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Der Kampf um die letzten, noch unerschlossenen Ölreserven hat begonnen. In aller Härte. Ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Eric Brinneau, Experte der International Energy Agency für die Reduzierung der CO2- Emissionen im Straßenverkehr, erhält einen heiklen Auftrag von seinem Chef. Er soll ein Geheimtreffen mit der deutschen Kanzlerin vorbereiten. Unwetter in Deutschland und eine schleppende Energiewende zwingen sie zum Handeln. Der Klimawandel muss aufgehalten werden. Eric und sein Team sollen eine Lösung entwickeln. Eine Aufgabe, die nicht nur sein Leben verändern wird. Da kristallisiert sich überraschend ein Ausweg heraus. Doch mächtige Gegner aus Industrie und Politik schrecken vor nichts zurück. Zu hoch sind die Einsätze. >>So spannend hat noch niemand über die Energiewende geschrieben. Michael Valentine-Urbschat schreibt, wie nur ein Insider es kann.<< >>Fiktion oder Insider-Bericht? Wahrscheinlich beides. Das macht das Buch zu einem einmaligen Leseerlebnis.<<
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Michael und Nancy Valentine-Urbschat
Für Katharina und Nicholas – als Zeichen dafür,dass die Generation ihrer Eltern nicht tatenlos zusieht,obwohl sie es besser weiß.
Die Brennstoffe – vornehmlich Öl, Kohle und Gas – stellen keine nachhaltige Energieversorgung dar, auch wenn bis heute unser weltweiter, wirtschaftlicher Erfolg in großen Teilen darauf basiert. Das wissen wir alle. Seit Jahren.
Allein diese fehlende Nachhaltigkeit zwingt uns dazu, erneuerbare Energiequellen als attraktive Alternativen auf den Weg zu bringen. Ohne besonderen Zeitdruck, nachdem die Rohstoffkonzerne bisher eine ausreichende Versorgung mit fossilen Brennstoffen sicherstellen. Auch wenn unklar ist, wie lange unsere Öl-, Gas- und Kohlereserven tatsächlich noch reichen.
Wir wissen aber auch – und das nicht erst seit dem diesjährigen, fünften Bericht des Weltklimarates –, dass die dadurch verursachten CO2-Emissionen maßgeblich zur Klimaveränderung beitragen. Experten gehen von einer Erwärmung der Erdoberfläche von mindestens 3-4 Grad Celsius im Laufe dieses Jahrhunderts aus, wenn wir es nicht schaffen, in wenigen Jahren unsere Abhängigkeit von diesen fossilen Brennstoffen massiv zu reduzieren.
Die Folgen dieser einsetzenden Klimaveränderung sind heute bereits spürbar und werden aller Voraussicht nach besonders für die nachfolgenden Generationen zu einem gigantischen Problem werden.
Diese unumkehrbaren Langzeitfolgen erhöhen den Zeitdruck massiv. Zwingen uns, jetzt die Alternativen auf den Weg zu bringen. Hier können und wollen wir nicht tatenlos zusehen. Nicht nur, weil wir selber zwei Kinder haben.
Dabei stellt die umfassende Abkehr von Verbrennungskraftmaschinen im weltweit wachsenden Straßenverkehr eine besondere Herausforderung dar. Bisher haben wir keinen Weg gefunden, diese Technologiewende in der notwendigen Breite und Geschwindigkeit auf den Weg zu bringen. Der Verkehrssektor ist weltweit der einzige Verbrauchersektor, der immer noch ein ungebrochenes Wachstum bei den CO2-Emissionen aufweist.
Mit dem vorliegenden Roman hoffen wir, zur Diskussion und Lösung dieses Themas beitragen zu können, indem wir einer breiteren Leserschaft die prekäre Ausgangssituation, die sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Zwänge der beteiligten Spieler, aber auch mögliche Lösungsansätze vor Augen führe.
Das alles haben wir versucht, in eine möglichst spannende Geschichte zu packen – wir wollen Sie als interessierten Leser ja auf keinen Fall verlieren, auf diesem etwas umfangreicheren Exkurs.
Die Geschichte selbst ist völlig frei erfunden, genauso wie auch alle handelnden Personen frei erfunden sind.
Dennoch spielt der Roman mitten in unserer heutigen Welt und baut auf vielen, aktuellen Fakten auf, die von uns nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert wurden. Ein Verzeichnis der wichtigsten Quellen findet sich im Anhang, in dem wir auch einige Hintergründe und Details erläutert haben.
Die öffentlichen Ämter, Organisationen, Firmen und Produkte, die den meisten bekannt sein dürften, sind rein zufällig gewählt und dienen nur dazu, den Bezug zur realen Welt noch mal zu verdeutlichen. Die konkreten Aktivitäten dieser Einrichtungen und ihrer handelnden Personen sind aber natürlich ebenfalls frei erfunden.
Dagegen existieren die beschriebenen Technologien zum größten Teil heute schon oder stehen kurz vor der Fertigentwicklung – und können damit tatsächlich einen nennenswerten Beitrag zur Lösung unseres Verkehrsproblems liefern.
Jetzt aber genug der Vorrede – wir wünschen Ihnen eine spannende Unterhaltung. Und anschließend natürlich möglichst intensive Diskussionen. Denn nur so kommen wir in diesem so essentiellen Thema für die Menschheit endlich voran. Hoffentlich.
München, im Oktober 2014
Michael und Nancy Valentine-Urbschat
Dicke Schweißtropfen bildeten sich auf Jeff Simson´s Stirn. Verdammte Hitze! Zusammen mit dem beißenden Gestank der Flammen, die das unerwünschte Gas als Nebenprodukt der Ölförderung abfackelten, war es im Fond des Wagens kaum auszuhalten. Er versuchte, die Krawatte noch weiter zu lockern. Er hasste es, wenn alles am Körper klebte. Und er hasste seinen Job. In solchen Situationen ganz besonders.
Der Fahrer ihres Toyota Land Cruises ließ die Ansammlung an Wellblechhütten hinter sich und beschleunigte den Wagen wieder auf die harte, aber wellige Sandpiste hinaus. Ein paar Kinder standen dicht am Straßenrand, unterbrachen ihr kleines Spiel mit Stöcken aber nur kurz, um der Staubwolke des Wagens hinterher zu blicken.
Die massiven Ölverschmutzungen waren auch aus dem Auto heraus nicht zu übersehen. Im Straßengraben lagen klebrig aussehende Klumpen. Der kleine Bach am Beginn des Dorfes schimmerte unnatürlich blau im Sonnenlicht. Ihre Straße verlief direkt neben einer der zahlreichen überirdischen Pipelines, die ihnen unmissverständlich die Richtung zu den Ölfeldern im Nigerdelta vorgab. Die Haupteinnahmequelle des Landes. Der Weg dorthin aber demonstrierte bitterste Armut und eine schwer belastete Natur. Der Anblick schmerzte Jeff.
„Will arrive soon. Don´t worry. Not more than ten minutes.“ Der neben ihm sitzende Regierungsvertreter lächelte ihn etwas verkrampft von der Seite an.
Er war wohl derjenige, der am Schluss den Deal zwischen der Nigerianischen Regierung und seinem Ölkonzern offiziell auf den Weg bringen konnte. Aber soweit waren sie noch nicht.
Petrov, sein Mittelsmann, der vorne auf dem Beifahrersitz saß, hatte sie heute Morgen im Hotel miteinander bekannt gemacht. Als er vor einigen Wochen überraschend in seinem Londoner Büro angerufen und von einer neuen, großen Fördermöglichkeit im Nigerdelta erzählt hatte, war Jeff extrem skeptisch gewesen. Aber der Druck am Ölmarkt war so groß geworden, dass jede noch so kleine Chance auf zusätzliche Förderquellen genutzt werden musste. Seine Chefin brauchte Erfolge. Seine Firma brauchte Erfolge. Um jeden Preis! Also war er wieder hier. Ob es ihm passte oder nicht. Es war sein Job.
Das Nigerdelta an der Westküste Afrikas gehörte zu den erdölreichsten Regionen auf dem Kontinent. Seine Firma war zusammen mit BP und den anderen internationalen Konzernen seit Jahren an der Erschließung und Förderung beteiligt. Anfangs nur im Gebiet der weit verzweigten Flussmündung, heute auch im Hinterland und weiter draußen vor der Küste.
Nach der Unabhängigkeit Nigerias in den sechziger Jahren ging der Ausbau der Ölproduktionsanlagen massiv voran. Die Hoffnungen waren groß gewesen, dass die junge Regierung mit Unterstützung der Briten, die das Land ja aus den Jahrzehnten unter ihrer Protektorats-Führung bestens kannten, ein blühendes Vorbild für die Entwicklung Afrikas abgeben würde. Doch es kam anders. Ganz anders! Und das sehr schnell. Erst der Bürgerkrieg um den politischen Einfluss. Im Zuge der explodierenden Öl-Einnahmen die fast unvermeidliche Korruption. Und dann die massiven Umweltverschmutzungen, die den Einwohnern das Leben gerade im Niger-Delta zur Hölle machten. Viele litten unter den gesundheitlichen Folgen, aber ergaben sich resigniert ihrem Schicksal. Doch einige begehrten auf und wurden Teil eines bewaffneten Widerstands. Mit der Exekution mehrerer Widerstands-Anführer in den neunziger Jahren nahm die Härte in der Auseinandersetzung mit den Regierungstruppen noch zu. Fast täglich kam es zu blutigen Auseinandersetzungen.
Heute gehörte das Nigerdelta zu den gefährlichsten Pflastern dieser Welt. Aber das hielt seine Firma und die anderen Konzerne natürlich nicht davon ab, weiterhin jeden Tag hunderttausende Fässer mit dem begehrten Rohstoff zu füllen und auf riesigen Tankern außer Landes zu bringen. Stattdessen wurde die Mitarbeiteranzahl vor Ort reduziert, die Gehälter noch mal erhöht und die Produktionsanlagen zu veritablen Festungen ausgebaut.
Nur die Erschließung neuer Felder wurde deutlich schwieriger. Die Machtverhältnisse innerhalb der Regierung wechselten ständig und erschwerten damit die Findung der richtigen Ansprechpartner. Es war auch nie ganz klar, wer in den Gebieten, die für mögliche, weitere Erschließungen in Betracht kamen, gerade das Sagen hatte. Die lokalen Widerstandsgruppen oder doch die Zentralregierung. Und die Geldflüsse wurden immer transparenter und mussten damit immer vorsichtiger gestaltet werden.
Aber irgendwie hatte es Petrov, sein langjähriger Mittelsmann in der Region, mal wieder geschafft. Er hatte ihm vor vier Wochen ausführliche, seismische Untersuchungen zu einem bereits bekannten, potentiellen Fördergebiet im Inneren des Nigerdeltas mitgebracht, die erfolgsversprechend aussahen. Die Frage nach dem lokalen Widerstand in diesem noch relativ unberührten Teil der Natur wiegelte er mit einem grimmigen Lächeln ab. Als ehemaliger KGB Mann, der die Hälfte seines Lebens in den schwierigsten Regionen Afrikas und in den Zeiten des Kalten Krieges verbracht hatte, war das einfach Teil des Jobs. Nur, dass er jetzt in die eigene Tasche wirtschaftete, und das wohl ziemlich erfolgreich. Petrov hatte Jeff sogar kürzlich in einem Anfall von Sentimentalität ein Bild seines irgendwo in Marokko erstandenen, riesigen Anwesens gezeigt. Der Mann hat tatsächlich ein Privatleben. Kaum zu glauben.
Jeff drehte sich zu dem neben ihm sitzenden Regierungsvertreter um. In den tiefen, lederbezogenen Rücksitzen des Land Cruisers wirkte er noch kleiner. Den Namen hatte er schon wieder vergessen, aber Petrov wusste ja Bescheid.
Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht mehr. Die Explosion der ferngezündeten Landmine direkt vor ihrem Wagen war ohrenbetäubend. Gesteinsbrocken und Sand schossen in die Höhe. Die Windschutzscheibe des Land Cruisers wurde getroffen und zerbarst in tausend, kleine Stücke.
„Shit“, hörte er Petrov noch von vorne rufen.
Jeff´s Hirn konnte die Ereignisse für den Bruchteil einer Sekunde nicht wirklich einordnen. Ein stechender Schmerz in der Schulter machte ihm aber dann unmissverständlich klar, dass hier gerade etwas massiv schief ging.
Der Fahrer riss den Wagen instinktiv nach rechts, um den herumfliegenden Teilen auszuweichen. Vergeblich. Jeff wurde mit dem Kopf hart gegen die Seitenscheibe geschleudert. Bevor er den Schmerz der sofort heftig blutenden Platzwunde richtig wahrnehmen konnte, verlor er das Bewusstsein.
Die Temperaturen lagen immer noch deutlich unter minus fünfzehn Grad, auch wenn die ersten Sonnenstrahlen bereits über den Horizont kamen und den Beginn eines weiteren, klaren Wintertages vermuten ließen. Ein weißer Mantel aus unzähligen, kleinen Schneekristallen überzog die niedrige Vegetation und funkelte in der Morgensonne. Zahlreiche Spuren im tiefen Schnee verrieten die zwei- und vierbeinigen Bewohner Nordschwedens, die heute Morgen aber noch nicht zu sehen waren. Die Weite und Stille gaben der Landschaft etwas Erhabenes. Nur die freigeräumte Landstraße mit der meterhohen, scharfen Randbegrenzung aus Schnee machte klar, dass auch hier die menschliche Zivilisation Fuß gefasst hatte.
Doch Peter hatte im Moment hinter dem Steuer seines Wagens überhaupt keinen Blick für die Schönheit der ihn umgebenden Natur. Gerade kam die nächste Kurve der schmalen Landstraße mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zugeschossen. Er versuchte, den letztmöglichen Zeitpunkt für das Anbremsen seines silbernen, umgebauten BMW X1 zu erwischen. Tief in seinem Inneren schrillten bereits alle Alarmglocken seiner langjährigen Testfahrer-Erfahrung und versuchten, seinen rechten Fuß vom Gaspedal zu zwingen.
„Ganz ruhig, mein Junge“, flüsterte er sich selbst immer wieder zu, auch wenn er innerlich vor Anspannung fast zu zerreißen schien. Dieser rein elektrische Allradantrieb stellte einfach alles in den Schatten, was er bisher in seinem langen Berufsleben als Testfahrer unter den Hintern bekommen hatte.
Jack Summerfield, sein Boss, der bisher neben ihm sitzend nur konzentriert auf den Laptop auf seinen Knien starrte, hob den Blick kurz an und sah durch die eisige Windschutzscheibe hinaus. Auch er spürte die Anspannung.
Dann ging Peter blitzartig vom Gaspedal und schlug das Lenkrad nach links ein. In wenigen Millisekunden nahm die Antriebselektronik die Vortriebsleistung aus den vier Elektromotoren zurück, die die Räder des X1 völlig unabhängig voneinander kontrollierten. Das Fahrzeug wurde massiv verlangsamt, aber nur soweit, dass keines der Räder die Haftung auf dem Schnee verlor. Der Lenkeinschlag brachte das Fahrzeug für einen Augenblick ins Rutschen. Aber auch hier brachte die Elektronik über die extrem schnell reagierenden Elektromotoren die notwendigen Verzögerungen oder Beschleunigungen auf die vier Räder ein, um sofort wieder die Fahrstabilität zu erlangen.
Ein kurzer Blick auf die Tachonadel zeigte dem Versuchsingenieur, was ihm sein Popometer bereits über das Nervensystem meldete. Sie zogen unglaublich schnell durch diese Kurve und dennoch musste er kaum gegenlenken. Die Anspannung in seinen gesamten Oberkörper ließ langsam nach, als das Fahrzeug sicher aus der Kurve herauskam und problemlos auf sein neuerliches Vollgas-Signal reagierte.
„In knapp 500 Metern kommt die nächste Kurve, diesmal nach rechts.“ Jack warf ihm ein kurzes Lächeln zu.
Beide wussten, dass sie mit dem bisherigen Verlauf der Testfahrt ihres neuesten Prototypen, den sie in nur wenigen Wochen zuhause bei Lotus Engineering zusammengebaut hatten, sehr zufrieden sein konnten.
In den letzten zwei Tagen hatten sie mit ihrem Vier-Mann-Team in dem kleinen, angemieteten Hangar fast rund um die Uhr an den letzten Vorbereitungen des Fahrzeugs und ihrer Messausrüstung gearbeitet, die per Container pünktlich aus England herübergekommen war.
Der Hausherr, ein liebenswürdiger, alter Schwede, sah sie mit großen Augen an, als Jack ihm versuchte klar zu machen, dass sie im Hangar mindestens einen Stromanschluss mit 20 Kilowatt Leistung für die Schnellladung ihrer großen Fahrzeugbatterie bräuchten. Nicht die auch in Schweden üblichen knapp 4 Kilowatt Leistung, die jede Haushaltssteckdose lieferte. Sie hatten größte Schwierigkeiten, ihm die Andersartigkeit ihres rein elektrischen Antriebs zu erklären. Der alte Mann fragte immer wieder nach dem Benzintank. Nur zögerlich versprach ihnen der Hausherr, einen Elektriker vorbeizuschicken.
Gestern spät abends waren dann endlich alle Vorbereitungen abgeschlossen. Sie konnten ihr Fahrzeug nun an einer provisorisch aufgebauten Ladesäule mit Strom versorgen, auch mit der gewünschten, höheren Leistung. Angespannt und müde hatten sie den kleinen Hangar verschlossen, während ein eisiger Nachtwind ihnen fast die Finger abfror. Sie fuhren direkt in ihre kleine, nahe gelegene Pension, um wenigstens noch ein bisschen Schlaf vor der so lang ersehnten, ersten Testfahrt zu bekommen.
„Noch zwei Kurven, dann sollten wir wieder auf die Hauptstraße stoßen“, murmelte Jack, ohne vom zweigeteilten Bildschirm seines Laptops aufzusehen, der sowohl die gefahrene Strecke, als auch alle relevanten Antriebsdaten exakt aufzeichnete.
Der X1 zog wieder mit hoher Geschwindigkeit und schneespritzend aus der zweiten Kurve auf die Gerade hinaus. Peter entwickelte zunehmend mehr Gefühl für das Fahrzeug und diesen einzigartigen Allradantrieb und hatte sichtlich Spaß daran, sich langsam an die Grenzen der Physik heranzutasten.
„Ok, das reicht fürs erste.“ Jack klappte seinen Laptop zu und deutete nach rechts, während Peter den Wagen langsam herunter bremste, bis er an der Abzweigung auf die Hauptstraße zum Stehen kam. „Lass uns wieder in dem kleinen Café dort vorne in der Ortschaft eine Pause machen. Die haben wir uns redlich verdient nach den letzten Tagen. Ach, und danke, dass du den Wagen nicht geschrottet hast.“
Peter grinste. Er wusste, auf welche unglückliche Angelegenheit bei einer ihrer Testfahrten im letzten Jahr Jack anspielte, und steuerte den X1 in die kleine Ortschaft hinein, die ihnen langsam richtig vertraut wurde. Sie hatten sich für ihre erste Testfahrt eine knapp zehn Kilometer lange Rundstrecke auf einer gut geräumten Nebenstraße ausgesucht. Um sicherzugehen, dass sich in der Zwischenzeit keine größeren Vereisungen oder sonstige Hindernisse aufgetan hatten, waren sie die Strecke am Vortag in ihrem gemieteten Volvo nochmals abgefahren.
Als sie auf den kleinen Parkplatz vor dem einstöckigen, dunkelbraun gestrichenen Holzgebäude mit seinen weißen Fenstern einbogen, standen bereits zwei schwarze AUDI Q5 Prototypen der neuesten Baureihe davor.
„Na, wen haben wir denn da? Unsere lieben Kollegen von der Quattro-Truppe.“ Peter parkte den X1 etwas abseits von den beiden AUDIs und kontrollierte zum letzten Mal den Batterieladezustand, bevor er den Schlüssel abzog.
Jack entfernte das Verbindungskabel seines Laptops zur Antriebselektronik des Fahrzeugs, packte den Computer vorsichtig in seine gut gefütterte Umhängetasche und stieg aus.
Er atmete die kalte Morgenluft tief ein, blickte auf die Uhr und nahm zum ersten Mal nach der gut halbstündigen Testfahrt wieder die Ruhe und Schönheit ihrer Umgebung wahr. „Geh schon mal rein, ich brauch´ noch ´ne Minute hier draußen.“
Peter nickte kurz mit einem verständnisvollen Lächeln. „Ich bestell dir schon mal den üblichen Cappuccino“, rief er ihm über die Schulter zu und verschwand in der Tür.
Die Sonne stand jetzt bereits deutlich höher. Als der eisige Wind kurz nachließ, konnte Jack die Wärme auf seinem Gesicht spüren, während er den Blick nachdenklich über die weite, schneebedeckte Landschaft und den nahezu wolkenlosen Himmel schweifen ließ.
Die letzten knapp sieben Monate waren rasend schnell vergangen, seitdem er diesen Anruf von Fritz Nicklas, dem Chef der kleinen, aber feinen BMW Technikschmiede aus München, erhalten hatte. Nicklas arbeitete abseits der Hauptentwicklungsmannschaft seit vielen Jahren mit einem satten Budget und einer hoch motivierten Truppe und übernahm bei zahlreichen Technik-Neuerungen innerhalb des Konzerns die Vorreiter-Rolle.
So hatte er Jack gefragt, ob dieser mit seiner Lotus-Truppe die Umrüstung eines BMW X1 auf rein elektrischen Antrieb mit bisher nicht erreichter Fahr-Performance realisieren könnte. Er dachte dabei an Zielwerte, wie Jack sie in seinem viel beachteten Vortrag auf dem letztjährigen Wiener Motorensymposium angedeutet hatte. Dabei sprach er ihm noch mal sein Lob zu der gelungenen Präsentation über die Fahrdynamik-Chancen von Elektrofahrzeugen mit Mehr-Motoren-Antrieben aus. Was bei Jack natürlich wie Öl runter ging. Wie oft bekommt man schon Lob von den hervorragenden, aber oft eben auch arroganten und selbstverliebten BMW-Ingenieuren? Obwohl er zugeben musste, dass Fritz Nicklas nicht in diese Kategorie gehörte. Das anschließende Gespräch beim Mittagessen auf dem Motorensymposium bereitete beiden so viel Spaß, dass sie seitdem regelmäßigen Kontakt hielten und sich zu allen elektrischen Antriebsthemen intensiv austauschten.
Lotus Engineering in England war heute definitiv einer der führenden Entwicklungsdienstleister, wenn es um die Elektrifizierung von Autos ging. Alles hatte vor mehr als zehn Jahren angefangen, als Jacks damaliger Chef den Kontakt zu Tesla knüpfte und sie danach maßgeblich an der Entwicklung des ersten rein elektrischen Roadsters beteiligt waren.
Seitdem rissen die Aufträge zur Entwicklung von elektrischen Antrieben bei den Lotus-Ingenieuren, mit Jack als einem ihren kompetentesten Teamleiter, eigentlich nicht mehr ab. Und als sein Chef vor knapp fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand ging, bekam er die Chance, die komplette Entwicklungsabteilung zu übernehmen. Um die Position als attraktiver Partner für die großen Autohersteller weiter auszubauen, investierte Jack mit seiner Truppe immer wieder auch in eigene innovative E-Antriebs-Projekte, aus denen sich eine führende Kompetenz bei rein elektrischen Mehr-Motor-Antrieben entwickelte.
Nachdem Elektromotoren viel kleiner bauten als Verbrennungskraftmaschinen, konnte man ein Allrad-Fahrzeug im Extremfall auch über den Einsatz von vier solchen Elektromotoren realisieren. Mit entsprechend größeren Freiheitsgraden bei der Ansteuerung jedes einzelnen Rades (Details siehe Anhang, Punkt 1: Vergleich Allrad-Antriebstechnik).
Und das Wiener Motoren-Symposium war eine hoch attraktive, jährlich wiederkehrende Plattform, um seine neuesten Erkenntnisse dazu den führenden Antriebsentwicklern aus aller Welt mitzuteilen.
Dennoch kam die Anfrage von BMW und die zeitliche Brisanz für Jack überraschend. Und Fritz Nicklas wollte ihm am Telefon, aber auch in den folgenden Gesprächen, nicht wirklich viele Hintergrundinformationen geben. Nach einem kurzfristig anberaumten, persönlichen Treffen in München war der für sie sehr attraktive Entwicklungsvertrag unter Dach und Fach und die kurze, aber intensive Konzeptphase begann bereits in der darauf folgenden Woche. Die Fahrdynamik-Ziele wurden gemeinsam mit den BMW Ingenieuren erarbeitet. In der technischen Umsetzung ließ ihnen Fritz Nicklas aber alle Freiheiten.
Jack sperrte seine Schlüssel-Entwickler mit den Vordenkern seiner in den letzten Jahren erfolgreich aufgebauten Subunternehmen für mehr als eine Woche zusammen. Das geballte Wissen zu hoch performanten Elektromotoren, Leistungselektronik, Batterien und passenden Fahrwerkskomponenten brütete fast Tag und Nacht in einem Nebengebäude ihres Firmensitzes, das etwas abseits am Waldrand stand.
Als endlich der weiße Rauch aufstieg, waren alle überzeugt, dass sie ein neues, rein elektrisches Antriebskonzept für den BMW X1 hatten, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen konnte. Mit vier kleinen, aber leistungsstarken E-Motoren.
Die Umsetzung unter hohem Zeitdruck führte dann natürlich zu den üblichen Schwierigkeiten im Detail, die Jack und seinen Mitarbeitern einiges an Schlaf geraubt hatten. Aber jetzt war der Prototyp, nach einer kurzen Vorerprobung in England, endlich fertig und musste hier in Nordschweden auf besonders anspruchsvollem Untergrund seine tatsächliche Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Die gerade aufgenommenen, ersten Messwerte sahen wirklich gut aus, auch wenn natürlich noch zahlreiche Tests folgen mussten.
„Das wird schon“, murmelte er aufmunternd zu sich selbst. Der beißende Wind in Jack´s Gesicht riss ihn aus seinen Gedanken. Erst jetzt realisierte er, dass er bereits ein paar Minuten nahezu unbeweglich vor dem Café gestanden haben musste. Mit einem Ruck drehte er sich um, legte die wenigen Meter bis zur Eingangstür in schnellen Schritten zurück und genoss die warme Luft, die ihm beim Betreten des Cafés entgegen kam.
Ihre nette Bedienung war wieder da und begrüßte ihn im Vorbeigehen mit einem breiten Lächeln. „Your coffee is already waiting for you“, warf sie ihm noch schnell zu, mit dem typisch schwedischen Akzent.
Peter saß wieder am gleichen Tisch rechts hinten an einem der wenigen Fenster und spielte gedankenverloren an seiner Kaffeetasse. Die vier AUDI Ingenieure saßen etwas entfernt am Tresen, nahmen ihn kurz wahr und diskutierten dann intensiv weiter. Ansonsten war das Café fast leer, was in dieser verlassenen Gegend aber nicht wirklich verwunderte.
Jack nahm die Umhängetasche von der Schulter und ging zu Peter hinüber.
„Na, noch ein paar Rentiere erlegt?“
„Jaja.“ Jack stellte die Tasche vorsichtig ab, zog die dicke Jacke aus und setzte sich Peter gegenüber an den kleinen Tisch. „Was macht eigentlich unser Batterie-Ladezustand nach der rasanten Fahrt?“
„Nur noch knapp 80 Prozent. Kein Wunder bei der Kälte, auch wenn wir ganz schön aufs Gas gedrückt haben. Du hast doch die tatsächliche Stromaufnahme in den Messdaten.“
Jack nickte und kippte einen Löffel Zucker in seinen Cappuccino. „Hatte aber während der Fahrt keine Zeit, auf die Verbrauchswerte zu schauen. Ist ja eigentlich auch nicht so wichtig. Hauptsache, wir waren erst mal schnell unterwegs und haben´s heil bis zum Café geschafft.“
Beide grinsten und genossen den heißen Kaffee.
„Die neue Fahrdynamik-Software macht wirklich einen phänomenalen Job“, sagte Peter, „in der engen Kurve kurz vor der Hauptstraße dachte ich echt schon, dass der Wagen uns diesmal wegbricht und wir ihn wieder mühselig aus dem tiefen Schnee am Straßenrand ausgraben müssen. Und dann rutschte er nur kurz weg, bevor die Software blitzschnell auf die beiden Außenräder wohl einen Tick mehr Moment gab, um das Fahrzeug noch rechtzeitig abzufangen. Und schwupp, waren wir auch schon aus der Kurve raus. Ich war echt beeindruckt. Müssen Jonathan später unbedingt ein dickes Lob schicken.“
Peter hatte Recht. Der junge Jonathan Smith, der bei Jack erst seit zwei Jahren an der Fahrdynamik-Regelung arbeitete, hatte ein verdammt gutes Händchen für die neuen Möglichkeiten bei mehrmotorigen, elektrischen Antrieben. Und gleichzeitig bereits ein sehr tiefes Verständnis für die Sicherheitsanforderungen entwickelt, die eine unabhängige Ansteuerung der einzelnen Räder erforderte. Denn das letzte, was ein Fahrer wollte, war ein unbeabsichtigtes Beschleunigen oder Abbremsen eines der Räder in einer kritischen Fahrsituation. Das war sicherlich eine der Achillesfersen der Mehrmotoren-Konzepte. Jack wusste das und hatte dementsprechend viel in dieses Thema investiert.
„Schreib´ ihm doch schnell eine erste kleine Nachricht. Das wird ihn sicherlich freuen, nachdem ich ihn schon nicht nach Schweden mitgenommen hatte.“
„Wie, wollte er wirklich in diese Saukälte mitkommen? Wusste ich gar nicht.“ Peter begann, auf seinem Smartphone eine Nachricht an Jonathan einzugeben.
Jack blickte zur Bar. Die AUDI Leute waren immer noch lautstark am diskutieren. Einer der Ingenieure hatte wohl die Aufschrift „100% electric“ auf ihrem X1 gesehen und gestikulierte in ihre Richtung.
„Wow, dass ihr mit eurem Elektroantrieb in der Kälte bis hierher gekommen seid. Echt tolle Leistung! Sollen wir auf der Rückfahrt vielleicht langsam hinter euch her fahren? Nur für den Fall, dass euch der Saft ausgeht“, rief er in bestem Englisch und lachte zu seinen drei Kollegen hinüber.
Jack grinste zurück. „Danke, aber ich denke, das wird nicht nötig sein.“
„Naja, wäre für uns sowieso viel zu langweilig. Mit eurer riesigen Batterie kommt ihr wahrscheinlich kaum vom Fleck“, warf er provozierend hinterher und erzeugte ein weiteres kaum zu unterdrückendes Grinsen bei seinen Kollegen.
Jack schmunzelte. Die Unwissenheit zu den Fähigkeiten eines rein elektrischen Antriebs war auch unter Antriebsexperten immer noch weit verbreitet. Zu sehr waren die meisten Ingenieure in ihrer alten, verbrennungsmotor-zentrierten Welt verhaftet.
Natürlich war ihre Batterie mit fast 30 Kilowattstunden Energieinhalt ein Block von mehr als 300 Kilogramm Gewicht, den man erst mal im Fahrzeug unterbringen musste. Besonders wenn dieses dafür ursprünglich nicht ausgelegt war. Daher hatten die meisten Fahrzeuge, die von konventionellem auf elektrischen Antrieb umgebaut wurden, einen ordentlichen Gewichtsnachteil.
Dass sie aber über die letzten Jahre bei Lotus aufgrund zahlreicher Projekte viel dazugelernt und das Fahrzeug-Mehrgewicht bei ihrem neuesten Baby auf unter 100 Kilogramm gedrückt hatten, konnten die Quattro-Kollegen ja nicht wissen (Details siehe Anhang, Punkt 1: Vergleich Allrad-Antriebstechnik).
Peter hatte die Nachricht von seinem Smartphone abgeschickt und sah nun ebenfalls zum Tresen hinüber. Arrogante Typen! Das Grinsen der vier reizte sofort den alten Rennfahrer-Instinkt in ihm, den er seit den Tagen als junger, eigenfinanzierter Mini-Rennfahrer in England nicht mehr abgelegt hatte.
„Für ´ne kleine Wettfahrt reicht es allemal“, sagte er laut genug zu Jack, sodass die AUDI-Leute am Tresen es kaum überhören konnten.
Jack schüttelte leicht den Kopf. „Komm, lass´ sie in Ruhe. Wir haben noch ein umfangreiches Testprogramm vor uns und keine Zeit für solche Späßchen.“
Aber dafür war es jetzt bereits zu spät. Während einer der AUDI-Ingenieure die Rechnung beglich, nahmen die drei anderen ihre dicken Winterjacken und kamen bereits zu ihnen hinüber.
„Naja, wenn ihr unbedingt wollt, fahren wir natürlich gerne für ein paar Meter hinter euch her. Aber bitte nicht zu langsam. Wir wollen unsere schönen Frontspoiler ja nicht an eurem Heck verkratzen.“
Jack war immer noch überrascht von dem guten Englisch des Deutschen. Aber die Quattro-Leute waren immer noch die Vorreiter beim konventionellen Allrad-Antrieb und daher schon lange und regelmäßig hier oben, im größten, europäischen Testgebiet für die Fahrzeug-Wintererprobung, unterwegs. Tat wohl auch den Sprachkenntnissen gut.
Jack wollte immer noch abwimmeln, aber Peter ließ nicht locker.
„Komm´ schon“, warf er ihm leise zu, „das machen wir einfach zum Teil unseres Testprogramms. Gibt uns eine gute Gelegenheit, die relative Performance unseres X1 genauer auszuloten.“
Er hatte natürlich Recht. Messwerte waren die eine Sache, eine tatsächliche Vergleichsfahrt mit einem der besten Allrad-Fahrzeuge auf dem Markt eine ganz andere. Und bei BMW mussten sie in der nächsten Zeit mit etwas Ähnlichem rechnen. Aber ist ihr Prototyp wirklich schon so schnell, wie ihr Popometer ihnen versuchte klarzumachen? Er hätte das Fahrzeug und die Software lieber noch ausführlicher getestet.
Doch Peter war bereits aufgestanden und schien mit den vier Deutschen die Details der kleinen Wettfahrt zu besprechen.
„Können wir zahlen“, Jack winkte ihrer netten Bedienung kurz zu, die sich gerade eine kleine Pause am Tresen gönnte. Das Café hatte sich fast komplett geleert.
Die AUDI Leute zogen ihre Jacken über und wendeten sich dem Ausgang zu.
„Und, was hast du jetzt wieder Wildes ausgemacht?“ Jack war immer noch ein wenig genervt.
„Ach komm schon, ich hab denen nur gesagt, dass wir gleich den zweiten Teil unserer kleinen Testfahrt auf der Nebenstraße zurück nach Arjeplog machen, was ihnen von der Richtung her zusagte. Jetzt warten sie draußen auf uns und wollen hinter uns herfahren.“
Peter machte sich bereits fertig, während Jack noch die letzten Schaumreste aus seiner Cappuccino-Tasse kratzte und mit schmalen Augen zu ihm aufsah.
„Aber ich warne dich, schrotte nicht unseren Wagen. Wir fahren so schnell wie in den letzten Kurven unserer Hinfahrt und dann schauen wir mal, wo die AUDIs bleiben. Und wenn uns unser erstes Bauchgefühl getäuscht hat, fein, dann fährst du rechts ran, wir verabschieden uns höflich von den Kerlen und alles ist erledigt.“
„Jawohl, Chef.“ Peter grinste ihn an.
So ein Quatsch, natürlich werden wir nicht rechts ran fahren und die AUDIs vorbeiziehen lassen! Zumindest nicht, bevor er ihnen auf der Strecke davor gezeigt hatte, wer hier das schnellere Auto hatte. Sein Bauchgefühl konnte ihn nicht täuschen, nach so vielen Jahren als einer der besten Lotus-Versuchsfahrer. Durfteihneinfachnichttäuschen.
Die ersten Sonnenstrahlen kamen durch das schmale Badfenster im fünften Stock des eleganten, aber etwas heruntergekommen Pariser Stadthauses und zeigten sich in dünnen Streifen auf der gegenüberliegenden Wand vom Bett.
Eric Brinneau rutschte leise unter der Decke heraus, während seine Freundin noch schlief. Er setzte seine Brille auf und ging barfuß die wenigen, engen Stufen am Ende des Flurs hinauf zu ihrer Mini-Dachterrasse. Der Morgen über den Dächern von Paris hatte für ihn noch immer etwas ganz Besonderes. Die kleine Tür, die hinausführte, war für jemanden seiner Größe fast zu niedrig, aber die tägliche Routine der letzten zwei Jahre ließ ihn geschickt hinausgleiten. Feucht und kalt spürte er die alten Terrassenplatten unter seinen Füßen. Er streckte sich und genoss den Blick Richtung Osten über die Seine, bis hinüber zum Eiffelturm. Die ersten Sonnenstrahlen versprachen auch hier einen weiteren, schönen Wintertag und zwangen Eric ein kurzes Blinzeln ab. Ihr Appartement im beliebten sechzehnten Arrondissement im Pariser Westen war zwar ein bisschen klein, nicht wirklich optimal geschnitten und die Dusche litt unter Warmwassermangel, aber das kleine Refugium hoch über den Dächern von Paris hatte für ihn damals den Ausschlag gegeben, als sie den Mietvertrag unterschrieben.
Eric rieb sich die Augen. Er hatte nicht wirklich gut geschlafen, nachdem sein Chef ihn gestern Abend noch spät zuhause angerufen hatte. Das machte er sonst eigentlich nie. Er war kurz angebunden gewesen, wollte ihn aber dringend heute Morgen noch vor acht Uhr dreißig im Büro sehen. KeineweiterenErklärungenamTelefon, kämeallesmorgenfrüh, hatte er gesagt und das Gespräch beendet.
Eric arbeitete nun schon seit mehr als sechs Jahren für die IEA. Die International Energy Agency, so ihr voller Name, war kurz nach der ersten Ölkrise in den siebziger Jahren von den führenden, aber ölabhängigen Industrienationen gegründet worden. Als kleine, schlagkräftige Koordinationszentrale zur besseren Abfederung zukünftiger Ölkrisen. Im Fokus lagen die exakte Verfolgung der Nachfrage- und Angebotsströme, sowie der Aufbau strategischer Ölreserven. Der Hauptsitz war in Paris, nicht weit entfernt vom Eiffelturm, und ursprünglich direkt neben der OECD-Zentrale, wo die Vertreter der führenden westlichen Industrienationen sowieso täglich ein und ausgingen.
Nachdem Ölkrisen aber, Gott sei Dank, nicht jedes Jahr auftraten und die zusammengezogenen, zahlreichen Experten nicht ausschließlich Trockenübungen veranstalten wollten, entwickelte man einen zweiten analyseorientierten Aufgabenschwerpunkt für die IEA. Jedes Jahr wurde ihr Hauptwerk, der World Energy Outlook, veröffentlicht, der sich über die Jahre zu einem der führenden Nachschlagewerke bezüglich des weltweiten Energieverbrauchs entwickelte. Auf mehr als sechshundert Seiten stellte die IEA die aktuellsten Zahlen zur globalen Produktion aller wichtigen Energieträger und deren Konsum in den einzelnen Ländern oder Regionen dar. Und entwickelte daraus eine rollierend aktualisierte Prognose über die nächsten zwanzig Jahre.
Nachdem sich der Verkehrssektor, und hier insbesondere der Straßenverkehr, über die letzten Jahrzehnte zum klaren Hauptabnehmer für die weltweit geförderten Ölmengen entwickelte, baute die IEA unter der Führung von Eric´s Chef Jean-Luc Garçon eine neue Abteilung auf. Ausschließlich für die Beobachtung und Analyse der globalen Nachfrageentwicklung in diesem Sektor.
Sein Chef war ein alter Hase bei der IEA und bereits Teil des kleinen Krisenteams gewesen, das kurz vor Beginn des Irakkrieges, Anfang der neunziger Jahre, eine Panik auf den Ölmärkten durch ein gut koordiniertes, frühzeitiges Bereitstellen von massiven Ölreserven verhinderte. Doch das war schon eine gefühlte Ewigkeit her. Seitdem nahm die Analyse- und Prognosearbeit zu den Energiemärkten eine immer stärkere Rolle innerhalb der IEA ein.
Mit Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls im Jahr 1997 durch einen Großteil der internationalen Staatengemeinschaft rückte die Begrenzung des globalen, energiebasierten CO2-Ausstoßes und das Aufzeigen realistischer Ziele und Lösungswege immer mehr in den Vordergrund. Um ihre führende Rolle in der Beratung zu Energiefragen nicht zu verlieren, musste die IEA in den Aufbau komplexerer Marktmodelle mit der Fähigkeit zur Erstellung eigener, detaillierter Szenarien investieren. Dies erforderte im Verkehrssektor zusätzliches Expertenwissen zur Entwicklung der Fahrzeug-Antriebstechnologien und deren Marktvolumina. Und das sowohl im weltweiten Straßenverkehr mit seiner heute mehr als einer Milliarde PKWs und LKWs, als auch bei Flugzeugen und Schiffen.
Das war der Grund, wieso sein Chef ihn damals anrief und Eric den Job in Paris anbot. Sie kannten sich bereits aus einer kurzen, gemeinsamen Zeit im Smart-Projekt, das ja ursprünglich alleine von Swatch in der Schweiz vorangetrieben wurde, bevor es zur Kooperation mit Daimler und dann zum kompletten Transfer des Projektes nach Stuttgart kam. Jean-Luc Garçon war in der Konzeptphase als externer, beratender Experte mit von der Partie, während Eric nach erfolgreichem Abschluss seines Wirtschaftsingenieur-Studiums an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich überglücklich war, seinen ersten Job in einem so revolutionär angehauchten Autoprojekt gefunden zu haben.
Die Fahrzeugtechnik begeisterte ihn seit seiner Jugend. Angefangen bei der eigenen Seifenkiste fing er an, ein besonderes Interesse für alle neuen Antriebsarten zu entwickeln. Und, wo es ging, auch in der väterlichen Garage selbst auszuprobieren. Da war das technikorienterte Studium nur logisch und konsequent.
Jetzt wollte er mithelfen, die Welt zu verbessern. Doch seine jugendliche Euphorie wich bald einer bedrückenden Ernüchterung, als er merkte, dass der innovative, elektrische Antrieb unter größeren, technischen Schwierigkeiten litt, immer unbeliebter innerhalb der Kooperation wurde und schließlich vollständig einem konventionellen Verbrennungsmotor weichen musste. Und auch sonst war die Zusammenarbeit mit Daimler für die Schweizer Teammitglieder kein wirkliches Vergnügen. Da kam der Anruf aus Paris gerade recht.
Im ersten Jahr seiner Tätigkeit bei der IEA gab ihm Jean-Luc ausreichend Zeit, sich noch tiefer in die technischen Details aller innovativen Fahrzeug-Antriebskonzepte und deren Marktreife einzuarbeiten. Aufbauend auf diesem Wissen lieferte er seinen Kollegen wichtigen Input für die Gestaltung eines detaillierten Marktmodells, um den Verbrauch und die CO2-Emissionen im Straßenverkehr deutlich besser als in der Vergangenheit vorhersagen und den Einfluss verschiedener Technologie-Alternativen genauer abschätzen zu können.
Die jedes Jahr gemeldeten, weltweiten Absatzzahlen für Benzin und Diesel lieferten ihnen dann die notwendige Vergleichsbasis, um das Prognosemodell weiter zu verfeinern.
Der Job machte ihm Spaß, anders konnte man es nicht sagen. Jean-Luc war in Erics Augen ein wunderbarer Chef, der für seine Mitarbeiter immer ein offenes Ohr hatte, egal ob beruflich oder bei privaten Themen. Eric schätzte die ruhige und väterliche Fürsorge des Franzosen. Und dann war da noch Paris. Die Stadt seiner Träume.
Er genoss den weiten Blick die Seine hinunter. Manchmal konnte man von hier oben sogar die weltberühmte Pont Neuf am Eiffelturm vorbei, mitten im Zentrum der Stadt, erkennen.
„Eric, wo bleibst du denn?“ Seine Freundin Jeannette stand auf der obersten Treppenstufe und sah ihn vorwurfsvoll mit ihren großen, brauen Augen an. „Du holst dir echt noch eine Erkältung da draußen. Wolltest du heute nicht früher ins Büro? Komm´ jetzt endlich.“
Sie sah wiedermal verdammt verführerisch aus, in dem dünnen, langen T-Shirt, das ihre schönen Kurven kaum verdecken konnte. Und wenn sie ihre großen Augen so vorwurfsvoll verdrehte, war sie unwiderstehlich. Jetzt nicht, dachte Eric, sein Chef fände es wahrscheinlich überhaupt nicht lustig, wenn er gerade heute Morgen zu spät käme.
Jeannette drehte sich um und verschwand. Zum Anbeißen, diese Frau! Eric fragte sich zum wiederholten Male, was Jeannette zu ihm geführt hatte. BeidemAussehenundihremtollenJobinderPariserModeweltkonntesieanjedemFingerproblemloszweiKerlehaben. Wenn sie denn wollte! Aberirgendetwashieltsiebeiihm. Naja, so übel bin ich ja auch nicht. Eric grinste verlegen, nahm die Brille ab und und streckte sich ein letztes Mal in den Pariser Morgenhimmel.
Er konnte den Kaffee bereits riechen, als er wieder die enge Treppe hinunter stieg. Wie bei jeder guten Pariserin gab es auch bei seiner Freundin nur eine große Tasse Kaffee und ein bisschen Toast mit Marmelade zum Frühstück. Es sei denn, er machte sich bereits vor dem Frühstück zu ihrem kleinen Bäcker um die Ecke auf und brachte ein paar leckere Croissants und ein frisches Baguette, oder diese typisch französischen Schokoteilchen mit.
Er ging an der Küche vorbei in ihr kleines Schlafzimmer und blickte auf den alten Wecker. Es war tatsächlich schon später, als er dachte. Etwas hektisch suchte er sich ein frisches Hemd aus dem Schrank und schlüpfte in die über dem Stuhl hängende Hose. Sein Chef legte keinen besonderen Wert auf die Kleidung seiner Mitarbeiter, solange sie sauber und dezent war.
„Keine Krawatte heute Morgen? Sehr schade.“ Jeannette drehte sich zu ihm um, als er in die Küche kam, und lächelte ihn an. Magisch angezogen ging er zu ihr hinüber. Geschickt zog sie ihn mit einem Finger in seiner Hemdöffnung zu sich herunter und drückte ihm einen innigen Kuss auf die Lippen.
„Nein, keine Krawatte. Du weißt, wie sehr ich die Dinger hasse! Außerdem muss ich gleich los.“
Seine Freundin arbeitete bei einem Pariser Modemagazin und hatte ein ausgesprochen gutes Gefühl für stilvolle Kleidung. Und konnte es natürlich nicht lassen, Eric immer mal wieder darauf hinzuweisen, wenn er in ihren Augen bei der Auswahl seiner Kleidung allzu nachlässig vorging. Das Tragen, oder, besser gesagt, fehlende Tragen einer Krawatte war immer wieder Anlass einer etwas intensiveren Diskussion. Aber er gab sich Mühe. Ihr zuliebe.
„Unsere kleine Verabredung zum Mittagessen mit Fabienne und Marc hast du aber nicht vergessen?“
Mist. Doch, hatte er fast. Fabienne war Jeannette´s beste Freundin, ebenfalls aus der Modebranche und immer bestens gekleidet, so wie ihr Freund Marc natürlich auch. Irgendwie war das nicht seine Welt, auch wenn er den Flair und die Partys immer wieder genoss. Nur die Gespräche waren meist nach kurzer Zeit ziemlich langweilig, und dann ziemlich anstrengend.
„Wann hatten wir noch mal ausgemacht?“
„Um 13 Uhr. In dem neuen, kleinen Restaurant, gleich bei euch um die Ecke.“
