Eleha - Aufbruch - Sonja Girisch - E-Book

Eleha - Aufbruch E-Book

Sonja Girisch

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Beschreibung

Nach dem Unglück, welches die Siedlung und deren Bewohner erschüttert hat, ist es Jayna und den anderen gelungen, den Fortbestand der Siedlung zu gewährleisten. Doch ein hoher Preis muss nun dafür gezahlt werden, für den die Aqs verantwortlich sind und damit ein tiefes Loch in das Vertrauen zwischen Menschen und Vestasi reißen. Um den gemeinsamen Feind jedoch besiegen zu können und den Verrat dahinter aufzudecken, müssen sie weiterhin zusammenhalten. Doch gerade jetzt scheint es unmöglicher denn je. Der zweite Teil der Chroniken von Vesta, deren Geschichten noch lange nicht zu Ende sind.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 449

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Im Hangar

Kapitel 2: Das Unmögliche

Kapitel 3: Ruhelos

Kapitel 4: Nicht für ihn bestimmt

Kapitel 5: Fort

Kapitel 6: Das Sommerfest

Kapitel 7: Giftgrün

Kapitel 8: Sonnenuntergang

Kapitel 9: Die Rettungsmission

Kapitel 10: Bekanntes Terrain

Kapitel 11: Auf Verhandlungsbasis

Kapitel 12: In den Tunneln von Oheya

Kapitel 13: Die Revolte

Kapitel 14: Ein letzter Versuch

Kapitel 15: Sonnenaufgang

Kapitel 16: Frage und Antwort

Kapitel 17: Nachts

Kapitel 18: Paranoia

Kapitel 19: Von Feinden umgeben

Kapitel 20: Im freien Fall

Kapitel 21: Geheimnisse

Kapitel 22: Die Leere in uns

Kapitel 23: Zwischen Liebe und Hass

Kapitel 24: Der Ruf der Heimat

Kapitel 25: Aufbruch

Epilog

Kapitel 1: Im Hangar

Daalo

Der Morgen ist kalt, die kühle Luft erfrischt meine Lunge. Seit drei Stunden blicke ich in nur diese eine Richtung, nur auf einen Punkt am Horizont. Genau dorthin, woher die SPVs kommen sollen.

Seit gestern Abend habe ich nichts mehr von ihnen gehört. George hat uns mitgeteilt, dass sie so schnell wie möglich hierher zurückkehren werden, was in den heutigen frühen Morgenstunden geschehen soll.

Also bin ich früh aufgestanden und warte seit einer langen Zeit. Dass der Major in Eile geklungen hat, als er seine letzte Nachricht übertragen hat, hat mich die volle Nacht hindurch beschäftigt.

Gleichzeitig sind meine Sorgen um Ionn größer geworden. Ihm könnte etwas zugestoßen sein und George will uns nur nicht verraten, dass es ihm nicht gelungen ist, Ionn zu beschützen.

Meinen besten Freund.

Seit drei Stunden habe ich diese Gedanken und sie lassen seitdem nicht von mir ab.

Als wollte mich mein Unterbewusstsein an die Tatsache gewöhnen, dass Ionn vielleicht nicht mehr am Leben ist.

Es ist schon ohne Ionns möglichen Tod zu viel passiert in den letzten beiden Tagen, seit sie aufgebrochen sind.

Niemals hätte ich damit gerechnet, dass ich hier noch überrascht werden kann.

Vor allem auf diese Art und Weise. Ich sehe wieder die Gesichtsausdrücke der Soldaten vor mir, wie sie mich grimmig angesehen haben, als wäre alles meine Schuld.

Dabei habe ich genauso wenig von dem gewusst wie sie. Hegai hat darin endlich unsere Chance erkannt, diesen Planeten für immer verlassen zu können.

Zum Glück hat sich die ganze Situation entschärft, als Don den Hangar betreten hat und die Soldaten davon abgehalten hat, zu schießen. Bis dahin habe ich aber auch nicht gewusst, wer vor uns steht. Mir ist nur klargewesen, dass es keine Menschen sind.

Don überließ Liram, Hegai und mir den Vortritt und wir näherten uns dem feindlichen Objekt, wie es die Soldaten bezeichneten. Bevor wir jedoch nahe genug waren, war Andrew aufgetaucht und sein Staunen sorgte dafür, dass die Soldaten wieder aufmerksam wurden und ihre Waffen schussbereit auf das vestasische Raumschiff richteten.

Tatsächlich hatte es auch ein zweites Raumschiff von uns geschafft, nahezu unbemerkt im Hangar dieser Siedlung zu landen.

Don forderte die Insassen friedlich dazu auf, das Schiff zu verlassen und mit erhobenen Händen und unbewaffnet herauszukommen. Auch ich sollte einige Worte an die Vestasi richten, damit sie nicht auf die Idee kämen, das Feuer zu eröffnen.

Meine Atmung zitterte in der Zeit, in der einfach nichts geschah. Mittlerweile war der ganze Hangar voll von Soldaten und anderen bewaffneten Menschen. Don war einer der wenigen in der Halle, die nicht bewaffnet waren.

Oder zumindest keine Schusswaffe in der Hand hatten.

Letztlich, nachdem sich nichts gerührt hatte, sprach ich in der alten Sprache zu ihnen, zumindest in den Bruchstücken, die mir noch bekannt sind. Und dann passierte endlich etwas.

Die Rampe öffnete sich und ein paar schwarzgekleidete Vestasi kamen mit halbwegs erhobenen Händen auf uns zu. Die ersten waren schon älter, vielleicht so alt wie George oder Don.

Ich konnte vier von ihnen zählen. Sie stellten sich in einer perfekten Reihe auf, auf einen Punkt hinter Don blickend. In ihren Gesichtern spiegelte sich nicht die kleinste Reaktion.

In meinem Kopf hingegen spielte sich sehr viel ab. Das waren nicht nur irgendwelche Vestasi.

Nein, das waren D´shags. Meine Freunde. Erst, als sie mich erblickten, zeigten sie endlich eine Art Reaktion.

Nach und nach erkannte ich auch ihre Gesichter. Ich hatte mit allen schon einmal gekämpft. Als befänden wir auf einem Treffen unter Freunden, umzingelten sie mich zusammen und klopften mir auf die Schulter.

Im Augenwinkel konnte ich die verwirrten Gesichter der Soldaten erspähen. Ich weiß nicht, wieso, aber das machte mich irgendwie glücklich.

„Wer ist euer Captain? Ich möchte ihn sprechen“, mischte sich Don streng ein.

Die Vestasi starrten Don an, dann begannen sie zu lachen. Es war kein amüsiertes Lachen, nein, die D´shags sind nicht gerade von der feinen Gesellschaft. Es war ein dreckiges Lachen, mit Husten und Luftringen inklusive.

Ich fand es toll, dass sie sogar hier auf der Erde, von Soldaten umzingelt, die bereit dazu waren, sie zu töten, Freude empfinden konnten. Jedoch wusste ich nicht, wieso sie lachten.

Fast klang es so, als würden sie Don auslachen.

„Warum lacht ihr?“, fragte ich sie in unserer alten Sprache, die heutzutage in den großen Städten Vestas gar nicht mehr gesprochen wird.

Einer von ihnen holte tief Luft und antwortete: „Sie wird nicht erfreut sein, wenn sie hört, dass diese Erdenlaus den Captain für einen Mann hält.“

Don blickte mich irritiert an und ich übersetze ihm. Das verursachte bei vielen der Menschen nur noch mehr Verwirrung.

Am Ende forderte Don, dass sie das Schiff verlassen sollte. Das hat sie dann auch getan.

Ich kenne nur wenige weibliche D´shags, die das Zeug dazu haben, ein Raumschiff heil hierher zu fliegen. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich alle von ihnen kenne, die dazu in der Lage sind.

Alle richteten ihre neugierigen Blicke auf die Rampe und warteten darauf, dass der Captain das Schiff endlich verließ. Ich wettete mit mir selbst, dass ich sie wirklich persönlich kannte. Und wenn nicht, hätte ich wenigstens eine Bekanntschaft mehr gemacht.

Aus dem dunklen Schiff drang ein hörbares Fluchen heraus. Die Stimme einer jungen Frau. Dann ertönten schwere Schritte, die sich uns langsam näherten. Sämtliche Soldaten fixierten die Rampe und rührten sich nicht.

„Sie wollte dich und die anderen unbedingt von hier wegbringen“, flüsterte mir einer der D´shags zu.

Zum Glück bekam niemand der Menschen es mit, ansonsten hätte ich vielleicht Probleme bekommen. Ich grübelte die ganze Zeit darüber nach, wer sie sein könnte, wer von den Pilotinnen, die ich kannte, daran interessiert war, uns von der Erde zu holen.

Dann fiel mir eine einzige D´shag ein, auf die alle Kriterien zutreffen würden. Genau in dem Augenblick erschien sie oben und schlenzte gemütlich die Rampe hinunter, bis sie vor Don stehenblieb.

Sie war, wie die anderen, in Schwarz gekleidet, auf ihren Armen schlängelten sich hellblaue Tätowierungen.

Ihre dunklen lockigen Haare trug sie offen und ihre Augen waren von schwarzem Makeup umspielt.

Insgesamt wirkte sie in diesem Moment sehr, sehr finster auf mich.

Noch finsterer als sonst.

Seitdem ich sie das letzte Mal gesehen hatte, war viel Zeit vergangen. Sie hatte sich verändert, war ein bisschen gewachsen. Mein Blick fiel auf ihren unbedeckten Bauch, auf die Narbe, als sie mich endlich bemerkte.

„Da bist du ja!“, schnauzte sie mich an. „Du bringst echt gar nichts auf die Reihe, oder? Wo sind die anderen Volltrottel?“

Es dauerte kein Augenzwinkern und schon stand sie vor mir. Ihr Kopf reichte bis zu meinen Augen hoch.

Nur wenige Zentimeter trennten uns von einer Berührung. Sie war wirklich gewachsen. Vor ein paar Wochen erst hatte sie mir nur bis zu meinem Kinn gereicht. Es mussten ihre Schuhe sein.

„Es ist auch schön, dich zu sehen, Cat“, begrüßte ich sie, ihren verärgerten Ton vergessend.

Sie ist jünger als ich und sprach mit mir, als wäre sie viel älter. Doch sie beachtete mich so gut wie gar nicht und erspähte stattdessen Liram und Hegai hinter mir.

„Da seid ihr also. Wo steckt Ionn?“, fragte sie gelangweilt.

Dennoch konnte auch sie ihre Sorge um ihn nicht unterdrücken. Das würde mich auch wundern, immerhin teilen die beiden ein langes, leidvolles Schicksal miteinander, das ihre Beziehung zueinander stärkt.

„Entschuldigung, es wäre nett, wenn Sie mir verraten würden, wer Sie sind und was Sie und ihre Freunde überhaupt hier verloren haben“, drängte sich Don dazwischen.

Cat blieb auf halbem Wege zu Hegai und Liram stehen, drehte sich mit verärgerter Miene zu Don um und schritt auf ihn zu. Ich konnte es noch immer nicht fassen, wie hübsch sie geworden war.

Allein ihre Haare reichten bis zum Ende ihres Rückens. Und ich konnte schwören, dass die Narben auf ihren Armen mehr geworden waren.

„Mein Name ist Captain Cat Tagress, Sie dürfen mich gerne Captain Cat nennen. Ich bin hier, um meinen Bruder und seine idiotischen Freunde – die nichts auf die Reihe bekommen – zurück nach Hause zu bringen.“

Dons Kopf wandte sich schlagartig in meine Richtung, bis ich befürchtete, dass er sich dabei den Hals verdreht haben musste. Sein Blick verriet dabei alles.

Bevor er auch nur ein Wort sagte, nickte ich, um ihm die Frage zu ersparen. Diese junge, schnippische Frau vor ihm war meine kleine Schwester.

Fluch und Segen zugleich.

„Kommt nicht infrage. Tagress und die anderen haben einen immensen Schaden zu verantworten, bei dem nicht gerade wenige von uns gestorben sind“, brüstete sich Don.

Cat lachte nur kurz auf. „Typisch“, murmelte sie.

„Hey, das lag nur daran, dass die auf uns geschossen haben! Ansonsten hätten wir das Schiff gut landen können“, verteidigte sich Hegai.

Von meiner kleinen Schwester erntete er für seinen Kommentar nur einen verächtlichen Blick. „Schön, habt ihr aber nicht. Und jetzt mal zu Ihnen. Wie heißen Sie überhaupt?“

Don stellte sich aufrecht hin, um Cat zu überragen, was er aber nur mit Mühe schaffte. Beide waren ungefähr gleich groß. „Major Donald Wesley, Captain. Ich bin der Stellvertreter von Anführer Major George Bell.“

Cat nickte kurz und klopfte ihm auf die Schulter, als gäbe es diese Anspannung zwischen den beiden nicht. Ich musste dabei schmunzeln.

Sie schafft es immer wieder, eine ernste Situation mit Ironie zu begegnen. Was auch an ihrem Problem mit Autoritäten lag.

„Donald Wesley also. Eine Freude, Sie kennengelernt zu haben, doch sobald Ionn wieder da ist, müssen wir wieder los. Bei uns bricht das Chaos aus. Ich könnte es zwar locker ohne die vier beheben, doch dieser Befehl kommt von oben, Sie wissen schon.“

Plötzlich war von ihrer Ironie am Anfang nichts mehr zu hören.

Sie war vollkommen ernst. Das machte auch mich etwas unruhig, nicht nur Liram.

Don schüttelte entschlossen seinen Kopf. „Wie schon gesagt, daraus wird nichts. Ihnen ist es gestattet, ohne diese vier zu fliegen oder hierzubleiben. Wie Sie wollen.“

Cat zog ihre Augenbrauen hoch und an Dons Miene überprüft, ob er es wirklich so meinte. Dabei traf sie auf seinen Gesichtsausdruck.

Sie grinste flüchtig und äußerte ihren Entschluss: „Fein, dann bleiben wir hier. Daalo, tut mir leid, dass du die anderen jetzt ertragen musst. Und es tut mir selbst leid, dass ich dich ertragen muss.“

Sie prallte am Vorbeigehen absichtlich gegen meine Schulter. Die anderen, die mit ihr hergekommen waren, folgten ihr. Ich warf Hegai und Liram einen überraschten Blick zu, doch sie lächelten nur wissend.

Wie in alten Zeiten.

„Dass ich dich jetzt an der Backe habe, ist schlimmer!“, rief ich noch hinterher, bevor sie weg war.

Dafür, dass sie jünger ist als ich, hat sie hin und wieder mehr Einfluss auf mich als ich auf sie. Ihr Drang danach, alles unter ihrer Kontrolle haben zu wollen, hat schon oft zwischen uns zu einem heftigen Streit geführt.

Dabei steht sie in der Hierarchie unter mir. Nicht nur als jüngere Schwester, sondern auch als Captain.

Aber ich hacke da nicht auf Kleinigkeiten herum, Cat ist nun einmal hier und daran kann ich gar nichts ändern.

„Hey, da bist du also. Ich habe dich schon überall gesucht“, begrüßt mich Cat mit einem langgezogenen Gähnen. „Weißt du eigentlich, wie viel Uhr es überhaupt ist? Warum stehst du jetzt schon hier rum und starrst zum Horizont?“

Sie hat ihre Locken, die in alle Richtungen abstehen, zu einem Zopf gebunden und trägt auch keine Schminke, wie die letzten Tage. Damit wirken ihre Augen viel weniger bedrohlich als sonst. Auch ihre Lippen sind ganz blass.

Zu meiner Verwunderung trägt sie noch dazu anständige Kleidung, die nicht allzu viel Haut zeigt. Ihre Arme sind von einem schwarzen Stoff bedeckt und auch ihr Bauch ist nicht zu sehen.

Auch wenn wir uns auf einer gefährlichen Mission befinden, kann ich meine brüderlichen Gefühle für sie nicht unterdrücken. Dazu gehört einfach auch, auf ihre Sicherheit zu achten.

Und genau das möchte sie unbedingt allein machen, was wohl der Grund dafür ist, weshalb sie sich neben mir auf der Erde, einem feindlichen Planeten, befindet.

Mich überrascht es, dass Don nicht einmal den Versuch gewagt hat, sie zu warnen, was passiert, wenn sie etwas anstellt, wie uns damals. Stattdessen hat er sie einigermaßen nett begrüßt und ihr und ihren Freunden ein Zimmer überlassen.

Glücklicherweise sind diese Freunde nicht hier, ich möchte lieber mit meiner Schwester alleine reden. Seit Wochen sind wir nicht mehr in der Lage dazu gewesen.

Genau jetzt, wenn ich endlich die Gelegenheit dazu habe, fällt mir nichts ein, das nicht mit Ionn oder unserem Auftrag zu tun hat. Dabei gibt es so viele Dinge, über die Geschwister reden könnten.

Vielleicht könnte es daran liegen, dass wir nicht normale Geschwister sind. Die Tatsache, dass wir auf der Erde sind, bestätigt dies nur.

„Ich warte darauf, dass sie mit Ionn zurückkommen“, antworte ich ihr dann nach langem Schweigen. „Was machst du schon so früh?“

Sie reibt sich den Nacken und gähnt erneut. „Mit dir den Sonnenaufgang erleben? Mit dir über die Zeit reden, in der wir uns nicht gesehen haben? Keine Ahnung, über irgendwelche Dinge einfach, damit wir wieder zueinanderfinden. Das vorgestern war kein toller Start finde ich.“

Ich muss ihr in diesem Punkt zustimmen. Ich könnte jetzt ein gemeiner Bruder sein und ihr die Schuld dafür geben, aber das wäre gelogen. Ich bin derjenige, der Vesta verlassen hat.

„Was ist auf Vesta passiert? Du hast gesagt, dort sei Chaos ausgebrochen.“

Cat rümpft die Nase und richtet ihren Blick in die gleiche Richtung wie ich aus.

„Ja, Batin hat befohlen, dass alle D´shags mit sofortiger Wirkung hingerichtet werden sollen. Das sagt jedenfalls der Doto. Wir bekommen keinen Prozess oder sonst etwas.“

Ich schnaube. „Ach, seine Aqs dürfen frei herumlaufen und Unschuldige ermorden und wir müssen getötet werden?“

Meine Schwester nickt enttäuscht. Sie ist noch nicht fertig mit ihrer Schilderung. Dass Batin diesen Schritt einleiten wird, ist absehbar gewesen.

„Überall gibt es Proteste. Verstehst du? Es ist an der Zeit. Der Krieg könnte bald vorbei sein. Wenn wir es schaffen, genügend Leute um uns zu scharen, können wir es zu Ende bringen.“ Sie dreht mich zu sich und ich blicke in ihre tiefbraunen Augen. Ihre Pupillen sind furchtbar groß und hoffnungsvoll. „Nicht mehr lange, vielleicht nur ein oder zwei Jahre, und dann ist Batin Geschichte. Und wir D´shags können Vesta endlich nach unseren Visionen gestalten.“

Ich packe ihre Handgelenke und schiebe sie von mir weg. „Vor drei Jahren hat es genauso ausgesehen und wir haben Hunderte von Vestasi verloren. Was, glaubst du, mache ich hier auf der Erde? Ich bin hier nicht zum Spaß. Ich versuche, uns zu retten, Cat! Und jetzt wechseln wir das Thema, ich möchte nicht mehr darüber sprechen.“

Cat blickt mich überrascht an, dann findet sie in die Realität zurück und verzieht ihr Gesicht. „Wir hauen hier ab. Ich finde einen Weg. Dieser Donald Wesley wird uns nie gehen lassen, glaub mir. Der hat etwas gegen uns.“

Ich lache auf. „Ach, echt?! Das ist mir nie aufgefallen! Ist doch klar, dass er etwas gegen uns hat. Wir sind Vestasi! Diejenigen, die ihren Planeten komplett zerstört und fünf Milliarden Menschen getötet haben!“

Cat zieht sich zurück und fügt kleinlaut hinzu: „Nicht auf diese Art. Er hat gezielt etwas gegen uns. Verstehst du? Gegen dich, mich, Ionn, Liram und alle anderen D´shags.“

Das ergibt keinen Sinn, was sie mir sagt. Don hat Gründe, warum er sich so verhält. Ich toleriere sie zwar nicht, aber ich kann ihn verstehen. Cat erlebt erst ihren zweiten Tag auf der Erde und will schon das Verhalten von Menschen richtig deuten können.

Fast funktioniert es, Cats viele Vermutungen zu vergessen, wenn nicht Kylie wäre, die gerade angerannt kommt und Cat eine abfällige Bemerkung über sie macht. Mich trennt nur ein kleiner, dummer Kommentar davon, sie vom Balkon zu stoßen, auf dem wir gerade stehen.

Anders als sonst atmet Kylie hektischer und braucht einige Sekunden, bevor sie verständlich reden kann.

An ihrem Gesichtsausdruck kann ich dennoch erkennen, dass sie erfreut und überglücklich ist.

„Sie ... sind auf ... dem Weg hierher. Keine zehn ... Minuten von uns ... entfernt“, schnauft sie.

Fragend blickt Cat mich an, sucht die Bestätigung in meiner Miene, dass es sich um George und die Truppe handelt. Auch um Ionn, welcher noch wohlauf sein muss, ansonsten hätten sie uns eine Nachricht über Funk zukommen lassen. Bald ist er wieder in unserer Mitte.

Selbst Kylies Lächeln und ihre strahlenden Augen sprechen dafür, dass alles in Ordnung sein muss. Und doch wehrt sich etwas in mir dagegen, erleichtert zu sein.

Eine Art Blockade im Bereich meines Gehirns, das für Emotionen zuständig ist. Ich werde erst beruhigt sein, wenn ich Ionn gesund und munter neben mir stehen habe.

Trotzdem schaffe ich es, ein wenig zu schmunzeln, auch wenn es mein Bewusstsein verbietet. Cat hingegen ist die Ruhe in Person. Sie verschränkt zufrieden ihre Arme und mustert die schnaufende Kylie von oben bis unten.

Die beiden haben in dieser kurzen Zeit, die Cat schon hier ist, kaum ein Wort miteinander gewechselt. Und wenn sie es haben, sind es nie nette Worte gewesen. Selbst ein Blinder würde merken, dass die beiden sich bis aufs Blut hassen. Aber Kylie lässt sich ihren Zwist mit meiner Schwester nicht anmerken.

Kylie richtet sich wieder auf und fährt sich lässig durch die Haare, sie atmet auch schon fast wieder normal, zwischendurch einmal etwas schneller.

„Müssten sie eigentlich nicht von dort kommen?“, frage ich und deute auf den Punkt, den ich schon seit drei Stunden fixiere.

Kylie jedoch schüttelt ihre blonden Haare. „Nein, sie nehmen eine andere Richtung. Hätten sie den normalen Weg zurückgenommen, bräuchten sie eine Stunde länger, weil es irgendwo hundert Meilen von hier ein mittelschweres Erdbeben gab und sich da ein echt riesiger Spalt aufgetan hat.“

Ihr Strahlen gleicht dem der Sonne, als sie uns ungeduldig zur Tür winkt. Zu dritt eilen wir in den Hangar hinunter, um unsere Freunde zu begrüßen.

Es sind nur wenige Tage gewesen, doch zu jeder einzelnen Sekunde habe ich mir Sorgen um Ionn gemacht. Jayna hat versprochen, auf ihn aufzupassen und bisher deutet nichts darauf hin, dass etwas nicht stimmt.

Ich freue mich darauf, meinen besten Freund wiederzusehen. Wie er wohl reagieren wird, wenn er Cat entdeckt?

Die beiden stehen sich schließlich viel näher, als es den Anschein hat.

Im Hangar warten schon alle sehr gespannt auf die anderen, die allmählich eintreffen sollten. Auch Hegai und Liram sind hier, tauschen gegenseitig fragende Blicke aus.

Andere starren skeptisch Löcher in die Decke und ächzen. Don und einige von der Kommandozentrale warten ebenfalls auf die Ankunft von George und den anderen.

Es herrscht reges Treiben, alle murmeln und sprechen ihre Vermutungen aus, weshalb sie doch so spät dran sind.

Sie liegen schon zehn Minuten über der vereinbarten Zeit und schon wieder meldet sich die Gefühlsblockade in meinem Kopf und sagt, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.

Cat trägt ein schmales Lächeln auf dem Gesicht, ihre dunklen Augen auf den Eingang des Hangars gerichtet. Ihre Arme sind schon wieder verschränkt, als wäre sie vollkommen gelangweilt oder genervt.

Ich hingegen gerate mehr in Unruhe. Meine Finger spielen miteinander Fangen, sogar mein Herz schlägt, als hätte es einen eigenen, ständig wechselnden Rhythmus entdeckt.

Je länger es dauert, desto verrückter werden meine Gedanken bezüglich Ionn. Mir schweben alle möglichen Szenarien im Kopf herum, die mir nicht sonderlich gut gefallen.

Dass nun Andrew und Zoe im Hangar erscheinen, beruhigt mich in gewisser Weise. Für mich bedeutet ihre Anwesenheit etwas Positives. Vor allem Kylies Präsenz neben uns.

Ich merke überhaupt nicht, dass ein Motorengeräusch zu vernehmen ist, weil ich mich so sehr auf Kylie und Andrew konzentriere.

Erst, als die ersten Siedler aufgeregt herumwandern und ihre Stimme erheben, fällt mir auf, dass Don und seine Begleiter verschwunden sind.

Sie sind an der Spitze der Menschenmenge und bleiben dort wie angewurzelt stehen. Ihre Gesichter versprechen Zufriedenheit, wenn ich es richtig erkennen kann.

Die Siedlung scheint gerettet.

Alle lächeln oder sehen zumindest erleichtert aus.

Alle, nur nicht Cat. Sie ist ganz und gar nicht darüber froh, noch mehr Menschen um sich zu haben.

Wie wird sie wohl mit Jayna umgehen?

Mit Kylie hat es schon mal nicht geklappt. Und da Kylie und Jayna beste Freunde sind, könnte sich Cat wohl nicht für Jayna erwärmen.

„Meine Damen und Herren, bitte! Wenn die Siedler eintreffen, halten Sie unbedingt Abstand! Die Oberfläche der SPVs ist in der vergangenen Zeit von der Sonne erhitzt worden, dass Sie Gefahr laufen, sich schwere Brandwunden zuzuziehen!“, informiert Don die aufmerksame Menge. „Also möchte ich Sie bitten, einen Sicherheitsabstand einzuhalten und die Insassen in Ruhe aussteigen zu lassen.“

Um Don drängen sich die vorderen Siedler nach hinten und das Geschubse und Gedrängel beginnt. Mich beeinflusst das jedoch gar nicht, da ich einer der hinteren Personen bin.

Es dauert seine Zeit, bis mich dann der erste Mann anrempelt und ein leises Entschuldigung murmelt.

Cat hingegen hat sich komplett aus der Menge zurückgezogen und lehnt lässig an der Wand neben dem Eingang. Dennoch beobachtet sie die Menschen.

Und dann passiert es viel zu schnell.

Die SPVs rasen in den Hangar, überfahren dabei fast Don und einige andere Siedler, welche schreiend zurückweichen. Die Türen öffnen sich. Die Insassen rufen sich willkürlich etwas zu.

Entsetzte Gesichter.

Unsicher runzele ich die Stirn, sehe mich um.

George erscheint. Er ist ganz blass, sucht seinen Weg zu Don.

Ich merke sofort, dass etwas nicht stimmt.

So schnell ich nur kann, bahne ich mir einen Weg durch die Menschen, bis ich bei den SPVs bin. George nimmt mich augenblicklich wahr und zieht mich kräftig zu sich. Ich verstehe überhaupt nichts von dem, was er mir sagt.

Mein Blick sucht die ganze Zeit nur Ionn.

Wo ist er?

Ich stoße gegen Clea.

Ihre langen Haare sind zu einem Zopf gebunden und ihr Gesicht schreit nur ein einzelnes Wort heraus: Angst.

Immer wieder höre ich, wie „Ein Arzt!“, „Hilfe!“ oder „Verletzt!“ gebrüllt wird. Es sind diejenigen, die soeben eingetroffen sind.

George redet immer noch auf mich ein, irgendwann verstehe ich Ionns Namen und erstarre. Blitzartig drehe ich mich um.

Von links erscheint Dr. Arif und seine Frau, sie haben eine Trage dabei. Mein Blick verfolgt die beiden. Sie lassen die Trage stehen und verschwinden im Inneren des SPVs.

Eine Zeit lang geschieht nichts.

Alle sind verschreckt, halten ihre Hände besorgt vor ihrem Mund. Nach und nach finden sich alle, die bei der Siedlung waren, im Hangar. Grayson, Margaret, Maier vom Anführerstab, die ich schon einige Male gesehen habe. Clea ist mit den beiden Arifs mitgegangen.

Unterdessen sorgt Don dafür, dass der Hangar geräumt wird, alle anderen weichen zurück, bis niemand mehr da ist. Nur noch Cat, Hegai, Liram, Andrew, Kylie und die anderen, die gerade geschockt mit Don und George diskutieren.

Immer wieder blickt Margaret zu mir. Dann zu Don.

„Wenn es Ionn ist, über den sie da reden, bringe ich sie um“, droht Cat zischend. Sie hat ihre Kiefer aufeinandergepresst und starrt sie mit wütendem Blick an.

Kurz danach rennt Clea Paxton aus dem SPV, ihre Handschuhe sind mit Blut bedeckt. Sie schenkt niemandem Beachtung. Ihre Füße tragen sie zum Eingang. Sie rennt. Von innen dringen wieder verärgerte Rufe zu uns.

Wie wahnsinnig pocht mein Herz gegen mein Brustbein. Mein Atem stockt, in meinem Hals hat sich ein dicker Kloß gebildet. In meinen fest verschlossenen Fäusten bildet sich bereits ein dünner Schweißfilm.

Gedanken.

Schon wieder diese Gedanken.

Wie wird es jetzt enden?

Als wollte mir das Schicksal damit antworten, springt Dr. Arif aus dem SPV und er hilft seiner Frau, Ionn auf die Trage zu legen.

Ionn.

Er rührt sich nicht. Sein Gesicht ist blass, was seine Tätowierungen nur noch dunkler wirken lässt. Sein Arm hängt schlaff herunter, ein schmaler Bach aus Blut fließt an ihm hinab.

Neben mir keucht Cat entsetzt auf und rennt in der nächsten Sekunde zu ihm. Ich spüre nicht, wie meine Beine sich in Bewegung setzen und ihr folgen. Er wird fortgebracht. Die Welt vor meinen Augen verschwimmt.

Alles dreht sich.

Don und George, Margaret und Grayson. Sie sprechen mit mir, aber ich kann sie nicht hören. Im Augenwinkel kann ich Hegai erspähen, der auf die anderen losgeht und ihnen etwas ins Gesicht brüllt.

Ich fühle mich wie in Trance versetzt.

Als wäre es nur ein schrecklicher Traum, in dem ich nicht handeln kann.

Meine Füße sind wie angewurzelt, meine Stimme bleibt irgendwo im Hals stecken.

Cat kommt bei Ionn an, die Arifs versuchen noch, sie wegzuschieben, doch sie krallt sich mit aller Kraft an die Trage. Dicke Tränen sind ihr in die Augen getreten, ihre Lippen beben verdächtig.

Zögerlich streckt sie eine zitternde Hand aus und streicht mit ihren klammen Fingern verschwitzte Strähnen aus Ionns regungslosem Gesicht.

„Tu mir das nicht an. Ich kann dich nicht auch noch verlieren“, flüstert sie.

„Miss, lassen Sie bitte unsere Arbeit machen“, dringt Dr. Arif zum wiederholten Male zu ihr hervor und endlich hat er Erfolg.

Mit glasigen Augen sieht sie zu ihm hoch, wissen, was nun folgt. Dann beugt sie sich ein letztes Mal zu Ionn hinunter und haucht ihm einen Kuss auf die Stirn. Ihre Hand gleitet von seiner Wange, als die Arifs mit ihm durch die Tür verschwinden.

Ionn ist weg. Er ist verletzt. Schwer verletzt.

Doch das hätte niemals passieren dürfen.

Er ist mein bester Freund, allein diese Tatsache müsste ihn doch unverwundbar machen. Weil ich ihn brauche.

Noch immer haftet mein Blick auf der Tür, vorsichtig lege ich meine Arme von hinten um Cat. Ihr ganzer Körper zittert, als hätte sie an ein loses Kabel gelangt und einen starken Stromstoß abbekommen.

Ihre Augen fixieren den breiten Ausgang, als erhoffte sie sich dadurch, Ionn zurückzuholen. Dann reißt sie sich von mir los und entfernt sich von mir.

Neben mir erscheint jemand. Ich kenne sie. Sie habe ich gleich an meinem ersten Tag auf der Erde getroffen.

Ihre langen, hellbraunen Haare. Ihre hellblauen Augen.

Ich kenne sie.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich nun mehr auf sie. Als ich sie ansehe, kommt sie mir so unfassbar fremd vor. Sie sieht nicht aus wie diejenige, die ich kenne. Das Strahlen in ihren Augen ist fort.

Ihre Wärme ist fort.

Alles Bekannte ist fort.

Stattdessen blicken mich leere, fast tote Augen an. Stattdessen überkommt mich eine extreme Kälte, die mich nicht mehr freilassen möchte, als wäre ich ihre Geisel.

Aber ich sträube mich nicht dagegen. Ich gewöhne mich an sie. Irgendwann kann sie mir nichts mehr anhaben. Ich beachte die Kälte gar nicht. Dafür aber sie.

Sie steht vor mir, ihre Gestalt wirkt unsicher. Ihr Mund öffnet sich vorsichtig, es kommt aber kein Ton heraus, als blockierte die Kälte in ihr alles.

Ihre Hand gleitet durch ihre wirren Haare. Sie wendet den Blick ab, dann wieder zu mir. Und dann schafft sie es auch, etwas zu sagen. Ein leiser Hauch.

„Es tut mir leid.“

Ich kann es hören.

Kapitel 2: Das Unmögliche

Daalo

Ich kann es hören.

Ihre Worte klingen unschuldig, aber dennoch so schuldbewusst. Auch, wenn es nur so wenige gewesen sind, hat es sie trotzdem viel Mühe gekostet.

Ich nicke. Und nicke. Will ihr sagen, dass es nicht schlimm ist. Bis mir bewusst wird, dass es das ist.

Ionn ist verletzt.

Ich habe ihr vertraut. Ich habe ihr Ionns Leben in die Hand gegeben. Sie hat es mir doch versprochen. Und jetzt kämpft er darum, es weiterhin behalten zu dürfen.

Ein Kampf, der niemals hätte sein dürfen. Der niemals begonnen hätte, wenn sie gut aufgepasst hätte.

Sie.

Ich sehe sie an. Noch vor ein paar Tagen wäre ich glücklich darüber gewesen, sie wiederzusehen. Jetzt hasse ich sie nur noch abgrundtief. Sie ist nicht unschuldig.

Sie allein trägt die Schuld!

„Es tut dir leid?“, wiederhole ich mit Abscheu und Unverständnis. Sie soll hören, dass sie einen Fehler begangen hat. Sie soll es fühlen, dass sie einen Fehler begangen hat. „Es tut dir leid?!“

Don und George wenden ihre Köpfe uns zu. Sie zuckt zusammen. Ich hasse sie.

Noch nie habe ich jemanden mehr gehasst als jetzt. Mein bester Freund ist verletzt und das wegen ihr! Wenn sie mein Mitleid erwartet, hat sie sich vollkommen geirrt.

Nicht dieses Mal.

„Verschwinde“, flüstere ich.

Schockiert sieht sie mich an, als könnte sie gar nicht glauben, was ich gerade gesagt habe.

Ich sammele meine Wut zusammen und schreie sie an: „Verschwinde! Du hast für heute genug angerichtet!“

Sie reißt sich zusammen, hält wacker ihre Tränen zurück und stellt sich mit ihrer vollen Größe mir gegenüber. Was vor ein paar Sekunden noch ein verwundbares Beutetier gewesen ist, ist nun ein mächtiges Raubtier.

„Oh, du sagst mir nicht, was ich in meinem Zuhause tun soll! Durch dich und deine Freunde sind wir erst in diese Situation geraten! Es ist nicht meine Schuld, wieso sage ich das auch?! Oh nein, es ist ganz allein deine.“

Der letzte Satz gleicht einem Wispern. Ihre tränenbenetzten Augen funkeln nur vor Zorn. Sie geht an mir vorbei und rennt los. Bevor Cat sich auch nur ansatzweise informieren kann, folge ich ihr auch schon und meine Schwester begleitet mich.

Wir gelangen in einen befremdlichen Raum, in dem sich ein langes Waschbecken befindet. Dahinter ist eine Wand aus Glas. Wir erhalten einen freien Blick auf einen Raum mit blauen Wänden. In der Mitte tummelt sich eine Gruppe von Menschen in Kitteln herum.

Es dauert einige Augenblicke, bis ich realisiert habe, dass es sich um Chirurgen handelt. Und sie operieren. Als ich einen der Ärzte als Dr. Arif erkenne, ist mir auch bewusst, wer gerade operiert wird.

Es ist der Kampf um Ionns Leben.

Sie steht unmittelbar bei ihm und überwacht seine Vitalfunktionen, die zu wünschen übriglassen. Wieso passiert das nur?

Cat knurrt und stürmt zur Tür, die sie von den Ärzten trennt. Ehe sie sie unterbrechen kann, halte ich sie zurück und ziehe sie wieder zu dem Waschbecken.

„Sie werden ihn umbringen!“, schreit sie mich verzweifelt an. Tränen steigen ihr in die Augen.

Ich schüttele überzeugt den Kopf. „Sie versuchen gerade, ihn zu retten! Lass sie arbeiten, sie wissen, was sie tun.“

Meine Schwester stößt sich von mir weg. „Wieso sollten sie ihm helfen wollen? Er ist ihr Feind! Sie werden ihn umbringen!“, wiederholt sie energisch.

Ich kann ihre ganze Wut und ihre Angst verstehen, aber sie ist fehl am Platz. Sie helfen ihm gerade. Ich weiß es. Auch, wenn ausgerechnet sie es nicht tun sollte.

Mein Blick geht durch die Scheibe und mustert sie, wie sie bei Ionn steht und den Eindruck vermittelt, dass sie ihm gerade das Leben rettet. Wie alle anderen es tun. Aber sie versuchen es wirklich. Sie nicht. Sie hat ihn erst in diese missliche Lage gebracht.

Zähneknirschend lasse ich meine geschlossene Faust gegen die Scheibe prallen und ziehe damit die Aufmerksamkeit von allen Ärzten auf mich.

Auch sie mustert mich mit geweiteten Augen.

Wütend erwidere ich ihren Blickkontakt. „Hilf ihm, verdammt nochmal! Tu was! Es ist deine Schuld!“, brülle ich sie an.

Nur kurz darauf verengen sich ihre Augen zu schmalen Schlitzen und sie sieht auf den Monitor zurück. Ohne zu zögern setzt sie ihre Tat fort und schenkt mir weiterhin keine Beachtung. Genau das habe ich gewollt. Sie soll sich um Ionn kümmern.

Ihm helfen, ihn retten. Ihren Fehler wiedergutmachen.

Und dennoch stört es mich, dass sie mich nicht ansieht. Mir nicht zeigt, dass sie mich bemerkt. Sie weiß, dass ich da bin. Sie weiß, dass ich das von ihr verlange. Ich will ihre Augen sehen.

Jene, in denen ich mich oft schon verloren habe. Jene, die der Grund dafür sind, warum ich noch hier bin. Warum ich in diesem Raum bin und sie beobachte, obwohl ich irgendwo anders auf sie wütend sein sollte.

Doch jede Sekunde, die vergeht, kehren die Gefühle zurück, die ich die ganze Zeit über zurückgehalten habe.

Ja, ich habe etwas gefühlt damals. Es ist nicht nur ein bedeutungsloser Moment gewesen. Ich habe mir vorstellen können, wie ich zulasse, dass jemand zu mir hindurchdringt. Dass sie zu mir hindurchdringt.

Doch jetzt hasse ich sie nur. Sie lässt meinen besten Freund sterben, meinen Bruder. Wie könnte ich ihr das jemals verzeihen, dass sie ihn in Lebensgefahr gebracht hat?

Die Antwort: Niemals.

Cat erscheint neben mir und sie tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. Ich habe sie noch nie zuvor in dieser Verfassung gesehen. Sie wirkt auf einmal so unbeholfen, da sie absolut nichts ausrichten kann. Sie muss den Menschen vertrauen. Genau jetzt, in diesem Moment.

Cats Finger schließen sich um meine Handfläche und ich drücke sie sanft. Sie zittern.

„Sag mir, dass sie ihn retten. Sag es mir bitte“, wispert sie, ihre Stimme stockt.

Normalerweise würde es mir unendlich leichtfallen, Ja zu sagen. Aber ich kann nicht. Mein Bewusstsein verbietet es mir. Ich weiß es nämlich selbst nicht, ob es Ionn schafft. Ich weiß aber, dass ich nun die Aufgabe habe, für Cat ein großer Bruder zu sein und für sie da sein sollte.

„Sie versuchen es. Glaub mir, sie versuchen es.“

Mir ist nicht klar, ob ich das zu Cat gesagt habe oder nicht mehr zu mir selbst.

Ich weiß es nicht.

Je länger es dauert, desto schlechter wird mein Bauchgefühl. Ich sehe hektisch durch den Raum, um mich abzulenken.

Seit einer Stunde schon stehen wir hier drin und warten darauf, dass etwas passiert. Aber es geschieht nichts. Nichts, nur die Ärzte wechseln sich ständig ab, um Ionn zu helfen.

Im Augenwinkel kann ich einen schwarzen Knopf neben der Scheibe erkennen. Ich lege meine Hand darauf und drücke ihn in die Wand hinein.

„... müssen die Arterie abklemmen“, höre ich jemanden sagen. Es ist einer der operierenden Ärzte. „Sie hat einen kleinen Riss, sehen Sie? Caz, reichen Sie mir sofort eine Klemme. Mit jedem Herzschlag wird der Riss größer.“

Ich sehe sie, wie sie dem älteren Arzt ein metallenes Besteck reicht. Sie selbst beobachtet nur.

Eine Weile höre ich nichts, bis plötzlich jemand zischend flucht und ein Gerät laut piepst. „Die Klemme hält nicht. Wir müssen die Kugel finden, sofort! Cole, gehen Sie mir zur Hand?“

„Ja, Doktor. Übernehmen Sie die Aorta und ich suche die Kugel“, antwortet dieser.

Ich kann sein Gesicht nicht erkennen, er steht mit dem Rücken zu mir. Das schrille Piepen des Gerätes dringt tief in mein Ohr. Irgendwann höre ich nur das.

Es ist ein Alarmton.

„Gut, die Aorta ist dicht. Cole, haben Sie die Kugel?“, fragt Arif. Cole antwortet diesmal nicht.

Er ächzt nur verärgert. „Ich hatte sie, Doktor. Aber sie ist mir abhandengekommen. Ich finde sie nicht“, schimpft er. „Hier ist überall Blut, wo kommt das denn her? Sind Sie sicher, dass die Aorta nicht mehr offen ist?“

„Ja, doch! Es muss irgendwo bei Ihnen sein. Finden Sie die Kugel!“

Das klingt nicht gut.

„Ich tue ja, was in meiner Macht steht! Caz, helfen Sie mir. Wir brauchen die Kugel“, weist Cole sie an.

Ich bin zunächst verärgert, weil er sie so anfährt. Aber sie hat es verdient.

Es ist ihr Fehler, dass Ionn dort liegt.

Ich würde genauso reagieren, wenn ich bei ihnen wäre und das Leben eines Vestasi in meiner Hand läge.

Immer öfter vergesse ich, zu atmen. Ich kann nicht stillhalten, laufe im Raum unruhig hin und her. Mein Blick huscht durch die Gegend.

Bleibt an den Ärzten hängen, dann auf Ionn, dann auf Cat. Alle paar Sekunden reibe ich mir die feuchten Handflächen an der Hose. Frustriert fahre ich mir durch die Haare.

Wir beobachten gespannt die Szene, die sich vor unseren Augen unaufhaltsam abspielt. Unsere Hände drücken ganz fest die jeweils andere, wir weichen unseren Blicken gegenseitig aus.

Angst, Furcht und Schmerz.

Alle Gefühle auf einmal stürzen sich auf mich wie das Wasser hinter einem zerstörten Damm auf das Tal davor.

Die Bewegungen der Ärzte werden immer hektischer, immer schneller. Sie tauschen ihre Plätze regelmäßig durch, suchen die Kugel.

Finden sie nicht.

Kopfschüttelnd beobachte ich die Unruhe vor uns.

Alle Zahlen auf den Geräten spielen verrückt, sein Blutdruck sackt in den Keller.

Sein Puls geht durch die Decke. Die Sauerstoffsättigung gibt auf.

Alles geht zugrunde.

Die Schreie werden immer lauter, fordernder. Alle versuchen nur noch, die Kugel zu finden und die Blutung endlich zu stoppen.

Cat hält die Luft an, ich starre durch die Scheibe.

„Wir verlieren ihn! Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, wenn er hier überleben soll! Also reißen Sie sich alle zusammen und retten diesen Jungen“, heizt Dr. Arif alle anderen an.

Sie nicken sich zu, werfen noch einmal einen Blick auf das Gerät und dann legen sie los.

Erneut fixiere ich wieder sie, wie sie mit den anderen versucht, Ionn ein für alle Mal von der Schwelle des Todes wegzuholen.

Ihr Blick ist konzentriert, ihre Stirn gerunzelt. Sie weiß, was sie tut.

Sie weiß es, weiß es, weiß es.

„Ich habe sie!“, ruft Cole triumphierend und hält die Kugel in die Höhe.

Dann lässt er sie in eine kleine Metallschüssel fallen und der Glücksmoment ist wieder vorbei. Jetzt gilt es, die Ursache von Ionns Blutung zu finden und zu beheben.

Angespannt kaue ich auf meinem Daumen herum.

Cat kommt mit dem Stress langsam nicht mehr klar und sie wimmert leise, weil sie für Ionn nichts tun kann, so sehr sie es auch möchte.

Mir ergeht es nicht anders.

Wir müssen darauf vertrauen, dass Ionns Wille stark genug ist, um ihn ins Leben zurückzuholen. Er kann es schaffen. Sie haben doch die Kugel gefunden.

„Sieht irgendjemand etwas? Ich kann vor lauter Blut nichts erkennen. Wir –“

Ein lauter Alarm unterbricht den Arzt und ich sehe auf das Gerät. Die Pulswellen gehen rapide in die Höhe. Das EKG sieht aus wie die Ausschläge eines Seismographen bei einem Erdbeben.

„Kammerflimmern! Geben Sie mir die Paddels, Caz!“

Sie reicht sie ihm. Alle entfernen sich von Ionn, halten ihre Hände hoch.

„Laden auf 150!“, weist Arif routiniert an.

„Geladen!“

„Alle weg vom Tisch!“

Es ertönt ein dumpfer Schlag und alle warten. Doch nichts geschieht. Der Alarm möchte einfach nicht nachgeben. Arif schüttelt einmal den Kopf und lässt die Stromzufuhr erhöhen.

Erneut richten alle ihren Blick auf das Gerät.

Erneut vernehme ich den dumpfen Schlag.

Erneut warten sie.

Und erneut möchte der Alarm nicht nachgeben. Ein letztes Mal erhöht Arif die Zahl und ein letztes Mal versuchen sie, Ionn zu retten.

„Komm schon, komm schon“, murmelt Cat und führt ihre gefalteten Hände zu ihren Lippen. „Das kannst du uns nicht antun.“

Nur ein paar Sekunden später erscheint eine gerade Linie auf dem Gerät. Neben ihr die Zahl Null. Niemand unternimmt etwas.

Alle sind still.

Sie starren die Linie an.

Ein langes Piepen durchflutet den Saal.

Neben mir keucht Cat auf und sinkt zu Boden. Meine Hand gleitet von dem Knopf und schlagartig ersticken alle Geräusche, die aus dem Saal kommen.

Stille breitet sich aus.

Dr. Arif sieht zur Uhr und sagt irgendetwas, dann stehen alle ruhig da und scheinen nicht zu wissen, was sie jetzt tun sollen. Sie warten.

Worauf?

Nein, sie warten nicht. Sie sind fassungslos.

Sie ist es zumindest.

Es dauert nicht lange und ihr Blick findet meinen. Im Licht glänzen ihre Augen. Haben sie das schon immer?

Nein, es sind Tränen, die sie glänzen lassen. ´

Gewissheit habe ich erst, als sich ihr Kopf langsam von rechts nach links bewegt und sie den Blick senkt.

Erst dann ist mir klar, was das alles bedeutet: Ionn ist tot. Sein Herz schlägt nicht mehr. Er ist tot. Er wird nie wieder einen Atemzug tätigen, nie wieder einen Finger rühren. Er ist tot. Ionn ist tot.

Nein.

Kälte durchströmt meinen Körper, dann bricht ein Feuer in mir aus. Ein wütendes Feuer. Unaufhaltsam brennt es alles in mir bis auf das letzte Bisschen nieder. Alles.

Nein, das kann nicht sein.

Mein bester Freund, den ich seit so vielen Jahren kenne, lebt nicht mehr. Er liegt leblos vor mir. Seine Lider sind geschlossen, sein Mund leicht geöffnet. Seine Haut ist blass.

Als hätte dieser Körper vor meinen Augen nie gelebt. Als wäre er schon immer so tot gewesen. So kalt.

Nein!

Seine Tätowierungen treten nun allzu deutlich hervor, was einmal Hellblau gewesen ist, ist nun ein tiefes Dunkelblau. Seine Lippen sind fast weiß. Seine Haare sind dunkler als zuvor.

Noch nie ist es mir so nahe gegangen, einen Toten zu sehen. Weil es Ionn ist, der tot ist. Derjenige, der es am allerwenigsten verdient hätte, so zu enden. Und so früh.

Doch.

Mir wird kalt. Das Feuer erstickt. Meine Finger werden steif, meine Beine weich. Ich stütze mich benommen an der Wand ab, während ich auf den Boden sinke. Tränen steigen mir in die Augen, ich kann sie nicht mehr länger zurückhalten. Der Waschraum verschwimmt vor meinen Augen.

Cat hat ihr Gesicht in den Händen vergraben, schluchzt. Ihre Finger krallen sich in ihre Haare. Nur kurz darauf stößt sie einen gequälten Schrei aus, der mir die Haare zu Berge stehen lässt.

Es stimmt.

Wie wird es jetzt weitergehen? Wird man uns endlich gehen lassen? Ist es endlich vorbei? Öffnet Ionns Tod George endlich die Augen, damit er uns nach Hause lässt?

Seitdem ich auf der Erde bin, verspüre ich genau jetzt das erste Mal so richtiges Heimweh.

Ich möchte nach Hause, diesen Planeten vergessen. Für immer. Es ist für uns alle zu früh gewesen, jemanden aus unserer Gruppe zu verlieren. Jetzt ist es zu spät, das zu verhindern. Nun verstehe ich, warum manche das Leben unfair nennen.

Es ist unfair.

Unfair, dass Ionn tot ist.

Unfair, dass wir es haben miterleben müssen.

Unfair, dass es keinen Menschen getroffen hat.

Unfair, dass es nicht sie getroffen hat.

Wir befinden uns auf einem Planeten mit zwei Milliarden Menschen, etwa zehn sind mit Ionn mitgekommen. Und von diesen zehn ist niemand tot und Ionn schon.

Genau das ist unfair. Es hätte einen von ihnen treffen sollen.

Aber wieso ist Ionn tot? Wie hat es so weit kommen können, dass er hat sterben müssen?

Ich möchte sie das fragen, sobald sie beschließt, aus dem OP-Saal zu kommen. Inzwischen hat sie sich hingesetzt und die Haube vom Kopf gerissen, ihre Haare stehen wirr in alle möglichen Richtungen ab. Ihr Gesicht ist gesenkt und ihre Finger verkrampfen sich in ihrer Kopfbedeckung.

Dabei laufen ihre Fingerspitzen schon weiß an wie Ionns Körper. Sie wirkt kraftlos, erschöpft. Als hätte sie stundenlang etwas Anstrengendes getan.

Nur mit dem kleinen Unterschied, dass sie es nur eine Stunde getan hat. Das Ergebnis ist jedoch dasselbe.

Totale Erschöpfung.

Meine Hände vergraben sich in meiner Hose, spielen mit dem Stoff herum. Meine Gedanken schwanken hin und her.

Soll ich zu ihr reingehen oder abwarten?

Es verarbeiten? Selbst realisieren?

Argumente für beide Seiten füllen meinen Kopf. Letztlich entscheidet mein Bewusstsein, zu warten. Ich gebe ihr Zeit, über die Lage nachzudenken. Wir alle brauchen sie. Zeit zum Nachdenken.

Wir müssen uns bewusst machen, was soeben geschehen ist und was für einen Verlust wir nun davontragen müssen. Die Tatsache, dass Ionn gewesen ist, ist surreal.

Ein Fakt, der für mich niemals hätte wahr werden dürfen. Es wird eine Weile brauchen, bis ich es wirklich verarbeitet haben werde. Ich habe so große Angst davor, zu trauern.

Unser Ziel dabei aus den Augen zu verlieren. Zu vergessen, wer wir eigentlich sind und wofür wir mit Ionn gekämpft haben und dass wir es für ihn zu Ende bringen werden. Er hat es nicht verdient.

Jeder Krieg fordert seine Opfer.

Ionn ist nicht das erste. Und er wird auch nicht das letzte Opfer sein. Aber für immer das erste, das hier auf der Erde dennoch verhindert hätte werden können, wenn alle richtig reagiert hätten.

Wenn sie richtig reagiert hätte.

Cat schnieft und reibt sich trotzig über die Nase. Noch nie hat sie so viele Gefühle auf einmal gezeigt. Jetzt spiegeln sich große Wut, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Sehnsucht in ihren Augen.

Ihre Körperhaltung verrät ihre Zuneigung zu Ionn, wie sehr sie ihn geliebt hat. Die beiden haben sich gekannt, seit sie kleine Kinder gewesen sind. Ionn ist wie ein Bruder für mich gewesen und für sie etwas ganz anderes, viel mehr.

Und jetzt ist er einfach fort.

Fort, ohne ein Wort zum Abschied gesagt zu haben.

Ohne mit Cat ein letztes Mal gesprochen zu haben.

Ich möchte gar nicht daran denken, was wir zueinander gesagt haben, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Er ist in das SPV eingestiegen, ich habe mir damals noch gedacht, dass ich ihn lebendig wiedersehen werde.

Ich habe ihn dazu ermutigt, weil ich vertraut habe.

Die furchtbare Wahrheit sieht aber anders aus. Die letzten Personen, die ihn lebend gesehen haben, sind die Ärzte gewesen, ist sie gewesen.

Sie, die jetzt aufsteht und sich zu Ionn stellt.

Cat beobachtet sie mit verengten Augen, wütend, sauer. Sie vergisst ihre Tränen und ihre Trauer, nimmt sie ins Visier. Ich muss nicht lange rätseln, was sie denkt.

Es ist offensichtlich.

Es steht Cat ins Gesicht geschrieben. Sie will jemand Schuldigen für Ionns Tod. Den wollen wir alle. Er ist unser Bruder, unser Verbündeter, unser Freund. Ein bedeutender Teil unserer Familie.

Niemand kommt ungestraft davon, wer unserer Familie etwas antut. Cat sieht das wohl genauso. Sie blickt mich zornig an.

„Wir müssen denjenigen dafür bestrafen, der ihm das angetan hat. Bei den Menschen, die ihn haben sterben lassen, fangen wir an“, knurrt sie. „Sie haben ihn krepieren lassen! Von Anfang an haben sie es entschieden und taten nur das wenigste, damit es den Anschein hat, als würden sie ihm helfen.“

Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich ihr Glauben geschenkt. Aber ich weiß es besser. Sie haben alles in ihrer Macht Stehende getan, um Ionns Leben zu retten. Ich weiß es einfach.

In dieser Hinsicht lasse ich mich nicht beeinflussen. Cat kennt sie noch nicht so gut wie ich sie kenne. Die Menschen sind nicht immer so böse wie wir denken.

Nicht alle von ihnen.

„Daalo, sie haben ihn umgebracht!“

Vehement schüttele ich den Kopf.

Das ist nicht ganz richtig.

„Irgendjemand schon, aber nicht die Ärzte. Sie nicht. Geh zu George und frag ihn. Ich komme bald nach“, verspreche ich meiner Schwester.

Sie nickt kaum wahrnehmbar und verlässt ohne Weiteres den Raum. Entgegen meiner Erwartung schließt sie die Tür anständig, ohne sie hinter sich zuzuschlagen. Dann bin ich allein.

Sie steht noch immer bei Ionn, streicht ihm über die Schulter, über die Arme, über seine Tätowierungen an der Schläfe. Die Haut muss sich sicher eiskalt anfühlen. Ionn wirkt gar nicht tot.

Er sieht so aus, als würde er nur schlafen und irgendwann wieder aufwachen.

Meine Gedanken verändern sich. Sie wandeln mit meinen Gefühlen. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass ich es gar nicht glaube, dass der Tote vor meinen Augen überhaupt Ionn ist.

Er sieht plötzlich gar nicht mehr so aus. Ionns Haare sind dunkelbraun und nicht so pechschwarz. Er ist größer. Seine Arme sind muskulöser. Aber seine Tätowierungen stimmen mit denen des Toten überein.

Auf einmal erkenne ich wieder die Ähnlichkeit zwischen den beiden. Die Haare sind genauso gelockt wie Ionns. Und seine Gesichtszüge gleichen denen von Ionn auf den Millimeter.

Er ist es tatsächlich.

Er war es tatsächlich.

Ist es hier wirklich zu Ende?

„Hey, was machst du noch hier?“, höre ich ihre schwache Stimme an meinem Ohr.

Sie klingt so nah, aber als ich nachsehe, steht sie sehr weit weg von mir beim Eingang zum Saal. Ihre Augen sind gerötet, ihre Wangen nass.

Sie kann das Zittern in ihrem Körper nicht unterdrücken und schafft es nur mit grenzwertiger Mühe, dass sie die Fassung behält.

Die Stimmung wird schlagartig angespannt. Wir sehen uns nur an, sagen kein Wort. Ich überlege mir eine gute Antwort, um mehr über Ionns Tod zu erfahren.

Ich möchte sie nicht anschreien, ich bin dafür zu müde. Ich möchte aber auch nicht höflich zu ihr sein, sie trägt schließlich die Schuld daran. Auch, wenn ihre unsichere Statur das komplette Gegenteil verrät.

Doch der Schein trügt.

Wir alle haben etwas miterleben müssen, das wir unser ganzes Leben lang nicht vergessen werden. Wir werden Gefühlsphasen durchleben, die wir so noch nie an uns erlebt haben. Wir werden Gedanken haben, die niemals zuvor unseren Kopf bewohnt haben.

Wir werden alle Seiten des Todes kennenlernen.

Ob wir es wollen oder nicht. Es steuert direkt auf uns zu und die ersten Wellen brechen bereits.

Unaufhaltsam.

„Ich will es wissen“, sage ich knapp zu ihr. Ich achte dabei konsequent darauf, den Blick nicht auf sie zu richten.

Sie seufzt, wäscht sich ihre Hände und Arme. Die Haube hat sie weggeworfen, verärgert, frustriert. Sie schweigt, starrt auf den Tisch im Saal.

„Es war Brian Miller, der Anführer von S-Alpha 2. Ich vermute, er war ebenfalls ein Aq, wie Cristina.“

Die Worte fahren mir wie ein Blitz bis ins Mark. Erinnerungen an Cristina tauchen wieder auf, deren Tod schon einige Zeit zurückliegt. Ich habe sie schon fast aus meinem Bewusstsein gelöscht.

Ihre dunklen Haare, ihre blauen Augen. Von Anfang an hätte ich merken müssen, wer sie eigentlich ist. Ich bin dafür geschult worden, jahrelang.

Und trotzdem hat sie es geschafft, sich vor mir zu verbergen.

„Er hat seinen Preis verlangt. Dafür, dass er uns geholfen hat. George hat uns nicht verraten, dass Ionn der Preis war oder dass es überhaupt einen gab. Wenn man einem einen Gefallen schuldig ist und diesen nun begleichen muss, verlangt man keine Gegenleistung seinerseits dafür. Und trotzdem hat George darin eingewilligt. Das war sein Fehler. Das hat Ionn das Leben gekostet.“

Sie reibt sich über ihren linken Oberarm und verzieht das Gesicht schmerzerfüllt. „Miller hat auf uns geschossen, als wir einsteigen wollten. George wollte Ionn nie ausliefern, als wüsste er, was Miller mit ihm vorhat. Ich habe später herausgefunden, wer er wirklich ist. Als es bereits zu spät war. Ionn war in die Brust geschossen worden, gerade als er sich zu mir umgedreht hat, die Aorta wurde dabei minimal rupturiert, jedoch hatte sein Herzschlag den Riss unfreiwillig vergrößert. Er hatte beinahe die Hälfte seines Blutes verloren, als wir hier eingetroffen sind. Zu viel, als dass er den Hauch einer Chance gehabt hätte.“

Ich erwidere nichts, bin einfach nur schockiert. Mein bester Freund ist tot.

Sie schüttelt niedergeschlagen ihren Kopf. „Es stand von Beginn an fest, dass er sterben musste. Warum wir dennoch operiert haben, kann ich dir nicht sagen. Was nun mit Miller ist, weiß ich nicht. Und falls du denkst, du seist der einzige, der von seinem Tod betroffen ist, irrst du dich. Wir alle haben ihn verloren. Und schuldig bin ich auch nicht. Zumindest nicht allein.“

Sie blickt mich wütend an, dann kommt sie auf mich zu. Ihre Augen funkeln im spärlichen Licht der Deckenlampen wie blaue Edelsteine. Beeindruckend, aber auch lange vertraut.

Plötzlich sehe ich wieder die Dinge, die ich vorher an ihr gemocht habe, aber jetzt vollkommen übersehen habe. Aber ich will es nicht.

Wir brauchen diesen Abstand.

Zu viel ist geschehen, als dass wir es einfach außer Acht lassen könnten. Ich habe ihr vertraut.

„Irgendwann werden wir wieder normal miteinander reden können. Irgendwann. Doch nicht jetzt. Du bist sauer auf mich, das kann ich fühlen. Ich sehe es sogar.“ Sie blickt mich von der Seite an. „Gleichzeitig bin ich auch sauer auf dich. Frag mich bitte nicht, warum, ich bin es einfach. Was ich da drin gerade durchmachen musste, kann ich nicht mit dir verarbeiten. Ich habe versucht, das Leben deines besten Freundes zu retten, ein bisschen dankbar könntest du schon sein. Wenn nicht mir, dann wenigstens den anderen Ärzten.“

Sie seufzt schon wieder, als würde sie keinen Zweck in unserer Unterhaltung sehen, bis mir auffällt, dass es lediglich ein Monolog von ihrer Seite aus gewesen ist. Ich habe ihr die ganze Zeit mehr oder weniger zugehört.

„Danke. Es wäre schön gewesen, wenn Ionn es geschafft hätte. Du hättest es durchaus verhindern können, dass man auf ihn schießt. Dafür bist auch du verantwortlich“, zische ich und zeige auf seine Leiche.

Es kommt mir falsch vor, so über seinen Tod zu sprechen, aber ich will, dass sie es bereut. Dass sie es bereut, mir jemals falsche Hoffnungen gemacht zu haben.

Ich will vergessen, dass es einst eine Zeit gegeben hat, in der ich sie gemocht habe.

Wir beide wissen genau, dass es lange dauern wird, bis wir wieder normal miteinander reden können, nach allem, was wir zueinander gesagt haben.

Nach allem, was sie verbockt hat, was meinem Freund das Leben gekostet hat. Sie hat es verdient, wenn sie sich nie wieder selbst im Spiegel ansehen kann.

Das macht Ionns Tod nicht ungeschehen, aber es lindert meinen Schmerz. Ich kann noch immer nicht fassen, dass ich niemals wieder ein Wort mit ihm wechseln werde, mich niemals wieder mit ihm beraten werde, weil ich seinem Urteil am meisten vertraue.

Und an allem ist sie allein schuld.

„Verschwinde“, fauche ich, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Stumm nickt sie, geht und verschließt die Tür. Nun bin ich endgültig alleine. Ionn ist noch immer dort, ich frage mich, wer ihn wegbringen wird.

Und vor allem, wann man ihn wegbringen wird.

Wie wird es weitergehen? Geht es überhaupt weiter?

All die Fragen machen mir deutlich, dass ich überhaupt nicht weiß, wie ich mit dem Tod eines Freundes umgehen soll. So viele habe ich erlebt, doch nur dieser eine geht mir besonders nahe. Ich sorge mich um ihn.

Auch wenn er tot ist und gar keinen Schutz mehr braucht, fühle ich mich dazu verpflichtet, auf ihn aufzupassen.

Er ist mein Freund. Er ist ihr Freund.

Sie hat ihm das Leben retten wollen, ihn zurückholen wollen. Um ihren schweren Fehler wiedergutzumachen. Vergeblich. Sie hat alles getan.

Aber es ist nicht genug gewesen.

Ich habe es miterleben dürfen. Cat hat es miterleben dürfen. Wir haben sehen dürfen, zu was Menschen in solchen Situationen fähig sind.

Die Tür.