Eisbraut - Lisa Black - E-Book

Eisbraut E-Book

Lisa Black

0,0
7,99 €

Beschreibung

Ein fast perfektes Verbrechen. Ein kaltherziger Killer. Eine Frau, die ihn erbarmungslos jagt

Nur wenige Monate nach der Ermordung ihres Verlobten steht die Gerichtsmedizinerin Theresa MacLean vor ihrem bisher schwierigsten Fall: Die frisch verheiratete Jillian Perry wird tot im Wald aufgefunden – sie ist erfroren. Es gibt keine Spuren, die auf ein Verbrechen hin deuten, doch Theresas Intuition sagt ihr, dass die junge Mutter keinen Selbstmord begangen hat. Dann beantragt plötzlich auch noch Jillians Exfreund das Sorgerecht für deren kleine Tochter – und behauptet, sie schwebe in Lebensgefahr …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 466

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Buch

Theresa MacLean wird zusammen mit ihrem Cousin, Detective Frank Patrick, zum Computerspieledesigner Evan Kovacic beordert. Tage zuvor verschwand dessen junge Frau Jillian spurlos. Die Vierundzwanzigjährige ist frisch mit dem deutlich älteren, jungenhaften Evan verheiratet, und sie hat eine kleine Tochter mit in die Ehe gebracht.

Als kurz darauf Jillians Leiche bei einigen Minusgraden an einen Baum gelehnt in einem Park gefunden wird, ist die Todesursache nicht erkennbar. Es gibt keine Spuren, die auf Mord hindeuten. Doch Theresa kann nicht glauben, dass die junge Mutter sich freiwillig in Lebensgefahr begab oder Selbstmord beging …

Autorin

Lisa Black hat einen Universitätsabschluss in Biologie und arbeitet seit mehreren Jahren als Forensikerin in Ohio und Florida, wo sie mit ihrem Mann lebt.

Bei Blanvalet von Lisa Black bereits erschienen:

Schattenbraut (37664)

Lisa Black

EISBRAUT

Thriller

Aus dem Amerikanischenvon Sabine Thiele

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel»Evidence of Murder« bei William Morrow, New York.

1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung Mai 2012bei Blanvalet, einem Unternehmen derVerlagsgruppe Random House GmbH, München.Copyright © der Originalausgabe 2009 by Lisa BlackCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung: Johannes Wiebel / punchdesign, MünchenUmschlagmotiv: Johannes Wiebel / punchdesign, MünchenRedaktion: Bettina SpanglerES · Herstellung: samSatz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-07273-5www.blanvalet.de

Für meine Mutter Florence und meinen Vater Stanleysowie meine Geschwister Mary, Susan, Mike und John,an erster Stelle in meinem Herzenjede Minute, jeden Tag.

1

Mittwoch, 3. März

»Ich habe hier das ganze Haus voll toter Menschen«, erklärte Theresa MacLean dem Detective. »Und deshalb keine Zeit für jemanden, der vermutlich noch am Leben ist.«

Frank Patrick parkte den Wagen am Bordstein und deutete auf das alte Backsteinhaus vor ihnen. »Das wissen wir doch noch gar nicht mit Sicherheit. Welche Frau lässt schon einen stinkreichen Ehemann, ein tolles Apartment und eine fünf Monate alte Tochter zurück?«

»Eine ziemlich dumme Frau.« Theresa zog sich die Mütze tiefer in die Stirn. Sie hatte sich heute nicht die Mühe gemacht, ihr rotes Haar in Locken zu legen. Nun betrachtete sie das historische Gebäude aus einem anderen Blickwinkel. »Wir befinden uns hier in Lakewood.«

»Du hast auf dem Weg vom Leichenschauhaus hierher also doch aufgepasst. Ich dachte schon, du wärst wieder mal ins Koma gefallen.«

Sie ignorierte den Seitenhieb. »Ich kenne dieses Haus. Man sieht es von den Schnellzügen aus.«

»Früher saß hier die National Carbon Company«, erklärte Frank. Das rote Ziegelgebäude vor ihr hätte gut auf den Campus von Oxford gepasst; die Nebengebäude, die zwar auch aus Backstein, doch weniger stilvoll waren, dagegen gar nicht.

»Warum bist du in diesen Fall involviert?«, fragte Theresa. Frank arbeitete seit acht Jahren als Detective bei der Mordkommission von Cleveland, doch der florierende Vorort Lakewood hatte eigentlich seine eigene Polizeibehörde, und außerdem war die Frau bislang nur als vermisst gemeldet.

»Wegen ihres Jobs.«

»Bei der Carbon Company?«

»Nein, die Firma ist schon seit Jahren bankrott. Ihr Mann hat das unbewohnte Gebäude vor sechs Monaten gekauft. Ich meinte ihren Job.« Er öffnete die Tür und stieg aus dem Wagen; Theresa tat es ihm gleich. Die eisige und feuchte Märzluft traf auf Theresas Gesicht. Sie zog die gefütterte Jacke mit der Aufschrift GERICHTSMEDIZIN auf dem Rücken enger um sich, auch wenn klar war, dass das nichts helfen würde. Seit acht Monaten war ihr nicht mehr warm gewesen. Die Schrift auf der Jacke wies sie als ein Mitglied der Gerichtsmedizin aus, sie war forensische Wissenschaftlerin, kein Cop, weshalb Zeugen und Familienmitglieder ihr gewöhnlich etwas freundlicher gegenübertraten als den Police Officers.

Sie wartete, bis Frank den Wagen umrundet hatte. Mitten unter der Woche herrschte starker Verkehr auf der West 117th Street, Autos jagten über die schmale Fahrbahn. Jeder musste irgendwohin, und das schnell. Frank sprang aus dem Weg. Er hatte lange Beine, hellbraunes Haar und einen ebensolchen Schnauzbart, war schlank und gut aussehend, verfügte jedoch über nicht viel mehr Sinn für Mode als sie, auch wenn sie das nie laut auszusprechen gewagt hätte. »Und was arbeitet sie?«

»Escortservice.«

»Wie bitte?«

»Sie hat als Begleitdame gearbeitet. Genauer gesagt war das früher ihr Job – bis zu ihrer Heirat. Sie war eines dieser hübschen Mädchen, die Geschäftsleute gern als Begleitung für Cocktailpartys engagieren, sodass man möglichst viel Eindruck schindet. Das Unternehmen – ich verwende den Begriff im weitesten Sinne – hat seinen Sitz auf der West 25th Street. Ich kenne ihren Boss noch von seinen ehrenwerten Anfängen und will ihn schon seit bestimmt fünfzehn Jahren festnageln. Falls sie also tot sein sollte, hoffe ich, dass er seine Finger im Spiel hat.«

»Es ist doch schön, ein Ziel zu haben.«

»Hey, ich hoffe ja nicht, dass die Frau tot ist. Ich will nur ihren Boss drankriegen, wenn es so ist. Die Kollegen hier aus Lakewood sind auf meiner Seite, aber im Moment haben sie alle Hände voll zu tun mit dieser Familie, die drüben auf der Warren Road einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, weshalb sie nichts dagegen haben, wenn ich mir die Sache mal genauer ansehe. Lass uns reingehen, mir ist kalt.«

»Ein Callgirl.«

»Das bedeutet, ihr Boss hat einen Posten zu vergeben, falls du mal was anderes ausprobieren willst.« Er grinste. Doch sie blieb ernst, woraufhin sein Grinsen erstarb. Sie fühlte sich schuldig, denn er hatte sie seit ihrem dritten Lebensjahr stets zum Lachen gebracht, und sie wusste, wie sehr es ihn belastete, dass es ihm jetzt nicht mehr gelang. Doch sie konnte nichts dagegen tun. Ihr Sinn für Humor war mit ihrem Verlobten Paul gestorben. »Du hast mich also wegen einer verdammten Nutte auf Sauftour hierhergeschleppt?«

Er wurde ernst. »Schau dir die Wohnung bitte einfach mal an, okay? Sammle ein paar Sachen, die wir für einen DNA-Abgleich verwenden können, falls ihre Leiche irgendwo auftaucht, und dann kannst du zurück in dein Kriminaltechniklabor und dich wieder hinter deinen Glasträgern und Mikroskopen verschanzen.«

Sie starrte ihn finster an, folgte ihm dann aber über den von Rissen durchzogenen Gehsteig durch eine unverschlossene Glastür. Frank hatte sie darüber hinaus seit ihrem dritten Lebensjahr herumkommandiert, doch sie hatte sich daran gewöhnt. Außerdem, wenn sie sich zu lange mit ihm herumstritt, würde er sich bei seiner Mutter beschweren, die das wiederum ihrer Schwester – Theresas Mutter – erzählen würde, die ihr dann diesen besorgten »Wann wirst du nur dein Leben wieder in den Griff bekommen«-Blick zuwerfen würde, mit dem sie sie seit acht Monaten immer wieder bedachte. Auch daran hatte sich Theresa gewöhnt.

Geh einfach weiter, sagte sie sich. Ist ja nicht so, als hättest du sonst nichts zu tun.

Die Eingangshalle war klamm und roch modrig. »Die leben hier in einer Fabrik?«

»Nein, die Fabrikräume befinden sich in den anderen Gebäuden. In diesem Haus waren früher die Büros untergebracht. Offensichtlich lässt der Hausherr es als Wohngebäude für sich und seinen Partner und die Programmierer renovieren. Es geht um Computer und irgendwelche High-Tech-Sachen, und diese Typen arbeiten ja zu den seltsamsten Zeiten. Klingt so, als wolle er der Bill Gates von Cleveland werden. Ich weiß das alles von dem Lakewood-Cop, der die Anzeige aufgenommen hat; er hat sich sehr viel mehr für die Architektur interessiert als für unsere abgängige junge Mutter.«

Der Fahrstuhl brauchte unverhältnismäßig lange für ein Stockwerk, und Frank nutzte die Zeit, um ihr mehr über die vermisste Jillian Perry zu erzählen. Sie war vierundzwanzig, gebürtig in Cleveland, lebte hier mit ihrem Mann, Evan Kovacic, mit dem sie seit drei Wochen verheiratet war, und ihrer kleinen Tochter. Evan Kovacic war der Inhaber einer Firma, die Videospiele entwickelte. Er war Montagabend von einem Meeting in der Innenstadt zurückgekommen und hatte die Tür verschlossen vorgefunden, das Baby weinte in seinem Bettchen, und Jillian war verschwunden.

»Und ihr Mann wusste von ihrer früheren Tätigkeit?«

»Definitiv. Er selbst drückt es so aus, Jillian habe als dreidimensionales Model gearbeitet.«

»Dreidimensional, aha. Du hast gesagt, ihre Tochter«, bemerkte Theresa, als der klaustrophobisch enge Aufzug ächzend zum Stillstand kam. »Das Kind ist also nicht von ihm?«

»Nein, Jillian war schwanger, als die beiden sich kennenlernten. Ich schätze, der Vater ist nicht von Bedeutung.«

Theresa schnaubte und stieß die Fahrstuhltür mit dem Fuß an, damit sie sich schneller öffnete. »Großartig.«

»Wir können uns unsere Opfer nicht aussuchen, Tess.«

»Wem sagst du das.« Der Eingangsbereich des ersten Stocks war frisch mit Teppich ausgelegt worden, doch im Verputz neben der Tür mit der Nummer 212 war eine Kerbe zu sehen. Frank warf ihr einen warnenden Blick zu, als er klopfte, und sie straffte die Schultern. Ich bin ein Profi. Konzentrier dich auf den Job. Was muss ich als Nächstes tun?

Jedes Opfer ist mir wichtig. Selbst wenn sie eine drogensüchtige Schlampe war.

Die sich einen Scheiß um ihr eigenes Kind schert.

So dachten die Leute in der Abgeschiedenheit ihrer Gedanken, so sahen die harten Urteile aus, die man niemals, unter keinen Umständen mit anderen teilen würde.

Ein Mann etwa in ihrem Alter – neununddreißig – öffnete die Tür. Sein schwarzes Haar war modisch kurz geschnitten, und er trug Jeans und ein Hemd ohne Krawatte, das ihm über die Hose hing. Wegen seines beträchtlichen Bauchumfangs schien es ständig zu verrutschen. Er wirkte eher wie ein übergroßer Junge als wie ein erwachsener Mann. Im Hintergrund waren CNN-Reporter zu hören, und kürzlich hatte jemand italienisches Essen aufgewärmt.

»Hi, ich bin Evan. Gut, dass Sie pünktlich sind, ich muss gleich wieder zurück an die Arbeit. Ich habe den Babysitter über Mittag nach Hause geschickt, weil ich sowieso hier sein musste, also bleibt mir noch eine halbe Stunde. Haben Sie etwas über Jillian herausgefunden? Sie sind Detective Patrick, nicht wahr?«

Frank stellte ihm Theresa vor. Sie war nie besonders auf Körperkontakt aus und schon gar nicht bei verzweifelten Angehörigen, doch Evan Kovacic reichte ihr die Hand, sodass sie sie schütteln musste, auch wenn ihr persönlich ein Nicken gereicht hätte. Seine Finger waren weich und viel zu fleischig, und sie konnte ihn sich nicht beim Bau von Mikrochips oder was auch immer es war vorstellen. Während er mit ihrem Cousin sprach, sah sie sich im Zimmer um.

In das Heim eines Fremden einzudringen bereitete ihr schon längst kein unbehagliches Gefühl mehr, schließlich hatte sie es in den letzten zwölf Jahren mindestens einmal die Woche getan. Doch sie fand es auch längst nicht mehr so faszinierend wie früher.

Zumindest war alles ordentlich. Die polierten Holzböden glänzten, und auf den Möbeln, die um das Ledersofa arrangiert waren, standen gerade so viele Dinge des täglichen Lebens, dass der Raum gemütlich wirkte. Leichte Stoffvorhänge rahmten das Fenster ein. Man verdiente offensichtlich gut mit der Entwicklung von Computerspielen.

»Schön hier«, sagte sie und unterbrach damit Evan Kovacics Fragen. Dann räusperte sie sich und zwang sich zu einem vernünftigen Satz. Irgendwie fiel es ihr im Laufe der Zeit immer schwerer, sich mit Menschen zu unterhalten. »Eine reizende Wohnung haben Sie hier.«

»Jillian hat sie eingerichtet«, erklärte Evan und knabberte an einem Fingernagel. »Sie hat – hatte – ein Händchen dafür.«

»Ich müsste mir ihr Schlafzimmer und das Badezimmer ansehen, wenn es möglich ist.« Bloß schnell die DNA-Proben nehmen und zurück an die normale Arbeit.

»Da drüben.« Evan Kovacic deutete mit der Hand in den Flur und fuhr dann fort, Frank zu befragen, wie die Polizei nach einer Frau suchen wollte, die wie vom Erdboden verschluckt schien.

Zuerst stieß Theresa auf das Badezimmer. Problemlos konnte sie erkennen, welche Zahnbürste, welcher Rasierer und welche Haarbürste der vermissten Frau gehörten – Jillian stand offensichtlich auf Rosa. Ein rosafarbener Handspiegel, rosa Handtücher und ein ebensolches Make-up-Köfferchen mit pinkfarbenen Strasssteinen waren über das Bad verteilt. Theresa zog sich Latexhandschuhe über und verstaute die Dinge, die sie verwerten konnte, in drei separaten Papierumschlägen. Sie machte sich nicht die Mühe, sie zu beschriften, das konnte sie auch noch im Labor tun; solange die Gegenstände in ihrer Obhut blieben, mussten sie nicht sofort versiegelt werden. Kurz erhaschte sie im Spiegel einen Blick auf ihr Gesicht, das einen missmutigen und verärgerten Ausdruck zeigte, und verließ das Badezimmer.

Sie verstaute die Umschläge in ihrer Kameratasche und betrat versehentlich das Kinderzimmer. Obwohl sie den Raum eigentlich sofort wieder verlassen wollte, ging sie auf Zehenspitzen zu dem weißen Kinderbett. Es war siebzehn Jahre her, dass Rachael ein Baby gewesen war. Mütter verloren nie das Interesse an den Kindern anderer Leute.

Jillians Tochter schlief friedlich in der rosa Bettwäsche, auf der »Prinzessin« stand, das kleine Gesicht zerknittert, konzentriert auf einen Traum oder den Zustand ihrer Windel oder einfach nur auf die neue Fähigkeit zu atmen. Heller Flaum bedeckte ihren Kopf, die Hände waren zu lockeren Fäusten geballt, die Fingernägel so unglaublich winzig. Ihre Haut war perfekt, und ihr Bett roch nach Babypuder.

Ich sollte doch jetzt etwas empfinden. Hoffnung, Trauer, Mitgefühl. Irgendetwas.

Doch ich fühle nichts.

Sie entfernte sich rückwärts von dem schlafenden Kind, als ob der leiseste Schritt es wecken könnte, obwohl nicht einmal die Stimmen der Männer in nur wenigen Metern Entfernung das schafften.

Das Schlafzimmer des Ehepaars Kovacic ließ die Reinheit des Kinderzimmers vermissen. Die Bettdecken waren nachlässig zurechtgezogen, Satinbettwäsche – was sonst? – blitzte unter einem schokoladenfarbenen Veloursüberwurf hervor. Die dazu passenden Nachtkästchen waren optisch klar getrennt – ein rosafarbenes Band, ein Buch mit Kreuzworträtseln, ein Durcheinander an Ohrringen auf ihrem, eine kleine Videospielkonsole und eine Baseballkappe auf seinem. Auf Jillians Kommode standen Parfümflaschen und verschiedene gerahmte Fotos, die Theresa nun eingehender betrachtete. Für ein professionelles Model – im weitesten Sinne – waren darunter überraschenderweise keine gestellten Aufnahmen, sondern lediglich Schnappschüsse von einer blonden Frau, Evan, dem Baby und diversen anderen Leuten.

Theresa suchte nach einem Wäschekorb. Die Zahnbürste, die Haarbürste und der Rasierer sollten ihnen ausreichend DNA für einen Abgleich verschaffen, falls eine Leiche auftauchte, doch es war immer besser, auf Nummer sicher zu gehen.

Sie öffnete den Schrank. Jillians Hälfte war vollgestopft mit weit ausgeschnittenen Blusen und eng anliegenden Kleidern in allen Farben des Regenbogens. Evans Schrankseite enthielt Sweatshirts, T-Shirts und Kleidung für extreme Kälte. Wattierte Nylonhosen mit der Aufschrift FASTER in Gelb entlang eines Beins deuteten darauf hin, dass er Skifahrer war – nein, nicht Skifahrer, korrigierte sie sich, als sie ein Snowboard entdeckte, das auf dem Schrankboden lag und halb aus einer Tragetasche herausragte. Daneben stand ein Wäschekorb aus Plastik. Evan hatte offensichtlich in den drei Tagen seit Jillians Verschwinden weiter seine T-Shirts und Unterhosen hineingeworfen, auch wenn er den Korb nicht immer getroffen hatte, sodass Theresa sich erst durch einige Männerunterhosen und ein paar Hemden wühlen musste, bis sie auf weiblichere Kleidungsstücke stieß. Theresa zog einen Rock heraus, einen Pullover mit V-Ausschnitt und den obligatorischen Stringtanga, etwas, was Theresa niemals angezogen hätte. Es sah wie die pure Folter aus. Zwei Exemplare packte sie in einen vierten Papierumschlag; Vaginalsekret enthielt ausreichend Hautzellen – sogenannte Epithelien – für eine DNA-Analyse. Außerdem würden sie vielleicht Sperma entdecken, das nicht von Evan stammte, falls Liebhaber oder Exkunden mit im Spiel waren, auch wenn Theresa nicht sagen konnte, ob dies wichtig sein könnte. Wenn ihre Unterwäsche noch hier rumlag, Jillian jedoch nicht mehr auftauchte, dann hatte vermutlich kein Spermium auf dem Stoff etwas mit dem Verbrechen zu tun. Wenn es denn ein Verbrechen gegeben und Jillian nicht einfach nur Ehe und Mutterschaft zu einengend gefunden und beides zusammen mit ihren rosafarbenen Handtüchern hinter sich gelassen hatte.

Theresa richtete sich mit knackenden Knien auf. Mehr gab es fürs Erste nicht zu tun. Wenn Evan seine Frau umgebracht hatte, würde er Theresa wohl kaum unbeaufsichtigt herumschnüffeln lassen. Sie entdeckte keine Blutspritzer oder Anzeichen für einen neuen Farbanstrich oder einen neuen Teppich, was Hinweise auf eine gründliche Reinigungsaktion hätten sein können. Jillian hatte auch keine Drohbriefe oder kompromittierenden Fotos herumliegen lassen, auch wenn Theresa keine der Kommodenschubladen durchwühlt hatte und dies auch nicht vorhatte. Sie war nur hier, um ein paar Dinge für eine spätere DNA-Analyse mitzunehmen, und hatte kein Verlangen danach zu sehen, was ehemalige Callgirls so in ihren Kommoden aufbewahrten, was Menschen, die eine Ehe, Liebe, ein Leben hatten, um sich herum aufbewahrten. Sie hatte nicht das geringste Verlangen, sich über die Unterschiede zwischen deren Leben und ihrem eigenen Gedanken zu machen.

Es war an der Zeit, zurück ins Labor zu fahren zu jenen Fällen, die zwar nicht ganz so spannend, deren Opfer dafür jedoch nachweislich tot waren. Kein Zweifel – Jillian würde zurückkehren, nach einem Streit mit ihrer Mutter oder ihrem neuen Freund oder zu wem auch immer sie gegangen war.

Aus reiner Trägheit blieb Theresa noch ein Weilchen stehen und warf einen letzten Blick auf die Fotos von Jillian. Sie war hübsch, zugegeben, mit klarer, reiner Haut und blonden Haaren, die ihr über den Rücken fielen. Selbst im Kreißsaal strahlte sie noch, als sie ihr neugeborenes Baby verschwitzt und erschöpft in die Kamera hielt. Sie strahlte auch in ihrem Hochzeitskleid neben Evan, der einen Smoking trug. Entweder hatte sie während der Schwangerschaft kaum zugenommen, oder sie hatte das Gewicht schnell wieder verloren, dachte Theresa mit einem Anflug von Eifersucht. Sie selbst nahm jede Woche dieselben fünf Pfund zu und wieder ab.

»Ist das alles, was Sie zu unternehmen gedenken?«, fragte Evan Kovacic, der am Türrahmen lehnte und mit einem Nicken auf ihre Kameratasche deutete, aus der die Papiertüten hervorragten. »Ich meine, kann ich Ihnen noch etwas geben, das Ihnen helfen könnte, sie zu finden?«

Was sollte sie darauf schon erwidern? Danke, das wäre es fürs Erste, bis wir ihre Leiche finden? Sie warf einen Blick auf Frank, der hinter Evan stand, doch bevor ihr Cousin sich einschalten konnte, fuhr dieser beim Anblick der Fotos fort: »Sie war so wunderhübsch. Und nicht nur, was das Äußere betrifft. Ich weiß, dass sie uns niemals verlassen hätte, nicht freiwillig. Sie liebte Cara. Sie liebte mich.«

Theresa folgte seinem Blick auf die Fotos. Vielen Dank, Jillian. Danke, dass du mich für fünf Minuten Arbeit quer durch die Stadt geschleift hast, danke, dass du die Vorstellung der Männer aufrechterhältst, Frauen seien nichts als hübsche Gespielinnen, danke, dass du deine Tochter bei einem Typen gelassen hast, der aussieht, als könne er kaum für sich selbst sorgen. Toll gemacht.

Sie fing den Blick ihres Cousins auf und versuchte ihm zu signalisieren: Los, lass uns abhauen.

Frank ignorierte sie. »Mr Kovacic, als Sie am Montag nach Hause gekommen sind, da war die Tür abgesperrt? Alles an Ort und Stelle?«

»Ja. Jerry und ich – Jerry Graham, mein Partner – waren den ganzen Tag auf einem Treffen der Software Association im Tower City Center. Etwa um drei Uhr nachmittags kamen wir zurück.«

»Wer befand sich sonst noch hier auf dem Gelände?«

»Niemand außer Jillian und Cara. Jerry und ich bauen gerade alles auf. Ein Programmierer wird am Monatsanfang beginnen und ein weiterer eine Woche darauf. Sobald wir die Produktionsanlage eingerichtet haben, stellen wir einen weiteren Designer und etwa vier Techniker ein …«

»War die Gebäudetür unverschlossen? Die Tür zur Eingangshalle im Erdgeschoss?«

»Ja, wahrscheinlich. Wir bewegen uns den ganzen Tag zwischen diesem Gebäude und den Hallen 1 und 2 hin und her, wo wir die Anlage aufbauen, weshalb wir uns nicht die Mühe machen abzusperren. Wir hatten bisher keine Probleme mit Eindringlingen, und im Zuge der Renovierung haben wir ein solides Sicherheitsschloss an der Wohnungstür angebracht. Auch wenn ich bezweifle, dass Jillian es tagsüber abgeschlossen hatte. Ich weiß nicht. Wahrscheinlich hätte man jederzeit reinspazieren können …«

Frank unterbrach den Mann, bevor seine Gedanken eine unerwünschte Richtung einschlagen konnten. »Sie haben das ganze Gelände abgesucht?«

»Natürlich habe ich das. Zwei Mal. So aufwändig ist das nicht, wie es klingt, die Hallen stehen großteils leer, außer Halle 1, in der die Ausrüstung lagert, und Halle 2, wo wir die Produktion einrichten. Aber Jerry und ich haben jeden Zentimeter abgesucht. Wir können uns jetzt auch noch mal umsehen, wenn Sie das möchten.«

Theresa warf Frank einen irritierten Blick zu. Der antwortete: »Der Officer, der Ihre Vermisstenanzeige aufgenommen hat, ist mit Ihnen bereits alles abgegangen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Ich bin mir sicher, er hätte es bemerkt, wenn da etwas Ungewöhnliches gewesen wäre.« Wie eine Leiche.

»Ich kann mir sowieso nicht vorstellen, warum Jillian durch das staubige alte Gebäude hätte laufen sollen. Es war ja extrem kalt, und sie meinte immer, die trockene Luft sei schlecht für ihre Haut. Sie hat sehr auf ihre Haut geachtet.« Er nahm das Hochzeitsfoto in die Hand. »Ihr Aussehen war alles, was sie hatte.«

Das klang nun allerdings nicht sonderlich nett. Theresa fragte sich, ob er immer so taktlos war oder nur unter Stress. Doch seine Augen füllten sich mit Tränen, als er das Foto betrachtete.

Mit wachsender Verzweiflung in der Stimme fügte er hinzu: »Ich weiß, wo auch immer sie ist, sie macht sich furchtbare Sorgen um Cara und mich. Deshalb müssen Sie sie unbedingt finden. Sie weiß, dass ich das Baby nicht allein versorgen kann.«

Eigentlich hätte sie jetzt Mitleid mit ihm haben sollen, in Theresas Ohren aber klangen seine Worte oberflächlich und blechern. Doch sie interpretierte auch nicht allzu viel in diese Reaktion hinein; auf sie wirkte im Moment nämlich sowieso alles oberflächlich. Dann aber fragte Evan: »Werden Sie beide die Ermittlungen im Falle von Jillians Verschwinden leiten?«

»Wir werden bei der Suche helfen«, versicherte ihm Frank. »Zusammen mit der Polizei von Lakewood.«

Evan Kovacic hatte weiche Haut und kurze, manikürte Fingernägel; sein Hemd hatte er mittlerweile in die Hose gesteckt, sodass er jetzt wie ein Mitglied einer Studentenverbindung wirkte, das zu einem freundlichen und verantwortungsbewussten Erwachsenen herangereift war. Doch seine Augen – dunkel und verschlossen, hart wie Marmor – musterten sie von dem roten Haar, das seit Monaten kein Pflegeprodukt mehr gesehen hatte, bis runter zu ihren abgetragenen Reeboks, die ihren Füße dabei halfen, die Achtstundentage auf den Beinen zu überstehen. Er schätzte offenbar gerade ihre Kompetenz ab, dachte Theresa, befand sie aber für unzureichend.

Sollte er eben.

Dann aber brachte er doch noch ein Lächeln zustande. »Großartig.«

Zur Höflichkeit erzogen. Oder das mangelnde Vertrauen in mein Können gibt ihm irgendwie Sicherheit. Wie sehr hofft er wirklich, dass wir Jillian finden?

Sie verfolgte diesen Gedanken einen Moment weiter. Jillian und ihre frühere Beschäftigung waren möglicherweise zu einer peinlichen Belastung für den jungen Unternehmer geworden. Die Ehe hatte Jillians Persönlichkeit und Lebensstil nicht verändert, und beides hatte ihn zermürbt. Er wusste womöglich ziemlich genau, wo sie sich aufhielt – bei einem Liebhaber, auf einer Sauftour, unter der Carnegie-Brücke mit einer Nadel im Arm –, er konnte nur die öffentliche Aufmerksamkeit nicht gebrauchen. Nachdem er ein paar Tage nach der Vermisstenanzeige Zeit gehabt hatte, über alles nachzudenken, wusste er jetzt vermutlich, dass er sie nicht zurückwollte, fühlte sich jedoch als Ehemann und netter Kerl dazu verpflichtet, den Schein zu wahren.

Vielleicht sah Theresa zurzeit aber auch einfach nur überall Schmerz und Betrug, und dieser arme Mann rang lediglich um Selbstbeherrschung, während er sie bat, ihm seine Frau zurückzubringen. Einen Säugling allein zu versorgen würde seine arbeitsreichen Tage nicht leichter machen, und ganz sicher half ihm Jillians Aussehen, ihre Schwachpunkte zu tolerieren.

»Auf Wiedersehen, Mr Kovacic.« Damit verließ sie den Raum und die Wohnung und ging das Treppenhaus hinunter.

Vor dem Gebäude fuhr der Wind feucht und kalt in ihre Jacke. Sie waren zu nah am Lake Erie, um den Windböen entkommen zu können. Die Bäume waren noch kahl, der Himmel von unerbittlichem Grau. Autofahrer an der Tankstelle auf der anderen Straßenseite warteten in ihren Wagen, während aufgetankt wurde. Die Morgensonne hatte die oberste Schneeschicht überraschend angetaut, doch jetzt war sie zu einer neuen Eisschicht gefroren. Die ständigen Temperaturschwankungen machten den Menschen mehr zu schaffen als ein kühles, aber beständiges Klima. Nicht der April war der grausamste Monat in Cleveland, Ohio, sondern der März.

»Was denkst du?«, fragte Frank, der zum Wagen schlenderte und dabei zu laut mit den Schlüsseln klimperte.

»Worüber? Ob dieses Flittchen zurückkommt oder nicht? Woher soll ich das wissen?«

Er ließ einen Lastwagen vorbeifahren und trat dann rasch auf die Straße zur anderen Seite des Autos. Nachdem sie eingestiegen waren, startete er den Motor und sagte: »Du hast die Wohnung gesehen. Ordentlich, sauber. Sie war keine Crackhure. Das Kinderzimmer ist …«

»Makellos«, erwiderte Theresa. »Dafür kann aber auch die Nanny verantwortlich sein. Sie muss in den letzten drei Tagen die ganze Zeit da gewesen sein, wenn der Ehemann arbeiten war, oder nicht?«

»Er arbeitet auf dem Gelände, aber ja, die Nanny war wohl da. Ich habe keine Hinweise auf Drogen gefunden«, fuhr Frank fort. »Ein kleines Bier im Kühlschrank, mehr nicht.«

»Wie hast du es denn geschafft, dich in der Küche umzusehen?«

»Als er nach dir gesehen hat, hatte ich ein paar Sekunden Zeit. Keine verschreibungspflichtigen Medikamente in den Küchenschränken oder im Badezimmer. Hast du im Schlafzimmer etwas gefunden?«

»Ich habe nicht alles akribisch durchsucht, nur etwas Unterwäsche mitgenommen.«

Er wollte schon etwas sagen, erinnerte sich dann jedoch offensichtlich daran, dass Theresa seine Cousine war, und schloss den Mund wieder. »Ich habe auch ihre Finanzen überprüft. Ein paar kleinere Kreditkartenschulden – wer hat die heutzutage nicht? – und ein Kredit für ein Auto. Ich hatte keine Zeit für mehr als eine oberflächliche Überprüfung, aber wenn Menschen abhauen, dann steckt normalerweise Geld oder eine neue Liebe dahinter.«

»Aus denselben Gründen werden für gewöhnlich auch Morde verübt.« Sie wusste nicht, warum ihr das herausgerutscht war, denn sie bezweifelte, dass Jillian aus einem anderen Grund als aus freien Stücken verschwunden war.

»Genau«, erwiderte Frank.

Er ließ es klingen, als hätte sie nur eine Aussage von ihm bestätigt, was sie verärgerte. »Gut. Wo ist ihr Auto?«

»In der Garage. Der Officer, der die Vermisstenanzeige aufgenommen hat, sagt, es sei verschlossen gewesen, keine Schäden, keine Anzeichen einer Manipulation.«

»Und sie liegt nicht im Kofferraum?«

»Er hat nachgesehen.«

»Ihre Handtasche? Das Mobiltelefon? Irgendwelche auffälligen Kontobewegungen?«

»Ihre Handtasche ist immer noch in der Wohnung. Telefon, Geld, L’Oréal-Lippenstift im Farbton Brilliant Pink … alles noch da. Wie sieht das aus, Cousinchen? Wann hast du das letzte Mal das Haus ohne Handtasche verlassen?«

»In der dritten Klasse.«

»Verstehst du jetzt, warum mir das alles komisch vorkommt? Es ist, als ob sie nur mal schnell eine Zeitung hatte besorgen wollen und nicht mehr zurückgekommen ist.«

Sie fuhren am Lakewood Park vorbei, und sie beobachtete die Schaumkronen auf dem Lake Erie. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte dieser Fall sie vermutlich interessiert, hätte sie zu einer Vielzahl von Theorien über das Schicksal von Jillian Perry angeregt. Doch das war, bevor sie hatte mit ansehen müssen, wie ihr Verlobter verblutet war. Dennoch, um Franks willen und um diesem mitleidigen Blick zu entgehen, den sie so fürchtete, gab sie sich alle Mühe. »Was ist mit der Nanny?«

»Oh, was für ein hässlicher Verdacht«, sagte er, als ob ihn diese Tatsache erfreute. »Offensichtlich hat Evan sie erst vor drei Tagen eingestellt; sie ist fünfundfünfzig und eine Freundin seiner Mutter. Sie hatten bisher keinen Babysitter benötigt – schließlich wohnen sie auf dem Firmengelände, und wenn Jillian arbeiten musste, war das wohl meistens abends. Ich werde mir die Nanny aber noch mal genauer ansehen.«

Sie passierten soeben die Stadtgrenze von Cleveland, und Theresa wurde des Themas Jillian Perry und der vielen unbeantworteten Fragen langsam überdrüssig. »Okay, ich habe genügend DNA, falls ihre Leiche auftauchen sollte. Mehr kann ich im Moment nicht tun, also lass uns zum Labor zurückfahren. Ich muss noch die Kleidungsstücke der Frau analysieren, die man gestern im Park gefunden hat, noch ein paar SaurePhosphatase-Reagenzien ansetzen, die Proben durch das FTIR-Spektrometer laufen lassen, neues Klebeband für die Beweismitteltüten bestellen und vielleicht etwas essen, bevor Leo mir noch mehr Arbeit aufhalst.«

»Ich lade dich zum Mittagessen ein.«

Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu. Ihr Cousin konnte überaus großzügig sein, doch er hatte noch nie in seinem Leben angeboten, die Rechnung zu übernehmen. »Was willst du?«

»Im Pier W. Am Wasser.«

Schon gar nicht in teuren Restaurants. »Ich weiß, wo das ist. Wir waren dort zu meinem Schulabschluss. Was willst du von mir?«

»Der salzige Wind in deinem Haar …«

»Der Lake Erie führt Süßwasser, und Gletscher geben wärmere Luft ab zu dieser Jahreszeit. Also raus mit der Sprache, was willst du?«

»Komm mit mir, dann unterhalten wir uns mit Georgie, Jillians Boss. Der Typ vom Escortservice.«

»Ich bin kein verdammter Bulle, Frank, ich bin Wissenschaftlerin. Ich arbeite mit Mikroskopen und Fasern. Ich befrage keine Menschen, und nicht einmal ein Mittagessen im Pier W ist mir ein Gespräch mit einem Zuhälter wert.«

»Er ist kein Zuhälter«, verbesserte er sie, während er geflissentlich die Auffahrt zur I-90 übersah. »Er ist Geschäftsmann. Komm schon, dieser Kerl hat niemals Frauen um sich, die er nicht einschüchtern oder bezahlen kann. Er wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht, wenn du dabei bist.«

»Hast du …«

Beinahe hätte sie gesagt: »Hast du denn keinen Partner?«, ehe ihr wieder einfiel, dass er keinen hatte, weil dieser bei einem Banküberfall angeschossen worden und danach verblutet war. Der Partner, über den er sich mehr geärgert, als dass er ihn gemocht hatte. Der Partner, mit dem sie verlobt gewesen war. Seit Pauls Tod war er allen Versuchen des Departments, ihm einen neuen Partner zuzuweisen, aus dem Weg gegangen. Und sie erinnerte sich an noch etwas, an etwas, das in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben existiert hatte – Mitgefühl für andere Menschen außer sich selbst.

»Okay«, sagte sie schließlich. »Aber ich bestelle Hummer. Und den Brieteller.«

2

George Panapoulos – aka Georgie Porgie – arbeitete von einem Ladengeschäft auf der West 25th Street aus, nur zwei Blocks vom West Side Market entfernt, eingezwängt zwischen dem Büro eines Kautionsbürgen und einem Gebrauchtgerätehändler. Er hatte sich bemüht, mit etwas Farbe die trostlose Straße aufzulockern, indem er in fünfzehn Zentimeter großen, pinkfarbenen fluoreszierenden Lettern BEAUTIFUL GIRLZ! auf die Scheiben gemalt hatte. Im Inneren des Ladens roch es nach Insektenspray und Zigarettenrauch, doch die Empfangsdame hielt das Versprechen im Fenster. Sie war eine kleine Blondine in einem Lycraoutfit, mit blauen, leicht abwesenden Augen.

»Ich würde gern mit Georgie sprechen«, erklärte Frank in dem Befehlston, den er an Theresa seit ihrem dritten Lebensjahr geübt hatte. Mit sechs hatte sie dann nicht mehr darauf gehört, doch bei anderen Menschen kam er immer noch gut damit durch.

Schwere Schritte ließen die dünnen Wände erzittern, als Georgie mit einer Zigarette in der einen und einem Stapel Umschläge in der anderen Hand erschien. Theresa hatte den typischen Zuhälter erwartet, Marke Gebrauchtwagenhändler mit viel Goldschmuck, doch George Panapoulos sah eher wie ein alternder Collegestudent aus. Er hatte ordentlich geschnittenes schwarzes Haar und trug einen braunen Pullover zu Jeans. Die einzigen Zugeständnisse waren ein stylisches Ziegenbärtchen und ein Goldring mit einem dicken Diamanten an seiner rechten Hand. Er grinste nur, als er Frank sah, doch dann fiel sein Blick auf Theresa. Wie ihr Cousin es prophezeit hatte, setzte er zu einem Kommentar an, überlegte es sich dann jedoch anders. »Was kann ich für Sie tun, Detective?«

»Ich muss Sie zu einer Ihrer früheren Angestellten befragen. Unter vier Augen.«

»Ich bin gerade etwas beschäftigt …«

Frank wartete geduldig ab.

»… aber ich nehme mir für alles Zeit, was meine Mädchen betrifft. Kommen Sie mit nach hinten.« Er machte ohne zu zögern kehrt und führte sie durch einen engen Flur mit fleckiger Tapete.

Sein Büro entsprach ebenso wenig den üblichen Vorstellungen. Unterlagen, Schnellhefter und Fotos von jungen Frauen bedeckten den Schreibtisch, das Bücherregal und eine abgestoßene Anrichte. Weitere Fotos tapezierten die Wände – Mädchen jeder Hautfarbe, Größe und Haarfarbe, inklusive einiger, die Mutter Natur so nicht hervorgebracht hatte –, Mädchen im Bikini oder noch weniger am Leib, Mädchen in bodenlangen Kleidern, alle wild durcheinander mit Reißzwecken oder Stecknadeln an die Wand gepinnt. Theresa brauchte eine ganze Minute, um Jillian zu finden. Sie hatte nun keinen Zweifel mehr an Georges Rechtschaffenheit – dieses breite Angebot an jungen Damen schien auch nicht schlimmer zu sein als das in einer durchschnittlichen Zeitschrift oder auf Modeplakaten, und ein Zuhälter hätte sich auch auf gar keinen Fall mit derart viel Papierkram abgegeben.

Der nicht mehr ganz so dubiose Mann ließ sich auf dem Schreibtischstuhl aus orangefarbenem Plastik im Stil der Siebziger nieder und bedeutete ihnen, ebenfalls Platz zu nehmen. Die zwei Gästestühle waren die einzigen nicht mit Stapeln von Papier bedeckten Oberflächen in dem Zimmer. »Jetzt erzählen Sie mir nicht, dass eines meiner Mädchen in Schwierigkeiten steckt, denn das nehme ich Ihnen nicht ab. Die sind alle sauber. Genauso wie ich.«

»Das sagten Sie mir bereits«, erwiderte Frank.

»Das ist es wert, das kann ich Ihnen sagen. Es ist die Steuern wert und die Formulare und dass man jeden Januar diese verdammten Steuerunterlagen rausschicken muss. Ich kann in der Nacht schlafen, ich muss nicht mehr meine Waffe mit unter die Dusche nehmen, und ich muss auch nicht mehr jedes Mal meinen Anwalt anrufen, wenn jemand wie Sie vor meiner Tür auftaucht.«

»Es freut mich, dass Sie zu dieser Einsicht gekommen sind.«

George warf Theresa einen Blick zu und schien erneut fragen zu wollen, wer sie war, tat es dann aber doch nicht. Ihr Cousin hatte recht behalten. Georgie Porgie wusste nicht, was er mit ihr anfangen sollte. Sie betrachtete die Fotos von den Mädchen mit dem übertriebenen Make-up und den viel zu dürren Körpern und achtete nicht auf ihn.

»Weshalb sind Sie also dann hier?«, fragte er erneut. Ein Telefon klingelte im Laden und verstummte abrupt, als das Empfangsmädchen den Anruf entgegennahm.

»Es geht um Jillian.«

»Welche Jillian?«

»Wie viele haben Sie denn?«

»Drei.« Ein verbeulter Heizofen in einer Ecke sprang an und pustete kümmerliche Wellen warmer Luft in den Raum, die gegen die drückende Feuchtigkeit ankämpften. Georgie erhob die Stimme, um den rasselnden Ofen zu übertönen. »Schon seltsam, wenn man mal darüber nachdenkt. Der Name ist heutzutage echt selten.«

»Jillian Kovacic.«

»Sie meinen Perry.«

Frank betastete abwesend das Zigarettenpäckchen in seiner vorderen Hemdtasche; der Nikotingeruch in dem Büro musste ihn in Versuchung geführt haben. »Sie wissen also, welche Jillian ich meine.«

»Damals hieß sie noch Perry. Sie hat erst offiziell gekündigt, als sie ihn vor dem Altar hatte. Jillian sichert sich immer erst ab.«

»Ist nicht einfach ins kalte Wasser gesprungen ohne ein Rettungsboot in der Nähe«, stachelte Frank ihn an.

»Jillian ist nicht dumm. Außerdem schien sie der Ansicht zu sein, dass ihr neuer Mann bald ein großer Hecht sein würde, und sie wollte nicht, dass ihr Job die Leute von seinem ablenkte.«

»Es war Ihnen egal, dass sie geheiratet hat?«

»Warum sollte es das nicht sein?«

»Vielleicht weil Jillian mehr als nur eine Angestellte war.«

»Klar, dann habe ich sie also aus Eifersucht getötet?« Georgie schüttelte den Kopf und zog eine Zigarette aus der Packung auf dem Schreibtisch. Mit jeder Minute des Gesprächs glich er weniger einem Collegestudenten, als Gesichtsausdruck und Stimme allmählich ihre falsche Freundlichkeit verloren. »Hören Sie, für mich arbeiten sechsundvierzig Mädchen, und Jillian war bei Weitem nicht die Schärfste von allen. Ich hatte erwartet, dass sie aufhören würde, sobald sie das Geld nicht mehr brauchte. Ich konnte nicht glauben, als sie nach der Geburt des Kindes zurückkam. Zugegeben, sie hat das Gewicht schnell wieder verloren.«

Frank wartete ab, bis er sich beruhigt hatte. »Warum denken Sie, sie wurde getötet?«

George zögerte nicht. »Ihr Mann. Er ruft hier seit drei Tagen zweimal täglich an und fragt, ob ich was von ihr gehört hätte. Er besteht darauf, dass sie niemals einfach so abgehauen wäre, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Und damit hat er recht. Jillian war sehr zuverlässig. Deshalb hatte ich sie auch weiter auf der Gehaltsliste, auch als man schon die ersten Anzeichen der Schwangerschaft sah und sie nicht mehr arbeiten konnte.«

Frank ließ nicht erkennen, ob er diese Erklärung akzeptierte, auch wenn sie in Theresas Ohren plausibel klang. Stattdessen fragte er: »Fällt Ihnen jemand ein, der einen Grund gehabt hätte, sie zu töten?«

»Klar. Ihr Mann.«

»Warum sollte ihr Mann sie umbringen?«

»Das klingt ganz wie der ewige Junggeselle, der Sie sind, Detective Patrick. Ehemänner brauchen keinen Grund. Ehefrauen auch nicht. Die Ehe allein reicht schon, jemand umbringen zu wollen.«

»Sprechen Sie da aus Erfahrung? Wenn ich mich recht erinnere, gab es da mal ein Mädchen, das dachte, Sie würden es heiraten. Wie hieß sie noch? Debbie? Destiny?«

»Diana. Ich dachte auch, ich würde sie heiraten. Ich vermisse sie immer noch jeden Tag«, antwortete Georgie unschuldig, doch sein Körper spannte sich an, bis die Muskelstränge in seinem Nacken sich unter der Haut wölbten. Er klappte ein silbernes Feuerzeug auf und fuhr fester mit dem Daumen über das Zahnrad als notwendig.

»Sie hatte am ganzen rechten Arm Brandwunden von Zigaretten«, fügte Frank hinzu.

Der Mann nahm einen tiefen Zug und sagte ausdruckslos: »Das ist furchtbar.«

Theresa schauderte, und es hatte nichts damit zu tun, dass sich der Elektroofen in dem Moment ausschaltete. Was tat sie nur hier? Ihre Aufgabe war es, eine Leiche zu begutachten oder einen Raum oder ein Kleidungsstück zu betrachten und die relevanten Informationen darin zu erkennen, den Ermittlern zu geben, was sie zur Ergreifung von Leuten wie Georgie brauchten. Es war ganz sicher nicht ihr Job, hier mit diesem Kerl zu sitzen. Menschen waren keine unbelebten Objekte. Menschen erzählten Lügen.

Auf der anderen Seite könnte sie aber auch versuchen, etwas Nützliches in Erfahrung zu bringen. Sie wagte es nicht, Frank zu unterbrechen. Eines Tages hatte sie ihn einfach angesprochen, als er gerade Gitarre spielte, und er hatte sie einen Monat lang ignoriert, was sich mit dreizehn wie ein ganzes Jahr angefühlt hatte.

Georgies Haar lichtete sich ein wenig am Haaransatz und gab den Blick frei auf ein Muttermal und eine s-förmige Narbe in der Nähe der Schläfe. Seine Pupillen sprangen nicht zwischen Frank und ihr hin und her, was darauf hindeutete, dass er keine illegalen Substanzen intus hatte. Er hatte Nikotinflecken an den Fingern der linken Hand, doch er hielt die glühende Zigarette mit der rechten. Beidhändig? Oder geübt darin, mit der gerade freien Hand zu rauchen? Über den rechten Daumen verlief eine weitere Narbe. Ein Ölfleck verunzierte den Ellbogen des braunen Pullovers, und er lehnte sich in seinem Stuhl nicht ganz zurück, was in ihr den Verdacht weckte, in seinem Hosenbund könnte eine Pistole stecken. Allerdings bereitete ihr das kaum Sorgen, sie war schließlich jeden Tag von Männern mit Waffen umgeben. Im Laden vorne kicherte das Empfangsmädchen ins Telefon.

»Irgendjemand anders, der Jillian etwas hätte antun wollen können?«, fragte Frank.

»Sicher«, erwiderte Georgie. »Ihr anderer Freund, der, den sie nicht geheiratet hat.«

»Wie viele Freunde hatte Jillian denn?«

»Nur die beiden. Den, den sie nicht geheiratet hat, und dann eben den anderen. Zumindest weiß ich nur von den beiden.«

Theresa verdrehte die Augen, was ihr sogleich peinlich war, als ihr Gegenüber es bemerkte. Sie vergrub ihr Gesicht in einer Broschüre. Beautiful Girlz war wohl der offizielle Name der Agentur. Buchbar für Shows, Fiermenevents und private Veranstaltungen. Georgie hatte »Fiermen« statt »Firmen« geschrieben.

»Sein Name?«

»Drew, und ich weiß das nur, weil er ständig anrief, als Jillian noch hier gearbeitet hat. Er hat das Mädchen draußen am Empfang in den Wahnsinn getrieben, weil er immer Nachrichten hinterlassen wollte, aber es werden nur Nachrichten für mich entgegengenommen, ansonsten wäre das hier so was wie ein Schwarzes Brett für einsame Herzen.«

»Wusste er, dass sie heiraten wollte?«

»Das muss er gewusst haben. Die Anrufe hörten auf, als ihr Vertrag hier auslief. Doch dann fingen sie in den letzten drei Tagen wieder an, auch er sucht Jillian.«

»Dieser Exfreund hat hier angerufen?«

»Sogar öfter als der Ehemann. Er hat die arme Vangie da draußen fast verrückt gemacht. Wenn Sie mit ihm sprechen, sagen Sie ihm, er soll aufhören, oder ich zeige ihn wegen Belästigung an.«

»Ich brauche seinen Nachnamen.«

»Den kenne ich nicht. Vangie weiß ihn vielleicht. Am Anfang hat er sie und ihr weiches kleines Herz immer belabert, bis es ihr zu viel wurde und sie sich angewöhnt hat, ihn abzuwürgen. Da ist er böse geworden. Meine andere Empfangsdame legt einfach auf, wenn er dran ist. Er und die tausend anderen Jammerlappen, die hier anrufen und versuchen, ein privates Date mit meinen Mädchen zu bekommen.« Sein Mund verzog sich verächtlich, als könne er nicht glauben, was sich diese Kerle einbildeten, wenn sie dachten, sie könnten umsonst bekommen, wofür er investiert, was er ausgebildet hatte. Theresa hatte fast ein wenig Mitleid mit ihm. So musste sich ein Blockbuster-Produzent in Bezug auf Raubkopien fühlen, dachte sie.

»Wie lang hat Jillian für Sie gearbeitet?«

»Etwa anderthalb Jahre. Minus sechs Monate Schwangerschaft natürlich. Wer sind Sie eigentlich?«, wandte er sich nun an Theresa, wohl endlich entspannt genug für diese Frage. Sie stellte sich vor, und Georgies dichte Augenbrauen zogen sich zusammen. »Gerichtsmedizin? Sie machen also Autopsien und so?«

»Nein, ich bin forensische Wissenschaftlerin.«

»Aber im Leichenschauhaus, richtig?«

»Ja.«

Er stieß den Atem aus und blickte ihr in die Augen, weder besorgt noch neugierig. »Jillian ist also wirklich tot?«

Frank schaltete sich wieder ein. »Nur vermisst. Wann haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?«

»Eine Woche nach der Hochzeit. Sie kam her, um ihren letzten Scheck abzuholen, sie war auf einer technischen Konferenz letzten Monat – drei Tage, an denen sie einen großen Microchip auf einer sich drehenden Bühne hochgehalten hat. Nichts Stilvolles, aber ich entwerfe nicht die Shows, ich stelle nur das Personal. Ich habe ihr erklärt, dass da eine Cocktailparty anstünde, ein Immobilienhai wollte seine japanischen Investoren beeindrucken. Die lieben Blondinen, und Jillian war bei solchen Veranstaltungen super. Klug genug, um der Konversation folgen zu können, aber zu nett, um irgendeinem der Typen zu widersprechen. Sie hat gelacht und abgelehnt, hat gesagt, sie sei endgültig draußen. Dann ist sie gegangen.«

»Hat sie etwas über ihren Mann oder das Baby gesagt? Probleme zu Hause?«

»Wir haben keine privaten Dinge ausgetauscht, es ging nur ums Geschäft.«

»Hatte sie regelmäßige Kunden? Neben Drew?«

»Drew ist kein Kunde, er ist ein Problem. Außerdem – Jillian hatte keine Kunden, die habe ich.«

»Und Sie bekommen ein Feedback von ihnen, oder? Hat jemand speziell über Jillian etwas verlauten lassen? Einen anderen Auftritt verlangt?«

»Nein.«

»Niemals?«

»Nein. Sehen Sie, jeder mochte Jillian, alle mögen meine Mädchen. Warum auch nicht? Sie sind gute Qualität.«

»Ich verstehe.«

»Nein, das tun Sie nicht.« Georgie bemühte sich um einen Ausdruck rechtschaffener Empörung. »Sie denken, ich wäre immer noch ein Lude. Das hier ist was anderes. Diese Mädchen hier sind nicht hübsch genug, um Models zu sein, aber auch nicht so verzweifelt, um sich zu prostituieren. Sie wollen keine Nutten sein, und sie müssen es auch nicht. Sie müssen nur dastehen, hübsch aussehen, über den Witz eines Kerls lachen, selbst wenn er ihn in einer fremden Sprache erzählt, und ab und zu ein Produkt hochhalten oder sich an ein Auto lehnen. Das war’s.«

Frank blieb ungerührt. »Sie machen nichts unter der Hand?«

»Nein. Nicht was Sie denken. Treffen die Mädchen sich manchmal mit Typen, die sie durch einen Auftrag kennengelernt haben? Klar. Macht das nicht jeder?«

Theresa ertappte sich bei einem Nicken, hielt inne und hustete. Die rauchgeschwängerte Luft war drückend, und der Elektroofen machte es nur noch schlimmer. Sie wollte endlich gehen.

»Hat es Jillian getan?«, fragte Frank nach.

»Keine Ahnung.«

»Was hat sie Ihnen über ihren Verlobten erzählt, als sie noch hier gearbeitet hat?«

»Sie hören mir anscheinend nicht zu, Detective. Ich habe Jillian vielleicht einmal die Woche gesehen, manchmal noch seltener. Wir haben uns nichts erzählt, nichts über das Baby, nichts über die Brautjungfernkleider, nichts, nada.«

»Wenn ich herausfinde, dass Sie mehr über Jillian wissen, als Sie mir erzählen, Georgie …«

»Dann? Was machen Sie dann? Sie können nichts tun. Ich bin jetzt legal im Geschäft.«

»Niemand ist legal, wenn Mord im Spiel ist.«

»Jillian ist nicht tot.« Georgie erhob sich zum Zeichen, dass das Gespräch und auch seine Geduld am Ende waren. Doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und dieser bestimmte Blick kehrte zurück, das leichte Stirnrunzeln und die schimmernden Augen, Sorge in Verbindung mit aufgeregter Neugierde. »Zumindest hoffe ich das.«

Theresa hatte genug und stürzte auf die Straße, wo sie die kalte Luft tief einsog, bis ihre Nebenhöhlen schmerzten. Frank war noch geblieben, um mit dem Mädchen am Empfang zu sprechen, und er hatte die Autoschlüssel, weshalb Theresa in der Nähe des Ladens stehen blieb und versuchte, nicht weiter aufzufallen. Sie beobachtete unauffällig die Passanten, kam sich dann jedoch ein wenig lächerlich vor, als zwei kleine Mädchen sorglos an ihr vorbeihüpften. Die West 25th war vielleicht nicht gerade Pepper Pike, aber ganz sicher auch kein Kriegsgebiet.

Frank trat auf die Straße, wartete jedoch mit einem Kommentar, bis sie im Wagen saßen und die Türen gegen die Kälte und die Armut da draußen geschlossen hatten. »Was denkst du?«

»Dieser Typ war ein Zuhälter?«

»Du glaubst, ich hätte das erfunden?« Frank schaltete die Heizung ein und brach dabei fast den Knopf ab. »Ja, er war ein Zuhälter. Lass dich von seinem Nice-Guy-Getue nicht täuschen.«

»Er macht gar keinen so üblen Eindruck auf mich.«

An einem Stoppschild wandte er sich ihr zu. »Vor fünf Jahren noch hat er von einem Loch im Warehouse District aus gearbeitet. In dieser Zeit habe ich zwei seiner Mädchen aus dem Cuyahoga gefischt. Und Diana, seine Verlobte? Die habe ich in einem Müllcontainer hinter der Tower City gefunden. Unterschätz ihn nicht.«

Ihre Nebenhöhlen schmerzten stärker. »Was wolltest du dann hier? Dachtest du, du könntest ihn fragen, ob er Jillian getötet hat, und er würde es einfach so zugeben und dir sagen, wo du die Leiche findest?«

»Das weiß man nie, Cousinchen.« Die großen Art-déco-Steinfiguren, die die Lorain-Carnegie-Brücke stützten, sahen auf sie herunter, als sie an ihnen vorbeifuhren. »Man weiß nie.«

»Er wirkte betroffen, als er von Jillian gesprochen hat, ganz anders als bei Diana. Wenn ihn die Möglichkeit von Jillians Tod nicht überrascht hat, dann ist er ein verdammt guter Schauspieler. Außerdem hing Jillians Foto mit den anderen an der Wand, doch zum Teil verdeckt vom Bild eines anderen Mädchens. Das sieht mir nicht nach einem besonders erhöhten Status aus.«

»Diesem Kerl sind Gefühle egal, Tess. Das versuche ich dir die ganze Zeit zu erklären.«

»Was hat Vangie gesagt?«

»Sie bestätigt die Aussagen ihres Chefs, sagt, Georgie hätte Jillian nicht mehr Beachtung geschenkt als den anderen Mädchen. Und dass dieser Drew mit Nachnamen Fleming heißt. Er hat Jillian schon seit über einem Jahr angerufen. Vangie glaubt, dass sie sich vielleicht auf einer ›Firmenveranstaltung‹, wie sie es nennt, kennengelernt haben könnten, aber sie ist sich nicht sicher. Sie hat ihn nie persönlich getroffen. Zuerst fand sie, er klänge sehr nett, doch mittlerweile verfolgt sie seine Stimme im Schlaf, und sie hat die Nase voll davon.«

»Und was hält Vangie von dem Ehemann?«

»Dass Evan der Fang des Lebens ist. Nicht der Allerhöflichste am Telefon, aber sein Einkommen hat das wieder wettgemacht.« In Gedanken versunken fuhren sie durch die Innenstadt von Cleveland hinaus zum Stadtteil University Circle. Nachdem er den Crown Vic über den engen Parkplatz hinter der County-Gerichtsmedizin manövriert hatte, hielt er hinter dem Liefereingang, um Theresa aussteigen zu lassen. »Und, worauf würdest du dein Geld setzen? Auf den Ehemann oder den Stalker?«

Wieder einmal trat sie in die eisige Luft hinaus und nahm ihre Kameratasche aus dem Fußraum des Beifahrersitzes. »Ich glaube, dass Jillian keine Lust mehr hatte, abzuwaschen und Windeln zu wechseln. Frauen, die für Typen wie Georgie arbeiten, hatten keine glückliche Kindheit, und sie führen kein geordnetes Leben. Man wird sie finden, wie sie sich an der Schulter des hartnäckigen Drew ausheult.«

»Aber warum ruft Drew dann dauernd bei Georgie an?«

»Dann ist sie eben bei einem anderen Kerl. Hey.« Sie beugte sich ins Auto. »Wolltest du mich nicht zum Mittagessen einladen?«

Er zeigte ihr seine Armbanduhr. »Es ist schon halb zwei, Cousinchen. Ich will nicht, dass du Ärger mit Leo bekommst.«

Sie verengte die Augen zu einem Blick, der bei den meisten Männern und auch einigen Frauen funktionierte. »Ich werde deiner Mutter erzählen, dass du mich zu einem Zuhälter mitgenommen hast.«

»Er ist kein Zuhälter«, korrigierte Frank sie, bevor er davonfuhr. »Er ist Geschäftsmann.«

3

Theresa zog ihre Jacke fester um sich, bis sie durch die Hintertür in den Ladebereich kam. Der Geruch des Gebäudes hieß sie zusammen mit seiner Wärme willkommen, doch sie hatte sich schon seit langer Zeit an die Mischung gewöhnt: der Kupfergeruch nach Blut, der durchdringende Formalingeruch und der penetrante Gestank nach monatealtem Abfall von verwesendem Fleisch. Ein Mitarbeiter in einem weißen Kittel half gerade zwei Angestellten eines Beerdigungsinstitutes, den weißen Plastikleichensack der Gerichtsmedizin in einem etwas vornehmeren burgunderfarbenen zu verstauen, sodass der Tote etwas würdiger bedeckt war für die Fahrt ins Beerdigungsinstitut. Der Mitarbeiter trat beiseite und grüßte sie mit einem leisen »Guten Tag«. Ihr fiel auf, dass bereits acht Monate vergangen waren und ihre Kollegen sie immer noch äußerst behutsam behandelten. Sie empfand es als ungerechte Last für die anderen; die Angestellten der Gerichtsmedizin, die den ganzen Tag in der Gesellschaft von Toten verbrachten, waren selten in gedrückter Stimmung, außer in der Anwesenheit von Familienmitgliedern oder der Presse, und bei Letzterer auch nicht immer. Ihre Mutter hatte recht. Sie musste ihr Leben wieder in Ordnung bringen. Oder zumindest lernen, glaubhafter vorzutäuschen, dass alles in Ordnung war.

Einer dieser Tage.

Sie nahm statt der Treppe den Aufzug und hängte ihre Jacke auf, kurz bevor der Leiter der Spurensicherung sie aufstöberte. Leo war knapp zehn Zentimeter größer als sie, aber fünfzehn Kilo leichter, als ob sein Nervensystem alle Energie aus den anderen Körperteilen absaugte. Er schwenkte ein Bündel Papiere in der Luft. »Wir haben ein Problem.«

Diese Aussage von einem Mann, der seine Leute ständig extrem hartem Druck aussetzte, beeindruckte sie kein bisschen. »Ich bin etwas beschäftigt, Leo. Ich muss die Kleidung vom gestrigen Mord fotografieren und nach Fasern absuchen – die Frau, die man im Rockefeller Park gefunden hat.«

»Sie ist gestern früh reingekommen, und Sie kümmern sich erst heute um ihre Kleidung?«

»Sie musste noch trocknen.«

»Okay. Richard Springer hat an den zuständigen Richter geschrieben und sich beschwert, Sie würden sich weigern, dem Gerichtsbeschluss nachzukommen, dass die Verteidigung ihre eigenen Tests durchführen darf.«

Theresa steuerte auf die Kaffeemaschine zu, und nicht einmal Leo wagte es, sich ihr in diesem Fall in den Weg zu stellen. Allerdings wurde man ihn auf diese Weise auch nicht mehr los, seit er die Maschine in sein Büro hatte stellen lassen, denn er folgte ihr nun einfach. Springer, ein von der Verteidigung beauftragter Experte, hatte das Labor vor einigen Wochen besucht, um seine eigenen Untersuchungen an den Fasern anzustellen.

»Er sagte, Sie hätten sich unkooperativ gezeigt.« Leo wedelte erneut zur Unterstreichung seiner Worte mit den Unterlagen.

»Weil ich ihn seine eigenen Objektträger habe vorbereiten lassen? Wie hätte er denn sonst wissen sollen, dass sie von den tatsächlichen Beweisen stammten, wenn er sie nicht selbst präpariert hätte? Es ist nicht mein Problem, wenn er sich seine Finger nicht an der Trägerlösung schmutzig machen will.«

»Er sagte, Sie hätten eine, ich zitiere, ›Arbeitsatmosphäre voll ungerechter Vorurteile‹ geschaffen. Was zur Hölle meint er damit?«

»Wahrscheinlich, dass ich ihm gesagt habe, sein Mandant sei verdammt noch mal schuldig.« Sie rührte Sahne mit einem Holzstäbchen in ihren Kaffee; früher hatten sie diese Stäbchen für die Arbeit mit Blutenzymen verwendet, die jetzt durch Dann-Untersuchungen verdrängt worden war. Sie bestellte die Stäbchen immer noch, sie waren so praktisch zum Umrühren des Kaffees.

Die Sekretärin kam herein, warf einen Blick auf Leos Gesicht, ließ einige getippte Berichte auf seinen Schreibtisch fallen und huschte sofort wieder aus dem Raum, riskierte nicht einmal einen mitfühlenden Blick in Theresas Richtung.

»Entzückend. Es geht doch nichts über die Unfähigkeit, objektiv zu sein.« Leo verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie wütend an. »Bezieht er sich darauf, wenn er sagt, Sie seien offen feindselig gewesen?«

»Nun …« Sie nippte an ihrem Kaffee, als ob sie Mühe hätte, sich zu erinnern, was sie natürlich problemlos tat. Der menschliche Geist war pervers in dieser Hinsicht; Momente des Elends speicherte er mit fotografischer Genauigkeit, während Bilder aus glücklichen Zeiten nach und nach verblassten. Oder vielleicht lag es auch an ihr.

»Nun, was?«

»Ich habe mich vielleicht laut gefragt, wie er sich am Morgen wohl rasiert, so schwer wie es ihm fallen muss, sich ins Gesicht zu sehen.«

Leos Mund zuckte und verzog sich beinahe zu einem Grinsen, das er jedoch rasch unterdrückte. »Und Sie dachten, er würde das einfach so stehen lassen? Sie dachten, der Richter würde eine Anklage wegen Einmischung in die Arbeit der Verteidigung einfach so abwinken?«

»Er durfte die Analysen doch durchführen, wegen denen er gekommen war. Kein Gericht der Welt schreibt mir vor, dass ich freundlich sein muss.«

»Da ist ja wohl noch ein gewaltiger Unterschied zwischen unfreundlich und offen feindselig.«

Sie spielte mit dem losen Griff an Leos Bücherschrank. Die Bücher und Papiere darin drängten gegen das Glas, als ob sie entkommen wollten. »Das war, nachdem er zu fragen begonnen hatte, wo ich zur Schule gegangen war, wie lange ich schon forensisch tätig sei, warum ich keinen Gipsabdruck von dem Schuhabdruck unter dem Fenster angelegt hätte und lauter solchen Mist.«

»Und?«

»Und was?«

»Warum haben Sie keinen Gipsabdruck genommen?«

»Weil es zwei Uhr nachts war, weil es das Budget nicht erlaubt, mehr Hartgips zu bestellen, weil es kein Mord war, weshalb wir eine lebendige Zeugin vor Ort hatten.«

»Und vielleicht war es Ihnen auch egal.«

Sie rührte weiter in ihrem Kaffee.

»In diesem Berufsfeld ist es gefährlich, wenn einem etwas egal ist.«

»Die Arbeit ist mir wichtig.« Jetzt stimmte das. Mitten in der Nacht aber, wenn man seit Monaten schlecht geschlafen hatte, wenn einem der Tod wie die einzige Belohnung für das Leben vorkam, war es sehr viel schwerer gewesen, Energie für all das aufzubringen. Doch das durfte sie sich nicht eingestehen und Leo schon gleich gar nicht. »Er hat nach Schwachstellen gesucht, von denen er dann seinem Mandanten berichten und für die er seine Gebühren kassieren konnte.«

»Das ist sein Job.«

»Nein, sein Job ist es, Fakten zu übermitteln und sich eine Expertenmeinung zu bilden. Es ist die Aufgabe des Anwalts, meine Ergebnisse infrage zu stellen, und selbst das ist eigentlich nicht sein Job. Er sollte den Fall seines Mandanten im bestmöglichen Licht präsentieren und nicht zu so unglaublich miesen Methoden greifen, um einen unparteiischen Finder von Fakten zu Fall zu bringen, damit er einen Vergewaltiger wieder auf freien Fuß bringen kann. Fragen sich diese Typen eigentlich nie, wie sie sich fühlen würden, wenn einer ihrer früheren Mandanten bei ihnen nebenan einziehen würde? Würden sie ihre Kinder immer noch im Garten spielen lassen?«

»Theresa …«

»Er hat sich also als Erster feindselig verhalten«, schloss sie.

»Werden Sie das dem Richter erzählen? Dass er angefangen hat? Ganz klar, diese Art Schulhofverteidigung macht immer Eindruck vor Gericht.«

»Sein Mandant hat ein Mädchen im Teeniealter mit vorgehaltenem Messer vergewaltigt. Und ich soll Rücksicht auf die Gefühle einer gekauften Nutte nehmen, die ihn rauspauken will?«

»Dafür ist das Geschworenengericht da. Sie sind dafür verantwortlich, den Ruf dieses Labors zu wahren.«

»Nein, ich bin für das junge Mädchen da, und ich will sichergehen, dass der Kerl, der ihr das angetan hat, für immer hinter Schloss und Riegel kommt.«

Dann hättest du den verdammten Gipsabdruck machen sollen, oder?

Leos langes, fahles Gesicht zeigte verschiedene Tics gleichzeitig. Ein Muskel zuckte am äußersten Rand seines linken Augenlids. Ein zweiter Tic ließ die Muskeln um die Ader an seiner rechten Schläfe anschwellen. Ein dritter öffnete seinen Mund, der sagte: »Die ganzen bösen Jungs werden zurückkommen, wenn dieses Labor nicht über jeden Zweifel erhaben ist.«

Leo sprach die Wahrheit, auch wenn die Spurensicherung sein ganzer Lebensinhalt war, so sehr, dass er nicht zwischen dem Prestige und dem Ruf des Labors und sich selbst unterscheiden konnte und umgekehrt, auch wenn sie das niemals so sagen würde, da ihr das sicher die Kündigung einbrächte. Leo konnte alle Katastrophen überstehen, nur nicht Angriffe auf sein Ego. Sie fragte sich kurz, ob es das wert war, entschied sich dann jedoch angesichts Rachaels Collegegebühren, die bald fällig waren, dagegen. Sie stieß den Atem nachdrücklich aus und brachte die Oberfläche ihres Kaffees in Aufruhr, während sie an Studentendarlehen und das Teenagermädchen dachte. »Ich weiß. Es tut mir leid.«

»Es tut Ihnen leid? Er kommt am Freitag mit dem gesamten Team der Verteidigung und dem Richter hier vorbei, und Ihnen tut es leid?«

»Er schleift einen Richter hierher? Wer zur Hölle ist dieser Kerl?«