Beschreibung

Ein magisches Fantasyabenteuer voller Liebe und Intrigen **Auf der Suche nach dem fehlenden Element…** Verletzt und ohne Erinnerung erwacht Navotru am Wegesrand. Neben ihr ein attraktiver, doch verschlossen wirkender Mann namens Temeral. Dieser offenbart ihr, dass sie eine Elementträgerin ist. Zuständig für das Element Erde, muss sie sich regelmäßig zu einem magischen Ort begeben, zusammen mit den übrigen vier Trägern – darunter auch er: Temeral, Träger des Feuers. Gemeinsam sichern sie das Gleichgewicht der Elemente und damit die Ordnung der Welt. Doch beim nächsten Treffen fehlen zwei der Elementträger. Der Welt droht das Chaos. Temeral und Navotru müssen die Vermissten schnellstmöglich finden. Doch kann Navotru dem verschwiegenen Mann an ihrer Seite trauen? Und wieso fühlt sie sich so unwiderstehlich zu ihm hingezogen? "Elemente des Chaos" ist ein in sich abgeschlossener Einzelband von der Trägerin des Deutschen Phantastik Preises 2014. //Dies ist ein Roman aus dem Carlsen-Imprint Dark Diamonds. Jeder Roman ein Juwel.//

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Jeder Roman ein Juwel.

Das digitale Imprint »Dark Diamonds« ist ein E-Book-Label des Carlsen Verlags und publiziert New Adult Fantasy.

Wer nach einer hochwertig geschliffenen Geschichte voller dunkler Romantik sucht, ist bei uns genau richtig. Im Mittelpunkt unserer Romane stehen starke weibliche Heldinnen, die ihre Teenagerjahre bereits hinter sich gelassen haben, aber noch nicht ganz in ihrer Zukunft angekommen sind. Mit viel Gefühl, einer Prise Gefahr und einem Hauch von Sinnlichkeit entführen sie uns in die grenzenlosen Weiten fantastischer Welten – genau dorthin, wo man die Realität vollkommen vergisst und sich selbst wiederfindet.

Das Dark-Diamonds-Programm wurde vom Lektorat des erfolgreichen Carlsen-Labels Impress handverlesen und enthält nur wahre Juwelen der romantischen Fantasyliteratur für junge Erwachsene.

Ann-Kathrin Karschnick

Elemente des Chaos

**Auf der Suche nach dem fehlenden Element …** Verletzt und ohne Erinnerung erwacht Navotru am Wegesrand. Neben ihr ein attraktiver, doch verschlossen wirkender Mann namens Temeral. Dieser offenbart ihr, dass sie eine Elementträgerin ist. Zuständig für das Element Erde, muss sie sich regelmäßig zu einem magischen Ort begeben, zusammen mit den übrigen vier Trägern – darunter auch er: Temeral, Träger des Feuers. Gemeinsam sichern sie das Gleichgewicht der Elemente und damit die Ordnung der Welt. Doch beim nächsten Treffen fehlen zwei der Elementträger. Der Welt droht das Chaos. Temeral und Navotru müssen die Vermissten schnellstmöglich finden. Doch kann Navotru dem verschwiegenen Mann an ihrer Seite trauen? Und wieso fühlt sie sich so unwiderstehlich zu ihm hingezogen?

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Vita

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© privat

Ann-Kathrin Karschnick schreibt seit ihrem dreizehnten Lebensjahr hauptsächlich phantastische Geschichten. Mit dem ersten Teil der Phoenix-Trilogie »Tochter der Asche« gewann sie 2014 den Deutschen Phantastik Preis. Zudem arbeitet sie als Übersetzerin und Herausgeberin für Anthologien.

Kapitel 1

Am Anfang war das Chaos …

Schmerz. Er brannte sich durch ihre Eingeweide, nahm ihr die Luft zum Atmen. Verfolgt von den Flammen in ihrem Innern flüchtete ein Schrei aus ihrer Kehle.

Sie schlug die Augen auf.

»Ruhig, Navotru. Dein Körper heilt gerade.«

Sie zuckte erschrocken zusammen, suchte nach dem Mann, der gesprochen hatte. Ihr Blick war zu verschwommen, als dass sie klare Umrisse erkennen konnte, aber links über ihr hing etwas. Haare? Ein Vorhang? Sie versuchte die Hand zu heben, wollte danach greifen, um sich hochzuziehen.

»Bleib still liegen, Navotru. Du kennst das doch schon.« Die Stimme klang herb mit einem befehlenden Unterton, der ihr nicht gefiel.

»Was …?« Ihre Stimme krächzte, brachte das Wort kaum vollständig hervor.

»Keine Ahnung. Ich habe dich gerade so gefunden.«

Ein weiteres Inferno schoss durch sie hindurch, doch kaum war es vergangen, ließ der Schmerz nach. Ein warmes Pochen in ihrem Magen war alles, was blieb und selbst das verschwand schon nach kurzer Zeit. Vorsichtig tastete sie ihren Körper ab, verfolgte mit den Fingerspitzen die Spur der Schmerzen, die sich in ihren Körper gebrannt hatte. Vergangen. Einfach weg. Überrascht richtete sie sich auf.

»Da, hab’s dir ja gesagt.« Eine starke Hand klopfte ihr zwei Mal hart auf die Schulter. Während sie darauf wartete, dass sie wieder mehr sah, versuchte sie die Stimme einzuordnen. Freund? Feind? Fremder?

Doch egal wie tief sie grub, sie kannte niemanden mit solch einer Stimmfarbe. Ihre Stirn legte sich in Falten, als sie sich fragte, wen sie überhaupt kannte. Sie lauschte in ihren Kopf hinein, doch da war nichts. Verschwommene Erinnerungen an ihre Kindheit. Einen Hund, den sie streichelte. Eine weiche Umarmung. Aber ansonsten … Leere.

»Wie hast du mich genannt?«, fragte sie leise. Ganz langsam schälten sich Gesichtszüge aus den schwammigen Umrissen. Kristallblaue Augen lagen in tiefen Höhlen, schimmerten wie ein See in einer Berganlage. Jedes Mal, wenn ein Lichtstrahl hineinfiel, blitzten sie angriffslustig auf.

»Navotru«, antwortete er. »Was ist los mit dir? Hast du etwa vergessen, wer du bist?« Die Frage klang, als wäre sie scherzhaft gemeint, aber es fühlte sich nicht witzig an.

In ihrem Kopf waren keinerlei Erinnerungen.

Nichts.

Panik erfasste sie. Sie wusste wirklich nicht, wer sie war. Denken konnte sie, die Worte waren da. Aber alles andere? Tief durchatmen, beschwor sie sich selbst. Das harte Klopfen ihres Herzens ließ nach und wurde zu einem dumpfen Wummern im Hintergrund. »Navotru.« Ihr Blick richtete sich in die Ferne, während sie dem Klang ihres Namens nachlauschte. »Warum sollte ich mit solch einem dämlichen Namen leben?«, fragte sie sich leise.

Der Mann neben ihr lachte. Der kehlige Laut dröhnte in ihren Ohren und sie drehte sich abrupt um. »Das frage ich mich schon seit Jahrzehnten, aber du hast ihn selbst ausgesucht.«

Navotrus Sicht wurde besser. Als sie endlich erkannte, wer neben ihr hockte, erschrak sie und sprang auf. Die kristallblauen Augen waren noch das freundlichste an dem Kerl. In Verbindung mit dem Rest unterstrichen sie allerdings nur die Wildheit, die den Mann umgab. Mit einer Hand auf dem Schwert, streckte er die Knie durch. Mindestens um zwei Köpfe überragte er Navotru. Die massigen Schultern trugen ein hellbraunes Fell, das zweifelsohne von einem gigantischen Tier stammen musste. Immerhin wand es sich mehrfach um den Körper des Mannes, der selbst nicht gerade als schmal zu bezeichnen war.

Navotru kam auf die Füße, stolperte einige Schritte rückwärts. Erst jetzt sah sie, dass sie auf einer verdorrten Wiese unter einem Baum stand. Verteidigen. Sie musste sich gegen dieses Monstrum verteidigen, das vor ihr aufragte. Das erste, was ihr einfiel, war einen abgebrochenen Ast zu greifen. Mit beiden Händen umklammerte sie ihn und fixierte den Mann, der sich ebenfalls erhob, aber keine Angst vor ihr zu haben schien.

»Wirklich? Ich dachte, du arbeitest nicht mit Waffen?«

»Wer bist du?«, fragte Navotru leise und beobachtete den Mann genau. Das Schwert lag noch immer in seiner Hand und er spielte damit, als wenn es ein Zahnstocher wäre.

»Meinst du das jetzt ernst?« Die Lachfalten um seine Augen wichen vor Sorge zurück, die sich wie winzige Krater in sein Gesicht bohrte.

Er kam einige Schritte auf sie zu. Navotrus Finger packten das Holz fester.

»Ja«, erwiderte sie mit fester Stimme.

»Also wirklich ernst?« Ihr Gegenüber kratzte sich mit dem Schwert in der Hand am Kopf. »Du weißt nicht mehr, wer du bist?«

»Blitzmerker«, kommentierte Navotru trocken, ehe sie es verhindern konnte.

»Interessant. Deine Bissigkeit hast du scheinbar nicht verloren.« Er hob sein Schwert an, sodass es wie die Verlängerung seines Arms von seinem Körper fortlief. »Mal sehen, was noch weg ist.«

Bevor Navotru sich versah, stürmte er auf sie zu. Ihr Herzschlag, vorher halbwegs akzeptabel im Angesicht der Ereignisse, explodierte nun. Hinter ihren Augen pochte es wild.

Der Mann vor ihr brüllte, während er auf sie zu stapfte.

Navotru ging in die Knie, wusste nicht, was sie tun sollte. Gegen solch ein Untier konnte sie unmöglich bestehen.

Hastig sah sie sich um.

Alleine.

Niemand war in ihrer Nähe, um ihr zu helfen. Verdammt, fluchte sie innerlich. Weglaufen war ihre einzige Option.

Doch etwas in ihr sträubte sich dagegen. Ein innerer Zwang, als ob ihr Körper etwas wusste, was ihr Verstand vergessen hatte.

Der Wilde war nur noch wenige Schritte entfernt. Navotru hielt den Atem an. Gleich würde er ihr das Schwert in den Leib rammen. Sie stellte ein Bein nach hinten, ihre Hände ballten sich, ohne dass sie ihnen den Befehl dazu gegeben hätte. Es fühlte sich dennoch richtig an, als ob ihr diese Bewegung bereits vor langer Zeit in Fleisch und Blut übergegangen war. Eine automatische Reaktion auf eine bestimmte Handlung gegen sie.

Für einen kurzen Augenblick glaubte sie das schmerzhafte Pulsieren der Natur unter seinen Schritten zu spüren, doch beim nächsten Beben war das Gefühl verschwunden.

Dann stand er auf einmal direkt vor ihr. Sein Arm hob sich schwerfällig. Gleich darauf schoss das Schwert auf sie zu.

Instinktiv duckte sie sich darunter hinweg und schlug zu. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, rammte sie ihm ihre Faust in die Seite.

Ihr Gegner stöhnte leise auf, ließ sich aber nicht beirren.

»Komm schon, das kannst du besser«, knurrte er sie an und schwang das Schwert in ihre Richtung.

Ihre Atmung setzte wieder ein, diesmal ruhiger. Gleichmäßig. Mit dem ersten Ausatmen bog sich ihr Oberkörper nach hinten. Das Schwert zischte hauchdünn über ihren Bauch hinweg. Navotru lehnte beide Hände nach hinten und machte einen Überschlag. Dabei trat sie mit ihren Füßen gegen die Brust ihres Gegners. Dieser taumelte rückwärts, während Navotru elegant auf einem Knie und einem Fuß landete.

Erst da kam sie wieder zu sich. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Was tat sie da nur?

Voller Misstrauen sah sie auf ihre zitternden Hände herunter, als könnten diese ihr die Antwort geben.

»In Ordnung. Deine Instinkte sind also noch vorhanden.« Ihr Gegner stand mit einem breiten Grinsen auf sein Schwert gelehnt vor ihr. Die Treffer schienen ihn nicht weiter verunsichert zu haben. Ganz im Gegenteil zu Navotru.

»Was ist hier gerade passiert?«, fragte sie mit leiser Stimme und sah zurück auf ihre Hände, die sie nun zu Fäusten ballte, um das Zittern zu unterdrücken. »Warum greifst du mich an?«

»Ich wollte beweisen, dass ich Recht habe. Mehr nicht.« Damit drehte sich der Mann um und ging weg. »Wenigstens einmal im Leben«, schob er leise nach.

»Erst angreifen und dann aus dem Staub machen. Was für ein vornehmer Herr du doch bist«, brüllte sie ihm hinterher.

Navotru schluckte. Was sollte sie tun? Ihre Gedanken rasten, verwirrten sie vollkommen. Hatte er ihr nicht im ersten Moment beigestanden, als sie erwachte? Sie dachte an den Augenblick, in dem sie ihre Augen geöffnet hatte. Er hatte ihr über die Stirn gestrichen. Fast schon zärtlich, als wollte er ihr Trost spenden. Navotru hob ihre Hand an die Schläfe, spürte seine Berührung immer noch. Wieso ließ er sie jetzt stehen?

»Komm mit und ich helfe deinem Gedächtnis auf die Sprünge«, sagte er, ohne sich umzudrehen. Er marschierte über die vertrocknete Stelle, auf der sie gelegen hatte, erreichte saftiges Weideland nur wenige Meter daneben. Erst da fiel ihr auf, dass das verdorrte Land nur wenige Meter im Durchmesser betrug. Sie drehte sich einmal im Kreis. Rundherum war alles Grün und sprühte vor Leben. Blumen blühten, Strohfelder wuchsen nicht weit von ihr und Vögel zwitscherten in den Bäumen. Der Fremde mit seinem düsteren Mantel passte so gar nicht in das Bild.

»Woher weiß ich, dass du kein dahergelaufener Irrer bist, der mich umbringen will?«

Navotru dachte kurz darüber nach und merkte selbst, wie dumm es klang. Er hatte vor wenigen Minuten noch die Möglichkeit gehabt. Sie hatte bewusstlos auf dem Boden gelegen. In dieser Zeit hätte er alles mit ihr machen können. Navotru verzog das Gesicht, als sie ihren Fehler bemerkte.

»Wie ich sehe, hast du dir deine Frage selbst beantwortet. Also, kommst du jetzt oder soll ich alleine zum Treffen gehen?«

»Wie ist dein Name?« Navotru zögerte immer noch. Ihr blieben zwei Möglichkeiten. Entweder sie blieb mitten im Nirgendwo stehen und wartete darauf, dass ihr Gedächtnis zurückkehrte. Vorausgesetzt, dass es das jemals tat. Oder sie ging mit einem völlig Fremden mit, der sie aber anscheinend kannte.

»Wenn du dich nicht einmal an meinen Namen erinnerst, muss es etwas Schlimmes sein.« Der Mann zwinkerte ihr zu und stemmte eine Hand in die Hüfte, die andere legte er lässig auf den Schwertknauf ab. »Ich heiße Temeral.«

Navotru dachte einen Augenblick nach. Nein, sie konnte mit dem Namen nichts anfangen. Keinerlei Erinnerung. Keine Vertrautheit. Aber welche Wahl hatte sie?

Zurückbleiben oder mitgehen. Blieb sie zurück, konnte sie sonst etwas erwarten. Wilde Tiere, Räuber, Hungertod.

Ging sie mit ihm mit, war sie zumindest nicht alleine. Und da sie offensichtlich kämpfen konnte, war sie in der Lage, sich gegen Temeral zu verteidigen, falls er etwas versuchen sollte.

Sie zuckte nur mit den Schultern, warf das Stück Holz, das immer noch in ihrer Hand lag, beiseite und folgte ihm. Nicht aber, ohne einen gebührenden Abstand zwischen sich zu lassen.

Einen Augenblick lief sie über die ausgebrannte Fläche. Die weite Fläche vor ihnen ließ keine Hoffnung auf Schatten in nächster Zeit. Navotru hob den Kopf. Nichts verunstaltete den Blick auf das azurblaue Firmament. Nur ein Vogelschwarm war am Horizont über einer Bergkette zu erblicken. Navotru versuchte sich daran zu erinnern, welcher Name dem Gebirge gegeben war. Aber auch damit konnte sie ihre Erinnerungen nicht hervorlocken. Oder sie war einfach nicht gut in der Landkunde.

»Hast du wirklich keine Ahnung mehr? Wenn das hier nur ein schlechter Scherz ist, um mich zu verprügeln, dann gefällt mir das überhaupt nicht.«

Navotru spürte, dass ihr seine Worte Selbstsicherheit gaben. Etwas daran fühlte sich richtig an, bestärkte sie darin, dass sie kräftiger war, als sie sich im Moment fühlte. »Habe ich dich denn schon mal verprügelt?«

»Ernsthaft? Du hast dein Gedächtnis verloren und willst das als erstes wissen?«

Sie presste die Lippen zusammen. Unrecht hatte er nicht, aber das war eine der Fragen, die noch am wenigsten Auswirkungen hatten. Sie war neutral. Wenn sie das Ergebnis kannte, würde es sie nicht so hart treffen, als wenn sie erfahren würde, dass sie Kinder hätte.

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Was, wenn sie verheiratet war und ihren Mann vergessen hatte? Navotru zögerte einen Moment. Nein, sie durfte so nicht denken. Sie wusste nichts und anscheinend war das nicht ihre Schuld.

Ganz langsam lichteten sich die Schatten der Ereignisse und sie konnte ihre Gedanken sortieren. Zunächst fragte sie sich, woher sie Temeral kennen könnte.

Navotru sah an sich herunter. Vom selben Schneider schon mal nicht, dachte sie. Ihr Stoffrock war eindeutig von einem guten Schneider gemacht worden, während seine Kleidung aussah, als ob er das erste Mal nach einigen Jahren aus dem Urwald gekrochen gekommen war.

»Auch wenn ich es vor den anderen dreien nicht zugeben würde, aber ja, hast du. Zu meiner Verteidigung, in den meisten Fällen war ich betrunken oder hatte tagelang nicht geruht«, schob er rasch hinterher.

»Muss dich ja ziemlich ärgern.« Sie bedachte ihn mit einem schiefen Grinsen und nickte. Obwohl sie nicht genau erklären konnte warum, erfüllte sie der Gedanke, solch ein Monster von einem Mann besiegt zu haben, mit Stolz.

»Mehr als du vermutlich ahnst. So, was als nächstes?«, fragte er.

Sie überquerten gerade eine Pflasterstraße, die scheinbar als Handelsweg zwischen zwei Städten dienen musste. Tiefe Fahrrillen machten es schwer, voranzukommen. Warum wusste sie solche Zusammenhänge, aber nicht ihren Namen? Navotru schüttelte den Kopf. Eins nach dem anderen.

»Was ist mit mir passiert?« Es war die erste Frage, die sie sich stellte. Auf der alles aufbaute.

»Das weiß ich nicht. Ich habe dich so gefunden.« Er zuckte mit den Schultern.

»Das habe ich schon verstanden. Was ich nicht verstehe, ist die Tatsache, dass mein Oberteil blutig ist, ich aber anscheinend nicht verletzt bin.« Sie deutete auf die Flecken auf ihrem mit mehreren Löchern übersäten Stück Stoff.

»Vielleicht nicht die beste Frage für den Anfang.« Er drehte sich immer noch nicht um. »Was noch?«

Navotru überlegte einen Moment. Was konnte er vor ihr verheimlichen? War sie vielleicht gar nicht verletzt gewesen und hatte nur eine Dosis Gift erhalten? Aber wessen Blut war das dann? Sie schüttelte den Kopf. Zu viele Fragen in ihrem Kopf. Sie pickte sich eine heraus, die ihrer Meinung nach am unverfänglichsten war.

»Wie sehe ich aus?«

Temeral lachte. »Wie ein Wildfang, den man in ordentliche Kleidung gesteckt hat.«

»Das meinte ich nicht. Welche Augenfarbe habe ich? Habe ich Narben im Gesicht oder eine Knollennase?« Sie senkte den Kopf und fasste sich an die Haare, die ihr ins Gesicht fielen. »Blond bin ich schon mal.«

»Warum interessiert dich, wie du aussiehst?«, wollte er wissen. »Hilft dir das irgendwie dabei, dein Gedächtnis wiederzuerlangen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Vermutlich nicht, aber ich habe keine Ahnung, wie ich auf andere Menschen wirke. Was hältst du von meinem Aussehen?«

Temeral zögerte in seinen Bewegungen und stolperte fast über eine Wurzel auf dem Boden. Er wirkte nicht so, als ob er tollpatschig wäre. »So schlimm?«, fragte sie und sog zischend die Luft ein.

»Nein, nein«, widersprach er und drehte sich zu ihr um. Als ob er noch einmal genau schauen wollte, wie sie aussah, musterte er sie von oben bis unten. »Du siehst ganz gut aus. Bist nicht zu schlank, wie die Mädels in der Hurenstraße in Eidstadt. Viel zu dürr. An dir ist was dran. Und deine Augen sind dunkelbraun wie aufgelockerte Erde nach einem Regenguss.« Die letzten Worte sprach er leise aus, drehte sich wieder um und stapfte davon.

Irritiert sah sie ihm hinterher, ehe sie ihm folgte. Seltsamerweise beruhigte seine Aussage sie und sie fühlte sich gleich viel wohler.

»Wer sind die anderen drei, von denen du gesprochen hast? Haben wir gemeinsame Freunde? Und was für ein Treffen ist das, auf das wir gehen? Sind die anderen drei auch dort?« Ohne es zu wollen, sprudelten die Fragen aus ihrem Mund. Die Unsicherheit über sich und ihre Vergangenheit machte sich bemerkbar.

»Und das ist der Grund, warum ich froh bin euch nur zu Vollmond zu sehen. In meinem Haus ist es viel ruhiger, wenn niemand da ist.« Grummelnd beschleunigte Temeral das Tempo.

Navotru hatte keine Schwierigkeiten mitzuhalten. Ihr Atem wurde nicht einmal schneller. Daraus und aus ihrer Kampfeinlage, schloss sie, dass sie vermutlich sportlich war. Unter ihren Füßen knackte ein Ast, als sie einen kargen Apfelbaum passierten. Davon sah Navotru dutzende bis zum Horizont. Doch Schatten spendeten sie kaum.

»Du wolltest meine Fragen beantworten, du erinnerst dich?«

»Ich überlege noch, wie ich dir das ganze schonend beibringe.« Temeral blieb stehen und musterte sie von oben bis unten. »Du bist so ein zartes Persönchen.«

»Temeral, wenn dir dein Leben lieb ist, sag mir bitte, was ich wissen will.«

Der Angesprochene fing an zu lachen. Wieder hatte sie das Gefühl, dass die Erde unter ihren Füßen dröhnte.

»Was ist daran so witzig?« Navotru runzelte die Stirn. Nahm er sie etwa nicht ernst? Erneut ballte sie die Fäuste, wollte ihm zeigen, wie ernst sie es meinte. »Ich dachte, ich hätte dich besiegt?«, knurrte sie.

»Hast du, hast du.« Er wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Es ist nur: Diese Drohung ist sinnlos bei uns beiden.«

Navotru stutzte. »Warum das?«

Mit der Hand fuhr sich Temeral durch die Haare, holte noch einmal tief Luft und sah sie dann mit einem Kopfschütteln an. »Weil wir zwei Hübschen unsterblich sind.«

Kapitel 2

Navotru klappte ihren Mund zu. »Unsterblich?«, stotterte sie.

»Jap.« Bevor sie noch etwas fragen konnte, ging er weiter. Einen Moment starrte Navotru in die leere Luft. Sie war sicher, dass er sie auf den Arm nahm. Doch dann strich sie über ihren Bauch. Der Schmerz war vollkommen verschwunden. Es war nicht einmal eine Narbe zurückgeblieben. Nur das blutige Hemd. Das würde auch erklären, warum er mich trotz meiner gerade erst überstandenen Verletzung durch die Gegend scheucht, statt mich zu schonen, dachte sie.

»Komm weiter.«

Navotru schüttelte den Kopf, ließ ihr Hemd wieder fallen und folgte ihm.

»Was meinst du mit unsterblich?«, hakte sie nach.

»Was kann man daran denn nicht verstehen?«

Navotru biss sich auf die Unterlippe, wollte nicht daran denken, was das alles für sie bedeutete.

»Schon gut. Es muss sicher ein Schock sein.« Unsicher blickte Temeral zu ihr hinüber, konnte scheinbar nicht nachvollziehen, was er da sagte.

»So könnte man es ausdrücken. Aber ich verstehe einfach nicht, was hier genau passiert ist. Das einzige, an das ich mich erinnere, ist das Erwachen.« Navotru ging die Szene noch einmal durch, zwang sich dazu, an etwas anderes zu denken, aber wieder hatte sie kein Glück. Alles, was sie fand, wenn sie an einen Zeitraum dahinter dachte, war schwarzer, dickflüssiger Brei. Ein Essen mit Erwachsenen aus einem Blickwinkel ihrerseits, der darauf schließen ließ, dass sie ein Kind gewesen war. Sie, die auf einen Baum kletterte, ebenfalls noch nicht erwachsen. Aber nichts Greifbares. Sie fuhr sich über die Augen. Vielleicht, wenn sie etwas mehr Ruhe hätte …

»Da kann ich dir auch nicht behilflich sein. Ich habe dich so gefunden. Dein Blut war überall.« Temeral blickte zu Boden, seine Fäuste geballt. Überrascht bemerkte sie die Bewegung. Gleich darauf wich sie einen Schritt zurück.

»Sag mal, bist du mein …« Sie konnte es nicht aussprechen. Temeral drehte sich zu ihr hin, seine Stirn lag in Falten. Er zögerte einen Moment, bis sich sein Blick klärte und er wieder geradeaus sah.

»Du und ich? Nein. Dazu bist du mir zu sehr Mensch.«

»Bist du keiner?« Bisher war ihr nichts Unmenschliches an ihm aufgefallen. Interessanterweise verspürte sie keine Abneigung gegen die Vorstellung, er wäre kein Mensch.

Ein Knurren entrang sich seiner Kehle. »Ich bin einer und doch wieder nicht. Verträgst du mehr?«

Navotru schluckte und nickte. Wind kam auf, strich ihr durch die Haare und brachte eine erfrischende Brise mit sich. Der Wind kam aus Osten, aus Richtung der Hauptstadt. Sie zögerte. Woher wusste sie, wo die Hauptstadt war?

Er kam auf sie zu, packte ihre Schultern und drückte sie etwas. »Also, wir vertreten die Elemente. Du bist für die Erde zuständig.«

Nun war es an Navotru, laut loszulachen. »Jetzt willst du mir aber was vormachen. Vertreter der Elemente?« Sie löste sich aus seinem Griff und schlug sich auf den Oberschenkel. »Klar. Ich preise es den Menschen also wie auf einem Markt an?«

»Nicht so ein Vertreter. Navotru, tu nicht so, als ob du blöd wärst«, ermahnte er sie. Augenblicklich verging ihr das Lachen.

»Du meinst das wirklich ernst?« Navotrus Hand verschwand in der Tasche ihrer Jacke und sie blickte sich verwirrt um. »Du willst mich nicht verarschen?«

»Manchmal wünschte ich, es wäre so. Aber wir zwei und die anderen drei, von denen ich vorhin gesprochen habe, sind Auserwählte. Wir haben uns unser Schicksal selbst ausgesucht.« Temeral schnaubte und verdrehte die Augen.

Navotru wusste nicht, was sie erwidern sollte. Die Gedanken prasselten auf sie nieder wie ein Starkregen im Herbst. Sie durchtränkten sie und ließen sie einfach im Regen stehen. Ohne Schutz, ohne Hoffnung, jemals wieder trocken zu werden. Wo blieb ihr Retter mit dem Mantel, der sie davor bewahrte, vollends zu ertrinken?

Einige Minuten ließ sie sich auf die deprimierenden Gedanken ein, ehe sie beschloss ihr eigener Retter zu sein. Wenn niemand kam, musste sie es eben selbst richten. Kaum hatte sie die Entscheidung getroffen, fühlte sie, wie ihr Selbstvertrauen zunahm. Es schien das zu sein, was ihr Verstand immer tat. Sich selbst helfen, wo es kein anderer tat.

Sie passierten noch einige knorrige Bäume, ehe sie auf einen Hain trafen. Temeral lief hinein, hob einige tiefhängende Äste für sie beiseite und ließ sie vorgehen. Die Äste verfingen sich dennoch in Navotrus Haaren und ziepten hindurch. Für ein wenig Schatten war es das jedoch wert. Die Sonne von Tramland brannte heiß vom Himmel.

»Tramland«, murmelte sie.

Temeral schaute überrascht auf. »Du erinnerst dich?«

»Nicht wirklich. Es kommen Bilder zurück, aber nichts über mich. Nur über die Landschaft oder Dinge aus meiner Kindheit.« Sie wedelte mit der Hand. »Ich will aber nicht solange warten, bis mir alles wieder einfällt. Was muss ich sonst noch wissen?«

»Du akzeptierst es also?«, fragte Temeral nach.

»Bleibt mir etwas anderes übrig? Bisher habe ich keinen Gegenbeweis erhalten. So wie du dich mir gegenüber verhältst und deinen Aussagen zufolge, scheinst du die Wahrheit zu sagen. Auch wenn es absolut wahnsinnig klingt.«

»Auch wenn du deine Erinnerungen verloren hast – deinen Charakter hast du nicht eingebüßt.« Der große Mann grinste. »Was musst du noch wissen? Eigentlich eine ganze Menge, aber das muss jetzt erst mal warten. Es gibt eine Sache, die wir dringend in Erfahrung bringen müssen.«

»Und die wäre?«, überlegte sie.

»Wer dich umbringen wollte.«

»Aber es hat doch nicht funktioniert. Ich mache mir im Moment mehr Sorgen, wie ich meine Erinnerungen verloren habe. Einen Schlag auf den Kopf scheine ich ja nicht bekommen zu haben.«

Navotru suchte die Stelle, an der sie gelegen hatte. Doch sie konnte sie schon nicht mehr erkennen. Die grüne Hügellandschaft, die sie überquert hatten, lag höher als ihr jetziger Standort. Insgesamt hatte sie das Gefühl, abwärts zu laufen. Außerdem entfernte sie sich immer weiter von dem einen Punkt, an den sie sich erinnerte. Was, wenn Temeral doch log und sie den einzigen Ort verließ, an dem Menschen nach ihr suchen würden?

»Navotru.«

Sie zuckte bei der kantigen Aussprache ihres Namens zusammen. Sie mochte ihn wirklich nicht. Vielleicht konnte sie sich umbenennen. Wenn sie schon ihr Gedächtnis verloren hatte und neu anfangen musste, konnte sie es auch pragmatisch angehen und einen neuen Namen annehmen.

»Auf jeden Fall müssen wir es den anderen erzählen. Falls das kein zufälliger Angriff gewesen ist, was ich aufgrund deiner Fähigkeiten ausschließe, ist derjenige hinter deine wahre Bestimmung in dieser Welt gekommen. Und das gefährdet uns alle fünf.«

»Wenn ich mich erinnern könnte, was das für eine Bestimmung ist, wäre ich sicher eine bessere Hilfe«, versuchte sie mehr aus ihm herauszubekommen. Aber er ging nicht darauf ein.

»Es ist ja nicht deine Schuld, dass du dich nicht mehr erinnerst. Komm schon, wir müssen weiter.«

Navotru biss sich auf die Lippen. Aus ihr unbekannten Gründen machte sie sich sehr wohl Vorwürfe. Immerhin sollte sie die Vertreterin eines Elements sein und instinktiv war sie eine gute Kämpferin. Dennoch war sie überrumpelt worden.

»Etwas verstehe ich dann aber nicht. Was genau kann ich denn als … Erde?« Es bereitete ihr immer noch Schwierigkeiten, dem ganzen Glauben zu schenken. Geschweige denn, es zu akzeptieren. Aber je mehr sie von ihm erfuhr, desto klarer würde hoffentlich ihr Bild werden.

Sie suchte die Antwort in sich selbst, konnte aber nichts finden. Kein besonderes Kribbeln, keine Verbundenheit mit einem Blümchen und erst recht nicht den Wunsch nach einer spontanen Umarmung mit einem Baum. Sie fühlte sich wie ein Mensch, zumindest glaubte sie dies.

»Du hast eigentlich keine großen Kräfte. Das einzige, was wir machen können, sind die Kelanora kontrollieren.«

»Was bei allen Moosfeen ist ein Kelanora?«

Temeral blieb erneut stehen und sah sie an. »Du erinnerst dich an Moosfeen, aber nicht an die Kelanora? Was auch immer mit deinem Gehirn passiert ist, es muss ziemlichen Müll angestellt haben.«

Verzweifelt warf sie die Arme in die Luft. »Ich kann machen, was ich will, oder? Mit jeder Sekunde, die ich wach bin, werfe ich mehr Fragen auf, die ich nicht beantworten kann und du nicht willst.«

»So geht es mir schon seit Jahrhunderten mit der Menschheit«, bemerkte Temeral leise, ehe er ihre Hand packte und sie mit sich zog. »Vielleicht sollten wir mit dem Fragen-Stellen aufhören, bis wir bei den anderen angekommen sind. Dann können sie deine Kommentare ertragen. Mich nerven sie nämlich ehrlich gesagt schon wieder.«

Navotru schnappte nach Luft, wollte dem unhöflichen Kerl einiges an den Kopf werfen, inklusive ihrer Faust, aber es blieb ihr im Halse stecken, als er ihr einen kaltherzigen Blick zuwarf. Da waren wieder diese Warnglocken, die in ihr Sturm schlugen. Etwas an diesem Temeral war ihr nicht geheuer. Abgesehen davon, dass er seine Laune von einer Sekunde auf die nächste änderte und das ohne jeden Anlass.

»Entschuldige bitte, aber wenn ich mich recht entsinne, hast du mich gebeten mitzukommen.«

»Und ich bereue es jetzt schon. Kannst du nicht einfach ruhig sein, bis wir am Treffpunkt angekommen sind?«, fragte Temeral, während sich seine Finger fester um ihren Oberarm schlossen.

»Anscheinend bleibt mir nichts anderes übrig, wenn ich die Durchblutung in meinem Arm erhalten möchte«, bemerkte sie bissig.

Der Kommentar half, der Griff lockerte sich, Navotru konnte sich befreien. Eine Weile liefen sie stumm nebeneinander her. Navotru konnte die Hitze, die sich durch die Sonne anstaute, zwischen ihnen spüren. Es fehlte nur ein Funke, um die Luft zu entzünden. Um sich von der angespannten Stimmung abzulenken, ging sie in Gedanken durch, was ihr zu den Elementen einfiel.

Auf Anhieb fielen ihr nur vier ein: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Wenn sie sich Temeral ansah, konnte er eigentlich nur Feuer vertreten. Luft war er sicher nicht. Dazu fehlte ihm die Anmut. Obwohl, überlegte sie. Ein Orkan konnte eine gewaltige Zerstörung anrichten, wenn er erst einmal losgelassen wurde. Ebenso wie Wasser.

Nein, sie konnte nicht einschätzen, welches Element er war. Erneut sah sie an sich hinab. Sie sah auch nicht unbedingt aus wie jemand, der Erde vertreten sollte. In ihrer Vorstellung war die Erde etwas Altes, das Rückhalt bot. Etwas Gesetztes. Ihr innerer Aufruhr ließ jedoch nicht nach, wurde sogar noch intensiver und schien ihr ständiger Begleiter zu sein. Es fühlte sich nicht so an, als ob sie ihre Mitte gefunden hätte.

Die Sonne war bereits kurz davor, den Horizont zu berühren, als sie eine Höhlenanlage erreichten. Navotru war überrascht, wie viel Weg sie zurückgelegt hatten. Sie hatten keine einzige Pause gemacht. Die Sonnenstrahlen hatten ihnen beiden kaum Schwierigkeiten bereitet. Und dabei trug Temeral die ganze Zeit seinen Fellumhang. Doch ihre Gedanken wurden von den Höhlen abgelenkt. Sie waren gigantisch groß, schienen jedoch unbewohnt. Der graue Fels war von schwarzen Löchern übersät, durch die man das Innere der Anlage erkunden konnte. Auf der steinernen Oberfläche schimmerte die Abendsonne und tauchte alles in ein kupfernes Licht.

»Was ist das für eine Anlage?«, fragte sie ehrfürchtig.

»Stille war noch nie deine Stärke«, knurrte Temeral und schüttelte den Kopf.

Navotru verkniff sich den Kommentar, dass sie einige Stunden stumm neben einem ihr unbekannten Mann hergelaufen war, ohne zu wissen, wer sie war.

»Dann halt nicht.« Navotru zuckte mit den Schultern. Wenn er nicht wollte, versuchte sie es halt selbst zu ergründen. Die Höhlen wirkten, als ob sie bis hinauf zum Himmel reichten, doch Navotru war sich ziemlich sicher, dass es keine solch hohen Bauten gab. Ein unbestimmtes Gefühl baute sich mit jedem Schritt in ihr auf. Eine Vertrautheit. »Hier war ich schon«, sagte sie und ging weiter. Ihre Augen untersuchten jeden Zentimeter der grauschwarzen Anlage, die bereits im Schatten lag. Es gab Dutzende Wege, die hinauf zu den einzelnen Löchern führten.

»Das will ich doch auch gemeint haben. Das ist der Treffpunkt, an dem wir uns einmal im Monat einfinden.«

Verschmitzt blickte Navotru zu ihrem Begleiter hinüber. »Ach, jetzt redest du doch wieder mit mir?« Sie beließ es dabei und ging auf einen der Wege. Ebenso wie bei dem Kampf gegen Temeral folgte sie ihrem Instinkt. Er führte sie auf einen ausgetretenen Pfad, der zu einer Höhle im rechten Abschnitt der Anlage führte. Er sah aus, als ob er schon seit Jahren nicht mehr benutzt worden war, dennoch hatte sie das Gefühl genau hier entlang gehen zu müssen.

»Wo gehst du hin?«, fragte Temeral, der stehen geblieben war und sie beobachtete.

»Ich weiß es nicht. Bin ich falsch?«

»Nein, ganz und gar nicht.« Seine Stimme klang auf einmal wieder interessiert. »Mach weiter. Mal sehen, wo du uns hinführst.«

Navotru drehte sich wieder um, legte eine Hand auf einen der Felsvorsprünge, um die sie sich ihren Weg suchte. Die vielen Kreuzungen verwirrten sie nicht im Mindesten. Es war, als ob sie den Pfad in ihrem Unterbewusstsein gespeichert hatte. Sie bog ab und ab, sah sich am Anfang noch zu Temeral um, doch als dieser immer nickte, unterließ sie es nach einer Weile und folgte nur noch ihrem Gefühl.

Das Grauschwarz, das sie auf ihrem Weg nach oben begleitete, war von diversen Regengüssen in den letzten Jahrtausenden verwaschen, aber dennoch war ihm eine gewisse Eleganz nicht abzusprechen. Navotru strich mit ihren Fingern immer wieder darüber, nur um zu spüren, wie sich der Stein anfühlte. Mit jedem Schritt, den sie machte, spürte sie die Kraft in sich ansteigen, als wäre das ihre Heimat, der Ort, an dem sie sich wohlfühlte, ihre Energie auftankte. Als ob sie mit dem Ort verbunden war. Navotru konnte es sich nicht erklären, aber in ihr kribbelte es vor Aufregung.

Als sie nach einigen Minuten in einer Sackgasse ankamen, fiel ihre gesamte Aufregung in sich zusammen und bildete einen traurigen Haufen purer Enttäuschung. Hier gab es nichts außer nackten Felsen. Eine Höhle, die nicht einmal durch Menschenhand entstanden, sondern natürlich gewachsen war. Voller Zacken und Kerben in den Wänden.

»Warum hast du mich nicht gewarnt, dass wir falsch abgebogen sind?« Navotru drehte sich zu Temeral um und sah ihn vorwurfsvoll an. Er hatte sie um ein gutes Gefühl gebracht. Etwas, woran sie sich festhalten konnte, wenn sie ihren Namen wieder hörte und damit keine Erinnerungen verband.

»Weil wir hier nicht falsch sind.«

»Hier ist nur massiver Stein, falls du es nicht siehst.« Sie klopfte gegen die Wand. »Solange du nicht da durchlaufen kannst, weiß ich auch nicht weiter.«

»Warum sollte ich da durch gehen, wenn es andere Wege gibt?« Ein schelmisches Grinsen legte sich auf seine Züge und ließ das Grantige verschwinden, das ihn sonst ausmachte.

»Dann erleuchte mich. Wie kann ich hier richtig sein?« Navotru verschränkte die Arme vor der Brust.

»Nein. Das schaffst du auch selbst. Ich vermute, dass zwar deine Erinnerungen gelöscht sind, aber dass deine Handlungen noch irgendwie in dir verankert sind.«

»Verankert?«, hakte sie nach. So etwas Ähnliches war ihr auch schon in den Sinn gekommen, aber sie war sich nicht sicher, ob es in der Natur der Menschen lag.

»Frag nicht so viel, denk lieber nach.«

Obwohl sie vermutlich beleidigt sein sollte, wollte sie zumindest versuchen seinen Vorschlag umzusetzen. Er hatte nicht ganz unrecht.

Navotru stellte sich vor den Stein, der ihr den Weg versperrte, und legte eine Hand an ihr Kinn. Zunächst betrachtete sie den Felsen, suchte die kleinste Unebenheit, die ihr einen Hinweis geben konnte. Obwohl sie ein seltsames Gefühl bekam, was die Betrachtung einer kreisrunden eingestanzten Fläche anging, konnte sie damit keine Erinnerung wecken. Mit ihren Fingern strich sie über die Fläche. Wieder war da dieses Gefühl. Verbundenheit, diesmal mit dem Stein. Navotru schüttelte den Kopf. Wie konnte sie so etwas für einen Felsen empfinden?

»Bin ich hier richtig?«, fragte sie ihn über ihre Schulter hinweg.

»Ich halte mich da raus. Aber du solltest dich beeilen. Die Sonne ist gleich weg.«

»Und dann?«

Temeral sah sie bedeutungsschwanger an, verschränkte die Arme vor der Brust und nickte. »Wird es dunkel.«

»Sehr witzig.«

»Und ich habe keine Lust, hier draußen zu übernachten. Also erinnerst du dich oder nicht?« Sein Blick glitt erneut zu den länger werdenden Schatten der Felsen. Sie hatten beinahe ihren Hals erreicht. Gleich würde sie in den Schatten verschwinden, während Temerals Kopf noch eine Weile daraus hervor lugen würde.

»Ich schaffe das«, gab sie bockig zurück.

Das Geräusch, das er von sich gab, klang nicht sonderlich ermutigend, dennoch gab sie nicht auf. Wenn es hier einen Eingang gab, würde sie ihn finden. Es konnte doch nicht so schwer sein. Entschlossen ging sie einen Schritt auf den Stein zu. Hinter sich hörte sie das Rascheln von Temerals Fellmantel. Er bewegte sich in ihre Richtung.

Sie legte beide Hände auf den runden Punkt. Das war der einzige Anhaltspunkt, der ihr blieb. Kaum fuhr sie mit den Handflächen darüber hinweg, spürte sie einen Blitzschlag in ihrer Haut. Erschrocken zog sie die Arme zurück. Auf ihrer Hand waren winzige Löcher zu sehen, die sich bis zu ihrem Knochen durchgefressen hatten. Der Schmerz hielt aber nur für einen Wimpernschlag lang an, dann begann sich die Wunde zu verschließen. Navotru betrachtete fasziniert die grünen Funken, die sich über dem Blutfleck ausbreiteten. Während die Verletzung von selbst heilte, sah sie im Augenwinkel eine Bewegung. Ein Schatten, der schimmerte. Navotru hob den Blick. Zunächst traute sie ihren Augen nicht, aber direkt vor ihr flackerte ein Gang hinter den Umrissen der Felsen.

»Na los, worauf wartest du noch? Der Zugang schließt sich in wenigen Momenten.«

Unsicher stolperte Navotru vorwärts. Ihre Hände streckte sie sicherheitshalber aus. Obwohl sie den Gang hinter dem Stein erkennen konnte, traute sie der Situation nicht. Vielleicht war es nur eine Spiegelung oder ein Trick.

»Wohin führt der Gang?«, fragte sie, als sie mit einem Fuß vor den Umrissen schwebte. Sie zögerte noch immer.

»Zu dem einzigen Ort in dieser verdammten Welt, an den nur wir fünf gehen können. Und wahrscheinlich warten die Anderen bereits auf uns.«

»Schon gut.« Navotru lehnte sich vor. Es gab keinen Widerstand. Im Gegenteil. Auch wenn sie den Rest der Felswand noch schimmern sah, spürte sie gar nichts. Sie ging vollends hindurch. Dahinter empfing sie warme Stille. Obwohl sie es vorher nicht wahrgenommen hatte, waren überall Geräusche um sie herum gewesen. Der Wind in ihren Ohren, Vögel, die am Himmel kreischten und das Knistern der verdorrten Bäume.

Doch hier war nichts. Ihr eigener Atem war alles, was für einen Augenblick lang an ihre Ohren drang. Bis Temeral eintrat. Dann kam sein Schnaufen dazu. Es hallte durch den breiten Tunnel, wurde in die Untiefen der Höhlenanlage davongetragen. Navotru fragte sich, was an diesem Ort genau versteckt lag. Ihre Phantasie malte sich dutzende von Szenarien aus. Magische Tiere, Waffen oder Gefangene.

Temeral griff sich eine der Fackeln, die den Gang erhellten.

»Einer der Anderen muss schon hier sein. Wollen wir wetten, wer es ist?«

»Da ich nicht einmal weiß, welches Element du bist, wärst du mir gegenüber im Vorteil.«

»Ich bin Feuer, aber das ist doch offensichtlich oder nicht?« Wie zum Beweis zog er seine Finger durch die Flamme direkt vor seinem Gesicht.

»Mehr oder minder. Eigentlich siehst du eher aus wie ein Barbar, aber da das kein Element ist, gehe ich davon aus, dass du einfach nur wild aufgewachsen bist.«

Auch Navotru griff eine der Fackeln und ging mit einem Schmunzeln an ihm vorbei.

»Hüte deine Zunge, Mädchen. Im Vergleich zu dir, habe ich einige Jahrhunderte mehr auf dem Buckel.« Er runzelte die Stirn. »Außerdem gibt es schon seit mindestens zwei Jahrhunderten keine Barbaren mehr.«

»Wie alt bin ich denn?«, fragte sie nebenbei. Denn die Neugierde auf das, was am Ende des Gangs auf sie wartete, fesselte den Großteil ihrer Aufmerksamkeit.

»Möchtest du die Wahrheit oder das, was deinem Ego schmeichelt?«

»Die Wahrheit natürlich.« Navotru lauschte zwischen dem Schnaufen von Temeral in den Gang, versuchte zu ergründen, ob sie tatsächlich nicht alleine in diesem Tunnel waren.

»Du bist 294, alte Schachtel.«

Überrascht sah Navotru auf. »Nur?«

»Du bist damit nicht zufrieden?«, fragte er amüsiert.

Navotru zuckte mit der Schulter und blickte in einen Gang, der zu ihrer rechten auftauchte. Er war komplett unbeleuchtet. Ein kalter Windhauch kam aus seinen Tiefen.

»Nachdem du mir gesagt hast, dass ich unsterblich bin, habe ich ehrlich gesagt mit mehr gerechnet.«

»Möchtest du mit mir tauschen? Ich hätte neunhundert und ein paar Jahre anzubieten.«

Navotru riss die Augen auf. Das war schon eher eine Lebensspanne, die sie mit unsterblich in Verbindung brachte.

»Nein danke. Ich nehme das, was ich habe. Somit wäre ich vermutlich das Küken in der Gruppe?«

»Ja. Können wir bitte wieder schweigen?«, fragte er.

»Noch eines: Wann sind wir endlich da?«

Er verdrehte die Augen. »Ein nerviges Küken auf jeden Fall. Hörst du das?«

Navotru lauschte erneut. Ein unterschwelliges Pochen ertönte aus dem Gang. Und als sie kurz stehen blieb, war es auch zu spüren.

»Was ist das?«

»Warte es ab. Ein paar Überraschungen sollte das unsterbliche Leben dir noch bieten. Auch wenn deines scheinbar gerade erst wieder angefangen hat.«

Damit lief er vor, mitten in einen schmalen Tunnel hinein. Sie konnten nicht mehr nebeneinander laufen, sodass ihr nichts anderes übrigblieb, als ihm zu folgen. Er trug nur eine knielange Hose. Die schwarzen Verzierungen auf seiner Haut erregten ihre Aufmerksamkeit. Einige wanden sich wie Schlangenzungen um seinen gesamten Unterschenkel. Andere loderten wie winzige Flammen nach oben. Alles zusammen wirkte aber wie ein Kunstwerk, das sie in ihren Bann zog.

Es unterstrich seine wilde Ausstrahlung. Warum er es allerdings auf den Unterschenkel hatte zeichnen lassen, konnte sie sich nicht erklären.

Navotru musterte den schmalen Tunnel, den sie durchquerten. An den Wänden zogen sich düstere Zeichnungen über Schlachten und hell leuchtende Punkte entlang. Die Schatten der Flammen flackerten über die in schwarz gehaltenen Malereien, verzerrten die Bilder. Als sie endlich einen Klecks Rot in der beklemmenden Eintönigkeit entdeckte, atmete sie erleichtert auf. Bis sie bemerkte, dass damit Blut dargestellt wurde. Wieder spürte sie das fremde Pochen durch ihren Körper geistern.

Sie schauderte. War sie in die Fänge einer okkulten Sekte geraten und würde das nächste Menschenopfer werden?

Gerade, als sie dieser Frage auf den Grund gehen wollte, weitete sich der Tunnel. Die ovale Rundung wurde zu einer kugelförmigen Höhle.

Navotru streckte den Kopf nach oben, blickte sich mit offenem Mund um. Die Höhle musste mindestens zwanzig Mal so hoch wie Temeral sein. Nirgendwo war ein weiterer Eingang zu sehen. Die Wände waren glatt. Auch als sie darüberstrich, konnte sie keine Unebenheit ertasten. Als Temeral einen Schritt zur Seite ging, entdeckte sie, was das unterschwellige Pochen ausgelöst hatte.

Irritiert blieb sie stehen, runzelte die Stirn. In der Mitte der Höhle stand ein eleganter Brunnen. Doch er war nicht aus Stein gebaut. Navotru kniff die Augen zusammen, versuchte genauer zu ergründen, was für ein Material für den Bau verwendet worden war. Glas? Quarz? Kristall? Das einzige, was sie mit Bestimmtheit festlegen konnte, war die Farbe. Durchsichtig rot. Und er flackerte von innen heraus.

Der Brunnen war so hoch wie sie selbst und zwei Stufen führten an fünf Stellen hinauf, sodass man hineinschauen konnte. Navotru trat näher heran. Das Schimmern nahm sie gefangen, schien sie zu leiten. In der Mitte des Brunnens schwebte eine Metallschüssel, die mit Wasser gefüllt war. Darunter war gähnende Schwärze, die in die Tiefe des Brunnens führte.

»Überraschung«, sagte Temeral ohne sonderliche Begeisterung.

»Was ist das?«, hauchte Navotru und blieb eine Armlänge von dem Brunnen entfernt stehen.

»Das solltest du eigentlich wissen«, hörte sie jemanden sagen.

Ein Mann in einer knöchellangen, rotgoldenen Robe trat hinter dem Brunnen hervor. Vereinzelte Edelsteine prangten auf seiner Kleidung. Seltsamerweise wirkte es nicht im Geringsten protzig, alles war aufeinander abgestimmt. Die Hände des Mannes waren hinter dem Rücken verschränkt und er sah Temeral und sie neugierig an.

»Das ist D’lanoris.« Temeral war neben sie getreten und deutete auf den Mann. »Metall«, schob er schnell hinterher.

Die mausgrauen Augen des Mannes verengten sich zu Schlitzen. Misstrauen blitzte darin auf. »Was geht hier vor? Warum musst du Navotru erklären, wer ich bin?«

»Das wüssten wir auch gerne«, sagte Temeral und setzte sich auf den Boden. »Wo sind die anderen beiden?«

Navotru sah sich in der Höhle um, während sich die beiden Männer unterhielten. Über ihr in der Kuppel der Höhle gab es Löcher, vermutlich für die Belüftung. Navotru hatte die steilen Felswände gesehen. Bis nach ganz oben würde niemand klettern können, um diese Höhle hier zu finden.

Vereinzelt wuchs Moos an den Wänden, überzog kurz vor der Kuppel die gesamte Steinfläche. Nun, da sie die Pflanze entdeckte, merkte sie, wie ein Lächeln auf ihren Lippen lag. Sie runzelte die Stirn und fragte sich, ob es an dem Ort oder nur an den Pflanzen lag. Wenn sie das Element Erde vertrat, musste sie eine besondere Beziehung zu allem haben, das von der Erde erschaffen wurde. Sie wandte sich von dem Moos ab und drehte sich zu dem Brunnen zurück, wo D’lanoris und Temeral standen.

»Noch nicht eingetroffen. Ich hatte gehofft, dass sie mit euch kommen würden.«

»Wir haben unterwegs niemanden getroffen. Dann kann ich ja in Ruhe meine Klinge schärfen.«

Damit kehrte für einen Moment Stille in der Höhle ein, bis Temeral den Wetzstein über sein Schwert gleiten ließ. Der Puls des Brunnens war das einzige, was sie wahrnahm. Das gleichmäßige Geräusch hatte eine beruhigende Wirkung auf sie. Es fühlte sich an, als ob sie nach Hause kam und von ihrer Mutter in den Arm genommen wurde.

Navotru legte den Kopf schief und sah zu dem Brunnen. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie eine Hand auf der Schulter spürte. Instinktiv schob sie diese weg und sprang einen Satz nach vorne.

»Navotru?«, fragte D’lanoris langsam.

Ihr Herz hämmerte schwer gegen ihre Brust, während sich ihre Haltung nur zögerlich entspannte.

»Entschuldige, ich bin im Moment vermutlich etwas schreckhaft.« Sie schnaubte. »Wobei ich nicht einmal weiß, ob ich es vorher auch schon gewesen bin.«

D’lanoris schüttelte den Kopf. »Das warst du absolut nicht. Du bist die mutigste Frau, die ich kenne. Was ist passiert?«

Wieder zögerte sie. Konnte sie jedem, den sie gerade erst traf, ihre kurze Geschichte erzählen?

Als ob Temeral ahnte, was in ihr vorging, knurrte er von hinten: »D’lanoris ist zwar ein Klugscheißer und manchmal äußerst anstrengend, aber du kannst ihm vertrauen. Er ist schon länger Element, als du und ich zusammen. Vielleicht weiß er, was los ist.«

Navotru schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich unsicher, wusste nicht, was sie tun sollte. Schließlich presste sie die Lippen aufeinander. Ihr blieb nichts anderes übrig als zu vertrauen. Bisher hatte zumindest Temeral ihr nichts getan, was ihr Misstrauen verdiente.

Navotru berichtete, was sie wusste. Es war nicht viel und mit wenigen Worten erzählt.

»Du wurdest angegriffen? Bist du dir sicher, dass derjenige weg und euch nicht gefolgt ist?«, fragte D’lanoris erschrocken.

»Also bitte«, kam nur der bissige Kommentar von Temeral. Dieser ließ sich nicht darin beirren, sein Schwert weiterhin zu schärfen. Er blickte nicht einmal auf. D’lanoris schien das gar nicht zu gefallen. Sein Gesicht lief puterrot an.

»Wer glaubst du, war das?«, lenkte Navotru schnell ab. Das letzte, was sie gebrauchen konnte, war ein Streit zwischen den einzigen Parteien, die sie derzeit kannte.

»Es gibt niemanden, der weiß, wer wir sind. Unsere jeweiligen Partner sind die einzige Ausnahme. Hast du derzeit einen, von dem wir wissen müssten?«

Unwillkürlich drehte sie sich zu Temeral um. Dabei bemerkte sie, wie seine Bewegungen langsamer wurden. Auch wenn er vorgab ihnen nicht zuzuhören, lauschte er gerade eindeutig.

»Ich weiß es nicht.«

»Weißt du etwas, Temeral?«, wandte sich D’lanoris direkt an den Kerl, der offenbar am meisten über sie wusste.

»Nein, unser Küken ist derzeit ohne Partner.«

Seltsamerweise verspürte Navotru eine gewisse Erleichterung in sich, als sie die wenigen Worte hörte. Die Last, irgendwo einen Mann oder Kinder zu haben, fiel von ihren Schultern. Deutlich entspannter drehte sie sich wieder zu D’lanoris.

»Wer könnte mich sonst noch töten wollen? Haben wir …« Sie hielt inne. Die Worte wollten ihr nicht über die Lippen kommen. Zu ungewohnt war die Situation. Mit zusammengepressten Zähnen zwang sie sich dennoch. »Haben wir irgendwelche Feinde?«

»Du weißt wirklich nichts mehr? Faszinierend.«

»Entschuldige, aber das ist nicht faszinierend, sondern ziemlich beunruhigend. Ich kann dir gerne deine gesamten Erinnerungen nehmen und dich neben diesem Kerl da aufwachen lassen. Mal sehen, wie es dir dabei geht«, brauste Navotru auf.

»So war das nicht gemeint. Rein wissenschaftlich betrachtet ist es interessant. Ich bin Alchemist.«

»Ein Alchemist? Was ist das denn?«, fragte Navotru neugierig.

»Wir beschäftigen uns mit der Transmutation von Dingen. Also mit der Verwandlung von Gegenständen.«

»Heißt das, du könntest auch Menschen verändern?« Bei der Vorstellung von veränderten Menschen verzog sie das Gesicht.

»Nein, keine Menschen, obwohl es noch nie ausprobiert wurde. Ich beschäftige mich mit Metall. Ist mir sozusagen naturgegeben.«

»Guter Witz. Sag ihr, für wen du arbeitest. Vielleicht hilft das ihrem Gedächtnis auf die Sprünge«, meldete sich Temeral zu Wort.

D’lanoris räusperte sich. »Wenn du so ungern redest, warum mischst du dich dann immer wieder ein?«, fragte er und ließ seine Hände nach vorne fallen.

»Weil es manchmal einfach Spaß macht, dich schwitzen zu sehen. Los, sag schon.«

Neugierig wartete Navotru auf eine Antwort. Als D’lanoris ihren Blick bemerkte, strich er sich mit der Zunge über die Lippen und neigte den Kopf hin und her.

»Ich arbeite für den König von Tramland.« Erwartungsvoll starrte der Alchemist sie an. Auch das Schaben auf der Klinge hatte für einen Augenblick aufgehört. Doch der König sagte ihr nichts.

»Ich dachte, Tramland hat einen Kaiser«, murmelte sie leise. »Von einem König habe ich noch nie gehört.«

»Das lass ihn lieber nicht hören. Er wäre vermutlich zutiefst beleidigt.« Temeral hörte mit dem Schärfen seiner Klinge auf und erhob sich für seine Größe erstaunlich elegant.

»Warum, sollte ich ihn kennen?«

Temeral lachte und auch D’lanoris hatte ein Schmunzeln auf den Lippen. »Allerdings. Du hast seinen Sohn zu einem Krüppel geschlagen, weil er bei dir auf Tuchfühlung gehen wollte.«

»Ich habe was getan?« Erschrocken über solch eine Information zu ihrer Person, hielt sie die Luft an.

»Keine Angst, er hatte es verdient«, bemerkte Temeral trocken.

»Ich muss Temeral recht geben. Sagen wir mal, seine Strafe war der Tat angemessen. Aber zu seiner Verteidigung, er wusste nicht, mit wem er es zu tun hatte.«

»Da ist er gerade nicht der Einzige«, sagte sie schuldbewusst.

»Du kannst nichts dafür. Allerdings würde es mich wirklich interessieren, wer dafür gesorgt hat. Du hast keinerlei Erinnerungen?« D’lanoris ging einmal auf die andere Seite des Brunnens, sah über die schwebende Metallschale zu ihr hinüber.

»Ich kann Dinge benennen, kann sprechen. Manchmal sehe ich Bilder, Szenen, von denen ich glaube, dass ich etwas mit älteren Menschen erlebe. Aber alles ist verschwommen und meist bin ich ein Kind.«

»Mhm«, machte D’lanoris und schlug sich mit dem Zeigefinger gegen die Lippen. »Du siehst also deine Eltern, weißt aber nicht, dass du Vertreter des Elements Erde bist?«

»Genau«, erklärte sie. »Es fühlt sich jedenfalls so an, als ob es meine Eltern sind. Noch ist alles verschwommen.«

»Das liegt an der langen Zeit, die dein Gehirn diese Erinnerungen schon speichert. Das letzte Mal hast du sie vor fast 300 Jahren gesehen. Und ebenso lange ist es beinahe her, dass wir das letzte Mal einen Kaiser hatten.« Einen Moment lang schwieg er und betrachtete sie. »Ich habe die starke Vermutung, dass dein Gedächtnis nur zum Teil verschwunden ist. Und zwar der Teil, der für deine Erinnerungen an die Arbeit mit den Elementen zuständig ist.«

»Warum ausgerechnet der Teil? Wenn ich wirklich so alt bin, dann ist das fast mein gesamtes Leben«, wunderte sie sich.

»Das müssen wir herausfinden. Damit bleibt uns nichts anderes übrig, als der Sache auf den Grund zu gehen. Temeral, du wirst bei ihr bleiben.«

»Warte, darf ich nicht selbst bestimmen, wohin ich gehe?«, unterbrach sie den Alchemisten stirnrunzelnd. Ihr gefiel nicht, wie über ihr Leben entschieden wurde.

»Natürlich darfst du das, aber Tramland ist groß und in einigen Teilen, vor allen an den südlichen Küsten, solltest du dich für die nächsten fünfzig Jahre nicht blicken lassen, weil dein Gesicht dort zu bekannt ist.«

»Was meinst du damit?« Navotru drehte sich zu Temeral um, in der Hoffnung diesmal mehr Auskunft zu erhalten. Dieser trat zu ihnen, steckte sein Schwert in die Scheide und starrte von einem zum andern. Wind flog durch seine schwarzen, schulterlangen Haare, wehte ihm ins Gesicht. Kurz fragte sich Navotru noch, woher der Wind auf einmal kam.

»Nachdem du den wohlgemerkt einzigen Sohn des Königs zu einem Krüppel geschlagen hast, wurdest du zur Fahndung ausgerufen. Deswegen lebst du seit einigen Jahren im Untergrund von Tramland. Genauer gesagt, treibst du dich in Tiefstadt herum.«

Navotru dachte über die Namen nach, konnte ihnen aber nichts abgewinnen.

»Tiefstadt liegt etwa eine Tagesreise von hier entfernt«, fügte D’lanoris hinzu.

Einen Moment schwiegen sie. Als das Pochen wieder Navotrus gesamten Körper ausfüllte, drifteten ihre Gedanken fort. Einerseits spürte sie die Müdigkeit. Gleichzeitig wollte sie sich aber wachhalten. In dieser unbekannten Umgebung wollte sie sich nicht schlafen legen, aus Angst, nie wieder aufzuwachen.

Stattdessen betrachtete sie ihr eigenes Ich in der Spiegelung des Brunnens. Temeral hatte Recht. Sie war gut gebaut, hatte Kurven, die ihr gefielen. Als sie über ihre Oberarme fuhr, merkte sie, wie hart diese waren. Dabei spannte sie sie noch nicht einmal an. Ihr Gesicht war von der Wölbung des Brunnens leicht verzerrt, aber sie konnte die feine Spitznase und die vollen Lippen erkennen. Ihre Wangen waren gerade wie ein Strich, liefen in einem spitzen Kinn zusammen. Sie mochte ihr Antlitz, es strahlte etwas Freundliches aus, auch wenn sie wusste, dass unter der Oberfläche so viel mehr zu schlummern schien.

»Hast du keine Nachricht von Warkkan bekommen? Er wohnt doch auch in Eidstadt«, fragte Temeral.

»Nein, ich hatte ihm die gemeinsame Reise angeboten, aber er sagte, er hätte noch etwas zu erledigen. Daher bin ich alleine hergekommen. Was ist mit Kohol? Sie müssten eigentlich schon längst hier sein.«

»Kohol hat beim letzten Treffen nichts angedeutet«, brummte Temeral und sah sich stirnrunzelnd um.

»Meint ihr, den beiden ist etwas zugestoßen?«, fragte Navotru.

»Du meinst, weil du auch angegriffen worden bist?« Die Falten auf Temerals Stirn wurden noch größer.

»Ich hoffe nicht. Warkkan ist kein besonders guter Kämpfer. Um ehrlich zu sein, ist er noch schlechter als ich und ich bin schon weit hinter euch«, bemerkte D’lanoris. »Kohol könnte sich vermutlich nicht mal wehren, wenn ihn jemand in der Nähe des Wassers angreift, wenn derjenige sogar dich überrumpeln konnte.« Mit der rechten Hand fuhr sich der Alchemist übers Kinn.

»Ich mein ja nur. Vielleicht verspäten sie sich auch nur, weil ihnen etwas dazwischengekommen ist.« Navotru wollte auf keinen Fall Unruhe aufbringen, wo keine angebracht war. Sie hatte keine Vorstellung von den beiden anderen Elementen, weswegen sie ihre Charaktereigenschaften nicht einschätzen konnte. In Gedanken speicherte sie sich aber ab, was sie bisher zu ihnen gehört hatte. Sie wusste nie, wozu es gut sein würde.

»Kohol ist jedes Mal der erste, der hier eintrifft. Deswegen war ich schon verwundert, als ich heute Nachmittag alleine in der Höhle auf euch gewartet habe.« D’lanoris deutete mit den Armen um sie herum.

Navotru ging einige Schritte in Richtung des Eingangs. Der harte Stein unter ihren Füßen erinnerte sie daran, dass sie keine Schuhe trug. Die Kälte kroch mit jedem Schritt tiefer in ihre Haut, ließ sie frösteln.

»Sollen wir nach ihnen schauen? Vielleicht können wir sie ja irgendwo sehen.«

»Draußen ist es bereits dunkel. Oder siehst du dort oben noch Licht?«, fragte D’lanoris und zeigte nach oben.

Navotru überstreckte den Kopf so weit, dass die Haut an ihrem Hals spannte. Doch außer dem Vollmond, der seine Strahlen hinab schickte, war kein Licht zu erkennen. Missmutig trat sie von einem Bein aufs andere.

»Wir müssen doch aber etwas tun können.«

»Abwarten. Das ist alles, was uns bleibt. Wenn wir sie verpassen, verpassen wir auch unsere Möglichkeit auf die Vereinigung unserer Kräfte.« D’lanoris nickte zu dem schimmernden Wasserbehälter herüber.

Neugierig ging sie erneut auf den Brunnen zu. Sie war hin- und hergerissen. Einerseits sorgte sie sich um die beiden ihr unbekannten Menschen. Andererseits spürte sie Neugierde gegen ihre Stirn anklopfen und um Eintritt bitten. »Was machen wir hier eigentlich? Wozu ist der Brunnen gut?«

»Das wird dir gefallen. Zumindest mochtest du es früher gerne«, erklärte D’lanoris. »Der Brunnen ist sozusagen das Herz dieser Welt«

»Weswegen es auch pocht«, warf Navotru ein.

»Fast. Das Pochen, das du hörst und spürst, wenn du die Finger drauflegst« er deutete ihr an, das zu tun, »ist die zentrale Stelle, an der alle Kraftlinien der Kelanora zusammenkommen.«

»Temeral hat auch schon mal dieses Wort erwähnt. Kelanora.«

»Die Kelanora sind das, was Tramland am Leben hält. Woher sie genau kamen, weiß niemand.«

»Aber was machen sie?«, fragte sie neugierig.

»Sie sind das Leben und sehen aus wie kleine Lichtpunkte. Ohne die Kelanora gäbe es keine Pflanzen, keine Luft, kein Wasser, keine Steine. Die Welt wäre nicht existent«, erklärte D’lanoris mit einem seligen Lächeln.

»Sind es so etwas wie Götter?«

D’lanoris schüttelte den Kopf. »Soweit wir noch wissen, waren sie vom Anbeginn der Zeit da. Irgendwann lernten wir sie zu kontrollieren, was uns und unsere Vorgänger auf den Plan rief.«

»Und was sind diese Kraftlinien? Was haben die mit den Kelanora zu tun?« Bei jedem Wort hing sie gebannt an D’lanoris Lippen. Sie wollte nicht den entscheidenden Moment verpassen, der ihr vielleicht ihr Gedächtnis zurückbrachte. Eine Erinnerung, die alles andere mit sich zerrte und wieder in ihrem Verstand einzog.

»Die gesamte Welt ist von diesen Linien überzogen. Sie verlaufen kreuz und quer. Stell sie dir wie ein elementares Straßennetz vor, auf denen die Kelanora hin und her sausen, um ihre Aufgabe zu erfüllen.«

»So, wie du das erklärst, klingt es, als wäre es ganz einfach«, sagte sie und schüttelte den Kopf.

Er zuckte mit den Schultern. »Eigentlich ist es das auch. Unsere Aufgabe ist die Kontrolle der Kelanora und die Kelanora halten unsere Welt am Leben. Und doch ist es so viel komplizierter.« Er schmunzelte. »Wir können das auch später noch besprechen. Wir sollten zunächst einmal unsere Kraft in den Brunnen geben.« Der Saum des rotgoldenen Umhangs schabte auf dem Boden, als sich D’lanoris von ihr fort drehte und seine Position am Brunnen einnahm. Temeral tat es ihm nach und stellte sich links von Navotru auf. Als sie in die Runde sah, bemerkte sie den gleichmäßigen Abstand zwischen ihnen. Die zwei Lücken, die offen blieben, mussten Warkkan und Kohol gehören.

»Bereit?«

»Ähm. Nein. Ich weiß nicht, was ich machen soll.« Sie stand auf der obersten Stufe vor dem Brunnen und versuchte mehr darin zu erkennen als nur ihr Spiegelbild. Wie sie vermutet hatte, konnte sie nicht bis auf den Boden sehen. Ob nun Wasser oder nur Stein am Grund des Brunnens warteten, konnte sie nicht sagen.

»Streck einfach deine Hand aus, berühre den Kristall und mach deine Gedanken frei.«

»Das dürfte im Moment nicht so schwer sein«, bemerkte sie mit einem Schnauben.

Temeral schmunzelte. »Na los. Ich will wieder in mein ruhiges Haus zurück.«

»Was genau macht der Brunnen?«, fragte sie unbeirrt weiter.

»Dadurch, dass du die Kraft deines Elements abgibst, werden die Kelanora wieder für einen Mondzyklus von dem Brunnen kontrolliert. Deswegen treffen wir uns bei jedem Vollmond in der Höhle.«

Navotru dachte einen Moment nach, während Temeral genervt mit den Fingern auf dem Kristallbrunnen trippelte. »Was passiert, wenn ich mein Element nicht hinzugebe?«

»Das sollten wir nicht ausprobieren.« D’lanoris Augen weiteten sich vor Schreck, als hätte sie gerade eine Gotteslästerung begangen.