Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Elias & Laia - Eine Fackel im Dunkel der Nacht E-Book

Sabaa Tahir  

4.8265306122449 (98)
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E-Book-Beschreibung Elias & Laia - Eine Fackel im Dunkel der Nacht - Sabaa Tahir

Die lang erwartete Fortsetzung von Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken. Das Schicksal hat Elias und Laia zueinander geführt und im Kampf gegen das Imperium geeint. Laia hat Elias vor der Hinrichtung bewahrt, und als Gegenleistung hilft Elias ihr, durch die Tunnel unterhalb von Schwarzkliff zu fliehen. Der Plan: Sie wollen die Stadt verlassen und den weiten Weg durch die Wüste bis nach Kauf einschlagen. Dort sitzt Laias Bruder im Gefängnis. Um ihn zu befreien, braucht Laia Elias' Hilfe. Auf ihrer Flucht bleibt kaum Zeit für die Frage, was sie außer dem gemeinsamen Feind noch miteinander teilen. Doch noch immer ist da dieses Gefühl, das sie vom ersten Moment zueinander hingezogen hat ...

Meinungen über das E-Book Elias & Laia - Eine Fackel im Dunkel der Nacht - Sabaa Tahir

E-Book-Leseprobe Elias & Laia - Eine Fackel im Dunkel der Nacht - Sabaa Tahir

Inhalt

Über das BuchÜber die AutorinTitelImpressumTeil I: FluchtI: LaiaII: EliasIII: LaiaIV: EliasV: HelenaVI: LaiaVII: EliasVIII: HelenaIX: LaiaX: EliasXI: HelenaXII: LaiaXIII: EliasXIV: HelenaXV: LaiaXVI: EliasXVII: LaiaXVIII: EliasXIX: HelenaXX: LaiaXXI: EliasXXII: LaiaXXIII: EliasXXIV: HelenaTeil II: NordwärtsXXV: EliasXXVI: HelenaXXVII: LaiaXXVIII: HelenaXXIX: LaiaXXX: EliasXXXI: HelenaXXXII: LaiaTeil III: Das Dunkle GefängnisXXXIII: EliasXXXIV: HelenaXXXV: LaiaXXXVI: EliasXXXVII: LaiaXXXVIII: EliasXXXIX: HelenaXL: LaiaXLI: EliasXLII: HelenaXLIII: LaiaXLIV: EliasXLV: LaiaTeil IV: GebrochenXLVI: EliasXLVII: HelenaXLVIII: LaiaXLIX: EliasL: HelenaLI: LaiaLII: EliasLIII: HelenaLIV: LaiaLV: EliasLVI: HelenaLVII: Laia

Über das Buch

Lang erwartete Fortsetzung von Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken: Das Schicksal hat Elias und Laia zueinander geführt und im Kampf gegen das Imperium geeint. Laia hat Elias vor der Hinrichtung bewahrt, und als Gegenleistung hilft Elias ihr, durch die Tunnel unterhalb von Schwarzkliff zu fliehen. Der Plan: Sie wollen die Stadt verlassen und den weiten Weg durch die Wüste bis nach Kauf einschlagen. Dort sitzt Laias Bruder im Gefängnis. Um ihn zu befreien, braucht Laia Elias‘ Hilfe. Auf ihrer Flucht bleibt kaum Zeit für die Frage, was sie außer dem gemeinsamen Feind noch miteinander teilen. Doch noch immer ist da dieses Gefühl, das sie vom ersten Moment zueinander hingezogen hat …

Über die Autorin

Sabaa Tahir war Redakteurin bei der Washington Post. Berichte über den Nahen Osten beschäftigten sie und führten schließlich dazu, dass sie ihren ersten Roman schrieb. Sie wollte eine Geschichte erzählen, die die Gewalt in unserer Welt abbildet. Sie wollte aber auch Figuren erschaffen, die in dieser Welt Hoffnung finden. Die nach Freiheit suchen und sich für die Liebe entscheiden, egal gegen welche Widerstände. Aus diesem Impuls heraus entstand ihr erster Roman, Elias & Laia. Die Herrschaft der Masken.

SABAA TAHIR

Elias

&

Laia

EINE FACKEL IM DUNKEL DER NACHT

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Imgrund

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der englischen Originalausgabe:

»A Torch Against the Night«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2016 by Sabaa Tahir

Alle Rechte vorbehalten

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde nach einem Entwurf von Sandra Taufer, München

Einband-/Umschlagmotiv: © Arcangel/Aliza Razell, © shutterstock/Shaun Dodds

E-Book-Produktion: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-7325-2944-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Teil I

Flucht

I: Laia

Wie haben sie uns so schnell gefunden?

Hinter mir hallen die Katakomben von zornigen Rufen und dem Kreischen von Metall wider. Mein Blick schweift zu den grinsenden Totenschädeln, die an den Wänden entlang aufgereiht sind. Ich meine, die Stimmen der Toten zu hören.

Seid flink, seid geschwind,scheinen sie zu zischen. Wenn ihr euch nicht zu uns gesellen wollt.

»Schneller, Laia.« Die Rüstung meines Begleiters schimmert, während er vor mir durch die Katakomben hastet. »Wir werden sie abhängen, wenn wir rasch genug sind. Ich kenne einen Fluchttunnel, der aus der Stadt führt. Sobald wir dort sind, sind wir in Sicherheit.«

Wir hören ein Kratzen hinter uns, und seine blassen Augen huschen über meine Schulter zurück. Seine Hand ist ein goldbraun verwaschener Blitz, als sie zum Knauf eines Schims fährt, das über seinem Rücken hängt.

Eine schlichte und zugleich bedrohliche Bewegung. Eine Erinnerung, dass er nicht nur mein Begleiter, mein Helfer ist. Er ist Elias Veturius, Erbe einer der angesehensten Familien des Imperiums. Er ist eine ehemalige Maske – ein Elitesoldat des Martialenimperiums. Und er ist mein Verbündeter – der einzige Mensch, der mir helfen kann, meinen Bruder Darin aus dem berüchtigten Martialengefängnis in Kauf zu befreien.

Mit einem Schritt ist Elias bei mir. Mit einem weiteren stellt er sich vor mich, unnatürlich geschmeidig für jemanden von seiner Größe. Zusammen spähen wir in den Tunnel zurück, durch den wir gerade gekommen sind. Der Puls hämmert in meinen Schläfen. Der Jubel, den ich über die Zerstörung der Akademie von Schwarzkliff oder über Elias’ Rettung vor der Hinrichtung empfunden habe, ist dahin. Das Imperium jagt uns. Wenn es uns erwischt, sind wir tot.

Schweiß durchdringt mein Hemd, doch trotz der furchtbaren Hitze in den Tunneln kriecht mir ein Schauer über die Haut, und die Härchen in meinem Nacken sträuben sich. Ich glaube, ein Knurren zu hören wie von einer verschlagenen, hungrigen Kreatur.

Beeil dich,schreit mein Instinkt. Mach, dass du wegkommst.

»Elias«, flüstere ich, doch er legt mir einen Finger auf die Lippen – schsch! – und zieht ein Messer aus dem halben Dutzend, das er über der Brust festgeschnallt trägt.

Ich zerre einen Dolch aus dem Gürtel und versuche, über das Trippeln von Tunneltaranteln und meinen eigenen Atem hinweg etwas zu hören. Das kribbelnde Gefühl, beobachtet zu werden, lässt nach – und wird von etwas Schlimmerem ersetzt: dem Geruch von Pech und Flammen, dem Stimmengewirr, das näher kommt.

Imperiale Soldaten.

Elias berührt mich an der Schulter und deutet auf seine Füße, dann auf meine. Tritt dahin, wohin ich trete. So vorsichtig, dass ich Angst habe zu atmen, folge ich seiner Anweisung, als er sich umdreht und sich rasch von den Stimmen entfernt.

Wir erreichen eine Gabelung im Tunnel und halten uns rechts. Elias nickt zu einem tiefen, schulterhohen Loch in der Wand, das leer ist bis auf einen Steinsarg, der auf die Seite gedreht ist.

»Dahinein«, flüstert er. »Bis ganz nach hinten.«

Ich schlüpfe in die Krypta und unterdrücke einen Schauer beim lauten Krrrk einer hier wohnenden Tarantel. Ein Schim, den Darin geschmiedet hat, hängt auf meinem Rücken, und sein Knauf kracht lärmend gegen den Stein. Hör auf zu zappeln, Laia – egal, was hier drin herumkriecht.

Elias duckt sich hinter mir in die Krypta; seine Größe zwingt ihn dazu, sich zusammenzukauern. In dem beengten Raum streifen sich unsere Arme, und er holt hörbar Luft. Aber als ich aufschaue, ist sein Gesicht Richtung Tunnel gewandt.

Selbst im Zwielicht fallen das Grau seiner Augen und die kantige Linie seines Kinns auf. Ich spüre ein Reißen in meinem Magen – ich bin an den Anblick seines Gesichts nicht gewöhnt. Noch vor einer Stunde, als wir der Zerstörung entkamen, die ich in Schwarzkliff angerichtet habe, sind seine Gesichtszüge hinter einer silbernen Maske verborgen gewesen.

Er neigt den Kopf und lauscht, während die Soldaten vorrücken. Sie sind schnell, und ihre Stimmen hallen von den Wänden der Katakomben wider wie die abgehackten Rufe von Raubvögeln.

»… wahrscheinlich nach Süden gelaufen. Jedenfalls wenn er nur halbwegs bei Verstand ist.«

»Wenn er nur halbwegs bei Verstand wäre«, sagt ein zweiter Soldat, »hätte er die vierte Prüfung gewonnen, und wir hätten diesen plebejischen Abschaum nicht als Imperator am Hals.«

Die Soldaten betreten unseren Tunnel, und einer hält seine Laterne in die Krypta, die gegenüber der unseren liegt. »Was zur Hölle …?!« Offensichtlich schreckt er vor dem zurück, was darin lauert.

Unsere Krypta ist die nächste. Es dreht mir den Magen um, meine Hand zittert am Dolch.

Neben mir zieht Elias eine weitere Waffe aus der Scheide. Seine Schultern sind entspannt, seine Hände liegen locker um die Messergriffe. Aber als ich einen Blick auf sein Gesicht erhasche – gerunzelte Stirn, zusammengebissene Zähne –, krampft sich mein Herz zusammen. Er begegnet meinem Blick, und einen Atemzug lang sehe ich seine Besorgnis. Er will diese Männer nicht töten.

Doch wenn sie uns sehen, werden sie die anderen Wachen hier unten alarmieren, und es wird von imperialen Soldaten nur so wimmeln. Ich drücke Elias’ Unterarm. Er zieht sich die Kapuze über den Kopf und schiebt sein schwarzes Halstuch hoch, um sein Gesicht zu verbergen.

Der Soldat kommt mit schweren Schritten näher. Ich kann ihn riechen – Schweiß und Eisen und Schmutz. Elias packt die Messer fester. Sein Körper ist angespannt wie der einer Wildkatze vor dem Sprung. Ich fasse an meinen Armreif – das Geschenk meiner Mutter. Das vertraute Muster fühlt sich beruhigend an.

Das Laternenlicht erreicht den Rand der Krypta, der Soldat hebt die Laterne hoch –

Plötzlich hallt tiefer im Tunnel ein Dröhnen wider. Die Soldaten fahren herum, ziehen Stahl und stürzen los, um dem Lärm auf den Grund zu gehen. Binnen Sekunden verschwindet das Laternenlicht, und das Geräusch ihrer Schritte wird leiser und leiser.

Elias stößt den angehaltenen Atem aus. »Komm«, sagt er. »Wenn dieser Spähtrupp hier auf Erkundung ist, werden weitere kommen. Wir müssen in den Fluchttunnel.«

Wir tauchen aus der Krypta auf, und ein Beben fährt durch die Tunnel, schüttelt Staub frei und lässt Knochen und Schädel zu Boden poltern. Ich stolpere, und Elias packt mich an der Schulter, presst mich an die Wand und drückt sich daneben. Die Krypta bleibt unversehrt, doch die Tunneldecke knackt unheilvoll.

»Was um Himmels willen war das?«

»Es hat sich angefühlt wie ein Erdbeben.« Elias macht einen Schritt weg von der Wand und betrachtet die Decke. »Nur, dass es in Serra keine Erdbeben gibt.«

Wir arbeiten uns mit neuer Eile durch die Katakomben vor. Bei jedem Schritt erwarte ich, einen weiteren Spähtrupp zu hören, Fackeln in der Ferne zu sehen.

Als Elias stehen bleibt, geschieht es so plötzlich, dass ich gegen seinen breiten Rücken laufe. Wir haben eine kreisförmige Begräbniskammer mit einer niedrigen Kuppeldecke betreten. Zwei Tunnel zweigen davon ab. Fackeln flackern in dem einen, so weit entfernt, dass sie kaum noch zu erkennen sind. Die Wände der Kammer sind mit Krypten gespickt, und jede einzelne wird von der steinernen Statue eines Mannes in Rüstung bewacht. Unter den Helmen dieser Männer starren uns Totenschädel entgegen. Ich fröstle und mache einen Schritt auf Elias zu.

Doch er sieht weder auf die Krypten noch auf die Tunnel noch auf die fernen Fackeln.

Er blickt auf das kleine Mädchen in der Mitte der Kammer.

Sie trägt zerlumpte Kleider und presst die Hand auf eine blutende Wunde in ihrer Seite. Sie hat die feinen Züge einer Kundigen, doch als ich versuche, in ihre Augen zu sehen, senkt sie den Kopf, und dunkles Haar fällt ihr ins Gesicht. Armes Ding. Tränen bahnen sich den Weg ihre schmutzstarrenden Wangen hinab.

»Es wird langsam voll hier unten«, murmelt Elias. Er tritt auf das Mädchen zu, mit ausgestreckten Händen, als hätte er es mit einem ängstlichen Tier zu tun. »Du solltest nicht hier sein, meine Kleine.« Seine Stimme ist freundlich. »Bist du allein?«

Sie lässt einen winzigen Schluchzer hören. »Helft mir«, flüstert sie.

»Lass mich mal die Wunde sehen. Ich kann sie verbinden.« Elias lässt sich auf ein Knie nieder, sodass er auf Augenhöhe mit ihr ist, so wie es auch mein Großvater mit seinen kleinsten Patienten gemacht hat. Sie schreckt vor ihm zurück und sieht zu mir.

Ich mache einen Schritt auf sie zu, während mein Instinkt mir zur Vorsicht rät. Das Mädchen beobachtet mich. »Kannst du mir deinen Namen sagen?«, frage ich.

»Helft mir«, wiederholt sie. Etwas an der Art, wie sie meinem Blick ausweicht, lässt meine Haut kribbeln. Andererseits wurde sie misshandelt – vermutlich vom Imperium –, und nun steht sie einem Martialen gegenüber, der bis an die Zähne bewaffnet ist. Sie muss vor Schreck wie gelähmt sein. Sie weicht zurück, und ich werfe einen Blick in den von Fackeln erhellten Tunnel. Fackeln bedeuten, dass wir uns auf imperialem Territorium befinden. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Soldaten hier vorbeikommen.

»Elias.« Ich weise mit dem Kopf auf die Fackeln. »Wir haben keine Zeit. Die Soldaten –«

»Wir können sie nicht einfach hier zurücklassen.« Seine Schuldgefühle sind offensichtlich. Der Tod seiner Freunde in der dritten Prüfung vor einigen Tagen lastet schwer auf ihm; er will nicht für noch einen Tod verantwortlich sein. Und das wird er, wenn wir das Mädchen hier allein lassen, sodass es an seinen Wunden stirbt.

»Hast du Familie in der Stadt?«, fragt Elias. »Brauchst du –«

»Silber.« Sie neigt den Kopf. »Ich brauche Silber.«

Elias’ Augenbrauen schießen nach oben. Ich kann es ihm nicht verdenken. Ich habe genauso wenig damit gerechnet.

»Silber?«, sage ich. »Wir haben kein –«

»Silber.« Sie rückt zur Seite wie eine Krabbe. Ich meine, das flüchtige Aufblitzen eines Auges durch ihr schlaffes Haar hindurch zu sehen. Seltsam. »Geld. Eine Waffe. Schmuck.«

Sie sieht auf meinen Hals, meine Ohren, meine Handgelenke. Mit diesem Blick verrät sie sich.

Ich starre in die pechschwarzen Kreise, die sich dort befinden, wo ihre Augen sitzen sollten, und taste nach meinem Dolch. Aber Elias steht schon vor mir, und Schims schimmern in seinen Händen.

»Zurück«, herrscht er das Mädchen an – jeder Zoll eine Maske.

»Helft mir.« Das Mädchen lässt sein Haar erneut ins Gesicht fallen und legt die Hände auf den Rücken wie die verdrehte Karikatur eines bettelnden Kindes. »Helft.«

Angsichts meiner offenkundigen Abscheu verzerren sich ihre Lippen zu einem höhnischen Grinsen, das unanständig wirkt auf ihrem ansonsten so süßen Gesicht. Sie knurrt – es ist der kehlige Laut, den ich vorhin gehört habe. Das ist es, wovon ich mich beobachtet gefühlt habe. Das war die Präsenz, die ich in den Tunneln gespürt habe.

»Ich weiß, dass ihr Silber habt.« Ein tollwütiger Hunger schwingt in der Kleinmädchenstimme der Kreatur mit. »Gebt es mir. Ich brauche es.«

»Verschwinde«, sagt Elias. »Bevor ich dir den Kopf abschlage.«

Das Mädchen – oder was auch immer es ist – achtet nicht auf Elias und heftet seinen Blick auf mich. »Du brauchst es nicht, kleine Menschenfrau. Ich schenke dir etwas dafür. Etwas Wunderschönes.«

»Was bist du?«, flüstere ich.

Sie lässt ihre Arme vorwärtsschnellen wie Peitschen, wobei ihre Hände seltsam schillern. Elias fliegt auf sie zu, aber sie prescht an ihm vorbei und schließt ihre Finger um mein Handgelenk. Ich schreie, und mein Arm glüht weniger als eine Sekunde lang, bevor sie wieder zurückgeschleudert wird, aufheult und ihre Hand mit der anderen umfasst, als würde sie brennen. Elias reißt mich vom Boden, wo ich gelandet bin, auf die Füße und wirft zugleich einen Dolch auf das Mädchen. Noch immer schreiend weicht sie aus.

»Gemeines Mädchen!« Sie springt beiseite, als Elias auf sie losgeht, und hat nur Augen für mich. »Hinterhältig! Du fragst, was ich bin, aber was bist du?«

Elias schwingt eines seiner Schims und zieht es ihr über den Hals. Er ist nicht schnell genug.

»Mörder!«, schleudert sie ihm entgegen. »Leibhaftiger Tod! Der wandelnde Schnitter! Wenn deine Sünden aus Blut wären, würdest du in einem Strom ertrinken, den du selbst geschaffen hast.«

Elias taumelt zurück, Erschrecken in seinen Augen. Licht flackert im Tunnel. Drei Fackeln, die sich uns rasch nähern.

»Soldaten kommen.« Die Kreatur fährt zu mir herum. »Ich töte sie für dich, Mädchen mit den Honigaugen. Schlitze ihnen die Kehle auf. Ich habe die anderen schon fortgelockt, die dir gefolgt sind, zurück in den Tunnel. Ich werde es wieder tun. Wenn du mir dein Silber schenkst. Er will es. Er wird uns belohnen, wenn wir es ihm bringen.«

Wer zur Hölle ist er? Ich frage nicht und hebe nur den Dolch zur Antwort.

»Dumme Menschenfrau!« Das Mädchen ballt die Fäuste. »Er wird es bekommen. Er findet einen Weg.« Dann wendet sie sich Richtung Tunnel. »Elias Veturius!« Ich zucke zusammen. Ihr Schrei ist so laut, dass sie ihn wahrscheinlich noch in Antium gehört haben. »Elias Vetu–«

Die Worte ersterben auf ihren Lippen, als sich Elias’ Schim in ihr Herz bohrt. »Ifrit, Ifrit, der aus der Höhle fährt«, sagt er. Ihre Leiche gleitet von der Klinge ab und landet wie ein sich lösender Felsbrocken mit einem satten Aufprall auf dem Boden. »Liebt die Nacht und fürchtet das Schwert … Ein alter Reim.« Er stößt seine Schims zurück in die Scheiden. »Mir ist erst neulich aufgegangen, wie nützlich so was ist.«

Elias ergreift meine Hand, und wir stürmen in den unbeleuchteten Tunnel. Vielleicht haben die Soldaten dank irgendeines Wunders das Mädchen nicht gehört. Vielleicht haben sie uns nicht gesehen. Vielleicht, vielleicht –

Pech gehabt. Ich höre einen Ruf und das Donnern von Stiefeltritten hinter uns.

II: Elias

Drei Auxes und vier Legionäre, keine fünfzehn Meter hinter uns. Während ich wegrenne, wende ich den Kopf, um abzuschätzen, wie sie vorankommen. Und ich merke, dass es nun sechs Auxes sind, fünf Legionäre und zehn Meter.

Weitere imperiale Soldaten werden in die Katakomben strömen mit jeder Sekunde, die vergeht. Inzwischen wird ein Läufer die Nachricht schon Spähtrupps in der Nachbarschaft zugetragen haben, und die Trommeln werden den Alarm in ganz Serra verbreiten: Elias Veturius in den Tunneln gesichtet. Alle Trupps melden. Die Soldaten müssen sich meiner Identität nicht sicher sein; sie werden uns in jedem Fall rücksichtslos jagen.

Ich biege scharf links ab in einen Seitentunnel und ziehe Laia mit mir, während mein Geist von Gedanke zu Gedanke springt. Schüttel sie rasch ab, solange du es noch kannst. Sonst …

Nein,zischt die Maske in mir. Bleib stehen und töte sie. Es sind nur elf. Ein Kinderspiel. Du könntest es mit geschlossenen Augen.

Ich hätte den Ifrit in der Grabkammer auf der Stelle umbringen sollen. Helena würde spotten, wenn sie wüsste, dass ich versucht habe, der Kreatur zu helfen, anstatt sie als das zu erkennen, was sie war.

Helena. Ich würde meine Schwerter verwetten, dass sie inzwischen in einem Verhörraum sitzt. Marcus – oder Imperator Marcus, wie er nun genannt wird – hat ihr befohlen, mich hinzurichten. Sie hat versagt. Schlimmer noch, sie war vierzehn Jahre lang meine engste Vertraute. Für all diese Sünden wird sie bezahlen müssen – jetzt, da Marcus im Besitz der absoluten Macht ist.

Sie wird unter seinen Händen leiden. Wegen mir. Ich höre den Ifrit wieder. WandelnderSchnitter!

Erinnerungen an die dritte Prüfung schießen mir durch den Kopf. Tristas, der durch Dex’ Schwert sein Leben verliert. Demetrius, der stirbt. Leander, der stirbt.

Ein Ruf vor uns bringt mich wieder zu mir. Das Schlachtfeld ist mein Tempel. Der Spruch meines Großvaters kommt mir in den Sinn, da ich ihn am meisten brauche. Die Klinge ist mein Priester. Der Todestanz ist mein Gebet. Der Todesstoß ist meine Erlösung.

Neben mir keucht Laia; sie kommt nicht so gut mit und zwingt mich, langsamer zu werden. Du könntest sie zurücklassen, flüstert eine heimtückische Stimme. Allein kämst du schneller voran. Ich bringe die Stimme zum Schweigen. Abgesehen von der offenkundigen Tatsache, dass ich versprochen habe, ihr zu helfen, im Gegenzug für meine Befreiung, weiß ich, dass sie alles unternehmen wird, um ins Gefängnis von Kauf – zu ihrem Bruder – zu kommen. Das heißt auch: notfalls zu versuchen, es allein bis dorthin zu schaffen.

In diesem Fall würde sie sterben.

»Schneller, Laia«, sage ich. »Sie sind schon ganz nah.« Sie stürmt vorwärts. Wände mit Totenschädeln, Knochen, Krypten und Spinnennetzen rauschen zu beiden Seiten an uns vorbei. Wir sind viel weiter südlich als dort, wo wir sein sollten. Wir haben schon lange den Fluchttunnel passiert, in dem ich Vorräte für einige Wochen versteckt habe.

Die Katakomben rumpeln und erzittern und werfen uns beide zu Boden. Der Gestank von Feuer und Tod dringt durch ein Abflussgitter genau über uns. Augenblicke später knallt eine Explosion durch die Luft. Ich mache mir nicht die Mühe, zu überlegen, was es sein könnte. Alles, was zählt, ist, dass die Soldaten hinter uns langsamer geworden sind und genauso auf den instabilen Tunnel achten müssen wie wir. Ich nutze die Gelegenheit, erneut ein paar Meter zwischen uns zu bringen. Ich laufe geradewegs in einen Seitentunnel und dann zurück in den tiefen Schatten einer halb eingestürzten Mauernische.

»Glaubst du, sie werden uns finden?«, wispert Laia.

»Hoffentlich ni–«

Licht kommt aus der Richtung, in die wir unterwegs sind, und ich höre abgehacktes Stiefelgepolter. Zwei Soldaten biegen in den Tunnel ein, und ihre Fackeln beleuchten uns klar und deutlich. Sie bleiben eine Sekunde lang stehen, vielleicht verblüfft von Laias Anwesenheit oder vom Fehlen meiner Maske. Dann fallen ihnen meine Rüstung und die Schims ins Auge, und einer von ihnen stößt einen durchdringenden Pfiff aus, der jeden Soldaten in Hörweite anlocken wird.

Mein Körper übernimmt die Führung. Bevor auch nur einer der beiden Soldaten sein Schwert ziehen kann, habe ich meine Messer ins weiche Fleisch ihrer Kehlen geschleudert. Sie fallen lautlos zu Boden, während ihre Fackeln flackernd auf dem feuchten Katakombenboden erlöschen.

Laia taucht aus der Mauernische auf und hält erschrocken die Hand vor den Mund. »E-Elias –«

Ich springe zurück in die Nische, wobei ich sie mitziehe, und löse meine Schims in ihren Scheiden.

»Ich werde so viele töten, wie ich kann«, sage ich. »Komm mir nicht in die Quere. Egal, wie schlimm es aussieht, misch dich nicht ein, versuch nicht, mir zu helfen.«

Kaum spreche ich die letzten Worte aus, als die Soldaten, die uns gefolgt sind, im Tunnel zu unserer Linken in Sichtweite kommen. Keine fünf Meter entfernt. In meiner Vorstellung sind die Messer bereits geflogen, haben bereits ihre Ziele gefunden. Ich stürze aus der Nische hervor – und dann lasse ich sie tatsächlich fliegen. Die ersten vier Legionäre stürzen stumm, einer nach dem anderen, so umstandslos wie Ähren bei der Ernte. Der fünfte geht mit einem Schwung meines Schims zu Boden. Warmes Blut spritzt, und ich spüre, wie mir die Galle hochkommt. Denk nicht nach. Halte dich nicht damit auf. Räum einfach den Weg frei.

Sechs weitere Auxes erscheinen nach den ersten fünf. Einer springt mir auf den Rücken, und ich fertige ihn mit einem Ellbogenstoß ins Gesicht ab, gerade als ein zweiter es auf meine Beine abgesehen hat. Als er einen Stiefel zwischen die Zähne bekommt, heult er auf und greift nach seiner gebrochenen Nase und dem blutigen Mund. Herumwirbeln, treten, ausweichen, zustoßen.

Hinter mir schreit Laia. Ein Aux zerrt sie am Kragen aus der Nische und hält ihr ein Messer an die Kehle. Doch sein anzügliches Grinsen verwandelt sich ebenso plötzlich in lautes Gebrüll. Laia hat ihm einen Dolch in die Seite gerammt. Sie reißt ihn heraus, und er taumelt beiseite.

Ich wende mich den letzten drei Soldaten zu. Sie fliehen.

Laias ganzer Körper zittert, während sie den Blick über das Blutbad schweifen lässt: sieben Tote. Zwei Verletzte, die stöhnend versuchen aufzustehen.

Als sie mich ansieht, werden ihre Augen weit vor Entsetzen angesichts meiner Schims und meiner Rüstung, die voller Blut sind. Scham überkommt mich mit solcher Wucht, dass ich wünschte, ich könnte im Boden versinken. Sie sieht mich, sieht die Erbärmlichkeit meines wahren Kerns. Mörder! Schnitter!

»Laia«, beginne ich, doch ein leises Grollen rollt durch den Tunnel, und der Boden erzittert. Durch die Abflussgitter höre ich Rufe, Schreie und den ohrenbetäubenden Widerhall einer gewaltigen Explosion.

»Was zur Hölle –«

»Das ist der Kundigenwiderstand«, ruft Laia über den Lärm hinweg. »Sie erheben sich!«

Ich kommte nicht dazu zu fragen, woher sie diese verblüffende Neuigkeit hat, denn in diesem Augenblick blitzt es silbern aus dem Tunnel zu unserer Linken.

»Himmel, Elias!« Laias Stimme klingt erstickt, ihre Augen sind weit aufgerissen. Eine der Masken, die sich uns nähern, ist riesig, ein Dutzend Jahre älter als ich und mir unbekannt. Die andere ist klein, eine fast zwergenhafte Gestalt. Die Seelenruhe ihres maskierten Gesichts täuscht nicht über ihren rasenden Zorn hinweg.

Meine Mutter. Die Kommandantin.

Stiefel dröhnen zu unserer Rechten, während Pfiffe noch mehr Soldaten herbeirufen. In der Falle.

Der Tunnel grollt erneut.

»Hinter mich«, belle ich in Laias Richtung. Sie hört es nicht. »Laia, verdammt, geh – uff –«

Laia hechtet genau in meinen Magen; es ist ein unbarmherziger, verzweifelter Satz, der so unerwartet kommt, dass ich gegen eine der Kryptawände geschleudert werde. Ich durchstoße die dichten Spinnennetze und lande rücklings auf einem Steinsarkophag. Laia liegt halb auf mir, halb ist sie eingezwängt zwischen dem Sarg und der Wand.

Die Mischung aus Spinnennetzen, Krypta und warmem Mädchen bringt mich aus der Fassung, und ich bin kaum fähig zu stammeln: »Bist du wahn–«

BUMM. Die Decke des Tunnels, in dem wir eben noch standen, stürzt mit einem Schlag und einem Donnergrollen ein, das durch das Brüllen der Explosionen aus der Stadt noch verstärkt wird. Ich rolle mich über Laia und nehme ihren Kopf zwischen die Arme, um sie vor der Druckwelle abzuschirmen. Doch es ist die Krypta, die uns rettet. Wir husten von dem Staub, den die Explosion aufgewirbelt hat, und mir wird klar, dass wir jetzt beide tot wären, wenn Laia nicht so blitzschnell reagiert hätte.

Das Grollen legt sich, und Sonnenlicht kämpft sich durch die dichte Staubwolke. Schreie dringen aus der Stadt heran. Vorsichtig richte ich mich auf und wende mich dem Eingang der Krypta zu, der halb von Felsbrocken blockiert ist. Ich spähe hinaus in das, was vom Tunnel übrig ist. Es ist nicht viel. Wir sind vollständig eingeschlossen – und keine Maske ist zu sehen.

Ich krabble aus der Krypta, wobei ich die noch immer hustende Laia halb über die Trümmer ziehe, halb trage. Staub und Blut – nicht ihres, wie ich mich vergewissere – bedecken ihr Gesicht, und sie tastet nach ihrer Feldflasche. Ich führe sie an ihre Lippen. Nach ein paar Schlucken zieht sie sich hoch und steht auf.

»Ich kann – ich kann laufen.«

Felsen blockieren den Tunnel zu unserer Linken, doch eine gepanzerte Hand schiebt sie weg. Die grauen Augen und das blonde Haar der Kommandantin blitzen durch den Staub.

»Komm.« Wir klettern aus den eingestürzten Katakomben hinauf in die ohrenbetäubenden Straßen von Serra. Ein Höllenlärm.

Niemand scheint das Absacken der Straße in die Unterwelt bemerkt zu haben – alle sind zu sehr damit beschäftigt, auf die Feuersäule zu starren, die sich in den heißen blauen Himmel erhebt: Die Villa des Statthalters brennt wie ein Begräbnisscheiterhaufen der Barbaren. Rund um ihre sich schwärzenden Tore und auf dem gewaltigen Platz davor sitzen Dutzende martialische Soldaten in der Falle, gefangen in einer Schlacht gegen Hunderte Rebellen ganz in Schwarz – Kämpfer des Kundigenwiderstands.

»Hier entlang!« Ich will weg von der Villa des Statthalters, schlage zwei Rebellen nieder, die auf uns zukommen, und bewege mich zur nächsten Straße hinüber. Aber dort wütet ebenfalls ein Feuer, das sich rasch ausbreitet, und Leichen liegen auf dem Boden verstreut. Ich packe Laias Hand und renne auf eine andere Straße zu, nur um zu erkennen, dass auch sie wie die erste nicht mehr passierbar ist.

Über dem Waffenklirren, den Schreien und dem Brüllen der Flammen hört man die Trommeln, die wie irrsinnig in den Türmen von Serra schlagen und im illustrischen Viertel, im Ausländerviertel, im Waffenquartier nach Verstärkung rufen. Ein weiterer Turm meldet meinen Aufenthalt in der Nähe der Statthaltervilla und befiehlt allen verfügbaren Truppen, sich der Jagd auf mich anzuschließen.

Gleich hinter der Villa taucht ein hellblonder Kopf aus den Trümmern des eingestürzten Tunnels auf. Verdammt. Wir stehen nahe der Mitte des Platzes, neben dem aschebedeckten Brunnen, der die Gestalt eines sich aufbäumenden Pferdes hat. Ich dränge Laia dagegen und ducke mich, während ich verzweifelt Ausschau halte nach einem Fluchtweg, bevor die Kommandantin oder einer der Martialen uns entdecken. Doch es sieht so aus, als würde jedes Gebäude und jede Straße rund um den Platz in Flammen stehen.

Gib dir mehr Mühe! Jede Sekunde wird sich die Kommandantin in das Scharmützel auf dem Platz stürzen und ihr erschreckendes Geschick beweisen, sich den Weg durch die Schlacht zu bahnen, um uns zu finden.

Ich sehe zurück zu ihr, während sie sich – unberührt von all dem Chaos – den Staub von der Rüstung schüttelt. Bei ihrem Gleichmut sträuben sich mir die Härchen im Nacken. Ihre Schule ist zerstört, ihr Sohn und Feind entkommen, die Stadt liegt in Schutt und Asche. Und doch reagiert sie bemerkenswert ruhig auf all das.

»Da!« Laia ergreift meinen Arm und deutet auf eine Gasse, die hinter einem umgestürzten Karren eines Händlers versteckt ist. Wir gehen in die Hocke und laufen eilends darauf zu, und ich danke dem Himmel für den Tumult, der Kundige ebenso wie Martialen davon abhält, auf uns zu achten.

Binnen Minuten erreichen wir die Gasse, und gerade als wir darin verschwinden wollen, wage ich einen Blick zurück – nur ein Mal, um sicherzugehen, dass sie uns nicht gesehen hat.

Suchend richte ich den Blick auf das Durcheinander – über ein Knäuel aus Widerstandskämpfern hinweg, die sich auf zwei Legionäre stürzen; an einer Maske vorbei, die gegen zehn Rebellen auf einmal kämpft; zu den Tunneltrümmern, wo meine Mutter steht. Ein alter Kundigensklave, der dem Wüten zu entfliehen versucht, macht den Fehler, ihren Weg zu kreuzen. Sie bohrt ihm mit beiläufiger Brutalität ihren Schim ins Herz. Sie sieht ihn nicht an. Stattdessen starrt sie zu mir. Ihr Blick pflügt sich durch den Platz, als wären wir miteinander verbunden, als würde sie jeden meiner Gedanken kennen.

Sie lächelt.

III: Laia

Das Lächeln der Kommandantin ist ein aufgeblähter blasser Wurm. Obwohl ich sie nur einen Augenblick sehe, bevor mich Elias wegdrängt von dem Blutvergießen auf dem Platz, bin ich außerstande, etwas zu sagen.

Ich rutsche aus; meine Stiefel sind noch immer blutverschmiert von dem Gemetzel in den Tunneln. Beim Gedanken an Elias’ Gesicht kurz danach – den Ausdruck von Abscheu – durchfährt mich ein Schauer. Ich wollte ihm sagen, dass er getan habe, was er tun musste, um uns zu retten. Aber ich bekam die Worte nicht heraus. Es war das Einzige, was ich tun konnte, um mich nicht zu übergeben.

Laute des Leidens erfüllen die Luft – von Martialen und Kundigen, Erwachsenen und Kindern, mündend in einen einzigen, ohrenbetäubenden Schrei. Ich höre es kaum – zu sehr bin ich darauf konzentriert, zerbrochenes Glas und brennende Gebäudeteile zu meiden, die auf die Straßen stürzen. Ich blicke ein Dutzend Mal über die Schulter und erwarte schon, direkt hinter uns die Kommandantin zu sehen. Plötzlich fühle ich mich wie das Mädchen, das ich vor einem Monat war. Das Mädchen, das seinen Bruder der imperialen Gefangenschaft ausgeliefert hat, das Mädchen, das gewimmert und geheult hat nach dem Auspeitschen. Das Mädchen ohne Mut.

Wenn die Angst die Führung übernimmt, benutze das Einzige, was noch mächtiger, noch unzerstörbarer ist: deinen Geist. Dein Herz. Ich höre die Worte, die der Schmied Spiro Teluman gestern zu mir gesagt hat, der Freund und Mentor meines Bruders.

Ich versuche, meine Angst als Antrieb zu nutzen. Die Kommandantin ist nicht unfehlbar. Sie hat mich vielleicht nicht einmal gesehen – ihre Aufmerksamkeit galt ihrem Sohn. Ich bin ihr ein Mal entkommen. Es wird mir wieder gelingen.

Adrenalin schießt durch mich hindurch, doch als wir von einer Straße in die nächste abbiegen, stolpere ich über eine kleine Pyramide aus Mauerwerk und schlage der Länge nach auf die rußgeschwärzten Pflastersteine.

Elias bringt mich so mühelos wieder auf die Beine, als wäre ich eine Feder. Er schaut nach vorn, dann nach hinten, zu den nahen Fenstern und Dächern, als würde auch er erwarten, dass seine Mutter jede Sekunde erscheint.

»Wir müssen in Bewegung bleiben.« Ich zerre an seiner Hand. »Wir müssen aus der Stadt heraus.«

»Ich weiß.« Elias führt uns in einen staubigen, toten Obstgarten, der von einer Mauer begrenzt wird. »Aber das schaffen wir nicht, wenn wir völlig entkräftet sind. Es kann nicht schaden, eine kleine Pause einzulegen.«

Er setzt sich, und ich knie mich widerwillig neben ihn. Die Luft von Serra fühlt sich seltsam und vergiftet an; der Geruch von verbranntem Holz mischt sich mit etwas Dunklerem – Blut, brennenden Körpern und gezücktem Stahl.

»Wie sollen wir nach Kauf kommen, Elias?« Das ist die Frage, die mich seit dem Moment geplagt hat, als wir aus den Unterkünften in Schwarzkliff in die Tunnel geschlüpft sind. Mein Bruder ließ es geschehen, dass Martialensoldaten ihn gefangen nahmen, damit ich entkommen konnte. Ich werde nicht zulassen, dass er dieses Opfer mit dem Leben bezahlt – er ist das einzige Familienmitglied, das ich in diesem verfluchten Imperium noch habe. Wenn ich ihn nicht rette, wird es niemand tun. »Werden wir uns draußen auf dem Land verstecken? Was ist der Plan?«

Elias sieht mich unverwandt an; seine grauen Augen wirken undurchdringlich.

»Der Fluchttunnel hätte uns in den Westen der Stadt gebracht«, sagt er. »Wir hätten die Bergpässe im Norden genommen, eine Stammeskarawane ausgeraubt und uns als Händler ausgegeben. Die Martialen hätten nicht nach uns beiden gesucht – schon gar nicht im Norden. Aber jetzt …« Er zuckt die Achseln.

»Was soll das heißen? Hast du überhaupt einen Plan?«

»Den habe ich. Wir veschwinden aus der Stadt. Wir entkommen der Kommandantin. Das ist der einzige Plan und das Einzige, was zählt.«

»Und danach?«

»Eins nach dem anderen, Laia. Wir haben es hier mit meiner Mutter zu tun.«

»Ich habe keine Angst vor ihr«, sage ich, für den Fall, dass er glaubt, ich sei noch dasselbe Mäuschen, das er vor Wochen in Schwarzkliff kennengelernt hat. »Nicht mehr.«

»Das solltest du aber«, sagt Elias trocken.

Die Trommeln erdröhnen in einem markerschütternden Getöse. In meinem Kopf findet es hämmernden Widerhall.

Elias legt den Kopf schief. »Sie geben unsere Beschreibung durch«, sagt er. »Elias Veturius: graue Augen, ein Meter dreiundneunzig, fünfundneunzig Kilo, schwarzes Haar. Zuletzt gesichtet in den Tunneln südlich von Schwarzkliff. Bewaffnet und gefährlich. Unterwegs mit einer Kundigen: goldfarbene Augen, ein Meter siebzig, siebenundfünfzig Kilo, schwarzes Haar –« Er unterbricht sich. »Du verstehst. Sie jagen uns, Laia. Sie jagt uns. Wir wissen keinen Weg aus der Stadt. Angst ist ein weiser Ratgeber – sie wird uns am Leben halten.«

»Die Mauern –«

»Schwer bewacht wegen des Kundigenaufstands«, sagt Elias. »Ohne Zweifel ist es jetzt noch schlimmer. Sie hat sicher Nachrichten in der ganzen Stadt herumgeschickt, dass wir die Mauern noch nicht hinter uns gelassen haben. Die Tore werden doppelt gesichert sein.«

»Könnten wir – könntest du uns den Weg nach draußen erkämpfen? Vielleicht an einem der kleineren Tore?«

»Das könnten wir«, erwidert Elias. »Aber es würde viele Tote geben.«

Ich verstehe, warum er wegschaut, obwohl der harte, kalte Teil von mir, der in Schwarzkliff geboren wurde, sich fragt, welchen Unterschied ein paar tote Martialen mehr schon machen. Vor allem angesichts der vielen, die er bereits umgebracht hat. Und vor allem, wenn ich daran denke, was sie den Kundigen antun werden, wenn der Aufstand der Rebellen niedergeschlagen wird.

Doch der bessere Teil von mir schreckt vor solcher Abgebrühtheit zurück. »Dann die Tunnel?«, frage ich. »Die Soldaten werden nicht damit rechnen.«

»Wir wissen nicht, welche eingestürzt sind, und es hat keinen Sinn, hinunterzugehen, wenn wir dann doch nur in einer Sackgasse landen. Vielleicht die Anleger. Wir könnten durch den Fluss schwimmen –«

»Ich kann nicht schwimmen.«

»Erinnere mich daran, das zu ändern, wenn wir ein paar Tage Zeit haben.« Er schüttelt den Kopf – uns gehen die Möglichkeiten aus. »Wir könnten uns versteckt halten, bis die Revolution abebbt. Und dann, wenn die Explosionen vorbei sind, schlüpfen wir in die Tunnel. Ich kenne einen geheimen Unterschlupf.«

»Nein«, sage ich rasch. »Das Imperium hat Darin vor drei Wochen auf dem Schiff nach Kauf geschickt. Und diese Gefangenenfregatten sind schnell, oder?«

Elias nickt. »Sie sollten Antium in weniger als vierzehn Tagen erreicht haben. Von dort ist es eine Zehntagesreise über Land nach Kauf, sofern sie kein schlechtes Wetter haben. Er hat das Gefängnis vielleicht schon erreicht.«

»Wie lange werden wir bis dorthin brauchen?«

»Wir müssen den Landweg nehmen und vermeiden, dass man uns entdeckt«, sagt Elias. »Drei Monate, wenn wir schnell sind. Aber nur, wenn wir es vor dem Wintereinbruch bis zu den Nevennes-Bergen schaffen. Wenn nicht, kommen wir vor dem Frühling nicht durch.«

»Dann können wir uns keinen Aufschub leisten«, sage ich. »Nicht einmal einen einzigen Tag.«

Ich sehe wieder über die Schulter und versuche, das wachsende Gefühl der Angst zu unterdrücken. »Sie ist uns nicht gefolgt.«

»Scheinbar nicht«, erwidert Elias. »Aber sie ist ausgesprochen gerissen.«

Er betrachtet nachdenklich die toten Bäume um uns her, wobei er immer wieder sein Schwert in der Hand dreht. »Am Fluss, direkt an der Stadtmauer, steht ein verlassener Speicher«, sagt er endlich. »Er gehört Großvater – er hat ihn mir vor Jahren gezeigt. Eine Tür im Hinterhof führt aus der Stadt hinaus. Aber ich bin schon eine ganze Weile nicht mehr dort gewesen. Vielleicht ist das Gebäude nicht mehr da.«

»Weiß die Kommandantin davon?«

»Großvater hätte es ihr niemals erzählt.«

Ich denke an Izzi, meine Mitsklavin in Schwarzkliff, die mich vor der Kommandantin gewarnt hat, als ich in der Schule ankam. Sie weiß Dinge,hat Izzi gesagt. Dinge, die sie nicht wissen sollte.

Aber wir müssen aus der Stadt heraus, und ich habe keinen besseren Plan anzubieten.

Wir brechen wieder auf, passieren rasch Stadtteile, die die Revolution nicht berührt hat, schleichen verstohlen durch Viertel, in denen Kampf und Feuer wüten. Stunden vergehen, und der Nachmittag wird zum Abend. Elias läuft schweigend neben mir her und bleibt anscheinend unberührt angesichts all der Zerstörung.

Sonderbar zu denken, dass meine Großeltern vor einem Monat noch am Leben waren, mein Bruder war frei, und ich hatte den Namen Veturius noch nie gehört.

Alles, was seither geschah, ist wie ein Albtraum. Nana und Großvater ermordet. Darin abgeführt von Soldaten; seine Rufe, ich solle weglaufen.

Und der Kundigenwiderstand hat mir angeboten, mir bei der Rettung meines Bruders zu helfen, nur um mich dann zu verraten.

Ein anderes Gesicht, ein anderes Bild schießt mir durch den Kopf, dunkeläugig, gut aussehend und düster – immer so düster. Es hat sein Lächeln wertvoller gemacht. Kinan, der feuerhaarige Rebell, der sich über den Widerstand hinweggesetzt hat, um mir heimlich die Flucht aus Serra zu ermöglichen. Die Fluchtmöglichkeit, die ich im Gegenzug Izzi überlassen habe.

Ich hoffe, er ist nicht wütend. Ich hoffe, er wird verstehen, warum ich seine Hilfe nicht annehmen konnte.

»Laia«, sagt Elias, als wir den östlichen Rand der Stadt erreichen. »Wir sind jetzt ganz nah dran.«

Wir lassen das Gewirr von Serras Straßen in der Nähe eines Mercatorenlagerhauses hinter uns. Die einsame Spitze eines Brennofens für Backsteine taucht die Speicher und Hinterhöfe in tiefen Schatten. Tagsüber muss dieser Ort von Fuhrwerken, Händlern und Hafenarbeitern nur so wimmeln. Aber in dieser Abendstunde liegt er verlassen da. Der kalte Abendhauch kündet vom Wechsel der Jahreszeiten, ein steter Wind weht aus dem Norden. Nichts rührt sich.

»Da.« Elias deutet auf ein Gebäude, das an die Stadtmauer gebaut ist und den anderen zu beiden Seiten ähnelt, bis auf einen unkrautüberwucherten Hinterhof, der dahinter sichtbar ist. »Da ist es.«

Einige lange Minuten beobachtet er die Lagerhallen. »Die Kommandantin könnte wohl kaum ein Dutzend Masken dadrin verstecken. Aber ich bezweifle, dass sie ohne sie kommen würde. Sie würde nicht riskieren, dass ich entwische.«

»Bist du sicher, dass sie nicht allein kommen würde?« Der Wind weht nun stärker; ich verschränke zitternd die Arme. Die Kommandantin allein ist schon erschreckend genug. Ich bezweifle, dass sie Soldaten als Rückendeckung braucht.

»Nein«, gibt er zu. »Warte hier. Ich sehe nach, ob die Luft rein ist.«

»Ich glaube, ich sollte mitkommen«, sage ich und bin sofort nervös. »Wenn etwas passiert –«

»Dann überlebst du, selbst wenn ich es nicht tue.«

»Was? Nein!«

»Wenn keine Gefahr besteht und du zu mir stoßen kannst, pfeife ich ein Mal. Wenn Soldaten da sind, zwei Mal. Wenn die Kommandantin wartet, zweimal drei Pfiffe.«

»Und wenn sie wirklich dadrin ist – was dann?«

»Dann rühr dich nicht von der Stelle. Wenn ich es überlebe, komme ich dich holen«, sagt Elias. »Wenn nicht, musst du weg von hier.«

»Elias, du Idiot, ich brauche dich, wenn ich Darin –«

Er legt mir einen Finger auf die Lippen und lenkt meinen Blick auf seinen Mund.

Vor uns liegt der Speicher still da. Hinter uns brennt die Stadt. Ich erinnere mich an das letzte Mal, als ich ihn so ansah – unmittelbar bevor wir uns geküsst haben. An dem angespannten Atemzug, der ihm entfährt, merke ich, dass er sich auch erinnert.

»Es gibt immer Hoffnung im Leben«, sagt er. »Ein mutiges Mädchen hat mir das einmal gesagt. Wenn mir etwas zustößt, hab keine Angst. Du wirst einen Weg finden.«

Bevor meine Zweifel wieder in mir hochkriechen, lässt er die Hand sinken und huscht so leicht hinüber zum Speicher wie die Staubwolken, die von dem Brennofen aufsteigen.

Ich folge seinen Bewegungen mit den Augen, während mir schmerzhaft bewusst wird, wie riskant sein Plan ist. Alles, was bisher geschehen ist, ist das Ergebnis von Willenskraft oder purem, dummem Glück. Ich habe keine Vorstellung, wie ich sicher nach Norden kommen soll, außer darauf zu vertrauen, dass Elias mich dorthin führen wird. Ich habe keine Ahnung, was nötig sein wird, um in Kauf einzudringen, außer der Hoffnung, dass Elias schon wissen wird, was zu tun ist. Alles, was ich habe, ist eine Stimme in mir, die mir sagt, dass ich meinen Bruder retten muss, und Elias’ Versprechen, dass er mir dabei helfen wird. Der Rest ist nur Wunsch und Hoffnung, das zerbrechlichste aller Dinge.

Nicht genug. Es ist nicht genug. Der Wind peitscht mein Haar; er ist kälter, als er im Spätsommer sein sollte. Elias verschwindet auf dem Hof des Lagergebäudes. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt, und obwohl ich tief einatme, habe ich das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Komm schon. Komm schon. Das Warten auf sein Signal ist qualvoll.

Dann höre ich es. So rasch, dass ich eine Sekunde lang glaube, mich zu irren. Ich hoffe,dass ich es tue. Doch das Signal kehrt zurück.

Drei rasche Pfiffe. Scharf, jäh und warnend.

Die Kommandantin hat uns gefunden.

IV: Elias

Meine Mutter verbirgt ihren Zorn mit geübter Arglist. Sie hüllt ihn in Gelassenheit und vergräbt ihn tief. Sie klopft den Boden darüber fest, stellt einen Grabstein darauf und tut so, als wäre er tot.

Doch ich sehe es in ihren Augen. Sie schwelen am Rand wie Papier, dessen Kanten sich schwärzen, bevor sie in Flammen aufgehen.

Ich hasse es, dass in uns dasselbe Blut kreist. Wünschte, ich könnte es mir aus dem Körper saugen. Sie steht vor der dunklen, hohen Stadtmauer, ein Schatten in der Nacht; nur ihre Maske glänzt silbern. Neben ihr unser Fluchtweg, eine Holztür, die so dicht von trockenen Ranken bewachsen ist, dass es unmöglich ist, sie zu erkennen. Obwohl sie keine Waffe in den Händen hält, ist ihre Botschlaft klar. Wenn du wegwillst, musst du an mir vorbei.

Verflucht noch mal. Ich hoffe, Laia hat meinen Warnpfiff gehört. Ich hoffe, sie hält sich fern.

»Du hast dir Zeit gelassen«, sagt die Kommandantin. »Ich warte schon seit Stunden.«

Sie wirft sich auf mich; ein langes Messer erscheint so rasch in ihrer Hand, dass es wirkt, als wäre es aus ihrer Haut gewachsen. Ich weiche ihr mit knapper Not aus, bevor ich mit meinen Schims nach ihr schlage. Sie tanzt mühelos weg von meinem Angriff, ohne es für nötig zu halten, die Klingen mit mir zu kreuzen, dann schleudert sie einen Wurfstern nach mir. Er verfehlt mich um Haaresbreite. Bevor sie nach einem zweiten greifen kann, stürme ich vor und kann einen Tritt gegen ihre Brust platzieren, der sie der Länge nach zu Boden schickt.

Während sie wieder hochkommt, suche ich nach Soldaten. Die Stadtmauern sind leer, die Dächer um uns kahl. Nicht ein Geräusch dringt aus Großvaters Speicher. Und doch kann ich kaum glauben, dass von ihr gedungene Meuchelmörder nicht irgendwo in der Nähe auf der Lauer liegen.

Ich höre ein Schleifen zu meiner Rechten, und in Erwartung eines Pfeils oder Speers hebe ich die Schims. Aber es ist das Pferd der Kommandantin, das an einen Baum angebunden ist. Ich erkenne den Sattel der Gens Veturia – es ist einer von Großvaters Hengsten.

»So schreckhaft.« Die Kommandantin zieht eine silberne Augenbraue hoch, als sie wieder auf die Beine kommt. »Das musst du nicht sein. Ich bin allein gekommen.«

»Und warum solltest du das tun?«

Die Kommandantin schleudert weitere Wurfsterne auf mich. Als ich mich wegducke, läuft sie um einen Baum herum, außer Reichweite der Messer, die ich als Antwort nach ihr werfe.

»Wenn du glaubst, Junge, dass ich eine Armee brauche, um dich zu vernichten«, sagt sie, »dann hast du dich geirrt.«

Sie reißt den oberen Teil ihrer Uniform auf, und ich ziehe eine Grimasse beim Anblick des lebenden Metallhemdes, das undurchdringlich für Waffen mit Klingen ist.

Hels Hemd.

»Ich habe es ihr abgenommen.« Die Kommandantin zieht Schims und pariert meinen Angriff mit anmutiger Leichtigkeit. »Bevor ich sie einer Schwarzen Garde zum Verhör überstellt habe.«

»Sie weiß nichts.« Ich weiche ihren Hieben aus, während sie um mich herumtanzt. Treib sie in die Defensive. Dann ein rascher Schlag auf ihren Kopf, um sie unschädlich zu machen. Ihr Pferd stehlen. Fliehen.

Ein seltsames Geräusch kommt von der Kommandantin, als unsere Schwerter aufeinandertreffen; sein sonderbarer Klang erfüllt die Stille des Speichers. Nach einem Moment begreife ich, dass es ein Lachen ist.

Ich habe meine Mutter noch nie lachen gehört. Noch nie.

»Ich wusste, dass du hierherkommen würdest.« Sie fliegt mit ihren Schims auf mich zu, und ich lasse mich unter sie fallen, spüre den Luftzug ihrer Klingen nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. »Du wirst über die Flucht durch ein Stadttor nachgedacht haben. Dann die Tunnel, der Fluss, die Docks. Am Ende war alles zu ungewiss, vor allem, da du deine kleine Freundin dabeihast. Du hast dich an diesen Ort erinnert und gedacht, ich wüsste nicht davon. Wie dumm. – Sie ist hier.« Die Kommandantin zischt gereizt, als ich ihren Angriff abschmettere und sie am Arm treffe. »Die Kundigensklavin. Sie liegt im Gebäude auf der Lauer. Sieht zu.« Die Kommandantin schnaubt und erhebt die Stimme. »Sie klammert sich am Leben fest, die kleine Kakerlake. Die Auguren haben dich gerettet, nehme ich an? Ich hätte dich zertreten sollen.«

Versteck dich, Laia! Ich schreie es in Gedanken, aber nicht laut, damit nicht plötzlich einer der Sterne meiner Mutter in ihrer Brust landet.

Der Speicher liegt nun im Rücken der Kommandantin. Sie keucht leise, und Mordlust glimmt in ihren Augen auf. Sie will es zu Ende bringen.

Die Kommandantin täuscht mit ihrem Messer an, aber als ich sie abblocke, reißt es mir die Füße weg, und ihre Klinge saust nieder. Ich rolle mich ab und entgehe nur knapp dem tödlichen Stoß, doch zwei weitere Wurfsterne sausen auf mich zu, und obwohl ich einen abwehre, bohrt sich der andere in meinen Oberarm.

Goldene Haut blitzt in der Dunkelheit hinter meiner Mutter auf. Nein, Laia. Bleib weg.

Meine Mutter lässt ihre Schims fallen und zieht zwei Dolche, entschlossen, mich zu erledigen. Sie springt mit voller Kraft auf mich zu und holt zu Hieben aus, die mich verwunden sollen, bis ich es nicht einmal mehr merke, wenn ich meinen letzten Atemzug tue.

Ich pariere zu langsam. Eine Klinge beißt in meine Schulter, und ich richte mich auf, aber nicht rasch genug, um einem gemeinen Tritt in mein Gesicht auszuweichen, der mich auf die Knie zwingt. Plötzlich sind zwei Kommandantinnen und vier Klingen da. Du bist tot, Elias. Ein Keuchen dröhnt in meinem Kopf – mein eigener Atem, flach und gequält. Ich höre ihr kaltes Lachen wie Steine, unter denen Glas zerbricht. Sie nimmt Maß für den Todesstoß. Es ist nur Schwarzklifftraining, ihr Training, das mich in die Lage versetzt, instinktiv meinen Schim zu heben und sie zu blocken. Aber meine Kraft ist weg. Sie schlägt mir die Schims aus der Hand, eins nach dem anderen.

Aus dem Augenwinkel erspähe ich Laia, die näher kommt, den Dolch in der Hand. Bleib stehen, verdammt. Sie wird dich in einer Sekunde umbringen.

Aber dann blinzle ich, und Laia ist fort. Ich glaube schon, dass ich sie mir nur eingebildet habe – dass der Tritt meinen Kopf durchgeschüttelt hat, aber dann erscheint Laia wieder, Sand fliegt aus ihrer Hand in die Augen meiner Mutter. Die Kommandantin reißt den Kopf herum, und ich krabble zu meinen Schims. Ich hebe eins auf, als meine Mutter meinem Blick begegnet.

Ich warte nur darauf, dass ihr gepanzertes Handgelenk hochfährt und das Schwert abblockt. Ich warte darauf, unter ihrem hämischen Triumph zu sterben.

Stattdessen blitzt in ihren Augen eine Emotion auf, die ich nicht einordnen kann.

Dann trifft der Schim ihre Schläfe mit einem Schlag, der sie mindestens eine Stunde lang ins Reich der Träume schicken wird. Sie plumpst zu Boden wie ein Mehlsack.

Raserei und Verwirrung packen mich, während Laia und ich auf sie herabstarren. Welches Verbrechen hat meine Mutter nicht begangen? Sie hat gepeitscht, getötet, gefoltert, versklavt. Nun liegt sie hilflos vor uns. Es wäre so leicht, sie umzubringen. Die Maske in mir drängt mich, es zu tun. Gerate jetzt nicht ins Wanken, Dummkopf. Du wirst es bereuen.

Der Gedanke stößt mich ab. Nicht meine eigene Mutter, nicht so, egal, was für ein Monstrum sie ist.

Ich nehme eine blitzartige Bewegung wahr. Eine Gestalt lauert im Schatten des Speichers. Ein Soldat? Vielleicht – aber einer, der zu feig ist, um herauszukommen und zu kämpfen. Vielleicht hat er uns gesehen, vielleicht nicht. Ich warte nicht, um es herauszufinden.

»Laia.« Ich fasse meine Mutter an den Beinen und ziehe sie ins Haus. Sie ist so leicht. »Hol das Pferd.«

»Ist – ist sie –« Sie sieht auf die Kommandantin hinab, und ich schüttle den Kopf.

»Das Pferd«, sage ich. »Binde es los und führe es an die Tür.« Während sie es tut, schneide ich ein Stück Seil von der Rolle in meinem Bündel und fessle meine Mutter an Knöcheln und Handgelenken. Nach dem Aufwachen wird es sie nicht lange aufhalten. Aber zusammen mit dem Schlag auf den Kopf wird es uns Zeit verschaffen, ein gutes Stück von Serra fortzukommen, bevor sie Soldaten nach uns ausschickt.

»Wir müssen sie töten, Elias.« Laia zittert. »Sie wird uns verfolgen, sobald sie wieder wach ist. Wir werden nie bis nach Kauf kommen.«

»Ich werde sie nicht töten. Wenn du es tun willst, beeile dich. Wir haben keine Zeit mehr.«

Ich wende mich von ihr ab, um die Finsternis hinter uns abzusuchen. Wer auch immer uns beobachtet hat, ist nun fort. Wir müssen vom Schlimmsten ausgehen: dass es ein Soldat war und dass er Alarm schlagen wird.

Oben auf den Befestigungsmauern von Serra gehen keine Soldaten Streife. Endlich ein bisschen Glück. Die Tür in der Mauer öffnet sich nach einigem heftigen Rucken laut quietschend. Binnen Sekunden sind wir durch die dicke Mauer hindurch. Einen Augenblick lang sehe ich doppelt. Der verfluchte Schlag auf den Kopf.

Laia und ich schleichen durch einen gewaltigen Aprikosenhain, das Pferd trabt hinter uns her. Sie führt das Tier, und ich gehe vor ihr, die Schims gezückt.

Die Kommandantin wollte sich mir allein stellen. Vielleicht war es ihr Stolz – ihr Wunsch, sich und mir zu beweisen, dass sie mich ganz allein vernichten kann. Aus welchem Grund auch immer sie es getan hat, sie hätte ansonsten zumindest ein paar Trupps hier draußen postiert, um uns zu fassen, falls wir durchbrechen. Wenn es eines gibt, das ich über meine Mutter weiß, dann, dass sie immer noch einen Plan für den Notfall hat.

Ich bin dankbar für die pechschwarze Nacht. Wenn der Mond scheinen würde, könnte uns ein geübter Bogenschütze leicht von den Mauern aus abschießen. So aber verschmelzen wir mit den Bäumen. Dennoch verlasse ich mich nicht auf die Dunkelheit. Ich warte darauf, dass die Grillen und Nachtgeschöpfe verstummen, dass meine Haut kalt wird, dass irgendwo Stiefel schleifen oder Leder knarzt.

Aber während wir uns den Weg durch den Hain bahnen, gibt das Imperium keinen Laut von sich.

Ich drossle das Tempo, als wir zum Rand des Obstgartens gelangen. Ein Zufluss des Rei rauscht hier entlang. Die einzigen Lichtpunkte in der Wüste sind zwei Garnisonen, meilenweit von uns und voneinander entfernt. Getrommelte Nachrichten erschallen zwischen ihnen, sie künden von Truppenbewegungen in Serra. In der Ferne stampfen Pferdehufe, und ich erstarre – doch das Geräusch bewegt sich von uns weg.

»Etwas stimmt nicht«, sage ich zu Laia. »Meine Mutter hätte normalerweise hier draußen einen Spähtrupp postiert.«

»Vielleicht dachte sie, dass sie ihn nicht braucht.« Laias Flüstern ist unsicher. »Dass sie uns töten würde.«

»Nein«, sage ich. »Die Kommandantin hat immer noch etwas in der Hinterhand.« Ich wünsche mir plötzlich, dass Helena hier wäre. Ich kann praktisch ihre gerunzelte Stirn sehen, während ihr Verstand umsichtig, geduldig die Fakten entwirrt.

Laia streckt den Kopf vor. »Die Kommandantin macht Fehler, Elias«, sagt sie. »Sie hat uns beide unterschätzt.«

Das stimmt, und doch will das nagende Gefühl in meinem Bauch nicht weichen. Zur Hölle, diese Kopfschmerzen machen mich wahnsinnig. Mir ist danach, mich zu übergeben. Zu schlafen. Denk nach, Elias. Was war das in ihren Augen, bevor ich sie bewusstlos geschlagen habe? Eine Emotion. Etwas, das sie normalerweise nicht zeigen würde.

Nach einem Moment begreife ich. Befriedigung. Die Kommandantin war erfreut.

Aber warum sollte sie sich darüber freuen, dass ich sie bewusstlos schlage, nachdem sie versucht hat, mich zu töten?

»Sie hat keinen Fehler gemacht, Laia.« Wir treten hinter dem Obstgarten hinaus in die Wüste, und ich betrachte den Sturm, der sich über der Serrakette zusammenbraut, einhundertsechzig Kilometer entfernt. »Sie hat uns gehen lassen.«

Was ich nur nicht verstehe, ist: warum.

V: Helena

Getreu bis zum Ende.

Das Motto der Gens Aquilla wurde mir wenige Augenblicke nach meiner Geburt von meinem Vater ins Ohr geflüstert. Ich habe diese Worte tausend Mal gesprochen. Ich habe sie nie infrage gestellt. Nie angezweifelt.

Ich denke jetzt an diese Worte, da ich zwischen zwei Legionären in den Kerkern unter Schwarzkliff zusammengesackt bin. Getreu bis zum Ende.

Wem getreu? Meiner Familie? Dem Imperium? Meinem eigenen Herzen?

Verflucht sei mein Herz in der Hölle. Mein Herz ist es vor allem anderen, was mich hierhergebracht hat.

»Wie konnte Elias Veturius entkommen?«

Der Mann, der mich verhört, unterbricht meine Grübeleien. Seine Stimme ist so gefühllos wie Stunden zuvor, als mich die Kommandantin in dieses Loch geworfen und ihm ausgeliefert hat. Sie hat mich außerhalb der Unterkünfte in die Enge getrieben, unterstützt von einem Trupp Masken. Ich habe mich sofort ergeben; trotzdem schlug sie mich bewusstlos. Und irgendwann zwischen diesem Augenblick und jetzt hat sie mir das silberne Hemd vom Leib gerissen, ein Geschenk der heiligen Männer des Imperiums, der Auguren. Ein Hemd, das mich fast unbesiegbar machte, nachdem es in meine Haut eingewachsen war.

Vielleicht sollte ich überrascht sein, dass es ihr gelang, es mir auszuziehen. Aber ich bin es nicht. Anders als all die anderen in diesem verfluchten Imperium habe ich noch nie den Fehler gemacht, die Kommandantin zu unterschätzen.

»Wie ist er entkommen?« Der Verhörende lässt nicht locker. Ich unterdrücke ein Seufzen. Ich habe die Frage schon hundertmal beantwortet.

»Ich weiß es nicht. In dem einen Augenblick sollte ich ihm noch den Kopf abschlagen, und im nächsten hörte ich nur noch das Klingeln in meinen Ohren. Als ich wieder auf die Hinrichtungsplattform sah, war er weg.«

Der Verhörende nickt den beiden Legionären zu, die mich festhalten. Ich wappne mich.

Sag ihnen nichts. Egal, was wird. Als Elias entwischte, versprach ich, ihn ein letztes Mal zu decken. Wenn das Imperium erfährt, dass er durch die Tunnel entkommen ist oder dass er eine Kundige bei sich hat oder dass er mir seine Maske gegeben hat, werden ihn die Soldaten leichter aufspüren können. Er wird die Stadt niemals lebend verlassen.

Die Legionäre drücken meinen Kopf wieder in einen Eimer mit fauligem Wasser. Ich versiegle die Lippen, kneife die Augen zusammen und lasse meinen Körper schlaff werden, auch wenn sich jede Faser von mir gegen die Häscher zur Wehr setzen will. Ich halte mich an einem Bild fest, so wie es uns die Kommandantin in der Verhörausbildung beigebracht hat.

Elias entkommt. Elias lächelt in irgendeinem fernen, sonnendurchfluteten Land. Elias findet die Freiheit, die er so lange gesucht hat.

Meine Lungen wollen schon platzen und brennen. Elias entkommt. Elias ist frei. Ich ertrinke, ich sterbe. Elias entkommt. Elias ist frei.

Die Legionäre reißen meinen Kopf aus dem Eimer, und ich hole keuchend Luft.

Der Verhörer schiebt mir einen Finger unters Kinn; er drückt meinen Kopf hoch und zwingt mich, in grüne Augen zu sehen, die sich blass und herzlos abheben gegen das Silber seiner Maske. Ich erwarte, einen Hauch von Wut zu entdecken – Frustration zumindest, nachdem er mir stundenlang dieselben Fragen gestellt und dieselben Antworten gehört hat. Aber er ist ruhig. Fast sanft.

In Gedanken nenne ich ihn den Nordmann wegen seiner braunen Haut, seiner hohlen Wangen und schrägen Augen. Er hat erst vor ein paar Jahren Schwarzkliff verlassen und ist jung für einen Schwarzen Gardisten, geschweige denn für einen Verhörer.

»Wie ist er entkommen?«

»Ich habe es doch schon gesagt –«

»Warum habt Ihr Euch nach der Explosion in den Unterkünften aufgehalten?«

»Ich dachte, ich hätte ihn gesehen. Aber ich habe ihn verloren.« So kann man die Wahrheit auch ausdrücken. Ich habe ihn am Ende ja wirklich verloren.

»Wie hat er die Ladungen angebracht?« Der Nordmann lässt mein Gesicht los und umkreist mich langsam, verschmilzt mit dem Schatten bis auf den roten Fleck auf seinem Kampfanzug – einem schreienden Vogel. Es ist das Symbol der Schwarzen Garde, den inneren Vollstreckern des Imperiums. »Wann habt Ihr ihm geholfen?«

»Ich habe ihm nicht geholfen.«

»Er war Euer Verbündeter. Euer Freund.« Der Nordmann zieht etwas aus seiner Tasche. Es klimpert, aber ich kann nicht sehen, was es ist. »Als er hingerichtet werden sollte, haben einige Explosionen in unmittelbarer Nähe die Schule dem Erdboden gleichgemacht. Erwartet Ihr etwa, dass irgendjemand an einen Zufall glaubt?«

Als ich schweige, bedeutet der Nordmann den Legionären, mich erneut ins Wasser zu tauchen. Ich atme tief ein und sperre alles andere aus meinen Gedanken aus bis auf dieses Bild von ihm in Freiheit.

Und dann, gerade als ich eintauche, denke ich an sie.

Die Kundige. Das dunkle Haar und ihre Kurven und ihre verdammten goldenen Augen. Wie er ihre Hand hielt, als sie über den Hof flohen. Die Art, wie sie seinen Namen sagte und wie er auf ihren Lippen wie ein Lied klang.

Ich schlucke einige Mundvoll Wasser. Es schmeckt nach Tod und Pisse. Ich trete aus und wehre mich gegen die Legionäre, die mich festhalten. Beruhige dich. So zerstören Verhörende ihre Gefangenen. Ein Riss, und er wird einen Keil hineintreiben und daraufhämmern, bis ich zerspringe.

Elias entkommt. Elias ist frei. Ich versuche, es im Geiste zu sehen, aber das Bild wird ersetzt von dem Bild der beiden zusammen, vereint.

Vielleicht ist Ertrinken gar nicht so schrecklich.

Die Legionäre ziehen mich hoch, als die Welt schon dunkel wird. Ich spucke einen ganzen Schwall Wasser aus. Such dir etwas, an das du dich klammern kannst, Aquilla. Dies ist der Punkt, an dem er dich brechen kann.

»Wer ist das Mädchen?«

Die Frage kommt so unerwartet, dass ich einen vernichtenden Augenblick lang unfähig bin, den Schock – oder die Erkenntnis – aus meinem Gesicht zu verbannen.

Die eine Hälfte von mir verflucht Elias für seine Dummheit, dass er sich mit dem Mädchen hat blicken lassen. Die andere Hälfte versucht, die Angst zu unterdrücken, die in meinem Bauch wächst. Der Verhörer beobachtet den Wechsel der Emotionen in meinem Gesicht.

»Sehr gut, Aquilla.« Seine Worte klingen tödlich ruhig. Sofort denke ich an die Kommandantin. Je leiser sie sprach, hat Elias einmal gesagt, desto gefährlicher wurde sie. Ich kann endlich sehen, was der Nordmann aus seinem Kampfanzug geholt hat: zwei Sätze aus miteinander verbundenen Metallringen, die er über seine Finger streift. Schlagringe aus Messing. Eine brutale Waffe, die einfache Prügel in einen langsamen, blutigen Tod verwandelt. »Warum beginnen wir nicht direkt hier?«

»Beginnen?« Ich bin schon seit Stunden in diesem Höllenloch. »Was meint Ihr mit beginnen?«

»Das« – er weist auf den Wassereimer und mein blutunterlaufenes Gesicht – »war doch erst das Kennenlernen.«

Zur Hölle. Er hat sich zurückgehalten. Er hat den Schmerz nach und nach gesteigert, um mich zu schwächen, um einen Zugang zu mir zu bekommen; er hat darauf gewartet, dass ich allmählich aufgebe. Elias entkommt. Elias ist frei. Elias entkommt. Elias ist frei.

»Aber jetzt, Blutgreif« – die Worte des Nordmanns, wiewohl ruhig gesprochen, ätzen sich durch das Mantra in meinem Kopf –, »jetzt werden wir sehen, aus welchem Holz Ihr geschnitzt seid.«

Die Zeit verwischt. Stunden vergehen. Oder sind es Tage? Wochen? Ich kann es nicht sagen. Hier unten sehe ich die Sonne nicht. Hier kann ich weder die Trommeln noch den Glockenturm hören.

Noch ein bisschen, sage ich mir nach einer besonders bösartigen Züchtigung. Noch eine Stunde. Halt noch eine Stunde durch. Noch eine halbe Stunde. Fünf Minuten. Eine Minute. Nur eine.

Aber jede Sekunde ist Schmerz. Ich verliere diese Schlacht. Ich spüre es in den Zeiteinheiten, die sich mir entziehen, in der Art, wie meine Worte durcheinandergeraten und übereinanderstolpern.

Die Tür geht auf und zu. Boten erscheinen, erstatten Bericht. Die Fragen des Nordmanns ändern sich, aber sie enden nie.

»Wir wissen, dass er mit dem Mädchen durch die Tunnel entkommen ist.« Eines meiner Augen ist zugeschwollen, aber während der Nordmann spricht, schaue ich ihn finster mit dem anderen an. »Hat einen halben Trupp da unten ermordet.«

Oh, Elias.