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Der knapp 11.000 Kilometer lange Great Western Loop gilt als eine der größten Herausforderungen des Fernwanderns und verbindet die berühmten Fernwanderwege des Pacific Crest Trails und des Continental Divide Trails miteinander. Der Great Western Loop ist ein Wettlauf gegen den Winter. Die Zeit für die Überquerung der 4.000 m hohen Rocky Mountains und der Sierra Nevada ist begrenzt, denn der nahende Winter droht wichtige Bergpässe zu verschließen. Zwischen diesen Gebirgen, liegen die trockenen Wüsten Arizonas und Kaliforniens, die Bärengebiete Montanas und zahlreiche Nationalparks. Nie zuvor hat ein Mensch, dieses Abenteuer gegen den Uhrzeigersinn gewagt. In seinen 222 Tagen in der amerikanischen Wildnis verlor Niels Rabe u.a. 15 kg durch eine Giardia-Infektion. Er hing mit seinem Leben an einer Eisaxt und durchquerte mehr als 100 Kilometer Wüste ohne eine einzige Wasserquelle. In "Elftausend" beschreibt Niels Rabe seine spektakuläre Reise voller unvergesslicher Momente und unbedingtem Willen. Eine Reise geprägt von faszinierenden Begegnungen und knallharten Herausforderungen, wie Hunger, Durst und Orientierungsverlust, die ihn regelmäßig an seine körperlichen und mentalen Grenzen führten.
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Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2023
“It´s the magic of risking everything for a dream
that no one sees but you”
(Unbekannt)
Prolog
Die Idee
Die Route
Motivation
Die Planung
Angst
Kartenarbeit
Ohne Mampf kein Kampf
Das Training beginnt
USA – Was machst Du nur?
Hoffnung
Letzte Vorbereitungen
Schnee
Ausrüstung
Schuhe
Es geht wieder los!
Mexiko
Arizona
New Mexico
Colorado
Wyoming
Montana
Idaho
Washington
Oregon
Kalifornien
Arizona
New Orleans
Post-Trail-Depression
The End
Anhang
April 2020, Phoenix
Ich stehe am Gate. Der Flughafen ist gespenstig leer. Alle Läden außer einem Starbucks sind geschlossen. Die wenigen Menschen um mich herum tragen Masken. Aus den großen Fenstern der Wartehalle heraus schweift mein Blick nach Osten in Richtung der Superstition Mountains. Erst wenige Tage zuvor erlebte ich hier meine bislang gefährlichste Nacht.
Es ist der 13. Tag meines ersten Versuchs. Ich sitze in einem kleinen Restaurant in Roosevelt Lake und schaue mir die aktuellen Nachrichten zur wachsenden Coronapandemie an. Es ist 13 Uhr und von hier aus sind es noch ca. 48 Kilometer bis nach Superior, einer kleinen Kupferminenstadt in Arizona. Mit einiger Sorge blicke ich auf den Wetterbericht. Ein Gewitter ist für den späten Nachmittag angekündigt und ich überlege, mein Zelt vor Ort aufzubauen. Der Campingplatz hier bietet jedoch nur wenig Schutz und ich würde einen halben Tag verlieren. Mein Zeitfenster ist knapp, also plane ich, noch rund 3 Stunden und ca. 16 Kilometer zu laufen, um die Distanz nach Superior zu verkürzen. Dies sollte mir genug Zeit geben, um vor Einbruch des Sturms einen sicheren Zeltplatz zu finden. Ich kaufe noch kurz einige Vorräte für eine längere Zeit im Zelt und breche auf.
Das Wetter ist zunächst noch freundlich, ab 15 Uhr setzt leichter Regen ein. Vereinzelte Blitze zucken vom Himmel und in der Ferne grollt dumpfer Donner. Doch dieses Gewitter zieht schon bald an mir vorbei. Gegen 16:30 Uhr beginne ich, nach einem Zeltplatz zu schauen, aber hier in den Superstition Mountains befinde ich mich gerade auf einem Bergkamm, der mir keinerlei Schutz bietet und nur wenige Fuß breit ist. Der Regen kehrt zurück. Starker Regen. Der Wind nimmt ebenfalls zu und bläst mich schon wenige Minuten später fast vom Hang. Mit all meiner Kraft lehne ich mich gegen die einzelnen Böen und versuche, auf dem engen Grat nicht abzustürzen. Meine – von einem Sturz in Neuseeland – ramponierte Regenjacke läuft mit Wasser voll und schon bald wird es kalt. Bitterkalt.
Der Trail führt nun einen Hang steil den Berg hinab. Um mich herum bilden sich immense Wassermassen, die den Hang hinabschießen. Für ein Zelt gibt es hier keinen Platz. Ich laufe weiter und weiter. Es wird zunehmend dunkler. Weit früher als je zuvor bin ich dazu gezwungen, meine Stirnlampe einzusetzen. Ich komme an einen normalerweise kleinen Bach, der inzwischen stark angeschwollen ist. Der Lärm ist ohrenbetäubend und nur mit Mühe schaffe ich es auf die andere Seite. Ich filtere ein wenig dreckiges Wasser, da meine Reserven aufgebraucht sind. Angestrengt halte ich nach einem sicheren Platz für mein Zelt Ausschau, aber hier in der Schlucht sind die Hänge zu steil und die Gefahr einer Sturzflut lebensbedrohlich. Ich bin gezwungen, weiterzulaufen und den Hang auf der anderen Seite wieder hinaufzuklettern. Der Aufstieg ist hart, der Boden weich und matschig und der Wind treibt die Nässe und Kälte durch meinen Körper. Wieder und wieder rutsche ich aus, während ich mich Meter für Meter aus dem Tal hinauskämpfe. Mir wird klar, dass die Lage langsam ernster wird und ich Schutz finden muss. Der Regen geht inzwischen immer wieder in einen Schneefall über. Seit weit über zwei Stunden versuche ich nun immer verzweifelter, einen Zeltplatz zu finden, aber alles, was ich sehen kann, ist ein vollkommen überfluteter Hang. Mehrere Bäche werden zu einer ernsten Bedrohung und meine Finger sind zu kalt, um die Karten auf meinem Smartphone aufzurufen. Die einzige Chance, den Trail nicht aus den Augen zu verlieren, ist, den Wassermassen zu folgen, die dort fließen, wo sich einst der Trail befand. Ich bin unterkühlt und beginne unkontrolliert zu zittern. Meine Finger schmerzen. Ich vergrabe meine Hände in den Schulterachseln, um sie so warm wie möglich zu halten. Langsam macht sich Angst breit und ich ziehe es in Betracht, meinen Notfallbutton zu drücken. Doch dann keimt Hoffnung auf! Zwei Lichter in der Ferne! Sollten hier draußen doch noch andere Hiker sein?! Haben diese einen Zeltplatz gefunden? Ich bin verwirrt, aber erleichtert und hoffe schon, einen sicheren Unterschlupf für die Nacht gefunden zu haben. Ich zögere, da ich in der Dunkelheit den Trail nicht Hals über Kopf verlassen möchte, und versuche, die Entfernung zu den Lichtern einzuschätzen. Plötzlich kracht es im Unterholz und die Lichter verschwinden. Was ich sah, waren keine Hiker, sondern die reflektierenden Augen eines größeren Tieres. Hoffentlich war es nur ein Reh, denn einen Berglöwen kann ich in dieser Nacht nicht auch noch gebrauchen.
Ich bin allein, ganz allein und friere fürchterlich. Es ist stockfinster und ein Wunder, dass ich mich noch nicht verlaufen habe. Meine Angst wächst und ich muss mich zusammenreißen, um konzentriert zu bleiben. Panik kann ich mir jetzt nicht leisten. Ich muss in Bewegung bleiben, um den Körper warmzuhalten. Mein Geist ist hellwach und rast. Mir ist bewusst: Sollte ich innerhalb der nächsten Stunde keinen Unterschlupf finden, dann wird das hier richtig ernst. Meine Sicht beschränkt sich trotz starker Stirnlampe auf wenige Meter. Regen, Schnee und die allumfassende Dunkelheit sind einfach zu stark. Ich stolpere den Trail entlang und kann erkennen, dass sich das Gelände öffnet. Die Hoffnung kehrt zurück, aber ich brauche noch immer Schutz vor dem viel zu starken Wind, um mein Zelt aufbauen zu können. Ich bleibe auf dem Trail, laufe aber um jeden Baum herum, der nahe dem Trail steht und Unterschlupf bieten könnte ... und endlich. Zwischen zwei Bäumen findet sich eine halbwegs ebene Fläche, auf die mein Zelt gerade so passt. Ich bin erleichtert und schmeiße meinen Rucksack auf den matschigen Boden. Noch immer zitternd versuche ich, den Rucksack zu öffnen, aber ich habe inzwischen jegliches Gefühl in den Fingern verloren. Mehrfach nestle ich an dem Verschluss herum, aber ich kann mit meinen Fingern einfach keinen Druck ausüben. Der Rucksack lässt sich partout nicht öffnen! Ich werde wahnsinnig! In der Verzweiflung knie ich mich hin und öffne den Verschluss mit meinen Zähnen. Ich kippe das Zelt aus und ramme die vier Heringe in den Boden. Kurze Zeit später steht das Zelt! Es steht beschissen, aber es steht!
Ich wechsle in trockene Kleidung und klettere in den Schlafsack. Ich bin völlig erschöpft und beginne, im Zelt zu hyperventilieren. Für eine gefühlte Ewigkeit zittert mein ganzer Körper erneut völlig unkontrolliert. Ich zwinge mich, mich aufzusetzen, und während ich etwas Wasser aufkoche, esse ich alle Schokoriegel, die ich in meinem kleinen Rucksack finden kann. Anschließend vergrabe ich mich in meinem Schlafsack und schaue eine Netflix-Folge von „The Office“, um mich zu beruhigen. Mir wird langsam warm und die Angst verfliegt, bis dann mitten in der Nacht mein schlecht aufgebautes Zelt unter der Schneelast einbricht und aufgrund der Hanglage halb überflutet ist. Ich stakse in die Dunkelheit hinaus, um mein Zelt wieder herzurichten und dann endlich schlafen zu können. Am nächsten Morgen sieht die Welt wieder besser aus. Es liegt weniger Schnee als erwartet und so steige ich erneut in meine durchnässten Sachen vom Vortag und mache mich auf den Weg gen Superior.
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Hier am Flughafen erscheint all dies unendlich weit weg. In wenigen Minuten geht mein Flieger nach Deutschland und ein Traum endet. Ich bin gescheitert – vorerst.
Nach rund 3.000 Kilometern Training auf dem Te Araroa in Neuseeland und 1.000 Kilometern in den USA gebe ich auf. Noch vor vier Wochen war ich fest davon überzeugt, dass mich nichts stoppen würde und ich alle noch so großen Herausforderungen gewachsen wäre. Nun aber füge ich mich den Umständen einer weltweiten Pandemie. Zu problematisch war die Versorgungslage in den letzten Tagen und auch die Stimmung gegenüber Hikern hatte sich hier schlagartig verändert.
Die nächsten Wochen und Monate sollten von Unsicherheit geprägt sein. Ich hatte alles auf dieses eine Abenteuer gesetzt und kehre nun vorzeitig nach Deutschland zurück. Ohne Job, ohne Wohnung und ohne Plan.
Die Entscheidung zum Abbruch war mir schwer gefallen. In den vergangenen drei Wochen hatten unzählige Wanderer und Freunde auf mich eingeredet. Karolina „Ranger NoPants“ aus Schweden und Ryan aus Australien forderten mich auf, zurückzukehren, während Christopher „Golden“ und einige PCT-Hiker mich ermutigten, weiterzulaufen. In meinem Kopf herrschte Chaos. Ein Wirrwarr an Stimmen. Ich war unentschlossen und orientierungslos und spürte, dass ich mit meinen Gedanken kaum noch beim Trail war.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich in Neuseeland erstmalig die 60 Kilometer Marke knackte. Es war in den berüchtigten Richmond Mountain Ranges, die nicht gerade für ein leichtes Terrain bekannt sind. Hier flammte die Hoffnung auf, den körperlichen Herausforderungen einer 11.000 Kilometer langen Route doch standhalten zu können. Und nun sollten all dieses Training und die lange Vorbereitung vergebens sein?
Vielleicht muss man sich manchmal einfach eingestehen, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als die eigenen Befindlichkeiten. Die Unsicherheit und Angst, die der Virus verbreitet, sind überall zu spüren. Trailangel weinen und wissen nicht, wie sie mit Hikern umgehen sollen. Kleine Supermärkte sind leergekauft, die Versorgungslage ist problematisch und einige kleine Ortschaften bitten Hiker bereits öffentlich darum, nicht in die Orte zu kommen, aus Angst, den Virus einzuschleppen. Weiterzulaufen fühlt sich nicht richtig an und so breche ich ab.
Was in den kommenden Wochen und Monaten in den USA passieren sollte, wird mich mit Trauer und Sorge erfüllen. Ein Land, zu dem ich einst aufblickte, verblasst zu einem Schatten seiner selbst, liegt in politischen Trümmern und ist bitterlich gespalten. Ungelöste soziale Konflikte, dramatische Covid-19-Todeszahlen, fragwürdige Wahlstrukturen und der Sturm auf das Kapitol zeigen das Ausmaß nur allzu deutlich an.
Und dennoch – „I will be back“.
Stärker, fitter und noch besser vorbereitet als zuvor. So leicht gebe ich nicht auf!
Dann eben 2021!
Das, was ich mir in den Kopf gesetzt habe, erscheint absurd. 11.000 Kilometer zu Fuß durch die Wildnis der USA. 11.000 Kilometer durch Wüsten, Hochgebirge, Wälder und reißende Flüsse. 11.000 Kilometer vorbei an Klapperschlagen, Schwarzbären, Grizzlys und Pumas. 11.000 Kilometer, ohne auch nur einen einzigen davon per Auto zurückzulegen.
Eine Distanz, die erst greifbar wird, wenn man sich einige Vergleiche anschaut.
11.000 Kilometer entsprechen u. a. der Länge von Maos „langem Marsch“ in China oder der Entfernung von der Meeresoberfläche bis zur vermutlich tiefsten Stelle der Erde in der „Challenger-Tiefe“. 11.000 Kilometer ist die Distanz der Luftlinie zwischen Köln und den berühmten Nazca-Linien in Peru oder die Distanz von 262 Marathons. 11.000 Kilometer entsprechen 27.500 Runden im Berliner Olympiastadion. Erschreckend wird der Vergleich der Distanz, wenn wir uns anschauen, wie nah der Krieg in der Ukraine in diesem Verhältnis ist. Die Luftlinie von Köln bis Kiew beträgt nur 1.650 Kilometer, nach Moskau sind es rund 2.100 Kilometer.
Für diese Idee habe ich meinen gut bezahlten Job in einer Unternehmensberatung gekündigt, meine Wohnung und mein vertrautes Umfeld in Köln aufgegeben. Ich tauschte Sicherheit und Komfort gegen Unsicherheit und Abenteuer.
„Man lebt nur einmal, aber wenn man's richtig angeht, dann reichts“.
(Mae West)
Die geplante Route ist als „Great Western Loop“ (GWL) bekannt.
Abbildung 1: Der Great Western Loop
Der Great Western Loop ist kein Wanderweg im klassischen Sinne. Es ist vielmehr eine grobe Route, die einige der bekanntesten U.S. Wanderwege miteinander verbindet. Zu diesen Wanderwegen zählen Teilstrecken des Continental Divide Trails, des Arizona Trails, des Grand Enchantment Trails, des Pacific Northwest Trails, des Pacific Crest Trails und ca. 750 Kilometer, die ich mir selbst zurechtlegen musste.
Nun sind 11.000 Kilometer allein bereits eine enorme Herausforderung. Was den Great Western Loop aber so schwierig macht, ist das enge Zeitfenster. Der Great Western Loop führt im Westen durch die Berge der Sierra Nevada in Kalifornien und im Osten durch die San Juan Mountains in Colorado.
Beide Gebirgsketten stellen Hiker mit über 4.000 m hohen Bergen und Pässen vor enorme Herausforderungen. Diese Pässe sind bis ins Frühjahr tief verschneit und meist nur zwischen Mai und Oktober passierbar. Fast alle Experten raten von einem Aufbruch in die Berge Anfang Mai aus Sicherheitsgründen ab. Zu viel Restschnee und rasch steigende Flusspegel stellen ernsthafte Gefahren dar. Zwischen diesen beiden Bergketten liegen dann noch rund 6.700 Kilometer Trail. Hat man es trotz aller Widrigkeiten Ende Mai durch eine der beiden Gebirgsketten geschafft, bleiben nur noch ca. vier Monate, bis man den Beginn der jeweils anderen Gebirgskette erreicht haben muss. Rein rechnerisch entspricht dies einem Pensum von 55 Kilometern pro Tag. Pausen oder Ruhetage nicht miteingerechnet. 55 Kilometer jeden einzelnen Tag! Das entspricht täglich rund 137 Runden im Berliner Olympiastadion. Mit dem gewaltigen Unterschied, dass ich mich über schmale Pfade und durch tiefe Wälder, die offene Prärie oder die verschneiten Berge der Rocky Mountains schlagen muss und wohl kaum auf einer gepflegten Tartanbahn laufen kann.
Abbildung 2: Die Gebirgsketten entlang des Trails
Will man eine Chance haben, den GWL zu vollenden, muss man früher als ratsam in einen der beiden Gebirgszüge aufbrechen und sich mit dem Schnee der Vorsaison auseinandersetzen. Nur dann hat man eine Chance, vor dem noch gefährlicheren Wintereinbruch die jeweils andere Gebirgskette zu erreichen und zu überqueren. Dies macht den Great Western Loop zu einem Wettlauf. Einem Wettlauf gegen den Winter, bei dem jeder einzelne Tag zählt. Der berühmte Spruch „Winter is coming“ aus der Serie „Game of Thrones“ war nie treffender als hier. Wie ein eisiger Hauch wird mir der Gedanke an den einbrechenden Winter im Nacken sitzen.
Abbildung 3: Ein Wettlauf gegen den Winter
Hat man die Berge gemeistert, wartet das andere Extrem auf einen. Die Sonora-Wüste zwischen Kalifornien und Arizona. Ein Trail existiert hier nicht und so bleibt nur die Navigation entlang einer eigens festgelegten Route mitten durch die offene Wüste. Diese umfasst Etappen durch den Joshua Tree Nationalpark, in dem auf ca. 110 Kilometern kein Tropfen Wasser zu finden ist.
Bis zum heutigen Tage haben erst zwei Hiker den Great Western Loop erfolgreich absolviert: Andrew Skurka im Jahr 2011 und Jeff Garmire im Jahr 2018.
Kein Mensch ist diese Route bisher gegen den Uhrzeigersinn gelaufen.
Der Great Western Loop setzt sich aus den folgenden Abschnitten zusammen.
Abbildung 4: Die Trails des Great Western Loops (inkl. Umweg auf dem Pacific Crest Trail)
Arizona Trail
(ca. 750 km)
Der Arizona Trail gehört zu den bekanntesten Trails der USA und ist vergleichsweise einfach zu laufen. Mein Startpunkt ist das kleine Städtchen Flagstaff. Die Landschaft wird hier zunächst von Kiefernwäldern auf einem Hochplateau dominiert. Einige Bergketten, wie die Mazatzal oder die Superstition Mountains, versprechen harte Anstiege und großartige Aussichten, bevor es in die Wüste hinab geht.
Mitten in der Wüste werde ich einem Flussbett folgend den Arizona Trail in Richtung Mammoth, Arizona verlassen und dem Grand Enchantment Trail folgen. Die größte Herausforderung auf dem Arizona Trail wird darin bestehen, ausreichend Wasser in der Wüste zu finden. Dies sollte aber aufgrund der guten Trail-Infrastruktur kein großes Problem darstellen.
Grand Enchantment Trail
(ca. 500 km)
Der Grant Enchantment Trail ist vielmehr eine grobe Route als ein klar definierter Trail. Ich werde alten Handelsrouten, schmalen Canyons und kaum sichtbaren Wildpfaden durch die Wüsten Arizonas und New Mexicos folgen. Die vielen Querfeldein-Sektionen werden eine erste echte Herausforderung, in der ich meine Navigationsfähigkeiten unter Beweis stellen muss. Karte und Kompass werden hier meine treuen Begleiter sein. Neben den zumeist trockenen Abschnitten warten mit dem Mt. Graham und den Mogollon Mountais hier jedoch auch teils alpine Strecken auf mich, auf denen ich im April noch mit Schnee rechnen muss. Verlässliche Informationen über Wasserquellen und exakte Routen existieren kaum und viele Abschnitte gelten als stark zugewachsen. Durch den westlichen Seitenarm des Gila River kommend werde ich vom Grand Enchantment Trail auf den Continental Divide Trail wechseln.
Continental Divide Trail
(ca. 3.750 km)
Der Continental Divide Trail (CDT) zählt neben dem Appalachian Trail (AT) und dem Pacific Crest Trail (PCT) zu den drei Triple Crown Trails der USA. Dank der Guthooks (jetzt FarOut-App) liegen für diesen Trail ausreichend Informationen vor. Von Doc Campbell´s Gemischtwarenladen aus folge ich dem Gila River in Richtung Norden zu den Rocky Mountains. Diese stellen im Mai die größte Herausforderung des gesamten Trails dar. Anschließend folgen das Great Divide Basin, die Wind River Range und der Yellowstone Nationalpark in Wyoming, bevor es dann durch Montana laufend in die Bob Marshall Wilderness und den Glacier Nationalpark nahe der kanadischen Grenze geht.
Pacific Northwest Trail
(ca. 1.100 km)
Knapp fünf Kilometer südlich der kanadischen Grenze werde ich vom Continental Divide Trail nach Westen abbiegen und dem Pacific Northwest Trail folgen. Hier erwarten mich ausgedehnte Seen- und Berglandschaften, die immer mal wieder durch einige kurze Querfeldein-Sektionen verbunden werden müssen. Die Gebirgskette der nördlichen Kaskaden und die Pasayten Wilderness werden mit zahlreichen Höhenmetern eine körperliche Herausforderung darstellen. Insgesamt rechne ich hier jedoch mit guten Trail-Bedingungen. Auf diesem Abschnitt werde ich zudem, wie auch bereits im nördlichen Teil des CDT, einige Zeit in Grizzly Gebiet verbringen. Das bedeutet besondere Vorsicht bei der nächtlichen Lagerung meiner Lebensmittel sowie das Tragen von Bärenspray. Karten und Informationen stehen in ausreichendem Maße zur Verfügung.
Pacific Crest Trail
(ca. 3.945 km)
Der Pacific Crest Trail (PCT) stellt den wohl bekanntesten Abschnitt meines Abenteuers dar. Auf knapp 4.000 Kilometern erwarten mich unterschiedlichste Landschaften. Von den Bergen in Washington über die Seen und Wälder Oregons bis hin zur Wüste Kaliforniens. Hier liegt auch die Sierra Nevada, das zweite der beiden den Trail dominierenden Gebirge, die es vor dem Wintereinbruch zu überqueren gilt.
Den PCT hatte ich bereits im Jahr 2018 erfolgreich absolviert. Die üblicherweise großartigen Trail-Bedingungen sowie die umliegende Infrastruktur sollten dies zum leichtesten Abschnitt des Loops machen. So zumindest in der Theorie. Einige Monate später sollte genau hier das böse Erwachen folgen.
Nahe der Stadt Big Bear Lake werde ich den PCT gen Osten verlassen und in Richtung des Joshua Tree Nationalparks laufen. Dies ist der Beginn meiner sog. „Gap-Section“.
Gap-Section
(ca. 750 km)
Die „Gap-Section“ ist jene Strecke, die mir am meisten Sorgen bereitet. Den Namen habe ich selbst gewählt. Meine Route führt mich mehrere hundert Kilometer durch die Wüste, ohne verlässliche Informationen zu Wasserquellen oder existierenden Trails. Dieser Abschnitt wird das große Finale des Great Western Loops und mir nochmals alles abverlangen. Mein Plan ist es, zu Fuß durch den Joshua Tree Nationalpark zu laufen und von dort zunächst entlang des Highways 10 nach Blythe und dann über Bouse, Bagdad und den Grand Canyon nach Flagstaff, Arizona zurückzukehren.
Mai 2020, Köln
Meine Motivation ist auch nach dem ersten gescheiterten Versuch ungebrochen.
Warum will ich ausgerechnet den Great Western Loop laufen? Warum ausgerechnet jenen „Trail“, der erst von zwei Personen absolviert wurde und eine der denkbar größten Herausforderungen des Fernwanderns darstellt? Ist es Ehrgeiz oder vielleicht schon ein eher absurd anmutender Größenwahn?
Nun, die Antwort liegt vermutlich irgendwo dazwischen.
Ich habe eine ungeheure Angst davor, am Ende meines Lebens auf all die verpassten Chancen und Träume der vergangenen Jahre zurückzublicken. Ich möchte nicht auf dem Sterbebett liegen und an all die Überstunden denken, die ich für meine Arbeitgeber im Büro verbracht habe. Ich möchte mich an verrückte Abenteuer, einzigartige Erfahrungen und mutige Entscheidungen erinnern.
Immer wieder muss ich an jenen einen Satz denken, der mir aus dem Studium hängengeblieben ist. Es regnete, als ich den Vorlesungsraum betrat. Mein Professor für betriebliche Umweltökonomie machte sich gerade daran, das Whiteboard sauber zu wischen, als meine Augen die wenigen Worte erblickten. Dort stand er. Ein einfacher, aber wunderbar treffender Satz:
„Life is about opportunity recognition and exploitation.“
(Irgendwer in Siegen)
Frei übersetzt bedeutet dies: „Im Leben geht es darum, Chancen zu erkennen und zu nutzen“. Ein großartiges Motto, das mich immer wieder motiviert hat, neue Dinge auszuprobieren. Ich habe eine ungeheure Lust, einen deutschen Namen auf die Liste der Absolventen des Great Western Loops zu setzen. Ich möchte die Dominanz der Amerikaner in diesem Segment aufbrechen und ihnen sagen: „Hey, wir können das auch!“. Egal, ob als 3. Absolvent im Uhrzeigersinn laufend oder als erster Absolvent der Welt entgegen der üblichen Laufrichtung.
Ich will meine Grenzen testen und etwas Einzigartiges erreichen. Ich will wissen, was mein Körper und mein Geist leisten können, und die Grenzen des Machbaren verschieben. Ich will etwas schaffen, das nur mir gehört, etwas, das mir keiner mehr nehmen kann und auf das ich für immer stolz zurückblicken werde.
Meine Leidenschaft für das Fernwandern entstand dabei eher zufällig. Seit meiner Weltreise im Jahr 2010 habe ich ca. 45 Ländern bereist. 2018 suchte ich dann eine Abwechslung vom „normalen“ Backpacking und entschied mich spontan dazu, meinen ersten Fernwanderweg zu laufen. Den Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada.
In den vergangenen Jahren bin ich ca. 9.000 Kilometer gelaufen. Die Erfahrungen auf dem Pacific Crest Trail (4.260 Kilometer), dem Te Araroa in Neuseeland (3.000 Kilometer) und in den ersten 1.000 Kilometern auf dem Arizona und Grand Enchantment Trail haben meinen Hunger offenbar noch nicht gestillt. Am Ende jedes einzelnen Trails wollte ich weiterlaufen, den nächsten Wald durchstreifen, den nächsten Fluss überqueren und den nächsten Hügel erklimmen, um in das dahinterliegende Tal zu blicken.
Ich liebe diese Art von Herausforderung, das Gefühl, jedes noch so schwierige Terrain und jeden noch so steilen Hügel im Sturm zu nehmen und eine unglaubliche Fitness zu entwickeln. Ich mag die Unabhängigkeit und die Einsamkeit. Die stetige Überwindung meines inneren Schweinehunds und das Adrenalin, das durch meinen Körper schießt, wenn ich mal wieder eine gefährliche Passage gemeistert habe. Nirgendwo sonst kann man eine derartige Freiheit erleben und das unglaubliche Gefühl, mit kaum mehr als 30 Gegenständen auf dem Rücken alles zu haben, was man zum Leben braucht.
Für mich definiert sich Glück nicht durch die Anzahl von Gegenständen, die ich besitze, sondern durch neue Erfahrungen und Erlebnisse.
„Whatever it takes
'Cause I love the adrenaline in my veins
I do whatever it takes
'Cause I love how it feels when I break the chains
Whatever it takes
Yeah, take me to the top I'm ready for
Whatever it takes
'Cause I love the adrenaline in my veins
I do what it takes.“
(Whatever it takes, Imagine Dragons)
Fernwanderwege haben eine eigene Persönlichkeit und unterscheiden sich erheblich vom normalen Wanderalltag. Sie fordern mich körperlich und mental und geben gleichzeitig so unglaublich viel zurück. Neben der wundervollen Natur erlebt man beim Fernwandern insbesondere eine ungeheuer intensive Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft völlig fremder Menschen, die dieselben Ziele teilt und sich dabei gegenseitig unterstützt. Fernwandern übt eine magische Kraft auf mich aus, die mich selbst in den absurdesten Momenten glücklich sein lässt. Noch einmal wollte ich das Gefühl grenzenloser Freiheit verspüren. Die Leichtigkeit des Seins im Einklang mit der Natur, frei von materialistischen Sorgen.
Inzwischen frage ich mich jedoch, ob es mir wirklich nur noch um die Suche nach einer Herausforderung der besonderen Art geht oder ob ich nicht einfach nur müde und erschöpft bin von all dem, was wir tagtäglich in den Nachrichten und sozialen Medien erleben. Zunehmende nationalistische Tendenzen, die wunderbare Scheinwelt von Instagram-Influencern oder der allgegenwärtige Eindruck von sich selbst überschätzenden „YouTube-Professoren“, die meinen, jeglichen wissenschaftlichen Diskurs nach einigen YouTube-Videos besser beurteilen zu können.
Vielleicht bin ich unserer Gesellschaft daher einfach überdrüssig und suche nach einer Atempause in der Einsamkeit der Wälder und Berge.
Viel zu häufig lassen wir uns unsere Träume von äußeren Einflüssen, wie unserem Job, oder der gesellschaftlichen Erwartungshaltung zerstören. Das ist traurig. Ich glaube an die Kraft des Geistes, daran, dass man sein Schicksal selbst anpacken muss, und auch daran, dass man fast alles erreichen kann, wenn man nur fest genug daran glaubt und bereit ist, dafür zu arbeiten. Dieser Glaube treibt mich an, aber ich bin nicht naiv.
„I am the master of my fate, I am the captain of my soul.“
(Invictus, William Ernest Henley)
Die Wahrscheinlichkeit, den gesamten Trail zu schaffen, ist winzig. Es gibt zu viele Dinge, die schief gehen können. Corona, die Grenzbeamten in den USA, die mich ein zweites Mal für weit mehr als sechs Monate ins Land lassen müssen, ein dummer Fehltritt, der mir ein Bein bricht, oder schlicht die körperliche und geistige Ermüdung nach endlosen Tagen und unzähligen, immer gleichen Kilometern in der Wildnis.
Das Vorhaben, 11.000 Kilometer durch die Wildnis zu laufen, hat nicht viel mit Trail-Romantik zu tun. Es ist ein Job, knallharte Arbeit, und das jeden einzelnen Tag. Es ist völlig klar, dass ich einigen der härtesten Tage meines Lebens entgegenblicke, dass ich Schmerzen ertragen und Momente der Schwäche und voller Zweifel überstehen muss, um mein Ziel zu erreichen.
Doch das ist Selbstverwirklichung. Das sind die Momente, in denen ich wahre Freude verspüre. Das Gefühl, Angst zu haben, bedeutet nicht, etwas nicht zu tun, sondern dass man sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen muss. Positiv wie negativ. Chancen und Risiken sind abzuwägen, um dann eine bewusste Entscheidung zu treffen.
Vor wichtigen Entscheidungen finden wir nur allzu gerne Tausende von Gründen, warum etwas nicht funktionieren kann oder weshalb wir uns von einer Idee oder unserem Traum verabschieden sollten. Wir finden Dinge, die uns Angst machen und uns zweifeln lassen. Am Ende ist es jedoch völlig egal, ob uns Tausende oder gar Millionen von Zweifeln plagen. Das, was am Ende zählt, ist dieser eine Grund, der unsere Augen funkeln lässt. Dieser eine Grund, der uns Hoffnung macht und in uns ein Feuer entfacht und alle Zweifel in den Wind schlägt. Dieser eine Grund, der uns motiviert, uns antreibt und jene Kräfte freisetzt, die wir brauchen, um unser Ziel zu erreichen.
„The only limit to our realization of tomorrow
will be our doubts today.“
(Franklin Delano Roosevelt)
Immer wieder male ich mir den Moment aus, an dem alles ein Ende hat. Jenen Moment, in dem ich Flagstaff wieder erreiche und ich erschöpft, aber glücklich auf meine Knie sinke. Ich sehe die Menschen in Flagstaffs Stadtzentrum, die mich verwundert anschauen, während ich meine geballte Faust in den Himmel strecke und spüre, wie jegliche Anspannung von meinen Schultern fällt. Ich sehe, wie ich meine Augen schließe und die Bilder der letzten Monate durch meinen Kopf rasen lasse. Alles, was bleibt, ist das Gefühl von purer Freude und unendlichem Stolz.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. 11.000 Kilometer und unzählige Herausforderungen warten auf mich, bevor ich diesen einen Moment erleben darf.
Nachdem ich Ende 2019 meinen Job für den Trail aufgegeben hatte, stellte sich nun die Frage, wie es nach dem Abbruch im April 2020 weitergehen sollte.
Klar war: Ich würde einen Neustart wagen, aber wie die Zeit überbrücken, bei einer durch die Pandemie massiv angeschlagenen Wirtschaft? Ich hatte Glück, bei meinen Eltern unterzukommen, und hoffte in den ersten Wochen tatsächlich noch auf eine baldige Entspannung und mögliche Rückkehr in die USA. Mein enges Zeitfenster im Kopf habend sollte mir bald klar werden, dass diese Hoffnung vergebens war. Die Komplexität der Route erlaubte keinen sinnvollen Neustart Ende Mai. Daher begab ich mich zunächst auf die Suche nach einem, auf maximal neun Monate befristeten Job und begann gleichzeitig, meine Energie in die Erstellung von On- und Offline-Projektmanagementkursen zu stecken. Diese liefen auch sehr vielversprechend an und so entschloss ich mich dazu, dies für den Rest des Jahres zu meiner Hauptbeschäftigung zu machen.
Und dann war da noch Lucy.
Lucy stammt aus New Orleans. Ich lernte sie 2010 auf meiner Weltreise in Neuseeland, nahe Wellington kennen. Sie war eigentlich nicht mein Typ, aber sie stach durch ihre besondere Art aus der Gruppe hervor. Es dauerte nicht lange, bis wir uns näherkamen.
Erst Wochen zuvor hatte ich von Einheimischen auf der Osterinsel eine Halskette aus Holz geschenkt bekommen, die einen Moai abbildete. Eines Tages nahm Lucy eben jene Kette und trug sie für mehrere Wochen. Für mich war dies stets ein Zeichen unserer Verbundenheit. Während ich Überlegungen anstellte, in Neuseeland zu arbeiten, riss der Kontakt etwas ab. Als klar wurde, dass ich nicht bei ihr in Neuseeland bleiben und meine Weltreise in Südostasien fortsetzen würde, war ich bitterlich enttäuscht. Wir trafen uns ein letztes Mal in Queenstown. Dort gab sie mir die Halskette zurück und eine Abschiedskarte mit dem Titel „My future hubby“ („Mein zukünftiger Ehemann“).
Der Kontakt in den kommenden Jahren gestaltete sich mau. Und dennoch. Ich hatte in Lucy etwas gesehen, das ich bisher in keinem anderen Menschen gefunden hatte. Etwas, das ich zu einem Teil meines Lebens machen wollte, dauerhaft.
Als ich dann 2019, während meines Trainings, kurz vor Silvester den südlichsten Punkt von Neuseelands Nordinsel erreichte, blinkte plötzlich mein Facebook Messenger auf. Ausgerechnet hier, nur wenige Kilometer entfernt von jenem Ort, an dem wir uns Jahre zuvor kennenlernten, schrieb mir jene Person, die mir noch immer sehr viel bedeutete und in jenem Land lebte, dass ich bald für mehrere Monate besuchen würde. Das musste ein gutes Omen sein.
Schon bald texteten wir an vielen Tagen der Woche und mir war sofort klar, dass jener uralte Funke noch immer da war. Lucy sollte in den kommenden Monaten meine wichtigste emotionale Stütze sein. Es war ihre Idee, für das Volk der Navajo etwas Geld zu sammeln, und sie half bei der Anpassung meiner Webseite. Später ließ sie mich ihre Adresse für die Verlängerung meines Visums nutzen.
Die Vorstellung, Lucy am Ende des Great Western Loops wiederzusehen, war einer meiner größten Motivationsfaktoren. Die Hoffnung, sie am Ende in den Arm zu nehmen, gab mir Kraft und ließ mich so manches emotionale Tal leichter durchschreiten.
Oktober 2020, Köln
Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht klar, in welche Richtung ich beim zweiten Versuch starten werde, und so plane ich für diverse Optionen. Eine Wanderung im Uhrzeigersinn sowie gegen den Uhrzeigersinn ist denkbar. Die finale Entscheidung wird erst unmittelbar vor dem Start fallen, wenn mehr Klarheit über die Schneeverhältnisse in Colorado und Kalifornien besteht.
Ich zähle mich nicht zu den ängstlichsten Menschen dieses Planeten, aber meine Sorgen diesbezüglich sind immens, denn die Anzahl an kaum zu kontrollierenden Faktoren und möglichen Problemen ist riesig.
Mit rund 9.000 Kilometern Wandererfahrung in den letzten zwei Jahren zähle ich mich noch immer zu den Anfängern. Ich bin kein Überlebensexperte, der bereits unzählige kritische Situationen bewältigen musste oder schon als kleiner Junge unzählige Tage mit seinem Vater im Wald verbracht hat. Ich bin nur ein ambitionierter Hiker, der auf einigen bescheidenen Erfahrungen aufbauen kann, aber sonst meist bei gutem Wetter nette Trails läuft und nun einer wohl völlig bescheuerten Idee verfallen ist.
Und so begleitet mich tagtäglich die Angst, was denn sein würde, wenn dieses Abenteuer scheitert. Wenn ich der körperlichen Belastung nicht standhalten kann und für einen irrwitzigen Traum meinen Job, meine Karriere, meine Wohnung sowie 1,5 Jahre meines Lebens aufgegeben hätte. Sowohl Andrew Skurka wie auch Jeff Garmire waren Mitte 20 bei ihren GWL-Thruhikes. Mit nun 38 Jahren sagt Skurka, dass er heute – obwohl recht fit – dazu wohl nicht nochmal in der Lage wäre. Herzlichen Dank! Mein 38. Geburtstag wird auf dem Trail stattfinden.
Und während ich diese Zeilen schreibe, ist es inzwischen bereits wieder 5:25 Uhr in der Früh und mir ist klar, dass ich mich wohl auch mental noch besser vorbereiten muss.
Der Schlüssel zum Erfolg wird Disziplin sein. Eiserne Disziplin. Eiserne Disziplin und Gewohnheiten, die mich trotz Schmerzen, Unlust oder Zweifeln immer wieder auf den Trail schicken, um Meile für Meile meinem Ziel näherzukommen.
Mein größtes Problem hierbei war es schon immer, früh morgens aus dem Schlafsack zu kriechen. Ich bin eine Nachteule und kein Frühaufsteher. Ich mag es, aufzustehen, wenn die ersten Sonnenstrahlen das Zelt erwärmen und die eingefrorenen Socken des Vortages langsam auftauen. Mein durchschnittliches Tagespensum von mindestens 50–60 Kilometern ist aber nur zu schaffen, wenn ich täglich ab 5:30 Uhr oder 6 Uhr laufe. Das heißt im Dunkeln aufstehen, Wraps aus hartgefrorenen Nutella-Stückchen kauen, in die nassen und verschwitzten Klamotten des Vortages schlüpfen und halb verschlafen die ersten Meilen des Tages entlangschlurfen. Immerhin, die frühen Morgenstunden auf dem Trail, zählen zu den schönsten Stunden des Tages, wenn die Sonne die Nebelschwaden verschwinden lässt und der Wald langsam zum Leben erwacht.
Und so versuche ich, aus der Not eine Tugend zu machen und die Umstände der Coronapandemie für eine noch bessere und konkretere Vorbereitung zu nutzen. Viele Aspekte, die ich während meines ersten Versuchs auf dem Trail sukzessive planen wollte, kann ich nun deutlich ausführlicher von zu Hause aus planen. Zudem habe ich eine Weiterbildung als Natur- und Wanderführer belegt, um weitere Skills, insbesondere in Erster Hilfe und im Umgang mit winterlichen Bedingungen zu erlangen.
Angst
Die Erfahrungen aus den letzten 9.000 Kilometern stimmen mich nachdenklich. Mir ist vollkommen klar, dass ich Risiken eingehen muss, um dieses Abenteuer bestehen zu können. Diese Tour wird ein konstanter Balanceakt zwischen Sicherheit und Risiko, zwischen Geschwindigkeit und Verletzungsgefahr, zwischen Stolz und Besonnenheit sowie zwischen Wahnsinn und Vernunft.
Ja, ich habe in den vergangenen Jahren einige kritische Situationen auf dem Trail erlebt. Ich habe mich mühsam und mit letzter Kraft durch reißende Flüsse und schmale Canyons mit stetig steigenden Fluten gekämpft, bin in der Sierra Nevada 20 m abgestürzt und in der „einen Nacht“ fast erfroren. Ich habe gespürt, was es bedeutet, für 20 Std. kein Wasser mehr zu haben, und den Hunger, wenn 1,5 Tage vor dem Erreichen der nächsten Stadt der Essensbeutel leer ist. Ich kenne das Gefühl, das sich breit macht, wenn man die Orientierung verloren hat oder plötzlich feststellt, meilenweit vom Weg abgekommen zu sein.
Diese Momente waren wichtig. Aus jeder einzelnen Erfahrung bin ich stärker hervorgegangen und habe nicht zuletzt durch jene Nacht in den „Superstition Mountains“ gelernt, wie schnell Arroganz und Dummheit gefährlich werden können. Dort draußen ist man nur eine winzig kleine Nummer. Wer sich überschätzt sowie die Demut und den Respekt vor den Gewalten der Natur außer Acht lässt, kann dort draußen den Tod finden. Berichte von tragischen Unglücken entlang der Trails finden sich leider jedes Jahr.
Mir ist völlig klar: Auch 2021 werden Dinge fürchterlich schief laufen. Egal, wie akribisch ich plane, egal, wie sorgsam ich mich vorbereite, und egal, wie viele Recherchen ich anstelle. Der Trail wird mich mit unzähligen unvorhersehbaren Herausforderungen konfrontieren, die mich an meine Grenzen und vermutlich weit darüber hinaus bringen werden. Es geht also nicht darum, die Angst auszuschließen, sondern als Teil der Erfahrung zu akzeptieren. Es geht darum, Strategien zu entwickeln, mit dieser Angst umzugehen.
Und ja, vermutlich geht es mir auch genau um jene Grenzmomente. Erst wenn wir unsere Komfortzone verlassen, neue Erfahrungen machen und an eben jene Grenzen stoßen, lernen und wachsen wir.
„You never know how strong you are until being strong is the
only choice you have.“
(Bob Marley)
Die meisten Menschen beschreiben mich als rational und überlegt. Ich denke, dass mir genau diese Eigenschaft stets geholfen hat, in kritischen Momenten ruhig und besonnen zu reagieren.
Im Englischen heißt es oft „choose faith over fear“. Wähle Glauben oder Vertrauen statt Angst. Das werde ich tun. Und ja, ich habe Angst. Angst vor Situationen, die meine Fähigkeiten übersteigen und mich in ernsthafte, vermutlich sogar lebensbedrohliche Situationen bringen werden.
Angst steckt in jedem von uns. Derjenige, der keine Angst hat, ist entweder dumm oder naiv. Doch es ist an uns, zu entscheiden, ob wir uns von dieser Angst in einen goldenen Käfig stecken lassen oder ob wir diese Angst als unseren Verbündeten betrachten und bewusst wahrnehmen.
Angst fühlt sich nach Leben an. Angst schärft unsere Sinne, pumpt uns voll mit Adrenalin und lässt uns vorsichtig werden. All das kann helfen, schwierige Situationen zu meistern. Nichts ist vergleichbar mit dem unglaublichen Erfolgserlebnis, wenn man erneut die eigene Angst überwunden und eine weitere Herausforderung bestanden hat. Wenn man erneut die Grenzen der eigenen Fähigkeiten und Belastbarkeit verschoben hat und wieder um eine Erfahrung reicher ist. Die Herausforderung besteht allein darin, sich von der Angst nicht überwältigen zu lassen. Unzählige Stunden habe ich mich mit der Planung meiner Ausrüstung, dem Fitnesstraining und der Routenplanung verbracht. Klar ist jedoch: Mein wichtigstes Ausrüstungsteil sitzt zwischen meinen beiden Ohren. Ein klarer Kopf und eine gute Intuition werden mir dabei helfen, Fehlentscheidungen und Panik zu vermeiden, und mich sicher ans Ziel bringen.
Angst gibt mir die Energie, akribisch zu planen und verschiedene Eventualitäten immer wieder zu durchdenken. Ich mag das einzigartige Gefühl, wenn das Adrenalin in den Körper schießt und der Kopf auf „überleben“ umschaltet.
Ich habe gelernt, meine anfängliche Angst zu kontrollieren und mich an einfachen Handlungsmustern zu orientieren, die mir helfen, gute Entscheidungen zu treffen. Und so freue mich auf die Herausforderungen, die auf mich warten. Ich freue mich darauf, neue und kreative Lösungen für unvorhergesehene Probleme zu finden, und ich freue mich auf die Euphorie, die in mir aufsteigt, wenn ich erneut eine Herausforderung gemeistert habe.
Kartenarbeit
Unzählige Stunden gehen ins Land, in denen ich Karten vergleiche, nach Wasserquellen suche und Routen und Alternativen abwäge. Ich studiere einzelne Etappen, suche nach Auffanglinien im Gelände, die mir bei der Orientierung helfen, und versuche, mir per Google Earth Geländemerkmale einzuprägen. Ich markiere winzige Teiche mit GPS-Wegpunkten und studiere die Webseiten von US-Behörden, um mir Pegelstände von Flüssen zu unterschiedlichen Jahreszeiten anzusehen. Für die gefährlicheren Hochgebirge habe ich Notfall-Wegpunkte erstellt, die entweder zu nahegelegenen Städten und wichtigen Pässen oder Wegkreuzungen zeigen. Immer wieder stellte ich hierbei fest, dass einige Trails und Straßen auf manchen Karten nicht verzeichnet sind, und so sprach ich u. a. auch mit Rangern des Joshua Tree Nationalparks, um die Existenz einzelner Wege zu prüfen.
Ich recherchiere die Reichweite von handelsüblichen Bear-Sprays und wie man am effektivsten mit Schneeschuhen wandert. Und immer wieder zähle ich Meilen und frage mich, wo ich noch Gewicht sinnvoll sparen könnte und ob ich in den bereits recht vollen Rucksack bis zu neun Liter Wasser hineinbekomme.
Meine größte Sorge gilt dem Wasser auf dem südlichen Teilstück zwischen Kalifornien und Arizona. Ich analysiere diverse Flüsse und deren Wasserstände der letzten vier Jahre. Wo finde ich abseits der offiziellen Trails Wasser und wie zuverlässig sind diese Quellen? Kann ich im März in der Sonora-Wüste durch Flussbetten laufen, ohne schwimmen zu müssen? Und wenn ja, sind diese Flussbetten dann völlig ausgetrocknet oder kann ich auf kleinere Wasserlöcher hoffen? Was ist, wenn ich gegen den Uhrzeigersinn laufe? Sind im Oktober alle Quellen versiegt oder führen die Flüsse ganzjährig Wasser? Unzählige Fragen stellen sich mir und eine Entscheidung, wie herum ich laufe, ist noch immer nicht gefallen.
Für den wesentlichen Teil der gesamten Route gibt es verlässliches Kartenmaterial in digitaler Form. Papierkarten werde ich nur auf ausgewählten Teilabschnitten tragen, die als besonders kritisch oder herausfordernd gelten. Der weitestgehende Verzicht auf Papierkarten mag zunächst riskant erscheinen, stellte aber sowohl in Neuseeland, auf dem PCT, als auch beim ersten Versuch des Great Western Loops kein Problem dar. Natürlich besteht immer die Gefahr eines Ausfalls elektronischer Geräte, insb. bei Minus-temperaturen, aber mit dem Wissen um diese Gefahr konnte ich das Problem bislang umgehen.
Bei den von mir geplanten Distanzen stellen Papierkarten einfach ein riesiges logistisches Problem dar. Die Menge an Karten bspw. in einem Maßstab von 1:25000 oder 1:50000 wäre immens und würde entweder ein erhebliches Gewicht ausmachen oder meine Logistik sehr verkomplizieren.
Somit beschränkt sich meine Navigation auf die Smartphone Apps Gaia und Guthooks (jetzt FarOut) sowie auf meinen InReach Mini, der über mehrere hundert eigens angelegte Wegpunkte verfügt, die mir im Notfall als Backup dienen sollen.
Meine größte Sorge gilt jener „Gap-Section“ zwischen dem PCT und dem Grand Canyon. Hier muss ich mir eine eigene Route durch die Sonora-Wüste suchen. Der Gedanke daran macht mir Angst.
Mein Plan besteht darin, den PCT nahe Big Bear Lake zu verlassen und dann in Richtung Yucca Valley und Joshua Tree Nationalpark zu laufen.
Von hier aus folgte Andrew Skurka vermutlich einer nördlichen Route und durchquerte die Sonora-Wüste zwischen Twentynine Palms in Kalifornien und Parker, Arizona. Mir scheint diese Route heute nicht mehr passierbar. Auf den rund 170 Kilometern gibt es als einzige Wasserquelle eben jenes Aquädukt, das Wasser vom Lake Havasu in die trockenen Regionen Kaliforniens bringt. Ich könnte diesem Aquädukt folgen, doch hohe Zäune und das strikte Verbot, Wasser zu entnehmen, schrecken mich ab. Das Risiko, auf halber Strecke festzustellen, dass das Wasser unerreichbar ist, ist mir zu groß.
Ich entscheide mich daher für eine südlichere Route, die offenbar auch Jeff Garmire im Jahr 2018 gewählt hat.
Diese führt quer durch den Joshua Tree Nationalpark. Auf über 110 Kilometern werde ich hier kein Wasser finden können. Die einzigen Wasserquellen gibt es am West- und Süd-Eingang. Hier werde ich für knapp zwei Tage zwischen sieben und zehn Liter Wasser tragen und stark rationieren müssen. Sollte ich hier – oder auf dem folgenden Abschnitt – die Orientierung verlieren oder aufgrund eines Wassermangels einen Kreislaufzusammenbruch erleiden, so stecke ich in ernsten Schwierigkeiten.
Auch auf der nächsten Etappe werde ich in östlicher Richtung laufend kaum Wasser haben. Für die rund 100 Kilometer werde ich mich am Interstate 10 orientieren und vermutlich in Richtung Desert Center und dann nach Blythe laufen. Auf dieser Strecke kann ich auf zwei recht zuverlässige Wasserquellen hoffen.
Nach Blythe laufe ich noch einen knappen Tag weiter entlang des Interstate 10, bis Quartzsite. Hier verlasse ich den Interstate und laufe gen Nordosten bis zur Kleinstadt Bouse.
Von Bouse aus behalte ich die Richtung bei, überquere nach ca. zehn Kilometern ein weiteres Aquädukt, an dessen Wasser ich wohl nicht herankommen werde, bis ich den Bill Williams River erreiche, der im Lake Alamo gestaut wird. Der Plan ist es, dem Fluss querfeldein zu folgen und so den Lake Alamo State Park zu erreichen. Hierbei werde ich vermutlich das Gelände der Lincoln Farm betreten müssen.
Nach dem Alamo State Park folge ich dem Bill Williams River für weitere 2–3 Kilometer, um die Arrastra Mountains weitestgehend zu umgehen, und verlasse das Flussbett dann in Nord- bzw. nordöstlicher Richtung. Für die nächsten knapp 20–25 Kilometer werde ich mich streng an meinen Kompass und einige der ausgetrockneten Canyons halten, bis ich auf die 17 Mile Road und später den Highway 92 stoße.
Der restliche Weg führt mich dann über Bagdad, durch die Apache Creek und Juniper Mesa Wilderness bis nach Seligman und schließlich über Tusayan zum Grand Canyon.
Trotz dieser Planung bleibt eine große Unsicherheit. Je nachdem, ob ich den Great Western Loop in östlicher oder westlicher Route starte, werde ich auf eben jenem Abschnitt unterschiedliche Bedingungen antreffen. Mein Wunsch wäre es, diese Wüste gleich zu Beginn meiner Reise zu durchqueren, da ich im April auf mehr Wasser aus dem letzten Winter hoffen kann. Sollte ich in östlicher Richtung starten und somit erst im Oktober/November in die Sonora-Wüste aufbrechen, so wären vermutlich selbst einigermaßen verlässliche Bäche längst ausgetrocknet.
Nicht zu wissen, in welcher Richtung ich den Trail starten werde, macht mich wahnsinnig. Mein Fokus gilt einem Start entgegen dem Uhrzeigersinn. Der Reiz, als erster Mensch der Welt den Great Western Loop in dieser Richtung abzuschließen, ist immens. Ich weiß aber, dass es noch zu früh für eine finale Entscheidung ist. Bis Ende April kann in den Gebirgen noch massiver Schnee fallen und so warte ich im Oktober 2020 die anrückenden Winterstürme ab und hoffe, dass insgesamt möglichst wenig Schnee fällt.
Ohne Mampf kein Kampf
Auf meinem PCT-Thruhike im Jahr 2018 habe ich in 4,5 Monaten rund 8–9 kg Körpergewicht verloren und mich nicht wirklich mit der Ernährung auf dem Trail auseinandergesetzt. Häufig bin ich ohne Frühstück losgerannt und habe erst nach einigen Stunden eine kurze und verspätete Frühstückspause eingelegt. Ein solches Defizit kann ich mir auf dem Great Western Loop nicht leisten. Rechnet man das verlorene Körpergewicht in Kalorien um, so muss ich von einem Defizit von ca. 70.000 kcal verteilt auf knapp 140 Tage ausgehen, dies entspricht 500 kcal pro Tag, also einer 100 g Tafel Schokolade.
Dementsprechend habe ich für 2021 einen etwas konkreteren Ernährungsplan.
Zunächst stellt sich die Frage nach dem Kalorienverbrauch pro Tag, dieser wird in den meisten Artikeln mit ca. 3.000–5.000 Kalorien pro Tag angegeben. Bei meiner Extremwanderung muss ich also mit bis zu 5-6.000 Kalorien pro Tag rechnen. Dies setzt also den grundsätzlichen Rahmen für die Tagesplanung.
Zudem ist auf das Verhältnis von Fetten und Kohlenhydraten sowie den Proteingehalt zu achten.
Aktivitäten, die eher mit niedriger Herzfrequenz durchgeführt werden, verbrauchen mehr Fettreserven, Aktivitäten mit hohen Intensitäten und Herzfrequenzen verbrauchen mehr Kohlenhydrate. Zudem muss ich auf einen angemessenen Proteinhaushalt achten, um meine Muskelregeneration zu unterstützen.
Der Youtuber „GearSkeptic“ verweist in seinen Videos zu „Backpacker Nutrition“ auf eine Studie zum Zusammenhang zwischen Ausdauer und Ernährung. Die Studie gelangt zu dem Schluss, dass
die Aufnahme von Kohlenhydraten
vor
dem Sport die Ausdauer um 18 % verlängert.
die Aufnahme
während
des Sports die Ausdauer um 32 % verlängert und
die Aufnahme
vor und während
des Sports die Ausdauer um 44 % erhöht.
Interessant ist insbesondere die Bedeutung des Frühstücks. Der Verzicht auf ein Frühstück würde einer Leistungseinbuße von ca. 18 % entsprechen. Bei einem geplanten Schnitt von mind. 48 Kilometern pro Tag wäre dies ein beachtliches Defizit von rund 8,5 Kilometern!
Um über den Tag verteilt genug Energie zu haben, sollte ich auf eine gescheite Verteilung von Zucker, komplexen Kohlenhydraten und Fett achten.
Zucker gibt mir einen kurzfristigen Boost, ist der Anteil jedoch zu hoch, droht ein dramatischer Leistungsabfall nach kurzer Zeit. Hier kommen die komplexen Kohlenhydrate ins Spiel. Diese geben auch nach 1–2 Stunden noch Energie ab und übergeben anschließend den Staffelstab an die Fette. Letztere versorgen mich 2–3 Stunden mit Energie. Anstelle großer und schwerer Mahlzeiten werde ich daher versuchen, über den Tag verteilt mehrere kurze Snackpausen im Abstand von 2–3 Stunden einzulegen. Dies passt auch zu meinem bisherigen Laufrhythmus. Ich war nie ein Freund von großen Pausen.
Mit diesen theoretischen Grundlagen im Kopf stellt sich nun die Frage nach dem persönlichen Geschmack und natürlich dem Gewicht der Lebensmittel. Viele Lebensmittel scheiden für mich schlichtweg aus, weil ich den Geschmack nicht ausstehen kann oder das Verhältnis von Kalorien pro Gramm Gewicht zu schlecht ist.
„GearSkeptic“ hat hierzu eine sehr hilfreiche Excel-Tabelle mit 900 Lebensmitteln erstellt, die in US-Supermärkten erhältlich sind. Diese Liste enthält detaillierte Informationen zu den einzelnen Lebensmitteln und den jeweiligen Nährwerten.
Insbesondere einige der Klassifizierungen (Details im Anhang) sind hierbei spannend. So heißt es dort u. a., dass Lebensmittel ab 5,47 Kalorien pro Gramm als „ultraleicht“ gelten.
Dementsprechend sieht mein täglicher Ernährungsplan ungefähr folgendermaßen aus:
Ernährungsplan
Soweit die Theorie. In der Praxis wird mich diese Planung vor einige Herausforderungen stellen, denn viele Orte entlang meiner Route sind derart klein, dass dort kaum ausreichende Einkaufsmöglichkeiten bestehen und ich schlichtweg das kaufen muss, was gerade vorhanden ist. Zudem fürchte ich, dass aufgrund der Coronapandemie einige Restaurants inzwischen geschlossen haben, bei denen ich mein Defizit vom Trail hätte ausgleichen können.
Möglicherweise werde ich in einigen sehr abgelegenen Regionen auf die Möglichkeit zurückgreifen müssen, mir selbst Lebensmittelpakete per Post zuzusenden.
Sonstige Ausrüstungsgegenstände, die während des Trails ersetzt werden müssen, werden online über Amazon oder REI bestellt und an meinen nächsten Resupply-Ort geschickt. Dies stellt in den USA meist kein großes Problem dar, da entweder Hotels oder Postämter Pakete von Hikern entgegennehmen.
Ähnlich könnte ich auch mit einigen Ausrüstungsgegenständen verfahren. Manche Hiker benutzen sogenannte „Bounce Boxes“, in denen einige Gegenstände per Post verschickt werden, die nur für bestimmte Trail-Abschnitte gebraucht werden. Dies umfasst bspw. Regenzeug, Winterkleidung oder auch Steigeisen und Eisäxte. Diese Boxen werden dann an bestimmte Zielpunkte vorausgeschickt. Der Hiker entnimmt das, was er gerade braucht, und schickt den Rest des Pakets weiter.
Da ich insgesamt aber bereits recht knapp gepackt habe und mir der logistische Aufwand zu groß ist, werde ich wohl lediglich meine sicherheitsrelevante Winterausrüstung, bestehend aus Eisaxt und Microspikes, vorschicken.
November 2020, Köln
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag auf dem Pacific Crest Trail vor zwei Jahren.
Es war ca. 16 Uhr, als ich ziemlich erschöpft den oberen Rand des Hauser Canyons erreichte.
Der Aufstieg am Nachmittag war hart. Der Trail hier ist steil und bietet gerade am Nachmittag keinerlei Schutz vor der sengenden Hitze. Meine Wasservorräte gingen bereits zur Neige. Viele Hiker hatten sich entschieden, am ersten Tag am Hauser Creek zu zelten und den Aufstieg erst in den kühleren Morgenstunden des zweiten Tages anzugehen.
Während ich vom Rand des Canyons hinunterblickte und kurz durchatmete, „flog“ ein anderer Hiker schnellen Schrittes an mir vorbei. Der Sportler in mir fühlte sich herausgefordert, aber ich war einfach zu erschöpft, um hinterherzurennen, und beschloss, in meinem eigenen Tempo weiterzugehen.
Keine 30 Minuten später sah ich plötzlich eben jenen Hiker auf einem Felsen sitzen. Ich überholte ihn, ohne dabei mit ihm zu sprechen. Einige Zeit später erreichte ich meinen Zeltplatz am Lake Morena und baute mein Zelt auf. Während ich im nahegelegenen Deli mit zwei deutschen Wanderern auf meinen Burrito wartete, fuhr plötzlich ein Krankenwagen vor und sammelte eben jenen Hiker ein, den ich kurz zuvor auf dem Trail gesehen hatte. Er hatte sich beim Aufstieg offenbar übernommen und kurze Zeit später das Knie böse verdreht, weshalb er die letzten Meilen nur noch humpelnd zurücklegen konnte.
Ähnliche Fälle sollten mir in den kommenden Tagen öfters begegnen. Gerade in Julian, einer der ersten kleineren Trailtowns, waren bereits etliche Hiker dazu geneigt, aufzugeben. Sie hatten sich auf den ersten Tagen des Trails übernommen und bemerkt, dass der Trail ihnen körperlich zu viel abverlangte. Auch erste Verletzungen oder heftige Blasen an den Füßen sah man hier bei vielen unerfahrenen Wanderern.
Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass viele Menschen auf dem PCT aus einem Bürojob kommend plötzlich 8–10 Stunden durch die Wildnis laufen. Der Körper braucht Zeit, um sich an die neue Situation anzupassen. Leider unterschätzen viele Wanderer diesen Aspekt und verbringen zwar Wochen mit dem Feintuning der Ausrüstung, aber eben nicht mit konkretem Training.
Ich kann das nicht nachvollziehen. Klar, nichts in der Welt kann den Körper vollständig auf einen Thruhike vorbereiten. Gerade im stressigen Berufsleben erfordert jedes Training viel wertvolle Zeit. Es geht aber auch gar nicht darum, bereits vor dem Trail zum absoluten Laufwunder zu werden, sondern durch frühes und konstantes Training den Bändern, Gelenken und Muskeln Zeit zu geben, sich langsam auf die anstehenden Strapazen vorzubereiten. Hierfür können täglich 10 Minuten Sport ausreichen.
Zudem bereitet es einfach viel mehr Spaß, wenn man in den ersten Tagen und Wochen auf dem Trail nicht nach jedem kleinen Hügel direkt ein Sauerstoffzelt braucht.
„There are no shortcuts to any place worth going.“
(Beverly Sills)
Mir war früh klar, dass ich für den Great Western Loop bereits Monate vor meinem Start mit dem Training beginnen muss, um von Tag 1 an 48 und mehr Kilometer laufen zu können. Zudem sollte mich das regelmäßige Training auch mental auf die Unannehmlichkeiten des Trails vorbereiten.
Nach der Rückkehr aus den USA im April 2020 war ich darum bemüht, ein gewisses Fitnesslevel aufrechtzuerhalten. Ich drehte gelegentlich leichte Trainingsrunden und lief – wenn möglich – auch immer wieder weite Strecken mit Rucksack vom jeweiligen Bahnhof zu den Seminarorten meiner Natur- und Wildnisführer-Ausbildung.
Gegen Ende des Sommers spannte ich dann noch eine Slackline im Garten auf. Nach anfänglicher Frustration zeigte sich doch schnell, dass die Slackline eine wertvolle Ergänzung zum sonstigen Training war. Mit kaum einem anderen Gerät lassen sich die Balance sowie Fuß- und Beinmuskulatur auf derart unterhaltsame Weise trainieren.
Ab November 2020 startete ich dann mit einem konkreten Trainingsplan, der zwei Trainingseinheiten pro Tag an fünf Tagen in der Woche vorsah. Oft brach ich häufig bereits um 5 oder 6 Uhr morgens zu einem ersten Jogginglauf in der Dunkelheit auf und wusste schon bald, wo und wann welche Bewegungsmelder in der Nachbarschaft angingen.
Die Uhrzeit war bewusst gewählt, um das frühe Aufstehen zur Gewohnheit zu machen. Ich würde die Routine brauchen, um mein tägliches Pensum zu schaffen, und wollte insbesondere in den Bergen die Morgenstunden nutzen, da dann die Schneeverhältnisse meist deutlich günstiger sind.
Hierfür galt es also, zunächst den inneren Schweinehund zu überwinden. Um effektive Gewohnheiten zu entwickeln, braucht es vier Schritte: einen Auslöser, ein Verlangen, eine konkrete Handlung und eine Belohnung. Kurzentschlossen malte ich mir also ein unübersehbares Flipchart, auf dem meine Trainingsinhalte standen, hing es an die Tür und hakte jeden Morgen und jeden Abend die Trainingseinheiten ab. Zudem stellte ich meine Laufschuhe stets mitten in den Raum und belohnte mich nach dem Lauf mit einem Frühstück aus Eiern und Speck.
Ab Dezember steigerte ich mein Pensum dann auf drei Einheiten pro Tag und professionalisierte das Training mithilfe der kostenpflichtigen Trainings-App Freeletics.
Mein Training bestand aus den folgenden Kernelementen:
Joggingeinheiten und Intervallläufe,
Wanderungen von ca. 12–25 Kilometern mit rd. 15 kg Gewicht,
gezielte Übungen zur Stärkung von Rumpf-, Becken- und Bein-muskulatur sowie
gezielte Übungen zur Stärkung der Fußmuskulatur und Beweglichkeit der Knöchel.
Bei den Übungen griff ich u. a. auf YouTube-Videos von Chase Mountain zurück. Diese sollten insb. typischen Verletzungen wie Shin-Splints (Schienbein-kantensyndrom) oder Plantarfasziitis (auch Fersensporn) vorbeugen.
Auch das gezielte Training meiner Knöchel war wichtig. Bei insgesamt rund 15 Millionen Schritten lässt sich ein gelegentliches Umknicken nicht vermeiden. Ziel war es daher nicht, das Umknicken durch hohe Schuhe zu vermeiden, sondern die Knöchel und Bänder auf ein Umknicken vorzubereiten und die Flexibilität im Fuß insgesamt zu erhöhen.
Im Nachhinein kann ich sagen, dass das Training sehr erfolgreich war. Während ich 2018 immer wieder mit Schmerzen im Schienbein oder der Ferse zu kämpfen hatte, konnte ich 2021 trotz eines deutlichen höheren Pensums weitestgehend beschwerdefrei laufen.
Auf meinen Trainingsläufen begegnete ich immer wieder denselben Personen, die aufgrund des vollbepackten Rucksacks oft nachfragten, ob ich für die Bundeswehr trainieren würde. Die Läufe im nasskalten deutschen Winter waren keine angenehme Sache. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, Nieselregen und Dunkelheit wurden meine Motivation und mein Durchhaltevermögen schon früh auf die Probe gestellt. Mir war aber stets klar, dass mich auf dem Trail weit größere Herausforderungen erwarten würden und ich mein Ziel nie erreichen würde, wenn ich bereits an diesen simplen Trainingsläufen scheitern sollte.
Und so lief ich Tag um Tag und nutzte das Wetter als Chance, um mein Regenzeug und meine Willenskraft zu testen.
Letzteres wurde auch zunehmend in meinem Alltag gefordert, als sich eine nach der nächsten Krise auf der Welt zusammenbraute.
Jahreswechsel 2020/2021, Köln
„E pluribus unum“ – aus vielen eines. Kaum ein Spruch verkörpert die Idee der USA besser. Die Idee eines Schmelztiegels aus Menschen unterschiedlichster Herkunft, die allen Differenzen zum Trotz zusammenkommen und gemeinsam eine Nation erbauen. Eine Idee, zu der ich stets aufblickte und die den USA einen besonderen Platz in meinem Herzen bescherte.
Diesen Leitspruch nahm ich erstmals bewusst im Jahr 2010 wahr, als ich während meines siebenmonatigen USA-Praktikums das Kapitol in Washington D.C. besuchte. Ich erinnere mich gut daran, wie ich die lange Treppe zum Kapitol hinaufsteige, die Rotunde betrete und die Bilder und Statuen ehemaliger Präsidenten betrachte. Mein Blick schweift nach oben in die Kuppel des Kapitols. Dort, hoch oben, auf einem Fresco, das George Washington und seinen Aufstieg in den Himmel darstellt, steht fast unscheinbar eben jener Leitsatz, der bis heute auf vielen US-Dollarmünzen und offiziellen Siegeln zu finden ist.
„E pluribus unum“ – aus vielen eines. Nie schien dieser Leitspruch ferner und unerreichbarer als in diesen Tagen.
Während der letzten Monate behielt ich die Entwicklung in den USA stets im Auge. Meine Sorge galt zunächst allein den Coronazahlen. Doch was sich im Laufe der folgenden Monate ereignen sollte, schockierte mich zutiefst.
Bereits 2018 hatte ich auf dem PCT miterlebt, wie tief gespalten das Land nach der Wahl von Donald Trump ist. Die Abneigung gegenüber dem jeweils anderen politischen Lager war allgegenwärtig und zeigte sich in vielen Alltagssituationen. Ich erinnere mich gut an Abende im örtlichen Pub, an denen mir „Golden“ – ein amerikanischer Freund und Thruhiker – heimlich zu verstehen gab, dass wir gerade strengen Republikanern gegenüber saßen und ich meine Begeisterung für Obama für mich behalten sollte.
Im eher demokratischen Oregon hingegen begegneten mir Trailangel, denen die politische Lage in den USA hochpeinlich war und die sich für das Chaos im Land entschuldigten, ohne dass ich die Politik überhaupt ins Gespräch gebracht hatte.
Diese Spaltung sollte mit den aufkommenden Black-Lives-Matter-Protesten nach dem Mord an George Floyd im Mai einen neuen Höhepunkt erreichen. 8:46 Minuten, die zeigen, dass die USA noch weit davon entfernt sind, einige tiefgreifende Probleme in den Griff zu bekommen. Umso schlimmer, dass jene Bilder von verwüsteten Straßenzügen leider nicht allzu überraschend kamen. Die Proteste der nachfolgenden Wochen konnte ich gut nachvollziehen und wieder einmal wurde mir bewusst, wie fern die USA doch von ihren eigentlichen Idealen sind.
In der 7. oder 8. Klasse hatte ich auf meinem Mäppchen den bekannten Spruch von Martin Luther King festgehalten: „I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin, but by the content of their character“.
Ein Spruch, der für mich eine der erstrebenswertesten Leitlinien einer sozialen und gerechten Gesellschaft beschreibt. Umso glücklicher und optimistischer war ich somit auch 2008, als mit Barack Obama der erste schwarze US-Präsident gewählt wurde. Seine „a more perfect union“-Rede ist die vermutlich beste und ergreifendste Rede, die ich jemals gehört habe und die mein damals bereits schwindendes Vertrauen in die moralischen Werte der USA zunächst wiederherstellte.
Im Sommer 2020 war von diesem Vertrauen und den moralischen Werten der USA nur noch ein Scherbenhaufen übrig. Ein aufstrebender Ku-Klux Klan, offen zur Schau gestellter Rassismus und die teils fragwürdige Ausbildung der Polizei. All dies ließ mich mehr als je zuvor an den USA und meinem Vorhaben zweifeln.
Wie gebannt saß ich in diesen Wochen vor dem Fernseher, zappte durch alle gängigen US-Nachrichtensender und war entsetzt, was ich dort an parteipolitischen Spielereien und Propaganda erleben musste.
Als Trump dann am 01.06. für ein Foto weitgehend friedliche Demonstranten mit Tränengas verscheuchte, die Coronazahlen weiter unaufhörlich stiegen und auch die Lügen der US-Administration zunehmend absurder wurden und letztlich in einer nicht akzeptierten Wahlniederlage mündeten, war für mich der Anspruch der USA als Führer der freien westlichen Welt endgültig verloren. Und dabei standen die schlimmsten Ereignisse erst noch bevor.
In der Woche nach dem Wahltag am 03.11.2021 lief bei mir der Sender CNN rund um die Uhr. Mit einer Mischung aus Schock, Ungläubigkeit und Desillusionierung verfolgte ich live mit, wie Auszählungsergebnisse angefochten und verzögert wurden und die Gräben zwischen den politischen Lagern unerreichte Tiefen erlangten. Innerhalb einer Woche wurde aus einer einst respektierten Demokratie eine Bananenrepublik, die kaum in der Lage schien, einen Präsidenten zu bestimmen.
Der Sturm auf das Kapitol am 06.01. war für mich der letzte Sargnagel, der die Reputation der USA als Vorzeigedemokratie endgültig zu Grabe getragen hat.
Dies alles sollte aber nicht von den Problemen vor unserer eigenen Haustür ablenken. Auch wir hier in Deutschland haben erstzunehmende gesellschaftliche Probleme. In unserer Entrüstung über den Sturm des Kapitols vergessen wir nur allzu leicht, dass im August 2020 ähnliche Bilder vom Berliner Reichstagsgebäude in die Welt gingen, als AfD-Anhänger einige Polizeisperren durchbrachen.
Dennoch denke ich, dass wir stolz und zufrieden mit den Entwicklungen der letzten Jahre sein können und alles daran setzen sollten, ein gesellschaftliches Klima, wie es in den USA inzwischen vorherrscht, zu vermeiden.
Wir dürfen uns daher nicht zurücklehnen und jenen YouTube-Doktoren und AfD-Hetzern unkommentiert das Feld überlassen. Rassismus, Hetze, absurde Verschwörungstheorien und ähnliche Diskriminierungen müssen offengelegt und klar benannt werden. Hierfür kann es kein Verständnis und keine Toleranz geben.
Januar 2021, Köln
Es ist Januar 2021 und die ersten Coronaimpfungen in England sind angelaufen. Mein Vorhaben scheint wieder wahrscheinlicher zu werden.
Die Coronazahlen in Deutschland sinken stetig, Trump ist endgültig aus dem Amt ausgeschieden und mit Biden nimmt die Impfkampagne in den USA an Fahrt auf. Die Dinge entwickeln sich positiv!
Meine schlaflosen Nächte nehmen dennoch zu. Ich sitze nachts stundenlang am Tablet, lese Berichte über die einzelnen Trail-Abschnitte, schaue YouTube-Videos und vergleiche die geschilderten Erlebnisse immer wieder mit den offiziellen Berichten des US-Wetterdienstes. Ich vergleiche Erfahrungsberichte mit tatsächlichen Daten über die Schneeverhältnisse der vergangenen Jahre und versuche, mir ein eigenes Bild zu machen. Noch immer habe ich nicht entschieden, in welcher Richtung ich starten werde.
Die Anzeichen deuten momentan auf einen Start im Uhrzeigersinn hin. Die Sierra Nevada in Kalifornien liegt bei rund 50 % der üblichen Schneelast und auch in Washington liegen die Zahlen im Jahresmittel. Lediglich in Oregon entwickelt sich eine Lage, die beobachtet werden muss. Noch ist es zu früh für eine finale Entscheidung, denn nicht selten fallen bis April noch erhebliche Schneemengen in den USA.
