Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Eiskalter Atem - Alyxandra Harvey

Ein magisches Werk von Alyxandra Harvey   Emma und ihre Cousinen Gretchen und Penelope fühlen sich in ihrer Welt, die aus Bällen, lästigen Knicksen und höflichen Konversationen besteht, nicht wohl. Im elitären London des beginnenden 19. Jahrhunderts sind Bibliotheken und Waldspaziergänge anscheinend die besten Alternativen, um den heiratswütigen Herren zu entkommen. Doch dann wird ein Mädchen unter mysteriösen Umständen ermordet und alle Hinweise deuten auf Emma hin. Als sie versucht, der Sache selbst auf den Grund zu gehen, findet sie mehr über sich und die gefährliche Wahrheit ihres Familienvermächtnisses heraus, als ihr lieb ist. Zudem bietet der attraktive und geheimnisvolle Cormac Fairfax an, ihr bei den Ermittlungen zu helfen, doch sein Verhalten ist wenig vertrauenerweckend.

Meinungen über das E-Book Eiskalter Atem - Alyxandra Harvey

E-Book-Leseprobe Eiskalter Atem - Alyxandra Harvey

Titel der englischsprachigen Originalausgabe:

»A Breath of Frost«

Copyright ©2013 by Alyxandra Harvey

This translation of A Breath of Frost is published by

Papierverzierer Verlag by arrangement with

Bloomsbury Publishing Inc.. All rights reserved.

Copyright der deutschen Ausgabe ©2014 by

Papierverzierer Verlag, Essen

Übersetzung: Ann-Kathrin Karschnick

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Coverbild: Arndt Drechsler

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-944544-27-4

www.papierverzierer.de

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Eiskalter Atem

Daten
Teil 1 - Unerfahren
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Teil 2 - Ungebunden
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Teil 3 - Unverhüllt
Kapitel 46
Teil 4 - Ungebrochen
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Epilog
Vorschau
Die Autorin Alyxandra Harvey

Für meine Mutter.Je t’aime.

Teil 1

-

Unerfahren

Prolog

1814

In das Haus einer Toten einzubrechen, war ein Kinderspiel, denn sie konnte sich ja nicht wehren.

In das Haus einer toten Hexe einzubrechen war jedoch etwas ganz anderes.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Moira einem verirrten Magiefetzen ausweichen musste, war ebenso groß wie die, einem trauernden Verwandten zu begegnen.

Sobald eine Hexe starb, lösten sich viele ihrer Sprüche in Luft auf und ihre Auswirkungen waren im besten Falle unberechenbar. Wenn die Hausschutzzauber zuerst brachen, hatte Moira Glück. Aber vermutlich würde das alles ganz anders kommen und Mrs. Lawtons Geist würde sie die Treppen hinunterstoßen.

Doch egal, was sie erwartete, sie musste es riskieren. Der Einäugige Joe wollte das haben, was im Innern versteckt lag, auch wenn er in diesem Moment noch nicht wusste, dass es so war. Einen Tag später brächten sie den Leichnam der alten Dame zum Friedhof und Moira wollte nicht unter die Grabräuber gehen. Deshalb musste sie an diesem Tag handeln.

Seit mehr als einer Stunde hockte sie bereits auf dem gegenüberliegenden Dach und beobachtete, wie eine Petroleumlampe von Raum zu Raum wanderte. Auf einmal bewegte sich etwas. Ein Stück des schwarzen Bombasins hatte sich vom Gargoyle gelöst und flatterte träge im Abendwind. Der Gargoyle war ebenso verhangen wie vermutlich jeder Spiegel im Haus. Moira spürte die Trauer, die das gesamte Gebäude ausstrahlte und einhüllte. Gleichzeitig legte sich die Anspannung auf ihre Haut. Im Innern wartete ein Geist auf sie, von dem erwartet wurde, die Familie zu beschützen, während der Gargoyle schlief.

Endlich schwebte der Lichtschein in die obere Etage. Sie wartete eine weitere Stunde, nachdem es erloschen war, nur um sicherzugehen. Sie wünschte sich Erdbeere an ihre Seite, denn dann hätte sie wenigstens jemanden zum Reden gehabt. Aber ihre Freundin erledigte einen anderen Auftrag. Und einen der anderen Jungs nahm sie nur im äußersten Notfall mit. Diese Halsabschneider verlangten den größeren Anteil alleine dafür, anwesend zu sein. Sie stahl seit ihrem neunten Lebensjahr und verschacherte es im Anschluss an den Meistbietenden, während einige dieser Jungs kaum wussten, wie man einen Dietrich benutzte. Nein, dann lieber auf eigene Faust losziehen und die Bezahlung alleine kassieren.

Sie sprang leichtfüßig über die Lücke zwischen den beiden Dächern und rutschte eine Regenrinne bis zum Salonfenster auf der Nordseite des Gebäudes hinunter. Es war Tradition, das Fenster offen zu lassen, damit der Geist hindurchfliegen konnte. Moira stieg unbeeindruckt hinein. Es störte sie nicht, sich den Durchgang mit einem Geist teilen zu müssen. Auf den Dächern lebte sie mit Vampirtauben, Ratten von der Größe eines Stachelschweins und Nigel dem Schnarcher. Schlimmer konnte die Begegnung mit einem Geist bei weitem nicht sein. Sie legte einen Muffin auf die Fensterbank, um den Geist zu beschwichtigen. Mrs. Lawton hätte vielleicht ebenso wie viele Geister Wein oder Süßigkeiten vorgezogen, aber Moira besaß nur noch ein Zitronenbonbon und sie sah nicht ein, das Bonbon einer toten Frau zu opfern, die nichts mehr schmecken konnte.

Sie schlängelte sich hinein, dankbar dafür, dass sie kein Korsett trug. Einer der Vorteile, ein Madcap zu sein. Keine lästigen Kleider und Bewegungsfreiheit zu jeder Zeit. Ihre Hose war zwar an einem Knie fransig und zwei Nummern zu groß, aber sie saß bequem. Und das war wichtiger als schick und angemessen auszusehen. Außerdem erlaubte die Hose ihr, sich so zu bewegen, dass sie sich bei ihrem Einbruch nicht die Wirbelsäule brach, was einem dieser adeligen Püppchen mit Sicherheit passiert wäre.

Im Haus roch es nach Whiskey, billigem Lampenöl und einem toten Körper. Zu ihrer Erleichterung roch sie keine Zitronenmelisse. Schwarzmagier rochen nach Zitronenmelisse, weswegen sie zumindest sicher sein konnte, nur eine einfache Hexe zu bestehlen. Schwarzmagier waren das Risiko einfach nicht wert. Lebend waren sie schon skrupellos, aber im Tod überboten sie diese Grausamkeit noch.

Moira stockte, wartete darauf, dass sich ihr Augenlicht an die Dunkelheit gewöhnte, um ihre Umgebung zu untersuchen. Die auf die Türschwelle und Fensterbänke gezeichneten Schutzaugen waren ebenso wie die Gargoyles in schwarzen Stoff gehüllt. In dem Raum befand sich das übliche Sammelsurium von Möbelstücken und nutzlosem Tand. Sie verstand nicht, wie Menschen mit so vielen Habseligkeiten in dermaßen beengten Behausungen leben konnten. Sie hasste es, wenn der Himmel sich nicht über ihr zeigte oder sie nicht mindestens sieben verschiedene, jederzeit nutzbare Fluchtwege kannte.

Moiras Füße brannten wie jedes Mal, wenn sich Ärger ankündigte. Sie versuchte es zu ignorieren und erinnerte sich daran, dass die Wände im schlimmsten Fall dünn genug waren, um sie mit einem Tritt zu durchbrechen.

Im oberen Stockwerk gab es zwei Räume und auf dem Dachboden hausten Mäuse. Sie hatte ihrenVertrautenam Morgen hineingeschickt, nur um sicherzugehen, dass sie keine Überraschungen erwarteten. Eine Katze alsVertrautenzu haben war so viel nützlicher als Wölfe oder Adler, wie sie die Edelhexen so begehrten. Vielleicht besaßen sie eine gewisseRomantikim Gegensatz zu einer Straßenkatze, aber man konnte die Anwesenheit eines Wolfs – und sei er nur besessen von einem Wolfs-Vertrauten‒in London schlecht erklären, oder? Katzen hingegen streunten überall herum und niemand achtete auf sie.

Es war eine dürre, rostbraun getigerte Katze mit gekrümmtem Ohr, die aus Moiras Brustkorb sprang. Das glühende Kribbeln in ihrer Ferse verklang zu einem unangenehmen Jucken. Das erste Mal als Marmelade, die Katze, ihren Körper verlassen hatte, hatte sie sich übergeben müssen. Im Anschluss hatte sie die ganze Nacht geweint, aus Angst den Verstand zu verlieren. Eine Katze, die aus ihrem Brustkorb kam? Das war doch nicht möglich! Der Einäugige Joe hatte sie dann gefunden, ihr Pfefferminztee gegeben und ihr von Hexen und Magie erzählt. Zunächst hatte sie ihn für verrückt erklärt, aber nach und nach konnte er sie überzeugen.

Er hatte ihr beigebracht, wie man Begegnungen mit dem Orden vermied, dass sie niemals einem Schwarzmagier etwas ohne Tarnung verkaufen sollte und ihrVertrauterihr engster Verbündeter war, ja wortwörtlich aus ihrer eigenen Magie entsprang.

Marmelade schlug mit ihrer geisterhaften Kralle gegen ihr Bein und holte sie damit aus ihren Gedanken an die Vergangenheit. Blut quoll aus dem Kratzer.

»Au, danke«, zischte sie. »Weißt du, ErdbeeresVertrauterist eine kleine, weiße Maus. Sie bringt ihr Blumen. Und du?« Marmelade wusste sehr wohl, dass ErdbeeresVertrautereine Maus war. Die beiden getrennt zu halten, war ein ständiger Kampf.

Zu ihrer Rechten dampfte die Magie, die an einem Geschirrschrank klebte, pink wie aus einer Teekanne. Die alte Lawton hatte aus Teeblättern gelesen und ihr Handwerkszeug und ihre magischen Artefakte vor Sabotage und Diebstahl gesichert. Zum Glück war Moira nicht an diesen Utensilien interessiert. Ansonsten hätte sie beim Stehlen vermutlich eine Handverloren. Oder weitaus mehr.

Sie schlich zum Esstisch. Auf einem weißen Tischtuch lag Mrs. Lawton in ihrem schönsten Kleid aufgebahrt. Ihr ergrautes Haar lockte sich um ihren Kopf und eine silberne Brosche steckte an ihrem Kragen. Moira ließ den Anstecker schweren Herzens zurück, obwohl er sicher eine Menge wert gewesen wäre. Sie wollte an diesem Tag etwas anderes stehlen.

Vorsichtig öffnete sie Mrs. Lawtons Augenlider. Sie fühlten sich wie steifgefrorenes Papier an. Das rechte Auge war trübe und starrte ins Leere, das linke hingegen war so klar und blau wie ein Kornblumenblatt.

Das Glasauge einer blinden, seit drei Tagen toten Hexe.

Sie löste es aus der Höhle, versuchte das widerwärtige Geräusch möglichst zu überhören, als es heraussprang. Sie verstaute es in der Tasche ihrer grün gestreiften Weste und wehrte sich gegen die Übelkeit, die in ihr aufstieg.

Sie legte eine Münze auf die Augenhöhle. Wenn man es bezahlte, war es kein Stehlen. Und wenn man den alten Geschichten glauben durfte, benötigte sie sowieso eine Münze, um die Überfahrt auf die andere Seite zu bezahlen. Moira hoffte, dass es den Geist lange genug zufrieden stellen würde, damit sie aus dem Fenster verschwinden konnte.

Es war nicht genug.

In der Sekunde fuhr Mrs Lawtons Geist aus ihrem Körper und kreischte: »Dieb! Dieb im Haus!«

»Mist!« Moira sprang vor Schreck in die Luft und stolperte rückwärts gegen die Wand. Verdammte Geister. Marmelade fauchte, ihr Fell richtete sich wie die Borsten einer Schuhbürste auf. Als niemand auf den Schrei reagierte, atmete sie erleichtert auf.

Im Gegensatz zu dem, was die Dichter behaupteten, schwebte Mrs. Lawton nicht wie Blütenstaub im Sonnenlicht oder wie das Mondlicht selbst auf sie zu. Sie sah eher aus, als ob sie sie gleich verschlingen wollte. Eine dünne Eisschicht breitete sich auf dem Dielenboden aus, als der Geist mit weit geöffnetem Mund auf Moira zuraste. Alles, was sie sah, waren die verrotteten Zähne. Der tote, eisige Atem stank nach Kröten, Pilzen und Moder.

Moira kramte in ihrer Westentasche nach einem Eisennagel, den sie vor einiger Zeit aus einer Dachlatte gezogen hatte, und steckte ihn sich zwischen die Zähne. Das Eisen half, aber es vertrieb Mrs. Lawton nicht völlig. Die Geisterhände legten sich um Moiras Kehle. Ihre Berührung brannte, während sich gleichzeitig die Kälte durch ihre Haut fraß.

Normalerweise hätte Mrs. Lawton nicht in der Lage dazu sein dürfen, sie zu berühren, erst recht nicht als kürzlich Verstorbene. Es gab Schutzzauber über London. Schlösser für die mystischen Tore und Portale. Bannzauber. Den Orden.

Mrs. Lawton schienen diese Sicherheitsvorkehrungen nicht zu interessieren.

Und für eine alte Dame hatte sie darüber hinaus einen verdammt festen Griff.

Moiras Füße brannten wie Feuer, als ob sie nicht ohnehin schon wusste, dass sie dort raus musste. Sofort. Sie fühlte sich matschiger als eine zerkochte Kartoffel. Ihre Sicht verschwamm und Sterne tanzten vor ihren Augen.

Marmelade stieß in diesem Moment die Teekanne um. Der Griff verhinderte, dass die Kanne von der Anrichte fiel.

Mrs. Lawton drehte ihren phosphoreszierenden Kopf so schnell herum, dass ihr Nacken knackte.

Doch Marmelade spielte mit der Teekanne, so als ob es Erdbeeres Maus wäre, rollte sie noch näher an die Kante der Anrichte. Mrs. Lawtons Griff lockerte sich. Sie mahlte so wild mit den Zähnen, dass einer ausfiel, sich materialisierte und auf dem Boden aufschlug.

Marmelade stieß beinahe beiläufig gegen die Teekanne, und als sie abzustürzen drohte, streckte Mrs. Lawton die Hand danach aus, ohne weiter auf Moira zu achten. Froh, wieder frei zu sein, griff Moira nach dem Zahn der toten Frau und verstaute ihn in ihrer Westentasche, ehe sie aus dem Fenster floh. Sie hetzte die erste Regenrinne hinauf, die sie fand, warf sich flach auf das Dach und rang nach Atem. Ihre schwarzen Haare verhedderten sich in den Dachschindeln. Ein Nachbar brüllte irgendwo in der Nähe aus der Tür heraus.

Als Marmelade neben ihr landete, rollte Moira blitzschnell herum, stellte sich auf die Füße, zog einen Dolch und richtete ihn auf den Eindringling. Die Katze leckte sich unbeeindruckt ihre Pfote. Moira lachte zittrig. »Das verlief nicht ganz nach Plan, Marmelade«, sagte sie. »Lass uns nach Hause gehen.«

Sie balancierte auf dem Dachfirst wie ein Zirkusmädchen, ohne nach unten zu schauen. Als sie die Kante erreichte, wandte sie sich nach rechts, in der Absicht nach Hause zu gehen.

Augenblicklich nagte ein Schmerz an ihr, als ob ein Schwarm wütender Bienen in ihren Schuhen hauste.

Sie kam ins Straucheln, stoppte und fluchte. Sie wollte auf ihr Lieblingsdach. Auf die Schieferziegel, die im Sommer die Wärme speicherten. Das Loch, das sie mit Stroh ausgestopft hatte, um es als Kissen zu nutzen. Ebenso wie jeder andere Madcap kümmerte sie sich um die Dächer. Ein Loch bedeutete Leitern und die wiederum bedeuteten Dachdecker oder manchmal die Graubärte vom Orden mit ihren Zaubersprüchen und spitzen Schwertern. So oder so kümmerte sie sich lieber um ein Dach, als das Gefängnis oder die Vertreibung aus der Stadt zu riskieren. Im East End verschwendeten die meisten Ladenbesitzer ihre Zeit nicht damit, auf die Dächer zu schauen. Warum sollten sie auch? Der Madcap kümmerte sich um das Dach, dafür ließ der Ladenbesitzer ihn in Ruhe da oben leben.

Im Mayfair-Viertel gab es hingegen keine stumme Übereinkunft. Dort verzauberten sie die Dächer, um Moira und ihre Art fernzuhalten und die Gargoyles zu knechten. Ein Madcap mochte vielleicht nicht viel wissen oder besonders schick angezogen sein, aber wie man einen Gargoyle beschwichtigte, wussten sie schon lange. Abgesehen von der abweisenden Art des Mayfair-Viertels bevorzugte Moira sowieso lieber das East End. Heimat war nun einmal Heimat, egal wonach es roch und wie viele hungrige, verrückte Geister einen jagten.

Dazu war es im East End sicherer, solange sie sich an die Schornsteine und die Dachschindeln hielt. Mrs. Lawton konnte ihr nicht folgen, solange ihr Körper aufgebahrt war. Und jeder Madcap kratzte Symbole in die Dachziegel, um die anderen vor instabilen Dachkonstruktionen, Ungeziefer, Graubartpatrouillen und Anwerbern zu warnen. Die waren sogar noch schlimmer als die Damen, die mit ihren Körben für die Armen und ihren Flugblättern über das gefährliche Leben auf der Straße daherkamen. Als ob irgendein Straßenjunge, Madcap oder der einfache Waise jemals St. Giles oder Whitechapel vorziehen würde, weil es die lebenswertere Alternative wäre. Dazu müsste man nur ihren Bruder fragen.

Damals, bevor der Orden ihn erwischt hatte.

Ein Schwarm Vampirtauben kreiste über ihrem Kopf, so dass unter ihr Kinder schreiend Deckung suchten. Sie schnaubte abschätzig. Ein Madcap ließ sich nicht von einer Taubebeeindrucken. Im Gegenteil. Sie hatten sie mit denblutigenÜberresten der Metzgerbuden vom Markt inLeadenhalltrainiert. Die Tauben stellten eine der wenigen Waffen dar, die sie gegen die Graubärte und zuweilen auch gegen diegewöhnlicheNachtwache einsetzen konnten. London war nicht besonders freundlich zu den Armen und den übersinnlich Begabten.

Trotzdem zog sie es vor, gekrümmt um einen Kaminschacht zu schlafen, um nicht zu erfrieren, solange das bedeutete, dass sie sich keiner höheren Macht unterwerfen musste. Sie wollte ihr eigener Herr bleiben. Schmutz und kalter Regen schreckten sie nicht ab. Die Vorstellung, dass ein Graubart sie fing, ihre Seele extrahierte und in eine Flasche wie einen billigen Apfelwein verkorkte, sorgte hingegen für ein Zittern in ihrem ganzen Körper.

Sie mochte Mayfair nicht besonders, was in Ordnung war, da die Einwohner genügend Eigenliebe für ihr Viertel entwickelt hatten, um ganz London damit zu versorgen.

Umso mehr wunderte sie sich, dass das Brennen in ihren Füßen sie genau in diese Richtung trieb.

Moira lief los. Dass das Ignorieren ihrer juckenden Füße sie in Lebensgefahr bringen konnte, wusste sie nicht erst seit ihrem Zusammenstoß mit Mrs. Lawton. Das letzte Mal hatte es sie zu einer anderthalbstündigen Flucht vor der Nachtwache geführt, nachdem sie beim Stehlen einer Handvoll Taschenuhren erwischt worden war. Der Orden würde sie vielleicht bis in alle Ewigkeit binden, aber die Nachtwache verpasste ihr Handschellen und steckte sie in ein Armenhaus. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken daran. Ihre Hosenbeine wellten sich über ihren Knöcheln, so dass sie die Insignien der Schnelligkeit auf ihren Schuhen überprüfen konnte. Sie hielt sich südlich vom Newgate Gefängnis, raste an Kurtisanen vorbei, die außerhalb des Theaters an der Drury Lane auf Kundschaft warteten, und lief am Ufer entlang zur Pall Mall.

Alles nur, weil ihre Zehen juckten.

Die Gassen zwischen den Gebäuden wurden breiter. Sie ließ die Geschäftshäuser hinter sich, die sich wie neureiche Lackaffen nach dem letzten Saufgelage gegenseitig stützten. Statt auf abgenutzten Schindeln lief sie nun auf kupfernen Abdeckblechen und marmornen Säulen. Die Clubs und Läden strahlten mit ihren bleichen Fassaden wie Knochen. Sie wollte auf einem der Flachdächer nach Luft schnappen. Ihre Lunge gierte nach Sauerstoff, aber kaum hielt sie ein paar Sekunden an, stach es von ihren Knöcheln hinauf in ihre Knie.

Der Schmerz ließ nur nach, wenn sie sich von ihrem Heimatviertel entfernte und weiterlief: immer in Richtung Grosvenor Square. Es musste von allen Plätzen, Herrenhäusern, Säulen und Balkonen ausgerechnet Grosvenor Square sein. Ein einziges dieser Herrenhäuser hätte einen ganzen Wohnblock in Whitechapel in sich aufnehmen können. Sie dienten den Aristokraten und Adligen als Unterkunft und keinem schmutzigen Madcapmädchen, das sich zudem noch als Junge ausgab und mit Taschen voller Diebesgut herumrannte. Auch die Verarbeitung der Gargoyles wandelte sich mit jedem Schritt, der sie weiter von ihrer Heimat entfernte. Die Steinfiguren waren kunstvoll aus rosafarbenem Stein und Marmor geschliffen und ragten in die Höhe. In East End hingegen wirkten die grob aus Flusssteinen gehauenen Gargoyles wie Figuren, die Moira als Kind im Matsch gebaut hatte. Nichtsdestotrotz stanken sie alle nach Magie, dieser eigentümliche Geruch aus Fenchelsamen und Salz.

Sie lief weiter, obwohl sie nicht wusste, warum. Der Schmerz zwang sie dazu.

Moira warf einen Blick über die Schulter. Ein Fehler, wie sie sofort bemerkte!

Sie verlor den Halt und schlidderte das Dach eines Erkers hinunter. In letzter Sekunde griff sie nach der Kante des Dachs und klammerte sich mit magischer Unterstützung daran fest. Zwar besserten sich die Schmerzen in ihren Füßen, verlagerten sich aber jetzt in ihre Finger. Sie verkrampften sich und Moira hatte Mühe, sich festzuhalten. Zu ihrem Bedauern hatte sich ihre Situation kaum verbessert.

Aber was konnte sie schon von Magie erwarten, die ihre Füße jucken ließ?

Die Symbole auf ihren Schuhen verliehen ihr zwar auf den Dächern die Trittsicherheit einer Katze, aber sie verhalfen ihr nicht zum Fliegen.

Zu allem Überfluss brannten ihre Arme vor Schmerzen. Und sofern jemand hinter dem Fenster sie gesehen hätte, wäre sie als Einbrecherin verhaftet und abtransportiert worden. Nein, das wollte sie nicht zulassen. Sie biss die Zähne zusammen, schwang sich selbst wie eine Kirchenglocke hin und her, bis sie genug Schwung aufgebaut hatte und losließ. Fliegen fühlte sich sehr nach Fallen an, stellte sie fest und schlug gegen das Steildach eines Stalls. Der Aufprall presste ihr die Luft aus den Lungen. Aufgeschreckt durch den Lärm ihres Aufschlags, begann der Pudel des Nachbarn zu bellen.

Überall um sie herum knackten mit einem Mal Steine, Schindeln splitterten. Es übertönte selbst das Klappern der Fuhrwerke auf den Straßen, die unruhigen Pferde im Stall und ein Orchester, das für die wohlhabenden Bewohner spielte. Moira keuchte entsetzt. Sie tanzten und lachten, während über ihnen die Schutzzauber brachen, von denen sie nicht einmal wussten, dass sie sie beschützten.

Moira blickte hinauf zu den Dächern, ihrer Heimat, die sich gerade in Wohlgefallen auflöste.

Gargoyles aller Größen und Formen, lachten und grinsten höhnisch, als sie ihre Posten verließen. Einige zerfielen zu Staub, aber viele – viel zu viele – hoben von den Dächern, Gaubenfenstern und Regenrinnen ab. Ihre ledrigen, spröden Flügel streckten sich, als sie davon flogen. Schindelbruchstücke und Steinreste fielen von ihnen ab und regneten auf London nieder. Niemals zuvor hatte Moira so etwas gesehen. Mit jedem weiteren Flügelschlag realisierte sie, was gerade passiert war.

Nachdem die Gargoyles verschwunden waren, waren die Dächer nicht mehr sicher.

London war nicht mehr sicher.

Kapitel 1

Es war die langweiligste Veranstaltung des ganzen Jahres. Emma waren schnittige, junge Gentlemen versprochen worden, die mit ihr bis zur Morgendämmerung über die Tanzfläche schweben würden, und die sie heimlich im schummrigen Garten küssen könnte. Stattdessen musste sie aufpassen und den Zierbärten der alten Witwer ausweichen‒die einzigen männlichen Gäste, wie sie mit Entsetzen festgestellt hatte, sonst wäre sie noch dazu gezwungen worden, mit ihnen zu tanzen. Auf die Duftmischung aus Lavendelwasser und Arthritiscreme konnte sie gut verzichten. Zum Glück war sie nicht das einzige Mädchen auf der Feier, aber ansonsten war sie nur von Mauerblümchen umgeben.

Emma seufzte. Es gab nur eines, was schlimmer war, als ein Mauerblümchen zu sein: Ein Mauerblümchen zu sein, das in unbequeme, viel zu enge Schuhe gezwungen wurde, zuzusehen, wie die Debütantinnen ihr mitleidige Blicke zuwarfen und die wenigen jungen Männer nicht einmal ihre Anwesenheit bemerkten. Sie hasste es.

Sie sehnte sich nach den Wäldern rund um Berkshire, nach den Sternen über ihrem Kopf.

Emma unterdrückte ein Gähnen. Wenn ihre Anstandsdame das bemerkte, würde sie auf der Rückfahrt mit Sicherheit ein Vortrag erwarten.Gähnen ist in keiner Weise schicklich und zudem mehr als unhöflich!Die Stimme ihrer Anstandsdame hallte in ihren Gedanken nach. Diesen Vortrag kannte sie wie einige andere bereits auswendig.

Emma, wie kannst du nur mit dem Fuß zur Musik wippen?

Emma, du hast viel zu viele Häppchen vom Backwarenbuffet gegessen. Was sollen denn die Herren von dir denken?

Emma, ich habe genau gehört, wie du laut wie ein räudiges Straßenmädchen gelacht hast. So etwas schickt sich nicht für eine junge Lady!

Kurzum: Alles, was auch nur ansatzweise Spaß machte, wurde ihr verboten.

Erschwerend kam hinzu, dass ihre Cousinen sich mal wieder aus dem Staub gemacht hatten. Gretchen versteckte sich in der Bibliothek und Penelope hatte sich zusammen mit dem stattlichen, muskulösen Mr. Cohen in den Garten zurückgezogen. Irgendwie gelang es Penelope, unangemessene Flirts zu haben und ungestraft davonzukommen. Aber aufgrund dieses Talents blieb Emma mal wieder alleine auf dem Debütantinnenball zurück.

Wenn wenigstens Lord Durntley straucheln würde, während er mal wieder auf Lady Angeliques Busen starrte. Wenn er nur den Diener dabei umreißen und sich das Tablett Puddingtörtchen über das schlecht sitzende Toupet von Lord Beckett ergießen würde.

Wenn nur irgendetwas Interessantes passieren würde.

Sie lehnte sich gegen die Wand, obwohl es jungen Damen untersagt war, sich anzulehnen, krumm zu sitzen oder sich überhaupt in irgendeiner Form zu beugen.

Da ihr nichts mehr blieb, um sich abzulenken, kramte sie einen winzigen Flakon aus ihrer Damenhandtasche. Wie immer wickelte sie das Band vom Flaschenhals um ihren Finger und ließ das Kerzenlicht durch das trübe Innere scheinen.

Dieser Flakon faszinierte sie jedes Mal neu. Äußerlich wirkte es wie ein seltsames Schmuckstück. Allerdings enthielt er einen Duft, den Emma niemals freiwillig gerochen, geschweige denn sich auf die Haut geträufelt hätte, wenn er nicht ihrer Mutter gehört hätte. Diese Flasche war eines der wenigen Erinnerungsstücke an ihre Mutter und sie trug es als eine Art Glücksbringer mit sich.

Emmas Gedanken schweiften in die Vergangenheit ab. Wenn sie es recht bedachte, war sie Theodora Day, Lady Hightower, nur drei Mal in ihrem Leben begegnet. Jedes Mal am Weihnachtsmorgen in ihrem Landhaus, wo sie von den Haushälterinnen, fünf Dienern und einem Onkel behütet wurde, den sie seither nicht mehr gesehen hatte.

Jeder Weihnachtsmorgen lief gleich ab. Ihre Mutter starrte von einem Sessel am Fenster nach draußen. Ihr Gesicht wirkte dabei so bleich, als ob sie dem Schnee auf der anderen Seite des Fensters Konkurrenz machen wollte.

Weder blinzelte sie, während Emma ihr ein Weihnachtslied sang, noch sprach sie jemals. Abgesehen von dem einen Mal, als Emma versucht hatte, ihre Hand zu halten. Allerdings wusste sie nicht, ob sie panisches Kreischen als Sprechen gelten lassen konnte.

Ein Kichern ließ sie aufsehen. Vier Debütantinnen mit ihren dazu gehörigen Anstandsdamen im Schlepptau liefen an ihr vorbei. Alle vier himmelten die jungen Söhne der Grafen und Barone an.

»Lady Emma«, sprach Daphne Kent sie förmlich und mit einem affektierten Lächeln auf den Lippen an. Emma unterdrückte ein Augenrollen. Ihre Familien waren miteinander befreundet und Daphne und sie kannten sich, seit sie Kinder waren. Aber nun, da sie der Öffentlichkeit präsentiert worden waren, mussten sie sich mit langweiligen Titeln ansprechen, voreinander knicksen und über banale Nichtigkeiten reden.

»Was für ein … einzigartiger Schmuck.« Emma verengte die Augen zu Schlitzen. Sie hatte das abschätzige Zögern inDaphnesWorten gehört. Es kostet sie einiges an Kraft, nichts zu erwidern. Sie hatte keine Ahnung, warum Daphne auf einmal mit ihr sprach. Bisher hatte sie sich nie für Daphne interessiert und das würde sich vermutlich auch nicht ändern.

Die anderen Debütantinnen, Lady Lilybeth Jones, Lady Sophie Truwell und Lady Julia Thorpe, knicksten vor ihr in perfekter Gleichmäßigkeit. Sie alle trugen dasselbe weiße Kleid, schmückten sich gleichermaßen mit perlenbesetzten Bändern und Straußenfedern in den Haaren. Emma knickste gezwungenermaßen zurück, unterdrückte dabei ein weiteres Augenrollen. Gretchen hätte ihre Zunge mit Sicherheit nicht im Zaum halten können.

»Ist der Ball nicht wundervoll?« Sophie lächelte verzückt. »Ich schwöre, dass ich niemals zuvor solch bezaubernde Rosen gesehen habe.« Es gab genügend gelbe Rosen in dem Ballsaal, um ein Schiff zum Kentern zu bringen. Der blumige Duft vermischte sich mit dem von Parfüm, Pomade und dem Bienenwachs der herunterbrennenden Kerzen.

Emmas Nase begann zu jucken. »Entzückend«, stimmte sie zu.

»Hast du schon gehört? Belinda hat bereits einen Antrag erhalten!«, platzte es aus Lilybeth heraus. Anscheinend konnte sie sich nicht zurückhalten. »Lee Hartford hält um ihre Hand an!«

Julia kniff die Lippen zusammen und machte ein pikiertes Gesicht. »Sie ist gerade erst sechszehn Jahre alt.«

»Du bist nur eifersüchtig«, mischte sich Daphne ein. »Du kommst auch noch dran. Abgesehen davon ist er nur der zweite Sohn eines Barons. Dein Vater sollte sich mehr Mühe geben, damit er dir einen geeigneteren Heiratskandidaten sucht.«

Lilybeth kicherte, während Sophie mitfühlend nickte. Emma hingegen blinzelte nur verunsichert. Manchmal kam es ihr vor, als ob sie eine andere Sprache sprachen und Emma die einzige im ganzen Raum war, die sie nicht verstand.

»Entschuldigt mich bitte«, murmelte Julia, ehe sie sich zügig und mit geballten Fäusten entfernte.Du zerknitterst die schönen Handschuhe, hörte sie in Gedanken Mildred sagen.

»Vergiss sie einfach«, vertraute Daphne ihr an. »Sie ist verbittert. Schon seit langem hat sie ein Auge auf Lee geworfen. Allerdings hat sie sich eingebildet, dass er das Gleiche für sie empfindet.«

»Jetzt bist du gemein«, sagte Lilybeth.

»Pst!«, fügte Sophie hinzu. »Sonst hört uns noch jemand.«

Daphne winkte selbstgefällig ab und bedachte sie mit einem falschen Lächeln. Kaum jedoch entdeckte sie eine Gruppe Männer, die sie beobachteten, trieb sie mit voller Absicht die Röte in ihre Wangen und schaute unschuldig zu Boden. Emma spürte Mitleid mit Julia in sich aufsteigen. Die anderen Mädchen sahen sie erwartungsvoll an, aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wollte nicht über andere herziehen, nur um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie wollte keine weißen Kleidchen tragen, die jede Debütantin in England anziehen musste. Und sie wollte nicht heiraten. Sie passte einfach nicht in diese Gesellschaft. Das hatte sie noch nie.

»Ich denke, Julia ist sehr nett«, sagte Emma schließlich, um die unangenehme Stille zu durchbrechen.

Daphne zuckte abwertend mit der Schulter. »Lasst uns gehen, Mädchen«, entgegnete sie mit mitleidiger Miene. Kichernd und flüsternd entfernten sie sich und erinnerten Emma dabei an eine Gänseschar in der Nähe ihres Landhauses. Einer der Schönlinge, die den Mädchen hinterherliefen, trat ihr dabei auf den Fuß. Er hatte es so eilig, dass er sich nicht einmal entschuldigte.

Sie fluchte leise und dachte ernsthaft darüber nach, ihm ein Bein zu stellen. Besonders da er sie so sehr angerempelt hatte, dass sich die Schleife des Flakons von ihrem Handgelenk löste.

Das Parfümfläschchen fiel zu Boden. Es zerbrach in zwei Hälften und eine trübe Flüssigkeit tropfte heraus, die die Luft mit einem Duft aus Verwesung und Rosen erfüllte. Eine winzige Kristallkugel rollte aus dem Innern und stoppte erst, als es ihren Fuß berührte. Emma spürte, wie die Wut in ihr aufstieg. »Das gehörte meiner Mutter«, zischte sie, aber der Übeltäter war bereits verschwunden.

Sie beugte sich hinunter, um die Bruchstücke einzusammeln, schnitt sich dabei aber an einer Scherbe in den linken Daumen. »Au!«, murmelte sie und hob die Hand, um das helle Rot zu betrachten, das sich auf ihrem Handschuh abzeichnete. Niemand hatte bemerkt, wie der Flakon zu Boden gefallen war. Ein ländlicher Tanz war in vollem Gange, sorgte dafür dass sich polierte Schuhe quietschend über die Tanzfläche bewegten. Röcke wirbelten zur Musik, ihre Gouvernante Mildred suchte die Tanzfläche nach ihr und ihren Cousinen ab.

Doch alles, woran Emma denken konnte, war zu verschwinden. Wenn sie jetzt allerdings quer durch den Saal lief, um sich zusammen mit Gretchen in der Bibliothek zu verstecken, dann würde sie mit Sicherheit erwischt werden. Dennoch brauchte sie dringend einen Moment für sich. Der Anblick des zerbrochenen Parfümflakons ihrer Mutter ließ die Tränen in ihr aufsteigen. Aber auf keinen Fall wollte sie jemandem in diesem Saal die Genugtuung gönnen, sie weinen zu sehen.

Emma schlich rückwärts, bis zu den Topfpalmen, von denen sie halbwegs versteckt wurde. Sie glitt an der Wand entlang, bis sie zur nächsten Tür kam. Unauffällig schlüpfte sie in die Halle und genoss für einen Moment die verhältnismäßig angenehme Ruhe. Ein silberner Leuchter voller Bienenwachskerzen auf einem marmornen Tisch erhellte die Halle. Der weiche, feuchtwarme Geruch von Orchideen und Flieder trieb aus dem Gewächshaus zu ihr hinüber. Emma zog ihren befleckten Handschuh aus, damit sie ihn nicht weiter mit Blut beschmutzte und Tante Mildred ihr daraufhin einen weiteren todlangweiligen, stumpfsinnigen Vortrag halten konnte, und verschwand im innenliegenden Garten.

Riesige Fenster und ein Kuppeldach hielten die Wärme und Feuchtigkeit des gigantischen Blumenmeeres im Innern. Sie lief auf dem marmornen Pfad, der an mit gelben Narzissen gefüllten Töpfen und Vasen voller Fliederzweige und an Fensterbänken mit Lilien vorbeiführte, deren weißen Blütenblätter sich gegen die Fenster drückten. Emma legte den Kopf in den Nacken und versuchte die Sterne durch die Dachfenster zu erkennen, aber ein feiner Dunst hatte die Scheiben beschlagen und verschleierte so ihre Sicht. Um sich von der Enttäuschung darüber abzulenken, wanderte sie durch den Miniaturdschungel und genoss dabei die Ruhe. Dumpf vernahm sie die schwachen Klänge eines Walzers aus dem Ballsaal als einziges Geräusch neben ihren Schritten.

Sie stockte. Nein, da war noch ein anderes Geräusch. Es hörte sich an, als ob jemand hinter ihr herschlurfte. Ihr Körper versteifte sich.

»Ist jemand hier drinnen?«

Sie meinte erst einen Schatten zu erkennen, aber er war fort, bevor sie ihn genauer ausmachen konnte. Unsicher stolperte sie einen Schritt rückwärts. Es war nicht das erste Mal, dass sie das Gefühl hatte, von jemandem beobachtet zu werden. Und wenn sie genau darüber nachdachte, fühlte es sich auch nicht so an, als ob ihr jemand nachspionierte. Viel mehr, als ob jemand sie verfolgte.

Das ergab keinen Sinn. Wer würde sich die Mühe machen und der siebzehnjährigen Tochter eines Earls hinterherspionieren? Sie durfte nicht einmal den Nachttopf benutzen, ohne dass ihre Anstandsdame anwesend war. In ihrem Leben geschah nichts Spannendes, egal wie sehr sie sich auch danach sehnte.

Das Schlurfen erklang erneut. Sie ballte ihre zitternde Hand zu einer Faust und ermahnte sich selbst nicht so eine ängstliche Gans zu sein. Es gab dutzende Gründe, warum jemand durchs Gewächshaus wanderte und nicht gesehen werden wollte. Genauso wie sie konnte sich ein anderes Mädchen vor seiner Anstandsdame verstecken. Oder, was wahrscheinlicher war: Ein Pärchen suchte einen ungestörten Platz, um sich heimlich zu küssen. Es gab so viele strikte und ermüdende Regeln darüber, wie man sich angemessen zu verhalten hatte. Doch die wichtigste von allen war: Regeln waren dazu da, um sie zubrechen.

Emma klammerte sich an die Überreste des Flakons. Ihr Daumen pochte, während sie weiter in den dämmrigen Schatten wanderte. Sie wollte sich selbst beweisen, dass sie nicht eines dieser Mädchen war, die sogar vor dem Schatten einer Fliege Angst bekamen.

Stockend kam sie zum Stehen. Manchmal war vielleicht Angst auch die einzige logische Reaktion auf eine Situation. Und das nicht nur, weil der Boden unter ihren Füßen zu schwanken begann. Der Boden schwankte so stark, als ob er sich in das Deck eines von einem Sturm hin- und hergeworfenen Schiffes verwandelt hätte, so dass es Emma kaum gelang sich an dem nächstgelegenen Tisch festzuhalten. Orchideentöpfe schlugen klappernd aneinander. Ein erneuter Stoß erfasste das Gewächshaus, so dass sich ihr Magen umdrehte. Eine Vase gefüllt mit Kallalilien fiel zu Boden und zersplitterte. Wasser ergoss sich auf den Pfad, versickerte zwischen den Steinen. Ebenso wie das Wasser an den Steinen abperlte, schien eine Eisschicht von ihr zu fließen, die sie jahrelang gefangen gehalten hatte. Das Gefühl, als ob unsichtbare Ketten von ihr genommen worden wären, breitete sich in ihr aus. Was für ein mysteriöses Gefühl.

Allerdings bei weitem nicht so mysteriös wie das blutüberströmte Mädchen, das in diesem Augenblick aus den Büschen stolperte.

Kapitel 2

Sie brach zusammen, ehe Emma sie erreichen konnte.

Die braunen Haare des Mädchens kringelten sich auf dem Boden. Ihre Augenlider flatterten. Im Chaos ihrer Gedanken tauchte der Name Margaret auf, aber sie war sich nicht sicher, ob das Mädchen so hieß. Vor einem Monat hatten siegemeinsamder Königin die Aufwartung gemacht. Dabei war sie mit Straußenfedern und einem lächerlichen vom Hof abgesegneten Reifrock eingehüllt gewesen. Nun war sie in Blut gehüllt.

Emma fasste sich und rannte zu ihr. Sie ließ sich neben ihr auf die Knie fallen. »Bist du verletzt?«

Margaret stöhnte, schaffte es aber, ihre Augen zu öffnen. »Ich weiß nicht.« Ein Zucken durchfuhr plötzlich ihren Körper und sie begann zu weinen. »Es fühlt sich an wie damals, als ich vom Baum gefallen bin. Damals habe ich mir das Schlüsselbein gebrochen.«

Mit zitternden Fingern schob Emma ihr Haar von der verletzten Schulter. Die Beule, die unter Margarets bleicher Haut hervorstach, sprach Bände. »Du hast es dir erneut gebrochen.« Emmas Stimme zitterte. »Das Erdbeben muss dich umgeworfen haben.«

Margaret schüttelte energisch den Kopf. »Nein, da war … Kannst du es nicht spüren? Es ist so kalt.«

Die Schmerzen hatten das arme Mädchen anscheinend verwirrt. Kein Wunder bei dem vielen Blut, das sich in der Hautfalte neben ihrem Schlüsselbein sammelte und sich seinen Weg über den Arm nach unten suchte, wo es erst von dem Handschuh aufgehalten und aufgesogen wurde. Doch ein paar Sekunden zuvor war der Handschuh noch nicht so rot gewesen.

»Ich hole Hilfe!« Emma sprang auf ihre Füße.

Sie eilte den Weg zurück, hob den Saum ihres Rocks an, damit sie nicht darüber stolperte. »Einen Arzt!«, rief sie und schlidderte die letzten Zentimeter über die rutschigen Gehwegplatten. Sie hörte aufgeregte Stimmen im Ballsaal und rief lauter, um sie zu übertönen. »Zu hilf …«

Ihr Versuch zu helfen endete abrupt, als sie in einen Mann rannte, der halb verdeckt von den Farnen neben der Tür stand. Er fing sie mit seinen Armen auf und stützte sie, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte.

»Nicht in diese Richtung, meine Liebe. Das Beben hat eine Kerze in einen der Vorhänge gestoßen. Der Ballsaal steht in Flammen.«

Sie erkannte die Stimme und unterdrückte ein Stöhnen. »Nicht du!«, murmelte sie.

Jeder, nur nicht Cormac Fairwax, Baron Blackburn, Erbe des Lord von Haworth.

Seit Monaten hatten sie nicht mehr als ein paar Anstandsworte gewechselt. Genau genommen seit der Nacht im Garten, in der er sie geküsst hatte. In der Woche darauf war er in die Schule entschwunden und hatte ihre Briefe nicht einmal mehr angenommen. Er drehte sich sogar um, wann immer sie den Raum betrat. Seither schlummerte in ihr das Verlangen, ihm in seine Männlichkeit zu treten.

Vor kurzem war er neunzehn Jahre geworden und die Schultern unter seinem dunkelblauen Mantel waren zu einer stattlichen Größe angewachsen. Er trug ein einfach geknotetes, strahlendweißes Halstuch unter seinem streng vorgeschobenen Kiefer. Sein dunkles Haar hing ihm zerzaust ins Gesicht und verdeckte beinahe die zusammengezogenen Augenbrauen, über den Augen, die sie so abschätzig ansahen, als ob sie ein Madcap wär. Zuletzt hatte sie ihn auf Lilybeths langweiliger Geburtstagsfeier gesehen. Zu ihrem Bedauern hatte er sich seither nicht in eine hässliche Kröte verwandelt.

Nein, er war genauso attraktiv wie vorher, nicht zu dick, nicht zu dünn. Dieser Hauch von Gefahr war jedoch neu. Sie wünschte sich, sie fände diesen neuen Zug an ihm weniger attraktiv. Er hob eine Augenbraue und wollte wohl gerade einen mitleidigen Kommentar von sich geben, als er ihren blutigen Daumen entdeckte. Mit einem Ruck riss er ihr Handgelenk hoch. »Du bist verletzt.«

»Jetzt mit Sicherheit!«, sagte sie und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien. »Lass mich los.«

Cormac ignorierte sie jedoch und starrte stattdessen mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen auf die Bruchstücke des Flakons, die sie immer noch umklammerte. Sein Griff wurde fester. Okay, der Geruch war alles andere als schmeichelhaft für die Nase, aber so viel Aufmerksamkeit hatte er nicht verdient. Besonders dann nicht, wenn hinter ihm tatsächlich etwas passierte, das seine Aufmerksamkeit verdiente, wenn hinter ihm erste Rauchschwaden aus dem Ballsaal drangen.

»Woher hast du das?«, fragte er und vergaß offensichtlich die Gefahr, in der sie sich befanden.

»Das geht dich nichts an!«, zischte sie und warf einen ängstlichen Blick auf die Tür zum Ballsaal. Wusste er etwa nicht, wie schnell sich ein Feuer ausbreiten konnte? Nicht mehr lange und es würde auch das Gewächshaus erreichen. Da fiel ihrMargaretwieder ein. »Da hinten liegt ein verletztes Mädchen. Wir müssen ihr helfen, hier herauszukommen.«

Endlich befreite sie sich aus seinem Griff und lief sofort tiefer in das Gewächshaus hinein. Als sie keine Schritte hinter sich hörte, warf sie ihm einen finsteren Blick über die Schulter zu. »Kommst du jetzt oder nicht?«

Tatsächlich folgte er ihr, nicht jedoch ohne vorher einen besorgten Blick auf den Flur zu werfen. Rauch sammelte sich in der Vorhalle und breitete sich immer weiter aus.

Der Schein des lodernden Feuers wechselte sich mit einem seltsamen violetten Flackern an der Eingangstür zum Ballsaal ab. Sie meinte im gleichen Moment, einen Hauch von Zitronenmelisse und Fenchelsamen zu riechen.

Emma erreichte Margaret als Erste. Sie hatte es geschafft, sich halbwegs aufzurichten. Ihre Wangen zitterten vor Anstrengung und in ihren geröteten Augen sammelten sich Tränen. »Ist das Rauch?«, fragte sie keuchend und schnupperte in die Luft.

»Alles ist gut«, entgegnete Emma selbstsicher, dabei fühlte sie sich selbst, als ob sie schreiend in Sicherheit rennen müsste. »Wir gehen jetzt nach draußen und bei all dem Rauch wird mit Sicherheit schon jemand einen Arzt gerufen haben. Da bin ich mir sicher.«

»Wie heißt du?«, fragte Cormac.

»Margaret York.«

»Dann halt dich gut fest, Margaret«, murmelte er, als er sich zu ihr hinunter beugte, um sie hochzuheben. Sie japste schmerzerfüllt nach Luft, als sich ihr Schlüsselbein bewegte. »Entschuldige, jetzt haben wir es fast geschafft.« Sein Lächeln erstarb, als er sich zu Emma umwandte. »Die Tür«, sagte er stattdessen kurz angebunden.

Widerwillig ging sie nach vorne und riss die Tür auf. Aber nicht, ohne ihm einen finsteren Blick zuzuwerfen. Wenn er Margaret nicht getragen hätte, hätte sie ihm vermutlich eine Orchidee an den Kopf geworfen. Natürlich ohne sie vorher aus dem Topf zu reißen.

Er trug Margaret aus dem Haus hinaus und legte sie in einiger Entfernung zum Eingang ins Gras. Behutsam deckte er sie mit seinem Mantel zu.

Rauchsäulen schlängelten sich aus den Fenstern des Ballsaals. Die Rasenfläche davor hatte sich mit panischen Gästen gefüllt, die ihren Weg ins Freie gefunden hatten. Einer der Gentleman mit altmodischen Schnallenschuhen brach einfach ohnmächtig auf dem Rasen zusammen. Das Chaosbreitetesich sogar auf die Dienerschaft aus. Alle versuchten verzweifelt die Türen und Fenster zu öffnen, gerieten dabei unter ihren gepuderten Perücken heftig ins Schwitzen. Das Licht an den Fenstern wirkte unbeschreiblich grell und der Geruch von verbrannter Seidentapete und Farbe quoll heraus. Immer mehr Diener kamen aus der Küche gestürmt, in den Händen trugen sie Eimer voll Wasser.

»Ich muss helfen, das Feuer zu löschen«, sagte Cormac zu Margaret. »Du wirst wieder gesund werden.« Er drehte sich zu Emma um. »Und du halte dich von weiterem Ärger fern!«, bemerkte er säuerlich.

Überrascht zog sie eine Augenbraue hoch. Bisher hatte sie ihn noch nie zornig erlebt. Normalerweise befand er sich in der Nähe diverser Mädchen und grinste debil.

Margaret und Emma sahen ihm beide hinterher. Sie wusste nicht, was Margaret an ihm beobachtete, aber Emma fiel sein enges, muskelbetontes Hemd auf, das sich um seine Arme schmiegte.

»Er ist großartig«, murmelte Margaret.

»Er ist ein Angeber!«, erwiderte Emma. Margaret lächelte nur. »Ich muss nach meinen Cousinen suchen. Dann schaue ich auch gleich nach einem Arzt für dich. Kann ich dich hier alleine lassen?«

»Solange ich mich nicht bewegen muss«, versicherte sie ihr mit zusammengebissenen Zähnen.

Emma machte sich gar nicht erst die Mühe, die Hecke zu umrunden, sondern marschierte direkt hindurch.

Penelope fand sie sofort. Ihre Cousine stand auf einer Bank neben dem Brunnen und wirkte verärgert. Emma ahnte warum, als sie auf Penelope zulief und Mr. Cohen nirgendwo ausmachen konnte.

»Hast du Gretchen gesehen?«

Penelope schüttelte den Kopf. »Ich habe Ausschau nach dir gehalten.«

»Dann ist sie vermutlich noch in der Bibliothek.« Gemeinsam gingen sie um das Haus herum, um einen Zugang zu finden. Gretchen hielt sich immer in der Bibliothek auf. Nicht, weil sie Bücher übermäßig liebte – nicht so sehr wie Penelope zumindest – sondern, weil es der einzige sittsame Ort zum Verstecken war. Sie verabscheute diese Art von Veranstaltungen. Meistens gelang es ihr, eine Ausrede zu finden, aber wenn nicht, dann stahl sie sich schnellstmöglich davon.

»Ich hasse diesen Ball!«, grummelte Penelope und klang dabei beinahe wie Gretchen.

Endlich hatten sie die Fenster zur Bibliothek des Pickford Anwesens erreicht. Emma legte ihre Hände an ihre Augen, damit ihr eigenes Spiegelbild auf dem Glas nicht ihre Sicht einschränkte. Penelope kletterte durch die Büsche und tat es ihr gleich. Der Rauch überdeckte den üblichen Geruch von Mayfair: Pferde und Rosen, weswegen Emma versuchte, so wenig wie möglich zu atmen.

»Da ist sie!« Emma klopfte an die Fensterscheibe. Augenblicklich lugte Gretchen mit überraschtem Blick hinter einem Bücherregal hervor. Emma runzelte die Stirn. Hielt sie einen pinken Hund in der Hand? Ihre Cousine kam angelaufen und öffnete das Fenster.

»Was zum Henker macht ihr da draußen?«

»Jetzt sag mir nicht, du hast das Beben nicht gespürt?«, fragte Emma.

»Und die Auswirkungen des kleinen Bebens erfordern eure Anwesenheit in den Rosenbüschen?«

»Außerdem steht das Haus in Flammen!«, ergänzte Emma lapidar, als wäre es nichts. »Vielleicht ist es dir aufgefallen.«

»Wirklich?« Gretchen atmete tief ein. Bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, ertönte eine Alarmglocke, um die Nachbarn zu warnen und die Wachen zu rufen. Emma sah hinauf. Wenn der Wind zunehmen würde, könnten sich die Flammen zu den anderen Häusern durchfressen und gnadenlos die ganze Stadt in Brand setzen.

Gretchen reichte Emma den Hund, hob den Saum ihres Ballkleides an und kletterte aus dem Fenster. Ebenso wie sie, hob Penelope die Augenbrauen. »Was ist das? Etwas zum Naschen?«

»Es ist ein Hund.«

»Wenn du das sagst.«

Gretchen nahm ihr den Hund wieder ab und streichelte ihn abwesend. Zum Dank leckte der Hund ihr unbeherrscht übers Gesicht. »Ich habe kein Leckerli«, erklärte sie dem Hund und streichelte ihn weiter. »Du siehst allerdings selbst aus, als ob du auf ein Nachtischbuffet gehörst. Ehrlich, ich schäme mich für dich. Ich hoffe, du hast Lady Pickford dafür gebissen, dass sie dir das angetan hat.«

Der Rauch zog zwischen die Bäume. »Wenn es doch nur regnen würde!«, wünschte sich Emma.

In der Sekunde öffnete sich der Himmel über ihr wie eine zerbrochene Wasserkanne. Regen ergoss sich auf das Dach, tränkte ihre Kleider und verwandelte ihre Haare in tropfendes Seegras.

Der Garten stand innerhalb weniger Sekunden unter Wasser. Matsch bildete sich auf dem Rasen und überall klebte ruinierte Seide an den Körpern der Ballbesucher. Auch die Wege verwandelten sich zu unangenehmen Rutschpartien. Einem glatzköpfigen Duke, den Emma nur entfernt kannte, wurden seine perfekt polierten Schuhe zum Verhängnis. Er rutschte direkt vor ihnen aus und landete in der Hecke. Eine Witwe hob ihren Rock so weit an, dass man ihre faltigen Knie sehen konnte. Sie glitt erstaunlich fix über den Rasen, für jemanden, der sich üblicherweise auf einen diamantbesetzten Gehstock stützte. Am meisten irritierte sie jedoch ihre sonst so gesittete Tante Mildred, die irgendetwas von der drohenden Apokalypse schrie.

In all dem Chaos bildeten die Diener eine Kette und reichten einander die Wassereimer vom Zierbrunnen bis zum Haus, um das Feuer zu löschen.

Emma fühlte sich seltsam fehl am Platz. Als ob sie dieses Schauspiel in einem Theater beobachtete und die einzige Zuschauerin war.

»Ist das nicht verrückt?«, fragte sie und schaute ihre Cousinen stirnrunzelnd an.

Erst das Erdbeben, gleich darauf das Feuer und dann auch noch Cormac. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Gretchen schnaubte. »Ich trage einen pinken Hund. Verrückt trifft es nicht einmal im Ansatz.«

»Daphne ist gerade in Ohnmacht gefallen«, bemerkte Penelope und verschränkte die Arme vor der Brust. Jetzt, da sie klitschnass in aller Öffentlichkeit stand, musste sie sich bedecken, damit das weiße Kleid nicht mehr von ihrem Körper offenbarte, als sowieso unvermeidbar gewesen war. Wenn sie es nicht wenigstens versuchte, würde ihre Großmutter ihr dieses ungebührliche Verhalten nie vergeben. Ganz im Gegenteil zu ihren Eltern. Penelopes Eltern lebten zurückgezogen und mieden diese öffentlichen Veranstaltungen. Jedes Mädchen stand vollkommen durchnässt auf dem Rasen. Die Korsagen zeichneten sich ebenso detailliert ab wie die Beine der jungen Frauen. Ein Skandal in aller Öffentlichkeit, amüsierte sich Emma.

Ein junger Lord stolperte über seine eigenen Füße, als er Emma schamlos auf das beinahe durchsichtige weiße Kleid starrte. Augenblicklich schob sich Penelope vor sie, um sie zu verdecken. Dabei schenkte sie ihm einen so finsteren Blick, dass er einen Baum zwischen sie brachte, damit sie ihn nicht mehr ansehen konnte.

Gretchen legte den Kopf schief, als sich das Chaos weiter um sie herum ausbreitete. »Daphne schauspielert nur«, sagte sie verächtlich. »Und nicht besonders gut, wenn ich das hinzufügen darf. Wer fällt bitte in so einer bequemen Position in Ohnmacht? Abgesehen davon scheint sie die Gesetze derSchwerkraftbesiegt zu haben. Unter normalen Umständen hätte sie nämlich in diese Rosenbüsche dort vorne fallen müssen.« Sie warf die Arme seufzend in die Luft. »Und der Diener dort drüben besitzt kaum die Kraft, um so einen Wassereimer zu halten. Er geht es völlig verkehrt an.« Gretchen übergab den nassen Hund an Penelope. »Sei so lieb und nimm die Zuckerschnute.« Bevor Penelope sich wehren konnte, sauste sie auf den mit dem Eimer kämpfenden Diener zu. »Aus den Knien heben, nicht aus dem Rücken, Sie alter Schafskopf!«

Emma sah ihr resigniert hinterher. So wie sie Gretchen kannte, erklärte sie diesen Ball gerade zum besten Abend aller Zeiten. Immerhin konnte sie ihren sozialen Verpflichtungen entkommen und einem Feuer die Stirn bieten mit nichts weiter als einigen Eimern. Dazu noch im Regen. Gretchen liebte den Regen. Emma hingegen gefielen diese Wassermassen längst nicht so sehr. Genervt schob sie ihre Haarsträhne aus dem Gesicht, um wieder etwas zu sehen. Wenigstens half es, das Feuer von der Ausbreitung abzuhalten. Die Flammen kämpften sich nicht mehr so verbissen aus dem Haus, um auf die Nachbarshäuser überzugreifen.

»Ich denke, wir sollten ebenfalls helfen«, sagte Penelope wenig begeistert. Sie entdeckte Mr. Cohen zusammengekauert unter dem Schutz einer Ulme. »Das schlägt dem Fass den Boden aus«, sagte sie kopfschüttelnd. »Na los! Gehen wir.«

Emma folgte ihrem Blick. »Ich dachte, du magst ihn.«

Ihre Wangen verwandelten sich in kräftig hellrot leuchtende Beeren. »Nicht mehr.«

Emmas Blick verfinsterte sich. »Was hat er getan?«

»Nichts. Ist jetzt auch nicht mehr wichtig.«

»Penelope. Ich bin klitschnass, mir ist kalt und ich bin durchaus willens ihn durch das Gestrüpp zu zerren! Also, raus mit der Sprache.«

»Er hat mich alsfettbezeichnet.«

Emma hielt den Atem an. »Wie bitte?«

»Vergiss es einfach.« Emma hörte, wie sie um Fassung rang. »Er hat mich nur in eine peinliche Lage gebracht. Mehr nicht.«

»Dann stell dir vor, wie peinlich es für ihn wird, wenn ich ihm sein Gehänge um seinen fetten Kopf wickle!«

Penelope lächelte und zerrte Emma am Arm weiter. Erst vor dem brennenden Haus kamen sie unentschlossen zum Stehen, aufgehalten von einer Reihe brüllender Männer. Irgendwer zertrümmerte das Fenster aus dem Innern des Ballsaals und verteilte Glassplitter über die Stockrosen darunter. Glühende Vorhänge suchten sich ihren Weg in die Freiheit, wanden sich wie eine Rauch ausspuckende Schlange.

»Wieso sieht Emma aus, als ob sie eine Biene verschluckt hätte und gleich platzt?«, erkundigte sich Gretchen, als sie sich endlich zu ihrer Cousine durchgeschlagen hatten.

»Mr. Cohen hat Penelope als fett bezeichnet«, zwang Emma sich zu sagen.

Gretchens Lächeln erstarb. »Das hat er nicht!?«

Penelope wusste, dass sie sich von Mr. Cohen nicht so hätte verletzen lassen müssen, und verstand auch nicht, warum sie es zugelassen hatte. »Es ist schon gut.«

»Ich wünsche ihm, dass sein Kopf wie ein Ballon anschwillt!«, knurrte Gretchen.

Ihre Cousinen steigerten sich immer mehr in ihren Ärger gegenüber Mr. Cohen hinein. Es endete damit, dass sie sich schmerzvolle Flüche ausdachten, mit denen sie Mr. Cohen belegen wollten. Am besten gefiel ihr die Vorstellung, dass er so sehr anschwoll, dass seine Knöpfe in hohem Bogen davonflogen und er nackt im Ballsaal stand. Penelope verlor allerdings nach einigen Vorschlägen ihrer Cousinen das Interesse und ergötzte sich lieber am Anblick der halbangezogenen Männer, die von Zeit zu Zeit vom Licht eines Blitzes angestrahlt wurden. »Nun, liebe Cousinen«, sagte sie mit einem Grinsen auf den Lippen. Ihr verletzter Stolz hatte sich bei dem Anblick urplötzlich in Luft aufgelöst. »Es sollte mehr solcher Feuer geben, findet ihr nicht?«

»Wie bitte?«, fragte Emma verwirrt. Der Anblick von Cormacs Hemdsärmeln, die wie eine zweite Haut über seinenMuskelnklebten, hatte sie abgelenkt.

Sie konnte nicht wegschauen, beinahe so als ob er ihren Blick magisch anzog. Regen fiel ihr ins Gesicht und der Anblick von Cormac verschwamm für einen Augenblick. Sofort blinzelte sie die Tropfen aus ihren Wimpern. Als ihr klar wurde, was sie da gerade tat, ermahnte sie sich selbst. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie sich geschworen, ihn zu hassen. Diesen Schwur konnte sie nicht jetzt schon brechen. Mit aller Kraft zwang sie sich zu den Eimern zu schauen und ihren Weg von Hand zu Hand zu verfolgen, bis ihre Fäuste sich verkrampften. Sie lockerte die Hände, als sie husten musste. Der Rauch brannte in ihren Augen und trocknete ihre Kehle aus.

»Und ich hatte keine Ahnung, dass Tobias ebenfalls so gut in Form ist.« Kaum verklang der Regen jedoch zu einem Tröpfeln, verschlechterte sich Penelopes Laune. »Verflixt! Was für ein Jammer. Da wir anscheinend keinen qualvollen Tod in den Flammen sterben werden, hätte ich gerne noch ein paar halbbekleideten Männern bei der Arbeit zugesehen.«

Emma winkte ab. Sie hatte ganz andere Sorgen. Cormac hob schwere Eimer an, wischte sich den Matsch aus dem Gesicht und sie fühlte sich seltsam angezogen von diesem Anblick. Selbst ihre Zehen glühten, obwohl sie durch die hauchdünnen Tanzschuhe vom Regen ausgekühlt sein mussten. Vermutlich würde sie nach diesem Abend mit Fieber im Bett liegen. Der Rest ihres Körpers brannte ebenfalls, allerdings hauptsächlich vor Schmerzen. Sie hatte das Gefühl nicht einen Eimer mehr anheben zu können und doch kam der nächste, den sie ohne zu murren weiterreichte. Bis Gretchen grinsend und dreckverkrustet aus einer Rauchwolke auftauchte. »Das Feuer ist beinahe gelöscht.«

Der Regen verstärkte sich wieder und auch der Wind half mit. Er drückte das Wasser in Richtung des Hauses, so dass die drei Cousinen unter den weitreichenden Ästen eines Eichenbaums beinahe trocken blieben. Alle drei starrten dieses Phänomen perplex an.

»Sollte Regen in der Lage sein, so zu fallen?«, fragte Penelope verwirrt. »Nicht, dass ich mich beschweren möchte …« Sie wedelte abwehrend mit den Händen. »Glaubt ihr, jemand hat Laudanum in unsere Getränke geschüttet? Denn je länger die Nacht andauert, desto seltsamer wird sie.«

Gretchen sah hinunter zu dem pinken Hund. Er schmiegte sich an ihre Knöchel und sah elender aus, als Emma sich fühlte. Sie hob ihn an und kuschelte ihn an sich. So konnten sie sich gegenseitig wärmen. Als die Kutschen vorfuhren, bildete sich ein Gerangel aus klitschnasser Seide und schlapp herunterhängenden Halstüchern, die um den ersten trockenen Platz kämpften.

Jeder wollte vermutlich so schnell wie möglich nach Hause, um aus der Kälte zu kommen. Bei dem Gedanken an Kälte fiel ihr Margaret wieder ein. »Ich muss einen Arzt suchen!«

»Warum?«, fragte Gretchen besorgt. »Hast du dich verbrannt? Du hättest mir die Eimer überlassen sollen.«

»Ich kam nicht nah genug heran, um mich zu verbrennen«, versicherte Emma ihr. »Aber eines der Mädchen wurde während des Erdbebens verletzt. Ihr Schlüsselbein ist gebrochen.«

»Ich meine gehört zu haben, dass der Arzt bei den Damen in der Nähe dieser grässlichen Engelsstatue ist«, sagte Gretchen. »Sie haben nach ihm schicken lassen, kaum dass die Vorhänge Feuer gefangen haben. Such du nach ihm. Ich werde diesen Hund Lady Pickford zurückbringen. Sie wird sicher erfreut sein, zu hören, dass das Feuer mit Sicherheit eine Strafe dafür war, dieses arme Ding so zu verunstalten«, fügte sie hinzu, während sie Lady Clara entdeckte, die sich selbst eine Dosis Riechsalz verabreichte.

»Und ich werde deine Tante Mildred zur Kutsche führen«, rief Penelope Emma hinterher, als sie sich auf den Weg über den nassen Rasen machte.

Sie versuchte sich grob vom Dreck und Ruß zu befreien, während sie sich auf die Suche machte. Erfolglos. Ihre Kleidung klebte an ihr und sie gab es auf, als sie den Arzt sah, der von bleichgesichtigen Damen umrundet wurde. Jede klammerte sich an ein Fläschchen Riechsalz. Der einzige wirkliche Patient war ein Diener mit einer fiesen Verbrennung an seinemUnterarm. So wie sein Hemd aussah, musste er einiges durchgemacht haben. Es war versengt worden und hing in Fetzen herunter.

Emma drängelte sich an den Damen vorbei und beschrieb dem Arzt die Stelle, an der Margaret saß. Sie selbst wartete nicht auf ihn, sondern lief direkt zu Margaret, damit sie nicht länger alleine warten musste. Auf dem Weg dorthin wich sie einigen Mädchen aus, die in verschiedenen Stadien der Verzweiflung angelangt waren. Bei einigen war die Verzweiflung ganz klar geheuchelt, damit sie die Aufmerksamkeit der jungen, nur allzu gerne hilfsbereiten Gentlemen erhielten.

Wegen der vielen Personen nahm sie die Abkürzung durch den Garten.

Sie hätte es besser wissen müssen.

Diese gesamte Nacht war ein einziger Hinweis darauf, dass etwas katastrophal schieflief. Sie war sich nicht einmal sicher, was sie denn veranlasst hatte, zu glauben, dass das Schlimmste vorbei sei. Chronischer Optimismus, vielleicht. Oder chronischer Wahnsinn.

Letzterer lag schließlich in der Familie.

Kapitel 3

Cormac schlich sich an Emma heran. Hinter ihm gratulierten sich eine Gruppe nasser Männer zu ihrem Erfolg. Es lag eine so grimmige Entschlossenheit in seinem kantigen Gesicht, dass sie instinktiv vor ihm zurückwich. Sie stieß mit dem Rücken gegen einen Baum, aber Cormac blieb nicht stehen. Erst ganz knapp vor ihr blieb er stehen, drückte sich fast gegen sie.

Emma versuchte ihm aus dem Weg zu gehen, aber er verhinderte ihre erneute Flucht, indem er seinen Arm direkt neben ihren Kopf um einen Ast legte. »Keine weiteren Zauber!«, zischte er bedrohlich.

Ein rauchiger Geruch haftete an ihm, und das rußverschmierte Hemd klebte an seiner Haut. Sein Halstuch trug er schon seit einer Weile nicht mehr, dafür entdeckte sie eine matte Silberkette, die sich unter dem ruinierten Hemdkragenabzeichnete. Für einen Moment starrte sie ihn und die Kette neugierig ab. Was es wohl darstellte?

Dann schüttelte sie den Kopf. Er verdiente ihre Neugierde nicht. Er verdiente es nicht einmal, dass sie einen Gedanken an ihn verschwendete. Sie musste sich selbst endlich an diesen Vorsatz halten und sich vor allem regelmäßig daran erinnern. »Was zum Henker redest du da?«, erwiderte sie schließlich.

Er kam näher, so nah, dass sie die bernsteinfarbenen Punkte in seinen dunkelbraunen Augen und die zarten Andeutungen einiger Bartstoppeln sah. So nah, dass ihre Gedanken wie von alleine zu der Nacht zurückkehrten, in der sie diesen langen, geheimnisvollen Kuss geteilt hatten.

Als ob sie diesen Kuss einfach vergessen konnte.

Und wenn er es verdrängt hatte, würde sie ihm eine Ohrfeige verpassen.

Vermutlich würde sie das sowieso tun, wenn er nicht augenblicklich aufhörte, sich so bedrohlich vor ihr aufzubauen. »Hast du geübt?«, fragte sie mit zuckersüßer Stimme. »Du hast dich eindeutig verbessert.«

»Was geübt?«, fragte er und zog die Augenbrauen verwirrt zusammen.

»Im ›dich vor mir aufbauen‹.«

Er verdrehte die Augen und murmelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart, ehe er sie wieder fixierte. »Dieser Spruch war mächtig«, bemerkte er streng. Das Mondlicht brach sich an seinen hervorstechenden Wangenknochen und ließ ihn geisterhaft erscheinen. »Du solltest vorsichtiger sein. Bei deiner Vergangenheit!«

Sie spürte, dass er mit dem letzten Satz etwas Wichtiges andeuten wollte, aber sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was.

»Was meinst du damit?«, hakte sie deshalb nach.

Er strich sich die Haare aus der Stirn. Ein einzelner Tropfen rann seine edle Nase hinab. »Halt mich nicht zum Narren, Madam!«

»Dann verhalte dich bitte nicht wie einer.« Sie konnte den Ärger nicht aus ihrer Stimme vertreiben.

»Halt dich an meinen Rat!« Cormac lehnte sich näher zu ihr vor, so dass sie den Druck seines Arms auf ihrer Schulter spürte. Sein Hemd klebte an den Muskeln, die sie verzweifelt versuchte, nicht zu beachten. »Wenn du willst, dass dich der Orden nicht findet, solltest du besser aufpassen, Lady Emma.«

»Cormac? Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber wovon zum Henker sprichst du?« Ihre Geduld neigte sich dem Ende, und wenn er nicht bald mit der Sprache rausrückte, würde sie ihn einfach stehen lassen.

»Hältst du das hier für ein Spiel?«

»Nein, ich …« Sie stockte. Was sollte sie daraufantworten? Ein heftiger Windstoß unterbrach sie und wischte all ihre Gedanken auf einmal weg. Der Windstoß drang mit solch einer Wucht zwischen sie, dass er sie voneinander trennte. Emma stolperte rückwärts auf den Weg und versuchte auf dem rutschigen Untergrund ihr Gleichgewicht zu halten.

Auf einmal wirbelte der Wind herum und drückte sie wie von Geisterhand in die andere Richtung. Emma verlor den Halt, rutschte mit dem rechten Fuß aus und ruderte mit den Armen.

»Was geht hier vor?« Cormac griff sie am Ellenbogen, während der Wind sie von den Menschenmassen forttrieb. Dieser Wind war deutlich kälter als es im März üblich war, stellte sie fest und versuchte sich zu wehren. Die Wucht des Windes jedoch schob sie über den Rasen, bis sie bei Margaret ankam.

Als sie das verwundete Mädchen erreichten, schlug Emma entsetzt die Hände vor den Mund. Margarets Haare waren von Eis überzogen und von ihren Fingerspitzen hingen schmale, zierliche Eiszapfen.

»Wieso ist sie mit Eis überzogen?«, fragte Emma. Margaret zuckte einige Male, ehe ihr Körper urplötzlich erschlaffte. Emma verstand sofort, was da gerade passierte und Übelkeit stieg in ihr auf. »Gott, nein …!«

Doch noch bevor Emma ihr Gebet beenden konnte, war Margaret vor ihren Augen verstorben.

Noch eigenartiger als der plötzliche Tod des Mädchens war allerdings eine dürre, weiße Nebelkreatur, die aus der Brust des Mädchens auftauchte. Es war ein Sternennasenmaulwurf. Er hob zunächst seinen Kopf, ehe er auf den Rasen sprang. Dort hielt er an, flammte rot auf und verschwand in den Schatten. In der nächsten Sekunde knackte das Eis auf Margarets Körper.

Emmas Verstand fühlte sich an wie die in Bernstein eingeschlossene Honigbiene in der Bibliothek ihres Vaters. Es dauerte eine Weile, bis sie um Hilfe rief, dann erinnerte sie sich daran, dass sie, um zu leben, atmen musste, und ihr fiel auch ein, was man tun musste, wenn man mit einer Leiche konfrontiert wurde. Abgesehen davon, dass von ihr erwartet wurde, sich über jemandes Schuhe zu erbrechen.

»Du hast das auch gesehen, nicht wahr?« Cormacs Stimme waberte wie der Rauch aus den Fenstern zu ihr hinüber und legte sich um sie. Sie konnte beinahe fühlen, wie seine Worte scharf wie Zähne über ihren Nacken schabten. Etwas tief in ihrem Innern erzitterte.

Emma schluckte. »Ich denke, mir geht es nicht so gut.« Unmöglich, dass sie gerade einen Sternnasenmaulwurf gesehen hatte. Sie musste unter Schock stehen.