Ella Fuchs und das Rätsel des fahrenden Inseltheaters - Antonia Michaelis - E-Book

Ella Fuchs und das Rätsel des fahrenden Inseltheaters E-Book

Antonia Michaelis

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Beschreibung

Tolle Ferien! Neues von Antonia Michaelis' Abenteuerstrand. Als Ella in den Ferien erneut nach Usedom fährt, hofft sie inständig, wieder so ein tolles Abenteuer zu erleben wie im letzten Jahr. Und tatsächlich muss sie nicht lange warten. Nummer Sieben, der nette Junge von den Blauen Reitern, hat sich schon wieder in Schwierigkeiten gebracht und muss dringend in Sicherheit gebracht werden. Ella schmuggelt ihn auf ein Kreuzfahrtschiff. Doch dort schnüffelt eine seltsame Theatertruppe umher. Ist Nummer Sieben hier wirklich sicher? Das zweite Ostsee-Abenteuer von Ella Fuchs, ein fantasievoller und spannender Kinderkrimi.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 292




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Für die Familie, die Ella im Auto mitgenommen hat. Sie hat eine sehr schöne Kammer mit Regenbogenbeleuchtung, wo Ella sicher gerne mal jemanden verstecken würde.

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1. Akt, 1. Aufzug: In der Schlafkammer des Feuermädchens

Die meisten Menschen glauben, ich hieße Ella Fuchs und wäre zehn Jahre alt.

Nur diesen windumtosten Seiten vertraue ich die Wahrheit an: Mein gemeiner geheimer Name lautet Elara, und ich bin ein Feuermädchen, halb aus Feuer und halb aus Fleisch und Blut. Ich bin hundtause eine Milliarde Jahre alt, und ich werde so lange leben, bis ich aufgelöst abgelöst erlöst werde. Dazu muss ein Feuermädchen eine gute Tat tun. Dann wird es zu einem Menschen. Dann kann es lieben, und dann kann es sterben. Und das will ich, denn: Es ist ganz schön langweilig, eine Milliarde Jahre zu leben.

Aber die schwarzen Ritter, die mich in diesem Sommer bewachen, Papobert und Buchenstockobert, werden versuchen, jede gute Tat zu vereitern vereiteln, weil sie gute Taten von Beruf aus nicht mög

»Ella? Abendessen!«

Ella seufzte und legte ihren grünen Tischlerbleistift hin. Seit sie ein Feuermädchen war, trug der Stift geheimnisvolle Schnörkel, die sie mit dem Küchenmesser hineingeschnitzt hatte. Ella fand, er sah aus wie ein langer grüner Drache.

Sie lief die Holztreppe hinunter in die Küche, aber in der Küche war niemand.

Das Haus, in dem die Küche sich befand, war hübsch und alt. Es gehörte Heinz und Marianne Buchenstock, Freunden von Ellas Eltern. Vor allem stand es auf der Insel Usedom, also quasi im Nichts, und man konnte durchaus das eine oder andere Abenteuer dort erleben. Ella hatte das im letzten Sommer ausprobiert.

Draußen im Garten flackerte ein Lagerfeuer.

»Dort sitzen die beiden schwarzen Ritter und schmieden ihre bösen Pläne …«, murmelte Ella, während sie über die Wiese auf das Feuer zuging.

Aber die beiden Ritter sahen recht harmlos aus. Sie trugen Strickpullover und hatten Würstchen auf Stöcke gesteckt, um sie zu grillen. Die Würstchen waren alle schwarz.

»Männer«, sagte Ella. »Tz, tz.«

»Du hörst dich schon an wie Mama«, sagte Papa. »Die erwachsenen Frauen haben wir doch dieses Mal alleine in den Urlaub geschickt, damit niemand sich über unsere Würstchen beschwert!«

Herr Buchenstock sah auf die Uhr. »Ihr Flugzeug müsste ungefähr jetzt auf Santorin landen.«

Papa nickte. »Da können Mama und Marianne Buchenstock im Sonnenuntergang Cocktails trinken und bummeln. Das ist die beste Sorte Urlaub für Frauen. Und wir erleben hier die richtigen Sachen.«

»Oh, Fuchsmädchen wieder da, schön!«, sagte Herr Minke, der gerade hinter Ella auftauchte. Er schüttelte Ella und ihrem Vater und auch Herrn Buchenstock ausführlich die Hände. Herr Minke war ein bisschen anders als andere Menschen. Er war klein und quadratisch, hatte ein flaches Gesicht und war manchmal nicht so schnell in dem, was er sagte oder tat. Ella mochte ihn sehr.

Sie fischte eine Kartoffel aus der Glut und begann, die Alufolie abzupulen. Innen wartete ein schwarzer Klumpen. »Wenn ihr beide letztes Jahr bei der Zirkusreise dabei gewesen wärt, wären wir alle verhungert«, murmelte sie.

»Ich hatte das so in Erinnerung, dass ihr hauptsächlich von Toastbrot und Schokolade gelebt habt?«, fragte Herr Buchenstock.

»Haben wir nicht«, sagte jemand, und Ella fuhr herum. Da stand Jonas und grinste von einem Ohr zum anderen und zurück: Jonas Studier, der neben den Buchenstocks wohnte. Ella hatte ihn im letzten Jahr gerettet, wozu es notwendig gewesen war, einen geheimen Zirkus zu gründen und ziemlich viele gefährliche Sachen zu erleben. Die Rettung hatte darin bestanden, Geld für seine kranke Mutter zu verdienen, und leider war es zwischendurch ein bisschen schiefgegangen …

Neben Jonas stand Tiger, der zum Glück kein Tiger war, sondern ein großer schwarzer Hund. »Wir haben nicht nur von Toastbrot und Schokolade gelebt«, sagte Jonas mit einem Grinsen. »Sondern manchmal auch von Regen. Und von Haferflocken ohne Milch.«

»Hallo, Jonas«, sagte Herr Minke und schüttelte Jonas’ Hand und danach Tigers Pfote. Händeschütteln war Herrn Minkes Lieblingsbeschäftigung.

»Hallo«, sagte Ella und stand auf. Sie hatte Jonas ein ganzes Jahr lang nicht gesehen. Er war gewachsen, genau wie sie, aber er war schneller gewachsen, was sie ungerecht fand, und nun war er größer als sie.

»War schon ziemlich cool, das Ganze«, sagte Jonas. »Am Ende, im Lager von den Blauen Reitern, das war echt gefährlich …«

»Wenn Herr Minke uns nicht geholt hätte, hätte es schrecklich geendet«, sagte Papa mit einem Schaudern.

»Herr Minke war ein Held«, sagte Herr Buchenstock.

»Ich war ein Held«, sagte Herr Minke und schüttelte sich selbst die Hand.

»Ich dachte … Ella … wenn du wiederkommst«, sagte Jonas, »dann läuft vielleicht wieder was.«

Tiger drückte sich an Ellas Bein und wollte gestreichelt werden, und plötzlich fühlte Ella das Glück in sich überkochen wie Nudelwasser. Jonas und Tiger hatten auf sie gewartet. Es würde ein neues Abenteuer geben.

»Moooment. Dieses Jahr haut niemand mit einem alten Zirkuswagen ab«, sagte Papa sehr bestimmt. »Versprecht mir, dass das nicht passiert.«

»Ich verspreche«, sagte Ella, »dass wir dieses Jahr nicht mit einem alten Zirkuswagen abhauen.«

Sie wählte ihre Worte mit Bedacht.

 

Als Ella am nächsten Morgen aufwachte, war noch gar nicht Morgen.

Vor dem Fenster war alles stockdunkel, und die Uhr auf ihrem Nachttisch zeigte zehn Minuten nach vier, aber sie konnte nicht mehr einschlafen. Schließlich stand sie leise auf, öffnete das Fenster und ließ die frische, feuchte Morgenluft herein. Unten strich der Wind durchs Sommergras … und dort stand jemand. Auf dem Feld. Eine Gestalt, die in Ellas Richtung blickte. Es war nicht Jonas, dazu war die Gestalt zu groß; sie war sicher so groß wie Papa. Es war aber auch nicht Papa. Oder Herr Buchenstock. Dafür war die Gestalt zu dünn und schlaksig.

Und jetzt kam sie direkt auf das Haus der Buchenstocks zu. Ella schnappte sich den grünen Drachenbleistift und schlug blitzschnell das Heft mit den »Aufzeichnungen des letzten Feuermädchens« auf.

Vielleicht sind dies die letzten Wörter, die ich schreiben kann, ehe ich entführt werde. Er kommt! Der böse Schattengraf kommt! Ich sehe ihn unten über das Feld gehen reiten. Er will meine Feuerwehr Feuermacht für seine Zwetschgen Zwecke nutzen. Er will, dass ich für ihn die Städte und Dörfer verkohle und die Leute in Angst und Schrecken zersetze. Und dass ich den rechtmäßigen König des Landes abfackle, damit er sich auf seinen Thron draufsetzen kann. Wenn ich mich weigere, wird mich der böse Schaffengrat Schattengraf in ein Verlies schmeißen, bestimmt.

»Hey!«

Die Gestalt stand jetzt unter Ellas Fenster; sie hatte leise gerufen, verhalten, wohl, damit niemand außer Ella sie hörte. Ella ließ Heft und Drachenbleistift fallen. Ihr Herz hämmerte laut.

»Ella?«, fragte er. Sie kannte die Stimme. Aber im Moment kam sie nicht darauf, woher.

Sie schloss die Augen, und plötzlich sah sie alle Abenteuer des letzten Sommers wieder vor sich wie einen Film im Zeitraffer: den rollenden Zirkuswagen, Herta Albertas geheimnisvolle Schachtel … und die Blauen Reiter, die sie verfolgt hatten. Leider waren die Blauen Reiter keine Märchengestalten gewesen, sondern eine Bande ganz realer Autodiebe. Ihr Anführer war nicht nett gewesen und vor allem meist nicht nüchtern. Er hätte Ella zusammengeschlagen, wenn nicht im letzten Moment jemand dazwischengegangen wäre: der Jüngste der Blauen Reiter. Nummer sieben von sieben. Er war achtzehn oder neunzehn.

Am Ende hatte der Anführer der Blauen Reiter Nummer sieben zu Boden geschlagen. Ella erinnerte sich nicht gerne daran. Später hatte sie Nummer sieben geholfen abzuhauen. Die Polizei hatte nur sechs Blaue Reiter eingesperrt. Sie hatte ihnen gesagt, es habe nie einen siebten gegeben.

»Ella? Bist du das?«

Ella öffnete die Augen. Und jetzt wusste sie, wem die Stimme dort unten gehörte.

»Ja!«, rief Ella leise. »Ich glaube schon!«

»Dachte ich es mir doch«, hörte sie ihn murmeln. »Wenn da oben eine Kerze brennt statt richtiges Licht … dann ist Ella Fuchs wieder da.«

»Nummer sieben?«, fragte Ella. »Was tust du hier, mitten in der Nacht? Die anderen schlafen alle.«

Nummer sieben sah sich um, so wie sich jemand umsieht, der Angst vor etwas hat.

»Kann ich einen Moment raufkommen?«

Ella nickte. Dann zog sie rasch das Bett ab, knotete Betttuch und Bezug zusammen und befestigte ein Ende des Betttuchs am Fenster.

»Ich soll … da dran hochklettern?«, fragte Nummer sieben. »Kann ich nicht die Haustür nehmen?«

Ella schüttelte den Kopf. »Die Haustür ist zu gefährlich. Irgendwelche schwarzen Ritter könnten aufwachen. Sie bewachen mich. Wegen der magischen Flammen in mir.«

»Magische Flammen«, murmelte Nummer sieben. »Alles klar.«

Sekunden später zog er sich mit einem Klimmzug übers Fensterbrett und stand vor Ella. Sie musste zu ihm aufblicken. Sie hatte ihn nicht ganz so groß in Erinnerung. Aber ehe sie verlegen werden konnte, ließ er sich auf die Bettkante fallen und stützte den Kopf in die Hände.

»Scheiße«, sagte er leise. Dann eine ganze Zeit lang nichts. Und dann:

»Ella Fuchs … kannst du mich verstecken?«

»Bitte?« In Ella zersprang ein Feuerwerk an Glück. Das hier war noch besser, als sie gehofft hatte. »Klar«, sagte sie. »Verstecken. Kein Problem. Was … ist passiert?«

»Ich hab Mist gebaut.«

»Das … dachte ich mir«, sagte Ella und setzte sich vorsichtig neben ihn. Nummer sieben wischte sich mit dem Ärmel etwas Dunkles aus dem Gesicht, und erst jetzt sah Ella, dass er ziemlich dreckig war. Sie knipste die Nachttischlampe an. Nummer sieben sah schlimm aus.

Blätter und kleine Äste hingen in seinen Haaren, als hätte er sich durch dichtes Gestrüpp gekämpft, und das Dunkle in seinem Gesicht war eine ungute Mischung aus Erde, etwas wie Wagenschmiere oder Maschinenöl … und Blut. »Das ist nichts«, sagte er und drehte sich vom Licht weg. »Nur Nasenbluten.«

»Bist du … in eine Schlägerei geraten?«, fragte Ella zaghaft. »Der … Räuberhauptmann … die Blauen Reiter … sind die etwa wieder … aus dem Gefängnis raus und haben …?«

Nummer sieben schüttelte den Kopf. »Die sitzen noch. Nein. Keine Schlägerei: Ich …« Er hieb mit der Faust auf die Bettkante. »Ella Fuchs? Ich bin ein Idiot. Ich … ich hatte Arbeit. ’ne Lehrstelle. Als Automechaniker. War wirklich Glück, da ’ne Lehrstelle zu kriegen. Der Chef ist zwar ein bisschen jähzornig, aber das ist vielleicht bei allen Chefs so. Ich habe … ich habe sein Auto geliehen. Gestern Abend.«

»Und?«

»Und er weiß nichts davon. Es ist ein … es war ein … ziemlich neues Auto. Ich bin vorsichtig gefahren, wirklich, ich hab auch nichts getrunken, keinen Schluck. Disco in Zinnowitz, ich … ich wollte jemanden beeindrucken mit der Karre. Ein Mädchen, das ich kenne.«

Ella spürte einen Stich von Eifersucht. Nummer sieben hatte gefälligst in sie verliebt zu sein, wenn überhaupt. Na ja. Andererseits kam es wohl eher selten vor, dass sich neunzehnjährige Jungen in zehnjährige Mädchen verliebten. Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, ihn beispielsweise zu küssen. Igitt. Jedenfalls nicht mit Nasenbluten.

»Und dann kommt mein Kumpel an und will, dass ich diesen Umschlag für ihn abgebe … hab ’ne Weile gewartet auf den Typen, der den Umschlag abholen sollte … da wurde die Sache noch mal später. Aber der Chef hätte nichts gemerkt, ich hätte das Auto zurückgestellt, den Ersatzschlüssel in die Werkstatt gebracht … und dann taucht da dieses Vieh auf der Straße auf. Ein Wildschwein. Tja …« Er lachte, zuckte hilflos die Schultern. »Ich hab’s erlegt.«

»Du … hast es totgefahren?«

»Es ist mir ins Auto gelaufen! Ich hab gebremst, natürlich, und der Wagen ist geschleudert, und das war’s. Scheibe gesplittert, Tür eingedellt, Kotflügel auch … das Ding ist Vollschrott. Der Airbag wurde ausgelöst, davon das Nasenbluten. Ich hab’s gerade so geschafft rauszukommen … bin dann quer durch den Wald weg … Scheiße, die Lehrstelle bin ich los … und wenn die rausfinden, dass ich das war … das Auto zahl ich ab bis an mein Lebensende! Und wenn du so was angestellt hast, dann gibt dir keiner mehr ’nen Job …« Er stützte den Kopf in die Hände, und Ella merkte, dass seine Schultern zuckten.

Nummer sieben heulte. Er saß auf Ellas Bettkante und heulte wie ein kleines Kind.

Sie legte vorsichtig eine Hand auf seine Schulter. »Sch, sch«, flüsterte sie. »Alles kommt in Ordnung. Ich sorge dafür, dass sie dich nicht finden. Die Polizei nicht und dein Chef nicht und niemand. Ich muss sowieso eine gute Tat tun, weil ich diesen Sommer ein Feuermädchen bin.«

Nummer sieben wischte sich Dreck, Blut und Tränen aus dem Gesicht und grinste schief. »Ein … Feuermädchen?«

Ella nickte. »Das erkläre ich dir ein andermal. Du kannst hier unterm Bett schlafen. Ich lege dir die Wolldecke hin, als Matratze, und lasse oben die Decke so weit runterhängen, dass man dich nicht sieht.«

»Kommt denn jemand hier rein?«, fragte Nummer sieben alarmiert.

»Glaube ich nicht«, sagte Ella.

»Könnte ich dann nicht … da drüben … auf dem zweiten Gästebett schlafen?«

Ella schüttelte den Kopf. »Oh nein. Viel zu gefährlich. Zu einem echten Versteck gehört, dass es sich unter etwas drunter befindet.«

Nummer sieben seufzte und zog seine Jacke aus, und dabei fiel etwas aus der Tasche, das er rasch aufhob. »Der Umschlag«, sagte Nummer sieben nachdenklich, »den ich für meinen Kumpel abgeben sollte. In Zinnowitz, an der Seebrücke. Der Typ, der ihn holen sollte, ist nicht mal aufgetaucht.«

»Was ist drin?«

Er zuckte die Achseln. »Will ich gar nicht wissen. Ich warte einen Tag hier und geh übermorgen bei meinem Kumpel vorbei und geb ihm das blöde Ding zurück.«

»Übermorgen?«, fragte Ella leise. »Übermorgen bist du vielleicht nicht mehr hier. Du musst …« – sie holte tief Luft – »… außer Landes gebracht werden.«

»Außer … Landes?«

Ella nickte. »Wir nehmen ein Schiff. Am besten nach Amerika.«

»Ella Fuchs«, sagte Nummer sieben und kroch unters Bett, »du bist schon ganz schön verrückt.«

»Hm«, sagte Ella, breitete das Laken wieder über die Matratze, legte sich aufs Bett und ließ die Decke an der Außenseite bis auf den Fußboden hängen. Dann löschte sie das Licht. Es fühlte sich wahnsinnig abenteuerlich an, über jemandem zu liegen, der versteckt werden musste.

»Ella?«, wisperte Nummer sieben. »Danke.«

»Gute Nacht!«, flüsterte Ella. Sie schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein. Das Feuermädchen Elara war auf dem besten Weg, eine gute Tat zu vollbringen. Es träumte vom Stampfen riesiger Schiffsmotoren.

Amerika.

 

Die Nacht an der Seebrücke in Zinnowitz war kalt. Obwohl es Sommer war.

Der Mann, der dort stand, hatte seinen Kragen hochgeklappt und starrte in die Dunkelheit, aber sie spuckte niemanden aus.

Irgendetwas war schiefgegangen. Der Typ, der ihm den Umschlag bringen sollte, hätte längst hier sein sollen. Gut, er selbst war ein wenig zu spät gekommen, aber der Typ hätte doch auf ihn gewartet? Er war mit dem Umschlag abgehauen. Er hatte ihn geöffnet und gesehen, was drin war, und war damit abgehauen. Schließlich fluchte der Mann leise und ging zurück zum Schiff. Er würde telefonieren. Er würde den Typen schon kriegen, der den Umschlag hatte. Und wenn er den Umschlag dann nicht mehr hatte, dann würde es für den Typen äußerst unangenehm werden.

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1. Akt, 2. Aufzug: Auf der Flucht

Als Ella ein paar Stunden später noch einmal aufwachte und es wirklich Morgen war, sah sie zuallererst unter dem Bett nach, ob Nummer sieben noch da war. Er war noch da. Er schlief.

Sie kniete sich neben das Bett und flüsterte seinen Namen, woraufhin er hochschrak und sich den Kopf an den Bettfedern stieß.

»Au. Ella.« Nummer sieben seufzte. »Ich hatte gehofft, ich hätte das alles geträumt. Liege ich wirklich unter dem Bett eines zehnjährigen Mädchens?«

»Unter dem Bett eines eine Milliarde Jahre alten Feuermädchens«, verbesserte Ella. »Ich geh runter und sehe nach, ob ich Frühstück besorgen kann.«

»Kaffee …«, murmelte Nummer sieben. »Kaffee wäre Wahnsinn …«

»Kaffee ist kein Problem«, sagte Ella zuversichtlich. »Den krieg ich. Und dann fange ich damit an, dich zu retten. Am besten bleibst du hier und rührst dich nicht.«

»Es ist … etwas eng«, meinte Nummer sieben. »Meinst du, ich könnte … für eine kleine Weile hier rauskommen? Und gibt es vielleicht … ein Bad?«

Er hatte recht, er sah waschbedürftig aus. Dreck und Blut verklebten noch immer sein Gesicht und sein Haar. »Raus und erste Tür links«, sagte Ella. »Aber warte, bis ich dreimal pfeife. Ich muss erst nachsehen, ob die Luft rein ist. Wenn mein Vater das Gästebad auch gerade benutzen will, wäre das schlecht … Falls später jemand reinkommt, versteckst du dich einfach hinterm Duschvorhang.«

»Und wenn der, der reinkommt, duschen will?«

Ella überlegte. »Ich sage allen, die Dusche ist kaputt.«

Nummer sieben grinste. »Sonst sage ich einfach, ich bin der neue Handtuchhalter.«

 

Die anderen schienen schon unten beim Frühstück zu sein, denn aus der Küche kamen eine Menge Stimmen. Ella zog sich an, pfiff dreimal sehr laut und rannte die Treppe hinunter. Unten traf sie ihren Vater. »Übst du ein Lied?«, fragte er.

»Ja«, sagte Ella. »Die Melodie ist nur drei Töne lang … es ist ein ganz kurzes Lied.«

»Du ahnst nicht, wer bei den Buchenstocks in der Küche sitzt«, sagte ihr Vater.

Er öffnete die Tür, und Ella wurde leicht schwindelig.

Auf der Eckbank in der gemütlichen alten Küche saßen drei Polizisten. Herr Buchenstock goss ihnen allen gerade Kaffee nach. Ella nahm sich ein Glas Saft und versuchte, ganz entspannt auszusehen. Es half nicht wirklich, dass ihre Hand mit dem Glas zitterte.

»Keine Angst, junge Dame«, sagte einer der Polizisten. »Wir sind nicht von der Mordkommission.«

»Doch«, sagte ein anderer, der eine Frau war. »Von der Mordkommission für Wildschweine.«

»Wildschweine?«, fragte Ella, als wüsste sie gar nicht, was das sein sollte.

»Ja, die haben ein totes mitten auf der Straße gefunden«, erklärte Herr Buchenstock. »Kurz vor der Abbiegung nach Krummin. Haben das Schwein schon abtransportiert. Jetzt liegt da nur noch ein totes Auto rum.«

»Und warum sind Sie … hier?«, fragte Ella zaghaft.

»Ich dachte nur«, sagte der Polizist, der eine Frau war, »wir gehen einen Kaffee bei Heinz trinken, weil wir sowieso in der Gegend sind. Der Eigner des Autos ist Heschke von der Kfz-Werkstatt. Die Werkstatt ist noch zu, und er geht nicht ans Handy. War auch nicht beim Wagen. Wir haben ein bisschen Angst, dass er verletzt ist und irgendwo im Feld herumliegt … Ein paar von unseren Kollegen suchen ihn. Wir halten solange hier die Stellung.« Sie hob die Tasse. »Stellunghalten ist wichtig.«

Ella atmete vorsichtig auf. Sie waren nur da, weil sie Herrn Buchenstock kannten.

Aber irgendwann würde Heschke von der Kfz-Werkstatt ans Telefon gehen. Und dann würden sie merken, dass jemand anders den Wagen gefahren hatte.

»Übrigens ist die Dusche oben kaputt«, sagte sie.

»Ach Mist, schon wieder?«, fragte Herr Buchenstock. »Ich seh mir das gleich mal an …«

»Nein, nein«, sagte Ella rasch. »Sie ist … eigentlich nicht so schlimm kaputt, es ist nur … ich wollte sagen, der Vorhang … der Vorhang ist kaputt. War kaputt. Ich habe ihn repariert. Jetzt geht er wieder.«

»Oh, Polizei«, sagte Herr Minke, der gerade hereinkam. Er schüttelte allen Leuten, die in der Küche saßen, die Hände, und das lenkte sie zum Glück für eine Weile ab.

»Papa? Ich nehm mein Frühstück mit raus«, sagte Ella. »Ist doch schönes Wetter. Ich gieß mir nur noch schnell eine Tasse Kaffee ein …«

»Kaffee?«, fragte Papa, als sie mit der Tasse in der Tür stand. »Du trinkst doch gar keinen Kaffee!«

»Ab jetzt schon«, sagte Ella. Dann ging sie die Treppe hinauf. Hoffentlich hatte niemand bemerkt, dass sie ihr Frühstück nicht mit nach draußen nahm, sondern mit in den ersten Stock.

 

Nummer sieben saß auf dem zweiten Gästebett und fuhr sich mit den Händen durchs Haar, um es zu ordnen, als sie ihr Zimmer betrat. Er sah besser aus. Allerdings sehr nervös.

Ella sah ihm zu, wie er den Kaffee trank und das Brötchen aß. Es war ein bisschen so, als würde man ein Tier füttern. Eines, das man selbst aus dem Wald geholt und gezähmt hatte.

»Übrigens«, sagte sie nach einer Weile. »Die Küche ist voller Polizisten.«

Nummer sieben verschluckte sich am letzten Schluck Kaffee. »Was?«

»Sie wissen nicht, dass du hier bist. Aber sie haben das Schwein gefunden. Und das Auto. Sie telefonieren rum. Mit deinem Werkstattchef haben sie noch nicht geredet.«

»Scheibe«, sagte Nummer sieben. »Ich muss hier raus.« Er war aufgesprungen.

»Gerade jetzt wäre das eine schlechte Idee«, sagte Ella. Sie öffnete den Kleiderschrank. »Du musst nicht hier raus. Du musst hier rein.«

»In den Kleiderschrank?«

Ella nickte. »Falls die Polizisten doch noch raufkommen. Gib mir den Umschlag. Und sag mir, wo dein Kumpel wohnt. Ich bring das Ding für dich zurück. Danach überlege ich mir, wie wir dich hier wegkriegen.«

»Schön«, sagte Nummer sieben seufzend, gab ihr den Umschlag und stieg in den Schrank. Zusammengekauert zwischen Frau Buchenstocks alten Streublümchenkleidern sah er sehr seltsam aus.

»Ich würde sterben für eine Zigarette«, murmelte er.

»Dann musst du sterben«, erwiderte Ella – freundlich, aber bestimmt. »Im Schrank wird nicht geraucht.«

 

Sie fand Jonas am Hafen von Krummin, wo er mit den Beinen baumelte und Mundharmonika spielte. Neben ihm lag Tiger in der Sonne. Ella ließ sich neben die beiden fallen.

»Es geht los«, verkündete sie.

Jonas setzte die Mundharmonika ab. »Was geht los?«

»Das Abenteuer. Ich habe es versteckt, aber es muss außer Landes geschafft werden. Ich werde Schiff fahren, Jonas. Nach Amerika!«

»Solche Schiffe legen hier nicht ab«, sagte Jonas.

»Natürlich nicht.« Ella schüttelte ungeduldig den Kopf. »Man muss auf die andere Seite der Insel. Dahin, wo das offene Meer ist! Heute Abend machen wir uns auf den Weg. Wenn die Erwachsenen im Bett sind.«

Und dann erzählte sie ihm flüsternd alles, was passiert war – von dem Wildschwein und dem Umschlag und dem Betttuch. Und von dem Schrank, in dem Nummer sieben jetzt saß.

»Armes Schwein«, sagte Jonas am Ende.

»Es ist selbst schuld, dass es nachts auf die Straße gerannt ist!«, meinte Ella.

»Ich meine nicht das Schwein«, sagte Jonas. »Ich meine Nummer sieben. Es ist ganz schön anstrengend, von dir gerettet zu werden. Ich weiß das, ich hab das selber durch.« Er stand auf. »Tiger und ich sollten mitkommen, um das Schlimmste zu verhindern.«

»Großzügigerweise nehme ich euch mit«, sagte Ella, »weil ihr vielleicht nützlich seid.«

Sie zog den Umschlag aus der Tasche.

»Das hier soll ich zurückgeben«, sagte sie. »Für Nummer sieben. Er hat mir das Haus von seinem Kumpel beschrieben. Der wollte irgendwie, dass er den Umschlag nachts in Zinnowitz jemandem gibt, aber der Jemand ist nicht aufgetaucht. Ich dachte, wir könnten kurz nachsehen … was drin ist.«

»Fremde Briefe öffnen … das macht man nicht«, sagte Jonas.

»Stimmt«, sagte Ella und öffnete den Brief.

Dann griff sie behutsam in den Umschlag – und zog ein einzelnes Blatt Papier heraus. Es war nichts als eine Bleistiftzeichnung. Eine Zeichnung der Krumminer Kirche.

Daneben hatte jemand etwas in eine Ecke gekritzelt, was Ella nicht lesen konnte. Die Rückseite des Papiers war leer.

»Eine … Ansichtskarte?«, fragte Jonas. »Nummer sieben sollte nachts in Zinnowitz jemandem eine Ansichtskarte geben?«

Ella steckte die Karte zurück in den Umschlag und zuckte die Schultern. »Wir finden später heraus, was das Ding bedeutet. Erst mal müssen wir packen.«

»Klar«, sagte Jonas, »für Amerika.«

 

Als Ella ihr Gästezimmer zum nächsten Mal betrat, sprang jemand in den Schrank und versuchte panisch, die Türen von innen zu schließen.

»Kannst rauskommen«, sagte Ella. »Ich bin’s. Ich war eben bei Jonas. Er kommt mit, heute Nacht.«

»Wohin?«, fragte Nummer sieben misstrauisch.

»Na, zum nächsten großen Hafen«, sagte Ella. »Zinnowitz in unserem Fall. Wir müssen zu Fuß gehen. Einen geheimen Umweg. In Zinnowitz schmuggeln wir dich auf ein Schiff.«

»Ella Fuchs«, sagte Nummer sieben ernst. »Das ist sehr nett von dir. Aber ich würde lieber heute Abend freigelassen werden.«

»Schlechte Idee«, sagte Ella. »Die Polizisten haben inzwischen rausgefunden, dass jemand das Auto geklaut hatte. Und dass du nicht in der Werkstatt aufgetaucht bist. Wenn du da alleine draußen rumrennst, schnappen sie dich sofort. Der Streifenwagen steht irgendwo in der Allee. Wenn sie allerdings einen Vater mit zwei Kindern einen Spaziergang machen sehen, denken sie niemals, dass du das bist.«

Nummer sieben schüttelte den Kopf. »Ella Fuchs …«

»Hör auf mich«, sagte Ella streng. »Ich habe dich schon mal vor der Polizei gerettet. Sonst würdest du jetzt nämlich sitzen.«

Sie sah, wie Nummer sieben schluckte. »Gut. Wir machen zusammen eine Nachtwanderung nach Zinnowitz. Aber dann gehst du schön wieder nach Hause, und ich haue alleine ab.«

»Ja, ja«, sagte Ella.

Natürlich würde sie ihn nicht alleine auf ein Schiff steigen lassen. Ohne Ella würde er nur wieder einem zornigen Werkstattchef begegnen oder einem Räuberboss, der ihn zusammenschlug.

Oder einem selbstmordgefährdeten Wildschwein.

 

Als der Mond in dieser Nacht über Krummin aufging, schlief das Haus der Buchenstocks friedlich in der Sommernacht. Heinz Buchenstock und Ellas Vater schliefen in ihren Betten, im Garten schlief die Feuerstelle, und in der Asche schlief das verkohlte Stockbrot, das die Männer produziert hatten.

Papa und Herr Buchenstock, dachte Ella, würden zu zweit richtig schöne abenteuerliche Ferien im Garten verbringen. Es war wirklich besser, man störte sie nicht dabei.

Als sie die Treppe hinunterschlich, sang sie ganz leise vor sich hin: »Bald sticht unser Schiff in See, Schiff in See, Schiff in See …« Dann stolperte sie über einen Körper, der auf dem Boden am Fuß der Treppe lag. Sie schrie leise. Hinter ihr blieb Nummer sieben stehen.

»Hallo!«, flüsterte der Körper, stand auf und schüttelte Ella die Hand. Es war Herr Minke.

»Was … tun Sie hier?«

»Schlafe«, sagte Herr Minke. »Bett is heute zu weich. Schlaf ich auf Wohnzimmerteppich.« Er schüttelte Ellas Hand noch einmal. »Gute Reise, Fuchsmädchen. Hoffe ich, Schwimmweste mit für Schiff.«

»Ich reise nirgendwohin!«, sagte Ella. »Es ist ja mitten in der Nacht!«

»Gehst du nirgendwohin«, bestätigte Herr Minke. »Mit Rucksack.«

Verdammt. Das Mondlicht, das durchs Fenster fiel, war zu hell. Sie sah sich um. Nummer sieben war zum Glück verschwunden. »Ich wollte nur … Ich bin schlafgewandelt. Ich habe im Schlaf meinen Rucksack gepackt und bin hier runtergewandelt. Und jetzt wandle ich wieder rauf«, sagte Ella.

»Gute Reise«, sagte Herr Minke noch einmal.

 

Ella ging zurück in ihr Zimmer, schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch.

»Wir müssen aus dem Fenster klettern«, sagte sie. »Es hilft nichts. Aber dann sehen sie die Laken und merken, dass ich weg bin …«

»Ich glaube«, sagte Nummer sieben mit einem Lächeln in der Stimme, »dein Vater merkt auch so morgens, dass du weg bist. Einfach, weil du nicht mehr da bist.«

Ella nickte. »Wir sollten möglichst weit kommen, ehe es hell wird.«

 

Jonas wartete draußen schon auf sie, und so waren kurz vor Mitternacht vier Wanderer durch die Allee unterwegs, die von Krummin aus zur Hauptstraße führte: eine große Gestalt, zwei kleine Gestalten und ein Tiger. Äh. Ein Hund.

Nirgends stand eine Polizeistreife. Es war möglich, dass Ella Fuchs die nur erfunden hatte.

Sie dachte an die wunderbaren Sätze, die sie vor ihrer Auswanderung geschrieben hatte:

Ich, Elara, bin den beiden schwarzen Rittern entkommen. In diesem Moment befinde ich mich auf dem strapazösenstrapazierten anstrengenden Weg zum tosenden Meer.

Ich bin in Begleitung des Wasserjungen Jonas, der im Gegensatz zu mir halb aus Wasser und halb aus Fleisch und Blut besteht. Er hat auch seinen zahmen schwarzen Tiger mitgenommen. Gemeinsam werden wir Nummer sieben, den Gefangenen des bösen Scharrengarfs Schattengrafen außer Landes bringen. Er hat nämlich das Pferd seines Chefs geschrottet, weil er mit einem Wildschw Säbelzahnschwein zusammengestoßen ist. Deshalb will der Graf ihn nun vierteilen und einsperren …

Als sie in Zinnowitz ankamen, war Ella so müde, dass sie kaum noch geradeaus gucken konnte.

Aber dann sah sie das Meer. Und sie sah Nummer sieben neben sich stehen, den Nachtwind im Haar. Er stand jetzt aufrechter als vorher und sog den nächtlichen Geruch nach Seetang und Salz tief ein.

»Da ist es«, sagte er. »Das Schiff.«

»Welches Schiff?«, fragte Ella verwirrt.

»Das, von dem du geredet hast«, sagte Nummer sieben. Wirklich, vorne an der Seebrücke lag ein Schiff: ein wunderschöner, großer, altmodischer Segler. Ella hatte keine Ahnung gehabt, dass es da lag. Sie hatte einfach gehofft, dass irgendwann irgendein Schiff käme.

Das Schiff hatte zwei Masten und in der Mitte eine große Kajüte, die mehr einem kleinen Haus glich. Hinter großen Glasfenstern sah Ella schemenhaft Stühle und Tische.

Ein absolutes Luxusschiff. Es schlief. Aber am Morgen würde es erwachen und losfahren. Und sie würden sich an Bord befinden.

 

Die Seebrücke war eigentlich nur ein sehr, sehr, sehr langer Steg, aber in dieser Nacht kam sie Ella vor wie eine Brücke zu einer anderen Welt. Einer abenteuerlichen, gefährlichen und dunklen Welt.

Sie griff nach Jonas’ Hand, und ihr Herz klopfte wild, wie es bei einem Feuermädchen nun mal so ist, das am Anfang seiner großen Aufgabe steht.

Am Ende der Seebrücke führte eine Treppe seitlich hinunter zur Gangway des großen Seglers. Ella zögerte. Das Schiff lag als schwarzer Umriss in der Nacht, totenstill. Nur die kleinen Wellen, die an seinen Rumpf schwappten, waren zu hören.

Jonas drückte Ellas Hand. Ella drückte zurück.

»Also los«, flüsterte sie mit zitternder Stimme.

Nummer sieben ging voraus. Ella und Jonas folgten ihm, und zum Schluss kam Tiger.

Der Mond war weitergewandert; die Aufbauten des Schiffes standen unwirklich in seinem schwindenden blassen Licht, ein bisschen war es, als befände man sich plötzlich in einem alten Seeräuberfilm. Ella fand ein Schild außen am Bug.

Vermutlich, dachte sie, stand dort der Name der Seeräuberbande, der der Segler gehörte, oder die Zahl der von ihnen umgebrachten Menschen oder …

SEGELN SIE MIT UNS DER SONNE ENTGEGEN. LUXUSKREUZFAHRTEN DER SONDERKLASSE, las sie.

Na ja.

Sie folgte Nummer sieben im Licht von Jonas’ Taschenlampe eine Treppe hinunter. Im Bauch des Schiffs gab es einen großen Raum, in dem Kisten aus Holz und Metall standen. Manche trugen Aufkleber mit KÜCHE und PUTZMITTEL und VORSICHT GLAS. Tiger fand eine Lücke zwischen den Kisten, die groß genug für sie alle war, und dort breitete Ella eine Wolldecke aus.

»Wahnsinn«, flüsterte Jonas. »Wir sind an Bord. Wir haben es geschafft!«

Dann legten sie sich alle auf die Decke, verborgen im Wald der Kisten, müde und glücklich. Und Nummer sieben sagte nichts mehr darüber, dass er alleine abhauen wollte. Er hatte wohl eingesehen, dass er Ella Fuchs brauchte, um die Landesgrenze des Rattenschafs zu erreichen. Äh. Des Schattengrafen.

 

Es wurde Zeit, dass das Schiff ablegte. Er war nervös.

Dies war die zweite Nacht, die sie in Zinnowitz verbrachten.

Was, wenn der Umschlag in die falschen Hände geraten war? Und … was war das? Er fuhr von seiner Koje hoch. Waren da nicht eben Schritte gewesen, auf der Treppe? Jetzt, um diese Zeit? Er stand auf und trat hinaus in den Gang. Doch der Gang war leer.

Da schüttelte er den Kopf und legte sich wieder hin. Unter dem Kissen schlief die Waffe.

Seltsam – die Schritte auf der Treppe hatten sich beinahe angehört wie die Schritte von Kindern.

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1. Akt, 3. Aufzug: An Bord eines mächtigen Seglers

Wir befinden uns in den flutenden Fluten des wilden Meeres.

Ohr an Ohr mit den Wellen liegen wir im dusteren Bauch des WalfischsSklavenschiffs stolzen Dreimasters, zwischen Ratten und KackerlackenKaterlaakenKabala großen Kellerasseln. Wir hungern, und es ist eiskalt. Ich wärme Jonas und Nummer sieben mit meinem Feuer. Wenn die Häscher des Schattengrasgrafen uns entdecken, werden sie uns über Bord werfen, wo giftige Haifische lauern.

Ella schlug das Heft zu, streichelte Tiger und seufzte. »Oben im Schiff gibt es jetzt Frühstück, wetten«, sagte sie.

Jonas gähnte. »Ich hab drei Dosen Hundefutter dabei, für Tiger. Ich dachte, du nimmst den Proviant für uns mit …?«

»Habe ich«, sagte Ella. »Streichhölzer. Ich bin ein Feuermädchen.«

In diesem Moment wachte Nummer sieben auf und sah verwirrt in die Gegend. »Wo … sind wir?«, fragte er.

»Auf einem Kreuzfahrtschiff«, sagte Jonas. »Ella rettet dich gerade.«

Nummer sieben murmelte etwas, das sich wie »Oh nein« anhörte, aber Ella beschloss, dass sie sich verhört hatte.

»Ich schleiche jetzt nach oben und besorge uns was zu essen«, sagte sie. »Aber da wir blinde Passagiere sind, müssen wir uns natürlich … tarnen.«

»Im Flur bei den Klos«, sagte Nummer sieben, »steht ein Schrank mit Uniformen drin. Weiß und dunkelblau. Ich denke mal, das sind die Uniformen der Besatzung …«

»Oh, wunderbar!« Ella sprang auf, kribbelig vor Aufregung. »Genau das Richtige. Komm!«

 

Wenig später standen Jonas und Ella im Flur und streiften eilig die blau-weißen Uniformen über. Nummer sieben hatte beschlossen, lieber versteckt zu bleiben. »Wenn ihr gefunden werdet, ist es ein Kinderstreich«, sagte er. »Wenn ich gefunden werde, ist es illegal. Lasst Tiger und mich schön hier.«

»Schade«, sagte Ella jetzt zu Jonas. »Ich glaube, in Blau und Weiß hätte er gar nicht schlecht ausgesehen.«

Jonas sah an sich hinab. »Wir jedenfalls ertrinken in den Dingern«, stellte er fest. »Ich habe die Ärmel jetzt sechs Mal umgekrempelt … glaubst du wirklich, sie denken, wir wären sehr kleine Leute, die hier arbeiten?«

»Klar«, sagte Ella. »Und bei einer so großen Besatzung haben die sicher längst die Übersicht verloren, wer hier arbeitet. Du, wir können auch kein Deutsch. Wir sind … ausländische … zwergenhafte … Putzhilfen. Wenn dann jemand was Unfreundliches zu uns sagt, ist das Diskriminierung und verboten.«

 

Tatsächlich gab es oben ein Frühstücksbuffet. Jonas und Ella blieben eine Weile am Rand stehen und atmeten den Geruch von Kaffee und frisch aufgebackenen Brötchen ein. Das Frühstückbuffet befand sich in einem Saal mit rotem Teppich. An kleinen runden Tischen saßen überall Leute und tranken Saft und lachten und sahen aus den großen Fenstern, wo das Meer vorbeifuhr. Ella hielt Ausschau nach Delfinen und Seehunden, aber in diesem Moment waren leider gerade keine da. Sie nahm einen Teller und trat ans Buffet.

»Hast du dich verkleidet?«, fragte ein älterer Herr interessiert.

»Nein, ich … ich hier aufräumen«, sagte Ella. »Ich hier arbeiten. Personal. Von Schiff.«

»Die anderen Kinder verkleiden sich auch manchmal«, sagte der ältere Herr. »Macht bestimmt Spaß.« Damit verschwand er zu seinem Tisch.

Ella füllte ihren Teller mit Wurst, Käse und Brötchen. Sie sah neben sich, wie Jonas eine ganze Ananas in seine Uniformtasche steckte. »Jonas«, flüsterte sie, »ich glaube, das ist Dekoration …«

»Prima«, wisperte Jonas, »dann will es ja niemand essen.«

In diesem Moment wirbelte jemand in ihr Blickfeld wie ein Schmetterling: jemand in einem tiefroten Kleid, dessen wogender Saum über den Boden fegte. Die Person war nicht größer als Ella. Sie hatte langes, eichhörnchenfarbenes Haar und trug einen Einsteckkamm voller funkelnder Glasdiamanten. Auch auf ihrem Kleid strahlte ein Regenbogen aus falschen Juwelen.

»Geh mal beiseite«, sagte das Mädchen. »Das Buffet ist nicht für Personal.«

»Wir … machen Priefung von Qualitett«, sagte Ella. »Missen wir probieren die Friestick.«

»Ach?«, sagte das Mädchen. »Dann prüfen Sie woanders. Ich brauche meine künstlerische Ruhe morgens. Ich bin Schauspielerin.« Sie hob die Nase in die Luft. »Die jüngste Schauspielerin der Truppe. Mein Vater ist der Regisseur. Also der Chef. Wir spielen Hamlet, und ich bin Ophelia. Na, davon verstehen Sie sicher nichts.«

»Doch«, sagte Ella. »Hamlet ist ein Theaterstück, bei dem alle sterben. Davon haben wir mal eine Kinderfassung gelesen in der Schul…«

Jonas trat ihr auf den Fuß, und sie erinnerte sich daran, dass sie eine ausländische zwergenwüchsige Putzkraft war.

»Wir missen trotzdem priefen die Qualität«, sagte Jonas. »Besonderrs von die Tomat.« Damit nahm er die einzelne Scheibe Tomate vom Teller des Mädchens und steckte sie in den Mund. »Sehr Qualität«, stellte er fest. »Bies spätter.«

Ella konnte erst wieder aufhören zu kichern, als sie sich in einem ganz anderen Teil des Schiffs befanden.

»Was war das denn für eine Tussi?«, fragte Jonas kopfschüttelnd. »Glaubt die wirklich, sie wäre Schauspielerin?«

»Schauspielerin«, seufzte Ella. »Das wäre ich auch gern. In einem richtigen Theaterstück …«

»Ella«, sagte Jonas streng. »Wir müssen unauffällig sein! Du bist ein Dings, ein Feuermädchen auf der Flucht. Das reicht.«