Eiswinter - Brigitte Beil - E-Book

Eiswinter E-Book

Brigitte Beil

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Beschreibung

Warmherzig, atmosphärisch, mitten aus dem Leben – eine frische unverwechselbare Stimme

Schleswig-Holstein im Winter 1683: Raureif überzieht die Landschaft. Es ist bitterkalt, und ganz Plön vergnügt sich beim Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen See. Als Gesches Bruder einbricht, ist es ausgerechnet ein Schwarzer, der Feldtrompeter Christian, der ihn aus dem eisigen Nass fischt. Und die 17-jährige Ratsherrntochter verliebt sich Hals über Kopf in den misstrauisch beäugten Fremdling. Für ihre Liebe nimmt sie in Kauf, selbst zur Außenseiterin zu werden. Als ihr erstes Kind geboren wird, scheint die Idylle perfekt. Doch dann brennt mitten in der Nacht das Strohdach auf dem abgelegenen Hof des jungen Paares. Und irgendwann sind die Räder von Christians Jagdwagen gelockert. Ist alles nur Einbildung? Gesche spürt, dass sie für ihr Glück kämpfen muss.

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Seitenzahl: 488

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Brigitte Beil

Eiswinter

Roman

1. Auflage

Originalausgabe Dezember 2011, Copyright © 2011 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: semper smile, München Umschlagmotiv: © David McCormack/Trevillion Images; plainpicture/ArcangelSatz: Uhl + Massopust, AalenUB · Herstellung: BBISBN 978-3-641-04133-5

www.btb-verlag.de

Schleswig-Holstein im Winter 1683: Raureif überzieht die Landschaft. Es ist bitterkalt, und ganz Plön vergnügt sich beim Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen See. Als Gesches Bruder einbricht, ist es ausgerechnet ein Schwarzer, der ihn aus dem eisigen Nass fischt. Christian Gottlieb, Feldtrompeter, Ziehsohn eines einheimischen Adeligen und mit seiner dunklen Hautfarbe eine exotische Erscheinung im Straßenbild der beschaulichen kleinen Residenzstadt. Hals über Kopf verliebt sich die 17-jährige Ratsherrntochter in den misstrauisch beäugten Fremdling und nimmt für ihre Liebe in Kauf, selbst zur Außenseiterin zu werden. Als ihr erstes Kind geboren wird, scheint die Idylle perfekt. Doch dann brennt mitten in der Nacht das Strohdach auf dem abgelegenen Hof des jungen Paares. Und irgendwann sind die Räder von Christians Jagdwagen gelockert. Ist alles nur Einbildung? Gesche spürt, dass sie für ihr Glück kämpfen muss …

Brigitte Beil, aufgewachsen in Münster, studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Publizistik und arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin. Schwerpunkte ihrer zahlreichen Sachbücher, von denen mehrere in verschiedene Sprachen übersetzt wurden, sind soziale und psychologische Themen. Brigitte Beil hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Mann in München. Nach »Maskal oder Das Ende der Regenzeit« ist »Eiswinter« ihr zweiter Roman.

»In der Erinnerung gibt es keine Entfernung; nur im Vergessen tut sich ein Abgrund auf, den weder eure Stimme noch euer Auge überbrücken kann.«

khalil gibran

ERSTER TEIL

Der scharfe Nordwestwind fuhr ihr wie mit Messern ins Gesicht, als Gesche das Haus durch die Hintertür verließ. Einen Moment lang hielt sie die Luft an. Mit der einen Hand fasste sie nach den Bändern ihrer Haube, mit der anderen zog sie ihr wollenes Umschlagtuch enger um den Hals.

Sie musste nach draußen, weg von dem Kohldunst, dem Kindergeschrei, dem Dampf der am Herd trocknenden Socken. Vorsichtig ging sie den Gartenweg entlang. Die gefrorenen Pfützen knackten unter ihren Schritten, und ihr Rocksaum schleifte mit leisem Kratzen über reifbezogene Grasbüschel. Bloß jetzt nicht stürzen, bloß nicht noch einmal eine überhastete Geburt wie bei ihrem letzten Kind, dem der Pastor schon die Nottaufe gegeben hatte, während sie selbst ihre Augen vor Schwäche kaum öffnen konnte. Gesche glättete die Stofffalten auf ihrem hoch gewölbten Bauch, um besser sehen zu können, wohin sie trat.

Die Früchte an der Schlehdornhecke links und rechts der Gartenpforte schimmerten bläulich unter einer dicken Schicht Raureif. Ausreichend Frost, schoss es Gesche durch den Kopf, genau richtig waren sie, um Schlehenfeuer anzusetzen. Süß und süffig lag ihr der Geschmack des Likörs auf der Zunge, wunderbar nach kalten Wegen und Kutschfahrten.

Und wenn schon. Abwehrend zog sie die Schultern hoch. Für dergleichen fehlte ihr die Kraft und genauso der Wille. Noch nie hatte sie sich so matt gefühlt und so leer, obwohl doch das Kind sie vollständig auszufüllen schien. Es nahm ihr den Atem, drückte auf die Blase, beulte mit Fäusten und Füßen ihre Bauchdecke nach allen Seiten aus. Ende November, in etwa drei Wochen würde es kommen. Und dann? Ich werde es nicht lieben können, dachte sie, es wird mir so fremd sein wie seine Schwester. Warum nur kann man Liebe nicht dahin versetzen, wo man sie braucht, so wie Getreide oder Rüben, die zum Leben nötig sind?

Auf dem Pfad hinter dem Gartenzaun wandte Gesche sich nach links, Richtung Norden. In dieser Himmelsrichtung lag Plön, hatte Hinnerk Brodersen, der Nachbar, ihr erklärt. Plön – wenn sie nur nicht dauernd daran denken müsste …

Je näher sie dem Fluss kam, desto dichter wurde der Nebel. Frostig wälzte er sich über den Deich und lag schwer und undurchdringlich auf der Klosterkoppel. Von den Pferden waren heute nur Kopf und Hals zu sehen, es sah aus, als schwebten die Tiere im eigenen Dampf.

Gesche lehnte ihren Rücken an das Gatter und versuchte, tief durchzuatmen, aber die feuchte Kälte stach zu sehr in ihre Lungen. Hustend blickte sie um sich. Kahle, weiß verkrustete Büsche, erstarrte Wagenspuren im Lehm des Weges, der Himmel fahl, ein bleicher, verwaschener Schein, wo die Sonne stehen sollte. Ein Eiswinter – wie damals, vor zehn Jahren. Der Winter, in dem Christian in ihrem Leben gelandet war.

Sie sah sich wieder auf Schlittschuhen über die glatt gefrorene Fläche des Plöner Sees sausen, mit wehenden Röcken, gejagt von ihren Freundinnen Marie und Friederike. Gegen elf Uhr war es, an einem Montagmorgen Mitte Januar. In der seit vier Wochen anhaltenden Kälte hatte sich eine dicke Eisschicht gebildet, und viele Menschen waren darauf unterwegs, schliddernde Kinder, Eisläufer und Spaziergänger, Pferdeschlitten und Reiter. Ein paar Sonnenstrahlen drangen durch einen blauen Klecks am grau verhangenen Himmel und spiegelten sich im blanken Eis.

Geblendet vom grellen Licht, die Ohren vermummt unter einem groben, mehrfach um Kopf und Schultern geschlungenen Wollschal, hatte Gesche zunächst nichts mitbekommen von dem Tumult am westlichen Ende des Sees, dort, wo in eisfreien Zeiten die Fähre zum gegenüberliegenden Ufer anlegte. Erst als Friederike sie am Ärmel zog und in die Richtung wies, bemerkte sie die wild gestikulierende Menschenmenge und hörte aufgeregtes Geschrei. Sie blieb kurz stehen, kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und eilte dann, von plötzlicher Unruhe getrieben, mit weit ausholenden Schwüngen hinüber. Neben sich den keuchenden Atem von Friederike und Marie.

Hastig löste Gesche die Lederriemen ihrer hölzernen Schlittschuhe und versuchte, sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Die Leute schienen bei ihrem Anblick zu erschrecken, Else Brandström, Amalie Wilke, der alte Willem Petersen und weitere Nachbarn und Bekannte.

»Dein Bruder!«, krächzte Willem und zeigte mit seinem Knotenstock auf ein großes Wasserloch nahe der Anlegestelle. »Er ist eingebrochen!«

»Ja! Berend!«, schrie Klara Bott vom Ufer aus herüber. »Der andere ist Hein Michels!«

Gesche sah zwei Köpfe im grauen, trüben Wasser, nach Luft schnappende Münder, angstvoll aufgerissene Augen, Arme, die sich dem bröckelnden Eisrand entgegenreckten.

Hände griffen nach ihr, hielten sie zurück. »Nicht weiter! Nicht weiter! Die Kante ist zu brüchig!« Ein paar Männer seien unterwegs, schrien die Leute, um Leitern und Stangen zu holen.

Aber es würde zu spät sein! Immer öfter verschwanden die beiden Köpfe unter der Oberfläche, immer matter wurden die Bewegungen im Wasser. Gesche wollte sich losreißen – vergeblich. »Berend! Gib nicht auf!« Ihre Stimme klang schrill vor Panik, verzweifelt blickte sie um sich und sah einen Trupp von Reitern herangaloppieren. Rufe gingen hin und her. Und plötzlich löste sich einer aus der Gruppe, ritt näher, sprang knapp vor dem Eisloch vom Pferd, warf im Laufen seine Jacke ab und stürzte sich kopfüber ins Wasser. Mit ein paar schnellen Schwimmzügen war er bei Berend, der inzwischen kaum noch auftauchte, packte ihn beim Schopf, schlang ihm den rechten Arm um den Kopf und schleppte den Bewusstlosen auf die Eisdecke zu. Keuchend kämpfte er sich näher. Auf den letzten Metern schien ihm die Kraft auszugehen, seine Last begann ihn in die Tiefe zu ziehen. Verzweifelt schrien die Leute am Ufer und auf dem Eis durcheinander und brüllten den endlich mit zwei riesigen Leitern eintreffenden Helfern Anweisungen zu.

»Weiter raus! Noch ein Stück! Jetzt kommen sie ran!«

Auf den über die Bruchstelle hinausgeschobenen Leitern krochen ein paar Männer bäuchlings voran bis in Reichweite der Verunglückten. Wie eine tropfnasse Gliederpuppe, mit hängendem Kopf und baumelnden Armen und Beinen, wurde der ohnmächtige Berend an Wams und Hose aus dem Wasser gezogen und zum Ufer getragen. Hände reckten sich seinem Freund Hein entgegen und schließlich dem vor Kälte und Anstrengung schlotternden Retter.

Gesche erinnerte sich, dass sie Christian damals kaum wahrgenommen hatte. Ihr warmes Gefühl der Dankbarkeit galt zunächst nicht so sehr ihm. Es war mehr allgemein, auf Gott oder das Schicksal gerichtet. Berend lebte, alles andere war Nebensache.

Benommen von Sorge und Aufregung lief sie neben den Leuten her, die ihren mit Tüchern dick verpackten Bruder auf einer Bahre in die Stadt trugen, durch die Lange Straße und dann rechts um die Ecke zu ihrem Elternhaus, einem stattlichen Giebelhaus am Markt.

Irgendjemand hatte dort offenbar Alarm gegeben, denn schon kurz hinter dem Stadttor war ihre vollkommen aufgelöste Mutter dem Zug entgegengekommen, rennend, in Hausschuhen, die Haube schief auf dem Kopf. Ein Zipfel ihres Umschlagtuches schleifte über die festgetretene Schneedecke. Ihr brauner Rock war nur halb zugeknöpft.

»Berend! Was ist mit ihm? Lasst mich ihn sehen!«

»Warte lieber, bis wir im Warmen sind!« Gesche ergriff die Hand ihrer Mutter und fühlte darin ein von Tränen durchweichtes Taschentuch. »Er hat eine Menge Wasser geschluckt, ist kalt wie ein Eisbrocken, aber er lebt. Du kannst mir glauben.« Tröstend legte sie ihr den Arm um die Schultern.

Elisabeth Radeleff brachte nur ein stummes Nicken zustande und überließ ihrer Tochter auch das Kommando, als Berend ins Haus und die Treppe hinauf in seine Schlafstube getragen wurde.

»Lene!«, rief Gesche der mit aufgerissenem Mund am Tor wartenden Magd zu. »Los, schnell, hol den Medicus! – Und du, Jens«, befahl sie dem schreckstarr daneben stehenden Hausknecht, »läufst zum Rathaus. Der Vater muss kommen. Sofort!«

»Aber er ist in einer Sitzung, und da will er nicht …«

Gesche blitzte ihn ungeduldig an. »Einerlei, was er gerade tut oder will! Wir brauchen ihn hier! Nun lauf schon!« Viel Hilfe versprach sie sich zwar nicht vom Vater, aber ihn nicht zu benachrichtigen, würde ihm mit Sicherheit einen seiner berühmten Zornausbrüche entlocken.

Noch während sie zusammen mit der Mutter die knarrende Treppe hinaufstieg, traf Anselm Holsten, der Medicus, ein. Kaum zwei Minuten hatte er gebraucht von seinem um die Ecke liegenden Haus. Ein knapper Gruß für die beiden Frauen, und er eilte, seine Tasche unter dem Arm, an ihnen vorbei zu Berends Lager, zwei Stufen auf einmal nehmend.

Er sieht immer noch aus wie eine schlaffe Puppe, dachte Gesche, als sie ihren Bruder auf seinem Bett ausgestreckt sah. Gewöhnlich rollte er sich zum Schlafen zusammen wie ein zufriedener Kater. Jetzt lag er flach, in ganzer Länge da, die großen Füße waren unter der grauen Wolldecke nach außen gekippt, der linke Arm hing über die Bettkante, am rechten fühlte Holsten den Puls.

»Schwach, aber nicht beängstigend.«

Bis zum Bauch knöpfte er das Leinenhemd auf, in das man Berend inzwischen gesteckt hatte, presste sein Ohr an dessen nackte Brust und lauschte angestrengt. Dabei spitzte er den Mund, die kleinen, blassblauen Augen nach oben verdreht.

Wie ein frommes Frettchen, schoss es Gesche durch den Kopf. Sie fing gerade an, sich für ihre frevelhaften Gedanken zu schämen, als der Medicus den Kopf hob und beruhigend in die Runde lächelte.

»Keine verdächtigen Geräusche, da rasselt nichts«, sagte er und verpackte den Patienten wieder in Hemd und Decke. »Ein paar Tage Schonung, dann ist alles vergessen. Jetzt braucht er vor allem Wärme – innen und außen. Du da«, er machte der neugierig hereinspähenden Lene ein Zeichen, »bring heiße Tücher, in die werden wir ihn wickeln, und Holundertee muss her!«

Schon halb die Treppe hinab, auf dem Weg zur Küche, hörte Gesche den Aufschrei ihrer Mutter, die bislang stumm bis auf vereinzelte Schluchzer, ihr Taschentuch knetend an Berends Bettkante gesessen hatte.

»Er blinzelt! Seht doch, er wird wach!«

Von unten tönte im selben Augenblick die donnernde Stimme des Vaters: »Wo steckt er, der Unglücksrabe? Keinen Schritt kann er tun, ohne dass was passiert. Nicht mal das Eis hält ihn aus!«

Gesche drückte sich ans Geländer, um nicht von ihm überrannt zu werden, als er die Treppe hinaufpolterte. Das Gesicht rot vor Ärger, vielleicht auch vom Branntwein, die dünnen, aschfarbenen Haare zerzaust. Seine Perücke musste er in der Diele abgeworfen haben, wie so oft, wenn er schlechtgelaunt nach Hause kam. Mitleid hatte Berend von ihm nicht zu erwarten. Auch keine Fürsorge. Einen Schmutzfleck auf der Familienehre hatte der Vater ihn bei ihrem letzten Streit genannt, einen nutzlosen Tölpel, zu blöd, einen Taler zu drehen, geschweige denn ein Kassenbuch zu führen.

Gesche lief weiter Richtung Küche, froh, den Zusammenprall der beiden nicht miterleben zu müssen. Den Holundertee ließ sie länger ziehen als nötig, sie spülte den blauen Tonkrug ausgiebig mit warmem Wasser aus, suchte im Tassenreck nach Berends Lieblingsbecher, lauschte immer wieder ins Treppenhaus. Erst als das ferne Geschrei allmählich abschwoll, machte sie sich mit dem Trank auf den Weg nach oben – und entdeckte ihn.

Der Mann hockte dicht bei der Haustür auf einem Stuhl, zitternd vor Kälte, das Gesicht unter einer grauen, weit nach vorn gezogenen Pferdedecke verborgen. Der gestampfte Lehmboden hatte sich unter seinen Stiefeln in eine ansehnliche Pfütze verwandelt. Der Retter! Niemand hatte an ihn gedacht!

Krug und Becher auf einem Tablett balancierend, eilte Gesche treppauf und sofort wieder treppab. Verlegen trat sie näher, strich sich ein paar Haarsträhnen aus der Stirn, die unter der Haube hervorgerutscht waren. Murmelte eine kaum hörbare Entschuldigung. Ihr Vater! Er war doch gerade hier vorbeigekommen! Blindlings war er nach oben gestürmt, um seinen Sohn zu traktieren! Vor Zorn hätte sie aufstampfen mögen.

»Na endlich! Er ist kaum noch festzuhalten!« Zwei Männer, die links und rechts neben dem Unbekannten standen, schauten sie vorwurfsvoll an.

Gesche hatte die beiden noch nie gesehen, vermutete aber, dass sie zum selben Reitertrupp gehörten wie Berends Retter. Jäger anscheinend, zumindest ließen ihre grünen Überröcke darauf schließen. Der hier wolle keine Aufmerksamkeit, erklärte der Größere von beiden, ein Mann mit breiter, niedriger Stirn, und klopfte dabei dem Vermummten leicht auf die Schulter. Am liebsten würde er auf der Stelle das Haus verlassen. Aber so gehe das nicht. Den Tod werde er sich holen in den nassen Kleidern. Ihr Dienstherr, der Oberst Rantzau, habe ausdrücklich befohlen, ihn zu den Radeleffs zu bringen und mit trockenen Sachen zu versorgen. Der Oberst selbst habe schleunigst weitergemusst nach Wittmoldt, wo man ihn schon längst erwarte.

»Bertram Rantzau aus Ascheberg?« Gesche zog fragend die Brauen hoch. Natürlich kannte sie den Namen. Die Rantzaus gehörten zum alten holsteinischen Landadel, und das Gut in Ascheberg lag nur knapp eine Meile von Plön entfernt.

»Ja«, der Jäger nickte. »Der hier ist sein Feldtrompeter.« Dazu machten beide eine kleine, aber respektvolle Verbeugung in Richtung des tropfnassen Mannes.

Was jetzt? Was sollte sie tun? Gesche traute sich nicht, dem Unbekannten die Decke wegzuziehen, damit sie mit ihm reden, ihm danken könnte. Aber natürlich brauchte er trockene Kleider, bestimmt auch eine Stärkung und vor allem Wärme.

»Kommt mit!« Eben wollte sie das Trio in die Küche, ans Herdfeuer führen, als von oben wieder die Stimme des Vaters dröhnte.

»Unkraut vergeht nicht!«, schrie er, bevor er schnaufend die Treppe herabrumpelte. Unten angekommen, blieb er stehen und musterte mit gerunzelten Brauen die Szene an der Haustür. Augenblicklich hatte er die Lage erfasst.

»Mein Gott!« Mit flacher Hand schlug er sich an die Stirn. »Anstatt nach dem Dummpattel oben zu sehen, hätte ich mich hier kümmern sollen! Der Held sitzt da und trieft! Lene! Jens! Her mit euch, es gibt Arbeit!«

Mit ausgebreiteten Armen griff er die beiden Jäger bei den Schultern und schob sie ruhig, aber bestimmt zur Tür hinaus. »Wir machen das schon«, seine Stimme erlaubte keinen Widerspruch. »Gruß an euren Dienstherrn. Er bekommt ihn heil zurück.«

Ohne sich an den pikierten Gesichtern der beiden zu stören, zog er einen Stuhl neben den des immer noch Vermummten und spähte neugierig unter die Decke. »Nein, so was! Monsieur Christian Gottlieb!«

Sein verblüffter Aufschrei amüsierte Gesche, sooft sie daran dachte. Mehr noch amüsierte sie allerdings die Erinnerung an ihre eigene Reaktion, als der Vater die Decke beiseitegeschoben und Christians schwarzes Gesicht zum Vorschein gebracht hatte. Der Mohr! Über den die ganze Stadt tuschelte! Natürlich hatte sie von ihm gehört, aber sich einen kohlschwarzen Menschen wirklich vorzustellen, war ihr nie gelungen. Und da saß er nun, lächelte verlegen mit blanken Zähnen und sah eigentlich kein bisschen aus wie ein Teufel oder ein Menschenfresser. Was hatten die Leute denn sonst noch gesagt? Zeit zum Staunen oder Überlegen blieb ihr nicht.

»Dalli, dalli!«, kommandierte der Vater. »Setzt Wasser auf für ein heißes Bad! Bringt warme Kleider in die Schlafstube! Und Branntwein muss her! Für mich auch einen Becher voll! Und nun zu Euch«, sagte er an den Mohren gewandt, »wie seid denn Ihr aufs Eis geraten, genau zum richtigen Zeitpunkt?«

Mit wenigen Sätzen war der Vorfall geklärt. Er sei, berichtete Christian Gottlieb, zusammen mit seinem Herrn, dem Oberst Rantzau, dessen Büchsenspanner und ein paar Jagdgehilfen von Ascheberg kommend über das Eis Richtung Plön geritten, nach Wittmoldt hätten sie gewollt zur Brockstedtschen Jagd. Plötzlich habe er ein fürchterliches Gezeter gehört, Hilferufe und Angstschreie, und beim Näherkommen die beiden jungen Männer in einem Eisloch entdeckt. Eingebrochen, nahe beim Stadtgraben.

»Da ist das Eis nie verlässlich«, sagte er. »Weil der Mühlbach dort in den See mündet. Die zwei hingen schon mit den Köpfen unter Wasser. Und da bin ich eben gesprungen.« Schuddernd zog er die Decke enger um seine Schultern.

»Genau«, rief Jens, der Hausknecht, dazwischen, in jeder Hand einen gefüllten Becher, »vom Pferd und ab ins Wasser. Ins lausig kalte! Alle anderen haben nur gebrüllt! Willem hat es mir erzählt.«

»Wie sollen wir Euch nur danken?« Der alte Radeleff schien beinahe gerührt – wenn schon nicht durch die Rettung seines Sohnes, dann doch zumindest durch den selbstlosen Einsatz dieses Fremden. Er hob seinen Becher. »Prosit! Auf Eure Gesundheit!«

Statt einer Antwort klapperte Christian hörbar mit den Zähnen. Er nahm einen kräftigen Schluck und ließ den Branntwein mit wohligem Seufzen seine Kehle hinabrinnen.

Die Bilder der ersten gemeinsamen Stunden drängten sich in Gesches Kopf: Christian, wie er von ihrem Vater persönlich die Treppe hinauf ins Obergeschoss geschoben und an Jens weitergereicht wurde.

»Krankenpfleger!«, sagte der grinsend.

Christian, wie er in von Berend geliehenen Kleidern und dicken, dunkelblauen, von ihr selbst gestrickten Wollsocken am Kamin in der Stube erschien. Das Wams hatte um die Rippen ein wenig gespannt. Christian mit seiner dunklen, vom Wasserdampf noch glänzenden Haut. Die glitzernden Tropfen in seinem schwarzgekräuselten Haar. Christian, dem das Schulterklopfen des Vaters und die Dankesworte beider Eltern sichtlich Unbehagen bereiteten.

»Berend schläft jetzt.« Die Mutter hatte sich schließlich auch von ihrem angeschlagenen Sohn losreißen können und war zu den anderen nach unten gekommen. »Wenn er aufwacht, sollen wir …« Die Türklinke in der Hand, stockte sie mitten im Satz, schnappte ein paarmal nach Luft und starrte den dunklen Fremden am Feuer an wie den Gott-sei-bei-uns. In ihren grauen, kreisrunden, leicht vorstehenden Augen – Heringsaugen, sagte ihr hämischer Schwager Claus – mischte sich Verblüffung mit Neugier und Entsetzen.

»Da staunst du, was?«, rief der alte Radeleff ihr spöttisch zu. »Hier sitzt der Mann, ohne den unser Berend längst bei den Fischen wäre! Christian Gottlieb heißt er.«

»Wie – Ihr? Ihr habt …? Ach, danke …«, stammelte die Mutter. Ungläubig blickte sie von einem zum anderen.

Christian ging mit einer formvollendeten Verneigung auf sie zu. Sie hätte ihm die Hand reichen müssen. Sie zögerte. Einen Moment länger, und es wäre eine Beleidigung gewesen. Dann – endlich – hielt sie ihm ihre Rechte hin, nur zaghaft allerdings, mit angewinkeltem Ellbogen, und zog sie, kaum dass Christian ihre Fingerspitzen berührt hatte, eilig zurück. Und während er sich, unbekümmert um die begrenzte Höflichkeit, wieder dem Feuer zuwandte, drehte Elisabeth Radeleff den anderen den Rücken zu. Gesche sah, wie die Mutter mit zusammengekniffenen Lippen ihre Hand heftig am Rockstoff rieb, wieder und wieder, wie sie mehrmals besorgt in die Handfläche spähte und schließlich aufatmend näher trat. Anscheinend hatte der Gast nicht abgefärbt.

Ob ihm nichts aufgefallen war? Gesche, die ihren Stuhl etwas vom Feuerschein entfernt in den Halbschatten gerückt hatte, schaute ihn gespannt an und glaubte, in seinen Augen ein kurzes Aufblitzen bemerkt zu haben, eher amüsiert als verärgert.

Wieso war ihr schon bei dieser ersten Begegnung die Haltung der Eltern dem dunklen Gast gegenüber so abwegig vorgekommen? Wenn sie sich in Gedanken zurückversetzte, stieß sie im eigenen Empfinden nicht auf den leisesten Hauch von Schrecken oder Abscheu und auch nicht auf die geringste Spur des Dünkels, den ihr Vater an den Tag legte. Trotz seiner anders klingenden Worte.

»Oh, nein, nein, Ihr müsst bleiben!«, protestierte der alte Radeleff, als Christian nach einem kurzen Gespräch über das Wetter, die Jagd und das Befinden des Oberst Rantzau Anstalten machte, sich zu verabschieden. »Es ist uns eine Freude, Euch zu bewirten, den Retter unseres Sohnes! Kommt!« Er zog ihn an den großen Tisch, den Lene inzwischen gedeckt hatte. »Setzt Euch hierher, auf den Ehrenplatz an der Seite meiner Frau!«

Zusammen mit der Magd trug Gesche gebratenen Schinken, Erbsenmus und Schmorgurken auf, versuchte aber, beim Hin- und Herlaufen nichts vom Tischgespräch zu versäumen. Ihr Vater führte das Wort, und schon bei seinen ersten Fragen erkannte sie, dass die zur Schau gestellte Dankbarkeit nur ein Vorwand war, diesen merkwürdigen Menschen, nun, da er ihn einmal in seinen Fängen hatte, nach Strich und Faden auszuhorchen. Von allen Seiten bohrte er den Gast an, studierte ihn wie ein Botaniker, dem ein seltener Schmetterling ins Netz geraten ist.

»Für einen Mohren sprecht Ihr ganz erstaunlich gut Deutsch«, sagte Hans Radeleff mit vollen Backen. Seine vom reichlichen Branntweingenuss leicht schleifende Stimme verriet den Hochmut des alteingesessenen Ratsherrn. »Viel besser als die benachbarten Dänen. Wie kann das sein?«

»Ganz einfach«, Christian lachte über seinem dampfenden Teller. »Ich bin hier aufgewachsen, beinahe so wie Eure Kinder.« Dabei schaute er Gesche an, die ihm schräg gegenübersaß.

Irgendetwas musste in seinem Blick gewesen sein, das sie im Innersten traf.

Wenn sie später daran zurückdachte, kam es ihr vor, als habe die Verbindung zwischen ihnen beiden in genau diesem Moment ihren Anfang genommen. Als habe auf einer Ebene, die dem lauten, überheblichen Vater verborgen blieb, ein zartes Gespinst zu wachsen begonnen. Sie sah Christian in die Augen, sein Wimpernschlag erschien ihr wie ein Geheimzeichen. Schnell sprang sie auf und lief in die Küche, um die Röte in ihrem Gesicht zu verbergen.

»Aufgewachsen? Wie denn das?«, rief der Vater verwundert. »So schwarz, wie Ihr seid, müsst Ihr doch aus Afrika kommen! Liegt das nicht ziemlich weit weg? Eure Heimat, könnt Ihr Euch an Eure Heimat erinnern? Sind da alle Leute so pechschwarz?«

Gesche blieb unter der Tür stehen, entsetzt über die unverblümte Neugier. »Vater!« Sie wollte ihn bremsen, aber dann sah sie auf Christians Gesicht statt Ärger oder Empörung, wie sie erwartet hätte, ein mühsam unterdrücktes Lachen.

An einem schwachen Rückgrat schien der Gast nicht zu leiden.

Während sie die Becher nachfüllte, das Herdfeuer schürte und sich schließlich wieder auf ihrem Stuhl niederließ, behielt sie ihn verstohlen im Auge. In seiner Haltung lag keine Spur von Unterwürfigkeit oder Liebedienerei. Gelassen saß er da, blickte offen um sich und gab Auskunft, respektvoll im Ton, geduldig, aber doch auf Distanz bedacht.

»Ich war noch klein, als ich von Afrika herübergebracht wurde«, erzählte Christian. »Erst zwei oder drei Jahre alt. Genaues weiß ich nicht. Zu jung auf jeden Fall, um mich an mein Heimatland zu erinnern. Irgendwo an der westlichen Küste Afrikas soll es sein, wurde mir gesagt. Vermutlich sehen da alle so aus wie ich.« Wieder verbiss er sich ein Lachen.

»Ja, ja, das hört man.« Radeleff nickte eifrig. »An vornehmen Höfen scheint es in Mode gekommen zu sein, sich Mohren zu allerlei Zwecken zu halten. Bestimmt eine kostspielige Angelegenheit, was meint Ihr? Hat der Oberst Rantzau viel für Euch berappen müssen? Wie ist er überhaupt an Euch geraten?«

Christian zuckte kurz mit den Achseln. »Auf einem Feldzug hat mich Oberst Rantzau von einem dänischen Kapitän übernommen, Ohlsen soll er geheißen haben. Da muss ich ungefähr sieben gewesen sein.« Er grinste. Im Feuerschein blitzten seine dunklen Augen. »Ob geschenkt oder gekauft, und wenn, für wie viele Taler oder Kronen, kann ich nicht sagen. Darüber hat der Oberst nie ein Wort verloren. Fest steht nur, dass er mich niemals wie einen Sklaven oder Leibeigenen behandelt hat. Und das auch bis heute nicht tut. Er ließ mich Lesen und Schreiben lernen, ich wurde christlich erzogen und in der Kieler St. Nikolaikirche getauft. Als Christian Gottlieb, ein Afrikaner und Mohr, bin ich dort im Taufbuch registriert.«

Radeleff schaute ihn wohlgefällig an. »Ein Christenmensch also, mit anständigem Namen. Sehr gut, sehr ordentlich.«

»Ja. Der Oberst gab in Kiel sogar ein Fest für mich, mit vielen Gästen. Sechzehn war ich zu der Zeit.«

»Wie? Ein Fest? Für Euch? In Rantzaus Ascheberger Haus?« Während der Vater verdutzt in die Runde starrte, unterdrückte Gesche ein Kichern. Nur zu genau konnte sie sich vorstellen, welche finsteren Gedanken diese Mitteilung bei ihm auslöste. Schließlich war er oft genug zu Geldgeschäften und Besorgungen in Kiel gewesen, um das imposante Haus an der Holstenstraße, nahe beim Markt, im Herzen der Stadt zu kennen. Und oft genug hatte er den Landadel lauthals darum beneidet, die trüben holsteinischen Wintermonate in eleganten Stadthäusern verbringen zu können. Nicht auszuhalten, dass diese Mannsperson dort Zutritt hatte, sogar gefeiert wurde. Ein Dahergelaufener! Aus Afrika!

Radeleffs Stimme klang kratzig, als er nachhakte. »Ein Fest also. In feiner Gesellschaft, was?«

»Ja«, sagte Christian mit Unschuldsmiene, »ein glanzvolles Fest. Es gab besondere Köstlichkeiten, Kapaune, Pasteten, Weißbrot, Apfelsinen, Marzipan …«

»Wie? Solche Specereien?« Radeleff schnappte nach Luft. »Was hat den Oberst nur dazu getrieben? Ist das nicht ein bisschen viel Aufhebens um einen …« Er stockte und begann verlegen, seine kurzen dicken Finger zu kneten.

»Um einen Mohren, meint Ihr?« Christian lachte ihn unbefangen an. »Sprecht es ruhig aus. Ich bin dran gewöhnt. Warum er das getan hat, kann ich nicht sagen. Ohne bestimmte Absicht sicher nicht, denn er hat mich allen Gästen vorgestellt – wie einen Sohn. Vielleicht …« Er zögerte, starrte einen Moment nachdenklich in die Flammen. »Vor einigen Jahren habe ich zufällig gehört, wie der Oberst mit Besuchern über Leute von meiner Art sprach. Über Mohren. Er schien mehreren begegnet zu sein. Man betrachte sie meistens als billige Arbeitskräfte, sagte er, kaum anders als Haustiere, an manchen Adelshöfen würden sie herausgeputzt und wie polierte Schmuckstücke zur Schau gestellt, und für viele Handelsherren seien sie schlicht Waren wie Gold, Tabak oder Korallen. Die wenigsten hielten sie für Menschen, eher für gottlose, lasterhafte Barbaren, Bestien, Menschenfresser.« Christian schluckte und räusperte sich ausführlich, bevor er weitersprach. »Möglicherweise wollte er der Kieler Gesellschaft zeigen, dass er eine andere Ansicht vertritt. Mir jedenfalls sagt er immer wieder, er erwarte von mir nichts weiter, als ein ordentlicher Christenmensch zu sein.«

»Aber wie kommt er zu diesem Standpunkt? Woher das Bedürfnis, Euch so viel Ehre und Anerkennung zu verschaffen?« Der alte Radeleff streckte seinen Becher in Gesches Richtung, damit sie ihm Branntwein nachschenkte.

»Darüber spricht er nicht«, sagte Christian. »Vielleicht betrachtet er mich als Ersatz für seine beiden gestorbenen Söhne, ich weiß es nicht. Aber sicher ist, dass er im vergangenen Krieg ein paar furchtbare Gefechte auf verschiedenen Schlachtfeldern mitgemacht hat, bei denen sich die Soldaten im Namen Gottes gegenseitig zerhackten. Er erträgt solche Gemetzel nicht mehr. Als Geschöpfe Gottes sollten Menschen einander achten und hüten, sagt er oft. Und anscheinend bin ich für ihn ein richtiger Mensch, wenn auch ein schwarzer.« Jetzt grinste er wieder. Ein bisschen herausfordernd, wie Gesche fand, als warte er auf Widerspruch von ihrem Vater.

Aber den Gefallen tat ihm der Alte nicht. »Müsst Ihr als Feldtrompeter denn nicht auch in die Schlacht?«, erkundigte er sich. »Das gehört doch zu Eurem Beruf, soweit ich weiß.«

»Nicht unbedingt«, erklärte Christian. »Als Trompeter der Kavallerie muss man an einem Feldzug teilgenommen haben. Ich zum Beispiel war bei der Belagerung von Wismar dabei, als die Schweden vor acht Jahren die Stadt besetzt hielten. In einer Schlacht war ich nie. Zum Glück!«

»Kein Held also«, murmelte Radeleff.

»Nein, kein Held.«

Gesche erinnerte sich, damals verwundert gewesen zu sein über dieses Eingeständnis. Wie passte das zusammen mit seinem todesmutigen Sprung ins Eisloch? Es sollte dauern, lange, bis sie ihn gut genug kannte, um dieses Geheimnis zu lüften.

Es war spät am Abend, als Christian schließlich das Radeleffsche Haus verließ. Fast taghell reflektierte der Schnee den bleichen Schein des Vollmondes. Deshalb lehnte Christian das Angebot, von Fackelträgern nach Ascheberg begleitet zu werden, dankend ab. In einer warmen Joppe von Berend und ebenfalls geliehenen Hosen und Stiefeln schwang er sich auf sein Pferd. Mit kurzem Winken ritt er über den Marktplatz davon, die eigenen, noch immer feuchten Kleider in einem Bündel an den Sattel geknotet.

Gemeinsam mit dem Vater hatte Gesche ihn zum Haustor begleitet. Draußen roch es nach Frost, der Atem formte sich zu weißen Wölkchen. Beide dankten noch einmal und schüttelten ihm die Hand. Die Mutter dagegen hielt sich hinter der halb offenen Tür verschanzt. Es sei ihr zu kalt, rief sie entschuldigend durch den Spalt. In Wirklichkeit, vermutete Gesche, wollte sie nur eine zweite Berührung mit dem anrüchigen Besucher vermeiden.

Und prompt brach der Widerwille, kaum dass die Tür geschlossen und der schwere Holzriegel vorgelegt war, in einem Schwall aus ihr heraus.

»Wie mit Pech überzogen!«, ächzte Elisabeth Radeleff. »Grauenhaft! Ein leibhaftiger Mohr! Und so einer sitzt bei uns am Tisch! Ich fasse es nicht!«

Kopfschüttelnd zog sie sich am Treppengeländer hoch, um gleich zu Bett zu gehen. Ihr bleiches Gesicht über dem Handlauf wurde vom Talglicht auf dem Dielentisch zu einer scharfkantigen Fratze verzerrt, mit hohlen Wangen und böse funkelnden Augen.

Das kann nicht sein, dachte Gesche. So viel Ablehnung, nur wegen der Farbe. Vor lauter Mohr sieht sie den Menschen nicht!

Der Vater jedoch lachte dröhnend auf. »Bedanke dich bei deinem Sohn!«, rief er seiner Frau nach. »Der Stiesel brockt uns eine Menge ein. Andererseits – dieser Gottlieb, oder wie er heißt, ist doch ganz interessant. So einen Kerl trifft man nicht alle Tage.«

Gähnend rieb er sich den Nacken, fragte seine Tochter, ob sie noch mit ans Feuer komme, und ging, als sie verneinte, einen Gutenachtgruß grummelnd allein in die Stube.

In anderen Vollmondnächten versuchte Gesche mit allen möglichen Tricks, sich in den Schlaf zu manövrieren. Sagte leise murmelnd den Text endloser Kirchenlieder auf, sämtliche Strophen, bei denen ihr schon im sonntäglichen Gottesdienst oft die Augen zufielen. Überlegte, welche Mengen Salzgurken sie mit Lenes Hilfe einlegen sollte oder wie viele Meter Stoff man für drei neue Schürzen benötigen würde. Manchmal zählte sie auch einfach, bis sie irgendwann wegsackte.

In dieser Nacht war das helle Licht, das ihr, durch die zugezogenen blassgrünen Vorhänge kaum gebrochen, wie ein Lampenschein ins Gesicht fiel, gerade recht.

Das Durcheinander in ihrem Kopf, das Kribbeln hinter ihren Rippen, so als schwirrte dort ein Schwarm Bienen – unmöglich konnte sie bis zum Morgen warten, um ihre Gedanken zu ordnen und ihren Gefühlen nachzuspüren!

Gesche setzte sich im Bett auf, schob ein Kissen in ihren Rücken und schlang die Arme um die Knie. Was hatte ihre Mutter gesagt, vorhin im Gespräch über Christian Gottlieb? So einer –ein Kerl, sie hörte wieder den abfälligen Ton. Nicht einmal die Tatsache, dass er Berend gerettet hatte, schien ihn in den Augen der Eltern von seinem Makel zu befreien. Ein Mohr blieb ein Mohr, punktum. Gleichgültig, was er tat. Und ihre Dankbarkeit? Nichts als Theater, dachte Gesche.

Weshalb empfand sie selbst so ganz anders? Wieso sträubte sich alles in ihr gegen diese Haltung? Bislang hatte sie sich immer an die Linie gehalten, die Vater und Mutter vorgaben, war mit ihnen zur Kirche gegangen, jeden Sonntag pünktlich um acht Uhr, ohne zu murren. Hatte, seit sie fünfzehn war, Näh- und Putzarbeiten im Haushalt übernommen, war im Garten für die Kräuterbeete zuständig, sprach, wenn Gäste da waren, nicht bei Tisch, ohne gefragt zu sein. Knickste höflich vor Nachbarn und Bekannten. Ihre Pflichten hatte sie erfüllt, im Vertrauen, dass die Eltern das Beste für sie wollten, und im Bewusstsein, mit ihren siebzehn Jahren noch nicht selbst über sich verfügen zu dürfen.

Aber jetzt? Noch nie war sie in einen solchen Zwiespalt geraten. Merkwürdig, für sie spielte es überhaupt keine Rolle, ob der junge Mann schwarz war oder weiß. Sie fühlte sich einfach wohl in seiner Nähe. Ihr gefiel die Art, wie er die nur mühsam unterdrückte Überheblichkeit ihrer Eltern scheinbar unberührt an sich abprallen ließ. Ihr gefiel seine natürliche Würde, die sich umso deutlicher abzeichnete, je herablassender die Fragen seiner Gastgeber ausfielen.

Gesche legte den Kopf auf ihre angezogenen Knie und schloss die Augen. Jetzt konnte sie ihn wieder vor sich sehen, ganz deutlich. Hübsch war er eigentlich nicht mit seiner breiten Stirn, den weit auseinanderstehenden Augen und dem etwas vorspringenden Kinn. Jedenfalls nicht so hübsch wie Eike, der älteste Sohn von Braumeister Randebrook, dem Nachbarn am Marktplatz. Eike glich den blonden Rittern ihrer Kindermärchen, seit Jahren scharwenzelte er um sie herum, beim letzten Schützenfest hatte er sie derart belagert, dass kein anderer an sie herangekommen war. Und trotzdem: Niemals hatte sie in seiner Gegenwart dieses merkwürdige Prickeln unter ihrer Haut verspürt wie heute Abend in Christians Nähe.

Eike, dachte Gesche, würde sich aufgeplustert haben wie ein Täuberich am Dachfirst, wenn er als Retter ins Eisloch gesprungen wäre, gesonnt hätte er sich in den Lobeshymnen des Vaters, während Christian beschämt abwehrte und zu einer Selbstverständlichkeit erklärte, was er getan hatte. Sie mochte diese Bescheidenheit. Aufschneider lagen ihr nicht.

Schläfrig schüttelte Gesche ihr Kissen zurecht, streckte sich unter ihrer Decke und erkannte in genau dem Augenblick, als sie ihn aus ihren Gedanken entlassen wollte, was sie am meisten anzog: Christian schien in seinem Innersten völlig unabhängig zu sein, der König einer verborgenen Festung, die weder Missachtung noch Lobhudelei ins Wanken bringen konnte. Und noch im Wegdämmern wünschte sie sich, er würde ihr Zutritt gewähren zu seinem geheimen Reich.

Wenn Vater geahnt hätte, wohin sich diese Sache entwickeln sollte! Gesche wandte sich dem Gatter zu, stützte ihre Arme auf das reifüberzogene Holz und bog ihren schmerzenden Rücken durch. Ein warmes Schnauben dicht neben ihrem linken Ohr ließ sie hochfahren. In dampfenden Atem gehüllt tauchte ein Pferdekopf auf, stupste mit den Nüstern kurz gegen ihre Schulter und verschwand dann wieder unter den dunklen Schatten hinter der Nebelwand.

Christian würde längst alle Tiere des Klostergestüts mit Namen gekannt haben. Ein Pfiff, ein Schnalzen, schon wären sie zu ihm getrabt, hätten sich eine Möhre oder ein Tätscheln geholt. Gesche genoss diese Vorstellung. Obwohl es schönere Wege in der Umgebung gab, mit freierem Ausblick und weniger Nebelbänken, zog es sie fast täglich hierher. Hier, bei den Pferden fühlte sie sich ihm nahe. Hier gelang es ihr am ehesten, ihn wieder vor sich zu sehen, wie er in seiner goldschimmernden Uniform durch die Straßen von Plön geritten war, ein stolzer Feldtrompeter bei der Kavallerie. Und lange hatte niemand geahnt, was sich zwischen ihnen beiden anbahnte.

Bereits am Tag nach dem Eisunfall war er wieder gekommen. Natürlich, er musste ja die geliehenen Kleider zurückbringen, säuberlich gefaltet und verschnürt. Nur, leider, hatte er die Stiefel vergessen. Deshalb erschien er am darauffolgenden Tag gleich noch einmal, um sie nachzuliefern, und am übernächsten auch, weil er sich nach Berends Befinden erkundigen wolle. So ging das weiter. Alle paar Tage klopfte er ans Tor, und als ihm die glaubhaften Gründe ausgingen, fragte er wie ein alter Bekannter einfach mit breitem Lächeln, wie es denn so gehe.

Jedes Mal wurde er hereingebeten, mit Tee oder Buttermilch oder Dünnbier bewirtet, dazu ein Schmalzbrot oder eine Schüssel Kompott. Mehrmals kam er zu einer Stunde, in der die alten Radeleffs ihr Mittagsschläfchen hielten, sodass Gesche ihn in Vertretung von Vater und Mutter empfangen musste. Dann saßen sie einander befangen gegenüber, mal am Küchentisch, mal in der Stube, und wechselten verlegen lächelnd hölzerne Sätze. Gesche entschuldigte die Abwesenheit der Eltern, sprach über die erstaunlich reiche Johannisbeerernte dieses Sommers, den Plan, im Hof einen neuen Brunnen anzulegen, ihre Vorfreude auf das bevorstehende Stadtfest oder andere Belanglosigkeiten. Dabei hielt sie die Augen meist gesenkt, ihre im Schoß gefalteten Hände fühlten sich feucht und kalt an, und inständig hoffte sie, er möge die Schwankungen ihrer Stimme nicht bemerken und schon gar nicht hören, wie heftig ihr Herz gegen die Rippen schlug.

Immer wenn sie scheuaufschaute, begegnete sie seinem aufmerksamen Blick und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.Lass den Unsinn, ärgerte sie sich, bilde dir nichts ein! Hör doch, wovon er spricht! Tafelmusik bei Rantzaus, sein krankes Pferd, die Jagd vom vergangenen Sonntag – das hat alles nichts mit dir zu tun!

»Was hätte ich denn machen sollen?«, fragte Christian später, als sie sich gemeinsam an die holprigen Anfänge ihrer Verbindung erinnerten. »Dir meine Liebe gestehen, wie ich es nur zu gern getan hätte? Dich umarmen? Deine Hände küssen? Oder gar deinen Mund? Stell dir vor, es wäre jemand hereingekommen! Schließlich war ich nicht Eike Randebrook oder Hinrich Tönnies oder sonst einer von denen, die deinen Eltern als Schwiegersohn willkommen gewesen wären, sondern nur …«

»Ja, ja, ein Mohr!«, fiel ihm Gesche ins Wort und lachte laut. »Nicht das kleinste Zeichen hast du mir gegeben. Wie hätte ich da nicht annehmen sollen, dass du nur zu Höflichkeitsbesuchen bei uns erschienst, auf keinen Fall aber meinetwegen?«

»Reine Höflichkeitsbesuche?«, spottete Christian. »Davon hätte mich die frostige Art deines Vaters schnell abgebracht. Ich habe seine Stimme noch im Ohr: Aha, der Herr Feldtrompeter, keine Pflichten heute? – Oh, Monsieur Gottlieb, ich bin zwar in Eile, aber bitte, tretet ein.« Vergeblich versuchte er, den tiefen Grummelton des alten Radeleff nachzuahmen.

Gesche wusste noch, dass ihr Vater manchmal etwas von diesem lästigenMenschen vor sich hin gemurmelt und ihre Mutter ein leises Der-schon-wieder geseufzt hatte, wenn Christian das Haus betrat. Auf den Gedanken, er könne es auf ihre Tochter abgesehen haben, waren die beiden wohl nicht einen Moment lang gekommen.

In Geschäften seines Dienstherrn war Christian öfters auf den Plöner Straßen unterwegs. Schon wegen seiner dunklen Hautfarbe eine auffallende Erscheinung, mehr aber noch wegen seiner prachtvollen Uniform, einem schwarzen, von rot-goldenen Tressen strotzenden Überrock, zu dem er leuchtend rote Kniebundhosen und rote Strümpfe trug, an der Seite einen Degen.

Gesche hielt inzwischen gespannt den Atem an, sobald sie Hufgetrappel hörte, hob aber erst den Kopf, wenn der Reiter vorüber war, und sah ihm verstohlen nach. Längst erkannte sie Christian auch aus diesem Blickwinkel, an der Art, wie er kerzengerade im Sattel saß, und an seinem Pferd, einem Braunen mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif.

»He, he, Gesche!« Ein paarmal hatten ihre Freundinnen sie aufgeregt angestoßen. »Das war Rantzaus Trompeter! Er hat dich gegrüßt! Und du guckst nicht mal hin! So stur muss man wirklich nicht sein, auch wenn er schwarz ist. Schließlich hat er Berend gerettet und sieht auch noch fabelhaft aus!«

Sie zuckte dann gleichgültig mit den Achseln. Nicht einmal Friederike und Marie, ihren engsten Vertrauten, verriet sie etwas von ihren Gefühlen. Wie hätte sie auch über das Durcheinander in ihrem Innern reden können? Sie fand ja nicht einmal allein mit sich die passenden Worte für diese verwirrende Mischung aus Sehnen, Neugier, Scheu, Angst, Bewunderung, vielleicht sogar Zärtlichkeit. Außerdem hätte sie sich bodenlos blamiert, weil er ja offenkundig nichts für sie empfand. Sonst hätte er das längst gezeigt. Ein Gruß auf der Straße! Unter Bekannten gehörte das zum guten Ton, hatte aber überhaupt keine Bedeutung. Nein, sie würde sich nichts anmerken lassen.

An einem strahlenden Sonntag Anfang Juli fand das Plöner Vogelschießen statt. Wie jedes Jahr um diese Zeit. Ein weicher Wind trieb zarte Federwolken über den Himmel. Schon am Vorabend war der große, kunstvoll gedrechselte und bunt bemalte Holzvogel auf einem Leiterwagen aus der mit Blumen und Fahnen geschmückten Stadt hinaus zum Trammer See gekarrt und auf einer zwanzig Meter hohen Stange befestigt worden. Gegen neun Uhr am nächsten Morgen begann der eigentliche Festtag mit einem Höllenlärm. Unter den ohrenbetäubenden Klängen von Sackpfeifen, Schellenbäumen, Trommeln und Pauken marschierten die Gildeschützen in schwarzen Gehröcken, auf den Köpfen hohe schwarze Hüte und rote Rosen in den Gewehrläufen, vom Rathaus aus an der Kirche vorbei über den Gänsemarkt und die Rodomstorstraße hinunter zum Festplatz Düvelsbrook. Begleitet von kreischenden Kindern und im Gefolge einen Riesentross festlich gestimmter Plöner Bürger. Die ganze Stadt war auf den Beinen.

»Ich geh schon mal voraus!«, hatte Gesche gegen halb zehn den Eltern zugerufen, die sich in ihrer Schlafkammer noch zurechtmachten. Er, der Vater, würde wie gewöhnlich bei solchen Anlässen seinen braunen, nach neuester Mode geschnittenen taillierten Überrock mit den silbernen Knöpfen tragen, dazu farblich abgestimmte Culottes und Seidenstrümpfe samt Kniegürteln. Wie eine Regentonne wird er aussehen in den eng anliegenden Kleidern, dachte Gesche. Der kühne Dreispitz auf seiner braungelockten Festtagsperücke kann die Sache auch nicht retten! Und sie, die Mutter? Gerundet durch die vielen Schichten ihrer Röcke, das Gesicht umschmeichelt von einem breiten weißen Spitzenkragen, würde sie wirken wie der Inbegriff gesunden bürgerlichen Wohlstands.

»Ja, nur zu, Kind«, tönte es von jenseits der schweren Eichentür. Dazu das Quietschen eines Truhendeckels und das Poltern von Schuhen.

Auf Zehenspitzen war Gesche über die knarrenden Dielen zurück in ihre Kammer geschlichen.

Kein einziges Mal, seit sie laufen konnte, hatte sie beim Schützenfest gefehlt. Sie liebte das Gewusel in den engen Gassen, das Geschrei bei der Siegerkrönung, den Tanz auf der Festwiese. Christian, dachte sie, er verdirbt mir langsam die Lust am Leben. Wütend warf sie sich auf ihr Bett und bearbeitete die Decke mit den Fäusten. Wir sehen uns beim Fest, hatte er bei seinem letzten Besuch vor knapp einer Woche gesagt. Er kam inzwischen nicht mehr so oft, höchstens ein- oder zweimal im Monat. Klar, dachte sie, es wird ihm langweilig bei uns. Er weiß nur nicht, wie er sich von seiner selbst auferlegten Pflicht befreien könnte. Wir sehen uns beim Fest – wie kann man so albern daherreden! Natürlich würden wir uns sehen, wenn ich hinausginge. Jeden sieht man hier! Plön mit seinen gerade mal tausend Einwohnern ist schließlich nicht Kiel! Und was dann? Wenn man sich da draußen auf einmal gegenüberstünde? Ein höflicher Gruß und dann weiter? Jeder für sich? Auf keinen Fall! Das hielte sie nicht aus.

Von fern hörte sie die scheppernde Musik des Spielmannszuges, Kinder tobten johlend vor dem Haus. Das Kissen, sie wollte sich das Kissen auf die Ohren pressen, stand dann aber doch auf und ging zum Fenster. Hier oben, hinter den kleinen Scheiben, würde niemand sie sehen können, sie dagegen hatte alles im Blick. Lärmende, lachende Menschen drängten sich auf dem Marktplatz, manche tanzten zu den schrägen Tönen einer Fiedel. Da drüben, das war doch Anton Schönbohm, und dort Jacob Wedderhus mit Friederike. Und der da, der gerade auf ihre Eltern zuging – war das nicht Oberst Rantzau? Dann musste Christian in der Nähe sein.

Wie es passiert war, hätte Gesche später nicht sagen können. Plötzlich fand sie sich unten im Getümmel wieder. Nicht einmal feingemacht, nicht einmal die neue Ausgehhaube auf dem Kopf. Sie wurde hin- und hergeschoben, stieß mit Jochim Seibold zusammen, prallte gegen Friedrich Soltmann, nahm von Antonia Dreher eine Handvoll gerösteter Nüsse entgegen, ohne sich zu bedanken.

»Was ist mit dir?« Marie tauchte an ihrer Seite auf und schaute sie besorgt an. »Du siehst so anders aus. Hast du Fieber?«

»Unsinn!« Gesche drehte ihr den Rücken zu. Kauend ließ sie sich weiterschieben. Wie hinter einem Schleier trieben Gesichter an ihr vorüber, lachend, schwitzend, singend, prustend. Ab und zu fing sie einen erstaunten Blick auf, aber das berührte sie nicht.

Plötzlich tippte ihr jemand auf die Schulter. Warum ließ man sie nicht in Ruhe? Unwirsch wandte sie den Kopf und schaute direkt in Christians Gesicht.

»Die Rathaustwiete«, sagte er ernst. Dann drehte er sich um und verschwand im Gedränge.

Was bildet er sich ein? Glaubt er, ich folge ihm wie ein Hündchen? Vielleicht hat er gemerkt, was mit mir los ist, und will ein Spiel mit mir treiben. In die Twiete! Lächerlich, ihm einfach nachzulaufen! Wo bin ich überhaupt? Und wie, bitte, soll ich durch dieses Gewühl kommen?

Wieder ballte Gesche wütend die Fäuste, zwängte sich aber dennoch so zielstrebig voran, als würde sie an einer Leine gezogen.

Ohne seine Vorankündigung hätte sie ihn in der schmalen Gasse nie entdeckt. An die Ziegelwand des Rathauses gelehnt, wartete Christian im tiefen Schatten. Die Konturen seines Gesichtes waren kaum auszumachen, und das Rotbraun seines Überrocks verschmolz mit der Farbe der Mauer. Ein schneller Blick über die Schulter, ehe sie zu ihm in die Dunkelheit huschte. Kein Mensch folgte ihr, niemand schaute in diese Richtung. Alle drängten dem Zug nach, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes nach einem kurzen Halt wieder in Bewegung zu setzen begann. Geschrei und Musik wurden leiser. Aus einem offenen Giebelfenster am Ende der Gasse scholl das grelle Gekeife zweier Frauenstimmen, dann wurden die Fensterflügel scheppernd zugeschlagen. Stille. Zögernd schob Gesche einen Fuß vor den anderen, zupfte unsicher an den Volants ihrer Ärmel, blinzelte, um besser sehen zu können. Was mache ich hier eigentlich?, dachte sie. Was soll das? Ich bin doch verrückt, mich hierherlocken zu lassen.

Die Twiete war so eng, dass man nicht einmal nebeneinander hätte gehen können. Wenn sie jetzt weiterging, musste sie unweigerlich auf ihn treffen.

»Gesche!« Christian stieß sich von der Wand ab und kam ihr entgegen. »Da bist du ja!« Er sprach sehr leise, obwohl sie allein in der Gasse waren.

So direkt hatte er sie zuvor nie angeredet, weder mit ihrem Namen, noch hatte er sie geduzt. Und in seiner Stimme schwang etwas mit, ein Unterton, den sie aus ihren bisherigen Gesprächen nicht kannte. Für einen Moment überfiel sie der heftige Drang sich umzudrehen, einfach wegzulaufen. Aber der Sog war stärker. Sie ging weiter, noch einen Schritt und noch einen, bis sie vor ihm stand, ganz nah. Seine Schultern füllten beinahe die Breite des Sträßchens. Er roch nach Sommer – Äpfel, Heu, sonnenerwärmter Stoff. Wie einen zarten Windhauch spürte sie seinen Atem. Der zweite Knopf an seinem Wams war lose. Nur von ein paar spröden Fäden gehalten, hing er aus dem braun gefassten Knopfloch. Und plötzlich fühlte sie seine Hände an ihrem Gesicht. Warm, sanft, ein wenig kratzig. Sacht strichen seine Daumen über ihre Brauen, folgten dem Schwung ihrer Nase.

»Du weißt es, du weißt längst, wie sehr ich dich liebe.« Beim Sprechen streichelten seine Lippen ihre Stirn, ihre Ohren, wanderten weiter über die Augenlider und die Wangenknochen bis zu ihrem Mund.

Wenn sie später versuchte, diesen Moment zurückzurufen, wusste sie nicht mehr, ob sie ihm geantwortet hatte. Wahrscheinlich war sie gar nicht zu Wort gekommen, weil er sie küsste. Und weil es, als er sie an sich drückte und sie, die Arme um seinen Hals geschlungen, seinen Kuss erwiderte, nichts mehr zu bereden gab. Nur dass sie das überwältigende Gefühl hatte, endlich angekommen zu sein, blieb unauslöschbar in ihrer Erinnerung.

Schritte kamen näher, Stimmen, ein Schatten fiel in den Eingang der Gasse. Behutsam löste Christian Gesches Arme von seinem Nacken.

»Besser wir gehen, bevor uns jemand entdeckt. Deine Eltern sollten nicht durch Tratscherei von uns erfahren.«

»Nein, bloß das nicht! Du kennst meinen Vater.«

Was hatte Christian gesagt? Wir – uns? So als wäre ihre Zusammengehörigkeit das Selbstverständlichste von der Welt. Dachte er etwa an Heirat? Gesche schluckte. Mit einem tiefen Seufzer rückte sie ihre Haube zurecht und strich sich über die glühenden Wangen.

Er streckte die Hand nach ihr aus. »Komm, bis da vorne noch.« Nah beieinander gingen sie zum Ende der Twiete.

»Du zuerst«, sagte Gesche mit einem kleinen Stups in seinen Rücken.

»Wie du willst.« Christian warf ihr über die Schulter einen Blick zu. »Ich rede mit ihm, ganz offiziell.« Ein kurzer Druck seiner Finger, und er trat auf den sonnenbeschienenen Marktplatz.

Aus dem Schatten beobachtete Gesche, wie er mit federnden Schritten und wippenden Rockschößen Richtung Lange Straße davonging. So sehen unterdrückte Freudensprünge aus, dachte sie und wäre am liebsten hinter ihm her gehüpft.

Das Vogelschießen war in vollem Gang, als Gesche auf der Festwiese eintraf. Sie hatte sich Zeit gelassen, war noch zu Hause gewesen, um die neue Haube und das himmelblaue Brusttuch zu holen, und war langsam gegangen, weil sie sich fühlte, als müsste sie nach einem Schwindelanfall wieder festen Boden unter die Füße bekommen.

Umringt von johlenden Zuschauern, legten die Schützen mit schweren Büchsen auf den farbenprächtigen, papageienähnlichen Goyen an, der mitten auf dem Platz hoch oben am Ende einer langen Stange saß. Er sah bereits arg ramponiert aus, beide Klauen und der rechte Flügel waren schon abgeschossen, und das grün-blaue Gefieder seiner Brust war teilweise zersplittert. Das Schießen würde weitergehen, bis das letzte Stück des Vogels fiel. Wer das abschoss, war neuer Schützenkönig.

Auf der Suche nach Friederike sah Gesche sich unter den Schaulustigen um. Irgendwem musste sie von ihrer Seligkeit erzählen, wenn sie nicht laut jubeln oder vor Freude herumtanzen wollte, und zumindest dieser Freundin glaubte sie vertrauen zu können. Da drüben stand sie, wenige Schritte hinter Eike Randebrook, der gerade auf den Vogel zielte, aber wieder am Arm von Jacob Wedderhus, und der musste nun wirklich nicht eingeweiht werden.

Gesche schlängelte sich weiter durch das Gewimmel und entdeckte plötzlich etwas abseits ihre Eltern, wie sie, die Augen auf einen Pulk in der Menge gerichtet, die Köpfe zusammensteckten. Erschrocken fuhren sie auseinander, als ihre Tochter neben ihnen auftauchte.

»Ach, du bist es. Erst lässt du dich nicht blicken, und dann stehst du auf einmal da wie aus dem Boden gestampft.« Dem Vater saß schon wieder seine tiefe Zornfalte zwischen den Brauen. »Sieh dir das an!« Mit dem Kinn wies er ihr die Richtung. »Der Herzog! Der Herzog Hans Adolf persönlich! Gibt unserer Schützengilde die Ehre und nimmt am Vogelschießen teil. Man fühlt sich geschmeichelt, man ist stolz auf den hohen Besuch, klar. Aber mit wem redet er dann? Länger als mit dem Bürgermeister und den Gildebrüdern? Du errätst es nicht! Mit dem Mohren! Diesem Gottlieb!« Er zog ein zerknülltes Schnupftuch aus seiner Rocktasche, wischte damit über Stirn und Mund und schneuzte sich dann mit einem durchdringenden Trompetenton, in den er seinen ganzen Unwillen legte.

»Beruhige dich, Hans«, die Mutter griff beschwichtigend nach seinem Arm. »Du weißt doch, wie gern sich der Herzog leutselig gibt. Und bei einem Volksfest ist es schließlich normal, dass man mit jedem redet, auch mit denen von ganz unten. Vorhin hat er sogar dem Schweine-Achim zugewinkt.«

Der Schweine-Achim! Gesche zog die Luft durch die Zähne. Wollten sie den armen Schlucker, der bis tief in den Herbst hinein bei Wind und Wetter mit einer Rotte halbwilder Schweine durch die umliegenden Eichen- und Buchenwälder streifte, tatsächlich mit Christian auf eine Stufe stellen? Diesen barfüßigen, zerlumpten Hirten mit dem verfilzten Haar und dem meckernden Lachen?

Sie hatte sich umgedreht und Christian entdeckt. Selbst neben dem in einer taubenblauen, knielangen Jacke und hochhackigen Schnallenschuhen überaus elegant wirkenden Herzog von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön machte er eine gute Figur. Sie beobachtete, wie er dem Herzog eine Weile aufmerksam zuhörte, nickte, lachte, unbefangen redete und nach einer anmutigen Verbeugung davonschlenderte.

Christian bemerkte sie nicht, er wandte sich in die entgegengesetzte Richtung, hoch aufgerichtet, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Meiner, dachte sie, mein Liebster, und wurde im gleichen Moment von der Stimme ihres Vaters aufgeschreckt.

»Was gibt’s denn da zu gaffen?«, fuhr er sie an. »Das sieht ja aus, als wären wir neidisch! Kommt weiter, da drüben sind die Randebrooks.«

Er packte seine Tochter bei der Schulter und schob sie mit festem Griff auf die Nachbarn zu. Dort angekommen, drückte er ein wenig nach unten, als müsste sie wie ein kleines Mädchen zum Knicks gezwungen werden. Dann endlich ließ er los, weil er im Gespräch über eine bröckelnde Brandmauer und die steigenden Weizenpreise beide Hände zum Gestikulieren brauchte. Mit verkrampftem Lächeln blieb Gesche ein paar Minuten lang neben dem Vater stehen und verschwand dann, als er gerade empört die Arme zum Himmel warf, flink im Getümmel.

Wie zum Schutz gegen mögliche Angriffe verschränkte sie beim Gehen die Arme vor der Brust. Das Lächeln klebte weiter in ihrem Gesicht. Ich muss verrückt gewesen sein, dachte sie, nicht ganz bei Trost! Zu glauben, wir kämen so einfach durch mit unserer Liebe. Wenn man die beiden reden hört! Abfälliger geht es nicht. Der Vater wird toben über unsere Pläne, explodieren wird er vor Wut. Sie atmete tief durch. Bloß jetzt nicht den Mut verlieren. Entschlossen straffte sie ihren Rücken und ließ den Blick suchend durch die Menge wandern, hielt Ausschau nach Friederike, die ihr vielleicht helfen könnte, das Wirrwarr von Glück und Bangigkeit in ihrem Innern zu klären.

Krachende Böllerschüsse ließen sie zusammenfahren.

»Ein Hoch auf den neuen Schützenköng!«, jubelten die Leute. »Es lebe Hans Adolf!«

»Der Herzog! Der Herzog! Er hat die letzten Splitter abgeschossen!« Friederike, die plötzlich hinter ihr stand, versuchte, den Lärm zu übertönen, und schrie ihr direkt ins Ohr.

»Wie?« Gesche drehte sich verwirrt zu ihr um. Sie war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass der Triumph des Ehrengastes sie interessiert hätte.

»Was ist nur los mit dir? Warum bist du heute so merkwürdig?« Friederike fasste sie bei den Oberarmen und schüttelte sie, das Gesicht mit den vor Aufregung geröteten Wangen kaum eine Handbreit von ihrem entfernt. »Komm schon, das wird ein großartiges Fest mit diesem feinen König!«

Hilflos nestelte Gesche an den Bändern ihrer Haube. Nur zu gern hätte sie mit der Freundin alles besprochen, ihr das Herz ausgeschüttet, aber doch nicht hier, nicht in diesem Trubel. Vielleicht würde sich Friederike überreden lassen, gemeinsam ein Stück am nahen See entlangzugehen, über den von Weiden gesäumten Weg, nur bis zum Steg an der Windmühle. Sie öffnete gerade den Mund, als Jacob wie vom Himmel gefallen neben ihnen stand.

Schon wieder dieser verflixte Kindskopf! Konnte er Friederike denn nicht einen Moment in Frieden lassen? Gesche hatte ihn noch nie leiden können mit seiner vierschrötigen Figur, dem pausbäckigen Birnengesicht und den tiefliegenden, wässrigen Augen. Am meisten störte sie seine übertriebene Ehrfurcht vor Leuten von Stand, wie er sich ausdrückte. Ein Offizier, ein Baron, erst recht ein Fürst – und schon krümmte er sich bis zum Boden. Sie hob den Kopf und schaute ihn unwirsch an, aber das schien ihn nicht zu beirren. Ohne ihr auch nur einen Blick zuzuwerfen, nahm er Friederike beim Arm und zog sie mit sich. Sie dürfe auf keinen Fall die Siegerehrung verpassen, nicht bei diesem Schützenkönig, drängte er.

Während sich Friederike mit gespieltem Widerstand wegzerren ließ, streckte sie eine Hand nach Gesche aus. »Komm doch mit! Los, bitte!«

Gesche schüttelte nur den Kopf. Etwas verloren schaute sie den beiden nach. Neben dem bärigen Jacob wirkte die Freundin noch zarter, noch feingliedriger als sonst. Beinahe wie ein Kind.

Vielleicht, dachte sie, ist es besser so. Was kann ich von einem Gespräch mit ihr denn erwarten? Rat? Oder Unterstützung? Schließlich hat Friederike genauso wenig Erfahrung wie ich, weder mit der Liebe – außer einem gelegentlichen unbedeutenden Techtelmechtel – noch damit, wie man seinen Kopf gegen den Willen der Eltern durchsetzt. Und darauf wird es wohl hinauslaufen.

Natürlich würde Friederike vor Anteilnahme und Neugier glühen, wenn sie ihr von Christians Liebeserklärung erzählte, der ersten ernsthaften, die eine von ihnen beiden bekommen hatte, und von ihren eigenen Gefühlen. Gesche konnte sich ihre überrascht aufgerissenen Augen vorstellen, ihr glucksendes Lachen, und sah sie die Fäuste vor ihrer Nasenspitze gegeneinander hämmern, wie immer, wenn sie aufgeregt war. Friederike würde entzückt sein – aber wie lange? Würde ihre Begeisterung auch noch anhalten, wenn ihr klar wurde, um wen es da ging? Mit allen Folgen? Womöglich schlüge sie sich dann auf die Seite der Eltern, und sie selbst, Gesche, müsste ihre Liebe auch noch an dieser Front verteidigen.

Erst rückblickend hatte sie erkannt, dass es jener Tag war, der Tag des Vogelschießens, an dem sie sich auf ihren eigenen Weg gemacht hatte. Unbeirrt von allen Einwänden, Warnungen, Einschüchterungen und der Verachtung, die Christian galt, aber sie als seine Frau genauso treffen würde.

Bis zu diesem Tag hatte sie nur mit dem Gedanken gespielt, offen zu ihm zu gehören, statt insgeheim auf ein Liebeszeichen zu hoffen. Jetzt, auf einmal, musste sie sich der Wirklichkeit jenseits ihrer Träume stellen. Wie würde es sein, mit einem zu leben, ganz nah, der so fremde Wurzeln hatte? Schließlich kamen ihr schon die Leute aus Kiel oft äußerst seltsam vor. Wie würde sich seine Haut anfühlen? Sie kannte ja nur seine Hände und seine Lippen und auch die erst seit heute. Und wenn sie Kinder bekämen, sähen die aus wie gewöhnliche Plöner? Oder so wie Christian? Irgendwer, sie konnte sich nicht erinnern, wer es gewesen war, hatte von schwarz-gelben Kindern erzählt. Ob das stimmte? Und würde man die Kleinen dann auch Mohren nennen?

Ein plötzlicher Wind wirbelte zertretenes Gras und Staub auf. Dicke, schwarzgraue Wolkenknäuel trieben über den Himmel, verdeckten die Sonne in Minutenschnelle. Mit einer Hand hielt Gesche ihre Haube fest, mit der anderen hob sie im Rennen den Rocksaum. Ein paar schwere Regentropfen trafen sie noch, ehe sie eine der großen Eichen am Rand des Festplatzes erreichte und sich zwischen andere Schutzsuchende drücken konnte. Atemlos lehnte sie sich an den Baumstamm, zog ihr Brusttuch zurecht, reckte den Hals, um unter den Ästen und den wasserglänzenden Blättern hervor vielleicht einen Regenbogen zu erspähen, schaute nach rechts zum nächsten, ebenfalls dicht umringten Baum und sah Christian. Halb verdeckt von einer Schar schwarz berockter Gildeschützen, blickte er zu ihr herüber. Er lächelte nicht, sondern sah sie einfach unverwandt an. Ihr kam es vor, als versenkte er mit seinem Blick einen Anker in ihrem Herzen. Regungslos stand sie da, von seinen Augen gefangen.

»Das war’s dann wohl mit dem Fest.« Marie, die sich von der anderen Seite des Baumes zu Gesche durchgeschlängelt hatte, kappte ahnungslos den Zauber. »Hier zu stehen und zu warten, hat keinen Sinn. Da braut sich ein solider Landregen zusammen.« Sie zeigte auf die mittlerweile geschlossene, tiefhängende Wolkendecke. »Hast du Lust auf Tee? Ich könnte uns einen kochen.«

Aus dem Bann aufgescheucht, drehte Gesche sich um und zögerte. Schnell warf sie noch einen Blick hinüber zum Nachbarbaum. Dort verglichen die Schwarzröcke gerade mit großen Gesten ihre Waffen. Christian stand unbeachtet hinter ihnen und reckte, als er Gesches Blick auffing, mit stolzem Schwung sein Kinn in die Höhe. Wir schaffen es, sollte das vermutlich heißen. Für andere kaum merklich nickte sie ihm zu.

»Ein Tee wäre jetzt gerade recht.« Lächelnd schlüpfte Gesche unter das von Marie als Regenschutz hochgehaltene Schultertuch, hakte sich bei ihr ein und stapfte mit ihr über die glitschige Wiese Richtung Stadt.

Wie lange wollte er sich denn Zeit lassen? Schon den vierten Tag verbrachte Gesche Stunden vor dem kleinen, der Straße zugewandten Giebelfenster, taub für heraufgerufene Fragen und Ermahnungen. Immer wieder wischte sie mit einem Schürzenzipfel über die von ihrem Atem beschlagenen Scheiben. Hin und wieder hielt ein Karren vor dem Haus, Fässer wurden abgeladen, Brennholz unter Planen hervorgezogen und ins Haus geschleppt, während die Pferde unruhig in den Pfützen stampften. Ein berittener Bote kam, ein Scherenschleifer klopfte und zog schimpfend weiter zum nächsten Haus, zwei zerlumpte, an Stöcken gehende Kriegsveteranen hatten offensichtlich Brot ergattert, das sie im Weghinken kauten. Nur Christian ließ sich nicht blicken.