Verlag: Zeilengold Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Elfenfehde - Zweimal im Leben E-Book

Mariella Heyd  

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E-Book-Beschreibung Elfenfehde - Zweimal im Leben - Mariella Heyd

Verantwortlich für den Meteoriteneinschlag? Feodora kann die Worte des Fremden nicht glauben, der nach der Katastrophe auftaucht und behauptet, dass sie für das Chaos in zwei Welten verantwortlich sein soll. Angeblich stammt Feodora aus der Anderswelt und ist von dort geflohen, um einem mächtigen Dunkelelf zu entkommen. Ihre einzige Chance, die Welten zu retten, besteht darin, in die Anderswelt zurückzukehren und ihn zu töten.

Meinungen über das E-Book Elfenfehde - Zweimal im Leben - Mariella Heyd

E-Book-Leseprobe Elfenfehde - Zweimal im Leben - Mariella Heyd

Inhaltsverzeichnis

Elfenfehde

Karte

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Danksagung

Elfenfehde

Zweimal im Leben

 

Mariella Heyd

 Besuchen Sie uns im Internet:

www.zeilengold-verlag.de

Nadine Skonetzki

Konstanzer Str. 68

78315 Radolfzell am Bodensee

info@zeilengold-verlag.de

 

 

1.Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Radolfzell 2017

Buchcoverdesign: Sarah Buhr / www.covermanufaktur.de

unter Verwendung von Bildmaterial von coka; Bourbon-88;

Denis Belitsky; Dasha Petrenko / allesamt www.shutterstock.com

Illustrationen: Janina Robben, www.soulhuntress.de

Lektorat: Lektorat Dallmann, www.lektorat-dallmann.de

Satz: Stefan Stern, www.wortdienstleister.de

Druck: booksfactory, 71-063 Szczecin (Polen)

 

ISBN Print: 978-3-946955-00-9

ISBN Ebook (mobi): 978-3-946955-99-3

ISBN Ebook (ePub): 978-3-946955-98-6

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der

Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

Über die Autorin

Mariella Heyd, 1989 geboren, studiert und lebt ganz in der Nähe von Frankreich. Ihre Freizeit widmet sie ihren drei Katzen und der Belletristik. Seit ihrer Kindheit reißen sie Romane aller Art in ihren Bann. Besonders R. L. Stines „Fear Street“-Reihe hat in ihr schon früh das Interesse an dem Sonder- und Wunderbaren geweckt. Bereits im Alter von zwölf Jahren schrieb Mariella Heyd eigene Kurzgeschichten, später entdeckte sie das Bloggen für sich, und verwirklichte 2016 mit ihrem Debütroman „Elfenfehde“ ihren Traum vom eigenen Buch. Ihre Arbeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin half ihr stets dabei, über den Tellerrand der Realität hinaus zu blicken und neue Welten zu erschaffen.

Prolog

Mit leisem Quietschen öffnete sich die Tür zu Feodoras Zimmer.

„Komm, Feo.“ Ihre Mutter hielt ihr auffordernd die Hand mit den manikürten Nägeln entgegen, während sie in der Tür lehnte und von der Deckenlampe angestrahlt wurde. An ihrem Handgelenk glitzerte das kleine Silberarmband mit dem herzförmigen Anhänger, den Feodora so schön fand.

„Du kannst morgen weiter spielen, jetzt ist es Zeit fürs Bett.“ Mahnend tippte sie mit dem Zeigefinger aufs Ziffernblatt ihrer Armbanduhr.

„Ich will aber noch nicht schlafen! Ich bin noch gar nicht müde!“, protestierte Feodora und drückte den grünen Plastikdinosaurier, der eben noch die Einwohner des Puppenhauses bedroht hatte, an ihre Brust.

„Wenn du brav bist, lese ich dir noch eine Geschichte vor“, schlug ihre Mutter vor und lächelte sanft.

„Hm, okay, aber ich darf sie aussuchen!“

Sie warf den Dinosaurier zu den anderen Spielsachen in die Kiste und folgte ihrer Mutter bereitwillig ins Bad vor den Spiegel. Mit ein wenig Hilfe stellte sie sich auf den kleinen Hocker und zeigte dem Spiegel die Zähne.

„Sehr gut machst du das! Weißt du schon, welches Märchen ich dir vorlesen soll?“

„Das mit den Feen“, nuschelte Feodora mit bläulichem Schaum im Mund, ehe sie ausspülte.

Ihre Mutter lächelte. „Mir scheint, dass das dein Lieblingsmärchen ist.“ Mit Bedacht kämmte sie Feodoras Haar und hörte zu, wie sie von einem Feenreich erzählte, das nur in ihrer Fantasie existierte. Sie hielt einen Moment inne und ließ sich ein Haargummi reichen, das sie am Ende des Zopfes ihrer Tochter befestigte.

„Welche Geheimnisse habt ihr denn da schon wieder vor mir?“ Lachend kam ihr Vater ins Bad und kitzelte die Kleine durch.

„Aufhören! Das kitzelt!“, schrie Feodora kichernd und wand sich in seinen Armen.

„Nur, wenn du mir euer Geheimnis verrätst“, raunte er ihr zu mit einer tiefen Piratenstimme.

„Mom liest mir die Feengeschichte vor. Das ist meine Lieblingsgeschichte.“

Ihr Vater stöhnte auf und strich seiner Tochter über ihr lockiges Haar. „Liebling, wie lange willst du ihr dieses Märchen denn noch vorlesen?“

„Solange sie es will.“

„Sie wird langsam zu alt für diesen Unsinn. Feen, Kobolde, Hexen …“ Besorgt sah er sie an. „Bring ihr doch lieber was Sinnvolles bei. Rechnen, zum Beispiel. Das wird ihr im Kindergarten einen Vorteil verschaffen. Wer weiß, vielleicht können wir sie sogar ein Jahr früher einschulen lassen?“

Genervt schüttelte Feodoras Mutter den Kopf und nahm ihr Kind auf den Arm. Mit einer routinierten Bewegung schob sie den Hocker zurück unter den Waschbeckenschrank.

„Wir lesen unsere Märchen solange wir wollen, nicht wahr?“, flüsterte sie Feodora zu, und diese flüsterte verschwörerisch zurück: „Ja.“

„Feo, ich hoffe, deine Mutter erzählt dir auch, dass es diese ganzen Wesen nicht gibt! Das sind alles nur Hirngespinste von irgendwelchen verrückten Schriftstellern.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ kopfschüttelnd das Zimmer. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich vor dem Schwarzen Mann im Kleiderschrank fürchtet“, rief er noch vom Treppenabsatz herauf, bevor er pfeifend zum Fernseher schlenderte.

1. Kapitel

Ich suchte die Sender des Autoradios nach guter Musik ab. Seit Wochen liefen immer wieder dieselben Meldungen in den Nachrichten. Die Stimme der blonden Nachrichtensprecherin aus dem Fernsehen und die der gesichtslosen Radiomoderatorin hallten nahezu identisch in meinem Kopf wider; wie ein ungeliebtes Zitat wiederholten sie sich automatisch in Endlosschleife, ohne dass ich über die einzelnen Worte noch nachdenken musste. Selbst das begleitende Rauschen des Radios hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt. Natürlich sprachen die Nachrichten keineswegs davon, dass wir Anteil nehmen sollten an der Freude, Schönheit und Farbigkeit des Lebens – die Worte, die mich seit Tagen begleiteten, handelten vielmehr von der prekären Situation in den derzeitigen Krisengebieten und vor allem von dem angekündigten Meteoriten, der nach Berechnung der Astronomen heute Abend auf die Erde prallen sollte – angeblich ganz in unserer Nähe. Ich wechselte zwischen Countrymusik und Pophits hin und her, bis die folgende Meldung mich aufschreckte: „Achtung! Wir unterbrechen das derzeitige Programm für eine wichtige Eilmeldung! Nach dem Pressesprecher der European Space Agency wird der Meteorit nicht, wie angekündigt, um zwanzig Uhr in die Atmosphäre eintreten; neusten Berechnungen zufolge wird dies aufgrund einer Fehlberechnung der Fluggeschwindigkeit bereits heute gegen achtzehn Uhr Ortszeit der Fall sein. Wir möchten Sie erneut darauf hinweisen, dass außerhalb des errechneten Einschlaggebietes keine Gefahr zu erwarten ist.“ Ein Rauschen unterbrach einen Moment lang die Durchsage, und ich klopfte gegen das Armaturenbrett, bis die Stimme aus dem Radio aufgeregt fortfuhr.

„Die entsprechenden Zonen wurden bereits gesichert. Für nähere Informationen zu den Koordinaten gehen Sie bitte auf unsere Homepage. Ab sechzehn Uhr werden Ihnen Professor Doktor Michels und seine Assistenten im Live-Chat Ihre Fragen beantworten. Jetzt machen wir zunächst weiter im Programm. Jennifer aus Audley hat sich zur Feier des Tages The Final Countdown von Europe gewünscht …“

Ich biss gelangweilt von meinem Sandwich ab, und eine Tomatenscheibe landete auf meiner Jeans.

„So ein Mist!“

Den Fleck würde ich noch den ganzen Tag mit mir herumtragen müssen. Ich machte mir aus den Meldungen nichts. Gestern hatte ich mir mit Louis ein Interview mit dem Vertreter einer selbsternannten Katastrophenschutz-Organisation angesehen, der ernst erklärte, was alles zur Survival-Grundausrüstung gehörte: Neben Campingkochern und Erbsensuppe in Dosen wurde zu einem Vorrat an Wasser und an einschlägigen Hygieneartikeln geraten …

„Lächerlich, diese Idioten“, hatte Louis verkündet und weiter zu einer Soap gezappt.

Ich stand an der Ampel und wartete ungeduldig darauf, dass sie auf Grün umsprang. Einige Irre standen mit Schildern bewaffnet an den Straßenecken, darauf bedacht, Passanten abzufangen und ihnen von einem Putsch oder einer Invasion von Außerirdischen zu erzählen. Während ich ungeduldig auf das Lenkrad klopfte, hämmerte einer der Verrückten an die Seitenscheibe und drückte sein selbstgemaltes Schild dagegen.

„Die Regierung hintergeht uns! In Regierungskreisen ist längst bekannt, dass dieser Meteorit (er deutete in den wolkenlosen Himmel) uns alle umbringen wird! Sie sagen uns nichts, um keine Massenpanik auszulösen!“

Ich drückte auf den Knopf der Wagentür, und das spaltbreit geöffnete Fenster schloss sich. Er wandte sich von mir ab und ging auf das nächste Auto zu. Undeutlich hörte ich, wie er lamentierte: „Während wir ums Überleben kämpfen, werden sich die Reichen und Schönen in ihre Helikopter retten! Ihr werdet schon sehen!“ Nach einem Hupkonzert verschwand der Mann schließlich hinter der nächsten Kreuzung.

Ich überlegte: Die Stimmung war aufgeheizt. Neben den Hysterikern gab es allerdings auch diejenigen, die das Ganze meiner Meinung nach zu wenig ernstnahmen – sogenannte Normalos, die das Spektakel am Himmel entspannt beobachten und passend dazu eine Themenparty am heimischen Grill machen wollten. Natürlich gehörte auch Chloe dazu. Sie war eine Mitschülerin, die mit einer sündhaft schlanken Figur ausgestattet war und nicht mal den Anstand besaß, sich zum Ausgleich dafür wenigstens dumm zu stellen. Sie war einfach perfekt. Wäre sie versehentlich auf den Laufsteg der Victoria’s Secret Fashion Show gestolpert, wäre es keiner Menschenseele unangenehm aufgefallen. Eigentlich mochte ich Chloe nur deshalb nicht, weil mein bester Freund Louis heillos in sie verknallt war und sie ihn mit Gleichgültigkeit strafte, was ihm und mir das Leben zur Hölle machte. Vor zwei Monaten hatte ich zusammen mit Louis drei Nächte damit verbracht, Buttons für ihre Wahl zur Schulsprecherin zu basteln. Louis hatte sich freiwillig dazu bereiterklärt und den Mund etwas zu voll genommen, als er versprochen hatte, er könne fünfhundert Stück bis zur Wahl organisieren.

Diesmal hatte Louis alles dafür getan, um heute auf ihrer Party zu landen, und tatsächlich hatte Chloe ihm und mir eine Einladung überreicht. Wenn es darum ging, angehimmelt zu werden, konnte sie nicht genug Gäste haben. Obwohl Louis tagelang auf mich eingeredet hatte, um mich als Begleitung für diese Party zu bekommen, hatte ich kategorisch abgelehnt. Noch eine dieser selbstdarstellerischen Poolpartys im Haus ihrer Eltern würde ich nicht überleben. Ich konnte bereits die Stoppuhr anschalten: Spätestens kurz vor Mitternacht würde eine SMS der nächsten folgen, mit dem Inhalt, dass Louis mutterseelenallein in einer Ecke saß, alle wie wild tanzen und er gehen müsse, weil sein Reizdarmsyndrom ihm zu schaffen mache. Meine Vorhersage brachte mich schon jetzt zum Schmunzeln.

Ich hatte beschlossen, mich aus der Affäre zu ziehen und die Zeit lieber zu nutzen, um an meiner Hausarbeit zu feilen. Einem brennenden Kometen, der am Ende als faustgroßer Kohleklumpen irgendwo in ein Dach einschlagen würde, konnte ich nichts abgewinnen. Seit fast zwei Monaten kannte ich jetzt das Thema für meine Arbeit und hatte noch kaum mehr als den Titel geschafft. Die Überschrift Politische Konflikte seit 1800 würde ich so nicht stehen lassen können. Mit dem Bleistift hatte ich mir bereits Notizen mit Alternativen an den Rand notiert. Als Mrs. Greenberg, unsere Sozialkundelehrerin, mir dieses Thema aufgehalst hatte, hatte ich schon gewusst, dass sie nur testen wollte, wo meine Grenzen lagen – und da waren sie! Jeder Artikel zu dem Thema las sich einfach nur schleppend. Bei dem Gedanken an die Arbeit, die mir noch bevorstand, verging mir der Appetit, und ich stopfte mein Sandwich zurück in die Tüte und warf sie achtlos auf den Beifahrersitz. Es war bereits Viertel vor vier, und ich musste mich beeilen: Die Bibliothek schloss pünktlich um vier.

„Nun mach schon“, drängelte ich, als die ältere Dame in dem Wagen vor mir im Schneckentempo über die Straße kroch.

Als ich in die Halle stürmte, war außer der gutmütigen alten Erna niemand mehr da. Erna war so etwas wie der gute Geist der Bibliothek. Sie war nicht nur schon seit Beginn meiner Schulzeit dort, sondern war schon während der Studienzeit meines Onkels in der Bibliothek gewesen. Wenn man im Archiv nachsah, glaubte man manchmal, sie auf zweihundert Jahre alten Aufnahmen erkennen zu können.

Erna blinzelte mich aus müden, aber freundlichen Augen an. „Kindchen, ich wollte gerade Feierabend machen. Heute war niemand da, ist denn das zu glauben? Alle springen sie im Dreieck wegen diesem verrückten Stein.“

Erna war eigentlich zu intelligent, um den Meteoriten einfach nur als Stein abzutun, doch im Grunde traf sie den Nagel auf den Kopf: Die Medien machten wieder einmal viel Lärm um nichts.

„Ja, da hast du recht.“ Ich hielt meinen Stoffbeutel, aus dem Papiere ragten, in die Luft und erklärte: „Ich beschäftige mich heute lieber damit.“

Erna schenkte mir ein bedauerndes Lächeln, wickelte sich ihre rosa Strickweste um die runden Hüften und watschelte zu ihrer alten braunen Krokodilledertasche. Sie schnappte sich ihren Sonnenschirm und winkte mir zum Abschied damit zu.

Ich hatte das Glück, dass man mich hier kannte. Seit Jahren war ich ständiger Gast in diesen heiligen Hallen. Nur hier gab es exklusiv eine Märchenabteilung, wie ich sie nannte, mit Sagen und Mythen. Natürlich waren auch Jacob und Wilhelm Grimm sowie Hans Christian Andersen vertreten. Als ich mich an der Schule eingeschrieben hatte, hatte ich mich hier um eine Aushilfsstelle beworben, um mein Taschengeld aufzubessern, und sie auch prompt bekommen. Ich schien keinen kleptomanischen Eindruck zu machen, denn man vertraute mir umgehend die Schlüssel an, mit denen ich jederzeit die Bibliothek betreten konnte. Dennoch war es mir irgendwie unangenehm, nach den Öffnungszeiten heimlich in die Bibliothek zu schleichen, weshalb ich es tunlichst vermied.

Ich breitete mich an der hintersten Bank im Leseraum aus. Obwohl außer mir niemand da war, fühlte ich mich in der letzten Reihe am wohlsten. Trotz der hellen Sonne, die durch die hohen Fenster schien, wirkte der Saal düster. Die schwarzbraunen Regale, Tische und Stühle schluckten förmlich das Licht. Vorsorglich schaltete ich die Tischlampe mit dem grünen Glasschirm an. Ich hatte mir bereits Notizen gemacht, welche Bücher ich lesen wollte und in welchen Regalen ich danach suchen musste. Ich hielt den Zettel unter das schwache Licht der Leselampe und überflog die Titel. Natürlich lag bei meinem Glück ein Großteil in der sogenannten Handsuche im Keller. Das bedeutete nichts anderes, als dass ich vermutlich Stunden damit verbringen würde, nach Büchern zu suchen, die nicht dort standen, wo sie stehen sollten. So mancher Faulenzer räumte seine Bücher nämlich einfach dort ein, wo er gerade stand oder versteckte sie, damit er am nächsten Tag damit weiterarbeiten konnte, ohne Angst haben zu müssen, dass ein anderer ihm sie wegschnappte. Ich widmete mich zuerst den Exemplaren, die außerhalb der Handsuche zu finden waren: Sozialpolitik in den Anfängen, Historische Entwicklung der Politik in Phasen, Einflussreiche Politiker seit 1800 und Organe der Politik. Alle Werke, die ich benötigte, hatte ich unter meinen Arm geklemmt und trug sie an meinen Tisch.

„Regal 74B, abgehakt.“ Ich setzte mit Kugelschreiber einen schwarzen Haken hinter die Bücher, die ich gefunden hatte. Nun kümmerte ich mich um den Rest.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es in weniger als einer Stunde so weit sein würde. Chloes Party war vermutlich schon in vollem Gange. Die Leute würden in sechsundvierzig Minuten gebannt in den Himmel starren und applaudieren, sobald der Gesteinsbrocken wie ein Feuerwerk explodierte. Etwas mulmig war mir inzwischen schon. Wenn die Verrückten doch recht hatten, würde ich allein inmitten all dieser Bücher hier sterben. Die Alternative erschien mir allerdings auch nicht wesentlich angenehmer: Auf Chloes Party zu sterben war noch grauenhafter.

Selbst meine Eltern waren zu einer Gartenparty bei Freunden eingeladen. Den ganzen Morgen hatte meine Mom damit verbracht, Häppchen und einen Nudelsalat als Mitbringsel vorzubereiten. Seit Louis sich verplappert hatte und meine Eltern Bescheid wussten, dass ich nicht vorhatte, auf die Party des Jahres zu gehen, redete meine Mom unermüdlich auf mich ein. Andere Eltern fürchteten, dass ihre Töchter sich zu früh an den Hals irgendwelcher Jungs warfen und meine befürchteten mittlerweile, dass ich als alte Jungfer inmitten einer Katzenhorde sterben würde. Ihre Ängste hatte meine Mom bereits mit ihrer besten Freundin Heather geteilt, die mir seitdem ihren Sohn aufs Auge drückte. Ich kannte Brian vom Midnight Diner. Er bediente dort an der Theke und stank ständig nach Hamburgern und altem Fett …

Bevor sich mein Teufelskreis aus Gedanken drehen konnte, hakte ich zwei Bücher auf meiner Liste ab und machte mich auf die Suche nach den Strukturmerkmalen der Demokratie. Das Buch schien wie vom Erdboden verschluckt.

„War ja klar“, murmelte ich und durchforstete die Bücherreihe. Ausgerechnet dieses Buch hatte meiner Meinung nach großes Potenzial, meine Primärquelle zu werden!

„So ein Mist!“

Ich erinnerte mich an einen Tipp von Erna: Meist standen die verschollenen Bücher der Handsuche eine Reihe darüber oder darunter oder etwas nach links oder rechts verschoben. Ich suchte Reihe um Reihe ab, fand aber nichts. Seufzend lehnte ich mich gegen das Regal hinter mir. Meine letzte Hoffnung war die Oberseite des Regals – auch dort wurde gern etwas versteckt.

Entschlossen schnappte ich mir einen Tritthocker, stieg hinauf und tastete auf dem staubigen Regal herum. Ich konnte fühlen, dass da oben ein paar Bücher lagen, nur eben nicht welche. Irgendjemand hatte bestimmt schon vergeblich danach gesucht! Mit geschickten Fingern konnte ich das Lesebändchen des untersten Buches erreichen. In der Hoffnung, es nicht abzureißen, zog ich vorsichtig daran, als ein gleißend helles Licht durch die Tür am oberen Ende der Treppe fiel.

„Hey, wer ist da? Mach sofort das Licht wieder aus!“, rief ich Richtung Treppe und kniff die Augen zusammen.

Ich wollte gerade den Hocker verlassen und mich selbst um das Licht kümmern, als der Boden mitsamt Gebäude darauf zu beben begann. Haltsuchend klammerte ich mich an das Bücherregal. Ich sah noch, wie sich der Bücherstapel von der Regaldecke auf mich zubewegte und schließlich auf mich fiel. Dann wurde es dunkel um mich herum und ich spürte mich fallen.

Als ich wieder zu mir kam, fühlten meine Gelenke sich steif und meine linke Schläfe sich warm an. Erst nach und nach registrierte ich, dass ich unter einem Stapel Bücher begraben lag. Das große Regal lehnte gefährlich an der Bücherwand hinter mir, und es fehlte nicht viel, um es ganz umkippen zu lassen. Glück im Unglück nannte man das wohl. Nachdem ich mich vom Gewicht der Bücher befreit und aufgesetzt hatte, spürte ich, wie meine Schläfe pochte. Vorsichtig befühlte ich die Stelle und spürte, dass sich neben einer Platzwunde eine Beule gebildet hatte.

Ich stand auf und lief die Treppen zur Eingangshalle hinauf. Das Licht war inzwischen verschwunden. Nur eine einsame Glühbirne am Treppenausgang flackerte vor sich hin. Neben den Spinden waren die Besuchertoiletten. Ich nahm mir einen Stapel Papiertücher aus dem Spender und drückte sie gegen die Wunde. Selbst der Spiegel hatte einen Riss bekommen, der mein Spiegelbild diagonal zerschnitt. Die Kloschüssel hatte ebenfalls einen Sprung in der Mitte, und Wasser rann aus dem Riss. Es musste eine Art Erdbeben gewesen sein! Schnell zog ich mein Handy aus der Hosentasche und sah eine Nachricht von Louis aufblinken: Scheiße, hier stürzt die ganze Bude ein! Geh endlich ans Handy!

Neben der Nachricht leuchteten fünf entgangene Anrufe. Ich kannte Louis seit meiner Kindheit und wusste, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Nur einmal hatte er mehrfach versucht mich zu erreichen und das war, als sein Labrador von einem Auto angefahren worden war und er ihn hatte einschläfern lassen müssen. Ich tippte auf das grüne Symbol unter seinem Namen und hörte ein Freizeichen, aber niemand meldete sich.

„Nun mach schon. Geh ran!“

Doch außer der Mailbox meldete sich niemand. Anschließend versuchte ich, meine Eltern zu erreichen, aber auch hier gab es nicht mehr als ein monotones Piep – Piep. Ich musste zu ihnen fahren und sehen, ob ihnen etwas zugestoßen war.

Mühsam stemmte ich die Eingangstür auf. Was mich erwartete, war ein milder Sommernachmittag – und ein Trümmerhaufen. Die Autos auf dem Parkplatz waren alle nach rechts verrückt und zum Teil aneinandergestoßen. Häuserfassaden hatten ihren Putz verloren sowie Scheiben und Ziegel. Alles war mit Staub, Sand und Trümmern bedeckt.

Außer mir war niemand hier. Mussten nach einem Erdbeben die Menschen nicht nach draußen strömen, sich den Schaden besehen und panisch nach Freunden und Familienangehörigen rufen? Ich sah mich um und versuchte, Geräusche auszumachen, aber außer dem Bellen eines Hundes, der sich in seiner Leine verfangen hatte, war nichts zu hören.

In der bangen Erwartung, einen Schrotthaufen vorzufinden, ging ich zu meinem Auto, doch abgesehen von ein paar Schrammen und einer dicken Staubschicht schien sich mein alter Ford gut gehalten zu haben. Der Besitzer des Mercedes neben mir würde sich mehr ärgern …

Ich fuhr schneller als erlaubt nach Hause, fand jedoch niemanden vor. Nicht mal unsere Katze Missy lief miauend im Treppenhaus umher auf der Suche nach Futter. Auch im Haus unserer Bekannten drei Straßen weiter war weder von einer Gartenparty noch von meinen Eltern etwas zu sehen: Regungslos hingen die bunten Lampions über einem Tisch voller Würstchen und Pappteller. Es war, als hätte der Erdboden alle Menschen auf der Welt verschluckt …

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenkrampfte, doch ich riss mich zusammen und fuhr weiter zu Chloes Haus. Auch hier war niemand mehr in Feierlaune, geschweige denn anwesend. Plastikbecher rollten mit dem Wind vor dem Pool auf und ab, eine Luftmatratze trieb auf dem Wasser vor sich hin, und die gläserne Balkontür war in tausend Scherben zerborsten.

„Louis?“, rief ich vorsichtig, erhielt jedoch keine Antwort.

Ich beschloss, dass es am besten wäre, wieder zur Bibliothek zurückzufahren. Dort würde man mich am ehesten vermuten, nachdem ich weder auf der Gartenparty noch auf Chloes Party aufgetaucht war. Dort tippte ich die Telefonnummer von Louis in das alte Festnetztelefon und versuchte erneut ihn zu erreichen. In einem weiteren Versuch wählte ich Ernas Nummer, doch nicht einmal sie meldete sich.

Die örtliche Polizeistation schien mir eine kluge Anlaufstelle für mein Problem zu sein. Ich suchte die Nummer aus dem zerfledderten Telefonbuch an der Rezeption heraus. Nach einem Freizeichen meldete sich ein Tonband: „Hallo, Sie sind mit der Polizeidienststelle 26-45 Nord verbunden. Leider ist derzeit niemand erreichbar. Sollten Sie akut Hilfe benötigen, wenden Sie sich bitte versuchsweise an …“

An dieser Stelle unterbrach ich die Verbindung. Versuchsweise, fluchte ich innerlich und drückte den Hörer auf die Gabel. Das sagte doch schon alles! Allem Anschein nach hatten die verrückten Verschwörungstheoretiker rechtbehalten. Andererseits konnte ich unmöglich die einzige Person sein, die die Katastrophe überlebt hatte. Vielleicht waren kurzerhand alle evakuiert worden, während man mich in der Bibliothek vergessen hatte? Die Tatsache, dass nirgendwo Leichen lagen, sprach für diese Hypothese.

Ich lief zum Café in der zweiten Etage und starrte auf den Fernseher. Er wiederholte pausenlos die letzte Meldung. Man sah die blonde Nachrichtensprecherin mit dem akkuraten Bob und dem roten Blazer, die einem stämmigen Mann in Militäruniform Platz machte. Die Kamera zoomte sein Gesicht heran, und er erklärte in strengem Ton, dass der Meteoriteneinschlag ein unvorhergesehenes Ausmaß angenommen hatte und dabei ein Großteil der Bevölkerung zu Schaden gekommen war. Auf den Umfang der Sach- und Personenschäden ging er indes nicht näher ein. Das war wohl die harmlose Version von „für tot erklären“. Händeringend suchte er nach Erklärungsmöglichkeiten für den Vorfall, aber an dem Stottern und seinem Tonfall merkte man, dass hinter diesen Aussagen kein Wissenschaftler steckte, sondern dass er diese Worte aus der Not heraus geboren hatte, um den Eindruck zu erwecken, alles wäre unter Kontrolle. Wahrscheinlich sehnte er sich danach, zu seiner Familie zu fahren und nach dem Rechten zu sehen. Jetzt war wieder die Nachrichtensprecherin zu sehen und fragte, wie sich die Bevölkerung angesichts dieser Ereignisse, verhalten sollte. Ich hoffte darauf, dass er einen Ort nennen würde, an dem man sich einfinden sollte, wenn man Hilfe suchte. Stattdessen räusperte er sich und sagte zögerlich ins Kameraobjektiv, dass es derzeit noch keine Sammelstellen gäbe und auch noch kein fester Ort dafür vorgesehen sei. Er würde erneut eine Meldung herausgeben, wenn das Militär einen Plan ausgearbeitet habe, warnte jedoch auch davor, dass die Stromversorgung nicht länger gewährleistet werden könnte. Wie zum Zeichen, dass das keine Lüge war, ging der Fernseher aus. Ich drückte mehrmals auf den roten Knopf der Fernbedienung, doch der Bildschirm blieb schwarz.

„Na super! Und was soll ich jetzt tun?“ Ich legte die Fernbedienung zurück auf den Tisch.

Immerhin war ich nun um das Wissen reicher, dass dieses Problem alle betraf und ich nicht allein auf diesem Planeten übriggeblieben war. Zumindest ein paar Menschen schienen die Katastrophe überstanden zu haben. Obwohl ich mir darüber im Klaren war, dass meine Eltern möglicherweise tot waren, war mir nicht nach Heulen zumute. Vermutlich lag es daran, dass nicht eine geliebte Person gestorben war, um die man gemeinsam trauerte, sondern dass alle gestorben oder zumindest spurlos verschwunden waren – alle bis auf mich. Im Umkehrschluss war ich also diejenige, die aus der Reihe tanzte. Außerdem deutete ich es als gutes Zeichen, dass alle Häuser in Cardington verlassen gewirkt hatten, als ich hindurchgefahren war. Wahrscheinlich befanden sich meine Eltern und Louis längst in Sicherheit und Mom brüllte bereits einen Polizisten an, dass man gefälligst nach mir suchen solle. Der Gedanke beruhigte mich einen Moment.

Ich beschloss, erst einmal hier zu bleiben und abzuwarten, wie sich die Situation in den nächsten Tagen entwickelte. Vielleicht startete der Strom wieder, vielleicht würden Hilfsstationen eingerichtet werden, vielleicht meldete sich Louis, und vielleicht durchkämmten bald Soldaten die Straßen, fanden mich und nahmen mich mit.

Vielleicht könnte ich auch die Fernsehstation ausfindig machen und aufsuchen? Immerhin wusste ich, dass sich dort die Moderatorin und der Mann in Uniform aufgehalten hatten. Verschiedene Szenarien spukten mir durch den Kopf, und darin gab es noch genug Hoffnung. Um Nahrung würde ich mich vorerst nicht kümmern müssen: Das Café war für seinen leckeren Butterkuchen berühmt und hatte davon immer reichlich Vorrat, weil er bei Schülern und Studenten der Renner war. Auch die Wasserleitungen schienen nicht beschädigt worden zu sein: Als ich einen Hahn aufdrehte, kam frisches Trinkwasser daraus.

* * *

Ich lief ziellos durch den Lesesaal und sah im Vorbeigehen die Bücher über Politik an, die ich für mein Referat gesammelt hatte. Die würde ich nun nicht mehr so schnell brauchen. Auch das Grauen namens Matheprüfung hatte durch das Unglück einen unerwarteten Aufschub erfahren … Erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl fallen und starrte zur Decke.

Der Tag X lag nun bereits einige Tage zurück und ich hatte die letzten Stunden damit verbracht, die Türen abzuschließen und mit allem zu verbarrikadieren, was sich tragen und schieben ließ. Selbst vor den Fenstern hatte ich kleinere Regale und Bücher aufgestapelt. Mir musste niemand etwas vormachen: In Serien folgte auf solche Katastrophen immer eine Zombieapokalypse. Wer wusste schon, welche Keime dieser Meteorit zu uns auf die Erde geschleppt hatte? Waffen würde ich hier zwar keine finden, aber vielleicht ließen sich Zombies ja auch mit Lovestorys oder Medizinbüchern über die Anatomie und Physiologie des menschlichen Herzens begeistern? Dass dieses Szenario gegen alle Regeln der Logik verstieß, machte es für mich nicht im Mindesten unwahrscheinlicher.

Das Internet war von dem Stromausfall ebenso betroffen wie alle Elektrogeräte und somit down (wie Louis es ausgedrückt hätte). Außer den Computern deutete nichts mehr darauf hin, dass sich noch bis vor wenigen Tagen alles online abgespielt hatte. Facebook und Twitter hatten ausgedient. Niemand würde sich so schnell wieder für alberne Selfies oder peinliche Beziehungsstreits interessieren. Ich saß hier ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt und tippte wütend auf die tote Computertastatur.

Als es zu dämmern begann, schnappte ich mir ein paar Decken aus dem Pausenraum der Mitarbeiter und machte es mir in der Märchenabteilung gemütlich. Es war die einzige Abteilung, die rund und bauchig eingerichtet war. Wie eine Kuppel wölbte sich die Decke über den Raum. Chaotisch und verstaubt reihten sich Bücher in allen Formen, Größen und Farben aneinander. Manchmal hatte ich meine Zeit damit zugebracht, kleine Regale nach den Anfangsbuchstaben der Autoren zu sortieren. Die Sessel und Sofas hier hatten schon bessere Tage erlebt, aber das trug nur zum Flair bei. Man fühlte sich heimisch und geborgen.

Ich konnte mich nicht daran erinnern, je jemanden außer mir hier gesehen zu haben. In der Medizinabteilung nebenan dagegen rannten sich täglich hunderte Studenten die Füße wund, ständig auf der Suche nach einer Krankheit oder einem Symptom. Diese Abteilung hingegen vegetierte still vor sich hin. Nicht einmal die Philosophiestudenten zeigten Interesse an dieser Art von Belletristik. Dabei war von „A“ wie „Alraunen“ bis „Z“ wie „Zyklopen“ alles vorhanden.

Mit dem Gedanken, dass mich hier selbst vor dieser Katastrophe niemand beim Träumen erwischt hätte, schlief ich ein.

* * *

Heute war es auf den Tag genau zwei Wochen her, seit meine Welt auf den Kopf gestellt worden war. Seitdem hatte ich mit keiner Menschenseele mehr geredet. Hoffentlich würde ich nicht zu einer verrückten Einsiedlerin verkommen, die mit sich selbst sprach.

Ich beschloss, über den Dachboden auf das kleine Flachdach zu gehen und Ausschau nach anderen Leuten zu halten. Ich wusste, dass das Dach an dieser Stelle begehbar war, da die Stadt jährlich zur Weihnachtszeit einen großen beleuchteten Stern darauf platzierte. Mit einem Stück Kuchen und einer Tasse kaltem Kamillentee in der Hand wanderte ich über den modrig riechenden Speicher. Mit jedem Schritt wirbelte ich Staubmäuse aus ihren Verstecken. Der Raum diente den Mitarbeitern der Bibliothek offensichtlich dazu, alte Kleider, Nähpuppen und Schaukelpferde abzustellen. Die Tür ins Freie war zum Glück nicht verschlossen, und als ich sie öffnete, blieb ich einen Augenblick verwundert stehen. Es war bestimmt Erna gewesen, die hier Tomaten, Orchideen und Kräuter angepflanzt hatte. Ein Geruch von Rosmarin und Salbei stieg mir in die Nase. Der hölzerne Schaukelstuhl und der bunte Quilt darauf mit seinen Mustern und Ornamenten trug eindeutig ihre Handschrift.

Die Luft war für Juni ungewöhnlich frisch. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich angenommen, es wäre ein Apriltag. Auf die schmiedeeiserne Brüstung mit den floralen Verzierungen gestützt, blickte ich hinweg über die Häuser und Straßen. Außer gähnender Leere konnte ich nichts erkennen. Kein rauchender Schornstein, kein Vorhang, der sich hinter Fenstern bewegte – nur eine einsame Plastiktüte bauschte sich im Wind und trieb durch die Gassen.

Schnaufend ließ ich mich in den Schaukelstuhl fallen und starrte in den wolkenverhangenen Himmel. Die Sonne ließ sich milchig hinter der grauen Wolkendecke erahnen. Einige Minuten rätselte ich, ob in den letzten Wetterberichten vor einem Unwetter gewarnt worden war, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Alles war mit Staub und Schmutz bedeckt und das, was dort den Himmel und die Sonne verschleierte, war nichts anderes als eine riesige Staubwolke! Sie musste beim Einschlag aufgewirbelt worden sein – und wahrscheinlich würde sie sich in den kommenden Tagen lichten oder mit dem nächsten Regen herabgespült werden. Der trockene Staub, der sich wie ein Schleier über die Stadt gelegt hatte, würde einer Schicht aus grauem Schlamm weichen.

Ich warf einen kurzen Blick auf den Kalender, auf dem ich jeden Tag einen Tag mit einem Kreuz abstrich. Mittlerweile zog Woche Nummer drei ins Land und ich saß noch immer in der Bibliothek fest. Träge ging ich in die Küche. Auf dem Weg dorthin knotete ich mir die Haare zu einem lockeren Dutt zusammen.

Ich war gerade damit beschäftigt, mir einen kalten Tee zuzubereiten, als ich etwas poltern hörte. Mein Herz machte einen Satz und ich zuckte zusammen. In letzter Sekunde unterdrückte ich einen Schrei. Obwohl meine Hände zitterten und die Tasse zu Boden zu fallen drohte, wagte ich es nicht, sie zurück auf den Tisch zu stellen. Wer zum Teufel war außer mir noch hier? Und wie war er, sie oder es hier hereingekommen? Fieberhaft suchte ich nach einer plausiblen Erklärung für das Geräusch. Wahrscheinlich war es nur ein Buch, das aus dem Regal gefallen war.

Ich machte schließlich täglich einen Kontrollgang, und nichts hatte auf Eindringlinge hingedeutet. Und wer sollte schon in eine Bibliothek einbrechen wollen?

Abermals polterte etwas im Nebenzimmer und ich schrak wieder zusammen. Zitternd stellte ich nun doch die Tasse ab. Das Geräusch des aufsetzenden Porzellans klang übertrieben laut und ich fürchtete, dass man mich gehört hatte. Auf Zehenspitzen wagte ich mich zur Tür. Das Blut rauschte in meinen Ohren, als ich einen Blick ins Nebenzimmer warf. Leise vernahm ich ein Miau. Mein Blick wanderte zwischen den Regalen hindurch. Wieder hörte ich Bücher poltern, diesmal lauter, gefolgt von einem schrillen Miuuuu!

Ich begriff endlich, dass es sich nur um Kleopatra, die Katze handeln konnte, die regelmäßig die Bibliothek heimsuchte, und erleichtert atmete ich auf. Da sah ich sie auch schon: Die kleine Katze hatte sich ängstlich unter einem Schreibtisch zusammengekauert und stierte mich aus Kulleraugen an. Wie war sie hier hereingekommen?

Ich ging zurück in die Küche und kehrte kurz darauf zurück mit einer Espressotasse voller Milch. Langsam näherte sie sich mir, schnurrte und streifte mit ihrem Schwanz um mein Bein. Während sie sich über die Milch hermachte, lief ich die Türen und Fenster ab. Alles war geschlossen. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, wie sie es hier hereingeschafft hatte.

2. Kapitel

In den folgenden Tagen fanden sich immer mehr Katzen in der Bibliothek ein. Dadurch, dass sich die Staubwolke noch immer nicht lichtete, wurde es zunehmend kälter. An den Fenstern hatten sich kleine Eisblumen gebildet. Meine Erklärung für das plötzliche Auftauchen der Katzen war, dass sie einfach einen geschützten Platz suchten und in der Bibliothek fanden – was allerdings nicht erklärte, durch welches Schlupfloch sie hereinkamen. Auch wenn mir jede Neuankunft einen Schrecken einjagte, freute ich mich über die miauende Gesellschaft. Inzwischen mussten es mehr als neun Katzen sein, mit denen ich hier hauste und mit denen ich meine Vorräte ebenso teilte wie meinen Schlafplatz. Sobald ich morgens das Sofa verließ, tummelten sie sich auf der noch warmen Decke.

Purr purr, weckte mich Kleopatra. Mit ihrem glänzenden Fell und ihren bernsteinfarbenen Augen schien sie besonders wertvoll zu sein – wahrscheinlich wurde sie schmerzlich vermisst von einem Kind oder einer älteren Dame. Sanft kraulte ich ihr den Kopf und erntete ein zufriedenes Schnurren.

„Guten Morgen. Ich weiß, ihr habt Hunger.“ Ich gähnte kurz und streckte mich, bevor ich mir meine Sneaker überstreifte.

Die Katzen begleiteten mich mittlerweile immer auf dem Weg ins Café. Sobald ich an ihnen vorbeilief, verließen sie ihre Schlafplätze und folgten mir in einer langen Reihe bis zum Tresen. Sie schienen es zu einem Gesetz erhoben zu haben, dass es immer Futter gab, wenn ich Richtung Küche lief. Der Boden war bereits von Milchflecken übersät, was die Vierbeiner jedoch nicht störte.

Einen halbleeren Getränkekarton Milch in der Hand, bahnte ich mir einen Weg zwischen den Katzenpfoten hindurch und goss ihnen unter lautem Miauen je eine halbe Tasse ein, bevor ich mich endlich um mein eigenes Frühstück kümmerte.

Gestern hatte ich das letzte Stück trockenen Kuchen vertilgt und beschloss, mich den Honigwaffeln in den Automaten zu widmen. Bevor ich mich auf den Weg machte, hüllte ich mich in Ernas dicken, bunten Quilt. Er trug noch immer den vertrauten Geruch ihres schweren Parfums in den Fasern. Es war inzwischen winterlich kalt geworden, und bald würde ich zusehen müssen, wie ich den alten Kamin hinter dem Lesesaal in Betrieb nehmen konnte. Ich hoffte, dass das Herrenzimmer ein Überbleibsel des großbürgerlichen Hauses war, dass das Gebäude in früheren Zeiten einmal gewesen sein musste und keine Attrappe.

* * *

Ich trat gegen den Snackautomaten und ein tock-dong-tapp ertönte, als die Waffeln gegen das Glas und dann auf den Blechboden der Ausgabe fielen. Tapp? Ich hatte mich in den letzten Wochen mehrmals an dem Automaten bedient und das tock-dong war mir vertraut – das Tapp hingegen nicht.

Was ich gehört hatte, musste ein Schritt gewesen sein. Aber von wem? Auch die Katzen hatten das Geräusch offenbar bemerkt, denn sie spitzten ihre Ohren in eine bestimmte Richtung und schienen auf der Hut zu sein.

Hinter dem Automaten war nur der Raum für die Kunstdrucke und Kunstbücher und der war abgesperrt, seit sich so mancher Student den einen oder anderen Druck stibitzt hatte, um seine Campuswohnung zu verschönern. Meine Katzenarmee im Rücken stellte ich mich vor die Tür und tippte gegen die Klinke – verschlossen. Ich hörte jedoch, dass jemand in dem Raum auf und ab ging.

„Hallo? Ist da jemand? Falls ja, dann sage ich gleich, dass ich nicht bewaffnet bin und Ihnen nichts tun will … und Sie mir hoffentlich auch nicht. Hallo?“

Ich klang mindestens ebenso ängstlich und mutlos wie ich mich fühlte. Mit dieser Ansage hätte ich niemanden in die Flucht schlagen können. Im Gegenteil, ich war dumm genug gewesen zu verraten, dass ich schutzlos vor der Tür stand. Jeder Trottel konnte sich denken, dass ich mich sofort ergeben würde. Wenigstens eine Suppenkelle aus der Küche hätte ich mir schnappen können!

„Ich … ich komme jetzt rein!“

Mit unruhigen Fingern wählte ich den passenden Schlüssel aus dem Bund, drehte ihn im Schloss und stieß die Tür auf.

In der Mitte des Raumes stand ein fremder Junge, der in etwa mein Alter haben musste. Er lachte lauthals los und hielt sich den Bauch, als er meine Heldenpose sah. Er hatte dunkles Haar und ein blasses, schmales Gesicht. Unter seiner Kleidung konnte man eine schlanke Statur erahnen, gleichzeitig feingliedrig und stark. Ich starrte ihn offenen Mundes an. Ich wusste nicht, wen oder was ich erwartet hatte, aber definitiv keinen gutaussehenden Kerl vor einer überdimensionalen Reproduktion der Mona Lisa. Sein Lachen verebbte, und die entstehende Stille holte mich zurück ins Hier und Jetzt. Mit verschränkten Armen lehnte der Typ sich an ein Regal und musterte mich mit ruhigem Blick von oben bis unten.

„Wer bist du? Und wie bist du hier reingekommen?“

Er lachte erneut auf und warf den Kopf in den Nacken.

„Entschuldige, ich hätte mich zuerst vorstellen sollen …“

„Ja, hättest du vielleicht“, stimmte ich ihm zu.

„Würdest du mir glauben, wenn ich dir erzähle, dass ich ein Student bin und die gute, alte Erna mich hier vergessen und eingesperrt hat?“

Ich zog die Augenbrauen zusammen. Erna mochte zwar alt sein, aber sie hatte ein gutes Gedächtnis. Manchmal war es sogar unheimlich, wie detailliert sie sich an längst vergangene Begebenheiten erinnerte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie einen Besucher aus Versehen einsperrte. Sie schien nicht nur die Standorte aller Bücher auswendig zu kennen, sondern auch jederzeit zu wissen, wer sich in diesem Gebäude wann und wo aufhielt.

„Ehrlich gesagt, nein. Ich habe dich hier noch nie gesehen, und Ernas Gedächtnis ist gut. Außerdem müsstest du schon Wochen hier eingesperrt sein, aber du siehst weder hungrig noch durstig aus.“

„Tja, dann muss ich wohl geflunkert haben.“

Ich verdrehte die Augen, während er seine Hände in die Hosentaschen schob, unschuldig lächelte und mit den Achseln zuckte.

„Wäre es dann nicht angebracht, mir jetzt die Wahrheit zu sagen?“

„Wow, du hast echt alles vergessen!“, stellte er fest und blinzelte verwundert. Er setzte sich auf die Kante eines Tisches und begann, einer Schildpattkatze den Bauch zu kraulen, die ergeben schnurrte.

„Hör mal, wenn ich dir jetzt die Wahrheit sage, würdest du es sowieso nicht glauben. Wahrscheinlich glaubst du es selbst dann noch nicht, wenn du es mit eigenen Augen siehst. Wollen wir unser Kennenlernen nicht lieber langsam angehen? Damit du lernst, mir zu vertrauen?“

Was sollte das denn? Wollte er sich als Zauberer enttarnen und mich in ein weißes Kaninchen verwandeln? Außerdem schien er mich zu kennen, was mich irritierte.

„Zu dumm, dass ich Leute nur dann kennenlerne, wenn ich ihren Namen erfahre und woher sie kommen. Das wäre doch ein Anfang“, insistierte ich.

Stumm kraulte er weiter den Katzenbauch. Erst nach einer Weile begann er zu erzählen.

„Okay, mein Name ist Zerdon. Ich habe den Auftrag, dich ausfindig zu machen, und wie es aussieht, habe ich ihn erfüllt.“ Zum Beweis deutete er auf mich. Einen Moment lang hoffte ich, dass er mehr wusste als ich. Dass er wusste, wohin all die anderen verschwunden waren und dass er mich zu meiner Familie bringen könnte. Aber er machte nicht den Anschein, als sei er ganz klar im Kopf und ich verwarf diese Hoffnung wieder.

„Aha, ein Auftrag also“, wiederholte ich skeptisch, „und die Katzen sind deine Spezialagenten oder was?“

„Die Katzen sind nur ein netter Nebeneffekt. Sie sind Zwischengänger und verirren sich des Öfteren zwischen dem sterblichen Dasein und der Anderswelt, wenn die Pforten geöffnet sind.“ Er warf mir einen Blick zu und grinste selbstgefällig, als er meine vermutlich entgeisterte Miene sah.

„Ja, klar. Spinner!“

„Du würdest dich wundern, wenn du wüsstest, wie feinfühlig Katzen sind! Ihr setzt Hunde ein, um Verbrechen aufzulösen oder Drogenkuriere zu fangen, dabei sind Katzen viel effektiver. Ist dir noch nie aufgefallen, wie sie manchmal die scheinbar leere Zimmerdecke anstarren oder etwas im Spiegel fixieren?“

Natürlich hatte ich dieses Verhalten schon oft bei Missy beobachten können. Es bereitete mir immer eine Art Gänsehaut, und ich bewarf sie in solchen Momenten mit Leckerlies, um sie aus ihrer Starre zu befreien.

Langsam wurde das Ganze mir zu dumm. Ich war schon im Begriff, mich umzudrehen und den Raum zu verlassen, als er mir hinterherrief, dass er ja gesagt hätte, dass ich seine Story nicht glauben würde.

„Okay, nehmen wir mal an, deine … deine Geschichte entspräche der Wahrheit. Dann wäre jedoch noch nicht geklärt, wer sich so brennend für mich interessiert und warum – und vor allem, wie du in die Bibliothek und noch dazu in dieses abgeschlossene Zimmer gekommen bist. Hast du etwa einen Schlüssel? Arbeitet deine Mutter hier? Wer ist es? Wilma?“

Er stöhnte auf.

„Was? Fällt dir so schnell keine Ausrede ein? Keine Zauberkatzen, die Türen öffnen können? Ein schlechter Lügner bist du!“

Der Vorwurf schien ihm nicht zu gefallen, denn er sprang auf und kam direkt auf mich zu. Die Katze rollte sich zur Seite und blickte ihm verdutzt hinterher. Ich wich automatisch ein Stück zurück und überlegte, ob es nicht besser wäre, davonzulaufen. Scheinbar war er nicht ganz normal, und ich hatte einen empfindlichen Punkt getroffen.

„Hör mal zu, Schätzchen, mir hat niemand gesagt, dass du so schwer von Begriff bist! Ich dachte, du weißt Bescheid. Oder dass es zumindest Klick bei dir macht, wenn ich vor dir stehe. Aber scheinbar weißt du gar nichts mehr.“

„Schätzchen? Mein Name ist Feodora! Ich denke, so solltest du mich auch nennen, wenn wir Freunde werden wollen. Schätzchen ist sowieso nicht sehr originell.“ Mein Konter gefiel mir und ich verschränkte die Arme vor der Brust.

„Oho, wir wollen also die vornehme Dame spielen! Alles klar, F-E-O-D-O-R-A. Gut, dann wollen wir mal.“

„Wollen wir was?“

„Nun, ich habe den Auftrag, dich auf die Andere Seite zu bringen.“

„Andere Seite?“

„Genauer gesagt, in die Anderswelt. Damit du die Welt hier und dort drüben rettest. Ist es dir so genehm oder soll ich es dir schriftlich geben?“ Er deutete auf die Wand am Ende des Raumes. „Da geht´s lang, Miss Feodora.“

Er wollte mich am Arm packen, doch ich zog ihn zurück. Der Kerl war wirklich durchgeknallt.

„Nimm deine Finger weg!“, brüllte ich und gab ihm einen Schubs. Einen Moment lang starrten wir uns kampflustig an.

„Gut, ich gehe jetzt – aber nicht mit dir, darauf brauchst du nicht zu hoffen. Ich weiß nicht, wer du bist und was du vorhast – ich weiß nur, dass du durch das gleiche Schlupfloch hier reingekommen bist wie die Katzen. Leider weiß ich nicht, wo dieses Loch ist, und ohne dich werde ich es vermutlich nie finden. Ich halte mich in der Abteilung Märchen und Mythen auf. Die dürfte so einem Geschichtenerzähler wie dir ja bestens bekannt sein. Komm da hin, wenn du beschließen solltest, mir die Wahrheit zu sagen. Wir sollten dieses Loch nämlich schleunigst stopfen, bevor noch weitere ungebetene Besucher hier auftauchen, die mir meine Vorräte wegfressen wollen!“

In diesem Moment wurde mir bewusst, wie lange es schon her war, dass ich mit jemandem gesprochen hatte, und ich beschloss, etwas freundlicher zu sein. Auch wenn der Typ verrückt war, war er im Moment die einzige Gesellschaft, die ich hatte.

„Ach, und noch was …wenn du Feuer machen kannst, kannst du von mir aus über Nacht hierbleiben – aber nur, weil ich seit Wochen keinen Menschen mehr zu Gesicht bekommen habe.“ Zielstrebig ging ich durch den Flur, ohne mich nach ihm umzuschauen.

„Willst du sehen, wie wir hier reingekommen sind?“, rief er mir hinterher.

„Nein, nicht jetzt. Erst, wenn du beschließt, nicht mehr zu lügen.“

Ich war schon fast außer Sichtweite, als er rief: „Gut, dann fangen wir damit an, dass ich nicht der erste Mensch bin, den du seit Wochen siehst.“

Ich brauchte nach diesem Aufruhr erst einmal Abstand und ging zum Schaukelstuhl auf der Dachterrasse, der inzwischen so etwas wie mein persönlicher Ruheplatz geworden war. Die wilde Geschichte des Fremden unterstrich meine Befürchtung, dass alle Überlebenden früher oder später verrückte Einsiedler werden würden. Beweis: Der erste Mensch, der mir seit Wochen begegnet war, war bereits völlig durchgeknallt. Gut, immerhin war er kein Zombie …

Es war kühl, und meine Nase begann zu triefen. Frost hatte sich über den Staub gelegt und ließ alles klar und sauber wirken. Der winterharte Lavendel schien unversehrt, aber der Rosmarin und andere zarte Blüten kräuselten sich unter dem Frost. Ich war mir nicht sicher, was das alles zu bedeuten hatte. Seit dem Einschlag des Meteoriten schien nichts mehr zu sein, wie es einmal gewesen war. Noch nie zuvor hatte ich einen Sommer mit Bodenfrost erlebt. Ich blickte hinauf in den graubraunen Himmel; reglos hing die Staubdecke über der Stadt. Kein Regen. Bei den Temperaturen würde es wohl eher zu schneien beginnen.

Ich fühlte mich, als hätte jemand die Zeit angehalten. Ich hätte nicht einmal mehr sagen können, wieviel Uhr es war. Alles war düster und trist und schien sich in den vierundzwanzig Stunden, die ein Tag zu bieten hatte, kaum zu verändern.

* * *

In den folgenden Tagen gingen Zerdon und ich uns aus dem Weg. Ich hatte nicht das Bedürfnis, ihn vor die Tür zu setzen. Er störte mich nicht und versuchte auch nicht, mir noch einmal eines seiner Märchen aufzubinden. Kein einziges Mal besuchte er mich in meiner Abteilung. Ich war inzwischen sicher, dass er nicht ganz so verrückt war, wie ich anfangs angenommen hatte und vermutete, dass er einfach nichts von sich preisgeben wollte. Ich wusste nicht, ob er mir seinen richtigen Namen verraten hatte, aber das spielte keine Rolle. Vielleicht würde ich Zerdon noch gebrauchen können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Vorräte alle sein würden, und mit den hungrigen Katzen und ihm würde dieser Tag noch viel früher kommen. Wer auch immer noch da draußen lebte, würde sicher nicht begeistert sein, wenn jemand seine eiserne Ration klauen wollte. Als Mann würde Zerdon sich in einer Auseinandersetzung bei der Suche nach Nahrung besser behaupten können, und ich würde nicht verhungern müssen.

Hin und wieder liefen er und ich uns über den Weg. Oft spielte er mit den Katzen und beobachtete mich von der Seite, wie ich sinnlos Bücher sortierte oder bei meinem täglichen Rundgang Türen und Fenster kontrollierte.

An einem Abend hielten wir beide uns in dem kleinen Salon vor dem Kamin auf. Zerdon konnte gut Feuer machen und ich war dankbar dafür, nicht länger frieren zu müssen. Ich bürstete gerade einem alten Kater Knoten aus dem Fell, als ein blauer Gummiball an die Wand neben meinem Kopf schnellte.

„Lass den Quatsch!“, mahnte ich ihn, aber meine Aufregung beflügelte ihn, umso lebhafter weiterzumachen. Stur ertrug ich es noch ein paar Minuten. Meine Lider zuckten jedes Mal zusammen, wenn der Ball mich knapp verfehlte. Auch der Kater schreckte bei jedem Aufprall zusammen und suchte sich schon bald einen ruhigeren Ort.

„Toll gemacht!“, lobte ich sein kindisches Verhalten und folgte dem Tier. Freunde werden wir beide nie, schwor ich mir.

* * *