiebt. Kleine Pause, während der die Pfarrersfrau den Abstand von beiden Zimmerecken abschätzt, dann neuerliches Scharren und Knarren, bis die Anrichte auf den Zentimeter exakt ausgerichtet ist. So geht es weiter, bis auch Tisch und Stühle im Wohnzimmer richtig platziert sind. Krack, werden die Umzugskisten aufgebrochen, beginnt das Auspacken, ist die Anrichte voll. Die Geräusche entfernen sich, und Sanna weint in ihrer Verlassenheit. Mama ist so weit weg in diesem fremden Haus, dass sie, so laut es geht, weinen und in ihrem Bett aufstehen und aus vollem Hals »Mama! Mama!« rufen muss, bis Mama sie endlich hört.

»Still, Sanna!«, sagt sie. »Dir fehlt doch nichts. Möchtest du aufstehen?«

In einem Schwung hebt sie Sanna aus dem Bett und trägt sie durch Wohn- und Esszimmer in die Küche. Sie befühlt den Hosenboden und ist zufrieden, dass sie es geschafft hat, den Topf hervorzuholen und Sanna draufzusetzen, bevor ein Malheur passiert ist.

»Braves Mädchen«, sagt Mama, und im Handumdrehen sitzt Sanna auf dem Thron und guckt sich um. Vieles sieht sie zum ersten Mal in ihrem Leben und möchte etwas dazu sagen, weiß aber nicht, wie man die Dinge nennt. Bah vielleicht, oder Da.

»Da, da«, sagt sie und zeigt.

»Ja«, sagt Mama, »Fenster. Gardinen schaffen wir uns an, sobald welche zu bekommen sind. Papiergardinen sind traurig, ich glaube, die Küche muss warten, bis es wieder richtigen Stoff gibt.«

»Da«, antwortet Sanna.

Aber Mama liegt auf dem Fußboden und forscht auf dem Boden des Küchenschranks nach Spuren von Mäusen.

»Bei einem so alten Haus mit rissigen Dielen muss man auf alles gefasst sein«, vertraut sie Sanna an. »Wir müssen uns also schleunigst eine Katze zulegen. Möchte Sanna ein Kätzchen haben?«

»Da«, macht Sanna.

»Wir schaffen uns eins an«, entscheidet Mama. Sie hat alle Hände voll zu tun, denn sie will, dass alles fertig ist, wenn ihr Mann nach Hause kommt, damit ihm vor Staunen der Mund offen steht. Während sie auf ihren flinken Beinen herumläuft, überlegt sie, ob er sich wieder einmal so verquatscht, dass er nicht wegkommt, und gleichzeitig wünscht sie sich gerade, dass er es nicht eilig hat, damit sie es schafft, alles einzurichten.

Hungrig ist sie auch, denn kein Mensch kann so Stunde um Stunde schuften, ohne etwas zu essen. In der Kanne ist Milch, aber nicht einmal Sanna lebt von Milch allein. Bäh, heult sie los. So mager und klein, wie sie ist, weint sie sofort untröstlich, während derjenige, der ihr Beschützer sein sollte und für den seine Frau ihre bezahlte Stelle aufgegeben hat, im Ort sitzt und sich bei der Population lieb Kind macht. Die Pfarrersfrau füllt einen Topf mit Wasser, das vom Empfangskomitee ins Haus getragen worden war, und stellt ihn aufs Feuer. Der Herd zieht gut, aber es zieht überall auf dieser windigen Insel, und kein Baum schirmt den Kamin ab.

»Hier«, erklärt sie Sanna, »darf man die Ofenklappe nur einen Spalt weit offen haben, damit einem die Holzkloben nicht gleich durch den Schornstein gehen.«

»Buäh«, macht Sanna, und die Mama holt die Kiste mit dem Trockenvorrat. So dumm und grün hinter den Ohren ist sie nicht, dass sie sich auf eine öde Insel verschleppen ließe, ohne in der Lage zu sein, einen Schutzwall gegen Mangel und Not aufzuwerfen. Es gibt Tee, den sie und ihr Mann abends am Tisch im Wohnzimmer trinken werden, und gezuckerten Zwieback, den sie in etwas Milch aufweicht und auf dem diensteifrigen Herd anwärmt, ehe sie Sanna damit füttert.

»Lecker«, kommandiert sie, und Sanna schluckt und hört auf zu weinen. »Der Papa kommt bald nach Hause, dann machen wir etwas Richtiges zu essen. Anschließend geht Mama in den Stall, und morgen wird ein ganz normaler Tag.«

Ein ganz normaler Tag ist das, wonach sie sich am allermeisten sehnt, nach dem Krieg, nach Petters erster Stelle als Interimsvertreter eines verstorbenen Pfarrers, mit Frau und Neugeborenem in eine einzige Kammer mit Küchenecke gepfercht. Eigene Routinen zu haben, das ist das Schönste, was einem Menschen einfallen kann, der sich an alle möglichen Wechselfälle anpassen musste, über die er keine Kontrolle hatte. Nach einem eigenen Heim ruft ganz Finnland, und sie kamen hier angesegelt und sind nun ganz weit draußen auf der Ostsee gestrandet. Eingerichtet sind sie schon, innerhalb weniger Stunden hat die Pastorsgattin das Haus wohnlich gemacht, jetzt fehlt nur noch ein anständiger Essensduft. Sie hat keine Ruhe, mit Sanna auf dem Arm wandert sie von Fenster zu Fenster und späht nach draußen. In zwei Töpfen kocht brodelnd Wasser, damit sie, ohne Zeit zu verlieren, zubereiten kann, was immer er mitbringen mag.

»Schrecklich, wie schnell die Zeit vergeht«, sagt sie zu Sanna. »Bald ist es Zeit fürs Melken, und ich habe mit dem Kochen nicht einmal angefangen. Wo bleibt er denn?«

»Gä«, sagt Sanna, »Papa-papa-papa.«

»Er kommt bald«, sagt die Mama. Nachdem sie es einige Male wiederholt hat, kommt er, unter schweren Lasten krumm gebeugt, während das Küstenwachboot Kurs auf seine Station nimmt. Die Pfarrersfrau hat sich vorgestellt, ihm das Haus zu zeigen, doch nachdem er Sanna auf den Arm genommen hat und erste Bewunderung äußert, ruft sie, sie hätten keine Zeit, müssten etwas in den Bauch bekommen. Außerdem komme Signe jederzeit, und dann müsse gemolken werden.

»Und, was hast du bekommen?«

Der Pfarrer ist zufrieden, er hat eine Verproviantierungstour von Gottes Gnaden erlebt.

»Wenn ich nicht mit dir verheiratet wäre, würde ich um Adele Bergman anhalten«, sagt er. »Was für eine Frau! Sie thront da wie ein höheres Wesen, zu dem alle aufblicken. Rate mal, was sie getan hat! Sie hat mich in ihr Büro zitiert und aufgefordert, Platz zu nehmen. Mir wurde klar, dass sie reden würde und ich zu antworten hätte, wenn ich gefragt würde. Sie meinte, sie könne sich denken, dass wir an Lebensmitteln außer Milch so gut wie alles brauchen könnten, und darum habe sie am Morgen schon einmal ein bisschen was für uns beiseitegestellt. ›Bevor es ausverkauft ist‹, hat sie gesagt. Und weiter: ›Es ist verblüffend, was die Leute alles hamstern, nur weil für bestimmte Dinge jetzt die Rationierung aufgehoben wurde. Als es alles auf Bezugsschein gab, konnte man wenigstens die Absatzmengen kalkulieren.‹

Ich saß wie benommen da und dachte im Stillen, selbst wenn es gar nichts gäbe, verfügte Adele Bergman mit Sicherheit über ein kleines Vorratslager, aus dem sie etwas an bestimmte Privilegierte verteilen würde. Wir gehören jetzt zu diesen Auserwählten. Ich habe Mehl, Mona. Ich habe Zucker. Ich habe Haferflocken und Grießmehl. Ich habe Eipulver. Ich habe Erbsen. Für heute Abend haben wir Hering, und danach fischen wir selbst. Ich habe Salz. Ich habe genügend Knäckebrot, bis wir dazu kommen, selbst zu backen, und als Willkommensgeschenk habe ich sogar ein frisches Brot mitgebracht. Diese wunderbare Frau hat uns sogar einen Beutel Kartoffeln aus der Stadt organisiert, damit wir etwas haben, bis wir uns aus der näheren Umgebung versorgen können.«

»Gib her!«, sagt seine Frau, und eine angemessene Menge Kartoffeln wird im Spülstein energisch geschrubbt und ins kochende Wasser geworfen, gefolgt von einer Prise Salz.

»In zwanzig Minuten«, ruft sie. »Wo hast du das Mehl? Ich mache eine helle Soße. Pfeffer habe ich mitgebracht. Stell die Dose mit den Heringen auf den Tisch! Oh, was für ein Mehl! Ich mache Pfannkuchen, wir sind ausgehungert. Hm, was wir alles zu essen haben! Kannst du es noch abwarten? Nimm ein Stück Knäckebrot!«

Sie arbeitet wie besessen, rührt Pfannkuchenteig, macht die Soße, stellt Teller und Besteck auf den Tisch, brät in der kleinen Pfanne Pfannkuchen.

»Wenn wir jetzt noch Kompott hätten«, wünscht sie sich.

Der Pastor lächelt in sich hinein und zieht eine Dose Apfelmus aus der Tasche. Apfelmus! Das erste nach dem Krieg kommerziell hergestellte! Oh!

Wer die Pfarrersfrau herumhetzen sieht, vermag sich nicht vorzustellen, dass sie überhaupt still sitzen kann, und zwar länger, als man vermuten könnte, nachdem sie erst einmal das Essen auf dem Tisch und die Familie drum herum platziert hat. Sie essen Hering und gute Kartoffeln mit heller Soße, dann verputzen sie die Pfannkuchen mit Zucker und Apfelmus. Für eine so kleine Familie verdrücken sie eine ganze Menge. So viel, dass sie hinterher noch in jenem leichten Rausch sitzen bleiben, den eine um mehrere Stunden verspätete warme Mahlzeit schenken kann. Sanna lächelt verzückt mit einem Rand von Zucker und Mus um den Mund. Mona fragt ihren Mann, wen er im Geschäft kennengelernt habe, wie die Leute aussähen und was sie gesagt hätten. Er antwortet, es sei unglaublich, wie anständig sich alle benähmen. Jeder habe ihm die Hand geschüttelt und ihn willkommen geheißen und sich so leichthin und locker mit ihm unterhalten, dass es ein Vergnügen gewesen sei.

»Hier kommt man mit den Leuten leicht ins Gespräch«, resümiert er. »Was für Menschen! Und was für ein Tag für uns. Es schwirrt einem der Kopf. Kaum zu glauben, dass wir erst gestern in Åbo auf dem Kai standen und uns fragten, ob das Boot wohl jemals ablegen werde.«

Sein Blick wandert Richtung Wohnzimmer und zu dem dahinterliegenden Schlafzimmer, denn jetzt will er sehen, welche Wunder sie schon bewirkt hat.

»Na, dann komm! Obwohl Signe jeden Moment hier sein kann, und ich möchte vorher noch den Tisch abdecken. Aber komm!«

Papa nimmt Sanna auf den Arm, und sie begeben sich auf Hausbesichtigung. Alles steht an seinem Platz, alles ist eingeräumt.

»Wie hast du das nur geschafft? Du hättest Anrichte und Tisch doch nicht allein umstellen sollen, meine Liebe! Da geht man mal eben für ein paar Stündchen aus dem Haus, und wenn man zurückkommt, ist aus dem Chaos schon Ordnung geworden.«

»Na ja«, antwortet seine Frau. »Die Bücherkisten sind noch nicht ausgepackt, denn du musst zuerst aus den Brettern Bücherregale bauen. Und den Koffer mit den Bürounterlagen habe ich nur ins Zimmer gestellt. Den darfst du selbst auspacken, während ich beim Melken bin. Wo bleibt denn Signe nur? Es ist schon bald sechs Uhr.«

Sie schaut aus dem Fenster, zur See- und zur Landseite. Der Pfarrer folgt ihren Blicken und sieht, wie schön es hier ist, nackte Felsen und eine Wolke von hellem Grün wie Rauch zwischen den Felsbuckeln im zeitigen Mai. Abendsonne, und das Dach der Kirche leuchtet in einem anderen Rotton als am Morgen. Auf dem Friedhof stehen weiße und schwarze Kreuze beisammen wie eine Gemeinde.

»Glaubst du, sie traut sich vielleicht nicht herein?«, fragt seine Frau.

»Doch«, antwortet er. »Wir sind doch schon miteinander bekannt, und sie wissen, dass wir ihnen nicht die Ohren abreißen.«

»Schon«, wendet Mona ein, »aber wir hätten doch eine Zeit ausmachen sollen. Es gibt noch alles Mögliche, was ich erledigen müsste, dabei renne ich jetzt nur von einem Fenster zum anderen.«

Doch im Gehen räumt sie den Krug vom Tisch und gießt das brühwarme Wasser in die Spülschüssel.

»Ich fange schon mal an«, sagt sie. »Vielleicht bringt sie das her, gerade wenn ich bis zu den Ellbogen im Spülbecken stecke.«

»Ich gehe Wasser holen«, sagt der Pfarrer. »Dann werde ich ja sehen, ob sie sich tatsächlich nicht ins Haus traut. Der Brunnen ist doch irgendwo da beim Garten, wenn ich mich nicht irre.«

Er geht und kommt, ohne eine Signe zu entdecken. Das Wasser aber ist weich und seidig, viel Schmelzwasser, und gelblich braun, wie Brunnenwasser im Frühjahr zu sein pflegt.

Die Pfarrersfrau schafft den Abwasch und Sanna für eine neue Sitzung aufs Töpfchen zu setzen, und Signe kommt noch immer nicht.

»Wenn sie nicht so nett wären, könnte ich richtig ärgerlich werden«, sagt die Pfarrersfrau. »Glaubst du, sie hat mich missverstanden? Meinst du, ich sollte schon mal allein in den Stall vorgehen? Aber dann wird sie es sicher falsch verstehen, dass ich nicht auf sie gewartet habe. Ach, wie kompliziert! Wie ich mich danach sehne, dass wir endlich für uns sein können.«

Sie brennt vor Verlangen, in den Stall zu kommen. Anfangs wird die Gemeinde glauben, ihr Enthusiasmus für die zwei Kühe und drei Schafe sei nur gespielt, um zu zeigen, dass sie in allen Belangen ihren Alltag teilt; in Wirklichkeit aber hegt niemand auf Örar eine derartige Passion für die Viehhaltung wie die Frau des Pastors. Als Kind auf dem väterlichen Hof lag ihr mehr an den Bewohnern von Kuh- und Pferdestall als an denen der Hauptgebäude, und auch noch seit sie ihren geliebten Mann und durch ihn eine eigene Familie bekam, liebt sie das Vieh, das sie erst zum Menschen gemacht hat. Es ist jedoch keine sentimentale Liebe, keine romantische Spinnerei, denn die Pfarrersfrau schickt zum Schlachten und züchtigt störrische Biester und behauptet nie, sie würde Kühe lieben, sie hält sie nur mit Leidenschaft. Realistisch und rational, wie sie ist, liebt sie das Vieh für seinen Beitrag zur Selbstversorgung und weil die Kuh eine Garantin für ein eigenständiges Leben ist.

Sie kann jetzt nicht in den Stall laufen, weil sie mit Signe ausgemacht hat, dass sie zusammen gehen wollen, aber wie kann es sein, dass Küsters Signe nicht zu der Zeit kommt, zu der ganz Finnland, ja, ganz Nordeuropa seine Kühe melkt?

»Vielleicht melken sie hier später, weil sie die Milch bei keiner Molkerei abliefern müssen«, überlegt der Pfarrer, der manchmal eine praktische Intelligenz an den Tag legt, die seine Frau überrascht. Sie räumt ein, dass er damit vielleicht recht hat und sie ebenso gut Sanna jetzt gleich zu Bett bringen könnte. Andererseits muss sie erst gebadet werden, ehe sie ins Bett gesteckt werden kann. Auf dem Herd steht noch warmes Wasser, und es wäre schade, das nicht zu verwenden, also ... »Wenn Signe zwischendrin auftaucht, musst du übernehmen.«

Sanna ist gebadet, zu Bett gebracht und hat ihr Abendgebet gehört, ehe Signe kommt. Und sie kommt nicht allein, sondern in Begleitung ihres Mannes. In aller Seelenruhe schlendern sie herbei und entschuldigen sich nicht einmal für ihre Verspätung. In ihren Augen gibt es auch keinen Grund dazu. Der Küster erkundigt sich, wie ihr Tag verlaufen sei. Er vermutet, dass sie müde sind, und bietet an, er und Signe könnten allein in den Stall gehen, und die Pfarrersleute könnten sich ein bisschen ausruhen.

»Kommt nicht infrage«, erwidert die Pfarrersfrau, die vor Erwartung brennt. »Es ist mir eine große Freude, unsere Kühe kennenzulernen. Ich habe gesehen, dass die Kannen gespült sind – vielen Dank, Signe –, wir brauchen sie also bloß zu nehmen und loszugehen.«

Womöglich haben Signe und der Küster mit längeren Präliminarien gerechnet, aber sie passen sich leicht an und folgen der Pfarrersfrau auf die Diele, wo sie energisch mit Kannen und Sieb klappert und ein Päckchen mit Filterwatte einsteckt.

»Seife ist im Stall?«, fragt sie, und Signe nickt. Der Pfarrer sagt, er würde gern mitkommen, doch am ersten Abend müsse jemand bei Sanna im Haus bleiben, falls sie aufwachen und in dem neuen, fremden Haus Angst bekommen sollte.

Seine Frau führt den Zug zum Kuhstall an. Sie trägt einen Stallkittel, der schon einige Einsätze erlebt hat, und ist in der Diele in ein Paar ausgetretene Schuhe geschlüpft, aber innerlich fühlt sie sich festlich gekleidet. Sie öffnet die Tür und tritt direkt in den Stall, nicht in eine Milchkammer, wie sie es gewohnt ist. Zwei Boxen für Kühe, ein leerer Kälberpferch, vor der Giebelwand ein Schafspferch mit drei unruhigen Mutterschafen, und ein abgetrennter Verschlag voll stupsender Köpfe und staksiger Beine, die alles in allem fünf Lämmer ergeben.

Die Kühe drehen die Köpfe und muhen. Die große, alte und dunkelrote ist Äppla, macht Signe sie bekannt, und die kleinere, helle und sanfte ist Goda. Beide sind trächtig und werden im Juni kalben.

Zu spät im Jahr, findet die Pfarrersfrau, und Signe erklärt, das Decken habe sich verzögert. Der vorige Pfarrer habe gewusst, dass er wegziehen würde, und die Kühe etwas vernachlässigt. Jetzt würden sie bald trockengestellt, aber ein paar Liter Milch morgens und abends gäben sie schon noch, was doch wohl ganz willkommen wäre.

Die Pfarrersfrau gibt den Kühen einen kräftigen und geübten Klaps und inspiziert die Euter. Sie sind relativ klein und fest, besonders die von Goda. Sie beschnuppern sie zurückhaltend und muhen wieder, um ans Futter zu erinnern. Und, ja, sicher, die Scheune befindet sich gleich im Anbau nur eine Tür weiter. Es ist kaum mehr Heu da, doch bald kann man die Tiere auch ins Freie lassen. Auf den Höfen, die richtig knapp dran sind, hat man das schon getan.

»Wir auch«, setzt der Küster hinzu. »Es ist ein Kampf, sie den ganzen Winter über mit Heu zu füttern. So üppig wächst es hier nun auch wieder nicht, aber sie fressen auch Laubknospen und Schilftriebe am Ufer.«

Die Pfarrersfrau fährt mit der Heugabel über den Scheunenboden und bekommt ein Büschel zusammen, das sie Äppla vorwirft, dann bekommt auch Goda ihre Ration, mager und staubig. Im ganzen Stall nicht die Spur eines Sacks mit Futter. Äppla und Goda haben beide pralle Bäuche durch ihre Trächtigkeit, aber ihre Beckenknochen stechen hervor wie Kleiderhaken, und jemand, der aus den Futterscheunen Nylands kommt, sieht, dass sie viel zu mager sind.

»Der Frühling kommt wahrlich zur rechten Zeit«, sagt die Pfarrersfrau und denkt im Stillen, dass der vorige Pastor schlecht für seine Tiere gesorgt hat. Aber sie will nicht kritisieren, sondern greift zur Forke, sucht trockene Blätter zusammen und wirft sie den Schafen in die Krippe. Dann findet sie die Mistgabel, und bevor der Küster danach greifen kann, fängt sie mit dem Ausmisten an. Das ist schnell erledigt, die mageren Kühe haben nur kleine, feste Fladen fallen lassen, und der primitive Stall weist eine Rinne im Boden auf, die den Urin durch ein Loch im Steinsockel nach draußen leitet. An der Ecke befindet sich der Brunnen für das Vieh, der jetzt im Frühjahr voller Schmelzwasser ist, wie der Küster zeigt. Diesmal ist er schneller und holt ein paar Eimer voll nach oben, die er in die Tröge leert.

Die Kühe brummen friedlich und fressen das trockene Heu, während Signe und die Pfarrersfrau die Euter waschen und sich zurechtsetzen. Am nächsten Tag können Signe und der Küster allen Interessierten berichten, dass die Pfarrersfrau zu melken versteht, wie man es noch nie gesehen hat, und eine Art hat, mit den Tieren umzugehen, dass man nur staunen kann. Äppla und Goda drehen die Köpfe und gucken, drehen sich noch einmal um und gucken wieder. Was man im Lauf eines Rindviehlebens so alles erleben darf! Viel Milch geben sie nicht, aber doch immerhin so viel, dass es ordentlich in den Eimer spritzt, wo die Pastorsfrau Hand anlegt.

»Gute Zitzen, feste Euter«, kommentiert sie. »Jetzt müssen sie sich nur wieder ein bisschen was anfuttern. Es gibt viel, worum wir uns kümmern müssen, unsere Viehweiden und Heuwiesen eingeschlossen.«

Mit Blick auf die Verhältnisse in der Scheune steht zu befürchten, dass die Wiesen nicht ausreichen, aber der Küster, interessiert an Eigentumsrechten, hält aus dem Stand einen längeren Vortrag über den Grundbesitz der Kirche.

»Es gibt noch immer genug Heu, und Hilfe bei der Ernte gibt es von den Pächtern auf den Vorwerken, die zum Pfarrhof gehören. Die leisten Tagwerke für das Land, das sie gepachtet haben.«

»Heutzutage gibt es doch wohl keine abhängigen Kätner mehr?«, fragt die Pfarrersfrau, und der Küster gibt ihr recht. Die Hufen sind freigekauft, aber wer mehr Weideland braucht, bezahlt die Pacht mit Arbeit.

»Aha«, sagt die Frau des Pastors und ahnt, dass es Probleme geben wird. So schnell, wie sie schaltet, hat sie schon verstanden, dass hier um Gras hart konkurriert wird. Sie fragt nach, wie es mit dem Weideland des Pfarrhofs steht, und der Küster versichert mit Nachdruck, dass es auf der Kirchinsel genügend Weide für die Pastorskühe gebe. Bei den ehemaligen Kätnern des Pfarrhofs sehe es schlechter aus. Er solle es vielleicht nicht sagen, aber er sage es trotzdem, es sei schon vorgekommen, dass sie die Zäune auf ihrer Seite so weit vernachlässigt hätten, dass ihre Kühe sich auf die Weide des Pfarrers verirrt und dort die Bäuche vollgeschlagen hätten.

»Oje«, sagt die Frau. Probleme in der Tat, denn sie hat sich fest vorgenommen, das Anrecht von Äppla und Goda auf ihr frisches Gras auch durchzusetzen. Sie schüttet die Milch durchs Sieb und tätschelt die beiden noch einmal, damit sie begreifen, dass sie sich von nun an an sie halten sollen. In ihren Augen verschwimmt Küsters Signe bereits in Nebel, denn hier hat jetzt eine andere das Sagen.

Die Pfarrersfrau fragt nach Signes eigenen Milchkühen, und ja, bald hat sie zwei, Gamla und ihre Färse, denn die wird im Frühling zum ersten Mal kalben.

»Ob wir sie über den Winter bringen oder im Herbst zum Schlachten schicken, hängt vom Heuertrag ab«, erklärt der Küster mit zufriedenem Tonfall. Die Pfarrersfrau begreift, dass Jungkuh und Kalb und die über den Sommer anfallende Milch so oder so kein geringes Zubrot bedeuten.

»Ich freue mich, dass wir Bekanntschaft geschlossen haben«, sagt sie aufrichtig. »Es gibt so vieles, wonach wir Sie noch fragen müssen. Die Schafe zum Beispiel. Wo sollen wir mit denen hin? Wir können sie ja nicht auf die Weide mit den Kühen lassen. Da ist kein Zaun, der sie hält.«

Der Küster erklärt, Pastors seien fein raus. Die beiden kleinen Inselchen vor der Kirchinsel seien die Schafsholme des Pfarrers. Wenn sie die Schafe alle paar Wochen von dem einen Holm auf den anderen verfrachteten, hätten sie den ganzen Sommer über genügend Futter, so gut sei das eingerichtet.

»Bei einem Blick in die Scheune wird klar, dass man sie am besten gleich morgen rüberbringt«, sagt die Pfarrersfrau. »Ob wir wohl bei jemandem ein Boot leihen können?«

»Bei uns zum Beispiel«, schlägt der Küster vor, denn er ist nicht unempfänglich dafür, wie fix sie ist, und sie darf sich beim Pfarrer gern lobend über ihn äußern.

»Danke«, sagt sie. »Tag und Zeit sollten Sie mit Petter ausmachen. Nachdem wir jetzt hier fertig sind, hoffe ich, dass Sie noch auf eine Tasse Tee ins Haus kommen.«

Bereits angefreundet, gehen sie zum Pfarrhaus zurück. Am Brunnen zeigt der Küster die Anordnung der Seile, mit denen man die Kannen hinablassen und die Milch über Nacht kühlen kann. Anschließend wird sie separiert und der Rahm aufgehoben. Den Separator hat Petters Vater auf einer Auktion ersteigert, er steht auf der Diele. Mona spült mit Schwung die Kannen aus, bläst dem Herd Leben ein, setzt den Wasserkessel auf und tischt etwas zum Tee auf: Zwieback, frisches Brot und Apfelmus.

Aus des Pfarrers Vorhaben, ein Netz auszuwerfen, wird nichts, denn Signe und der Küster bleiben in aller Seelenruhe sitzen und plaudern. Wenigstens bringt der Pfarrer sein Vorhaben zur Sprache, da schlägt sich der Küster mit der Hand an die Stirn und ruft: »Gott im Himmel, ich hatte doch einen Topf Barsche für morgen mitgebracht, den habe ich auf der Treppe abgestellt. Hoffentlich sind keine Viecher reingekrabbelt.«

»Gedankenlesen«, sagt der Pfarrer. »Tausend Dank! Von morgen an kommen wir aber selbst zurecht. Von all der Hilfsbereitschaft werden wir noch ganz unselbstständig. Was war das für ein Tag!«

Er kann sich des Drangs, herzhaft zu gähnen, nicht erwehren, und da gähnt seine Frau ebenfalls wie eine Katze. Darauf muss der Pfarrer gleich noch einmal derart gähnen, dass alle beweglichen Teile seines Schädels knacken. Signe und ihr Mann schauen höflich weg und reden noch ein Weilchen, ehe sie sich erheben und Signe verkündet, jetzt sei es Zeit, ihre eigene Kuh zu melken. Es ist zehn Uhr. Die Pfarrersfrau fährt auf: »Was? Weil Sie uns helfen wollten, ist Ihre eigene Kuh noch nicht gemolken? Das ist ja schrecklich!«

»Ach was«, beruhigt Signe. »Die gibt jetzt so wenig Milch, dass es auch nichts ausmachte, wenn ich sie erst morgen früh melken würde.«

Die Pfarrersfrau will sich aber nicht beruhigen. Sie findet es so schlimm, dass Signes Kuh leiden muss, dass Signe fast selbst ein schlechtes Gewissen bekommt. Als sie endlich gegangen sind, könnten der Pfarrer und seine Frau vor Müdigkeit schielen. Sie murmeln und lallen, finden draußen kaum das Plumpsklo oder das Gesicht, als sie sich anschließend zu waschen versuchen, bevor sie endlich ins Bett fallen.

»Danke, dass du die Betten schon bezogen hast«, sagt der Pfarrer. »Das würden wir jetzt nicht mehr schaffen. Ich glaube, ich war noch nie so erledigt. Und so glücklich.«

Die erste Nacht auf dem Pfarrhof verbringen der Pastor und seine Frau platt wie eine Flunder. Das Letzte, woran sie sich erinnern, ist, dass der jeweils andere schon schlief.

Drittes Kapitel

Sie kam zu Fuß übers Eis nach Finnland, durch die Wälder, unter einem Eisenbahnwaggon festgebunden, mit einem U-Boot, das ganz kurz an der äußersten Schäre auftauchte, wo ein schnelles Schmugglerboot wartete. Sie sprang über den Wäldern Kareliens mit dem Fallschirm ab. Sie tauschte mit einem finnischen Militärattaché die Kleidung und reiste mit seinem Diplomatenpass erster Klasse nach Finnland ein. Ein gutes Stück hinter der Grenze warteten Autos mit abgeblendeten Scheinwerfern auf dunklen Waldwegen. Lichtsignale wurden ausgetauscht. Und dann endlich: Papa! General Gyllen, ohne den keine Hoffnung bestanden hätte.

Gut so, je mehr Versionen, desto besser. Wie es wirklich ablief, soll nie jemand erfahren. Wer außer dem Vater wissend oder unwissentlich in die Sache verwickelt war, soll nie bekannt werden. Die Tatsache an sich ist bedeutend genug: 1939 war Irina Gyllen der einzige bekannte Fall, in dem es ein ehemaliger finnischer Staatsbürger schaffte, aus der Sowjetunion nach Finnland zu fliehen.

Für den Fall, dass jemand es noch einmal versuchen sollte, ist es von größter Wichtigkeit, dass nie herauskommt, wie es vonstattengegangen ist.

Irina Gyllen schläft allein. Muss sie auf einem Schiff einmal eine Nacht gemeinsam mit anderen Menschen verbringen, schläft sie nicht. Bevor sie zu Bett geht, nimmt sie eine Tablette. Dann ist sie schwer zu wecken, wenn sie zu einer Geburt gerufen wird. Das wissen die Inselbewohner, es gehört zu ihren Eigenheiten, genauso wie die Tatsache, dass sie ein russisches Arztexamen hat, ihren Beruf in Finnland aber nicht ausüben darf, bevor sie nicht auch die entsprechenden finnischen Prüfungen abgelegt hat. In der Sowjetunion war sie Fachärztin für Gynäkologie, in Finnland hat sie einen Hebammenkurs besucht und eine Stelle auf den Örar-Inseln übernommen, während sie sich auf das finnische Medizinexamen vorbereitet.

Auf Örar ist man in Sicherheit. Mutter und Vater haben dort Sommerferien verbracht und wissen, dass die örtliche Bevölkerung Boote besitzt, mit denen man sich bei jedem Wetter nach Schweden absetzen kann. Sie wissen auch, dass sich kein Fremder unbemerkt dort einschleichen kann. Personen, vor denen sich Irina Gyllen in Acht nehmen muss, könnten nie auf Örar an Land gehen, ohne dass die Inselbewohner noch von der geringsten ihrer Bewegungen berichten würden. Den größten Teil des Jahres über kommt ohnehin niemand, nicht einmal eine Katze.

Es ist still. Man kann sein eigenes Herz hören, den eigenen Atem, die Verdauung. Alles in gutem Zustand, obwohl sie bereits in ihrem zweiten Leben steht. Auf der anderen Seite hat sie viel verloren, sie sieht kaum noch wie eine Frau aus. Groß und kantig, ohne sichtbare weichere Körperteile. Ein scharf geschnittenes Gesicht, Beine, die endlos weit gelaufen sind, Hände, die gerackert und geackert haben.

Ihr Körper verbirgt, dass er ein Kind zur Welt gebracht hat, aber die auf Örar wissen, dass sie ein Kind hat, einen Jungen.

Wenn sie aufwacht, schluckt sie eine Tablette. Danach ist die Hand ruhig, der Verstand einigermaßen betäubt, die Erinnerungen lassen sich aushalten. Dann arbeitet sie, liest, führt ihr Journal. Sie wohnt im kleinen Häuschen der Familie Hindriks, bis die Kommune, unterstützt von Spenden aus Schweden, eine kleine medizinische Versorgungsstation bauen wird. Die Leute sind in Ordnung, sie sind freundlich und rücksichtsvoll und unternehmen nicht den kleinsten Anlauf, sie als eine der Ihren zu behandeln. Sie nennen sie Doktor, obwohl sie beteuert, dass sie keiner sei, und sie tratschen nicht über sie auf den Höfen. Erst viel später wird ihr klar, dass sie deshalb nicht über sie reden, weil ihr Schweigen andeutet, dass sie etwas über sie wissen, das man nicht weitererzählen kann.

Die Hindriksens sind nette Leute, fröhlich, lebhaft, gesprächig. Immer von einem freundlichen Lächeln begrüßt zu werden, jedes Mal das Wetter vorhergesagt zu bekommen, wenn sie das Haus verlässt, dafür gelobt zu werden, dass sie sich zu kleiden verstehe, mit ihnen zu essen und nicht zu vergessen, sich hinterher zu bedanken, all das hilft, um anderes auf Abstand zu halten. Äußerlich sieht man nichts. Oder sollte ihr verschlossenes Gesicht ein sprechender Beweis für eine unnatürliche Selbstbeherrschung sein?

Beherrschung wessen? Der schrecklichen Gier zu leben, die einen zwingt, alles abzuschütteln. Man glaubt, man weiß Bescheid. Als Arzt macht man sich keine Illusionen. Sehr bald bemerkt man die Hoffnung bei Patienten, die im Sterben liegen, sieht, wie sie auf die kleinsten Anzeichen einer Besserung achten, sich weigern, einzusehen, dass es sich nur noch um Tage handelt. Dieser Lebensgier kommen weder Schmerzen noch Trauer bei, das registriert schon eine Medizinstudentin nüchtern. Sie passt sich an alles an, wenn es nur bedeutet, das Leben dadurch um einen Zentimeter zu verlängern. Um ein paar Stunden, in denen vielleicht Rettung eintrifft.

Theoretisch wusste Irina Gyllen genau, was ablief. In der Praxis überfiel sie das Gefühl hinterrücks und machte sie besinnungslos. Von da an dachte sie nur noch daran, ihr Leben zu retten. Ihren Mann holten sie zuerst. Um des Kleinen willen tat sie das, was sie für den Fall besprochen hatten. Sie distanzierte sich, beantragte die Scheidung. Arbeitete weiter, denn Ärzte brauchen alle Regimes, sie können es sich nicht so ohne Weiteres leisten, sie zu beseitigen. Nur dass auch er Arzt war. Ja, schon, aber umgeben von Neidern und Spitzeln. Sie etwa nicht? In Russland geboren, der Vater ein finnischer General.

Arbeiten allein reicht nicht. Selbst die Besten verschwinden. Es bleibt kein anderer Ausweg mehr als Finnland. Aber auch der ist dadurch verschlossen, dass sie ihre Staatsbürgerschaft abgegeben hat. Doch ihr Vater hat Beziehungen, Kontakte, und zu Papa kann man immer noch durch die finnische Gesandtschaft Verbindung aufnehmen. Die hat sie in den letzten Jahren zwar nicht mehr aufsuchen dürfen, aber es gibt Angestellte dort, mit denen man sich unter Todesangst in der Stadt treffen kann.

Vater Gyllen ist auch ehemaliger Offizier der zaristischen russischen Armee. Der Grund, weshalb man auch sie verhaften wird, sie längst hätte festnehmen müssen, noch vor ihrem Mann. Wird man ihn zwingen, sie zu denunzieren? Eine Frage der Zeit. Nein.

Man lebt seine letzten Tage, man schiebt sie hinaus; wenn man durchhält – noch einen Tag, eine Woche –, kommt die Rettung noch rechtzeitig. Man denkt nur daran, sich selbst zu retten. Alle anderen können geopfert werden. Darum werden Menschen zu Spitzeln. Der einzige Grund, weshalb Irina Gyllen nicht zum Spitzel wird, ist der, dass sie keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen will.

Um sich selbst zu retten, kann man sogar ein Kind verlassen. Man reist nicht einmal zu den Eltern des Mannes, um es sicher ihrer Obhut anzuvertrauen. Sie wendet sich lediglich an die Nachbarn, die sie kaum kennt, und fragt, ob der Kleine ein Weilchen bei ihnen bleiben könne, während sie rasch ins Krankenhaus müsse. In der Tasche hat er, mit einer Sicherheitsnadel befestigt, einen Zettel mit der Adresse der Großeltern. Es ist, wie ihn in einem Binsenkörbchen auf dem Nil auszusetzen. Vielleicht wird er wirklich zu den Großeltern weitergeschickt, obwohl die selbst schwer belastet sind und womöglich ebenfalls kurz vor der Verhaftung stehen. Vielleicht steckt man ihn auch in ein Kinderheim, wo seine Identität ausgelöscht wird. Vielleicht können sie auch bald wieder zusammengeführt werden, durch das Rote Kreuz. Jetzt, wo doch Frieden ist.

Er war acht Jahre alt, bekam schon eine Menge mit. Hatte aufgehört, nach dem Papa zu fragen, begriffen, dass es das Beste war. Denk nicht daran, was er jetzt durchmacht! Denk vor allem nicht darüber nach, was er denkt und fühlt! Denk nur daran, dass Kinder anpassungsfähig sind und sich in jede neue Lage einfügen können! Denk an ihre Fähigkeit, sich auch über unbedeutende, kleine Dinge zu freuen! Vergiss nicht eine Sekunde lang, dass sie leicht eine Bindung an neue Bezugspersonen entwickeln, dass sie vergessen! Vergiss nicht, dass sie vergessen!

Denk nicht daran, dass inzwischen sieben Jahre vergangen sind, sein halbes Leben! Dass er jetzt ein schwieriger Jugendlicher ist, bald erwachsen. Jegliche Kontaktaufnahme unmöglich, die Großeltern nicht erreichbar, im Krieg evakuiert, weg. Die im Krieg abgebrochenen diplomatischen Beziehungen haben sämtliche Versuche, Fühlung aufzunehmen, unterbunden. Jetzt aber ist Frieden, gibt es Hoffnung, das Rote Kreuz, neues Botschaftspersonal, schneller, als man denkt.

Ja. Aber auch Vater Gyllen ist alt und im Ruhestand; seine Kontakte ebenso. Eine neue Riege betrachtet sie mit Misstrauen. Man muss langsam vorgehen, sich mit Geduld wappnen. Hat der Junge es geschafft, den Krieg zu überstehen, dann schafft er es auch jetzt, im Frieden. Er wird ein selbstständiger Mensch. Tut und lässt, was er will. Mit ihr will er vielleicht gar nichts zu tun haben. Absolut verständlich. Aber es muss sich doch herausfinden lassen, wo er ist.

Und wenn er nicht mehr ist? Ein verlassenes Kind, das allein in einem Seuchenspital stirbt, verfroren und ausgehungert, denkt nicht einmal mehr »Mama«. Da nimmt sie eine Tablette. Auf der Insel geht es ruhig zu, alle sind freundlich, Frauen in den Wehen stellen sich nicht an und machen tüchtig mit, es geht ihr gut mit ihrer Arbeit. Ein Glücksfall, dass ihr jemand den Tipp mit dieser Stelle gegeben hat. Schön auch, dass es Vater und Mutter, die während des Krieges richtig alt geworden sind, so gut gefällt, dass sie im Sommer hier Urlaub machen. Es geht alles besser, als man hatte befürchten müssen.

Sie kommt zurecht, hat sich früh gekrümmt, ist ein Häkchen geworden. Ein komisches Sprichwort. Sie muss darüber nachdenken. Es fällt ihr ein, dass sie auch wie ein Haken aussieht, lang und dünn, jetzt gekrümmt, wie ein Krückstock, und mit einer Krücke geht es ganz gut, recht gut sogar. Hauptsache, sie hat etwas zu tun. Sicher, manchmal wird sie auch als Ärztin gerufen, obwohl sie jedes Mal ausdrücklich darauf hinweist, dass sie keine Zulassung als Ärztin hat und nicht befugt ist, Eingriffe vorzunehmen oder Entscheidungen zu treffen, die einem approbierten Arzt vorbehalten sind. Ja, ja, sagen sie dann, das wüssten sie ja, aber wenn die Frau Doktor trotzdem so nett sein könnte, zu kommen. Ein Transport ins Krankenhaus nach Åbo sei unmöglich. Aber sicher kann sie kommen und einen Blick auf den Patienten werfen, vielleicht einen Rat geben oder einen kleinen Handgriff ausführen, sofern klar ist, dass alles unter der Hand geschieht, so wie heilkundige Frauen Hilfesuchenden zu allen Zeiten geholfen haben.