Beschreibung

Als Anna Lehmanns Leiche gefunden wird, offenbart sich den Kripobeamten ein tragisches Schicksal: Anna litt seit Jahren unter den Stalking-Attacken ihres Ex-Mannes und sah sich gezwungen, komplett unterzutauchen. Ihre einzigen Sozialkontakte waren ihre beste Freundin Kira und ihre Mutter. Die Ermittlungen der Polizei erstrecken sich auf das Umfeld des hauptverdächtigen Ex-Mannes. Als Kira die Mutter im Pflegeheim aufsuchen und mit ihr über den Tod Annas sprechen möchte, ist kein Durchkommen zu der alten Dame zu erlangen. Das Pflegepersonal scheint Kira mit fadenscheinigen Gründen davon abzuhalten, Frau Lehmann zu sehen. Der Spürsinn der Journalistin ist geweckt: Was hat das Pflegehospiz zu verbergen? Eiskalte Seelen erzählt von ergreifenden Verbrechen im besinnlichen Weihnachtsmonat Dezember aus der großen Serie „Kalender-Thriller“ von Knaur: Seit April 2014 erscheint alle vier Wochen eine monatlich passende Folge, so dass wahre Thriller- und Krimi-Addicts immer den passenden Nachschub zur Hand haben.

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MOBI

Seitenzahl: 107


Petra Mattfeldt

Eiskalte Seelen

Kalender-Thriller: Dezember

Knaur e-books

Über dieses Buch

Als Anna Lehmanns Leiche gefunden wird, offenbart sich den Kripobeamten ein tragisches Schicksal: Anna litt seit Jahren unter den Stalking-Attacken ihres Ex-Mannes und sah sich gezwungen, komplett unterzutauchen. Ihre einzigen Sozialkontakte waren ihre beste Freundin Kira und ihre Mutter. Die Ermittlungen der Polizei erstrecken sich auf das Umfeld des hauptverdächtigen Ex-Mannes. Als Kira die Mutter im Pflegeheim aufsuchen und mit ihr über den Tod Annas sprechen möchte, ist kein Durchkommen zu der alten Dame zu erlangen. Das Pflegepersonal scheint Kira mit fadenscheinigen Gründen davon abzuhalten, Frau Lehmann zu sehen. Der Spürsinn der Journalistin ist geweckt: Was hat das Pflegehospiz zu verbergen?

Inhaltsübersicht

Sonntag, 8. Dezember, 7:05 UhrMontag, 9. Dezember, 10:20 UhrDonnerstag, 12. Dezember, 10:40 UhrFreitag, 13. Dezember, 8:40 UhrFreitag, 13. Dezember, 11:58 UhrEpilog
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Sonntag, 8. Dezember, 7:05 Uhr

Der Anblick schlug ihm tatsächlich auf den Magen. Es musste eine Menge Wut im Spiel gewesen sein, die Frau so zuzurichten. Ihm war kalt, eiskalt, und der Anblick des geschundenen Körpers, gepaart mit der Tatsache, dass er so früh am Morgen noch keinen Bissen durch den Hals gebracht hatte und sein Magen nun rebellierte, trug ein Übriges zu seinem Unwohlsein bei. Trotz der Handschuhe ballte Kriminalhauptkommissar Alexander Lautenbach seine Hände mehrmals zu Fäusten, um diese nicht zu kalt werden zu lassen. In der vergangenen Nacht hatte es erstmals keinen Neuschnee gegeben. Die Leiche konnte also nicht länger als einen Tag daliegen, sonst wäre sie ebenfalls mit einer weißen Schicht bedeckt. Lautenbach besah sich die Spuren rund um den toten Körper. Hier hatte eindeutig ein Kampf stattgefunden, der auf so blutige Weise sein Ende gefunden hatte. Nachdem er sicher war, dass sein Magen ihm keinen Streich spielen würde, besah er sich die Tote genauer. Trotz der massiven Gewalteinwirkung sah die Tat für ihn nicht nach einem klassischen Overkill aus, bei dem der Täter weiterhin würgt, zusticht oder eine Schusswaffe gebraucht, obwohl das Opfer bereits tot ist. Hier war es anders. Das Gesicht der Frau war vollends zerschlagen und der Kiefer zertrümmert, fast so, als hätte der Täter ihre Identität komplett auslöschen wollen. Sämtliche Gesichtsknochen waren so eingeschlagen worden, dass sich dort, wo früher einmal Augen, Nase und Mund gewesen waren, nun nichts als eine breiige, durch die tiefen Temperaturen gefrorene rote Masse befand. Zusätzlich waren der Frau alle Finger abgeschnitten worden. Ob vor ihrem Tod als Form der Folter oder erst danach, würde die spätere Autopsie ergeben. Sie war mit einer hellen Jeanshose, einem schwarzen Rollkragenpullover und einem dunklen Mantel bekleidet. Laut den Polizisten, die als Erste am Tatort gewesen waren, wurde weder eine Handtasche oder auch nur ein Portemonnaie mit Papieren gefunden. Und auch sonst trug die Tote nichts bei sich, das in irgendeiner Form die Identifizierung erlaubte.

Der Kriminalhauptkommissar der Kripo Verden bezweifelte, dass eine Rekonstruktion des Gesichts möglich sein würde. Auch über mögliche zahnärztliche Unterlagen würden sie bei dem Zustand des Kiefers nicht weiterkommen.

Sein Blick fiel auf den groben Holzstumpf, der etwa einen halben Meter entfernt am Boden lag und über und über mit Blut bedeckt war. Vermutlich hatte er dazu gedient, das Gesicht der Toten zu zerschlagen. Er blickte sich weiter um, konnte jedoch die fehlenden Finger nirgendwo entdecken. Vorsichtig zog Lautenbach den Rollkragenpullover am Hals ein Stück herab. Die Haut wies deutliche Würgemale auf. Der Kommissar stand wieder auf, sah sich um. Die Fundstelle der Leiche war nicht besonders weit von dem Weg entfernt, der von der Landstraße abging und in dieses Waldstück führte. War der Täter hier zufällig auf das Opfer gestoßen, oder waren die beiden womöglich zusammen hierhergefahren? Auf den ersten Blick deutete nichts auf ein Sexualdelikt hin, jedoch konnte der Schein trügen. Wie immer würde erst die Autopsie der Leiche definitive Ergebnisse bringen. Mit einem Seufzen wandte er sich von der Toten ab und überließ die sterblichen Überreste den Kollegen der Spurensicherung, die mit ihren weißen Anzügen den Tatort belegten.

»Alexander!«, rief ihm einer der Polizisten hinterher.

»Ja?« Er drehte sich noch mal um.

»Hier.« Der Polizist streckte ihm ein Handy in einer durchsichtigen Tüte entgegen. »Das haben wir eben bei der Toten gefunden. Ganz schön verrückt. Es war in einer Art Geheimfach in ihrem Mantel versteckt.«

»Wirklich?« Lautenbach nahm das Gerät entgegen. »Ungewöhnlich«, murmelte er und drückte mehrfach durch die Folie hindurch die Einschalttaste.

»Haben wir auch schon versucht. Der Akku ist wohl leer. Kein Wunder, bei diesen Temperaturen.«

»Im Präsidium wird schon ein passendes Ladekabel zu finden sein. Ich lass es untersuchen und werde dann mal sehen, ob ich’s zum Laufen bringe. Danke.«

»Ich geb denen von der Spurensicherung Bescheid, dass du das Handy direkt mitgenommen hast.«

»Okay. Danke. Und sag dem Jäger, der die Leiche gefunden hat, dass er hier nicht weiter warten muss. Fürs Erste hab ich das Wichtigste zusammen.«

Der Polizist sah zu dem Mann hinüber, der laut seiner Angaben am frühen Morgen mit seinem Jagdhund die gleiche Strecke wie jeden Tag gegangen war, diesmal jedoch den scheußlichen Fund gemacht und sofort die Polizei verständigt hatte. »Der wird froh sein, nach Hause zu können. Ich sag ihm, dass er später noch seine Aussage auf dem Präsidium machen soll.«

»Danke.« Alexander Lautenbach schlug den Kragen seines Mantels höher. »Ich fahr wieder. Bis später dann, und ach ja – einen schönen zweiten Advent!«

»Ebenso.«

* * *

Beim ersten Klingeln zuckte Kira zusammen. Eben noch hatte sie fest geschlafen, doch sofort war sie wach. Zittrig tastete sie nach dem Handy, das griffbereit auf ihrem Nachttisch lag. Sie kannte die Nummer nicht, die im Display erschien. Sofort schlug ihr Herz rascher, Unruhe nahm von ihr Besitz.

»Ja?« Mehr sagte sie nicht, und auch dieses kurze Wort brachte sie nur zögerlich hervor.

»Mit wem spreche ich, bitte?«, fragte eine Männerstimme, die sie nicht kannte.

Kira schwieg, lauschte nur.

»Hallo? Sind Sie noch dran? Mit wem spreche ich?«

»Sie haben sich verwählt«, entgegnete sie leise.

»Sagen Sie mir bitte Ihren Namen«, forderte die Männerstimme nun eindringlich.

Kurz überlegte sie, einfach aufzulegen.

»Kennen Sie eine Frau, etwa Anfang bis Mitte dreißig, dunkle Locken? Ich habe Ihre Telefonnummer aus dem Handy der Frau.«

Die Frage schnürte ihr die Kehle zu. »Was ist mit ihr?« Ihre Stimme klang wie ein heiseres Krächzen.

»Mein Name ist Kriminalhauptkommissar Lautenbach. Wenn Sie die Frau kennen sollten, wäre es sehr wichtig, dass wir uns unterhalten.«

Kira schluckte schwer. Ihr Herz krampfte. »Ist sie tot?«, war das Einzige, was sie noch hervorbrachte. Bang umklammerte sie ihr Telefon.

»Sagen Sie mir bitte Ihren Namen«, forderte der Ermittler.

»Kira Seeger.«

»Sind Sie mit der Frau befreundet oder verwandt? Können Sie mir den Namen sagen?«

»Ihr Name ist Anna Lehmann. Sie ist meine Freundin.« Ihre Stimme brach in einem Schluchzen. »Er hat sie also gefunden.«

»Wer?«

»Ihr Ex-Mann.«

»Frau Seeger, ich müsste wirklich dringend in Ruhe mit Ihnen sprechen. Wäre das möglich?«

Sie sah auf die Uhr. Kurz vor acht. »Ich wohne in der Goethestraße, Hausnummer 4. Kommen Sie vorbei.«

»In Ordnung. Ich bin in etwa fünfzehn Minuten bei Ihnen.«

»Ist gut. Bis dann.« Ohne seine Antwort abzuwarten, drückte sie die rote Taste des Handys und ließ sich auf ihr Bett zurückfallen. Einen Augenblick lag sie wie leblos da, dann kamen die Tränen. Als es schließlich eine Viertelstunde später klingelte, meinte sie, gerade erst das Telefonat beendet zu haben. Mit bleiernen Schritten schleppte sie sich hinüber zur Wohnungstür und drückte die Taste der Gegensprechanlage. »Ja?«

»Alexander Lautenbach, wir haben telefoniert.«

»Zweiter Stock links.« Sie drückte den Summer, ging zurück in ihr Schlafzimmer, zog sich eine Jogginghose und einen Pullover über und kam wieder zur Tür. Ihr Besucher war inzwischen oben angekommen und hatte abermals geklingelt.

»Kommen Sie rein.« Sie öffnete gerade einmal so weit, dass er eintreten konnte. Den Ausweis, den er ihr entgegenhielt, sah sie sich nur kurz an. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass er war, für wen er sich ausgab. Auch war sie sicher, den Grund zu kennen, weshalb er sie aufsuchte. Anna war tot. Das ganze Verstecken hatte nichts genützt. Kira schloss kraftlos hinter Lautenbach wieder ab und deutete nach links. »Lassen Sie uns in die Küche gehen.« Ihr war, als müsse sie sich dringend setzen, damit ihre Beine nicht nachgaben.

Der Kriminalbeamte konnte deutlich sehen, dass die junge Frau geweint hatte.

»Bitte.« Sie deutete auf einen der Stühle. »Möchten Sie einen Kaffee?«

»Machen Sie sich keine Mühe.«

»Ich werde sowieso einen trinken. Also, wollen Sie?«

»Dann gern.«

Sie holte zwei Tassen aus dem Schrank, schaltete die Maschine ein, schob eine Kapsel in den Schlitz und ließ die erste Tasse einlaufen. Lautenbach wunderte sich, dass sie ihm noch keine Frage gestellt hatte, wie es üblich war, wenn er derart schlechte Nachrichten zu überbringen hatte. Besonders, da der Anruf sie offensichtlich keineswegs kaltgelassen hatte. Erst als beide Tassen voll waren, kam sie damit zum Tisch herüber und setzte sich. Sie bot ihm weder Milch noch Zucker an.

»Wie ist sie gestorben?«

Er sah sie einen Moment lang an. Noch hatte er nichts davon erwähnt, dass ihre Freundin tatsächlich tot war. Doch für Kira Seeger schien kein Zweifel hieran zu bestehen.

»Dem ersten Anschein nach wurde sie erwürgt«, gab er schließlich zur Antwort, dann zog er einen Stenoblock und einen Kugelschreiber hervor. »Was können Sie mir über Ihre Freundin sagen? Sie deuteten vorhin etwas von einem Ex-Mann an?«

»Wir kennen uns schon, seit wir beide Kinder waren.« Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie trank einen Schluck Kaffee. »Ich war damals auch ihre Trauzeugin. Als sie heirateten, war alles wie im Märchen. Erst nach einem halben Jahr, als das Unternehmen, für das er gearbeitet hat, pleiteging und er arbeitslos wurde, veränderte Simon sich total.«

»Inwiefern?«

»Er wurde immer misstrauischer, gereizt, warf Anna irgendwelche Affären mit anderen Männern vor.«

»Hatte sie die?«

Kira lachte bitter auf. »Als ob. Die hat nicht nach rechts und nach links geguckt. Sie war total treu. Aber es gab dann immer wieder Streit, meistens täglich. Er hat ihr alle möglichen Vorhaltungen gemacht. Am Ende wollte er auch nicht mehr, dass wir beide uns trafen, weil er meinte, wir würden dann sowieso nur Männer aufreißen wollen.«

»Und dann hat sich Ihre Freundin getrennt?«

Kira nickte, biss sich auf die Lippen. »Als sie sich wieder mal gestritten hatten, hat Simon sie geschlagen und für vier Tage zu Hause eingesperrt. Er hat ihr sogar verboten, zur Arbeit zu gehen, und dort angerufen und seine Frau krankgemeldet. Weil sie nicht mal auf SMS geantwortet hat, bin ich irgendwann einfach hingefahren. Simon wollte mich nicht in die Wohnung lassen, hat mich an der Tür abgefertigt. Da habe ich sie aus dem Schlafzimmer heraus um Hilfe schreien hören.«

»Das war bestimmt ein Schock.«

»Allerdings. Ich bin auf die Straße gelaufen und hab von dort aus die Polizei angerufen.«

»War das hier in Verden?«

»Ja.«

»Gut. Wie lange ist das her?«

»Etwa vier Jahre.«

»So lange schon?«

»Ja. Anna ist zunächst zu mir gezogen, doch Simon hat ihr das Leben zur Hölle gemacht. Tag und Nacht Hunderte von Anrufen, zerstochene Reifen, zerkratzter Autolack. Einmal lag sogar eine tote Katze, der der Kopf abgetrennt worden war, auf ihrer Motorhaube.«

Alexander Lautenbach sog hörbar Luft ein.

»Wenn sie einkaufen ging«, fuhr Kira fort, »stand er im Supermarkt ganz zufällig am gleichen Regal. Wenn sie zur Arbeit ging, ist er ihr gefolgt. Und auch da hat er mit dem Terror nicht aufgehört. Deshalb bekam sie da auch richtig Ärger.«

»Wo hat Frau Lehmann denn gearbeitet?«

»Damals in einer Bank, doch weil es immer schlimmer wurde, hat ihr Chef ihr geholfen, in einer Filiale in Düsseldorf unterzukommen. Wir dachten alle, es wäre das Beste, wenn sie für eine Zeitlang wegzieht.«

»Hat Frau Lehmann Anzeige gegen ihren Ex-Mann erstattet?«

Kira verzog spöttisch das Gesicht. »Oh ja.« Es klang gedehnt. »Wieder und wieder und wieder und wieder. Sie hat sich auch einen Gerichtsbeschluss besorgt, wonach er sich ihr nicht mehr als hundertfünfzig Meter nähern durfte. Doch das hat ihn gar nicht interessiert.«

»Also zog sie weg?«

Kira nickte. »Ganz recht. Aber das hat auch nichts gebracht, ganz im Gegenteil. Simon ist ihr hinterhergezogen, und da ging das gleiche Spiel direkt wieder von vorne los. Er hat ihr immer wieder gedroht, sie umzubringen. Doch Ihre werten Kollegen meinten nur, dass sie nichts weiter tun könnten.« Sie sah dem Ermittler tief in die Augen. »Na, jetzt hat er’s ja geschafft.«

Lautenbach ging nicht auf die letzte Bemerkung ein. Er wusste, wie schwierig es für Stalking-Opfer war, mit der Situation umzugehen. Doch die Polizei hatte nun einmal keine andere Möglichkeit, als im Rahmen des Gesetzes zu handeln. Und dieser war relativ eng gesetzt.