Verlag: Zeilengold Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Elfenfehde - Drei ist einer zu viel - Mariella Heyd

Das Böse ruht nicht – auch nicht in ihrer Welt! Diese Ansicht vertritt zumindest Zerdon und treibt Feodora damit in den Wahnsinn. Während sie sich nach all den Abenteuern nur ein normales Leben wünscht, wittert er an jeder Ecke Gefahr. Zunächst wiegelt Feodora seine Bedenken ab, doch als Zerdon plötzlich verschwindet, überschlagen sich die Ereignisse. Eine dunkle Macht streckt ihre Finger nach Feodora aus, um mit ihrer Hilfe die Anderswelt zu vernichten.

Meinungen über das E-Book Elfenfehde - Drei ist einer zu viel - Mariella Heyd

E-Book-Leseprobe Elfenfehde - Drei ist einer zu viel - Mariella Heyd

Elfenfehde

Drei ist einer zu viel

Mariella Heyd

Besuchen Sie uns im Internet:

www.zeilengold-verlag.de

Nadine SkonetzkiKonstanzer Str. 6878315 Radolfzell am Bodenseeinfo@zeilengold-verlag.de

1.Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Radolfzell 2017

Buchcoverdesign: Sarah Buhr / www.covermanufaktur.de unter Verwendung von Bildmaterial von Bourbon-88; Dasha Petrenko / www.shutterstock.com und cokacoka / depositphoto.com

Illustrationen: Janina Robben, www.soulhuntress.de

Lektorat: Sabrina Uhlirsch, www.spreadandread.de

Korrektorat: Michéle Rösner, www.skripteule.wordpress.com

Satz: Stefan Stern, www.wortdienstleister.de

Druck: booksfactory, 71-063 Szczecin (Polen)

ISBN Print: 978-3-946955-01-6

ISBN Ebook: 978-3-946955-97-9

Alle Rechte vorbehalten

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der

Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

Über die Autorin

Mariella Heyd, 1989 geboren, studiert und lebt ganz in der Nähe von Frankreich. Ihre Freizeit widmet sie ihren drei Katzen und der Belletristik. Seit ihrer Kindheit reißen sie Romane aller Art in ihren Bann. Besonders R. L. Stines „Fear Street“-Reihe hat in ihr schon früh das Interesse an dem Sonder- und Wunderbaren geweckt. Bereits im Alter von zwölf Jahren schrieb Mariella Heyd eigene Kurzgeschichten, später entdeckte sie das Bloggen für sich, und verwirklichte 2016 mit ihrem Debütroman „Elfenfehde“ ihren Traum vom eigenen Buch. Ihre Arbeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin half ihr stets dabei, über den Tellerrand der Realität hinaus zu blicken und neue Welten zu erschaffen.

 

 

Elfenfehde

Drei ist einer zu viel

 

Mariella Heyd

Für meine Eltern,

die meiner Fantasie Flügel schenkten.

 

Inhaltsverzeichnis

Elfenfehde – Drei ist einer zu viel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Danksagung

Kapitel 1

Nachdem Mr. Burt den Raum betreten hatte, wurde es still. „Wir dürfen heute zwei neue Mitschüler begrüßen.“

Er sah sich im Zimmer um. „Ah ja, da hinten haben wir schon einen. Komm doch bitte vor und erzähl uns ein bisschen von dir.“

Zerdon trat selbstbewusst vor die Klasse und wiederholte die Geschichte, die er vorhin bereits Louis aufgetischt hatte. Er würde sie mir notieren müssen, damit ich mich nicht eines Tages verplapperte.

„Vielen Dank, Leon. Sie dürfen sich wieder setzen. Eigentlich wollten wir heute noch einen Neuen in unserer Runde aufnehmen, aber wie mir scheint –“

In diesem Moment wurde die Klassentür aufgerissen und ein Typ mit Motorradhelm betrat den Raum. Als er ihn abnahm, erkannte ich sofort Arawns Gesicht. Die Miene meines Bleistiftes brach, so fest hatte ich den Stift ins Papier gedrückt.

„Hallo, Leute! Sparen wir uns doch die Vorstellnummer. Ich bin Alex und ich denke, wir lernen uns noch früh genug kennen.“ Er zwinkerte mir zu und Chloe versuchte mich umgehend mit ihrem Blick zu erdolchen.

„Vielen Dank auch dir, Alex. Sehr eigenwillig, aber das zeugt ja von Charakter. Setzen Sie sich doch.“

Statt einen der freien Plätze zu nehmen, lief er auf Louis zu und blieb vor ihm stehen. „Räum das Feld“, knurrte er.

Mr. Burt beschäftigte sich mit seinen Unterlagen und schien nicht eingreifen zu wollen. Louis räumte schnell seine Hefte zusammen, während Arawn sich neben mich setzte.

„Das soll ja wohl ein schlechter Witz sein!“, brodelte es aus Zerdon hervor.

„Du bist ein Witz“, konterte Arawn.

„Da kündigt sich ein Kampf der Giganten an“, hörte ich jemanden in der Reihe hinter mir flüstern. Zerdon hob seine Schulbank in die Höhe und platzierte sie auf dem freien Fleck links von mir. Dann setzte er sich ebenfalls neben mich.

„Sehr schön. Dann beruhigen wir uns nun wieder und fahren mit unserem Thema fort. Miss Breen, ich würde mich freuen, wenn sie Ihren Verehrern in der großen Pause unsere Verhaltensregeln etwas näher erläutern könnten.“ Mr. Burt schien heute keinen Spaß mehr zu verstehen.

Während Zerdon und Arawn sich über meinen Kopf hinweg böse Blicke zuwarfen, zählte ich die Minuten, bis der Unterricht vorbei sein würde.

Auf dem Heimweg hatte ich keine Möglichkeit, mich mit Zerdon auszusprechen, weil Louis auf dem Rücksitz nur damit beschäftigt war, über Alex herzuziehen. Es schien, als wäre er der Wahnsinnige gewesen, der uns letzte Woche fast über den Haufen gefahren hätte. Beweise hatten wir allerdings keine.

Als ich am Abend schlafen gehen wollte, stand Zerdon plötzlich in meinem Zimmer.

„Gott sei Dank! Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen.“

„Beruhig dich erstmal. Ich wusste, dass er auftaucht. Deshalb bin ich auch hier.“ Vor ihm sollte er mich also wieder einmal beschützen.

„Wieso ist er nicht tot? Ich habe ihn doch sterben sehen!“

Zerdon nahm meine Hand und legte meine Fingerkuppen auf meinen eigenen Puls, sodass ich ihn fühlen konnte. „Weshalb bist du es nicht? Du hast schließlich auch von dem Gift getrunken.“

Ich musste ihm zustimmen.

Er setzte sich auf das Bett und warf ein Kissen auf den Sessel. „Occidens hat die Giftkomponenten zwar zusammengeführt, aber weil er die reine kindliche Unschuld verkörpert, war er nicht in der Lage, die Schuld durch Mord an einem Wesen auf sich zu nehmen. Er hat deshalb seinen Teil des Giftes durch ein Toxin ersetzt, das nur die schlechte Seite eines Lebewesens auszulöschen vermag. Der sogenannte Tabula-Rasa-Zauber löscht alle schlechten Eindrücke, Erfahrungen und Eigenschaften, die jemand im Laufe seines Lebens gemacht hat. Da in Arawn nur die Dunkelheit wütete, als du ihm das Gift gegeben hast, sah es aus, als wäre er tot.“

Ich dachte einen Moment nach. „Aber das würde ja bedeuten, dass er nur noch Gutes in sich trägt und mir vielleicht gar nichts antun will.“

Zerdon sah mich eindringlich an. „Vertraust du der Dunkelheit?“

Kapitel 2

„Vielen Dank, Joshua, für deinen hervorragenden Beitrag. Leider ist das nicht ganz die Antwort, die ich mir erhofft hatte. Sei doch so gut und konzentrier dich in den nächsten Wochen etwas mehr auf Mathematik und weniger auf deine Musik. Denk immer daran, selbst Rockstars wie Jim Morrison haben einen Universitätsabschluss vorzuweisen.“ Mister Burt zwinkerte Joshua zu. Mit einem routinierten Griff schob er die Daumen in die Gürtelschlaufen der zerschlissenen Jeans und hob sie ein Stück über seine Bauchfalte. Er war nicht der typische Lehrer. Er war ein Cowboy. Am liebsten trug er alte Lederstiefel, Jeans, karierte Hemden und eine goldene Gürtelschnalle mit Pferdekopf. Sein üppiger Holzfällerbart rundete das Bild ab.

„Ist nicht Ihr Ernst! Jim Morrison? Der Jim Morrison?“, hakte Joshua nach.

Mister Burt verdrehte amüsiert die Augen. „Mein lieber Joshua, ja, genau, der Jim Morrison oder kennst du noch einen anderen?“

Joshua schob die Unterlippe vor und verneinte. Mahnend klopfte Mister Burt auf die Tischplatte seines Pultes, um den ansteigenden Lärmpegel einzudämmen und die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.

„Jetzt wollen wir uns aber dem eigentlichen Stoff zuwenden. Sicherlich wird sich Mrs Cole nur allzu gerne die Mühe machen, euch weitere Musiker mit großartigen Abgangszeugnissen vorzustellen. Wer möchte nun versuchen die Aufgabe zu lösen, die euer Mitschüler soeben gänzlich verhauen hat?“ Ein kurzes Auflachen auf Joshuas Kosten folgte. Fragend blickte Mister Burt in die Runde, und ich wich seinem Blick aus, indem ich vortäuschte, mir höchst konzentriert Notizen zu machen. Hinter mir hörte ich ein Fingerschnippen.

„Danke, Allen, aber ich würde mich lieber von jemandem überraschen lassen, von dem ich in diesem Jahr noch nicht so viel gehört habe. Miss Breen, erweisen Sie uns heute die Ehre?“ Wie Bambi im Angesicht eines LKW-Scheinwerfers blickte ich auf und versuchte unauffällig die Kritzeleien unter meinem Arm zu verbergen.

Mister Burt stand vor meinem Tisch und warf sein Stück Kreide immer wieder auffordernd in die Luft. „Miss Breen, ich habe Ihnen eine Frage gestellt.“ Während er auf eine Antwort wartete, drehte er den Notizblock zu sich herum und blätterte durch meine Zeichnungen. Na super!

„Sehr talentiert.“ Er nickte anerkennend. „Aber obwohl ihr heute alle sehr kreativ zu sein scheint, befinden wir uns weder im Kunst- noch im Musikunterricht.“ Joshua spielte mit zwei Stiften einen schnellen Trommelwirbel auf dem Tisch und seinem Mäppchen, um Mister Burt Applaus für so viel Scharfsinn zu zollen.

„Nun kommen Sie. Ich werde Sie nicht noch einmal bitten“, drohte er mir. Ich griff zögernd nach der Kreide, die er mir hinhielt. Auf dem Weg an die Tafel fühlte ich Chloes abwertenden Blick auf meinem Körper.

Ich drehte mich kurz zu ihr um und sah, wie sie ihrer Freundin hinter vorgehaltener Hand etwas zuflüsterte. Mit aufgerissenen Augen hielt sich diese die Hand vor den Mund und kicherte gemeinsam mit Chloe. Vor lauter Verlegenheit zupfte ich mit zittrigen Fingern an meinem Pullover und wich den Blicken der beiden aus. Stattdessen wandte ich mich der Aufgabe an der Tafel zu.

Die Hieroglyphen hatten meiner Meinung nach nur wenig mit Mathe gemein. Mathematik sollte doch aus Zahlen und Punkten und Strichen bestehen. Nicht aus Buchstaben. Ich setzte die Kreide an der moosgrünen Tafel an und versuchte die Gleichung nach x aufzulösen, während Mister Burt an dem Fenstervorsprung lehnte und mir skeptisch dabei zusah.

Die Kreide quietschte über den Tafelbelag und die Hälfte meiner Mitschüler stieß einen kleinen Schrei aus und rieb sich über die Gänsehaut, die sich durch das Geräusch auf ihren Armen gebildet hatte. „’tschuldigung“, nuschelte ich und widmete mich wieder der Aufgabe.

Mein erster Versuch scheiterte kläglich, und ich wischte mit einem modrig stinkenden Schwamm die Buchstaben von der Tafel. Dabei lief mir schmutziges Wasser den Arm hinab. Der zweite Versuch führte immerhin zu einem Ergebnis, welches aber aus einer irrsinnigen Zahl mit etlichen Nachkommastellen bestand und zur Krönung noch ein riesiges Wurzelzeichen besaß.

Nachdem ich die Gleichung, so gut ich konnte, aufgelöst hatte, nahm mir Mister Burt die Kreide wieder ab und bat mich wieder Platz zu nehmen. Louis reckte einen Daumen in die Luft – und ließ ihn dann nach unten fallen, begleitet von hängenden Mundwinkeln.

„Haha, sehr lustig“, raunte ich ihm zu und ließ mich auf meinen Stuhl neben ihn plumpsen.

Während Mister Burt damit beschäftigt war, stöhnend und kopfschüttelnd meine Rechnung zu korrigieren, redete mir Louis ins Gewissen. „Mensch, Feo, du hast solche Aufgaben schon tausendmal mit mir gerechnet. Die kannst du doch mittlerweile im Schlaf. Solltest du zumindest.“

„Anscheinend nicht“, grummelte ich und widmete mich erneut dem Notizblock. Leise blätterte ich zurück zu meinem angefangenen Bild und zeichnete mit Kugelschreiber gedankenverloren einige der schwarzen Konturen dicker nach.

Mittlerweile saß Louis wieder rechts neben mir, denn Arawn hatte vor wenigen Tagen kommentarlos den erkämpften Platz an meiner Seite geräumt und sich in eine andere Bankreihe gesetzt.

„Was ist eigentlich mit dem los? Ich kapiere immer noch nicht, was in seinem Kopf vorgeht.“ Louis nickte in Arawns Richtung. „Zuerst wollte er mich fast verprügeln, um neben dir sitzen zu dürfen, obwohl er dich nicht einmal kennt, und dann –“

„Und dann hat er anscheinend kapiert, dass er hier nichts zu suchen hat“, unterbrach Zerdon ihn, worüber ich heilfroh war. Ich wusste ja selbst nicht, was plötzlich in Arawn gefahren war. Louis’ Nachfragen war ich allmählich leid.

„Ist schon gut. Ich mein ja bloß.“ Abwehrend riss Louis die Hände in die Luft.

„Oh Louis, wie wundervoll, dass sie sich freiwillig melden. Zeigen Sie Ihren Mitschülern doch bitte einmal den Unterschied zwischen einer Gleichung ersten Grades und einer Gleichung zweiten Grades.“ Auffordernd streckte er auch Louis das kleine Kreidestück entgegen.

„Kein Problem, Mister Burt.“ Er stand auf und lief mit wippenden Locken zur Tafel. In wenigen Schritten hatte er die Gleichung gelöst und Mister Burt den Kreiderest wieder mit zwei Fingern zugeschnippt. Von meinem Platz aus applaudierte ich ihm leise und warf einen kurzen Blick zu Arawn hinüber, der die Aufgabe konzentriert in sein Heft übertrug.

Louis hatte recht. Seit ein paar Wochen ging er nun mit uns in eine Klasse und seit der kleinen Reiberei mit Zerdon benahm er sich tatsächlich so, als sei ich Luft. Außerdem verhielt er sich so leise und unauffällig, dass ich an manchen Tagen gar nicht sicher sagen konnte, ob er überhaupt anwesend war, wenn ich mich nicht vergewisserte, dass er wirklich nur wenige Bankreihen von mir entfernt saß.

„Leute, mir knurrt der Magen. Kommt ihr mit in die Kantine?“ Nachdem die Pausenklingel geläutet hatte, rieb Louis sich über den Bauch, der vernehmlich grummelte.

„Ja, klar“, stimmte ich zu und packte eilig meine Schulbücher in die Tasche. Zerdon dagegen hielt sein mitgebrachtes Sandwich in die Höhe, begleitete uns aber selbstverständlich.

„Super! Dann such du uns schon mal freie Plätze, während wir an der Theke ums Überleben kämpfen“, spaßte Louis und zog mich am Arm Richtung Kantine.

„Abgemacht!“, rief uns Zerdon hinterher, und ich konnte sehen, dass er dabei die Augen verdrehte. Er hasste es, wenn er auch nur eine Minute von meiner Seite weichen musste.

Vor der Kantine standen bereits viele ausgehungerte und schlecht gelaunte Schüler bis zu den Schwingtüren Schlange. Hinter dem vergitterten Glas der braun lackierten Holztüren standen die Schüler in zwei Reihen und schoben sich gegenseitig voran. Zwei Jungs verprügelten sich aus Langeweile mit den grauen Plastiktabletts und rempelten dabei andere Schüler an, die die beiden wütend zur Seite schubsten.

„Nächstes Mal bring ich mir auch was mit“, stöhnte Louis auf und kramte nach seinem Geldbeutel.

Die Auswahl der Tageskarte war, wie immer, nicht sonderlich groß. Entweder man entschied sich für Hamburger mit matschigen Pommes oder für den Makkaroni-Auflauf. Dem Auflauf sagte man allerdings nach, dass darin so ziemlich alles verarbeitet wurde, was in den letzten Tagen nicht aufgegessen worden war und in den metallischen Auslageformen zurück in die Küche gewandert war. Da wir erst Mittwoch hatten und es gestern Nudeln mit Hackfleischsoße gegeben hatte, konnte die Makkaroni-Mischung noch nicht allzu gesundheitsgefährdend sein.

„Einmal die Nudeln, bitte“, bat ich die Küchenhilfe, und sie klatschte mir ein unförmiges Stück Auflauf auf den Teller, bevor sie die Kelle auf der fettverschmierten Arbeitsfläche ablegte.

„Vielen Dank auch.“ Die Ironie war ihr offenbar nicht entgangen, denn sie warf mir einen missbilligenden Blick zu, als sie mir mit nikotinvergilbten Fingern das Mittagessen reichte. Ihre Schürze war mit reichlich Soße besprenkelt und ließ sie wie eine irre Tomantenkillerin wirken.

„Hey Feo, an deiner Stelle würde ich die alte Betty nicht verärgern, sonst spuckt sie dir beim nächsten Mal ins Essen.“ Louis, der seinen Kopf über meine Schulter gereckt hatte, schüttelte sich angewidert, bevor er mit einem breiten Lächeln ebenfalls bestellte.

Ich schnappte mir noch eine kleine Flasche Orangensaft aus der Kühltheke und setzte mich gemeinsam mit ihm zu Zerdon an den Tisch. Während wir in der Schlange gestanden hatten, hatte er sich um einen Tisch bemüht, von dem aus er alles und jeden im Blick hatte.

„Was ist denn das ekelhaftes?“ Zerdon inspizierte den Inhalt meines Tellers ausgiebig und hob angewidert mit den Fingerspitzen die zähe Käseplatte an.

„Lass das“, mahnte ich und schlug ihm auf die Finger.

„Willst du das wirklich essen?“, fragte er, rümpfte die Nase und ließ den Käse mit einem schmatzenden Geräusch zurück auf die Makkaroni fallen.

Demonstrativ stocherte ich mit der Gabel in dem Auflauf herum und nahm einen großen Bissen. „Ja, will ich. Das nennt man hier übrigens Nudelauflauf. Was einen nicht umbringt, macht einen nur härter.“ Ich zwinkerte Louis kauend zu.

Grinsend biss auch er von seinem Burger ab. Dabei tröpfelten mehrere gelbe Fettflecke auf das Tablett. „Feo hat übrigens beschlossen etwas mehr Zeit in die Mathenachhilfe zu investieren“, verkündete Louis grinsend.

„Ach, hab’ ich das?“ Ich legte meine Stirn in Falten.

„Noch mehr Zeit? Ich glaube, du siehst sie oft genug“, warf Zerdon ein, aber Louis schien ihm längst nicht mehr zuzuhören, denn seine Aufmerksamkeit galt jemand anderem.

„Wer ist das denn? Kennt ihr den?“, fragte Louis mit vollem Mund und zeigte möglichst unauffällig auf einen Jungen, der sich soeben mehrere Tische vor uns hingesetzt hatte. Da er mit dem Rücken zu uns saß und immer wieder Schüler durch mein Sichtfeld liefen, konnte ich gerade so sein Profil erkennen, aber es kam mir nicht bekannt vor. Er war groß und hatte aschblondes Haar.

„Nicht dass ich wüsste. Aber ich kenne auch nicht jedes einzelne Gesicht“, sagte ich achselzuckend. Ich sah ihm dabei zu, wie er sich neugierig in der Kantine umblickte, unsicher einige vorbeilaufende Schüler anlächelte und sich dann wieder seinem Hamburger widmete. Angeekelt zog er eine Tomatenscheibe unter dem Brötchen hervor.

„So, wie er sich anstellt, kann er jedenfalls noch nicht lange auf unsere Schule gehen.“ Ich kicherte.

Zerdon verstand den Seitenhieb und grinste mich verschlagen an. Dann musterte er ihn ebenfalls, äußerte sich aber nicht dazu. Da er selbst neu hier war, kannte er die meisten Gesichter ohnehin noch nicht.

Louis hingegen mutmaßte bereits über seinen potentiellen Status. Die ersten Tage entschieden meistens schon, ob man an diesem College zukünftig zu den Gewinnertypen oder den Nerds gehörte. „Er hat einen ziemlich breiten Rücken. Was meinst du, Feo? Könnte er ins Rugby-Team aufgenommen werden?“

„Hm, ich weiß nicht …“ Ich beäugte ihn unsicher. „Von der Statur her ja, aber ich glaube, ohne das nötige Talent hilft ihm das auch nicht weiter.“

„Na ja, man munkelt, dass der Coach auf hübsche Jungs steht“, flüsterte Louis, damit der Trainer, der nur wenige Tische von uns entfernt saß, ihn nicht hören konnte.

Zerdon warf mir einen giftigen Blick zu.

„Schon gut. Ich musste hinsehen. Wie hätte ich sonst seine Frage beantworten sollen?“ Zerdon hob eine Augenbraue und gab sich wieder seinem Sandwich hin.

„Sei nicht so eifersüchtig“, neckte ich ihn.

Louis lehnte sich auf dem Stuhl zurück und streckte sich ausgiebig, wobei das kurze Shirt ein Stück seines Bauches entblößte. „Ich werde Joshua mal fragen, ob er Lust hat, ein paar Wetten abzuschließen, was aus ihm wird.“

Um keinen Streit zwischen Zerdon und mir heraufzubeschwören, reagierte ich nicht weiter auf Louis’ Gespräch und lenkte das Thema in eine andere Richtung. „Hat eigentlich jemand die Hausaufgaben für die nächste Stunde gemacht?“ Fragend blickte ich von einem zum anderen. Beide schauten ertappt auf den Boden. „Leute, sie wird uns den Allerwertesten aufreißen.“

„Ich glaube, wir sollten uns beeilen. Das war schon das zweite Klingeln. Ich habe keine Lust, bei Mrs Greenberg negativ aufzufallen“, jammerte ich. Ich war noch nie ihre Lieblingsschülerin gewesen, würde es auch nie sein, aber verscherzen wollte es mir nicht mit ihr trotzdem nicht. Sie war der Inbegriff von Strenge und Disziplin, größer als die meisten ihrer männlichen Kollegen und verstärkte den Eindruck noch durch ihre bodenlangen Röcke. Dazu war sie gertenschlank und trug ihr brünettes Haar zu einem akkurat geschnittenen Long Bob. Ein Lächeln in ihrem Gesicht – unvorstellbar.

Hektisch stopfte sich Louis die letzten Pommes in den Mund und wischte seine Hände an der zerknüllten Papierserviette ab. „If ja fon gut, ich beeile miff ja“, quengelte er mit vollen Backen und schluckte einen großen Happen hinunter. „Ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

„Tut mir leid. Ich geh schon mal vor“, entschuldigte ich mich und trug das Tablett zur Abräumstation. Als ich mich umsah und auf Zerdon und Louis wartete, sah ich, dass der Neue zu mir herüberschaute. Um nicht unhöflich zu sein, lächelte ihm kurz zu, bevor ich meinen Blick abwandte.

Langsam trotteten auch Zerdon und Louis in meine Richtung.

„Kommt schon, Jungs“, spornte ich die beiden an, sich etwas schneller zu bewegen, und klatschte in die Hände. „Soviel ich weiß, wird Mrs Greenberg uns nächstes Jahr nicht nur in Politik, sondern auch noch in Wirtschaft unterrichten.“

Wir schafften es gerade noch rechtzeitig in die Klasse. All unsere Mitschüler saßen bereits auf ihren Plätzen und flüsterten nur noch leise miteinander oder reichten Zettel unter den Bänken umher.

„Miss Breen, wie schön, dass Sie uns heute auch noch beehren.“ Zwei Minuten vor der Zeit waren bei ihr zwei Minuten nach der Zeit. Mit einem gezwungenen Lächeln nahmen wir möglichst leise Platz. Chloe warf uns derweil einen überlegenen Schulterblick zu.

„Blöde Kuh“, flüsterte ich und kramte einen Stift aus meiner Tasche, als Mrs Greenberg mir den Heftordner mit dem Politikreferat auf den Tisch knallte.

„Sehr gute Arbeit, Miss Breen. Ihr Zuspätkommen sei Ihnen heute verziehen.“ Nun war es an mir, Chloe herausfordernd anzulächeln, doch sie ignorierte meinen Triumph und sah gelangweilt aus dem Fenster in den Hof. Ich schlug die erste Seite des Referates um und blickte ungläubig auf eine glatte Eins. Gott sei Dank! Diese Note würde mir vermutlich meinen Durchschnitt retten.

Zerdon wagte einen Blick auf die Ausarbeitung und nickte anerkennend. „Nicht schlecht. Saubere Arbeit, Kleine.“

Nachdem unsere Lehrerin alle Arbeiten verteilt hatte, wandte sie sich dem Beamer zu und Zerdon nutzte die Gelegenheit und gab mir einen flüchtigen Kuss. Er schien kein Geheimnis daraus machen zu wollen, dass wir zusammen waren.

„War das die Belohnung für meine hervorragende Leistung?“, flüsterte ich.

Er überlegte kurz und erwiderte ebenso leise: „Nein, die bekommst du, wenn wir zu Hause sind. Alleine.“ Er warf Louis einen warnenden Blick zu.

Nach der Stunde wollte ich die Unterlagen für die kommende Hausarbeit in meinem Spind verstauen. Mrs Greenberg hatte unsere Klasse bei dem landesweiten Projekt Grüne Gesellschaft angemeldet, bei dem die Gewinner eine Klassenfahrt im Wert von sechshundert Pfund ergattern konnten. Um unseren Eifer zu steigern, hatte sie vorab schon erklärt, dass die Ausarbeitungen zu diesem Thema mit einer Note bewertet werden und dafür eine Klausur entfallen würde. Auf unserem Tisch hatte sich binnen kürzester Zeit sowohl ein zwanzigseitiger Ausdruck zur letzten Konferenz mit dem Thema Nachhaltigkeit als auch eine Liste mit Internetadressen zu energiesparenden Erfindungen von und für Schüler gestapelt. Mühsam stopfte ich den Blätterberg in den Spind. Da hat man schon das Thema Nachhaltigkeit, aber statt einem USB-Stick bekommt man den halben Urwald in Papierform. Diese Logik würde sich mir nie erschließen.

Zerdon schlug plötzlich die Tür des Schließfachs zu. Erschrocken zog ich die Hand zurück.

„Was ist denn mit dir los? Du hättest fast meine Hand eingeklemmt“, raunte ich und rieb sie behutsam.

„Sieh an mir vorbei“, flüsterte er mir zu.

Mit hunderten Fragen in meinem Blick schaute ich dann aber doch über seine Schulter. Hinter ihm sah ich den Neuen. „Ja und? Was ist mit ihm?“

„Er hat seinen Schrank fast genau neben deinem“, bemerkte Zerdon.

„Irgendwo muss auch er die Sachen unterbringen. Ich glaube, du machst gerade aus einer Mücke einen Elefanten. Ich seh es schon an deinem Blick. Mach nicht diese Dinge mit den Augen. Diesen … diesen Ich-bin-ein-böser-Elf-Blick.“ Genervt drückte ich den Metallstift in das Schloss meines Spinds.

„Möglich, aber in der ganzen Schule hat er ausgerechnet einen in deiner Nähe bekommen.“

Langsam ging mir sein Beschützerinstinkt auf den Geist. „Na und? Du ja auch und Louis auch und der Typ gegenüber von mir – von dem ich bis heute nicht einmal seinen Namen weiß.“ Ich drehte mich zu dem sommersprossigen Jungen um und lächelte ihm entschuldigend zu.

Zerdon wollte meine Nerven scheinbar nicht überstrapazieren und sparte sich weitere Vermutungen. Genervt nahm er das Biologiebuch aus dem Schrank. Nach langen Diskussionen mit dem Sekretariat hatte er es doch noch geschafft, dieses Fach gemeinsam mit mir belegen zu dürfen.

„Aber wenn ich noch mehr Beweise finde, dann hörst du mir zu. In Ordnung?“

„Finden? Das heißt, du willst welche suchen?“

„Ja, werde ich. Sei es nur, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Wenn sich herausstellt, dass er nur irgendein neuer Schüler ist, gebe ich Ruhe. Also … Hörst du mir zu, falls ich etwas finde?“

Ich gab mich geschlagen. „In Ordnung. Aber heute haben wir nur noch eine Stunde, und währenddessen will ich kein Sterbenswörtchen von möglichen Gefahren hören“, warnte ich ihn mit erhobenem Zeigefinger.

„Sonst was?“

„Sonst werde ich die nächsten Nächte Anti-Elfen-Spray in mein Zimmer sprühen“, scherzte ich.

Zufrieden legte er den Arm um mich, und wir gingen zurück in den Klassenraum.

Mister Duncan musste seine Pause in dem Raum verbracht haben, denn an der Tafel standen bereits mehrere Seitenangaben und Fragen. Dass ein Seitenteil zusammengeklappt war, ließ darauf schließen, dass sich dahinter noch weiteres Unheil verbarg.

„Na super! Wenn er keine Lust hat zu unterrichten, dann kann er uns doch auch Verfügungszeit eintragen und die Aufgaben zu Hause lösen lassen.“ Louis motzte unaufhörlich vor sich hin, während er alles notierte. „Wartet ab. Gleich will er die Hausaufgaben kontrollieren und dann verschwindet er für den Rest der Stunde hinter dem Pult. Seine Zeitung liegt schon da.“

Nachdem sich auch die letzten Schüler eingefunden hatten, klopfte Mister Duncan auf den Tisch. Über den Rand seiner getönten Brille hinweg musterte er die Gesichter und kontrollierte die Anwesenheit. „Einige von euch haben bereits die Stifte gezückt – sehr vorbildlich“, stellte er zufrieden fest. „Ich erwarte, dass ihr diese Fragen anhand des Buches löst und mir morgen zur Durchsicht abgebt. Bevor wir anfangen, möchte ich …“

„… eure Hausaufgaben von letzter Woche sehen“, vollendete Louis den Satz.

„Nicht ganz“, korrigierte ihn Mister Duncan und strich sich dabei beiläufig über das schüttere Haar. „Aber da Sie so erpicht darauf sind, dürfen Sie mir Ihre Arbeit gerne abgeben.“

Louis sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Danke, Mister Duncan, ich denke, das wird nicht nötig sein.“

„Doch, doch. Komm und lass mich mal sehen, was du da fabriziert hast.“ Wenn er seinen Kopf durchsetzen wollte, ging Mister Duncan schnell vom höflichen Sie zu einem Autorität verströmenden Du über. Damit stellte er klar, wer hier in Wahrheit das Sagen hatte.

„Verdammt“, murmelte Louis in meine Richtung. Natürlich hatte er die Aufgaben nicht gemacht. Er mochte zwar ein Mathegenie sein, aber alle anderen Fächer ließ er dafür schleifen.

Unauffällig schob ich ihm mein Heft unter der Bank zu. Louis schlug den Einband so um, dass man den Namen nicht lesen konnte, und tatsächlich überflog Mister Duncan nur kurz meine Arbeit. Ich betete, dass er die Schrift nicht erkannte. Zum Glück fiel ihm der Unterschied nicht auf und er gab Louis das Heft zurück, ohne die Aufgaben weiter zu kommentieren.

Erleichtert atmete Louis auf. „Danke, Feo. Du bist echt die Beste!“ Da er mir unermüdlich Mathematik erklärte, war es das Mindeste, was ich tun konnte, um mich zu revanchieren.

„Kein Problem. Betrachte es als Wiedergutmachung für die Nachhilfe.“

„Nun wollen wir unseren Neuankömmling nicht länger warten lassen. Ich möchte euch heute gerne euren neuen Mitschüler vorstellen.“ Ein Tuscheln ging durch die Reihen. Es kam selten vor, dass mitten im Jahr ein neuer Schüler in die Klasse kam.

„Wer das wohl sein wird?“, knurrte Zerdon an meiner Seite, aber wagte es nicht, mich dabei anzusehen.

Mister Duncan lief zur Tür und öffnete sie einen Spalt.

Der Junge, den wir bereits in der Kantine und im Flur gesehen hatten, kam herein und winkte schüchtern in die Menge. Vor dem Mittelgang blieb er stehen und knetete nervös seine Hände. „Hi, Leute, ich heiße Dylan und ich bin gerade hergezogen. Mein Dad wurde hierher versetzt und arbeitet jetzt bei Cash & Credit. Ähm … ich dachte, ich erwähne das kurz, bevor Gerüchte aufkommen, man hätte mich von der Schule geworfen oder so.“ Nervös zuckten seine Mundwinkel, und er wurde rot. Niemand sonst lachte über seinen lahmen Scherz, und er tat mir augenblicklich leid. Freundlich sah er in die Runde und lächelte vorsichtig.

Unsicher klatschte er, um zu symbolisieren, dass er fertig war, und Mister Duncan übernahm wieder das Wort. „Alles klar, wie ihr sehen könnt, wächst unsere kleine Gemeinschaft hier. Es freut mich natürlich, dieses Jahr so viele Lernwillige unterrichten zu dürfen. Nimm doch bitte gleich hier vorne Platz.“ Er zog einen Stuhl in der ersten Reihe zurück. Außer ihm saß dort nur noch Eddy. So würde er hier keine Kontakte knüpfen können. Ich beobachtete ihn dabei, wie er seine Tasche ausräumte.

„Ihr habt vierzig Minuten Zeit, die Fragen zu beantworten. Was ihr nicht schafft, dürft ihr dann in eurer Freizeit erledigen.“ Mister Duncan klappte die Tafel mit einem glucksenden Lachen auf. Die Klasse stöhnte auf.

Dylan hob die Hand. „Mister Duncan, ich habe leider noch keine Bücher.“

„Oh, selbstverständlich! Eddy, sei doch so gut und lass ihn bei dir mit reinschauen.“

„Wissen Sie, Mister D., ich habe versehentlich mein Buch zu Hause vergessen, aber ich verspreche hoch und heilig, morgen die Hausaufgaben dabei zu haben.“ Resigniert schüttelte unser Lehrer den Kopf und schlug sich gegen die Stirn. An seiner hochroten Gesichtsfarbe erkannte ich, dass sein Blutdruck wieder gefährliche Höhen erreicht haben musste. Mister Duncan erwiderte meinen Blick. Ich wollte ihm ausweichen, doch es war zu spät.

„Feodora, wie ich sehe, hast wenigstens du an deine Unterlagen gedacht. Sei so freundlich und nimm zwischen den beiden Helden der Schöpfung Platz und lass sie mit in dein Buch schauen.“ Noch während er mir diese Aufgabe übertrug, ließ er sich auf seinem Stuhl nieder und schlug den Sportteil auf. „So wahr mir Gott helfe, wird die natürliche Selektion mich im nächsten Schuljahr von unserem Eddy Bloomfield befreien“, murmelte er spöttisch.

„Hey, danke, Mister D., aber ich hoffe, Sie werden noch lange gesund bleiben“, konterte dieser schamlos. Verstört beschäftigte sich Mister Duncan wieder mit seiner Zeitung und blätterte lautstark die nächste Seite um.

Zerdon warf mir einen wütenden Blick zu, als ich mich von meinem Platz erhob.

„Jetzt guck nicht so, ich hab mir das schließlich nicht ausgesucht.“

„Hättest du nicht so in seine Richtung gestarrt, sondern, wie sonst auch, auf deine Kritzeleien, dann hätte er jemand anderen darum gebeten, das Buch mit ihm zu teilen.“ Verärgert schlug Zerdon gegen den Einband.

„Kritzeleien?“, fragte ich empört. Mister Duncan räusperte sich, um unser Geflüster zu unterbrechen. Schuldbewusst senkten wir die Köpfe. Das Gespräch war hiermit fürs Erste beendet. Auf Zehenspitzen trippelte ich zu den beiden nach vorne.

„Hier, ich leg es einfach in die Mitte. Am besten sagt derjenige Bescheid, der die richtige Antwort zuerst entdeckt. Keine Sorge, ich habe den Duncan schon seit der achten Klasse, und er notiert die Fragen immer chronologisch“, erklärte ich Dylan, ehe ich mich daran machte, den Text zu lesen.

Ein Chromosom enthält normalerweise immer eine DNA-Doppelhelix, außer …

„Hey, ich will dich ja nicht stören, nur … wie heißt du eigentlich?“, fragte der Neue.

„Oh, entschuldige. Ich heiße Feodora, aber nenn mich ruhig Feo, das ist kürzer.“

„Hi, Feo.“ Er drückte mir die Hand.

„Und ich bin Eddy.“ Er griff über meinen Kopf hinweg nach Dylans Hand.

Die Chromosomen enthalten unsere Erbanlagen. Der Mensch besitzt 46 Chromosomen in jeder …

„Hey Breen, du liest das wirklich, oder?“, scherzte Eddy.

„Natürlich lese ich das. Denkst du, ich will meinen Nachmittag damit verbringen?“ Genervt wandte ich mich wieder dem Text zu. Wenn man sich einmal auf Eddys Geschwafel einließ, kaute er einem die ganze Stunde ein Ohr ab.

„Ich denke auch, dass es besser wäre, die Fragen schnellstmöglich beantworten. Ich muss noch einige Kartons auspacken. Hier steht übrigens die erste Lösung.“ Dylan zeigte auf den vorletzten Abschnitt.

Der Mensch hat somit 23 diploide Chromosomenpaare.

„Wow, du liest wirklich schnell“, bemerkte ich. Bewundernd notierte ich die Lösung und freute mich über seinen Rückhalt. Für gewöhnlich zog ich in Gruppenarbeiten immer den Kürzeren und musste mich alleine um die Arbeit kümmern, während die übrigen mit ihren Handys spielten oder sich gegenseitig mit Papierkügelchen bewarfen.

„Knistert es da etwa schon?“ Eddy lachte lauthals über seinen eigenen Witz und schrieb schnell die Antwort bei mir ab.

Überstürzt klammerte ich mich wieder an die Seiten meines Buches. Hoffentlich hatte Zerdon das nicht gehört. Ich musste mich nicht erst umsehen, um zu wissen, dass er uns genau beobachtete.

Dylan rückte etwas näher zu mir heran. Auch das noch! Geh weg!, flehte ich innerlich. „Alles in Ordnung. Er hat nicht geguckt. Scheint ja ziemlich eifersüchtig zu sein, dein Freund.“

„Oder einfach nur allergisch gegen blöde Witze“, antwortete ich kurz angebunden und beugte mich tiefer über das Buch.

„Ihr seid solche Streber“, lockerte Eddy das Gespräch wieder auf und hob meinen Arm an, um sehen zu können, ob ich mir bereits weitere Notizen zu den Fragen gemacht hatte.

* * *

Nachdem wir Louis nach der Schule zu Hause abgesetzt hatten, fuhren wir zu meinen Eltern.

„Mom hat extra chinesisches Essen bestellt, weil ich ihr letztens erzählt habe, dass du es liebst.“

„Chinesisch? Ich habe so etwas noch nie gegessen. Woher willst du wissen, ob es mir schmeckt?“, fragte Zerdon skeptisch.

„Dir vielleicht nicht, aber dafür mir umso mehr.“ Ich streckte ihm die Zunge heraus.

„Du kleines Biest. Wehe es schmeckt mir nicht und ich muss es aus Höflichkeit trotzdem essen.“

„Keine Sorge. Du wirst es lieben. Es ist viel besser als das Essen aus der Schulkantine.“

„Na, das ist ja keine allzu große Kunst“, bemerkte er mit gefurchter Stirn.

Vor der Haustür hielt er mich fest und küsste mich innig. Er hatte Eddys Spruch tatsächlich nicht gehört und hatte trotz meiner Zusammenarbeit mit dem Neuen hervorragende Laune. Von innen klopfte Mom gegen die Fensterscheibe und Zerdon schrak zurück, als er ihr freudestrahlendes Gesicht hinter den Gardinen hervorblitzen sah.

„Na toll, das mit dem guten, ersten Eindruck kann ich nun wohl vergessen.“

„Ach Quatsch. Sie werden dich lieben. Dad kennst du ja schon, und er ist total begeistert von dir“, beruhigte ich ihn. Obwohl bereits eine Weile seit seinem Einzug vergangen war, hatte es noch kein richtiges Kennenlernen zwischen Zerdon und meinen Eltern gegeben.

„Leon, nimm dir so viele Frühlingsrollen, wie du möchtest. Ich habe extra einen ganzen Stapel bestellt, damit du dich satt essen kannst“, forderte ihn Mom auf. Peinlich berührt nahm er sich mit der Gabel drei Rollen und dippte sie in die süßsaure Soße.

„Schmecken sie dir?“, hakte sie sofort nach. Zerdon kaute und schluckte hastig, um ihr antworten zu können.

„Liebling, lass den Jungen doch erst einmal essen“, unterbrach mein Dad sie.

„Verzeihung. Natürlich.“ Sie widmete sich wieder ihrem Teller und wickelte ein paar Reisnudeln um ihre Gabel.

Zerdon gab sich alle Mühe den großen Bissen so schnell wie möglich herunterzuschlucken. „Schon in Ordnung. Es schmeckt sehr lecker. Wirklich.“ Er zwinkerte mir zu. Obwohl Mom das Essen nur im Restaurant abgeholt hatte, freute sie sich über dieses Kompliment.

Vor der Kulisse klappernder Stäbchen klingelte unser Telefon. Gestresst stöhnte Dad auf und lehnte sich gegen die Rückenlehne seines Stuhls. „Hoffentlich ist das nicht die Arbeit. Ich habe ihnen schon mindestens hundert Mal gesagt, dass ich während meiner Freizeit nicht belästigt werden möchte. In dringenden Fällen können sie mir doch auch mailen.“ Er warf seine zerknüllte Papierserviette auf den Tisch zwischen die Essensboxen und stand auf. „Es ist ja nicht so, als würde ich nicht jeden Morgen meinen Posteingang kontrollieren.“ Beim fünften Läuten hob er ab. Aus dem Nebenzimmer konnte ich ihn sprechen hören.

„Wie bitte? Oh ja, natürlich. Einen Moment bitte.“ Dad kam zurück an den Tisch und sagte: „Feo, es ist für dich. Irgendein Junge.“

Irgendein Junge? Louis konnte er damit nicht gemeint haben, denn der ging seit Jahren wie ein Sohn hier ein und aus. Zerdon warf mir einen wachsamen Blick zu.

Überflüssigerweise setzte Dad hinzu: „Sie scheint ziemlich beliebt zu sein.“

Während er schmunzelnd ein Stück Ente zurechtschnitt, blieb Zerdon das Lachen im Halse stecken und er verfolgte mich mit seinen Blicken, bis ich hinter der Wand verschwand. Ich konnte hören, dass sich Zerdon nach dem Badezimmer erkundigte. Er war wirklich gut darin, so zu tun, als sei er noch nie hier gewesen.

Ohne zu zögern, folgte er mir und blieb dicht neben dem Apparat stehen, sodass er mithören konnte. Ich warf ihm einen genervten Blick zu, aber ließ ihn gewähren. Er nahm seine Aufgabe als Wache eben ernst.

„Hallo?“, fragte ich.

„Hi, ich bin’s. Dylan.“

„Oh, hi Dylan“, antwortete ich verwundert. „Woher hast du meine Nummer?“ Irritiert sah ich zu Zerdon, der die Hände zu Fäusten ballte. Beruhigend legte ich eine Hand über seine.

„Ich habe von Mister Duncan eine Telefonliste bekommen. Er sagte, ihr hättet alle eine.“

„Ja, natürlich. Entschuldige, die hatte ich ganz vergessen.“ Zerdon blickte mich fragend mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Lautlosformte ich das Wort Telefonliste. Er nickte zufrieden und entspannte seine Hände wieder.

„Ich rufe nur an, weil ich fragen wollte, ob du die Antwort auf Nummer sieben rausgefunden hast? Mindestens vier Mal hab ich den Text gelesen, aber ich kann sie nirgendwo finden.“ Er würde noch früh genug herausfinden, dass es kein Beinbruch war, wenn man die Hausaufgaben nicht vollständig gemacht hatte. Außerdem konnte ich ihn verstehen. Am Anfang wollte man immer einen guten Eindruck hinterlassen.

„Warte einen Moment, ich schau schnell nach.“ Ohne weiter auf Zerdon zu achten, hastete ich an meine Schultasche und blätterte durch die Notizen. Welcher Gendefekt liegt bei Trisomie 21 vor? Mit den Unterlagen lief ich zum Telefon zurück und klemmte mir den Hörer auf einer Seite zwischen Kopf und Schulter.

„Ich habe mir dazu notiert, dass dabei bei dem 21. Chromosom mehrere Teile, wenn nicht sogar das gesamte Chromosom, dreifach vorhanden sind. Das steht ganz unten auf Seite 68.“

Am anderen Ende der Leitung hörte ich das Blättern von Papier.

„Tatsächlich. Aber diese Seite hatte er doch gar nicht an die Tafel geschrieben.“

„Ja, manchmal macht er das, um zu testen, wie viel Zeit und Mühe wir wirklich in unsere Hausaufgaben investieren.“ Eine kurze Stille entstand, in der nur das Rauschen der Leitung zu hören war.

„Vielen Dank. Ich hab es mir schnell notiert. Dann sehen wir uns morgen wieder und entschuldige bitte die Störung. Tschüss!“

„Ja, bis morgen.“ Ich legte auf.

Zerdon stand noch immer mit verschränkten Armen neben mir und sah mich skeptisch an. Bevor er etwas sagen konnte, rief Mom zum Dessert.

„Wir reden später“, schnitt ich ihm das Wort ab.

Nach dem Essen gingen Zerdon und ich auf mein Zimmer.

„Feo, ich sag dir, mit dem Typen stimmt was nicht.“ Noch bevor ich die Tür hinter uns schließen konnte, legte Zerdon mir seine Anschuldigungen dar.

„Dylan hat lediglich nach der Lösung für eine von Duncans Fragen gesucht. Das hast du doch selbst gehört. Er will doch nur nicht gleich einen schlechten Eindruck hinterlassen.“

„Und weshalb ruft er dann ausgerechnet dich an?“

„Weil ich die Einzige bin, mit der er bisher gesprochen hat und die daran interessiert ist, ihre Aufgaben gewissenhaft zu erledigen.“

„Wenn er daran interessiert wäre, seine Hausaufgaben so gewissenhaft zu erledigen, dann hätte er die Lösung selbst gefunden.“

„Aber nicht, wenn Duncan die Antwort auf einer Seite versteckt hat, die er nicht an der Tafel notiert hat.“ Der verbale Austausch ging immer schneller vonstatten und wurde zunehmend lauter.

„Trotzdem spüre ich, dass mit ihm etwas nicht stimmt.“

„Ich glaube, du nimmst dich ein bisschen zu ernst.“

Die Diskussion wurde hitziger und verlagerte sich von Dylan auf Zerdon und mich. Das Problem seines Beschützerinstinktes brodelte schon länger zwischen uns. Langsam nervte er mich damit. Ich wollte nicht streiten und wich seinem stechenden Blick aus. Auch er drehte sich in die entgegengesetzte Richtung und starrte die Pinnwand an. Meine Eltern hatten ihn gerade erst offiziell kennengelernt, und ich wollte ihnen keinen falschen Eindruck von ihm und unserer Beziehung vermitteln.

Ich warf einige der Kissen vom Bett, damit Zerdon sich setzen konnte. Seufzend legte ich mich neben ihn auf die Matratze und ließ meinen Kopf auf seinem Schoß ruhen. „Lass uns das ein andermal besprechen“, bat ich, und er nickte zustimmend. Er ahnte selbst, dass wir bei diesem Thema keinen Kompromiss finden würden. Wir zappten wortkarg ein wenig durch das TV-Programm, bis Zerdon sich offiziell verabschiedete.

Der Meinungsaustausch von heute hatte meiner Laune einen gewaltigen Dämpfer verpasst, und ich mied es, in die Küche zu gehen, damit Mom mich nicht weiter über ihn ausquetschen konnte. Es war unsere Zankerei gewesen und ich wusste nicht, ob er oder ich mich unangemessen verhalten hatte. Einerseits war es sein Job, auf mich aufzupassen, aber andererseits musste er sich auch bewusst werden, dass wir eine möglichst normale Beziehung führen wollten. In dieser Welt.

Am nächsten Morgen holte uns Zerdon wieder gut gelaunt ab, sodass ich die Sorgen vom gestrigen Abend sofort vergessen konnte.

„Mann, du solltest dir mal selbst Cornflakes zulegen“, brummte Zerdon, als er sah, wie Louis gerade seine Schüssel in die Spüle stellte.

Schmatzend erwiderte der: „Geht nicht. Meine Mom ist der totale Öko-Freak und laut ihr bestehen Cornflakes nur aus raffiniertem Zucker.“ Er nahm sich noch eine Hand voll aus der Tüte und knabberte sie auf dem Weg zum Wagen.

Zerdon parkte vor der Schule und als er den Motor abschaltete, hielt neben uns ein weiterer Wagen. Die Tür schwang auf, und Dylan stieg aus. Ohne auf Zerdon zu achten, warf er mir ein freundliches Lächeln zu und zeigte triumphierend auf seine Biologiehausaufgaben, die er sich unter den Arm geklemmt hatte.

„Das gibt’s doch nicht! Dieser kleine …“ Zerdon wagte es nicht, laut zu fluchen, und trommelte stattdessen wütend auf das Lenkrad ein.

Beschwichtigend legte ich meine Hand auf seine. „Zerdon, es war doch nur ein dankendes Lächeln für die Hilfe bei den Aufgaben.“ Wir wechselten einen Blick. Ich nickte ihm aufmunternd zu und Zerdon gab sich geschlagen. Um seine Unzufriedenheit rauszulassen, blähte er die Wangen auf und ließ lautstark Luft entweichen.

„Oh! Wow! Moment mal! Zerdon? Hast du ihn gerade Zerdon genannt?“

„Ähm, nein.“ Erschrocken sah ich zu Louis. „Vergiss es einfach.“

„Nein, nein. So einfach vergesse ich das nicht.“ Er beugte sich interessiert zwischen unseren Sitzen vor und sah zuerst zu Zerdon und dann zu mir. „Du hast ihn definitiv Zerdon genannt, und ich kann mich genau daran erinnern, dass das der affige Name war, den du nach deinem Krankenhausaufenthalt immer wieder gesagt hast.“

Zerdons Ader auf der Stirn pulsierte. „Ja, Louis, sie hat mich gerade so genannt und nein, ich bin kein Affe.“ Gezwungen freundschaftlich klopfte er ihm ein wenig zu fest auf die Schulter und verwies ihn dabei auf die Rückbank.

Mucksmäuschenstill räumte Louis seine Sachen zusammen. Als Zerdon nicht hinsah, warf er mir allerdings einen seiner Darauf-schuldest-du-mir-noch-eine-Antwort-Blicke zu.

Wir stiegen aus und Dylan stand noch immer am Wagen, um uns zu grüßen. „Hallo Leute!“, rief er uns zu, während wir an ihm vorbei liefen, aber bis auf mich reagierte niemand. Zerdon funkelte ihn lediglich böse an, und Louis tippte wie wild auf seinem Handy herum, während er Empfang suchte und das Mobiltelefon in alle Himmelsrichtungen hielt.

„Leute, wartet doch kurz!“ Dylan joggte uns hinterher.

Zerdon blieb abrupt stehen, drehte sich zu ihm um und drückte ihm drohend den Zeigefinger aufs Brustbein. „Hör mal gut zu! Du hältst Abstand von ihr, von ihm“, er zeigte auf Louis, „von uns. Ist das klar?“

Louis wunderte sich darüber, dass auch er in den Genuss kam, von Zerdon beschützt zu werden. Stolz baute er sich hinter ihm auf. „Ja, tu lieber, was er sagt“, rief Louis und feuerte Zerdon mit leisem Klatschen an.

„Halt einfach die Klappe!“, zischte ich ihn an, worauf er sofort wieder still war.

„Ob das klar ist, hab ich gefragt?“, raunte Zerdon Dylan inzwischen zum zweiten Mal an.

„Hey, es tut mir leid.“ Völlig überrumpelt hob dieser die Arme. „Ich wollte keinem von euch zu nahe treten, aber euer Freund hat sein Buch verloren, als er ausgestiegen ist.“ Zum Beweis hielt er das gelbe Geschichtsbuch in die Luft, auf dem ein großer, leuchtender Aufkleber mit Louis’ Namen prangte.

„Heilige Scheiße!“ Louis stürmte nach vorne und riss ihm das Buch aus der Hand. „Das habe ich schon einmal verloren, und meine Mom hat mich fast geköpft. Dieses blöde Ding kostet 60 Pfund!“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und sagte zu Dylan: „Sorry, Mann. War echt nicht so gemeint.“

„Schon okay. Viel Spaß dann noch im Unterricht.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich von uns ab und lief Richtung Eingang.

„War das wirklich nötig?“, fauchte ich Zerdon an.

„Mir gefällt nicht, wie er dich ansieht. Du musst blind sein, wenn du das nicht bemerkst.“

„Und du musst blind sein, wenn du nicht siehst, wie sehr mich dein Gehabe nervt!“

Kapitel 3

Auf meinem Handy leuchtete eine neue Nachricht auf und direkt daneben ein Foto mit Louis’ lachendem Gesicht.

Ihr seid mir immer noch eine Erklärung schuldig!

Er hatte den Versprecher also nicht vergessen. Zerdon blickte auf den Bildschirm, griff danach und legte das Handy neben sich und das Festnetztelefon auf die Matratze. Dad hatte das Telefon an mich weitergereicht, weil ein wichtiges Meeting anstand und er darüber vergessen hatte, dass er noch einen Anruf erwartete.

„Lass uns das morgen mit ihm bereden, Feo.“

„Wieso hast du zugegeben, dass du Zerdon heißt? Du hättest es einfach abstreiten können.“

„Weil ich denke, es ist an der Zeit, ihm die Wahrheit zu sagen. Er meint es wirklich gut mit dir und falls ich eines Tages nicht mehr auf dich aufpassen kann, will ich dich in guten Händen wissen. Er wird unser Geheimnis nicht verraten. Nicht, wenn es dir schadet.“

„Seit wann bist du dem Louis-Fanclub beigetreten? Ich dachte, dir geht es auf die Nerven, wenn er immer und überall dabei ist?“

„Was soll ich sagen? Ich meine, er hat sich über Jahre hinweg daran gewöhnt, der einzige Typ an deiner Seite zu sein. Er musste sich erst mal an mich gewöhnen.“

„Wow, das sind ja ganz neue Töne. Und weshalb zweifelst du überhaupt an deinen Fähigkeiten als Aufpasser?“ Irritiert setzte ich mich auf.

„Keine Sorge. Es ist nur eine Sicherheitsmaßnahme.“ Er zog mich wieder zu sich heran und gab mir einen Kuss.

„Bei dir ist alles nur eine Sicherheitsmaßnahme oder zu meinem Schutz. Machst du auch mal irgendetwas, weil du es willst und es fühlst, und nicht, weil du es gelernt hast und man es von dir erwartet?“ Mein Kopf ruhte auf seiner Brust, und ich hörte seinen gleichmäßigen Herzschlag.

„Und ob ich das tue. Wie wäre es mit ein klein wenig hiervon? Oder davon?“ Neckend küsste er meinen Hals und der Ärger verflog. Lächelnd gab ich mich seinen schmetterlingshaften Küssen hin. Ein Sirren ließ die Bettdecke vibrieren, begleitet von der melancholischen Melodie von Scarborough Fair. Dad bestand auf diesen Klingelton. Er gab ihm das Gefühl, ein wahrer Teil Englands zu sein.

„Oh Mann, kann Louis auch mal einen Tag warten oder muss er immer gleich alles erfahren?“, schnaubte Zerdon und rieb sich das Gesicht, als er von mir abließ. Der kurze romantische Moment war so schnell vorüber, wie er gekommen war.

„Moment. Das ist nicht Louis.“ Auf dem Bildschirm leuchtete eine fremde Nummer auf.

„Lass mal sehen.“ Zerdon nahm mir das Telefon aus der Hand, erkannte die Telefonnummer allerdings auch nicht.

„Gib her! Das ist bestimmt Dads Anruf.“

Widerwillig überließ er mir den Hörer.

„Breen“, meldete ich mich.

„Hi, Feodora bist du das?“

„Ja, aber wer ist dran?“

Zerdon rückte näher zu mir heran und presste sein Ohr neben meines.

„Ich bin’s, Dylan.“

Zerdon winkte mir zu, weil er wollte, dass ich ihm das Telefon reichte, aber ich hielt die Sprechmuschel zu und schüttelte energisch den Kopf. Mit seiner Aktion vor der Schule hatte er bereits für genug Aufsehen gesorgt.

„Was gibt’s denn? Es ist schon ziemlich spät.“ Ich griff nach dem Wecker und drehte ihn in meine Richtung. Es war 22 Uhr.

„Entschuldige, aber ich sollte dich darüber in Kenntnis setzen, dass morgen die erste Stunde ausfällt. Mrs Greenberg ist krank, und es gibt keinen Vertretungslehrer. Sonderaufgaben gibt es auch nicht. Wärst du so nett und würdest den oder die Nächste auf der Liste anrufen?“

Dylan Bradshaw. Natürlich. Er kommt auf der Telefonliste direkt vor Breen.

„Ja klar, selbstverständlich. Danke fürs Bescheid sagen.“

„Okay. Bye.“

„Bye.“ Ich drückte den roten Knopf unter dem Lautsprecher und legte ihn beiseite. Danach griff ich in die Schublade hinter meinem Bett und zog einen zerfransten, alten Zettel hervor. Bisher war die Telefonliste nur sehr selten zum Einsatz gekommen.

„Was wollte er nun schon wieder?“

„Mrs Greenberg ist krank, und deshalb fällt morgen die erste Stunde aus“, erklärte ich und suchte währenddessen auf der Liste nach der Nummer, die ich wählen wollte.

„Ich muss den Nächsten auf der Liste anrufen und Bescheid geben. Wahrscheinlich klingelt dein Handy später auch noch.“

Nachdem ich die Information weitergegeben hatte, wandte ich mich wieder Zerdon zu. „Nun komm schon, zieh nicht so ein Gesicht. Er musste mich anrufen.“

Zerdon gab klein bei, weil er wusste, dass es stimmte.

„Rein schulischer Kontakt wird sich bis zu unserem Abschluss nur schwer vermeiden lassen“, fügte ich hinzu und zappte wieder durch das Fernsehprogramm.

„Vermutlich hast du recht. Aber da wir morgen etwas ausschlafen können, kann ich ja noch bei dir bleiben“, stellte er süffisant fest und zog die Bettdecke über unsere Köpfe.

* * *

„Nun mach endlich auf!“, rief Louis und hämmerte so fest gegen die Tür, dass der getrocknete Blumenkranz mit dem Willkommensschild zu Boden fiel.

„Ist ja schon gut. Einen Moment.“ Ich stolperte die Stufen hinab und versuchte, gleichzeitig den Knopf meiner Jeans zu schließen und die Haare mit den Fingern einigermaßen in Form zu kämmen. So ein Mist! Da hat man ein einziges Mal die erste Stunde frei und verschläft fast die zweite.

„Wow, wie siehst denn du aus?“, begrüßte mich Louis.

„Vielen Dank auch. Komm rein und schnapp dir deine Schüssel Cornflakes, ich bin gleich bei dir.“ Während ich wieder die Treppen hinaufhastete und meine Schritte über die Holzdielen dröhnten, lief Zerdon nach unten in die Küche. Er sah dabei nicht weniger durcheinander aus als ich. Gestern mussten wir eingeschlafen sein. Selbst Zerdon, der ganz altmodisch darauf bestand, in seinem Bett zu schlafen, war bei mir eingenickt, bis uns Louis mit der Türklingel aus den Federn warf. Mom war längst zur Frühschicht aufgebrochen, und Dad war gestern Abend sehr spät heimgekommen. So wie es aussah, hatte sein Meeting mit der japanischen Kundschaft mit viel Sake in einem Karaoke-Club geendet. Weder er noch Mom hatten bemerkt, dass Zerdon über Nacht geblieben war.

Als ich mit meiner Schultasche wieder nach unten stürzte und das Telefon zurück auf die Ladestation steckte, hörte ich das metallische Klimpern von Louis’ Löffel in der Schüssel.

Er sah vom einen zum anderen. „Ich würde mich jetzt nicht Sherlock Holmes nennen, aber es sieht mir ganz danach aus, als hätte er heute Nacht nicht in seinem Bettchen geschlafen.“ Misstrauisch zeigte er mit dem tropfenden Löffel abwechselnd auf Zerdon und mich.