Eiskalt - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Kaum von den Toten wiederauferstanden, sehnt er sich schon wieder nach dem Tod. Er ist nicht länger Harry Dresden, Chicagos einziger professioneller Magier, sondern Harry Dresden, Winterritter Mabs, der Königin von Luft und Finsternis. Harry hatte keine andere Wahl, als Mab die Treue zu schwören, und sie lässt sich nicht von so etwas Belanglosem wie dem Tod abhalten, um zu bekommen, was sie begehrt. Nun ist ihr Wort Harrys Befehl, egal was sie von ihm verlangt, wohin sie ihn entsendet oder wen er für sie töten soll. Wie aber lautet wohl Mabs erster Befehl? Natürlich ist es kein gewöhnlicher Mordauftrag. Sie fordert von ihrem neuen Untergebenen nicht weniger als das Unmögliche: Er soll eine Unsterbliche töten. Kein Problem, oder? Um es noch ein wenig schlimmer zu machen, wächst die Bedrohung durch eine unerklärliche neue Form der Magie, die Harry die Sorte Ärger einhandeln könnte, die den Tod wie Urlaub wirken lässt. Umgeben von alten und neuen Freunden und Feinden muss Harry unzählige Unschuldige vor dem Tod bewahren und dabei einen Weg finden, um der ewigen Knechtschaft zu entrinnen, bevor seine neuerworbenen Kräfte das Einzige von ihm fordern, was noch ihm gehört … Seine Seele.

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Seitenzahl:838

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Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Katja Giehl und Oliver Hoffmann

Lektorat: Oliver Hoffmann und Katja Giehl

Korrektorat: Maran Alsdorf

Art Director: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2012

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2014

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-193-9

Originaltitel: Cold Days

ISBN der Printausgabe: 978-3-86762-192-2

Eiskalt ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2012. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Für Chris Achterhof,

den Autor von „Greed“ (wenn er das hier gelesen hat, wird er wissen, warum) und meine alten Rollenspiel-Kumpels in der International Fantasy Gaming Society. Ihr seid alle furchtbar albern und habt die Neunziger zu einer sehr viel helleren Zeit gemacht.

1. Kapitel

Mab, die Königin von Luft und Dunkelheit und amtierende Monarchin des Winterhofs der Sidhe, hatte eigene Vorstellungen von Physiotherapie.

Ich erwachte umgeben von Weichheit.

Ich sollte vermutlich eher sagen, dass ich in einem weichen Bett erwachte. Aber ... das vermittelt einfach nicht, wie weich dieses Bett war. Erinnern Sie sich an die alten Zeichentrickfilme, in denen die Leute auf flauschigen Wölkchen schlafen? Diese Leute hätten nur eine Nacht in Mabs Bett verbringen müssen und danach vor Schmerzen geschrien, wenn sie jemals jemand hätte überreden können, sich wieder auf so eine Wolke zu setzen.

Das Feuer in meiner Brust hatte nachgelassen. Die schwere Wollfütterung, die meine Gedanken umgab, schien sich langsam zu lockern. Als ich blinzelnd die Augen öffnete, fühlten sie sich klebrig an, aber ich schaffte es, langsam einen Arm zu heben und sie sauber zu wischen. Ich war schon an Stränden mit weniger Sand joggen gewesen, als ich jetzt in meinen Augen fand.

Mann. Fast tot zu sein, konnte ziemlich anstrengend sein.

Ich war in einem Bett.

Einem Bett, das ungefähr so groß war wie meine alte Wohnung.

Die Laken waren rein, weiß und glatt. Das Bett wurde von ebenso weißen Vorhängen verdeckt, die sich sanft in einem kühlen Luftzug blähten. Es war kalt genug, dass mein Atem zu einem kleinen Wölkchen kondensierte, als ich ausatmete, aber unter der Bettdecke fühlte ich mich wohl.

Die Vorhänge um das Bett herum wurden beiseite geschoben, und ein Mädchen erschien.

Ich schätzte die Kleine auf minderjährig, und sie zählte zu den hübscheren Frauen, die mir in meinem Leben begegnet waren. Hohe Wangenknochen, exotische, mandelförmige Augen. Ihre Haut hatte einen mittelolivfarbenen Ton, ihre Augen waren von einem beinahe unheimlichen, blassen Grün-Gold. Sie trug das Haar zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden, dazu hellblaue Ärztekleidung und kein bisschen Makeup.

Wow. Jede Frau, die das tragen und trotzdem so gut aussehen konnte, war eine verdammte Göttin.

„Hallo“, sagte sie und lächelte mich an. Vielleicht lag es daran, dass ich mich in einem Himmelbett befand, aber ihr Lächeln und ihre Stimme waren sogar noch besser als der Rest von ihr.

„Hi“, sagte ich. Meine Stimme war ein Krächzen, das kaum noch an einen Menschen erinnerte. Ich begann zu husten.

Sie stellte ein abgedecktes Tablett auf einem Tischchen neben dem Bett ab und setzte sich auf die Bettkante. Sie nahm das Tuch vom Tablett und reichte mir eine weiße Porzellantasse. Darin befand sich Hühnernudelsuppe, fast kochend heiß. „Das tust du jeden Tag. Reden, ehe du irgendetwas geschluckt hast. Iss.“

Ich aß. Campbell’s. Sie schmeckte hervorragend. Plötzlich überkam mich die Erinnerung, wie ich als kleiner Junge krank gewesen war. Ich erinnerte mich nicht mehr, wo wir gewesen waren, aber mein Dad hatte mir Hühnernudelsuppe gemacht. Es war die gleiche gewesen.

„Ich glaube ... ich erinnere mich an einiges“, sagte ich nach mehreren Schlucken. „Dein Name ist ... Sarah?“ Sie runzelte die Stirn, aber ich schüttelte den Kopf, ehe sie antworten konnte. „Nein, warte. Sarissa. Dein Name ist Sarissa.“

Sie hob beide Brauen und lächelte. „Das ist das erste Mal. Sieht so aus, als könntest du dich langsam wieder konzentrieren.“

Mein Magen knurrte, und brüllender Hunger fuhr mir durch alle Glieder. Das unerwartete Hungergefühl überraschte mich, und ich schlang hastig noch ein paar Schlucke Suppe hinunter.

Sarissa lachte mich an. Dadurch fühlte sich der Raum heller an. „Verschluck dich nicht. Wir haben keine Eile.“

Ich leerte die Tasse, verschüttete nur ein paar Tropfen auf meinem Kinn und brummte dann: „Ja, klar haben wir keine Eile. Ich bin am Verhungern. Was gibt’s noch?“

„Ich sage dir was“, sagte sie. „Ehe du weiterisst, lass uns eine weitere Sache zum ersten Mal probieren.“

„Hm?“, machte ich.

„Kannst du mir deinen Namen sagen?“

„Den weißt du nicht?“

Sarissa lachte wieder. „Weißt du ihn?“

„Harry Dresden“, sagte ich.

Ihre Augen blitzten, und ich fühlte mich gut bis in die Zehenspitzen. Sogar noch besser, als sie ein Tablett hervorzog, auf dem sich Hühnchen, gestampfte Kartoffeln und irgendwelches andere Gemüse stapelten, für das ich zwar wenig Verwendung hatte, das aber wahrscheinlich gut für mich war. Das Essen sah so lecker aus, dass ich jeden Augenblick anfangen würde, auf den Boden zu sabbern.

„Was ist dein Beruf?“

„Professioneller Zauberer“, entgegnete ich. „Ich bin Privatdetektiv in Chicago.“ Als mir noch etwas anderes einfiel, runzelte ich die Stirn. „Oh. Ich bin auch der Winterritter.“

Sie starrte mich einige Sekunden lang an, als sei sie eine Statue, ohne jegliche Mimik.

„Äh“, sagte ich. „Essen?“

Sie zitterte und wandte sich ab. Dann holte sie tief Luft und reichte mir eine seltsame kleine Gabel, wie man sie grobmotorischen Kindern gab. „Wenn du es heute bis drei schaffst, wird es ein richtig guter Tag.“

Die Gabel fühlte sich in meiner Hand fremd und schwer an. Ich erinnerte mich, eine Gabel benutzt zu haben. Ich erinnerte mich an das Gefühl, das sanfte Gewicht, die Genauigkeit, mit der ich Essen vom Teller in meinen Mund befördern konnte. Diese Gabel fühlte sich schwer und plump an. Ich hantierte ein paar Sekunden ungeschickt damit, dann schaffte ich es beim zweiten Versuch, sie in die Stampfkartoffeln zu stecken. Das blöde Ding in den Mund zu bekommen war eine ganz andere Sache.

Die Kartoffeln waren perfekt. Gerade warm genug, leicht gesalzen, mit einem Hauch Butter.

„Ommmgtt!“, brummte ich durch die Kartoffeln hindurch. Dann machte ich mich daran, mir mehr zu besorgen. Die zweite Gabel war leichter und die dritte noch leichter als die davor, und ehe ich mich versah, war der Teller leer, und ich kratzte die letzten Reste in meinen Mund. Ich fühlte mich erschöpft und papp satt, obwohl es gar nicht so viel Essen gewesen war. Sarissa beobachtete mich mit einem zufriedenen Lächeln.

„Ich habe es über mein ganzes Gesicht verteilt, oder?“, fragte ich.

„Das bedeutet, es hat dir geschmeckt“, sagte sie. Sie hob eine Serviette zu meinem Gesicht und wischte es ab. „Es ist schön, endlich deinen Namen zu wissen.“

Leichte, leise Schritte kamen näher.

Sarissa stand sofort auf, drehte sich um und kniete anmutig mit gebeugtem Kopf nieder.

„Also?“, fragte eine weiche Frauenstimme.

Mein ganzer Leib zitterte beim Klang dieser Stimme wie eine Gitarrenseite, die schwang, wenn man in ihrer Nähe die richtige Note spielte.

„Er ist bei klarem Verstand, Majestät, und hat sich an seinen und meinen Namen erinnert. Er hat selbst gegessen.“

„Vorzüglich. Du darfst gehen.“

„Danke, Majestät.“ Sarissa erhob sich, warf mir einen Blick zu und sagte: „Ich freue mich, dass es Euch besser geht, Herr Ritter.“

Ich versuchte, mir etwas Charmantes und Spritziges auszudenken, und sagte: „Ruf mich an.“

Sie schnaufte überrascht, was sich ein bisschen anhörte wie der Beginn eines Lachens, aber dann warf sie einen angsterfüllten Blick in die andere Richtung und zog sich zurück. Der Klang ihrer Schuhe auf dem harten Boden verhallte in der Ferne außerhalb der Bettvorhänge.

Ein Schatten glitt über die Vorhänge am Fußende des Bettes. Ich wusste, wem er gehörte.

„Du hast deinen Tiefpunkt hinter dir“, sagte sie in einem deutlich zufriedenen Tonfall. „Du wächst, statt zu schwinden, mein Ritter.“

Plötzlich fiel es mir schwer, klar genug zu denken, um sprechen zu können, aber ich schaffte es. „Nun. Wachsen, polieren. Wachsen, polieren.“

Sie öffnete die Vorhänge um mein Bett herum nicht, sondern glitt hindurch. Der durchscheinende Stoff drückte gegen ihren Leib, und ihre Umrisse zeichneten sich ab. Als sie an meiner Seite war, atmete sie langsam aus, sah auf mich herab, und ihre Augen wechselten so schnell den Grünton, dass mir davon schwindelig wurde.

Mab, die Königin von Luft und Dunkelheit, war zu furchterregend, um schön zu sein. Obwohl jede Zelle meines Körpers jäh in gedankenlosem Begehren aufwallte und mir beim Anblick ihrer Schönheit Tränen in die Augen traten, wollte ich ihr nicht einen Zentimeter näher kommen. Sie war ein gutes Stück über eins achtzig groß, und jeder Zentimeter von ihr war reiner Glanz. Bleiche Haut, weiche Lippen in der Farbe gefrorener Himbeeren, langes silberweißes Haar, dessen schillernde Strähnen glänzten. Sie trug ein Seidenkleid in tiefem, gefrorenem Grün, das ihre starken, weißen Schultern freiließ.

Noch etwa zwölf Zentimeter, dann würde sie mit mir im Bett liegen.

„Du siehst einzigartig aus“, krächzte ich.

In ihren mandelförmigen Augen glomm etwas auf. „Ich bin einzigartig, mein Ritter“, flüsterte sie. Sie streckte eine Hand aus. Ihre Nägel waren dunkelblau und grün, die Farben veränderten sich und schimmerten wie geheimnisvolle Opale. Sie berührte meine nackte Schulter mit diesen Fingernägeln.

Plötzlich fühlte ich mich wie ein Fünfzehnjähriger, der kurz davor war, zum ersten Mal ein Mädchen zu küssen: aufgeregt, mit wilden Erwartungen und flatternder Angst.

Ihre Nägel, selbst die vordersten Spitzen, waren eisig. Sie ließ sie die eine Seite meiner Brust hinab wandern, und sie kamen über meinem Herzen zu ruhen.

„Äh“, sagte ich in die für mich unerträgliche Stille hinein. „Wie geht’s dir so?“

Sie legte den Kopf schief und blickte mich an.

„Sarissa scheint nett zu sein“, versuchte ich es.

„Ein Wechselbalg“, sagte Mab, „der mich mal um einen Gefallen gebeten hat. Sie ist schon seit Lloyd Slates Amtszeit als mein Ritter bei mir.“

Ich leckte mir die Lippen. „Äh, wo sind wir hier?“

„Arctis Tor“, sagte sie. „Meine Festung. In der Suite des Ritters. Du wirst hier alle Annehmlichkeiten vorfinden.“

„Das ist nett“, sagte ich. „Wo doch meine Wohnung vollständig abgebrannt ist. Muss ich Kaution bezahlen?“

Ein langsames Lächeln sickerte auf Mabs Lippen, und sie lehnte sich noch näher zu mir. „Es ist gut, dass du jetzt heilst“, wisperte sie. „Dein Geist ist weit gewandert, als du schliefst.“

„Ein Freigeist“, sagte ich. „So bin ich.“

„Nicht mehr“, murmelte Mab und beugte sich zu mir herunter. „Du zitterst.“

„Ja.“

Ich konnte nur noch ihre Augen wahrnehmen, so dicht lehnte sie vor mir. „Hast du Angst vor mir?“

„Ich bin schließlich nicht verrückt“, entgegnete ich.

„Denkst du, ich werde dir wehtun?“, hauchte sie, ihre Lippen nur eine Haaresbreite von meinen entfernt.

Mein Herz raste so, dass es weh tat. „Ich denke ... du bist, was du bist.“

„Du hast keinen Grund, dich zu fürchten“, flüsterte sie, und ihr Atem auf meinen Lippen kitzelte. „Du gehörst mir. Wenn es dir nicht gut geht, kann ich dich nicht benutzen, um meinen Willen auszuführen.“

Ich versuchte, mich zu entspannen. „Das ... stimmt.“

Ich hatte nicht gesehen, wie sie das dicke, weiche Kissen neben mir aufgehoben hatte, als sie mir in die Augen gestarrt hatte. Ich war nicht darauf vorbereitet, als sie schnell wie eine Schlange zuschlug und das Kissen auf mein Gesicht drückte.

Eine Sekunde lang konnte ich mich nicht bewegen, und sie drückte fester zu, drückte mir die Luft ab, verschloss mir Mund und Nase. Dann übernahm die Furcht. Ich strampelte, aber meine Arme und Beine fühlten sich an wie mit Blei überzogen. Ich versuchte, Mab wegzustoßen, aber sie war zu schwer, und meine Arme waren einfach zu schwach. Ihre Hände und Unterarme waren wie gefrorener Stahl, schmal und unnachgiebig.

Ich sah Rot, dann Schwarz. Die Sinne schwanden mir.

Mab war eisig. Unnachgiebig. Erbarmungslos.

Sie war Mab.

Wenn ich sie nicht aufhielt, würde sie mich töten. Mab konnte keine Sterblichen töten, aber für sie gehörte ich nicht länger dazu. Ich war ihr Diener, ein Mitglied ihres Hofes, und wenn es nach ihr ging, hatte sie jederzeit das Recht, mir das Leben zu nehmen, wenn sie es für angezeigt hielt.

Diese Einsicht rüttelte mich wach. Ich schloss meine Hände um einen ihre Arme und drehte mich, spannte meinen Körper an. Vor Anstrengung hoben sich meine Hüften vom Bett, dabei versuchte ich noch nicht einmal, sie wegzudrücken. Ihrer allgewaltigen Kraft konnte ich keinen Widerstand leisten. Aber ich schaffte es, ihre Stärke ein wenig zu einer Seite hin zu lenken, und dabei drückte ich ihre Hände und das erdrückende Kissen an mir vorbei. Das reichte, um einen kühlen, süßen Atemzug zu tun.

Mabs Oberkörper lag über meinem, und sie machte keine Anstalten, sich zu bewegen. Ich spürte die leere Intensität ihres Blicks auf mir, während ich japste. Mir war schwindlig von dem jähen, gesegneten Ansturm von Sauerstoff.

Mab bewegte sich langsam und anmutig. Es lag etwas Schlangenartiges darin, wie sie an meinem Körper hochkroch und ihre Brust auf meine legte. Sie war ein kaltes, flüchtiges Gewicht, unbeschreiblich feminin und weich, und ihr seidiges Haar glitt über meine Wangen, meine Lippen und meinen Hals.

Ein tiefes, hungriges Geräusch kam aus Mabs Kehle, als sie sich zu mir herunterbeugte, bis ihre Lippen fast mein Ohr berührten.

„Ich kann Schwäche nicht gebrauchten, Magier.“ Sie erschauerte in einer langsamen, fremden Ekstase. „Ruh dich aus. Heile. Schlafe. Vielleicht bringe ich dich morgen um.“

„Ein Zitat aus Die Braut des Prinzen? Von dir?“, krächzte ich.

„Was ist das?“, fragte sie.

Dann war sie weg. Einfach weg.

Das war der erste Tag meiner Physiotherapie.

***

Ich könnte die nächsten Wochen detailreich beschreiben, aber so schlimm sie auch waren, es gab eine Routine. Außerdem ähneln sie in meinem Kopf einer Videomontage zu dem Lied „Walk“ von den Foo Fighters.

Normalerweise wachte ich morgens auf, und Sarissa wartete schon auf mich. Sie wahrte stets einen höflichen, professionellen Abstand zu mir. Sie half mir, die Bedürfnisse meines geschwächten Körpers zu erfüllen, was mich einiges an Würde kostete, aber sie sprach niemals über sich. Irgendwann im Lauf des Tages versuchte Mab dann, mich auf immer unerwartetere und kreativere Weisen umzubringen.

In dem Video in meinem Kopf gibt es eine Aufnahme, in der ich wieder selbst esse, bis unerwartet das riesengroße Bett in Flammen aufgeht. Ich lasse mich ungeschickt hinausfallen und krieche außer Reichweite, ehe ich gebraten werde.

Am nächsten Tag hilft mir Sarissa, zum Bad und zurück zu gehen. Gerade als ich mich wieder im Bett zurücklehne, fällt vom Himmel des Bettes eine Giftschlange, eine gottverdammte indische Kobra, direkt auf meine Schultern. Ich schreie wie ein kleines Mädchen und werfe die Schlange auf den Boden.

Am nächsten Tag kämpfe ich mich gerade mit Sarissas Hilfe in neue Kleidung, als ein Schwarm von Feuerameisen daraus hervorbricht und meine Haut attackiert, und ich muss mir wortwörtlich die Kleider vom Leib reißen.

So geht es weiter. Sarissa und ich am hüfthohen Barren, ich versuche, mich zu erinnern, wie man das Gleichgewicht hält, und werde unterbrochen von einer wahren Flutwelle von rotäugigen Ratten, die uns zwingt, auf die Barren zu klettern, ehe sie uns die Füße abnagen. Sarissa, die mich auf der Drückbank beobachtet, bis Mab eine große, altertümliche Feuerwehraxt auf meinen Schädel niedersausen lässt, als ich gerade beim dritten Durchgang bin. Ich muss den Schlag mit der Stange des Gewichts abwehren.

Ich schlurfe erschöpft unter die heiße Dusche, nur damit die Tür hinter mir zuschlägt und die Kabine beginnt, sich mit Wasser zu füllen. Dann fallen Piranhas ins Wasser und so weiter, und so fort. Siebenundsiebzig Tage. Siebenundsiebzig Mordversuche. Benutzen Sie Ihre Fantasie. Mab tat es jedenfalls. Es gab sogar ein tickendes Krokodil.

***

Ich war gerade aus dem kleinen Sportstudio zurück, wo ich auf dem Laufband etwa zweieinhalb Höhenkilometer und wer weiß wie viele Kilometer Distanz zurückgelegt hatte. Ich war verschwitzt, erschöpft und dachte nur noch an eine Dusche und dann an mein Bett. Ich öffnete die Tür zu meinem Zimmer, und in dem Augenblick eröffnete Mab das Feuer mit einer verdammten Schrotflinte.

Ich hatte keine Zeit, nachzudenken oder zu kalkulieren, ehe sie den Abzug betätigte. Ich konnte nur reagieren. Ich warf mich nach hinten, stieß mit aller Kraft meinen Willen hinaus in die Luft vor mich und formte ihn zu einer Barriere aus reiner Energie. Die Flinte dröhnte in dem kleinen Raum ohrenbetäubend laut. Die Schrotkörner prallten von der Barriere ab und verteilten sich im Raum, sie landeten mit leisem Klappern. Ich sank zu Boden, hielt die Barriere aber aufrecht, und Mab kam näher. Ihre Augen glitzerten in allen Farben eines Opals, wild berauscht und völlig unvereinbar mit ihrem ruhigen Gesichtsausdruck.

Es war eine dieser russischen Schrotflinten mit der großen Schlagtrommel, und sie leerte das ganze Magazin, während sie auf mein Gesicht zielte.

In dem Augenblick, als die Flinte nur noch „klick“ statt „bumm“ machte, warf ich mich mit einer schnellen Rolle zur Seite, gerade rechtzeitig, um dem Sprung eines silbergrauen Malks zu entgehen, einer katzenartigen Kreatur von der Größe eines Luchses, mit gefährlichen Krallen und Bärenkräften. Der Malk landete dort, wo mein Kopf gewesen war, und seine Krallen rissen Splitter aus dem Steinboden.

Ich trat ihn mit meinem Absatz, und er flog quer durch den Flur und knallte in die Steinwand. Er ließ ein protestierendes Jaulen hören. Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Mab. Sie ließ gerade das leere Magazin zu Boden fallen und holte ein neues hervor.

Bevor sie es in die Waffe einsetzen konnte, peitschte meine Hand durch die Luft, und ich rief: „Forzare!“ Eine unsichtbare Kraft riss Magazin und Schrotflinte aus Mabs Händen. Ich vollführte eine ziehende Bewegung, und die Schrotflinte flog durch den leeren Raum zwischen uns. Ich erwischte sie am Lauf (verdammt, war das heiß!), als der Malk sich wieder auf mich stürzte. Ich schwang die leere Schrotflinte mit beiden Händen und rammte sie dem Malk gegen den Kopf, hart genug, um ihn aus der Luft zu schlagen. Er blieb bewusstlos liegen.

Mab ließ ein erfreutes, silbriges Lachen hören und klatschte in die Hände wie ein kleines Mädchen, das gerade erfahren hat, dass es ein Pony bekommen wird. „Ja!“, sagte sie. „Zauberhaft. Gewalttätig, rabiat und ganz zauberhaft.“

Ich behielt die Schrotflinte in der Hand, bis der betäubte Malk sich erholt hatte und griesgrämig davonschlich. Erst als er hinter der Ecke verschwunden war, drehte ich mich wieder zu Mab um.

„Das wird langsam langweilig“, sagte ich. „Hast du nichts Besseres zu tun, als deine Grimmzahn-Spielchen mit mir zu spielen?“

„Natürlich habe ich das. Aber warum sollte man spielen, wenn nicht, um sich auf künftige Herausforderungen vorzubereiten?“

Ich verdrehte die Augen. „Zum Spaß?“, schlug ich vor.

Das Entzücken verschwand von ihrem Gesicht und wich der üblichen, eiskalten Ruhe. Es war eine unheimliche Veränderung, und ich hoffte plötzlich, sie mit meiner Besserwisserei nicht gereizt zu haben.

„Der Spaß beginnt, wenn das Spiel vorbei ist, mein Ritter.“

Ich runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass dich eine angemessene Aufmachung in deinen Gemächern erwartet und dass ich von dir erwarte, dass du dich für den Abend umziehst.“ Sie drehte sich um und ging in die Richtung, in die der Malk verschwunden war. Ihr Kleid raschelte hinter ihr über den Steinboden. „Heute Abend, mein Magier, wird es ... spaßig.“

2. Kapitel

In meinem Zimmer wartete neue Kleidung auf mich: ein Frack in Mattsilber und Perlgrau. In einem von zwei Papierumschlägen befand sich ein Paar edelsteinbesetzter Manschettenknöpfe, deren Steine zu blau und zu leuchtend waren, um Saphire zu sein.

Der zweite enthielt das Amulett meiner Mutter.

Es war ein schnörkelloses, silbernes Pentagramm, ein abgenutzter fünfzackiger Stern, von einem Kreis eingeschlossen, das an einer einfachen silbernen Kette hing. In der Mitte des Pentagramms befand sich ein kleiner, roter Stein, zurechtgeschnitten, damit er hineinpasste. Ich hatte ihn mal mit Heißkleber befestigt. Anscheinend hatte Mab das Amulett zu einem echten Juwelier geschickt, der den Stein mit etwas Haltbarerem befestigt hatte. Ich berührte ihn vorsichtig und spürte sofort die Energie darin, die psychischen Aufzeichnungen der Reisen meiner verstorbenen Mutter.

Ich zog das Amulett über den Kopf und empfand ein tiefes, plötzliches Gefühl der Erleichterung. Ich hatte geglaubt, es verloren zu haben, als mein von Kugeln durchlöcherter Leib in den Wassern des Lake Michigan versunken war. Eine Weile lang stand ich einfach nur mit meiner Hand am Amulett da und spürte, wie das kühle Metall gegen meine Handfläche drückte.

Dann zog ich den Frack an und musterte mich in einem Spiegel, der so groß war wie ein Billardtisch.

„Just a gigolo“, sang ich schräg und versuchte, mich zu amüsieren. „Everywhere I go, people know the part I’m playing.“

Der Kerl, der mir aus dem Spiegel entgegensah, wirkte ungehobelt und hart. Meine Wangenknochen standen schroff hervor. Ich hatte stark abgenommen, als ich in dieser Art Koma gewesen war, und meine Reha hatte mir nur schlanke Muskeln verpasst, sonst nichts. Man konnte Adern dicht unter meiner Haut erkennen. Mein brünettes Haar hing mir inzwischen bis unters Kinn, sauber, aber zottelig. Ich hatte es nicht geschnitten oder nach einem Friseur gefragt. Magie konnte einem furchtbare Dinge antun, wenn der Anwender in den Besitz einer Haarlocke gelangte, also hatte ich beschlossen, meine allesamt zu behalten. Vom Vollbart hatte ich mich allerdings verabschiedet. Bärte wuchsen so schnell und wurden so schnell wieder abrasiert, dass der Zeitraum einfach nicht lange genug war, dass jemand sie gegen einen verwenden konnte. Außerdem waren Bartstoppeln einfach zu klein, als dass sie einen guten Fokus abgegeben hätten.

Mit dem langen Haar sah ich meinem Bruder etwas ähnlicher. Ach was. Ein längliches, schmales Gesicht, dunkle Augen, eine senkrechte Narbe unter dem linken. Meine Haut war absolut teigig und blass. Ich hatte die Sonne seit Monaten nicht mehr gesehen. Seit vielen Monaten.

Während ich mein Spiegelbild musterte, wurde das Lied immer leiser. Ich hatte einfach nicht genug Mut dafür. Ich schloss die Augen.

„Was zur Hölle tust du, Dresden?“, flüsterte ich. „Du wirst hier gefangen gehalten wie ein verdammtes Haustier. Als besitze sie dich.“

„Tut sie das nicht?“, brummte die Stimme eines Malks.

Hatte ich das nicht erwähnt? Die Dinger konnten sprechen. Sie hatten keine besonders gute Aussprache, und der unmenschliche Klang ihrer Stimme bescherte mir jedes Mal eine Gänsehaut, aber sie sprachen.

Ich wirbelte herum und hatte die Hand schon zu einer Verteidigungsgeste erhoben, aber ich hätte mir die Mühe sparen können. Ein Malk, den ich noch nie gesehen hatte, saß auf dem Boden meines Zimmers, direkt hinter der Schwelle. Sein zu langer Schwanz ringelte sich um seine Vorderpfoten und wieder zurück hinter seinen Rücken. Er war ein riesengroßes Exemplar der Spezies, etwa vierzig Kilo schwer und so groß wie ein junger Puma. Sein Fell war bis auf einen weißen Fleck auf seiner Brust pechschwarz.

Eine Sache, die ich über Malks gelernt hatte, war, ihnen niemals Schwäche zu zeigen. Niemals. „Das sind meine Gemächer“, sagte ich. „Raus.“

Der Malk neigte den Kopf. „Das kann ich nicht, Ritter. Ich stehe unter dem Befehl der Königin.“

„Raus hier, oder ich helfe dir.“

Die Schwanzspitze des Malks zuckte. „Wärst du nicht ein Lakai meiner Königin und wäre ich nicht verpflichtet, dir gegenüber Höflichkeit zu zeigen, würde ich den Versuch gerne sehen, Sterblicher.“

Ich sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

Das war sehr unmalkiges Verhalten. Außer einem war jeder Malk, den ich getroffen hatte, eine blutgierige kleine Tötungsmaschine gewesen, hauptsächlich daran interessiert, was er als nächstes auseinander reißen und verschlingen konnte. Ihnen lag nichts an Geplauder. Sie waren auch nicht gerade tapfer, besonders nicht, wenn sie allein waren. Ein Malk würde einen vielleicht in einer dunklen Gasse anspringen, aber man würde ihn nie kommen sehen.

Dieser hier ... wirkte, als mache es ihm Spaß, mich zu reizen.

Vorsichtig streckte ich meine Sinne aus, und plötzlich spürte ich das fast geräuschlose Pulsieren der Aura des Malks. Wow. Das Vieh war mächtig. Richtig, richtig mächtig. Normalerweise war die Aura eines Magiers nicht spürbar, bis man nahe genug stand, um sie berühren zu können. Aber seine Aura konnte ich von der anderen Seite des Raums spüren. Was auch immer dieses Ding war, es sah höchstens so aus wie einer der anderen pelzigen, hyperaktiven, blutgierigen Verrückten. Ich nahm mich etwas zurück.

„Wer bist du?“

Der Malk neigte den Kopf vor mir. „Ein treuer Diener der Königin von Luft und Dunkelheit. Meist nennt man mich Sith.“

„Hehe“, sagte ich. „Wo ist denn dein rotes Laserschwert?“

Siths goldene Augen verengten sich. „Als deine Art begann, Wissen auf Stein und Ton zu kritzeln, war mein Name bereits uralt. In seiner Gegenwart solltest du aufpassen.“

„Ich versuche nur, die Unterhaltung mit ein bisschen Humor aufzulockern, Sithy. Du solltest heiterer sein.“

Siths Schwanz zuckte erneut. „Es würde mich heiterer stimmen, dein Rückgrat in kleine Untersetzer zu zerschneiden. Darf ich?“

„Da muss ich ablehnen“, sagte ich. Dann blinzelte ich. „Warte. Du bist ... Cait Sith. Der Cait Sith?“

Wieder neigte der Malk den Kopf. „Der bin ich.“

Herrjemine. Cait Sith war eine große Nummer in den Mythen der Feen. Dieses Ding war nicht nur irgendein Malk. Es war der verdammte Monarch der Malks, ihr Ahnherr, ihr Optimus Prime. Vor einigen Jahren hatte ich mich mit einem ähnlich alten Feenwesen angelegt. Es war nicht schön ausgegangen.

Als Cait Sith vorgeschlagen hatte, mein Rückgrat in Untersetzer zu zerschneiden, hatte er nicht gescherzt. Wenn er auch nur im Geringsten dem uralten Furchtfresser ähnelte, dann konnte er das auch tun.

„Ich verstehe“, sagte ich. „Ähm. Was tust du hier?“

„Ich bin dein Bursche.“

„Du meinst, du bist Alfred und ich bin Batman?

„Nein“, sagte Sith mit einem leisen Knurren. „Dein Bursche. Deine Ordonnanz.“

„Ordonnanz ...“ Ich runzelte die Stirn. „Warte. Du arbeitest für mich?“

„Ich bevorzuge die Beschreibung: Ich verwalte deine Inkompetenz“, erwiderte Sith. „Ich werde deine Fragen beantworten. Ich werde dein Berater sein, solange du hier bist. Ich werde dafür sorgen, dass deine Bedürfnisse gestillt werden.“

Ich verschränkte die Arme. „Du arbeitest also für mich?“

Siths Schwanz zuckte abermals. „Ich diene meiner Königin.“

Aha. Ausflucht. Da war etwas, das er vermeiden wollte. „Du musst meine Fragen beantworten, richtig?“

„Ja.“

„Hat Mab dir befohlen, meinen Befehlen zu gehorchen?“

Der Schwanz zuckte, zuckte, zuckte. Sith starrte mich an und schwieg.

Schweigen konnte man als Zustimmung interpretieren, aber ich konnte einfach nicht widerstehen. „Hol mir eine Cola.“

Sith blickte mich an. Dann verschwand er.

Ich blinzelte und sah mich um, aber er war weg. Dann, vielleicht anderthalb Sekunden später, hörte ich das Zischen einer Getränkedose, die geöffnet wurde. Ich drehte mich um, und Cait Sith saß auf einer der Kommoden. Neben ihm stand eine offene Dose Cola.

„Wow“, sagte ich. „Wie hast ... du hast noch nicht mal Daumen.“

Sith starrte mich an.

Ich ging zur Kommode hinüber und nahm die Dose. Siths Blick folgte mir die ganze Zeit, sein Gesichtsausdruck war rätselhaft und ganz eindeutig nicht freundlich. Ich trank und zog eine Grimasse. „Warm?“

„Du hast nichts Gegenteiliges befohlen“, sagte er. „Ich werde mich glücklich schätzen, jeden deiner Befehle genau so zu befolgen, Herr Ritter, außer denjenigen, die den Befehlen meiner Königin widersprechen.“

Übersetzung: Ich will nicht hier sein. Ich mag dich nicht. Gib mir weiterhin Befehle, und ich mache dir das Leben zur Hölle. Ich nickte dem Malk zu. „Verstanden.“ Ich nahm noch einen Schluck. Warm oder nicht, es war Cola. „Also, warum der Frack? Zu welchem Anlass?“

„Heute findet die Feier einer Geburt statt.“

„Geburtstagsparty, ja?“, fragte ich. „Wessen denn?“

Sith schwieg einige Sekunden lang. Dann erhob er sich und sprang zu Boden. Er landete geräuschlos und glitt an mir vorbei zur Tür. „So dumm kannst du nicht sein. Folge mir.“

Mein Haar war noch immer ziemlich unordentlich. Ich klatschte Wasser darauf und kämmte es nach hinten, ordentlicher würde es nicht werden. Dann folgte ich Sith, und meine schicken Lacklederschuhe glänzten und klackten auf dem Steinboden.

„Wer wird bei dieser Party sein?“, fragte ich, als ich ihn eingeholt hatte. Ich hatte meine Räumlichkeiten seit einer Weile nicht mehr verlassen. Mein ganzes Leben hatte aus Essen, Schlafen und Heilen bestanden. Außerdem hatte ich keine Lust gehabt, mir die Sehenswürdigkeiten von Arctis Tor anzuschauen. Als ich das letzte Mal hier gewesen war, hatte ich die Feen erzürnt. Jede einzelne von ihnen. Ich hatte keine Lust gehabt, in einer dunklen Gasse auf irgendeinen feindseligen Buhmann zu treffen, der auf Rache sann. Die Tür, die von meinen Gemächern nach draußen führte, öffnete sich von selbst, und ich folgte Sith hindurch.

„Die Hautevolee der Wintersidhe“, sagte Sith. „Wichtige Persönlichkeiten der Wildelfen. Möglicherweise wird sogar eine Delegation des Sommers anwesend sein.“

Als wir in die Hauptstadt des Winters hinaustraten, waren die Korridore nicht mehr aus etwas, das mehr oder weniger wie einfacher, gegossener Zement aussah, sondern aus kristallinem Eis, das jede Abschattung von Gletscherblau und Grün in sich vereinte, und die Farben verschmolzen ineinander, waren miteinander verwoben. Lichtfunken in Violett, Scharlachrot und kaltem Eisblau tanzten durch die dunklen Tiefen des Eises wie träge Glühwürmchen. Meine Augen wollten den Lichtern folgen, aber das ließ ich nicht zu. Ich kann nicht genau sagen warum, aber meine Instinkte sagten mir, dass das gefährlich gewesen wäre, und ich hörte auf sie.

„Ziemlich große Feier, hm?“, fragte ich. „Glaubst du, es wird ein Problem mit den Paparazzi geben?“

„Man darf darauf hoffen“, entgegnete Sith. „Eindringlinge bei einer solchen Störung zu ertappen, wäre sehr befriedigend.“

Die Luft war arktisch kalt. Ich spürte, wie sehr die Kälte biss, aber ihre Zähne konnten meine Haut nicht recht durchdringen. Es war nicht gerade gemütlich, aber es störte mich nicht. Ich zitterte nicht. Ich bibberte nicht. Ich rechnete es den Kräften an, die Mab mir verliehen hatte.

Sith führte mich durch einen sehr viel dunkleren Gang, und wir durchquerten abwechselnd Flecken von tiefer Dunkelheit und kaltem, düsterem Licht. Unsere Schatten streckten sich und tanzten. Nach einigen Sekunden merkte ich, dass Cait Siths Schatten größer als meiner war. Etwa sieben oder acht Mal so groß. Ich schluckte.

„Das letzte Mal, als ich auf einer übernatürlichen Party war, hat man mich vergiftet, und dann hat alles, was da war, versucht, mich umzubringen. Also brannte ich das ganze Gebäude nieder“, erklärte ich.

„Eine angemessene Art, mit seinen Feinden umzugehen“, sagte Sith. „Vermutlich wirst du bald herausfinden, dass Arctis Tor weniger entzündlich ist.“

„Ich habe noch nie einen Ort gefunden, den ich mit genügend Motivation nicht in die Luft jagen, abfackeln oder einstürzen lassen konnte“ sagte ich. „Glaubst du, auf dieser Party will mich jemand umbringen?“

„Ja. Ich.“

„Weil ich dich nerve?“

„Weil es mir gefallen würde.“ Sith sah einen Augenblick lang zu mir auf. Sein Schatten von der Größe einer Plakatwand wiederholte seine Bewegung. „Außerdem nervst du mich.“

„Das ist eines meiner Talente. Nervige Fragen zu stellen ist ein weiteres. Gibt es auf dieser Party irgendjemanden außer dir, dem ich nicht den Rücken zukehren sollte?“

„Du gehörst nun zum Winter, Zauberer.“ Sein goldener Blick lag nicht länger auf mir. „Du solltest niemandem den Rücken zukehren.“

3. Kapitel

Cait Sith führte mich durch Gänge, die ich bei meinem vorherigen Besuch in Mabs Machtzentrum nicht gesehen hatte. Verdammt, damals hatte ich gedacht, es bestünde nur aus einer Mauer um einen Schlosshof und einem gemauerten Turm. Den Komplex unter dem Eis des Hofes hatte ich noch nie gesehen. Er war riesengroß. Wir gingen zehn Minuten lang, meist in dieselbe Richtung, bis Cait Sith sagte: „Diese Tür.“

Die Tür war aus Eis, genau wie die Wände, und trotzdem hing ein dicker Ring aus einem Metall, das vermutlich Silber war, daran. Ich griff den Ring und zog, und die Tür öffnete sich problemlos. Dahinter lag ein kleiner Vorraum. Es war ein Wartezimmer mit einigen Stühlen.

„Was nun?“

„Tritt ein“, sagte Cait Sith. „Warte auf Befehle. Befolge die Befehle.“

„Das kann ich beides nicht besonders gut“, sagte ich.

Siths Augen glühten. „Ausgezeichnet. Mir wurde befohlen, dich loszuwerden, wenn du Mabs Befehle nicht befolgst oder ihre Autorität untergräbst.“

„Warum gehst du nicht den ältesten Traumdieb fragen, wie leicht das ist, du Pelzhandschuh? Hau ab!“

Diesmal verschwand Sith nicht. Er verschmolz mit den Schatten. Seine goldenen Augen blieben noch ein paar Sekunden, dann war er weg.

„Immer von den Großen stehlen“, brummte ich. „Lewis Carrolls Erben sollten Lizenzgebühren von dem Kerl eintreiben.“

Außer natürlich, es war genau andersrum.

Ich betrat das Zimmerchen und schloss die Tür hinter mir. Es gab einen Tisch mit wahrscheinlich selbstgemachten Leckereien darauf. Ich fasste sie nicht an. Nicht, weil ich mich um meine zierliche Figur sorgte, sondern weil ich im Herzen eines niederträchtigen Feenlandes stand. Leichtfertig Süßspeisen zu essen, erschien nicht gerade eine brillante Idee.

Neben den Süßigkeiten lag ein altes Buch, das vorsichtig und präzise platziert worden war: Kinder- und Hausmärchen. Ich beugte mich hinunter und schlug es auf. Der Text war auf Deutsch. Es war wirklich alt. Die Seiten waren aus Papier von feinster Qualität, dünn, brüchig und mit Goldschnitt. Auf der Vorderseite standen unter dem Titel die Namen Jacob und Wilhelm Grimm und die Jahreszahl 1812.

Das Buch war signiert und mit einer persönlichen Widmung versehen: „Für Mab“. Ich konnte den Text nicht lesen, also begnügte ich mich mit den Bildern. Es war besser, als diese blöden Promimagazine zu lesen, die in jedem anderen Wartezimmer verstreut waren, und vermutlich war es sogar näher an der Realität.

Während ich mir das Buch ansah, öffnete sich lautlos die Tür, und ein Traumbild betrat den Raum. Sie trug ein Samtkleid, das so tief blau und purpurn war wie die Dämmerung. Sie warf einen Blick in den Flur hinter sich, als die Tür sich schloss, und ich sah, dass das Kleid vorn tief ausgeschnitten war. Sie trug passende Opernhandschuhe, die bis auf ihre Oberarme hinauf reichten, und einen Kranz veilchenblauer Immergrünblüten im Haar, die wunderbar zu dem Kleid passten. Dann drehte sie sich zu mir um und lächelte. „Du liebe Güte“, sagte sie. „Du hast dich ordentlich zurechtgemacht, Harry.“

Ich stand höflich auf, brauchte aber ein paar Augenblicke, ehe ich sagen konnte: „Sarissa. Wow. Du ... siehst kaum aus wie du.“

Sie hob eine Braue, aber ich sah ihre Mundwinkel nach oben zucken. „Ach je. Das war ja fast ein Kompliment.“

„Ich bin außer Übung“, sagte ich. Ich wies auf einen Stuhl. „Würdest du dich setzen?“

Sie schenkte mir ein tugendhaftes Lächeln und setzte sich. Ihre Bewegungen waren von einer vollkommenen, fließenden Anmut. Ich bot ihr die Hand, um ihr behilflich zu sein, aber sie brauchte sie nicht. Trotzdem drückte sie unmerklich meine Finger. Als sie saß, setzte ich mich auch wieder. „Hättest du gern etwas Süßes?“

Irgendwie lag ein sanfter Verweis in ihrem Lächeln. „Ich glaube, das wäre unklug. Oder?“

„Herrjemine, nein!“, sagte ich. „Ich wollte nur, ähm ... es ist üblich, Konversation zu machen, wenn man, ähm ... ich weiß nicht, was ich ...“ Ich nahm die kostbare Ausgabe von Grimms Märchen in die Hand und hielt sie hoch. „Buch.“

Sarissa bedeckte den Mund mit einer Hand, aber ihre Augen blitzten. „Oh, äh, ja. Ich habe es ein paarmal gesehen. Ich habe Gerüchte gehört, nach denen Ihre Majestät selbst hart dafür gearbeitet hat, dass die Märchen erschienen.“

„Das ergibt Sinn.“

„Wieso?“, fragte sie.

„Oh, der Einfluss der Sidhe hatte stark abgenommen, als die Industrialisierung Fahrt aufnahm. Indem sie garantierte, dass die Märchen auch weiterhin sterblichen Kindern erzählt wurden, stellte sie auch sicher, dass sie und ihr Volk niemals vergessen wurden.“

„Ist das wichtig?“, fragte Sarissa.

„Wenn es nicht wichtig wäre, warum sollte sie es tun? Ich bin ziemlich sicher, dass es für Wesen, die mit einem Fuß in der Welt der Sterblichen und mit dem anderen in dieser Welt hier drüben stehen, ziemlich schlecht ist, in Vergessenheit zu geraten. Würde mich nicht wundern, wenn sie auch für Disney hier und da ein gutes Wort eingelegt hätte. Er hat mehr als jeder andere dafür gesorgt, dass diese Geschichten den Sprung in die heutige Zeit geschafft haben. Verdammt, er hat sogar ein paar Märchenländer in der Welt der Sterblichen gebaut!“

„So habe ich das noch nie betrachtet“, sagte Sarissa. Sie faltete ihre Hände im Schoß und lächelte mich an. Es war ein völlig ruhiger, schöner Gesichtsausdruck, aber plötzlich hatte ich die Eingebung, dass sie ihre Unruhe dahinter verbarg.

Das hätte ich vor ein paar Monaten vielleicht noch nicht bemerkt, aber sie hatte bei einigen von Mabs Therapiestunden zugesehen, und ich hatte gesehen, wie sie auf Angst und plötzlichen Stress reagierte. Ich spürte bei ihr die gleiche beherrschte Spannung wie damals, als eine kleine Lawine von Giftspinnen – großen Spinnen – aus dem Handtuchschrank im Kraftraum geströmt war. Sie hatte Caprihosen und keine Schuhe getragen. Ich hatte die Spinnen vorsichtig und sanft von ihr herunter gezupft, um sie nicht zu provozieren, uns zu töten, und sie hatte stillhalten müssen, während Dutzende der Dinger über ihre nackten Füße krabbelten.

Dieser Test hatte dazu gedient, die eigene Reaktion auf plötzliche Angst in den Griff zu bekommen. Sarissa hatte es geschafft, hatte sich geweigert, ihrer Angst die Kontrolle zu überlassen. Ausdruckslos und fast ruhig hatte sie gewartet, und sie hatte damals ungefähr so ausgesehen wie jetzt.

Meine Füße begannen zu kribbeln.

Sie erwartete Spinnen.

„Also“, sagte ich. „Womit verdiene ich die Freude deiner Gesellschaft? Soll ich noch ein paar letzte Yogaübungen machen?“

„Du bist für Yoga so begabt wie eine Ente fürs Vakuum. Ich weiß, wie sehr du die Übungen liebst, aber ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. Heute Nacht werde ich dich auf Befehl der Königin geleiten. Ich soll dir Benimmregeln für eine Versammlung des Hofes erklären und dafür sorgen, dass du dich nicht allzu sehr langweilst.“

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und sah sie nachdenklich an. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Problem damit gehabt hätte. Du meine Güte, den ganzen Abend mit jemand so Hübschem wie dir herumzulaufen klingt nach wahrer Folter!“

Sie lächelte und senkte den Blick.

„Darf ich dich etwas fragen?“, fragte ich.

„Natürlich.“

„Ich habe das nicht rhetorisch gemeint. Ich meine es ernst. Ich würde dich gerne etwas fragen, aber wenn du es lieber für dich behalten willst, dann ist das auch in Ordnung.“

Das fügte ihrer Maske einen Kratzer zu. Ihr Blick huschte kurz zu meinem Gesicht und dann wieder zurück. „Warum sollte ich nicht antworten wollen?“

„Weil wir schon seit elf Wochen jeden Tag zusammenarbeiten und ich immer noch nicht deinen Nachnamen weiß“, sagte ich. „Ich weiß nicht, was du in der echten Welt tust. Ich kenne deine Lieblingsfarbe und dein Lieblingseis nicht. Ich weiß nicht, ob du Familie hast. Du bist sehr gut darin, über Dinge zu reden, die nicht wichtig sind und es so aussehen zu lassen, als wäre das die einzige Unterhaltung, die zu diesem Zeitpunkt sinnvoll gewesen wäre.“

Sie achtete sehr darauf, sich nicht zu bewegen und nicht zu antworten.

„Mab hat auch gegen dich etwas in der Hand, nicht? Genau wie gegen mich.“

Es gab einen weiteren Augenblick der Stille. Dann sagte sie kaum vernehmlich: „Mab hat gegen jeden etwas in der Hand. Die Frage ist nur, ob derjenige das weiß oder nicht.“

„Ich verstehe, dass du Angst vor mir hast“, sagte ich. „Ich weiß, du hast Lloyd Slate in Aktion gesehen, als er der Winterritter war, und ich weiß genau, was für ein supertoller Kerl er war. Ich vermute, du nimmst an, ich sei wie er.“

„Das habe ich nicht gesagt“, sagte sie.

„Das war keine Anklage“, sagte ich, so sanft ich konnte. „Ich versuche nicht, dich dazu zu bringen, etwas zu sagen. Ich ziele nicht darauf ab, dass du mir eine Ausrede lieferst, dir etwas antun zu können. Verstanden? Ich bin nicht Lloyd Slate.“

Sarissa flüsterte: „Er war auch nicht so. Anfangs nicht.“

Ein kleines, kaltes Gefühl kullerte durch meine Eingeweide.

Das war das Tragische am Zustand der Menschheit. Wenn Menschen gerade aufgebrochen waren, um Macht zu erlangen, dann wollten sie unbedingt vermeiden, davon korrumpiert zu werden. Die Menschen hatten gute, sogar edle Gründe dafür zu tun, was sie taten. Sie wollten Macht nicht missbrauchen und wollten keine bösartigen Monster werden. Gute, anständige Menschen, die den richtigen Weg beschreiten wollten, die Macht erlangen wollten, ohne dass sie sich dadurch veränderten oder von ihren Idealen abkamen.

Trotzdem passierte es weiterhin.

Die Geschichte war voll davon. Als Faustregel galt: Menschen konnten nicht gut mit Macht umgehen. In dem Moment, in dem man annahm, man könne seine Macht besser kontrollieren als alle anderen, hatte man schon den ersten Schritt getan.

„Das hier ist die Wirklichkeit, Sarissa“, flüsterte ich. „Ich bin der Winterritter. Ich habe Mabs Gunst und ihren Segen. Ich kann tun, was immer mir verdammt nochmal gefällt, und ich müsste dafür nicht vor ihr gerade stehen.“

Die junge Frau erschauerte.

„Wenn ich das wollte, wenn ich dich ... wenn ich dir wehtun wollte, könnte ich es. Jetzt. Du könntest mich nicht aufhalten, und niemand würde etwas unternehmen. Ich habe fast ein Jahr im Liegen verbracht, und jetzt, wo ich mich wieder bewegen kann, verlangen meine verschiedenen, ähm ... Instinkte nach Aufmerksamkeit. Tatsächlich hat Mab dich höchstwahrscheinlich hergeschickt, um zu sehen, was ich mit dir machen werde.“

Die freundliche Maske verschwand von Sarissas Gesicht, und stattdessen erschien darauf eine vorsichtige Neutralität. „Ja. Natürlich.“ Sie legte die untere Hand über die andere, aufmerksam, als sei sie besorgt, ihr Kleid zu verknittern. „Ich weiß, welche Rolle sie für mich vorgesehen hat, Herr Ritter. Ich soll dir“ – hier verzog sich ihr Mund – „dienen.“

„Hm, also, das wird eindeutig nicht passieren.“

Ihre Augen weiteten sich leicht. Sie hielt ganz still. „Bitte?“

„Ich bin nicht Lloyd Slate“, sagte ich. „Ich bin keins von Mabs Schoßmonstern, und ich sterbe eher, als zuzulassen, dass sie mich zu einem macht. Du warst nett zu mir und hast mir durch eine schwere Zeit geholfen. Das werde ich nicht vergessen. Mein Wort darauf.“

„Ich verstehe nicht“, sagte sie.

„Es ist ganz einfach. Ich werde dir nichts tun. Ich werde dich nicht zwingen, etwas zu tun, was du nicht willst. Niemals.“

Ich konnte ihren Ausdruck nicht deuten, als ich das sagte. Es könnte Unbehagen dabei gewesen sein, oder Verdacht oder Schrecken oder Skepsis. Was auch immer in ihrem Kopf ihr Gesicht so aussehen ließ, ich konnte es nicht übersetzen.

„Du glaubst mir nicht“, sagte ich. „Oder?“

„Ich habe ein gutes Drittel meines Lebens in Arctis Tor verbracht.“ Sie wandte ihr Gesicht ab. „Ich glaube niemandem.“

In diesem Augenblick dachte ich, ich hätte noch niemals jemand so Schönes so allein gesehen. Sie hatte ein Drittel ihres Lebens im Winter verbracht und konnte dennoch so barmherzig, freundlich und fürsorglich sein? Sie hatte wahrscheinlich Dinge gesehen, hatte einer Hässlichkeit gegenüberstehen müssen, wie es wenige Sterbliche jemals mussten. Die Winterfeen waren sehr engagiert, was ihre Unterhaltung anging, und sie mochten ihre Spiele gerne schmutzig und grausam.

Aber hier saß sie nun und sah einem Schicksal ins Auge, das seit ihrer Kindheit ihre größte Angst sein musste. Man hatte sie einem Monster überlassen, das sie verschlingen würde. Sie trat dem Unheil ruhig entgegen. Sie hatte sich unter Kontrolle und schaffte es immer noch, mir gegenüber herzlich zu sein. Das zeigte mir, dass sie viel Kraft hatte, und Kraft hatte ich bei einer Frau schon immer attraktiv gefunden. Auch Mut und Anmut unter Anspannung.

Ich hätte dieses Mädchen wirklich mögen können.

Natürlich hatte Mab sie genau deshalb ausgesucht, um mich in Versuchung zu führen, um mich dazu zu bringen, den rechten Pfad zu verlassen, damit ich sie haben konnte. Wenn ich erst einmal etwas Kleines getan hatte, würde sie neue Verlockungen vor mir ausbreiten, bis ich schließlich einer erliegen würde. Mab war Mab. Sie hatte nicht vor, einen Ritter mit Gewissen zu behalten.

Also plante sie, mein Gewissen Stück für Stück zu beseitigen. Wenn ich erst einmal meine Macht über das Mädchen missbraucht hätte, würde Mab meine Schuld und meinen Selbsthass benutzen, um mich zum nächsten und zum übernächsten Schritt zu treiben.

Mab war ein eiskaltes Miststück.

Ich wandte den Blick von Sarissa ab. Ich musste dafür sorgen, dass sie in Sicherheit war – vor allem vor mir.

„Ich verstehe“, entgegnete ich ihr. „Oder zumindest verstehe ich es teilweise. Mein erster Lehrer war auch nicht gerade Peter Lustig.“

Sie nickte, aber es war eine vollständig unverbindliche Geste, eine Bestätigung, dass ich gesprochen hatte, keine Bestätigung des Gesagten.

„Schön“, sagte ich. „Unangenehmes Schweigen ist unangenehm. Warum erklärst du mir nicht, was ich für heute Abend wissen muss?“

Sie nahm sich zusammen und fiel wieder in ihr höfliches Benehmen zurück. „Wir werden als Vorletzte eintreten, gleich vor der Königin. Sie wird dich dem Hof vorstellen, und dann wird es Essen und Unterhaltung geben. Nach dem Festmahl wird von dir erwartet, dich unter die Leute zu mischen und ihnen Gelegenheit zu geben, dich zu treffen.“

„Das ist das Protokoll? Thanksgiving bei den Schwiegereltern?“

Etwas Ähnliches wie ein echtes Lächeln brachte etwas Licht in ihre Augen. Meine Drüsen flippten nicht aus, als ich es sah. Gar nicht.

„Nicht ganz“, sagte sie. „Es gibt zwei Gesetze, die jeder unter Androhung der Todesstrafe befolgen muss.“

„Nur zwei? Mann, wovon leben die Anwälte der Winterfeen bloß?“

„Erstens“, sagte Sarissa und ignorierte meinen dummen Spruch, „darf kein Blut auf dem Boden des Hofes vergossen werden, wenn die Königin es nicht ausdrücklich befiehlt.“

„Kein Mord ohne ihre vorherige Zustimmung. Verstanden. Zweitens?“

„Niemand darf die Königin ansprechen, wenn sie es nicht ausdrücklich befiehlt.“

Ich schnaubte. „Ernsthaft? Ich halte nicht gern den Mund. Ehrlich gesagt bin ich sogar ziemlich sicher, dass ich das gar nicht kann. Es ist eine physische Unmöglichkeit. Wahrscheinlich ein Trauma aus einer Prägungsphase. Hast du je Spiderman-Comics, gelesen als du ...“

„Harry.“ Sarissa Stimme klang plötzlich angespannt. Sie legte eine Hand auf meinen Arm, und ihre schmalen Finger waren wie schwere Drähte. „Niemand spricht zur Königin“, flüsterte sie nachdrücklich. „Niemand. Nicht einmal Lady Maeve wagt es, gegen dieses Gesetz zu verstoßen.“ Sie erschauerte. „Ich habe gesehen, was passiert. Wir alle haben es gesehen.“

Ich schürzte die Lippen und betrachtete einen Augenblick lang nachdenklich ihre Hand. Dann nickte ich. „Gut“, sagte ich, „ich habe verstanden.“

Sarissa atmete langsam aus und nickte.

Just in diesem Moment öffnete sich eine Tür, die ich zuvor nicht gesehen hatte. Sie befand sich in der Mitte einer Wand, die einfach wie eine Wand ausgesehen hatte. Cait Sith stand auf der anderen Seite. Er ignorierte mich ostentativ und richtete die goldenen Augen auf Sarissa. „Es ist Zeit.“

„Sehr gut“, sagte Sarissa. „Wir sind soweit.“

Ich erhob mich und bot Sarissa eine Hand zum Aufstehen an. Sie ergriff sie und hakte sich dann bei mir unter. Ihre Finger drückten kurz meinen Oberarm, dann drehten wir uns um und folgten Cait Sith einen weiteren Flur entlang.

Sarissa lehnte sich ein wenig näher und flüsterte: „Du weißt, was das hier ist, oder?“

Ich knurrte leise. „Ja. Mein erster Tag im Gefängnishof.“

4. Kapitel

Sith führte uns noch einen weiteren Flur entlang, der dunkler war als die anderen, bis ich den Malk im Dämmer schließlich gar nicht mehr sehen konnte. Stattdessen bildete sich eine dünne, phosphoreszierende Schicht in Form seiner Pfotenabdrücke auf dem Boden, die genug Licht für uns spendete. Ich spürte, wie Sarissa neben mir immer angespannter wurde; aber sie sagte nichts. Kluges Mädchen. Wenn hier irgendetwas plötzlich aufsprang und uns fressen wollte, würden wir es zuerst hören.

Das Geräusch unserer Schritte auf dem Boden veränderte sich, und ich merkte, dass wir einen großen, offenen Raum betreten hatten. Die leuchtenden Pfotenabdrücke vor uns verschwanden.

Ich blieb stehen und zog Sarissa näher zu mir. Wieder blieb sie völlig still und rang nur kurz nach Luft.

Leise Augenblicke vergingen.

„Sith“, flüsterte ich, „du bist ein verdammt schlechter Fremdenführer. Es ist mir egal, wie groß dein Schatten ist.“

Meine Stimme hallte hohl wider, während ich wartete, aber anscheinend wusste Sith nichts zu antworten. Nach einigen Augenblicken griff ich nach meinem Amulett und zog es unter dem Anzug hervor.

Ich hielt es hoch und konzentrierte mich, schickte ein Fünkchen meines Willens in das Konstrukt. Einen Atemzug später begann es, blauweiß zu leuchten. Ich hielt es hoch und sah mich um.

Wir befanden uns in einer weiteren Eishöhle, die voll war mit riesigen, bizarren ... Strukturen, ein anderer Begriff dafür fiel mir nicht ein. Ich hätte sie Skulpturen nennen können, nur dass niemand Skulpturen von der Größe eines Gebäudes herstellte, nicht mal aus Eis. Ich sah mich langsam um. Die Strukturen hatten etwas Seltsames an sich, aber auch etwas beinahe ...

Sarissa sah sich auch um. Sie wirkte konzentriert, aber nicht ängstlich. „Sind das ... riesengroße Möbel?“

... Alltägliches.

Die Strukturen waren tatsächlich Skulpturen im Maßstab von ungefähr eins zu acht. Skulpturen eines Sofas, zweier bequemer Sessel, eines gemauerten Kamins, von Bücherregalen ... Mab hatte meine alte Kellerwohnung in Eis nachgebildet, bis zu den Teppichen, die auf dem Boden ins Eis geschnitzt waren.

Ich hatte etwa eine Sekunde Zeit, das Ganze auf mich wirken zu lassen, bis die Höhle in Geräuschen, Farben und Bewegungen explodierte. Eine Welle aus purem Geräusch brandete gegen mich, während plötzlich eine Armee aller dunklen Gestalten, die jemals in einem Märchen vorgekommen waren, am Rande meines Lichtkreises sichtbar wurden. Ihre Schreie kamen von überall.

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