Eliminiert - Teri Terry - E-Book

Eliminiert E-Book

Teri Terry

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Beschreibung

Shay hat den Verursacher der tödlichen Epidemie gefunden. Doch um Dr. 1 endgültig das Handwerk zu legen, muss sie mehr über seinen Plan erfahren. Zum Schein schließt sie sich seinen Anhängern an – und riskiert damit, den einzigen Menschen zu verlieren, der ihr wichtig ist. Ihre große Liebe Kai weiß nichts von Shays wahren Motiven und hält sie für eine Verräterin. Shay ist hin- und hergerissen: Sie braucht Kai an ihrer Seite, um Dr. 1 zu stoppen, doch gleichzeitig will sie ihn um jeden Preis beschützen. Denn im großen Plan von Dr. 1 gibt es keinen Platz für immune Menschen wie Kai …

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EPUB

Seitenzahl: 464




eISBN: 978-3-649-63111-8

© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

First published in Great Britain in 2018 by The Watts Publishing Group

Text copyright © Teri Terry, 2018

The moral right of the author has been asserted. All characters and events in this publication, other than those clearly in the public domain, are fictitious and any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental. All rights reserved. No part of this publication may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted, in any form or by any means, without the prior permission in writing of the publisher, nor be otherwise circulated in any form of binding or cover other than that in which it is published and without a similar condition including this condition being imposed on the subsequent purchaser.

Originalcopyright © 2018 by Teri Terry

Originalverlag: Orchard Books

An Imprint of Hachette Children’s Group

Part of The Watts Publishing Group Limited

Originaltitel: Evolution

Aus dem Englischen von Petra Knese

Umschlaggestaltung: Anne Sent, unter Verwendung eines Motivs von

Jonas Hafner

Lektorat: Sara Mehring

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-62601-5.

Teri Terry

Aus dem Englischenvon Petra Knese

Jede der sieben Evolutionsstufen kann nurvon der vorherigen Stufe aus untersucht werden,wobei man sich zeitlich rückwärts bewegt …

Xander, Manifest des Multiversums

INHALT

TEIL 1: MIKROEVOLUTION

1 LARA

2 SHAY

3 LARA

4 SHAY

5 LARA

6 SHAY

7 LARA

8 SHAY

9 LARA

10 SHAY

11 LARA

12 SHAY

TEIL 2: MAKROEVOLUTION

1 FREJA

2 KAI

3 FREJA

4 KAI

5 FREJA

6 KAI

7 FREJA

8 KAI

9 FREJA

10 KAI

TEIL 3: ORGANISCHE EVOLUTION

1 LARA

2 SHAY

3 LARA

4 SHAY

5 LARA

6 SHAY

7 LARA

8 SHAY

9 LARA

10 SHAY

11 LARA

12 SHAY

13 LARA

14 SHAY

15 LARA

16 SHAY

17 LARA

18 SHAY

19 CALLIE

20 SHAY

21 CALLIE

22 SHAY

23 CALLIE

24 SHAY

25 CALLIE

TEIL 4: PLANETARISCHE EVOLUTION

1 FREJA

2 KAI

3 FREJA

4 KAI

5 FREJA

6 KAI

7 FREJA

8 KAI

9 FREJA

10 KAI

11 FREJA

12 KAI

13 FREJA

14 KAI

15 FREJA

16 KAI

17 FREJA

18 KAI

19 FREJA

20 KAI

21 FREJA

22 KAI

23 FREJA

24 KAI

25 FREJA

26 KAI

TEIL 5: CHEMO-EVOLUTION

1 CALLIE

2 SHAY

3 CALLIE

4 SHAY

5 CALLIE

6 SHAY

7 CALLIE

8 SHAY

9 CALLIE

10 SHAY

11 CALLIE

12 SHAY

13 CALLIE

14 SHAY

15 CALLIE

16 SHAY

17 CALLIE

18 SHAY

19 CALLIE

20 SHAY

21 CALLIE

22 SHAY

23 CALLIE

24 SHAY

TEIL 6: EVOLUTION DER STERNE

1 FREJA

2 CALLIE

3 SHAY

4 KAI

5 FREJA

6 CALLIE

7 SHAY

8 KAI

9 FREJA

10 CALLIE

11 SHAY

12 KAI

13 FREJA

14 CALLIE

15 SHAY

16 KAI

17 FREJA

18 CALLIE

19 SHAY

20 KAI

21 FREJA

22 CALLIE

23 SHAY

24 KAI

25 FREJA

26 CALLIE

27 SHAY

28 KAI

TEIL 7: KOSMISCHE EVOLUTION

1 SHAY

2 CALLIE

3 JENNA

4 KAI

5 SHAY

6 CALLIE

Zufällige Mutationen, die der Art einen Überlebensvorteil verschaffen, setzen sich durch: Der Stärkere überlebt und gibt seine Merkmale weiter. Und wenn Mutationen nun gar nicht zufällig passieren? Erst dann wird sich die Menschheit wahrhaft entwickeln.

Xander, Manifest des Multiversums

Wie von selbst tragen mich meine Füße ans Ende der Welt.

Dort beginnt das Nichts. Der Wald, der Weg, ja sogar der Himmel verschwinden in weißem Nebel. Aus den Augenwinkeln kann ich geisterhaft Umrisse von Bäumen und Hügeln ausmachen. Vielleicht ist es doch nicht das Ende der Welt und irgendwo tief in mir drinnen weiß ich: Genauso ist es. Aber meine Welt endet hier.

Sobald ich darüber nachdenke, finde ich diesen Ort nicht. Ich darf ihn nicht als Ziel haben, kann nur zufällig dorthin geraten. Wenn ich mich aufrege und einfach drauflos laufe, lande ich meistens hier. Es ist ein Reflex, so wie wenn man mit einem Hämmerchen aufs Knie klopft und das Bein hochschnellt.

Worüber habe ich mich aufgeregt? Meine Gedanken wandern zurück, doch ich verliere den Faden und alles entgleitet mir.

Mit ausgebreiteten Armen neige ich mich über den Rand einer Welt, die sich vor mir verflüchtigt, stehe dort wie am Bug der Titanic und schließe die Augen. Kann ich das Gleichgewicht verlieren und hinabfallen, fort von diesem Ort?

Vielleicht, wenn es mir gelänge einzuschlafen. Niemand kann kontrollieren, wohin mich meine Träume tragen, nicht einmal ich selbst. Schauder durchlaufen mich beim Gedanken an gestern Nacht. An … an … Was immer es war, es ist mir entschlüpft. Wieder überkommt mich diese Ruhe.

Ich muss es probieren, hebe den rechten Fuß und mache einen Schritt vorwärts. Doch als ich die Augen öffne, ist es wie immer: Ich habe dem Ende der Welt den Rücken gekehrt und bin in die andere Richtung gegangen.

Seufzend lehne ich mich an einen Baum. Seine Wurzeln winden sich über den Boden. Wenn ich nun versehentlich mit dem Fuß an einer dieser Wurzeln hängen bliebe, würde ich dann über den Rand der Welt fallen? Aber nun ist es zu spät. Meine Füße lassen sich nicht überlisten, folgen keinem Weg, den ich mir zuvor ausgedacht habe.

Vielleicht beim nächsten Mal.

Dann höre ich tief in mir den Ruf.

Lara, komm.

Und ein weiterer Reflex zwingt mich zurückzulaufen, mit einem einzigen Ziel und Zweck.

Gehorsam.

Blinder Gehorsam.

Als das Flugzeug erneut ins Schlingern gerät, kralle ich mich an den Armlehnen fest.

Elena, die in der Reihe vor mir sitzt, steht Todesängste aus. Beatriz neben ihr stört es gar nicht. Aber vielleicht hat man als Achtjährige auch noch keine Angst. Angeblich sind Kinder ja so furchtlos, weil sie nicht wissen, dass man sich ernsthaft verletzen kann, und weil sie noch keine Vorstellung vom Tod haben. Auf Beatriz trifft das sicher nicht zu. Immerhin hat sie mit ansehen müssen, wie die Epidemie ihre gesamte Familie dahingerafft hat. Und wie Überlebende wie wir in den Flammen eines Feuers umgekommen sind, das eine militante Gruppe gelegt hat, die sich Wachposten nennt. Beatriz kennt den Tod gut, hat miterlebt, wie Menschen, die sie gernhat, qualvoll gestorben sind. Hat die Toten berührt und ihre letzten Gedanken erspürt. Verglichen damit ist ein Flug bei Sturm vielleicht tatsächlich harmlos.

Chamberlain liegt halb auf dem Nachbarsitz, halb auf meinem Schoß. Seine Schwanzspitze zuckt unmerklich, als wollte er als cooler Kater seinen Ärger nicht so raushängen lassen. Mit seinen Vorderpfoten hat er sich fest in meine Jeans gehakt, und immer, wenn sich das Flugzeug zur Seite neigt oder absackt, gräbt er mir die Krallen ins Bein. Ist das die Sicherheitsposition für Katzen? Ich streichle Chamberlain, um ihn, aber vor allem auch mich selbst, zu beruhigen. Ich konzentriere mich auf das Hier und Jetzt, auf meine Angst und den warmen, schweren Kater mit seinen spitzen Krallen. Doch das reicht nicht, um den Schmerz zu vergessen.

Kai hat dichtgemacht. Mich nicht in seine Gedanken gelassen.

Er hat mir den Rücken gekehrt und ist einfach gegangen.

Mir kommt es vor, als würde mein Selbst Tropfen für Tropfen schmerzhaft aus mir herausrinnen, bis nichts mehr von mir übrig ist.

Haltet noch ein wenig durch, es ist gleich vorbei. Alex schickt uns allen diesen Gedanken vom Cockpit aus. Er sitzt am Panel und fliegt dieses Ding.

Alex oder Xander, wie alle hier zu ihm sagen. Mein Vater.

Nicht, dass er für mich je ein Vater war.

Fairerweise muss ich zugeben, dass er auch keine Gelegenheit dazu hatte, denn Mum hat ihn verlassen, ohne ihm von mir erzählt zu haben. Inzwischen weiß er, dass ich seine Tochter bin, und der Gedanke behagt mir nicht. Schließlich hatte Mum ihre Gründe, es ihm zu verheimlichen. Nur welche, weiß ich nicht, und da sie tot ist, kann ich sie auch nicht mehr danach fragen.

Xander hat keine Angst, jedenfalls lässt er sich nichts anmerken. Und auch von seinen Anhängern hier an Bord fürchtet sich niemand, sie wirken alle ruhig und gelassen. Xanders Beschwichtigung galt mehr Beatriz, Elena und mir. Die anderen vertrauen ihm offenbar bedingungslos.

Wer sind diese Leute überhaupt? Ich weiß, dass sie allesamt Mitglieder einer Gruppe sind, die sich Multiversum nennt. Meine Freundin Iona hat sie als Sekte bezeichnet, die die Wahrheit verehrt. So wie es aussieht, verehren sie auch Xander.

Es scheint mir ewig her zu sein, seit Iona im Schulbus was über die Gruppe aus der Zeitung vorgelesen hat. Wenn ich daran zurückdenke, werde ich ganz wehmütig, denn das waren die letzten Tage, die wir gemeinsam in völliger Normalität verbracht haben. Wie es meiner besten Freundin wohl geht? Was würde sie von Xander halten? Hoffentlich muss sie sich die Frage nie stellen.

Und als hätte Xander nicht nur die Kontrolle über das Flugzeug und unser aller Leben, sondern auch über Himmel und Wetter, legt sich kurz nach seiner Ansage der Sturm. Das Flugzeug gleitet sanft dahin, doch Chamberlain krallt sich nach wie vor in mein Bein. Er hält sich so hartnäckig wie mein Gefühlschaos.

Ich schaue aus dem Fenster, innerlich habe ich eine Schutzmauer errichtet, damit niemand versehentlich meine Gedanken aufschnappt. So sehr ich auch gegen die Tränen ankämpfe, es rinnt mir doch eine die Wange hinunter. Hastig wische ich sie weg. Kai, wie konntest du mich nur blocken?

Ich bin doch nur mit Xander mitgegangen, um nach Kais Schwester Callie zu suchen. Doch Kai hat sich meine Gründe gar nicht mehr angehört. Er hat bloß gesehen, dass ich mich seinem verhassten Stiefvater angeschlossen habe. Und dann hat er auch noch mitgekriegt, dass dieser Mann mein Vater ist. Natürlich hätte ich es ihm längst sagen sollen, aber ich habe es nicht über mich gebracht. Anfangs gab es so viele andere Dinge, die Kai verdauen musste, und je länger ich es hinauszögerte, desto schwerer wurde es. Dass Kai es dann ausgerechnet von Xander selbst erfuhr, machte alles nur noch schlimmer.

Und Kai wollte mir auch nicht glauben, dass nicht Callies, sondern Jennas Geist uns die ganze Zeit begleitet hatte. Jenna hatte sich für Callie ausgegeben. Und es war Jenna, die bei der Bombenexplosion ausgelöscht wurde. Sie hat sich geopfert, um mich zu retten. Der Gedanke versetzt mir einen heftigen Stich. Jenna und ich haben so viel gemeinsam durchgestanden und nun ist sie fort. Meinetwegen.

Doch all das könnte bedeuten, dass Kais Schwester Callie noch am Leben ist. Nicht als Geist, sondern als Mädchen aus Fleisch und Blut. Und nur Xander kann mich zu ihr führen.

Darum ist es für mich das Schlimmste, dass Kai mir nicht geglaubt hat.

Xander meinte, er wüsste, wie schmerzlich es sei, anders zu sein und einen Menschen deshalb zu verlieren. Er hat Mum verloren, weil sie gespürt hat, dass mit ihm was nicht stimmte.

Ob sie jetzt genauso über mich denken würde?

Ist das der eigentliche Grund dafür, dass Kai mich weggestoßen hat? Ihm fiel es immer schwer zu akzeptieren, dass ich mich durch die Krankheit verändert habe. Dass ich in Gedanken mit ihm reden und Auren manipulieren kann. Kai hat gesehen, dass ich so Menschen heilen, aber auch töten kann. Letzteres natürlich nur in Notwehr, aber er war schockiert … damit ist er irgendwie nicht klargekommen.

Nachdem er mich aus seinen Gedanken verbannt hat, blieb mir nichts anderes übrig, als seine Freundin Freja ins Vertrauen zu ziehen. Freja wusste, dass ich die Wahrheit sage, da bin ich mir sicher. Wenn man direkt miteinander spricht, von Überlebender zu Überlebender, kann man sich schlecht verstellen. Und Freja hat mir versprochen, ihm alles zu erklären.

Bitte, Kai, wenn du mir schon nicht glaubst, glaub wenigstens ihr.

Schon bald geht das Flugzeug in den Sinkflug über. Ich schaue durch den Gang zu Xanders Gefolgsleuten. Um ihre Hälse glitzern goldene Anhänger, genauso einen hat Xander mir auch geschenkt. Es ist ein Atommodell, das Erkennungszeichen der Gruppe. Und obwohl die Kette lose baumelt, fühlt es sich an, als würde sich die Schlinge immer enger um meinen Hals ziehen.

Offenbar spürt einer von Xanders Leuten meinen Blick und dreht sich lächelnd zu mir um. Der Respekt, mit dem er mir begegnet, ist neu, bestimmt weil er jetzt weiß, dass ich Xanders Tochter bin. Wie alle anderen macht er einen netten, ruhigen Eindruck. Aber als die Gruppe uns vor der Armee gerettet hat, haben sie gemordet, ohne mit der Wimper zu zucken. Und diese Kombination aus Lächeln und lässiger Gewalt treibt mir Schauder über den Rücken.

Vor dir selbst kannst du es doch zugeben, Shay: Du hast Angst!

Am liebsten würde ich vor diesen Leuten davonlaufen, aber ich muss Callie finden. Nur so kann ich Kai beweisen, dass ich alles bloß ihm zuliebe tue.

Atemlos reiße ich die Tür auf, ich bin wie eine Irre durch den Wald zurück zur Kommune gehetzt. Cepta sitzt an ihrem Schreibtisch. Ihr dunkles Haar fällt ihr beim Lesen ins Gesicht. Sie jetzt zur Eile anzutreiben, würde gar nichts bringen.

Die Zeit scheint stillzustehen. Als ich mit dem Gedanken spiele, mich wieder zu verdrücken, schaut sie auf und lächelt mich an. Erst ruft sie mich so eilig her und dann lässt sie mich warten. Trotzdem macht mich ihr Lächeln glücklich.

»Da bist du ja, Lara.« In ihrer sanften Stimme liegt ein tadelnder Unterton. »Wo warst du?«

»Nirgends. Ich bin spazieren gegangen.«

Cepta nickt. Ihr Blick ist wachsam. »Und wohin bist du gegangen?«

Sie weiß es. Sie weiß es immer. Warum fragt sie überhaupt? »Zum Ende.«

»Warum?«

»Keine Ahnung. Wirklich wahr!«

Sie zieht die Brauen hoch und legt den Kopf auf die Seite. »Weiß ich doch, Lara. Wenigstens hältst du es für die Wahrheit, aber hinter meiner Frage und deiner Antwort steckt noch mehr.«

Cepta streckt die Hände nach mir aus. »Komm mal her.«

Ich trete näher. Ihre Finger umschließen meine. Sie sind warm, der weiche weiße Stoff ihrer Tunika berührt mich am Arm. Ihre goldene Kette, das Markenzeichen des Multiversums, glitzert im Lampenlicht und fängt meinen Blick ein. Ich hatte auch mal so eine Kette, doch die hat Cepta einkassiert.

»Ich will dir doch nur helfen.« Und ich weiß zwar, dass es stimmt, aber … aber, was?

»Hast du beim Spazierengehen auch deine Achtsamkeitsübungen gemacht? Und vorm Schlafengehen?«

»Ich gebe mir Mühe.« Das ist nicht gelogen.

»Gib dir noch mehr Mühe. Verdiene dir deinen Platz bei uns. Du schaffst es.«

Doch so richtig glaubt sie selbst nicht dran.

Cepta weiß, dass ich verdorben bin und versagen werde. Und ich weiß es auch.

Später sitze ich aufrecht im Schneidersitz. Ich spüre den Boden unter mir. Ich atme langsam aus, lasse alle Luft aus den Lungen strömen und genauso langsam atme ich wieder ein. Nur das Hier und Jetzt zählt. Der Boden, die Luft, meine Lungen. Keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur dieser Moment. Mir schießt alles Mögliche durch den Kopf, bloß Gedanken, die kommen und gehen. Sie machen mich nicht aus. Ich muss mich nicht in ihnen verheddern. Ich atme ein und aus, lasse alle Spannungen los.

Cepta berührt mich sanft im Geist und lobt mich. Aber es ändert sich ja doch nichts. Ich verändere mich nie.

Negative Gedanken sind auch bloß Vorstellungen. Ich nehme sie an und lasse sie mit dem nächsten Ausatmen los.

Als Cepta kurz darauf befindet, dass ich so weit bin, erhebe ich mich und schlüpfe ins Bett. Die Laken sind kühl auf der Haut, die Decke angenehm schwer. Ich atme ein, ich atme aus.

Schlaf schön, Lara, flüstert Cepta in meinen Gedanken und verschwindet.

Am schlimmsten finde ich immer, wenn vor der Landung das Tempo gedrosselt wird. Mitten in der Luft langsamer zu werden, kommt mir einfach falsch vor.

Aber Xander hat es echt drauf. Wir berühren den Boden, ohne dass es holpert. Draußen ist es noch dunkel, der Augenblick vor der Dämmerung, in dem alles den Atem anhält.

Ich löse den Sicherheitsgurt und stehe auf, nehme Chamberlain auf den Arm. Er ist ein ganz schöner Brocken. Xander wartet wie ein Steward vorne am Gang.

»Das war ein schwieriger Flug. Geht es euch allen gut?«, fragt er laut.

Inzwischen hat Elena ihre Angst abgelegt. »Klar, ich habe keinen Moment gezweifelt, dass wir sicher landen würden.«

Xander lacht, als wüsste er, welche Ängste sie ausgestanden hat.

»Mir geht’s gut«, sagt Beatriz, »aber ich wünschte, Spike wäre auch hier.«

Sofort überfällt mich das schlechte Gewissen. Ich war so in meine Probleme mit Kai vertieft, dass ich gar nicht an Spike gedacht habe. Dabei gehört Spike doch zu unserer Gruppe, aber nun ist er nicht hier. Ist nirgendwo mehr. Und das ist meine Schuld.

Offenbar liest Elena meine Gedanken oder einfach meinen Gesichtsausdruck, jedenfalls nimmt sie mich bei der Hand. Sie weiß, dass Spike mich aus dem Weg gestoßen hat, bevor er selbst die tödlichen Kugeln kassiert hat. Spike wäre nicht Spike, wenn er nicht alles getan hätte, um dir das Leben zu retten. Stumme Worte in meinem Kopf.

Aber Elena kann es nicht beurteilen, weil sie nicht dabei war. Wäre ich nicht so feige gewesen, wäre es anders ausgegangen. Ich verberge diese Gefühle vor ihr.

Wir steigen die Stufen hinunter aufs Rollfeld, wenn man es denn so nennen kann. Eigentlich ist es nur ein Grasstreifen, kaum breiter als die Spannweite der Flügel. Xander muss was vom Fliegen verstehen, dass er hier sicher landen konnte.

Die Sonne wirft die ersten Strahlen auf die hohen Bäume am Ende des Rollfelds. In ihrem Schatten liegen Bungalows mit »lebendigen« Dächern, auf denen Pflanzen und Gräser wachsen. Vielleicht sind sie so aus der Luft schlechter zu erkennen? Chamberlain windet sich in meinem Arm und ich lasse ihn runter. Freudig wälzt er sich im Gras. Katze müsste man sein!

»Wo sind wir?«, frage ich.

»Schottland. Eine abgelegene Kommune im Hochland, die wir vor ein paar Jahren errichtet haben. Außer uns weiß keiner, wo sie liegt. Uns ist es gelungen, von den jüngsten Ereignissen verschont zu bleiben.«

»Meinst du etwa, dass die Epidemie nicht bis hierher vorgedrungen ist?«, fragt Elena.

»Ja.«

Die haben sich also hier in den Wäldern einen Ort geschaffen, mit einem Flugfeld, das wie eine Wiese aussieht. Keiner weiß davon, keiner hat die tödliche Seuche hierher gebracht. Aber auch wenn dieser Ort noch so abgeschieden ist, muss es trotzdem schwer gewesen sein, unentdeckt zu bleiben. Dass sich der Großteil des Landes nun durch die Epidemie geleert hat, hat ihnen die Sache sicher erleichtert. Kam ihnen entgegen.

»Wie viele Leute leben hier?«, frage ich.

»Der innere Kreis umfasst so um die hundert Leute. Zusammen mit den Außenbereichen sind es fast zweihundert.«

»Ist Callie auch darunter?« Die Frage richte ich nur an Xander.

Geduld, antwortet er mir. Xanders Blick wandert von mir zu den Bäumen. Jemand nähert sich, eine Frau.

»Inzwischen sind wir über zweihundert, zweihundertundneun«, trällert sie mit weicher Stimme. »Seit deinem letzten Besuch haben sich uns noch ein paar angeschlossen, Xander. Willkommen, begrüßt sie uns stumm. Auch eine Überlebende.

Ihr dunkles Haar fällt ihr in Wellen über den Rücken und ihre Aura ist so hell, wie ich es sonst nur von Beatriz kenne. Sie strahlt und pulsiert. Die Frau trägt eine weiße Tunika und schwarze Leggings, eine Multiversum-Kette und zeigt ein breites Lächeln, das vor allem Xander gilt.

»Cepta«, sagt er liebevoll. Als er sie mit einem Küsschen auf die Wange begrüßt, findet ein kurzer, stummer Austausch zwischen den beiden statt.

Danach wendet sich Xander wieder uns zu. »Das ist Cepta. Sie ist die Präsidentin dieser Kommune.« Nachdem er Elena und Beatriz vorgestellt hat, entsteht eine Pause, in der Cepta mich ansieht und sich offenbar fragt, wer ich wohl bin. Xander legt den Arm um mich. »Und das ist Shay. Meine Tochter.«

Cepta könnte nicht überraschter sein. »Deine Tochter?« Verwundert schaut sie zwischen mir und Xander hin und her. Darauf folgt ein weiterer rascher, stiller Austausch zwischen ihnen.

Dann wendet Cepta sich mir mit einem breiten Lächeln zu. »Willkommen, Shay.« Küsschen auf die Wange. Sie strahlt vor Sauberkeit und riecht so gut, dass ich mir vorkomme wie eine struppige Ratte nach einer Nacht im Abwasserkanal. An mir klebt das Blut der Toten und die Spuren des Kampfes sind nicht nur äußerlich.

»Kommt«, sagt Cepta. »Ich habe ein Gästehaus für euch drei vorbereitet, auch wenn Xander nicht gesagt hat, für wen es sein sollte!« Sie lacht.

»So eine neugierige Person wie dich spanne ich gerne auf die Folter«, antwortet er, dabei schaut er mich an. War die Bemerkung auf mich gemünzt?

Xander hakt sich bei Cepta unter und sie führt uns zu einem Haus. Vor der Tür verabschieden sie sich von Beatriz, Elena und mir mit dem Hinweis, den Tag über könnten wir uns ausruhen. Heute Abend gäbe es Essen und bei Sonnenuntergang eine Versammlung. Dann marschieren Xander und Cepta Hand in Hand davon.

Im Haus ist alles einfach gehalten, aber so weiß und sauber, dass ich Angst habe, etwas anzufassen. Auf einem niedrigen Tisch steht etwas zu essen, es gibt drei Schlafzimmer und eine Dusche. Erleichtert atme ich auf. Ich frage die anderen, ob sie was dagegen haben, wenn ich zuerst dusche, doch Elena schüttelt bloß den Kopf und schubst mich ins Badezimmer.

Drinnen schließe ich die Tür. Leider kann man sie nicht verriegeln, auch wenn mir klar ist, dass natürlich keiner reinkommen wird oder sonst wie Gefahr besteht. Und selbst wenn jemand käme, könnten mich Beatriz und Elena ja warnen. Ich behelfe mir mit einem Regal voller Handtücher, das ich vor die Tür schiebe.

Ich ziehe mich aus und werfe die Klamotten in die Ecke. Hoffentlich findet sich was anderes zum Anziehen. Meine Klamotten will ich noch nicht mal mehr anfassen, die sind dreckig und verdorben wie ich. Plötzlich stürzen die Erinnerungen an den gestrigen Tag auf mich ein.

Spike hat mich aus der Schussbahn gestoßen und mir damit das Leben gerettet. Mein Freund Spike, tot. Vergeblich habe ich versucht, mir sein Blut von der Haut zu reiben, aber es klebt immer noch an mir. Auch wenn ich mich wasche, bis man es nicht mehr sieht, wird es dennoch da sein. Und dann all die Soldaten, die ich mit meinem Geist getötet habe. Ihr Blut hat mich nicht bespritzt, dennoch ist ihr Tod nicht spurlos an mir vorbeigegangen.

Das Wasser ist schön heiß und es gibt diese großen altmodischen Seifenstücke. Ich schrubbe mich, bis die Haut krebsrot ist. Dann setze ich mich unter die Dusche und ziehe die Beine an die Brust.

Ich lasse den Kopf auf die Knie sinken.

Erst sind all diese Menschen gestorben. Danach hat Jenna mich und Chamberlain mit ihrer kühlen Dunkelheit umfangen, sonst hätte uns die Bombe getötet. Aber sie selbst hat es nicht überstanden. Ich kann kaum glauben, dass sie fort ist.

Mir war danach alles zu viel, ich konnte es nicht mehr ertragen. Doch dann tauchte Kai plötzlich auf und ich hatte das Gefühl, es mit ihm an meiner Seite schaffen zu können. Diese Lippen hat Kai geküsst. Diese Hände hat er gehalten. Diese Arme lagen fest um ihn und nun halte ich nur noch mich. Heiß rinnt mir das Wasser über den Kopf, den Rücken, dennoch zittere ich.

Der Abend wird kommen. Da muss ich auf diese Versammlung. Keine Ahnung, worum es gehen wird. Morgen ist ein neuer Tag. Morgen werde ich stark sein. Werde Xanders Vertrauen gewinnen und Callie suchen. Und dann finde ich einen Weg für uns hier raus.

Doch nicht jetzt. Jetzt lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Ich weine um Spike, den ich hätte retten können. Bloß weil ich niemanden töten wollte, um uns die Flucht zu ermöglichen. Und was ist dabei rausgekommen? Noch mehr Tote. Ich weine um Jenna. Nachdem sie mich und den Kater gerettet hat, ist sie nun auch fort.

Und ich weine natürlich vor allem um Kai, meine Arme sind leer, heute, morgen und übermorgen. Die Tage breiten sich in unendlicher Einsamkeit vor mir aus und vielleicht wird das für immer so bleiben, damit muss ich mich abfinden. Selbst wenn ich Kais Schwester finde, verzeiht er mir womöglich nicht, dass ich ihm so viel verschwiegen habe.

Später muss ich von irgendwoher Hoffnung schöpfen, sonst stehe ich das alles nicht durch. Doch im Augenblick gebe ich mich der Verzweiflung hin.

Ein kleiner, quadratischer Raum, fensterlos und dunkel.

Nein, nicht schon wieder. Ich halte es nicht aus.

Ich versuche, mich von den Gurten zu befreien, die mich an den Stuhl fesseln, auch wenn ich weiß, wie sinnlos es ist. Ich kann mir nicht helfen. Keiner kann mir helfen.

Eine Wand leuchtet auf.

Auf meiner Stirn bilden sich Schweißperlen.

Mir ist klar, dass ich träume und dass es nicht wirklich passiert. Eigentlich sollte ich den Ablauf ändern können, wie Cepta es mir beigebracht hat. Aber gerade ist mein Unterbewusstsein am Zug, oder?

Die Wand geht in Flammen auf.

Ich stelle mir vor, wie die Tür aufspringt und Feuerwehrmänner mit Schläuchen bereitstehen, eine riesengroße Sprinkleranlage auf wundersame Weise aus der Decke wächst oder wie ich im entscheidenden Moment in ein Raumschiff ins Weltall gebeamt werde.

Doch es funktioniert einfach nicht.

Flammen verschlingen mich, meine Haut, ich schreie …

SCHREIE! Es gibt keine Hilfe, keinen Ausweg, keine Rettung.

Warum schreie ich also?

WACH AUF.

Ein Befehl direkt ins Hirn.

Als ich die Augen öffne, fällt der Albtraum von mir ab, löst sich auf wie feine Spinnweben.

Mit einem beklommenen Gefühl setze ich mich auf. Ich runzle die Stirn. Irgendwie habe ich gerade etwas Unangenehmes, ja Schreckliches erlebt. Was war das bloß?

Komm, Lara. Cepta ruft. Heute Morgen liegt nicht nur die übliche Ungeduld in ihren Gedanken, sie ist aufgeregt oder freut sich.

Ich stehe auf und ziehe die Vorhänge zurück. Der nächtliche Sturm ist vorüber. Reingewaschen erstrahlt die Welt ganz neu in der hellen Morgensonne.

Und noch etwas ist neu. Auf der Landebahn unten auf der Wiese steht ein Flugzeug.

Shay, geht es dir auch gut? Elena steht vor meiner Zimmertür.

Habe bloß Kopfweh. Ich bin gleich da. Mir dröhnt zwar der Schädel, aber eher vom Weinen, krank bin ich nicht. Warum lassen sie mich nicht einfach alle in Ruhe? Dann würde ich für immer im Bett bleiben und mich nie wieder regen.

Als Chamberlain mir mit der Pfote ins Gesicht stupst, mache ich die Augen auf. Er reibt sich an meinem Kinn.

Na schön, nie wieder ist vielleicht übertrieben. Ich streichle den Kater.

Kann ich was für dich tun? Elena macht sich Sorgen, das spüre ich. Nur manchmal kann man das so gar nicht brauchen, wenn jemand nett ist. Es ist, als würde einer einem noch die Erlaubnis erteilen, sich in die Kissen zu vergraben und für alle Ewigkeit zu jammern. Mum wusste immer genau, wann ich Trost und wann eher einen Tritt in den Hintern brauchte. Wie sie mir fehlt! Gerade brauche ich eher einen Tritt.

Shay? Wieder Elena.

Du kannst nichts für mich tun. Ich komme schon klar.

Als ich mich aufsetze, werden die Kopfschmerzen noch schlimmer. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. Bin ich dem überhaupt gewachsen? Ich muss mich zusammenreißen. So leicht lässt sich Xander nicht hinters Licht führen. Er darf nicht rauskriegen, dass ich bloß wegen Callie hier bin. Ich muss ihn dazu bringen, mir zu trauen.

Vielleicht kann ich mich bei dieser Versammlung entschuldigen und hierbleiben …

Nein. Heil dich, Shay. Tauch in dich ein, pack den Schmerz und heile ihn. Nicht den kaiförmigen Schmerz natürlich, den kann man auf diese Weise nicht heilen. Sollte man zumindest nicht können. Aber mit den Kopfschmerzen habe ich vielleicht Erfolg.

Ich schließe die Augen, strecke mich nach innen aus und ströme mit dem strudelnden Blut durch meinen Körper. Wie immer verlangt es all meine Aufmerksamkeit, sodass die vollkommene Hinwendung zu mir selbst merkwürdigerweise dazu führt, dass es mich von mir oder zumindest von meinen Gefühlen ablenkt. Und während sich die einen Turbulenzen legen, gebe ich mich den nächsten hin. Ich wirble umher mit den Blutzellen, den Molekülen, den Atomen und den Teilchen, aus denen Wellen werden, Heilwellen. Ich lindere geschwollene Nebenhöhlen, eine wunde Nase, dicke Augen und sogar die roten Flecken auf der Haut, rüttle den Körper wach, schärfe das Bewusstsein. Mache mich bereit. Und am Ende doktere ich noch ein wenig an den Neurotransmittern herum, erhöhe meinen Serotoninspiegel. Für Psychiater wäre das bestimmt eine tolle Gabe, da bräuchte man dann keine Antidepressiva mehr. Stattdessen würden sie nur ein bisschen das Gehirn ihrer Patienten frisieren.

Als ich die Augen aufschlage, bin ich bereit, der Welt zu begegnen. Zumindest diesem eigentümlichen Winkel.

Ich stehe auf und ziehe mir eine frische Tunika an. Nachdem ich endlos lange geduscht hatte, war ich froh, dass für uns saubere Sachen bereitlagen. Könnte nur auf Dauer ein wenig öde werden: weiße Tuniken, schwarze Leggings. Zusammen mit der goldenen Kette um den Hals wirkt das wie eine Art Uniform.

Im Flur wartet Xander schon auf mich. Er ist ähnlich angezogen, nur ist seine Tunika blau, was seine Augen erstrahlen lässt. Von Elena und Beatriz keine Spur.

»Die sind schon mit Cepta vorgegangen«, sagt er, ohne dass ich frage.

»Bin ich zu spät?«

Er schüttelt den Kopf. »Nein. Ich dachte bloß, vielleicht wäre es schön, einen Moment für uns zu haben.«

»Oh. Okay.«

»Ich weiß, dass die letzten Tage nicht leicht für dich waren. Und sicher ist es dir schwergefallen, Kai zurückzulassen.«

»Ja, das stimmt.«

»Fühlst du dich ansonsten hier wohl? Geht es dir gut?«

»Das kann ich dir nicht sagen«, erwidere ich ehrlich. »Ich weiß gerade gar nicht, was ich fühle.«

»Kann ich was für dich tun?« Die gleiche Frage hat mir Elena auch gestellt, nur mit ganz anderen Hintergedanken. An Xanders Schulter möchte ich mich garantiert nicht ausheulen. Sicher meint er das auch nicht so. Er will was Konkretes hören, um zu reparieren, was sich nicht reparieren lässt.

Natürlich könnte er mir meine Fragen beantworten, besonders eine: Wo steckt Callie? Aber nach dem Blick, den er mir heute früh zugeworfen hat, als es darum ging, wie gerne er neugierige Leute auf die Folter spannt, brauche ich gar nicht erst zu fragen. So könnte ich sogar noch schwerer an Informationen kommen. Ich schüttle den Kopf und halte den Mund.

»Dann ist es jetzt Zeit für uns.« Xander hält mir den Arm hin und ich hake ihn unter. Er ist warm, ich bin kalt. Sanft tätschelt seine Hand meine und gleichzeitig hält er mich mit seinem Arm ganz fest. Diese einfache Geste löst was bei mir aus. Ich verstehe mich gerade selbst nicht, bloß in seiner Nähe denke ich lieber nicht genauer darüber nach, sonst liest er noch meine Gedanken. Das muss ich mir für später aufheben.

»Wird schon schiefgehen, Shay«, sagt er. »Du gehörst zu uns. Du wirst sehen.«

Am Himmel leuchten die Sterne. Ihr Licht reicht aus, um den Weg und die Umgebung auszumachen. Die Häuser stehen unter Bäumen und wie ich schon bei der Ankunft gesehen habe, wachsen Pflanzen auf den Dächern. Aus der Nähe erkenne ich, dass es zumeist Kräuter und Salate sind, aber sie sind nicht in Reihen gepflanzt, sondern kreuz und quer. Damit die Häuser aus der Luft mit der Natur verschmelzen?

Die Hütten erwecken fast den Anschein von Baumhäusern, nur dass sie nicht auf, sondern unter den Bäumen stehen. Mit den begrünten Dächern haben sie auch was von Hobbithöhlen. Woher bekommen sie Strom und Wasser? Haben sie Telefonleitungen oder Satellitenempfang? Internet?

So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen und es fühlt sich alles so stimmig an. Mum hätte es hier gefallen. Dieser Gedanke drängt sich mir unwillkürlich auf. Mum hat es immer zur Natur, zu den Bäumen gezogen. Und das hier hat Xander aufgebaut.

Ich halte inne und Xander bleibt neben mir stehen, sieht mich erwartungsvoll an.

»Was ist zwischen dir und Mum schiefgelaufen?«

»Ich habe sie geliebt.« Er sagt die Wahrheit. »Und zum Teil tue ich es heute noch.« Eine tiefe Traurigkeit durchzieht seine Aura.

»Wie kam es, dass du damals schon ein Überlebender warst?«

»Es hat einen Unfall gegeben. In Deserton, in den USA. Hast du mal davon gehört?«

Ich schüttle den Kopf.

»Bevor CERN ins Leben gerufen wurde, hat es einen Standort in Texas gegeben, wo ein Teilchenbeschleuniger gebaut wurde. Offiziell wurde das Projekt vor der Fertigstellung abgebrochen. In Wirklichkeit gab es ihn schon, nur wurde das nach dem Unfall vertuscht. Andere sind gestorben, ich habe überlebt. Niemand hat begriffen, was mit mir dabei geschehen ist.«

»Wann war das?«

»1993. Das ist ewig her. Ich bin lange allein gewesen.«

»Offenbar gibt es doch überall Leute, die gerne mit dir zusammen sind.«

»Aber die sind nicht wie ich. Und du.« Ernst sieht er mich an. »Wir können viel voneinander lernen. Bestimmt hast du eine Menge schwieriger Fragen für mich und das ist auch okay. Nur eines solltest du wissen: Ich habe immer getan, was ich für richtig gehalten habe. Und selbst wenn sich die Dinge nicht immer wunschgemäß entwickelt haben, habe ich mir zumindest Mühe gegeben. Auch wenn deine Mutter oder Kai was anderes gesagt haben.«

Xander zieht mich am Arm und wir laufen weiter. Ich auch, sage ich leise zu mir selbst. Ich tue auch immer, was ich für richtig halte. Als ich geglaubt habe, Trägerin zu sein, habe ich Kai verlassen und mich der Royal Airforce ausgeliefert. Doch da lag ich falsch. Genauso, als ich Kai nicht glauben wollte, dass Xander ein Überlebender von vor der Epidemie war. Auch hätte ich Kai sagen sollen, dass Xander mein Vater ist. Wie kann ich andere verurteilen, wenn ich selbst ständig Fehler mache?

Wobei Xanders Fehler wohl noch ganz andere Konsequenzen haben. Meine schaden vor allem mir, seine haben Tausende, wenn nicht sogar Millionen von Menschen das Leben gekostet.

Vor uns liegt ein größeres Gebäude, auf das wir nun zugehen. Leises Stimmengewirr ist zu hören. Durch die verhangenen Fenster dringt schwaches Licht.

Xander hält mir die Tür auf und als ich hindurchtrete, folgt er mir und bleibt neben mir stehen. Der Saal ist voller Menschen, die auf Bänken an langen Tischen sitzen. Mit einem Mal verstummen die Gespräche und alle sehen uns an.

Könnte Callie hier sein?

Blitzschnell gehe ich die Reihen durch. Es sind Frauen, Männer und Kinder jeden Alters, darunter auch Elena und Beatriz. Doch niemand, der Callie ähnelt.

Noch immer sind alle Augen auf mich und Xander gerichtet, mir ist das zu viel. Und als würde Xander spüren, dass ich gleich einen Rückzieher machen will, nimmt er wieder meine Hand. Ich bin gefangen.

»Seid gegrüßt«, sagt Xander. »Es ist schon lange her, seit wir zusammengekommen sind, und es gibt viel zu bereden. Gleich essen wir gemeinsam, aber vorher möchte ich euch noch jemanden vorstellen.« Er hält inne, sieht mich an, lächelt, zögert den Moment hinaus. »Leute, das ist Shay, meine Tochter.«

Die Überraschung ist groß. Wundert mich, dass es sich nicht schon herumgesprochen hat. Doch Xander liebt theatralische Auftritte, das wissen seine Anhänger wohl auch und wollten ihm die Freude nicht verderben. Dann lächeln und nicken die Leute und murmeln: »Willkommen.«

Ich komme mir vor wie ein Idiot, möchte mich so schnell wie möglich verdrücken, doch neben Elena und Beatriz ist nichts mehr frei und alle sehen mich weiter erwartungsvoll an. Muss ich jetzt was sagen? Auf einmal habe ich einen ganz trockenen Mund. »Äh, hallo. Danke.«

Xander führt mich zu einem kleinen Tisch ganz vorne, der für sechs gedeckt ist. Cepta sitzt bereits dort mit drei anderen. Ob meinetwegen jemand seinen Platz räumen musste? Zwei Stühle sind noch frei, einer direkt neben Cepta, sicher für Xander. Doch der lässt sich auf dem anderen Stuhl nieder und bietet mir den Platz zwischen sich und Cepta an. Die verbirgt eilig ihre Enttäuschung.

Abermals lasse ich den Blick durch den Raum schweifen, falls ich Callie irgendwie übersehen habe. Heute Abend sind um die hundert Leute anwesend, womöglich ist das der dubiose innere Kreis, den Cepta erwähnt hat. Alle sind schön in Weiß und Schwarz gekleidet, außer Xander und Cepta, die beide blaue Tuniken tragen. Zwischen Männern, Frauen und Kindern gibt es keinen großen Unterschied. Wie ich und inzwischen auch Beatriz und Elena tragen alle eine Goldkette um den Hals. Und die einzigen Auren von Überlebenden sind die von Xander, Cepta, Elena, Beatriz und mir. Bis wir kamen, war Cepta also die einzige Überlebende hier. Ist sie deshalb die Präsidentin?

Cepta läutet eine kleine Glocke und im hinteren Bereich öffnet sich eine Tür. Essen und Getränke werden an die Tische gebracht. Die Servierkräfte tragen keine Einheitskluft, sie sind eigentlich ganz normal angezogen, jeder ein bisschen anders.

Eine Frau stellt mir einen Teller mit Bohnen-Pie und Gemüse hin. Wie Xander hat auch sie eine Tätowierung auf der Hand: I für immun. Nur ich weiß jetzt, dass Xanders Zeichen gefälscht ist. Als er sich nicht ansteckte, müssen alle vermutet haben, dass er immun ist. Keiner konnte ahnen, dass er ein Überlebender eines anderen Störfalls war.

Auch alle weiteren Bedienungen tragen das Mal, das sie als Immune markiert.

»Zum größten Teil sind wir Selbstversorger, den Rest bekommen wir von Kommunen wie unserer«, sagt Cepta. »Wir sind hier alle strikte Vegetarier. Ich hoffe, es macht dir nichts?«

Ich zucke die Achseln. »Andere Länder, andere Sitten.« Und da fällt mir auch wieder ein, dass es im Haus von Dr. 1 auf den Shetlandinseln ebenfalls nur vegetarische Lebensmittel gab. Nicht, dass Kai und ich geladene Gäste gewesen wären oder damals überhaupt ahnten, dass Kais Stiefvater Xander Dr. 1 ist. Weiß Xander inzwischen eigentlich, dass wir in seinem Haus gewesen sind?

»Isst du denn noch Fleisch?«, fragt Xander mich überrascht. Jetzt geht mir erst auf, dass wir auch bei ihm in Northumberland nie Fleisch hatten. Ich dachte einfach, es gäbe keins.

»Ähm, ja, wenn was da ist.«

Xander und Cepta tauschen Blicke. »Da wir als Überlebende die Aura und auch die Gefühle der Tiere so stark spüren, finden wir es … ekelerregend«, sagt Cepta.

»Wir sind hier ja Selbstversorger«, meint Xander. »Wenn wir also Tiere züchteten und töteten, würden wir auch ihren Tod mitempfinden.«

»Das verstehe ich natürlich«, entgegne ich. Darüber habe ich mir bislang noch keine Gedanken gemacht, doch jetzt habe ich gleich noch mal so viel Appetit auf den Bohnen-Pie. Bloß die meisten sind hier doch keine Überlebenden! Fairerweise muss ich sagen, dass das Essen gut und reichlich ist, auch wenn es vielleicht einen Tick fade schmeckt. Vorhin war mir noch gar nicht nach Essen, doch jetzt bin ich vollkommen ausgehungert.

Alles klar, da drüben?, ruft mir Elena still zu.

Glaube schon.

Habe mir vorhin Sorgen um dich gemacht, Shay. Aber du siehst toll aus!

Du spinnst.

Überzeug dich selbst. Elena zeigt mir, wie sie mich sieht. Meine Haut strahlt regelrecht. Habe ich es etwas übertrieben? Durch Elenas Augen kann ich auch Cepta anschauen, ohne dass sie es merkt. Sie sieht umwerfend aus. Ehrlich gesagt, sieht sie aus wie Mum zu der Zeit, als sie mit Xander zusammen war, jedenfalls den alten Fotos nach zu urteilen. Hat Xander einen bestimmten Typ? Schlank, langes dunkles Haar, zwanzig oder dreißig Jahre jünger als er selbst?

Ihr traue ich nicht so ganz, sagt Elena.

»Shay?« Ich drehe mich zu Cepta um. Erwartungsvoll sieht sie mich an, in ihrer Aura nehme ich Belustigung wahr. Hat sie was zu mir gesagt?

»Wie bitte?«

»Es ist Zeit.« Cepta nickt und läutet die kleine Glocke, woraufhin sich alle erheben. Die Hintertür geht auf und die Servierkräfte kommen, räumen die Tische ab und tragen sie dann raus. Die Bänke werden an die Wand geschoben. Als sich die Leute in kleinen Grüppchen im Raum verteilen, ergreife ich die Chance und rette mich zu Beatriz und Elena. Überall machen mir die Leute Platz, sehen mich neugierig an.

»Hey, wie geht’s dir?«, frage ich Beatriz.

»Weiß nicht. Warum haben wir nicht bei dir gesessen?« Die Leute an unserem Tisch waren langweilig, fügt sie stumm hinzu.

Tut mir leid. Die Tischordnung hat Xander wohl bestimmt.

Ich habe versucht, mit den Leuten zu reden, die das Essen gebracht haben. Nur haben die nicht geantwortet.

Seltsam.

Allmählich nehmen alle wieder auf den Bänken Platz. Ich greife Beatriz bei der Hand. Jetzt sitze ich aber bei dir.

Niemand hat was dagegen.

Cepta bleibt lächelnd in der Mitte des Raumes, während wir Platz nehmen. »Willkommen alle zusammen. Und willkommen zurück, Xander!« Ihr Lächeln wird noch breiter, als sie ihn anschaut. »Und ich begrüße auch unsere neuen Mitglieder Beatriz und Elena. Und Xanders Tochter Shay.« Cepta deutet zu uns. »Heute will ich euch nicht lange aufhalten, denn wir brennen alle darauf, von Xander zu hören.« Cepta setzt sich und Xander tritt in die Mitte.

Im Raum herrscht erwartungsvolle Spannung. Ceptas Wangen glühen und sie sieht ihn an, als würde allein seine Gegenwart sie beglücken.

Doch Xander sagt kein Wort. Stattdessen schließt er die Augen und streckt sich zu jedem Überlebenden im Raum aus. Und uns Neuen zeigt er, was wir machen sollen. Erst sollen wir unsere Aufmerksamkeit nach innen lenken und dann nach außen, als würden wir uns gleichzeitig nach innen und außen strecken. Anfangs nur untereinander, bis wir vollkommen im Einklang miteinander sind. Dann strecken wir uns auch zu den anderen im Raum aus.

Mit dem gemeinsamen Atmen geht es los: einatmen, ausatmen, langsamer und langsamer, bis alle gleich atmen. Danach schlagen auch unsere Herzen im Takt, die Kammern ziehen sich zusammen und dehnen sich aus, als wären sie alle vom selben elektrischen Impuls gesteuert. Am Ende sind wir so verbunden, als wären wir eins.

Ich bin wie im Glücksrausch und will mich schon bedingungslos hingeben, doch das geht nicht. Niemand darf wissen, warum ich wirklich hier bin. Ich errichte Mauern und verberge einen Teil meiner selbst dahinter. Und so verbunden, wie ich mit allen bin, weiß ich auch, dass es noch zwei weitere Menschen gibt, die etwas verbergen: Xander und Cepta.

Wir atmen, unsere Herzen schlagen, und obwohl ich wachsam bleibe, ist dieser tiefe Frieden, den ich so noch nie empfunden habe, Balsam für meine geschundene Seele.

Und wir machen bei uns, bei den Menschen um uns herum, nicht halt. Wir strecken uns weiter aus, zu den Bäumen, den Häusern und ihren begrünten Dächern, den Wesen im Wald, Vögeln, Insekten. Zu Chamberlain. Weiter zu den Feldern und Gärten, den Hühnern, die für uns die Eier legen, und den Kühen, die uns mit Milch, Butter und Käse versorgen.

Jetzt verstehe ich auch, warum die Leute hier kein Fleisch mögen, auch wenn sie nicht alle Überlebende sind. Wenn man die Seele des Kalbs und seiner Mutter kennt, kann man es schlecht zum Abendessen verspeisen.

Dieses Gefühl von Frieden und Verbundenheit mit den Menschen, mit der Natur und ihren Reichtümern, ist so schön, dass ich weinen möchte.

Alle sind ergriffen von diesem Wunder, nicht nur wir drei Neuankömmlinge. So intensiv war die Erfahrung bislang noch nie, das spüre ich. Durch uns ist es gelungen, noch mehr von der Umgebung einzubeziehen.

Irgendwann lösen sich dann die Ersten, einer nach dem anderen verlassen sie die Verbindung, ziehen sich für die Nacht zurück, dennoch bleibt das Gemeinschaftsgefühl. Xander, Cepta, Elena, Beatriz und ich bleiben bis zum Schluss, um das Band zu erhalten. Gemeinsam stehen wir da, kehren allmählich ins Hier und Jetzt zurück, öffnen die Augen. Elenas Gesicht ist tränennass.

Es war, wie du vorhergesagt hast, Xander. Ceptas Augen leuchten. Wir konnten uns länger und weiter ausstrecken.

Ja, stell dir bloß mal vor, wir wären noch mehr.

Könnten wir uns dann mit anderen Kommunen verbinden?, fragt Cepta. Könnten wir uns so weit ausstrecken?

Wir können es versuchen. Und dann? Unser gesamter Planet wäre vereint. Und darüber hinaus, bis zu den Sternen. Aber jetzt müssen wir schlafen.

Kaum hat er das gesagt, spüre ich die Müdigkeit. Uns so weit und so lange auszustrecken, hat uns erschöpft.

Wir schwärmen in die Nacht hinaus. Xander ist der Letzte. Der Mond ist über den Himmel gewandert. Ohne dass ich es bemerkt habe, haben wir Stunden da drinnen verbracht.

Xander berührt mich an der Schulter. Nun verstehst du es endlich, flüstert er mir zu. Du bist jetzt eine von uns, wirst es immer bleiben.

Als ich wieder allein in meinem Zimmer bin, versuche ich, das Gefühl, diesen Gemütszustand festzuhalten. Auch nachdem wir alle getrennt sind, wirkt es nach. Sowohl die Freude als auch die Erschöpfung spüre ich bis auf die Knochen, als hätte man mir Drogen verabreicht. Ich muss mich regelrecht zwingen, einen Schutzschild um mich zu errichten, damit ich in Ruhe über den Abend nachdenken kann. Wie gerne hätte ich mich mit allen vorbehaltlos verbunden. Richtig gesehnt habe ich mich danach.

Beatriz war so glücklich, sie hat regelrecht gestrahlt. Zum ersten Mal habe ich sie von ganzem Herzen lächeln sehen.

Doch ich war nicht die Einzige, die einen Teil von sich zurückgehalten hat, Cepta und Xander haben auch nicht alles preisgegeben. Anscheinend haben auch sie Geheimnisse, die sie nicht teilen wollen. Was könnte das nur sein? Xander wird sich das Gleiche fragen, denn was ich über ihn weiß, weiß er auch über mich.

Als wir vorhin gemeinsam ein Stück gegangen sind und er mir erzählt hat, wie sehr er an Mum gehangen hat, habe ich mich ihm nah gefühlt.

Ich muss ihn dazu bringen, mir zu vertrauen, aber es darf nicht so weit gehen, dass ich es am Ende noch selbst glaube.

So tun als ob, darum geht es. Ich darf Xander nicht vertrauen, dafür steht zu viel auf dem Spiel.

Ich muss mir immer wieder vor Augen führen, wer oder was er ist, und noch mehr über ihn rausbekommen. So viele Menschen sind seinetwegen an der Epidemie gestorben, darunter auch Mum. Vielleicht war es keine Absicht, vielleicht wollte er tatsächlich was Gutes tun und es ist ein schrecklicher Fehler passiert, nur ist das schwer nachzuvollziehen. Und dann ist da auch noch Callie. Alles, was Xander sagt oder nicht sagt, deutet darauf hin, dass er zumindest weiß, wo sie ist. Und wenn das stimmt, dann hat er Bruder und Mutter das Kind geraubt, lange bevor alles andere aus dem Ruder lief. Das werden sie ihm nie verzeihen.

Xander hat gesagt, wir sollten uns bloß mal vorstellen, wie es wäre, wenn es noch mehr von uns gäbe. Aber zu welchem Preis? Nur wenige überleben die Krankheit und werden wie wir. Um weitere Überlebende hervorzubringen, müssten sich immer wieder Leute anstecken. Und die Epidemie müsste sich massiv ausbreiten, damit sich Überlebende rund um den Globus vereinen könnten.

Unfassbar viele Menschen müssten sterben, nur damit ein paar wenige so leben könnten wie wir.

Ich warte im Haus, das versteckt hinterm Hügel liegt. Cepta hat mich gestern hierher gebracht. Ich solle das Haus nicht verlassen, hat sie gesagt. Und sie würde später kommen und nach mir sehen.

Irgendwann habe ich mich so gelangweilt, dass ich doch nach draußen wollte, aber ich habe die Tür nicht gefunden. Sie war nicht da, wo sie sonst ist, was mich total verwirrt hat.

Was soll ich nur hier? Sonst schlafe ich in meinem eigenen Zimmer in einem kleinen Haus in der Nähe von Ceptas, etwas außerhalb der Kommune. Es ist nicht so weit entfernt wie die Lager der Bediensteten und Feldarbeiter, die tiefer im Wald liegen, dennoch ist es nicht Teil der Kommune. Ich gehöre nirgendwo richtig dazu.

Dass man mich hier versteckt, muss was mit den Besuchern zu tun haben, die gekommen sind, während ich geschlafen habe.

Lara? Ich komme. Ceptas Worte schrecken mich auf. Und Xander ist auch da. Er will mit dir reden. In ein paar Minuten sind wir bei dir.

Xander will mich sehen? Seinetwegen hat man mich bestimmt nicht woanders hingebracht. Wenn er sonst kam, musste ich ja auch nicht umziehen.

Mein Herz schlägt immer schneller, dann spüre ich Ceptas sanfte Berührung und es beruhigt sich wieder.

Die Tür kommt wieder zum Vorschein. Soll ich abhauen? Die Zeit reicht nicht, sie treten schon ein.

Xander lächelt. Auch wenn er immer sehr nett zu mir ist, hat er was an sich, das in mir den Wunsch weckt wegzulaufen.

»Wie geht es dir?«, fragt er.

»Gut.«

Er schaut Cepta an und so wie sie seinen Blick erwidert, scheinen sie stumm miteinander zu kommunizieren. Ihre Lippen zucken, offenbar passt ihr was nicht. Dann geht sie.

Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss und mir springt fast das Herz aus der Brust. Diesmal beruhigt mich Cepta nicht.

»Alles gut, Lara. Ich will bloß mit dir reden.« Xander setzt sich. »Hast du immer noch Albträume?«

Als er meine Träume erwähnt, erinnere ich mich sofort wieder: Angst und Schmerz stürmen auf mich ein. Mir weicht alles Blut aus dem Kopf und ich nickte.

Xander bedeutet mir, mich neben ihn auf das niedrige Sofa zu setzen. Zwischen uns ist eine Lücke und er macht keine Anstalten, sie zu füllen, aber ich spüre, dass er enttäuscht ist, dass ich mich nicht näher zu ihm gesetzt habe.

»Wie verstehst du dich mit Cepta?«

Überrascht sehe ich ihn an, meine Augen wandern zur Tür und zurück.

Er lächelt. »Schon gut. Sie hört uns nicht.«

Ich bin baff. Sie lauscht doch immer. Nicht an Türen, so offensichtlich nicht, das braucht sie gar nicht.

Aber in diesem Moment spüre ich, dass Ceptas sanfte Berührung meines Geistes, die eigentlich immer stattfindet und die ich schon gar nicht mehr bemerke, plötzlich verschwunden ist. »Du meinst, ich kann denken, was ich will? Sagen, was ich will?«

»Natürlich.« Und er meint es so, das spüre ich. Nicht so wie Cepta, die einem zwar Fragen stellt, aber so, dass man weiß, was sie hören will, auch wenn es nicht die Wahrheit ist.

»Wir kommen ganz gut klar.«

»Aber?«

»Ich … ich weiß auch nicht. Meistens fühle ich mich seltsam.«

»Wie meinst du das?«

»Ich fühle mich okay, nur das bin nicht wirklich ich, die so fühlt. Als würde ich schlafwandeln.«

Xander nickt nachdenklich. »Vielleicht ist es an der Zeit, mal etwas Neues zu probieren. Hast du die Verbindung gestern Abend gespürt?«

Ich schüttle den Kopf, schweige. Wenn ich Dinge nicht spüre, die ich spüren sollte, weiß ich nie, was ich dazu sagen soll.

»Darf ich?« Ich weiß genau, was er will, nur bin ich überrascht. Cepta fragt nie. Und wenn ich nun Nein sage? Aber das will ich gar nicht.

Ich nicke und spüre Xanders Berührung im Geist. Anders als bei Cepta fühlt es sich tiefer, dunkler, voller an.

Das will ich doch schwer hoffen, denkt er belustigt. Behutsam stöbert er durch meine Erinnerungen der vergangenen Wochen und Monate seit seinem letzten Besuch. Lange dauert es nicht, hier passiert ja auch nichts.

Du bist traurig, dass ich so denke. Wieder bin ich überrascht.

Ich möchte, dass es dir besser geht. Ich möchte, dass du glücklich bist.

Bin ich denn unglücklich? Seltsam. Was heißt das, glücklich sein?

Und nun ist er noch trauriger. Er zieht sich zurück.

»Magst du mit mir üben?«

»Okay.«

Wir setzen uns auf den Boden. Schließen die Augen. Atmen, konzentrieren uns darauf, die Lungen langsam mit Luft zu füllen, die Luft langsam wieder auszustoßen. Wieder und wieder. Sein Geist ist irgendwo da, aber er berührt mich nicht, woher weiß ich also, dass er da ist?

Ich lasse die Gedanken ziehen. Atme.

Xander bleibt eine ganze Weile. Ich bin fast in einer Art Trance, so entspannt, dass ich vergesse, dass ich ja nichts denken soll. Bin ich jetzt glücklich?, frage ich ihn. Dann entschuldige ich mich, weil ich die Konzentration durchbrochen habe.

Keine Sorge, sagt er. Das wird schon.

Doch er ist nicht glücklich. Er ist traurig.

»Xander und Cepta lassen sich entschuldigen, die müssen sich noch um ein paar Dinge kümmern. Heute Nachmittag sind sie wieder da.« Die Frau in der Tür lächelt schüchtern. Ich weiß, dass sie Persephone heißt und gerne Persey genannt werden möchte. Auf Anfang 20 schätze ich sie. Nachdem wir uns gestern mit allen in der Kommune verbunden haben, habe ich das Gefühl, die Leute zu kennen. Wenn ich in Perseys offenes Gesicht schaue, fallen mir gleich eine Menge Details ein, nicht langweiliges Zeug wie Schuhgröße oder Schulnoten, sondern Interessanteres. Sie ist Botanikerin und Dichterin. Sie singt den Pflanzen im Gewächshaus Gedichte vor, damit sie besser wachsen.

»Die beiden haben vorgeschlagen, dass ich euch heute Morgen ein wenig herumführe. Habt ihr Lust?«, fragt Persey. Und nach einem kurzen stummen Wortwechsel mit Beatriz und Elena stimme ich zu.

Schon bald marschieren wir hinter Persey her, Chamberlain im Schlepptau. Persey zeigt uns den kleinen Bauernhof, die Häuser der Kommune. Die Solarmodule und die Wasserräder, die uns mit Strom versorgen. Dann deutet sie zum Eingang des Forschungslabors und der Tagungsräume, die offenbar zum großen Teil unter der Erde liegen. Sie fügt hinzu, dass Xander uns das später selbst zeigen möchte.

Und schließlich bringt sie uns zur Bibliothek.

Ein wirklich unglaublicher Ort und alles bloß für gerade mal hundert Leute? Die Regale quellen nur so über von Büchern, vor allem Sachbüchern, zu jedem erdenklichen Thema, und dann gibt es auch noch Tische und Computer. Beatriz stöbert durch die Regale und Elena setzt sich gleich an einen der Computer. Beide wollen hierbleiben, doch ich bin rastlos, würde mich gerne auf eigene Faust umschauen. Mich treibt es nach draußen, Persey folgt mir. Darf ich mich hier nicht frei bewegen? Würde Persey mich allein lassen, wenn ich sie darum bäte? Wobei mir das auch Gelegenheit gibt, ein paar Dinge in Erfahrung zu bringen. Ich lasse mir den Frust nicht anmerken und lächle.

»Lebst du schon lange hier?«, frage ich sie.

»Seit fast zwei Jahren.«

»Also schon bevor es mit der Epidemie losging.«

»Ja.«

Der Schrecken der Epidemie scheint so weit entfernt von diesem Ort, als steckte dieser Teil Schottlands in einer Schutzblase.

»Wer sind denn die anderen, die uns gestern Abend das Essen gebracht haben und dann verschwunden sind?«

»Manche sind Freunde, die sich uns gerne anschließen würden. Aber die meisten sind Immune, die geflohen sind und Hilfe brauchten. Flüchtende. Dafür sind wir ja eigentlich nicht da, nur konnten wir sie auch nicht abweisen. Manche machen ja vielleicht bei uns mit, wenn sie geeignet sind.«

»Was meinst du damit?«

»Na, du weißt schon, wie gestern Abend, als die Kommune sich vereint hat. Dafür.«

»Kann das nicht jeder?«

»Dafür braucht man ein gewisses Maß an Achtsamkeit, das nicht jeder erreicht. Außerdem müssen sie von Cepta und der Gruppe aufgenommen werden.«

»Wer wird denn aufgenommen und wer nicht?«

»Wir müssen sichergehen, dass sie nicht krank sind. Dass sie die Gruppe nicht verderben.«

»Wie krank?«

»Na, dass ihr Geist nicht verdorben ist.«

»Meinst du geisteskrank?«

»Das ist nicht das Gleiche. Manchmal ist eine Geisteskrankheit ein Hinderungsgrund, manchmal auch nicht. Das hängt ganz von der Seele ab. Manche können durch die Verbindung auch geheilt werden. Andere wiederum, die gemeinhin als gesund gelten, würden unsere Einheit stören. Und auch nicht jeder ist imstande, sich zu verbinden, also sich der Gruppe hinzugeben. Wenn man sich mit den anderen vereint, gibt man ein Stück weit auch sich selbst auf, das gefällt nicht jedem.« Dass jemand ihr Leben ablehnen könnte, versteht Persey einfach nicht, das lese ich in ihrer Aura.

»Aber was ist mit mir? Und mit Beatriz und Elena? Hat sich die Gruppe auch für uns ausgesprochen?«

»Natürlich. Ihr seid mit Xander gekommen.«

»Also entweder Cepta und die gesamte Gruppe oder Xander allein entscheidet?«

»Ja. Wobei wir Xanders Entscheidung immer unterstützen würden, also ist es quasi das Gleiche.«

»Und die Leute, die uns gestern Abend das Essen gebracht haben, warum haben die nichts gesagt?«

»Weil sie nicht zur Kommune gehören.«

»Da dürfen die nicht mit uns sprechen?«

»Nein.«

»Und sich mit uns verbinden dürfen sie auch nicht, obwohl wir Tiere, Vögel, Insekten und selbst Gras und Bäume aufnehmen?«

»Nein, das dürfen sie nicht. Das wäre nicht richtig.«

Auch wenn ich das eigenartig finde, lasse ich es auf sich beruhen. »Bist du immun?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ist die Kommune nicht von der Krankheit befallen worden?«

»Nein, wir sind verschont geblieben.«

»Außer Cepta und Xander«, hake ich nach. »Die sind doch Überlebende.«

»Bei Ausbruch der Krankheit hat sich Cepta auf einer Fahrt nach Edinburgh angesteckt. Sie blieb dort, bis sie wieder gesund war, und kam dann zurück.«