Ella Fuchs und der hochgeheime Mondscheinzirkus - Antonia Michaelis - E-Book

Ella Fuchs und der hochgeheime Mondscheinzirkus E-Book

Antonia Michaelis

4,6
9,99 €

Beschreibung

Ferien, Freiheit, Abenteuer! Zirkusluft für Sommerkinder. Seiltanz, Sprünge durch brennende Reifen und brillante Zaubertricks: Der Mondscheinzirkus, den Ella Fuchs in den Ferien auf Usedom gegründet hat, könnte so wunderbar sein! Doch dann wird es spannend, denn die gruseligen Blauen Reiter verfolgen die Zirkuskinder. So viel Abenteuer wollte Ella gar nicht haben! Eine perfekt turbulente Ferienlektüre der beliebten Autorin Antonia Michaelis it viel Witz und jeder Menge Spannung.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 293




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Für alle Montessori-Kinder der Klasse 5, die geholfen haben, Ella Fuchs und ihren Mondscheinzirkus auf so ungewöhnliche und wunderbare Art auf die Bühne zu bringen: vor dem Publikum, neben dem Publikum, hinter dem Publikum und im Publikum. Wenn Ella Fuchs nächstes Jahr wieder auf Reisen geht, seid ihr doch dabei, lesenderweise? Na dann.

Manege frei!

Jetzt möchte ich von der Kutsche erzählen, die uns ins Weiße Haus Waisenhaus brachte. Sie war sehr unbequem. Bei jedem Schlagloch hopsten wir auf und ab, mein kleiner Bruder Gottlieb Friedhelm Dietrich und ich. Dietrich war auf meinem Arm, er ist nämlich noch ein Baby. Aber ich bin jetzt sicher am Po grün und blau von dem Gehopse.

Die Kutsche brachte uns auf die Insel.

Und von dort gibt es kein Entkommen. Bestimmt sind die Buchenstocks, denen das Waisenhaus gehört, sehr streng und hauen uns. Papa Der Kutscher hat gesagt, sie hätten Pferde und einen Garten, und das habe ich dem kleinen Frie Dietrich auf der Auto Kutschfahrt erzählt. Aber ich kann mir schon vorstellen, wie Frau und Herr Buchenstock auf ihren Pferden durch den Garten reiten, während wir arbeiten müssen. Vielleicht kann ich wenigstens im Garten Äpfel für Dietrich pflücken. Ich überlege, ob es möglich wäre, mit dem Schiff zu fliehen, das Meer fängt ja gleich hinter dem Garten an, hat Mama eine andere Kutschreisende gesagt …

»Ella? Wir sind gleich da. Du musst jetzt deinen Roman weglegen.«

»Sofort«, sagte Ella. »Essen Babys Äpfel?«

»Als Mus«, meinte Mama. »Schreibst du ein Kochbuch für Babys?«

Ella verdrehte die Augen. »Natürlich nicht. Babys können doch gar nicht lesen, was sollen sie mit Kochbüchern?«

Sie steckte den grünen Tischlerbleistift, mit dem sie stets schrieb, hinters Ohr und schlug das Heft zu. Auf dem Umschlag stand ELENA FUCHSBAUM und darunter TAGEBUCH EINES ARMEN WAISENKINDES.

Vor dem Autofenster erstreckte sich eine endlose Allee. Als Ella das Fenster herunterkurbelte, roch sie das Grün in den Schatten. Die Blätter der alten Bäume verwoben sich über der Straße zu einem dichten Dach und wisperten im Sommerwind.

Komm, wisperten sie. Das Abenteuer wartet. Hier finden alle armen Waisenkinder ihr Glück …

Ella wäre zu gerne ein armes Waisenkind gewesen. Sie las ständig Bücher über arme Waisenkinder, die zu Helden wurden und die Welt retteten, wahlweise mit oder ohne Drachen. Leider hatten ihre Eltern auch noch Geld; nicht endlos viel, aber reichlich.

»Am Ende der Allee ist es«, sagte Papa. »Krummin.«

Das Ortsschild war zwar gerade, aber die alten Häuser schienen schon ein bisschen krumm. Auf der Einfahrt, in die Papa einbog, wuchs Gras; die Sorte hellgrünes, langbeiniges Gras, die es nur im Sommer und nur zu Beginn eines Abenteuers gibt. Ella war entschlossen, ein Abenteuer zu erleben. Immerhin war sie in diesen Ferien beinahe ein Waisenkind. Mama und Papa würden ohne sie verreisen.

»Fahrt ihr nur gleich weiter nach Berlin zum Flughafen«, sagte Ella. »Ich komme schon klar.«

Mama lachte. »Wenn du erlaubst, würden wir Heinz und Marianne gern noch Guten Tag sagen.«

Heinz und Marianne – die Buchenstocks – kamen schon über den Hof gelaufen. Aber es war ein großer, schwarzer Hund, der Ella zuerst begrüßte. Er leckte ihr Gesicht ab und lief dann davon, etwas Grünes zwischen den Zähnen. Ellas Bleistift.

»Hey!«, rief sie. »Warte!«

Sie rannte dem großen, schwarzen Hund nach, um das hübsche alte Bauernhaus herum, mitten hinein in einen riesigen Garten voller Obstbäume und Holundersträucher.

Der Hund war nirgends zu sehen. Nur die Bienen summten im hohen Gras. Auf einer violetten Distelblüte saß ein Pfauenauge und klappte seine zarten Flügel auf und zu wie Buchseiten. In der Ferne schwebte die Melodie einer Mundharmonika vorbei.

»Hund?«, rief sie. »Wo bist du? Ich brauche diesen Bleistift! Das ist mein Waisenkindbleistift!«

An einer Stelle wippten die Holunderzweige – als wäre gerade jemand dort verschwunden. Ella duckte sich und tauchte zwischen die Blätter.

Der Holunder war wie ein grüner Gang, und am anderen Ende wäre sicherlich eine neue, phantastische Welt … Aber leider war dort nur ein weiteres Stück Garten, wild und unbeschnitten. Und dort stand etwas Buntes, mitten zwischen Disteln und Brennnesseln. Etwas aus Holz, von dem in großen Streifen die Farbe abblätterte. Als Ella näher kam, entdeckte sie zwischen den Brennnesseln vier Räder.

»Ein Wagen«, flüsterte sie und fühlte die Aufregung durch ihre Adern kribbeln. »Ein Zirkuswagen!«

Der Wagen war ziemlich kaputt. Auf seinem Dach wuchs Gras, und an einer Seite waren farbige Vierecke aufgemalt, die Löcher in der Mitte hatten. Vorne gab es eine rostige Deichsel.

Der Wagen schlief, dachte Ella. Er schlief vielleicht schon hundert Jahre. Jemand musste ihn wecken. Sie beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf die Holzwand. In ihrem Kopf tauchten Bilder von armen Waisenkindern auf, die mit dem Zirkus durch die Lande zogen …

»Küsst du öfter alte Bretter?«, fragte jemand, und Ella zuckte zusammen.

Kurz darauf zog sich jemand von der anderen Seite auf den Wagen hinauf.

Es war ein blonder Junge mit einem abgewetzten blauen T-Shirt. Neben dem Wagen saß jetzt der schwarze Hund und hechelte.

»Ist das dein Hund?«, fragte sie den Jungen. »Er hat meinen Bleistift.« Sie sah den Hund an. »… gegessen, nehme ich an«, fügte sie hinzu.

Der Junge grinste. »Wohnst du jetzt hier?«, fragte er.

Sie nickte. »Für ’ne Weile.«

»Ich wohn nebenan«, sagte der Junge, sprang vom Wagen und zog eine Mundharmonika aus der Tasche, um sie an seiner Jeans abzuwischen.

»Und … der Zirkuswagen? Was macht der hier?«, fragte Ella.

»Es ist kein Zirkuswagen«, sagte der Junge. »Da waren Bienen drin. Früher.« Damit verschwand er zwischen den Brennnesseln. Ella hörte ihn wieder auf der Mundharmonika spielen. Der Hund folgte ihm. Ob dieser Hund von Bleistiften lebte? Machte der Junge gleich eine Dose mit Bleistiften für ihn auf, ähnlich einer Dose mit Hundefutter?

»Warte!«, rief Ella. Doch als sie sich durch den Holunder bis zurück in den Obstgarten gekämpft hatte, waren beide, Junge und Hund, verschwunden.

 

Vor dem alten Bauernhaus saßen die Buchenstocks und Mama und Papa auf einer Veranda unter Weinreben und tranken Kaffee.

»Wir haben dein Gepäck schon raufgebracht«, sagte Frau Buchenstock.

»Einen Rucksack und zwei große Koffer«, sagte Herr Buchenstock. »Hast du deine Möbel mitgebracht, Ella?«

Ella schüttelte den Kopf. »In den Koffern sind Bücher«, erklärte sie. »Ich lese viel.«

»Hoffentlich hast du Zeit dazu«, sagte Frau Buchenstock. »Deine Mama hat gesagt, du willst reiten lernen bei uns.«

»Es sind ja vier Wochen«, sagte Mama und lächelte. »Vier Wochen sind wir in Südafrika unterwegs. Es ist wirklich wahnsinnig nett von euch, dass ihr in der Zeit auf Ella aufpasst. Sie hätte nur die Löwen verscheucht …« Sie lachte ein typisches Mama-Lachen, ein wenig entschuldigend, weil sie Ella einfach hierließen, anstatt sie nach Afrika mitzunehmen. Die Wahrheit war natürlich, dass sie mal alleine Urlaub machen wollten. Alleine mit den Löwen. Sie hätte das ruhig sagen können, Ella hatte nichts dagegen. Und dann sprachen die Erwachsenen nicht mehr von Löwen, sondern von langweiligen Dingen, und Ella sah sich die Buchenstocks an. Leider sahen sie nicht aus, als würden sie eine Schreckensherrschaft über ein Haus voll armer Waisenkinder führen. Frau Buchenstock – »Nenn mich Marianne« – hatte schwarze Locken und Sommersprossen. Herr Buchenstock – »Sag ruhig Heinz« – hatte gar keine Haare, aber einen blonden Bart, als wären seine Haare oben ausgefallen und unten am Kinn wieder angewachsen. Irgendwie kannten Mama und Papa die Buchenstocks von früher, als sie jung gewesen waren und studiert hatten.

»Müsst ihr nicht langsam los?«, fragte Ella schließlich, denn sie wollte endlich anfangen, das Abenteuer zu erleben.

In diesem Moment betrat eine weitere Person die Veranda – eine kleine und quadratische Person.

»Das ist Herr Minke«, sagte Nenn-mich-Marianne. »Er hilft uns auf dem Hof.«

»Angenehm, angenehm«, sagte Herr Minke und schüttelte sehr ausführlich Mamas Hand und danach Papas Hand und danach Ellas Hand.

Herrn Minkes Lächeln war anders als das Lächeln anderer Menschen. Seine Augen erinnerten Ella an die Augen von Chinesen, aber sie waren doch wieder ganz anders. Seine Hände waren klein und plump wie bei einem Kind und sein Gesicht auf freundliche, halslose Art rundlich. Er sagte noch einmal »Angenehm, angenehm«, setzte sich und nahm drei Stück Kuchen, die er ordentlich nebeneinanderlegte, und zwar nicht auf, sondern um seinen Teller herum. Ella dachte, dass sie noch nie jemand so Interessanten getroffen hatte.

Als ihre Eltern endlich abfuhren, fühlte sie sich rundherum wunderbar.

»Abenteuer«, flüsterte sie, »ich komme! Nach neun Jahren wird es aber auch Zeit, dass ich dich erlebe.«

 

Leider ließ sich das Abenteuer an diesem Nachmittag nicht mehr blicken.

Ella suchte den ganzen Ort danach ab; in ihrer Umhängetasche befanden sich das Heft sowie ein weiterer Tischlerbleistift. Sie hatte eine ganze Packung von den Dingern mitgenommen. Irgendwo hatte sie gelesen, dass ein berühmter Mensch namens Schmidt immer mit einem Tischlerbleistift geschrieben hatte.

Die meisten der hübschen alten Häuser in Krummin trugen Schilder mit dem aufgepinselten Wort FERIENWOHNUNG. Ella fand eine dicke Mauer aus alten Feldsteinen und hoffte, dass sie eine Burgruine verbarg, aber dahinter lag nur der Garten eines Cafés mit Namen Naschkatze. Ella seufzte. Es war einfach zu hübsch und zu harmlos hier für ein Abenteuer. Allerdings stand auf der Tafel beim Café, es gäbe dort Froschkuchen. Ella schauderte. Sie fragte sich, ob arme Waisenkinder Kuchen essen würden, der aus Fröschen gemacht wurde. Wahrscheinlich.

Schließlich ging sie zum Hafen. Zweimal glaubte sie auf dem Weg dorthin, einen schwarzen Hund und einen Jungen hinter sich zu sehen, aber als sie sich umdrehte, waren sie verschwunden.

Der Hafen war winzig. Zur Rechten gab es ein kleines Restaurant, das hinter einem Tor voller Kletterrosen lag. Ella setzte sich auf den Steg und versuchte sich vorzustellen, wie es früher hier ausgesehen hatte. Statt des Restaurants hatte vermutlich eine windschiefe Hütte am Hafen gestanden, in deren niedrigen Fenstern Öllampen flackerten. Im dusteren Hinterhof hatten sich die blinden Passagiere eines Seglers gesammelt (natürlich lauter Waisenkinder), denen der einäugige Wirt Kartoffelschalen vorwarf …

Sie fand zwei kleine Steinchen und eine Muschel und begann, damit zu jonglieren.

»Ich kann nämlich beim Jonglieren besser nachdenken«, sagte sie laut, weil es sich gut anhörte.

»Tatsächlich«, sagte jemand, und Ella erschrak so sehr, dass sie beinahe ins Wasser gefallen wäre. Es war Nenn-mich-Marianne, die hinter ihr stand.

»Na?«, sagte sie. »Versuchst du, zum Festland rüberzuspucken?«

»Zum … Festland?«, fragte Ella enttäuscht. »Ist das Grüne da drüben das Festland? So nah?«

Nenn-mich-Marianne nickte. »Usedom ist ja keine richtige Insel. Mehr so ein Streifen Land, der vor der Küste herumliegt. Sonst hättet ihr nicht über eine Brücke herfahren können.«

»Das habe ich irgendwie … gar nicht gemerkt«, murmelte Ella. »Da war ich wohl mit den Gedanken bei dem Roman, den ich schreibe. Frau Buchenstock?«

»Nenn mich Marianne.«

»Marianne. Der Junge von nebenan. Mit dem schwarzen Hund. Wie ist der so?«

»Jonas? Oh, Jonas ist ein netter Kerl. Bisschen schwierige Verhältnisse bei denen, aber ein netter Kerl.«

»Er folgt mir. Samt Hund. Aber sie wollen nicht gesehen werden. Was … ist denn mit den Verhältnissen?«

»Ach …« Nenn-mich-Marianne seufzte. »Die Frau Studier, die Mutter, die sieht man selten … und manchmal verschwinden Dinge bei uns auf dem Hof, über deren Verschwinden ich nicht länger nachdenken möchte.«

Ella setzte sich gerader hin. »Heißt das, dieser Jonas … klaut?«

»Was man nicht beweisen kann, weiß man nicht genau«, sagte Nenn-mich-Marianne. »Kommst du mit zum Abendessen?«

 

Nummer sieben hatte gleich ein komisches Gefühl bei der Sache auf Leilas Hof.

»Eine kleine Feier«, hatte Nummer eins gesagt. »Um auf die letzten paar Dinger anzustoßen. Bei Leila im Hof ist der perfekte Ort. Wenn’s schon dunkel ist. Ich bring zwei Kisten Bier mit.«

»Jawoll, Herr Räuberhauptmann«, hatte Nummer vier gesagt.

Die Sache mit den Nummern war so eine verrückte Idee des Räuberhauptmanns, genau wie der Name Räuberhauptmann. Tief in seinem Inneren hatte der Räuberhauptmann eine Schwäche für Kinderspiele. Er sagte, es wäre besser, keine Namen zu nennen. Aber jeder wusste, wie jeder hieß, also was sollte das Ganze?

Leilas Hof war dunkel, nur die Kohlen auf dem kleinen Grill glühten brennende Löcher in die Nacht. Leila lehnte mit dem Räuberhauptmann an der Wand, die Arme um seinen Hals geschlungen. Nummer sieben war der Letzte, der zu dem Treffen kam, und vielleicht war er deshalb der Einzige, der das kleine Mädchen sah. Es saß auf der Mauer vor dem Haus und baumelte mit den Beinen.

Nummer sieben setzte sich neben sie. »Hey«, sagte er. »Bist du Leilas kleine Schwester?«

»Kann schon sein«, erwiderte die Kleine. »Und du? Bist du einer von den Blauen Reitern?«

»Den Blauen …« Er lachte. »Das ist ein guter Name. Ja, ich glaube, ich bin einer von den Blauen Reitern.«

Der Name, dachte er, würde dem Räuberhauptmann gefallen.

»Was macht ihr eigentlich so?«

»Wir? Wir treffen uns und … reiten auf unseren … Pferden durch die Gegend.«

»Du kannst mir ruhig sagen, was ihr wirklich macht. Ich erfahre es sowieso. Meine Schwester, die heiratet euren Räuberhauptmann nämlich bald.«

»Ach«, sagte Nummer sieben und grinste. »Ich glaube, davon weiß er noch nichts.«

»Und ich, ich kann hexen«, sagte die Kleine und hielt etwas hoch.

Ein Portemonnaie. Sein Portemonnaie.

»Hab ich dir aus der Tasche gehext«, sagte sie. »Na – ist sowieso nichts drin, was? Der Räuberhauptmann behält nämlich alles.«

»Er teilt später.«

»Ja«, sagte sie. »Das glaubst du.«

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Seil-Akrobatik

Sie aßen auf der Veranda. Es war einer dieser goldenen Abende, an denen die Sonne so langsam sinkt, dass man beinahe glaubt, die Nacht käme nie. Nach dem Essen ging Ella noch einmal in den Garten, wo die Mücken zwischen den Bäumen spielten.

Es war alles perfekt, dachte Ella. Perfekt wie ihr ganzes Leben, perfekt wie die wunderbare Schule, auf die sie ging, perfekt wie ihre netten, lustigen Eltern, die selbst angeblich lauter Abenteuer erlebt hatten, als sie jung gewesen waren.

»Perfekt, perfekt, perfekt«, murmelte sie ärgerlich vor sich hin.

»Was?«, fragte jemand, und sie zuckte zusammen.

Am Zaun stand der Junge mit dem blauen T-Shirt. An seiner Seite saß der schwarze Hund, und in der Hand hielt der Junge jetzt – zu Ellas Erstaunen – eine Gurke.

»Wieso ist alles perfekt?«, fragte er.

»Das frage ich mich auch«, sagte Ella. »Ich mag nämlich keine perfekten Sachen.«

Sie musterte die Gurke. »Ich heiße übrigens Ella«, sagte Ella schließlich. »Ella Fuchs.«

»Ich nicht«, sagte der Junge und grinste.

»Haha«, sagte Ella. »Ich weiß, wie du heißt. Du heißt Jonas Studier. Und du wohnst also da drüben.«

Jonas nickte. »Mit meiner Mutter.«

»Und mit der Gurke«, fügte Ella hinzu.

Er seufzte. »Die Gurke wohnt nicht, die hab ich geerntet. Ich mach Salat draus, fürs Abendbrot.«

»Du machst den Salat?«, fragte Ella beeindruckt.

Jonas grinste. »Manche Leute küssen eben alte Bretter; manche machen Gurkensalat. Ich mach alles zu Hause. Meine Mutter ist krank. Schon ’ne Zeit lang.« Er drehte sich um und ging.

»Moment!«, rief Ella. »Was ist denn mit deinem Vater? Kümmert der sich nicht um … Gurken?«

»Nee«, sagte Jonas. »Der kümmert sich um sich selber. Hab ihn schon länger nicht gesehen.«

Und dann schlenderte er davon, durch den goldenen Abend.

Ella pfiff leise vor sich hin, während sie zum Haus lief.

Jonas war vielleicht kein Waisenkind. Aber er besaß eine vielversprechend kranke Mutter und einen abhandengekommenen Vater. Ella würde ihn retten. Wovor und wodurch, war ihr noch nicht ganz klar, aber das war zweitrangig.

 

Das Gästezimmer war hellblau gestrichen. Auf dem Nachttisch stand ein frischer Strauß Blumen.

Es war schon wieder alles zu perfekt.

Ella schlug das TAGEBUCH EINES ARMEN WAISENKINDES auf.

Heute musste ich den ganzen Tag Steine klopfen eine Galeere rudern Kohlen schleppen. Die Säcke sind schwerer als ich. Obwohl ich nicht schwer bin für neun, kann ich meine Rippen zählen, wenn ich genau hingucke. Es sind auf jeder Seite elf zehn zwölf. Mein Bruder Gottlieb Dietrich lag in seiner Wiege und wartete sehnsüchtig auf mich, während ich die Kohlsäcke Kohlensäcke in den dusteren, rattigen Keller trug. Es ist schon schade sehr traurig, dass Mama und Papa so tot sind.
Heute habe ich etwas entdeckt: Nebenan wohnt ein Junge, der von Gurken lebt. Er ist noch ärmer als ich, und seine Mutter liegt im Ster ist schwer krank siecht dahin. Sein einziger Freund ist ein Hund, der ihn treu bekleidet begleitet. Egal wie schlecht es mir selbst geht, ich werde mich aufopfern und ihm helfen. Ich werde –

»Was werde ich?«, flüsterte sie.

Dann sah sie aus dem Fenster. Das Fenster lag im ersten Stock, und unten in der Dunkelheit glühte etwas. Sie stand leise auf, um den schlafenden Dietrich nicht zu wecken. Dann fiel ihr ein, dass es Dietrich nicht gab. Das Glühen … war das eine Zigarette? Und die Gestalt, die da vor dem Nachbarhaus saß und rauchte, war das Jonas?

»Er ist höchstens elf, und er raucht«, flüsterte Ella. »Er muss wirklich dringend gerettet werden.«

Sie zog das Bett ab und knotete Laken und Bettbezug aneinander. Dann befestigte sie das eine Ende des Bettbezugs am Fensterbrett und kletterte hinaus.

Die Nacht war voller Zikadengezirp und Sternengefunkel, und mitten darin saß Jonas und sah ihr entgegen. »Hey, Jonas«, sagte Ella. »Sag mal … warum sitzt du hier und rauchst?«

Jonas betrachtete die Glut am Ende der Zigarette.

»Ich denke nach«, sagte er. »Ich denke darüber nach, wie ich an Geld komme.«

»Wozu brauchst du Geld?«

»Um es an die Wand zu hängen und anzugucken«, sagte Jonas. »Nee. Wir haben Schulden. Meine Mama hat keine Arbeit. Sie hat immer mal was gearbeitet, zwischendurch, geputzt und so, aber schwarz. Also keine richtige Stelle. Aber jetzt ist sie ja krank.«

»Wenn man krank und arbeitslos ist, kriegt man doch auch Geld«, sagte Ella.

»Ja, wenn man eine Menge Papiere ausfüllt«, murmelte Jonas. »Aber Mama hasst Papiere. Und sie will kein Geld von anderen Leuten. Das ist richtig dumm von ihr. Wir streiten uns deswegen dauernd. Vielleicht ist sie krank geworden, weil wir immer streiten. Und neulich war der Pfandleiher da, wegen der Schulden. Irgendwann nimmt der Sachen mit, den Teppich oder den Fernseher oder so. Und am Ende gehört ihm das ganze Haus, dann müssen wir raus.« Dann holte er tief Luft, weil er so viel auf einmal gesagt hatte.

»Oh«, sagte Ella.

Aber sie dachte nicht »Oh«. Sie dachte: Ich wusste es ja! Er muss gerettet werden! Oh, sie würde Jonas retten – so gründlich, wie noch nie jemand gerettet worden war. Und den Hund und die Mutter und die Gurke gleich mit.

»Ich habe zwar kein Geld«, sagte sie, »aber ich denke mir was aus. Versprochen. Und übrigens – du solltest nicht rauchen. Macht die Lungen kaputt.«

»Beruhigt aber«, sagte Jonas. »Wenn man Sorgen hat.«

»Na toll. Nachher bist du beruhigt und tot.«

Jonas lachte und hielt ihr die Zigarette entgegen. Es war nur ein Stück Ast.

»Denkst du, ich rauch, wo ich doch kein Geld hab?«, fragte er. »So zu tun, beruhigt genauso.«

Und dann kletterte Ella wieder an dem Laken hinauf. Sie hätte auch die Haustür nehmen können. Aber das wäre nicht das Gleiche gewesen.

 

»Hier bewahrst du es auf?«, fragte Nummer sieben. »Das ist … lächerlich. Eine Kinderschmuckschachtel!«

Der Räuberhauptmann sah auf und schloss die Schachtel sehr rasch. Dann lehnte er sich an den Brennholzstapel, der hier im Schuppen lagerte, und sah Nummer sieben abschätzig an.

»Ja, eine Kinderschmuckschachtel. Schön unauffällig.«

»Wann teilen wir?«, fragte Nummer sieben. »Wann zahlst du deine Blauen Reiter aus?«

»Meine Blauen Reiter!« Der Räuberhauptmann lachte. »Die Kleine hat das gesagt, wie? Leilas Schwester? Die ist clever. Bevor wir teilen, müssen wir noch ein paarmal über die Insel reiten auf unseren Blauen Pferden, sonst lohnt es nicht.«

»Wenn sie uns erwischen …«

»Angst, ja? Kleiner Schisser.«

Er machte eine plötzliche Bewegung, und Nummer sieben lag auf dem Boden. Der Räuberhauptmann beugte sich über ihn. In der einen Hand hielt er noch immer die Schachtel, in der anderen jetzt ein Holzscheit. Er hob es, als wollte er damit zuschlagen – und ließ es wieder sinken.

»Du bleibst und machst mit«, knurrte er. »Kapiert? Blauer Reiter ist Blauer Reiter. Räuberhauptmann ist Räuberhauptmann: die Nummer eins. Und Nummer sieben von sieben … was das heißt, ist wohl auch klar.«

Als er ging, sah Nummer sieben die Perlen auf der Schmuckschachtel glitzern. Weiße und rosa Perlen auf einer Schachtel, die mit lindgrüner Seide überzogen war. Ein Kinderspiel.

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Sprung durch den brennenden Reifen

Der nächste Tag begann hellblau und windig.

Ella kämmte ihr leider-glattes, langes, braunes Haar und lief hinunter, um mit den Buchenstocks zu frühstücken. Herr Minke hatte schon gefrühstückt.

»Er ist schon bei seinem Gemüse«, sagte Sag-einfach-Heinz. »Er spricht mit allem, weißt du? Mit dem Salat, den Kartoffeln und den Pferden. Willst du heute anfangen, reiten zu lernen?«

»Auf was?«, fragte Ella und kicherte. »Auf dem Salat?«

Sie biss in ein Brötchen, und dann fiel ihr etwas ein. »Warum ist Herr Minke so, wie er ist?«, fragte sie um das Brötchen herum.

»Manche Leute werden so geboren«, meinte Nenn-mich-Marianne. »Es ist ein kaputtes Chromosom mit der Hausnummer einundzwanzig. Ein Chromosom ist …«

Ella hörte nicht weiter zu, weil sie darüber nachdachte, ob sie das Chromodingsda vielleicht reparieren könnte, um Herrn Minke zu retten. Aber vielleicht war er ja ganz zufrieden, dass er anders war als andere Leute. Nicht so langweilig.

Die Pferdeweide befand sich neben dem wilden Garten. Ella dachte wieder an den alten Wagen, der dort stand. An sein sonnenwarmes Holz und die abblätternde Farbe …

»Ella? Träumst du?«, fragte Nenn-mich-Marianne. »Martin möchte dich kennenlernen.«

Ella blinzelte und merkte, dass sich ein großer Pferdekopf über das Gatter beugte. Sie fuhr unwillkürlich zurück. Als Ella kurz darauf mit Mariannes Hilfe in den Sattel kletterte, sahen ihr vier kleine graue Esel neugierig dabei zu.

»Die Esel haben wir mal angeschafft, damit sie die Brennnesseln fressen«, erklärte Nenn-mich-Marianne. »Aber sie fressen alles außer Brennnesseln. Ab und zu büxen sie aus. So, jetzt halt dich vorn am Sattel fest …«

Ella nickte. Bald, bald, dachte sie, würde sie auf Martin über die Insel preschen: Ella Fuchs, die Reiterin und Retterin.

Martin scharrte mit einem Vorderhuf, sodass sein Rücken ein bisschen wackelte, und Ella sah zum ersten Mal hinunter. Da fiel ihr auf, dass Martin sehr groß war. Sie fühlte sich plötzlich gar nicht mehr als Retterin, sie fühlte sich klein und … hoch.

»Marianne?«, fragte sie kläglich. »Bitte … können wir mal anhalten?«

»Wir sind doch noch gar nicht losgegangen«, sagte Nenn-mich-Marianne.

In diesem Moment preschte einer der Esel vorwärts, und da riss sich Martin los und galoppierte ihm nach. Ella klammerte sich in seine Mähne – gleich, gleich würde sie abrutschen, hinunterfallen, zertrampelt werden … Da blieb Martin stehen, und Nenn-mich-Marianne kam lachend angerannt. »So«, sagte sie. »Jetzt fangen wir noch mal an. Ganz langsam …«

Ella ließ sich neben ihr auf die Erde plumpsen. »Nee«, flüsterte sie schwach. »Ich glaube, ich bin allergisch gegen Pferde.«

Dann rannte sie über die Weide davon.

Sie spürte genau, wie Martin und die Esel ihr nachguckten. Du bist ja eine schöne Heldin, schienen sie zu sagen. Traust dich nicht mal, auf einem Pferd zu reiten!

Im Holunder schluchzte irgendjemand, und offenbar war das sie selbst, denn es war niemand anders da. Schließlich erreichte sie den alten Wagen, fand eine Tür und kroch hinein. Drinnen herrschte genau die richtige Sorte Dunkelheit, um sich darin leidzutun. Ella setzte sich auf den Boden und stellte sich vor, der Wagen würde losfahren und sie wegbringen von Pferden und Reitstunden, weit weg …

»Hallo?«, sagte jemand in der Dunkelheit, und Ellas Herz machte einen Satz vor Schreck.

Es war Jonas. »Bist du auch gekommen, um nachzudenken?«, fragte er. »Hier ist genau die richtige Sorte Dunkelheit, um darin nachzudenken.«

»Ja«, sagte Ella, »und weißt du was? Ich habe beinahe eine Idee.«

»Was für eine Idee?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Ella. »Ich habe sie ja noch nicht.«

Eine Zeit lang schwiegen sie beide in der Dunkelheit, und Ella versuchte, die Idee zu fassen zu bekommen. Sie war rot-grün-blau-gelb wie Jonglierbälle. Sie hatte das graue Fell von Eseln. Herr Minke sprach sicher auch mit den Eseln … Die Idee bekam einen Herr-Minke-förmigen Auswuchs.

Draußen bellte ein Hund.

»Das ist Tiger«, sagte Jonas und seufzte. »Er will, dass ich mit ihm spiele.«

»Tiger?«, fragte Ella. »Dein Hund heißt Tiger?« Und dann sprang sie auf. Und stieß sich den Kopf an der Decke. »Au«, sagte sie. »Ich hab’s.«

Dann flüsterte sie:

»Wir gründen einen Zirkus. Ich kann jonglieren, und ich hab mein Einrad mit, und Tiger könnte durch einen brennenden Reifen springen … und die Einnahmen kriegst alle du. Wir hauen mit dem alten Wagen und zwei Eseln ab und gehen auf Zirkus-Tournee. Der Wagen muss nur ein bisschen neu gestrichen werden … Die Buchenstocks werden gar nicht merken, dass der Wagen weg ist, weil sie, glaube ich, gar nicht wissen, dass er hier ist. Die denken höchstens, dass wieder mal zwei von den Eseln abgehauen sind.»

»Aber …«, sagte Jonas. »Sie merken doch, dass du weg bist!«

»Das lass mal meine Sorge sein«, sagte Ella – denn das sagten die Leute in den Büchern auch immer.

»Hm«, machte Jonas nachdenklich. »Du glaubst, ich würde mit einem völlig verrückten Mädchen in einem alten Bienenwagen abhauen? Nur weil ich dabei Geld verdiene?« Er seufzte. »Ich fürchte … du hast recht.«

 

Beim Mittagessen sah Nenn-mich-Marianne Ella besorgt an.

»Gut, dass du wieder auftauchst«, sagte sie. »Bist du sehr traurig, weil du dich das mit dem Reiten nicht getraut hast?«

»Ach, ich hatte bloß was anderes vor«, sagte Ella. »Wo ist eigentlich Herr Minke?«

»Schläft«, sagte Sag-einfach-Heinz. »In seiner Wohnung. Er hat schon gegessen.«

»Und wo … wohnt er?«

»Neben der Eingangstür geht eine Treppe runter«, antwortete Sag-einfach-Heinz. »Da hat er eine Einliegerwohnung.«

»Wollen wir nach dem Essen noch mal zu den Pferden gehen?«, fragte Nenn-mich-Marianne.

Ella schüttelte den Kopf. »Ich hab … äh … schon wieder was anderes vor.«

 

Jonas wartete im Brennnesselmeer auf Ella. Er hatte Pinsel und ein paar alte Farbdosen aus dem Schuppen der Buchenstocks besorgt. Tiger schnupperte eben an einer offenen Dose. Seine Nase war jetzt blau.

»Wir streichen jede Wagenseite in einer Farbe«, sagte Jonas. »Rot, grün, blau, gelb …«

Ella ärgerte sich ein bisschen, weil sie das hatte entscheiden wollen. Aber dann dachte sie, dass arme Waisenkinder zusammenhalten mussten.

»Das sind wir nämlich jetzt«, erklärte sie Jonas. »Arme Waisenkinder. Jedenfalls sagen wir das, dann geben uns die Leute mehr Geld. Und übrigens wird Herr Minke mit uns fliehen. Der kennt sich nämlich mit Eseln aus.«

»Fliehen?«, fragte Jonas. »Wovor denn?«

»Vor seinem schrecklichen Leben als Arbeitssklave der Buchenstocks«, antwortete Ella. »Er wohnt im Keller! Und aus Kummer redet er mit dem Salat. Aber jetzt retten wir ihn. Wir brauchen ihn nämlich. Er kennt sich mit den Eseln aus.«

»Weiß Herr Minke schon, dass wir ihn retten?«

»Noch nicht«, antwortete Ella, »ich sage es ihm nachher.«

 

An diesem Abend schlich Ella nach dem Essen die Treppe zu der kleinen Wohnung im Keller hinunter.

»Hallo?«, rief sie und klopfte leise an die Tür. »Herr Minke? Sind Sie da drin?«

»Hallo!«, rief Herr Minke. »Ich bin da drin!«

Als Ella die Tür öffnete, saß er in einem Sessel und lauschte Geigenmusik, die aus einem Plattenspieler floss. Ella setzte sich auf die Sessellehne, und Herr Minke schüttelte ihr sofort die Hand.

»Wir fliehen«, flüsterte sie. »Jonas und ich und Sie. Mit dem Zirkuswagen und zwei Eseln. Es ist auch ein Tiger dabei. Sie werden dann reich und berühmt und müssen nie mehr Gemüse beeten. Für die Esel bräuchte man noch Geschirr …«

Herr Minke nickte. »Tassen und Teller.«

»Nein, nein!«, rief Ella. »Etwas, um die Esel an der Wagendeichsel festzumachen!«

»Aah«, sagte Herr Minke. »Das is in Schuppen.«

»Prima!«, rief Ella. »Dann kommen Sie also mit?«

»Komme ich also mit«, wiederholte Herr Minke, etwas verwundert.

In der Tür drehte Ella sich noch einmal um. »Sagen Sie keinem ein Wort«, flüsterte sie. »Es ist ein geheimer Zirkus.«

 

Sie arbeiteten drei Tage daran, den Wagen flottzubekommen.

Jonas baute innen Regalbretter an die Wand, weil er das konnte, und er wechselte die Ventile von zwei Reifen, weil er das auch konnte und weil sie kaputt waren. Dann pumpte er die Reifen neu auf.

Reden tat er nicht so viel.

Ella kümmerte sich um die Vorräte, die sie nach und nach aus dem Keller der Buchenstocks entlieh: Saftkartons, Schokolade, Toastbrot … Zur Vergemütlichung fand sie ein paar alte Decken im Schuppen. Wenn Nenn-mich-Marianne fragte, ob sie nicht doch noch reiten lernen wollte, erfand sie ständig neue Ausreden, sodass Nenn-mich-Marianne am Ende sagte: »Weißt du, es ist ja nicht so schlimm, Angst vor Pferden zu haben. Wir können andere nette Dinge zusammen machen …«

»Danke«, sagte Ella. »Ich habe ausreichend nette Dinge zu tun.«

Sie sah bereits vor sich, wie ihre Eltern sie nach den Ferien wieder abholten.

»Und?«, würden sie fragen. »Was für nette Dinge hast du in den Ferien getan?«

»Oh«, würde Ella sagen – ganz bescheiden und beiläufig. »Ich bin mit einem Zirkus unterwegs gewesen und habe einen armen Jungen und seine kranke Mutter gerettet. Außerdem habe ich den Leibeigenen der Buchenstocks befreit. Was gibt es zum Tee?«

 

Und dann stand der Wagen startbereit im Brennnesselmeer.

Ella betrat das blaue Gästezimmer zum letzten Mal, schlug das TAGEBUCH EINES ARMEN WAISENKINDES auf und schrieb:

Heute Nacht werden wir fliehen. Die Besitzer des Waisenhauses wollen mich zwingen, auf einem ihrer Drachen zu reiten. Als ich runterfiel mich der Drache brutal abwarf, landete ich direkt vor einem Zirkuswagen. Auf dem Kutschbock saß Herr Mi ein geheimnisvoller Fremder.
»Ella Fuchs«, sagte er. »Komm mit mir, wir werden zusammen die Welt rett verbess bereisen. Dies ist ein geheimer Zirkus, der nur arme Waisenkinder mitnimmt. Nimm deinen Bruder Gottlie Dietrich, und hol den Jungen mit der Gurke.«

Auf einen einzelnen Zettel schrieb sie:

Lieber Heinz, liebe Marianne! Ihr habt ein hübsches Haus, aber ich habe Heimweh. Ich werde mein Geld nehmen und mit dem Bus und dem Zug nach Hause fahren. Da wohnt nämlich auch benachbart meine Oma, bei der bleibe ich für die Ferien. Ich rufe an, wenn ich da bin.
PS: Herr Minke hat mir erzählt, dass er auch gerade seine Oma besuchen will. Ist das nicht ein Zufall?
PPS: Alles Liebe, Eure Ella.

Sie fand Herrn Minke draußen bei Jonas, wo er eben die Esel vor den Wagen spannte.

Er trug einen sehr blauen Wintermantel und eine rote Baseballkappe. »Neu«, sagte er stolz und tippte an die Kappe. »Für die Reise.« Dann sah er an dem Mantel hinunter und fügte hinzu: »Nich neu. Ausgeliehen von Marianne.«

Der Mantel hatte goldene Knöpfe. Um die Mitte herum spannte er sehr. Ein bisschen sah Herr Minke aus wie eine Wurst in einer blauen Pelle.

»Sehr schön«, sagte Ella höflich.

Und dann zogen die Esel den Wagen aus dem Brennnesselmeer auf die Straße. Herr Minke kletterte auf den Kutschbock, der nur aus einem Brett bestand, und nahm die Zügel.

»Jetzt fängt es an«, flüsterte Ella. »Das Abenteuer.«

»Hm, ja«, sagte Jonas. »Ella? Ich glaube, du musst das Abenteuer alleine erleben. Ich … ich kann meine Mutter nicht allein lassen. Es geht einfach nicht.«

»Aber wie soll ich denn alleine ein Zirkus sein?«, rief Ella. »Ich brauche Jonas, den Tiger-Dompteur!«

Sie merkte, dass Tränen in ihre Augen stiegen. Herr Minke entfernte sich samt Wagen langsam, aber stetig. Er hatte nicht gemerkt, dass Jonas und Ella stehen geblieben waren.

Da raschelte es neben ihnen, und ein Geist trat vor ihnen auf den Weg. Ella machte einen Satz in die Luft vor Schreck. Der Geist trug einen alten Trainingsanzug und Hausschuhe. Er war dünn, hatte müde Augen und langes, strähniges Haar.

»Jonas?«, fragte der Geist. »Ich bin dir nachgegangen … ich wollte nur sagen: Fahr ruhig. Irgendwas musst du doch auch erleben in den Ferien.«

Da begriff Ella, dass es kein Geist war, sondern Jonas’ Mutter.

»Du bist Ella, oder?«, fragte sie. »Ella, die jonglieren kann und ein bisschen verrückt ist? Pass mir auf den Dompteur auf.« Sie nahm Ellas Hände und drückte sie, und Ella wurde ganz feierlich zumute.

»Jetzt müssen wir aber rennen«, sagte sie. »Sonst fährt Herr Minke alleine einmal rund um die Erde.«

Jonas schien zu schlucken. »Okay«, sagte er dann.

Und sie rannten.

 

»Hast du meine Schmuckschachtel gesehen?«, fragte die Kleine.

Sie hatte draußen vor dem Schuppen gewartet, wo sie die Pferde abgestellt hatten. Die Blauen Pferde, dachte er und lächelte. Er war allein, die anderen waren noch drinnen.

»Grün? Mit rosa und weißen Perlen?«, sagte die Kleine.

Nummer sieben knurrte. »Glaubst du, ich klau kleinen Mädchen ihre Schmuckschachteln?«

»Du vielleicht nicht. Aber ein anderer von den Blauen Reitern.«

»Klar. Und dann verkleiden wir uns als Prinzessinnen und gehen eiskunstlaufen.«

Die Kleine zuckte die Schultern. »Wenn ihr besoffen genug seid. Ich weiß jetzt auch, was ihr sonst so macht. Ich bin nämlich schlau.«

Nummer sieben packte sie und hob sie hoch. Er sah, wie die Angst in ihre Augen kroch. »Behalt für dich, was du weißt«, zischte er. »Verstanden? Die Blauen Reiter gibt es nicht.« Dann stellte er sie auf die Füße. »Und jetzt lauf und geh spielen.«

Aber sie streckte ihm die Zunge heraus, ehe sie fortlief.

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Clowns

Als Ella aufwachte, befand sie sich in einem kleinen Kasten.

Dann setzte sie sich auf und erinnerte sich, wo sie war.

»In einem Zirkuswagen«, flüsterte sie.

Das Morgenlicht fiel goldgelb durch die Ritzen des geschlossenen Fensters. Auf dem neu eingebauten Regal lagen die bunten Jonglierbälle, ein Stapel Bücher und ihre Essensvorräte. Daneben stand der Campingkocher, den Jonas gefunden hatte, und irgendwo zwischen den Decken fand sie auch Jonas. Er schlief noch, und auch Tiger schnarchte leise. Sie lächelte, stand auf und schlüpfte durch die Tür hinten am Wagen ins Freie.

Die Esel waren schon wach und grasten Gras, in dem Tautropfen funkelten. Neben ihnen führte ein kleiner Steg durchs Schilf ins Wasser. Herr Minke war nirgendwo zu sehen.

Da streifte Ella ihre Kleider ab, rannte über den Steg und sprang einfach ins Wasser. Und obwohl es eiskalt war, fühlte es sich wunderbar an. Ich bin frei, dachte Ella und schwamm ein Stück hinaus. Ich kann baden, wo und wann ich will, und –

»Ella?«, rief jemand hinter ihr. »Kommst du von selber wieder, oder muss ich dich zum Frühstück angeln?«

Ella drehte sich um. Jonas stand auf dem Steg und winkte mit ihrer Hose. Neben ihm saß Tiger und kaute auf ihrem T-Shirt herum.

»Geht weg!«, rief Ella.

Aber Jonas und Tiger warteten seelenruhig, bis sie zum Steg zurückgeschwommen kam.

»Es gibt keine Leiter, Schlaumeier«, sagte Jonas. »Und am Ufer sind lauter fiese spitze Steine. Gib mir deine Hand, dann zieh ich dich raus.«

Ella knurrte. Eigentlich hatte sie geplant, Jonas zu retten, nicht, sich von ihm retten zu lassen, und schon gar nicht ohne Kleider. Aber schließlich ließ sie sich doch rausziehen.

»Guten Morgen«, sagte Jonas und grinste. Dann drehte er sich um und ging davon, um auf dem Campingkocher Tee zu machen.

 

»Hast du Herrn Minke gesehen?«, fragte Ella, während sie Tee und ungetoasteten Toast frühstückten. Jonas schüttelte den Kopf.

»Dann müssen wir ohne ihn anfangen, unser Zirkusprogramm einzustudieren«, meinte Ella. »Was kannst du? Außer Mundharmonika spielen?«

Jonas überlegte. »Gurkensalat machen?«

Ella verdrehte die Augen. »Prima. Ich schlage vor, wir machen eine Nummer, in der du auf einer Gurke Mundharmonika spielst.« Sie streichelte Tiger, der gerade das fünfte Toastbrot verschlang und darüber nachzudenken schien, die Plastikverpackung zum Nachtisch zu fressen. »Oder du übst ein, Tiger durch einen brennenden Reifen springen zu lassen.«

»Der Zirkuswagen hat vier Reifen«, sagte Jonas und lachte. »Ich weiß natürlich nicht, wie gut die brennen …«