Beschreibung

Es ist der Sommer 1960. Die schwüle Hitze macht allen in Elm Haven, Illinois, schwer zu schaffen, und die Tage fließen träge dahin. Für die fünf Freunde Mike, Duane, Dale, Harlen und Kevin wird diese Zeit zum Sommer ihres Lebens, dessen Ereignisse ein unzerstörbares Band der Freundschaft und des geteilten Grauens zwischen ihnen schmieden werden. Denn noch ahnen sie nicht, was im Keller ihrer Schule lauert. Noch liegt Elm Haven friedlich in der Sommerhitze …

Mit "Elm Haven", das die beiden Romane "Sommer der Nacht" und "Im Auge des Winters" enthält, hat Dan Simmons einen großen Klassiker der amerikanischen Horrorliteratur geschrieben..

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EPUB

Seitenzahl: 1589


Das Buch

Sommer 1960: Schwüle Hitze brütet in den Straßen der kleinen Stadt Elm Haven in Illinois. Träge fließen die Tage dahin und vor den fünf Freunden Mike, Duane, Dale, Harlen und Kevin liegt die beste Zeit ihres Lebens – die Sommerferien. Drei Monate lang keine Schule, keine Hausaufgaben, keine Lehrer, stattdessen Wochen von grenzenloser Freiheit. Denken sie zumindest … Denn schon bald geschehen merkwürdige Dinge: Ein geheimnisvoller Soldat wird immer wieder in den Feldern rund um Elm Haven gesehen, ein mysteriöser Truck tötet beinahe einen der Freunde und schließlich verschwindet ein Junge spurlos durch ein Loch in der Wand. All diese Ereignisse scheinen mit dem riesigen leerstehenden Gebäude der Old Central School zusammenzuhängen. Als die Freunde versuchen, mehr darüber herauszufinden, stoßen sie auf ein uraltes Geheimnis – und der Albtraum beginnt.

Vierzig Jahre später kehrt der erfolgreiche, aber unglückliche Schriftsteller Dale Stewart nach Elm Haven zurück. Er hat eine Schreibblockade, seine Ehe liegt in Trümmern und in seiner Heimatstadt hofft er, genug Inspiration zu finden, um seinen neuen Roman zu beenden. Bald muss Dale jedoch feststellen, dass sich seit dem denkwürdigen Sommer 1960 zwar einiges verändert hat, eines jedoch nicht: das Grauen ist noch immer in Elm Haven zu Hause …

Der Autor

Dan Simmons wurde 1948 in Illinois geboren. Nach dem Studium arbeitete er einige Jahre als Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Simmons ist heute einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Romane Terror, Die Hyperion-Gesänge und Endymion wurden zu internationalen Bestsellern, die Verfilmung von Terror ist eine der erfolgreichsten TV-Serien unserer Zeit. Der Autor lebt mit seiner Familie in Colorado.

Dan Simmons

ELM HAVEN

Sommer der Nacht Im Auge des Winters

Zwei Romane in einem Band

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgaben

SUMMER OF NIGHT

A WINTER HAUNTING

Deutsche Übersetzung von Joachim Körber (»Sommer der Nacht«) und Friedrich Mader (»Im Auge des Winters«)

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Überarbeitete Neuausgabe 04/2019

Copyright © 1991, 2002 by Dan Simmons

Copyright © 2019 dieser Ausgabe und der Übersetzung by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-23475-1V001

www.heyne.de

Für Wayne, der dabei war, als alles passiert ist.

1

Unerschütterlich ragte die Old Central School mitten in Elm Haven auf, ein riesiger Bau, von Stille und Geheimnissen erfüllt. Durch die wenigen Sonnenstrahlen, die hineingelangten, schwebte der Kreidestaub von vierundachtzig Jahren, und von den dunklen Treppen und Böden stiegen Erinnerungen aus den Lackschichten auf, die die stehende Luft mit dem Mahagonigeruch von Särgen versetzten. Die Mauern der Old Central waren so dick, dass sie sämtliche Geräusche zu verschlucken schienen, die hohen Fenster, deren Glas vom Alter und von der Schwerkraft verformt und verzerrt war, tränkten die Luft mit brauner Müdigkeit.

Wenn überhaupt Zeit in Old Central verging, dann nur langsam. Schritte hallten gedämpft durch die Flure und Treppenhäuser, ohne zu den Bewegungen in den Schatten zu passen.

Der Grundstein von Old Central war 1876 gelegt worden, in dem Jahr, als General Custer und seine Männer weiter westlich beim Little Bighorn River abgeschlachtet worden waren; in dem Jahr, als weiter östlich während der Hundertjahrfeier der Nation in Philadelphia das erste Telefon vorgestellt wurde. Die Old Central School lag in Illinois, genau in der Mitte zwischen diesen beiden Schauplätzen und doch fernab vom Lauf der Geschichte.

Im Frühling des Jahres 1960 glich die Old Central School einigen der steinalten Lehrer, die hier bis jetzt unterrichtet hatten: zu alt, um weiterzumachen, aber zu stolz für den Ruhestand, und nur durch Gewohnheit und die störrische Weigerung, sich zu beugen, aufrecht gehalten. Selber eine unfruchtbare und tückische alte Jungfer, lieh sich Old Central im Lauf der Jahrzehnte anderer Leute Kinder aus.

Mädchen hatten im Schatten ihrer Flure und Klassenzimmer mit Puppen gespielt und waren später im Kindbett gestorben. Jungs rannten rufend durch die Korridore, mussten in der zunehmenden Dunkelheit des Winternachmittags in stummen Zimmern nachsitzen und wurden an Orten begraben, die nie im Geografieunterricht erwähnt wurden: San Juan Hill, Belleau Wood, Okinawa, Omaha Beach, Pork Chop Hill oder Inchon.

Ursprünglich war Old Central von freundlichen jungen Ulmenschösslingen umgeben gewesen, und die näher stehenden Bäume hatten an warmen Mai- und Septembertagen den unteren Klassenzimmern Schatten gespendet. Aber im Lauf der Jahre starben diese Bäume ab, und der Ring gigantischer Ulmen, die den Block von Old Central säumten wie stumme Wächter, verkalkte und magerte durch Alter und Krankheit zu einem Skelett ab. Einige dieser Riesen wurden gefällt und abtransportiert, doch der Großteil blieb stehen, und die Schatten ihrer kahlen Äste streckten sich wie knorrige Hände über den Spielplatz und die Sportfelder, fast als wollten sie nach der Schule greifen.

Besucher der kleinen Stadt Elm Haven, die die Hard Road verließen und die zwei Blocks entlangschlenderten, bis sie Old Central sehen konnten, hielten die Schule manchmal irrtümlich für ein übergroßes Gerichtsgebäude oder ein abgelegenes, zu grotesken Dimensionen aufgeblähtes Amt des County. Was sollte das riesige dreigeschossige Bauwerk inmitten seines eigenen Blocks in dieser verfallenden Kleinstadt mit ihren achtzehnhundert Einwohnern sonst auch darstellen? Doch dann entdeckten die Besucher den Spielplatz und erkannten, dass es sich um eine Schule handelte. Eine bizarre Schule allerdings: Der schmuckvolle Glockenturm aus Kupfer und Bronze oberhalb des schwarzen, steilen Dachs war von Grünspan überzogen und schwebte mehr als fünfzehn Meter über dem Boden; protzige Steinbögen krümmten sich wie Schlangen über dreieinhalb Meter hohen Fenstern; die zusätzlichen, weit verteilten runden und ovalen Buntglasfenster wirkten wie eine absurde Kreuzung aus Schule und Kathedrale; die an ein Chateau erinnernden Giebel der Dachgauben ragten über Erkern im zweiten Stock empor; die seltsamen Voluten über den nach innen versetzten Türen und blinden Fenstern sahen wie Stein gewordene Holzschnitzereien aus; und am meisten beunruhigten die Besucher an diesem Gebäude seine gewaltigen und unheilvollen Ausmaße. Old Central mit seinen drei Fensterreihen, den überhängenden Erkern und spitzgiebligen Dachgauben, dem schrägen Dach und dem grünlich schimmernden Glockenturm schien für diese bescheidene Stadt viel zu groß.

Wenn der Besucher überhaupt eine Ahnung von Architektur hatte, hielt er oder sie auf der stillen Asphaltstraße an, stieg aus dem Auto, gaffte und machte ein Foto.

Doch dabei fiel dem aufmerksamen Betrachter plötzlich auf, dass die hohen Fenster große, schwarze Löcher waren, als wären sie entworfen worden, um das Licht zu verschlucken, anstatt es einzulassen oder zu reflektieren. Die theatralischen pseudoitalienischen Verzierungen waren einem brutalen und gewöhnlichen Stil aufgepfropft worden, den man als Schul-Gotik des mittleren Westens bezeichnen konnte; der abschließende Eindruck war nicht der eines atemberaubenden Bauwerks, nicht einmal der einer wahren architektonischen Kuriosität, sondern lediglich der einer zu groß geratenen, schizophrenen Anhäufung von Ziegeln und Steinen, gekrönt von einem Glockenturm, der eindeutig von einem Wahnsinnigen entworfen worden war.

Ein paar Besucher missachteten vielleicht ein zunehmendes Gefühl des Unbehagens und versuchten, von Einheimischen mehr zu erfahren; vielleicht fuhren sie sogar nach Oak Hill, dem Sitz des County, um in Aufzeichnungen über die Schule zu stöbern. Dort konnte man nachlesen, dass Old Central vor über achtzig Jahren Teil eines umfassenden Plans gewesen war, fünf große Schulen im County zu bauen – Northeast, Northwest, Central, Southeast und Southwest. Davon war Old Central die erste und einzige, die je gebaut wurde.

Elm Haven war 1870 größer gewesen als heute – 1960 –, was weitgehend auf die Eisenbahn (inzwischen nicht mehr in Betrieb) und einen massiven Zustrom von Siedlern zurückzuführen war, die ambitionierte Städteplaner von Chicago nach Süden gelockt hatten. Die Bevölkerung des County war von achtundzwanzigtausend im Jahr 1875 auf zwölftausend bei der Volkszählung von 1960 geschrumpft, hauptsächlich Farmer. 1875 hatten viertausenddreihundert Menschen in Elm Haven gewohnt, und Richter Ashley, der Millionär, der hinter dem Siedlungsplan und dem Bau von Old Central stand, hatte vorhergesagt, dass die Stadt bald mehr Einwohner als Peoria haben würde.

Der Architekt, den Richter Ashley von irgendwo aus dem Osten geholt hatte – ein gewisser Solon Spencer Alden –, war Student bei Henry Hobson Richardson und R.M. Hunt gewesen, und sein daraus resultierender albtraumhafter Baustil reflektierte die dunkleren Elemente der bevorstehenden Romanikrenaissance – allerdings ohne das Erhabene und Zweckhafte, das diese Bauwerke normalerweise zum Ausdruck brachten.

Richter Ashley hatte darauf bestanden – und Elm Haven hatte zugestimmt –, dass die Schule für kommende, umfangreichere Generationen von Schulkindern erbaut werden sollte, die im Creve Coeur County zu erwarten waren. Daher verfügte das Gebäude nicht nur über Klassenzimmer bis zum sechsten Jahrgang, sondern auch über Highschool-Räume im zweiten Stock – die nur bis zum Ersten Weltkrieg genutzt wurden –, Seitenflügel, die als Stadtbibliothek vorgesehen waren, und obendrein über Räumlichkeiten für ein College, falls sich die Notwendigkeit ergab.

Aber es kam nie ein College nach Creve Coeur County oder Elm Haven. Richter Ashleys Villa am Ende der Broad Avenue brannte bis auf die Grundmauern nieder, nachdem sein Sohn während der Wirtschaftskrise von 1919 Bankrott gemacht hatte. Old Central blieb stets eine Grundschule, die von immer weniger Kindern besucht wurde, da die Leute aus der Gegend fortzogen und in anderen Teilen des Countys Gesamtschulen erbaut wurden.

Die Highschool-Abteilung im zweiten Stock wurde überflüssig, als 1920 die richtige Highschool in Oak Hill ihre Tore öffnete. Die voll eingerichteten Zimmer wurden abgesperrt und der Dunkelheit und den Spinnweben überlassen. 1939 wurde die Stadtbibliothek aus den Räumen der Grundschulabteilung mit ihren Bogendecken ausquartiert, die Regale der oberen Galerie standen weitgehend leer und blickten auf die wenigen verbliebenen Schüler herunter, die durch die dunklen Flure und die breiten Treppen und Kellergewölbe schlichen wie Flüchtlinge in einer längst verlassenen Stadt aus einer rätselhaften Vergangenheit.

Im Herbst 1959 entschieden der neue Stadtrat und der Schuldistrikt Creve Coeur County, dass Old Central schon lange nicht mehr zweckdienlich und als architektonische Monstrosität – selbst in ihrem zurechtgestutzten Zustand – allzu schwer zu heizen und zu warten war; man beschloss, die letzten 134 Schüler der Klassen eins bis sechs ab Herbst 1960 auf die neue Gesamtschule in der Nähe von Oak Hill zu schicken.

Doch am letzten Schultag im Frühjahr 1960, nur wenige Stunden, bevor sie zwangsweise in den endgültigen Ruhestand versetzt werden sollte, hielt die Old Central School noch immer ihre Geheimnisse tief in sich verborgen.

2

Dale Stewart saß im Zimmer der sechsten Klasse von Old Central und war insgeheim davon überzeugt, dass der letzte Schultag die schlimmste Strafe war, die sich Erwachsene je für Kinder ausgedacht hatten.

Die Zeit verging so unglaublich langsam; es war schlimmer, als wäre er im Wartezimmer eines Zahnarztes, schlimmer, als hätte er Ärger mit seiner Mom und wartete darauf, bis sein Dad nach Hause kam, um das Strafmaß festzulegen, schlimmer als …

Es war furchtbar.

Die Uhr an der Wand über dem blau getönten Kopf der alten Mrs. Doppelbett sagte, dass es 14.43 Uhr war. Der Kalender an der Wand informierte ihn, dass heute Mittwoch, der 1. Juni 1960 war, der letzte Schultag, der letzte Tag, an dem Dale und die anderen die unsägliche Langeweile im Bauch von Old Central ertragen mussten – aber nun schien die Zeit in jeder Hinsicht so unerbittlich stehen geblieben zu sein, dass sich Dale vorkam wie ein Insekt in Bernstein, wie die Spinne in dem gelblichen Stein, den Pater Cavanaugh Mike geliehen hatte.

Es gab nichts zu tun. Nicht mal Schularbeiten. Die Sechstklässler hatten diesen Nachmittag um halb zwei ihre ausgeliehenen Schulbücher zurückgegeben, Mrs. Doubbet hatte sie entgegengenommen und jedes aufs Gründlichste nach Schäden untersucht … obwohl Dale sich nicht vorstellen konnte, wie sie die Beschädigungen dieses Schuljahrs von denen der jahrelangen Misshandlungen unterscheiden wollte, die die zerlesenen Schulbücher von früheren Ausleihern hatten erdulden müssen … und als das vorbei war und das leere Klassenzimmer ganz fremd aussah, bis hin zu den kahlen schwarzen Brettern und den säuberlich geschrubbten Holzpulten, hatte die alte Doppelbett lethargisch vorgeschlagen, dass sie etwas lesen sollten, obwohl die Bücher der Schulbibliothek schon am Freitag zuvor eingefordert worden waren, mit der Androhung, sonst das abschließende Zeugnis nicht zu bekommen.

Dale hätte sich ja eines seiner Bücher von daheim zum Lesen mitgebracht – vielleicht das Tarzan-Buch, das er mittags offen auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte, als er zum Essen nach Hause gegangen war, vielleicht auch einen der Doppelromane aus der ACE-Science-Fiction-Reihe, die er verschlang –, aber obschon er mehrere Bücher pro Woche las, hätte Dale niemals die Schule als Ort zum Lesen betrachtet. Die Schule war der Ort, wo man Klassenarbeiten schrieb, dem Lehrer zuhörte und Antworten gab, die so einfach waren, dass sogar ein Schimpanse sie aus den Büchern hätte ablesen können.

Und so hockten Dale und die anderen sechsundzwanzig Sechstklässler in der drückenden Hitze des Zimmers, während draußen ein aufziehendes Gewitter den Himmel verdunkelte und die ohnehin schon düstere Atmosphäre in Old Central noch mehr verfinsterte; der Sommer schien endlos weit zurückzuweichen, die Zeiger der Uhr erstarrten, und der stickige Dunst im Innern von Old Central legte sich wie eine Decke über sie.

Dale saß am vierten Pult in der zweiten Reihe von rechts. Von seinem Platz aus konnte er am Eingang zur Garderobe vorbei über den dunklen Flur sehen und gerade noch einen Teil der Tür zum Zimmer der fünften Klasse erkennen, wo Mike O’Rourke, sein bester Freund, ebenfalls auf das Ende des Schuljahrs wartete. Mike war so alt wie Dale – sogar einen Monat älter –, hatte aber die vierte Klasse wiederholen müssen, und daher waren die Freunde seit zwei Jahren durch den Abgrund eines ganzen Schuljahrs voneinander getrennt. Doch Mike hatte sein Unvermögen, die vierte Klasse zu absolvieren, mit derselben Fröhlichkeit hingenommen wie die meisten Situationen – er machte Witze darüber, war weiterhin Anführer auf dem Spielplatz, gehörte zu Dales engstem Freundeskreis und zeigte keinen Groll gegen Mrs. Groissant, diese alte Schachtel, die ihn ganz sicher aus schierer Boshaftigkeit hatte durchfallen lassen.

In Dales Klassenzimmer fanden sich ein paar von seinen anderen guten Freunden: Jim Harlen am ersten Pult, wo Mrs. Doubbet ihn im Auge behalten konnte. Momentan hatte Harlen den Kopf in die Hände gestützt, und seine Augen flackerten mit einer Nervosität durchs Klassenzimmer, die Dale ebenfalls spürte, aber zu verbergen versuchte. Harlen sah Dales Blick und verzog das Gesicht – mit einem Mund so elastisch wie Silly-Putty-Knetmasse.

Das alte Doppelbett räusperte sich, worauf Harlen wieder fügsam in sich zusammensank.

In der Fensterreihe saßen Chuck Sperling und Digger Taylor – Kumpels, Anführer, Wichtigtuer, Knallköpfe. Außerhalb der Schule sah Dale Chuck und Digger selten, nur im Training und bei Spielen der Jugendliga. Hinter Digger saß Gerry Daysinger in einem zerrissenen vergrauten T-Shirt. Außerhalb der Schule trugen alle Jeans und T-Shirts, aber nur die ganz armen Kinder wie Gerry und die Brüder von Cordie Cooke hatten sie auch in der Schule an.

Hinter Gerry saß Cordie Cooke selbst mit ihrem Mondgesicht und einem Ausdruck von Trägheit, der irgendwie weit über Dummheit hinausging. Sie hatte das feiste, flache Gesicht zum Fenster gewandt, doch ihre farblosen Augen blickten ins Leere. Sie kaute Kaugummi – sie kaute immer Kaugummi –, aber aus irgendwelchen Gründen schien Mrs. Doubbet das nie zu bemerken oder das Mädchen deshalb zurechtzuweisen. Hätten Harlen oder einer der anderen Tunichtgute der Klasse mit solcher Regelmäßigkeit Kaugummi gekaut, hätte Mrs. D. sie wahrscheinlich sofort suspendiert – aber bei Cordie Cooke schien sie das als natürlichen Zustand zu werten. Dale kannte das Wort Wiederkäuer nicht, aber wenn er Cordie sah, musste er oft an eine Kuh denken, die ihr Heu mampfte.

Hinter Cordie, am letzten besetzten Pult der Fensterreihe, saß Michelle Staffney, die einen beinahe erschreckenden Kontrast zu ihr bildete. Michelle trug einen makellosen hellgrünen Rock und eine gestärkte braune Bluse. Das Licht brachte ihr rotes Haar zum Leuchten, und Dale konnte selbst von seinem Platz aus ihre Sommersprossen sehen, die sich von ihrer blassen, fast durchscheinenden Haut abhoben.

Michelle sah von ihrem Buch auf, als Dale sie anschaute, und obwohl sie nicht lächelte, reichte der kurze anerkennende Blick aus, um das Herz des Elfjährigen schneller klopfen zu lassen.

Nicht alle Freunde von Dale befanden sich hier im Zimmer. Kevin Grumbacher war in der fünften Klasse – von Rechts wegen, da er neun Monate jünger war als Dale. Lawrence, Dales Bruder, saß in Mrs. Howes dritter Klasse im Erdgeschoss.

Dales Freund Duane McBride war hier. Duane – doppelt so dick wie der zweitpummeligste Schüler nach ihm – beanspruchte das dritte Pult der Mittelreihe. Er war wie immer beschäftigt und notierte etwas in dem abgegriffenen Spiralbuch, das er dauernd mit sich herumschleppte.

Duanes störrisches braunes Haar stand ihm zerzaust vom Kopf ab, und er rückte sich mit einer unbewussten Geste die Brille zurecht, während er stirnrunzelnd durchlas, was er geschrieben hatte, bevor er sich wieder an die Arbeit machte.

Obwohl die Temperatur über fünfundzwanzig Grad lag, trug Duane das dicke Flanellhemd und die ausgebeulten Cordhosen, die er den ganzen Winter über angehabt hatte.

Dale konnte sich nicht erinnern, dass er Duane je in Jeans und T-Shirt gesehen hatte, obwohl der dicke Junge von einer Farm stammte – Dale und Mike und Kevin und Jim und die meisten anderen kamen aus der Stadt – und dort Arbeiten erledigen musste.

Dale rutschte auf seinem Stuhl herum. Es war 14.49 Uhr. Aus einem abstrusen Grund, der mit dem Busfahrplan zu tun hatte, ging der Schultag erst um 15.15 Uhr zu Ende.

Dale studierte das Porträt von George Washington an der vorderen Wand und fragte sich zum zehntausendsten Mal dieses Jahr, wieso die Schulbehörde den Druck eines unfertigen Bildes aufhängte. Sein Blick schweifte zur Decke viereinhalb Meter über dem Boden und zu den drei Meter hohen Fenstern an der gegenüberliegenden Wand. Er betrachtete die Bücherkisten auf den leeren Regalen und fragte sich, was aus den Schulbüchern werden würde. Würde man sie zur Gesamtschule rüberschaffen? Oder verbrennen? Wahrscheinlich Letzteres, da Dale sich die alten, stockfleckigen Bücher nicht in der brandneuen Schule vorstellen konnte, an der seine Eltern mit ihm vorbeigefahren waren.

Vierzehn Uhr fünfzig. Noch fünfundzwanzig Minuten, bis der Sommer wirklich anfing, bis die Freiheit regierte.

Dale betrachtete die alte Doppelbett. Der Name kam ihm nicht voll Boshaftigkeit oder Gemeinheit in den Sinn; sie war immer das alte Doppelbett gewesen. Achtunddreißig Jahre lang hatten Mrs. Doubbet und Mrs. Duggan gemeinsam die sechste Klasse unterrichtet – ursprünglich in gegenüberliegenden Klassenzimmern, aber dann, als die Schülerzahl etwa zur Zeit von Dales Geburt zurückgegangen war, in ein und derselben Klasse –, Mrs. Doubbet vormittags Lesen, Aufsatz und Sozialkunde, Mrs. Duggan nachmittags Mathe und Naturwissenschaften, Rechtschreiben und Schönschrift.

Die beiden waren Mutt und Jeff, die humorlosen Abbott und Costello von Old Central: Mrs. Duggan dünn, groß und hektisch, Mrs. Doubbet klein, dick und langsam, ihre Stimmen fast gegensätzlich, was Timbre und Tonlage anging, ihre Leben miteinander verflochten. Sie lebten in nebeneinander gelegenen viktorianischen Häusern an der Broad Avenue, besuchten dieselbe Kirche, nahmen gemeinsam an Kursen in Peoria teil und verbrachten ihre Ferien zusammen in Florida; zwei unvollständige Persönlichkeiten, die ihre Fähigkeiten und Schwächen irgendwie kombinierten und so ein ausgewogenes Individuum schufen.

In diesem letzten Jahr der Vorherrschaft von Old Central war Mrs. Duggan kurz vor dem Erntedankfest krank geworden. Krebs, hatte Mrs. O’Rourke, Dales Mutter, mit Flüsterstimme verraten, als sie glaubte, die beiden Jungs würden nicht zuhören. Mrs. Duggan war nach den Weihnachtsferien nicht mehr zum Unterricht erschienen, aber anstatt eine Vertretung die Nachmittagsstunden übernehmen zu lassen und dadurch zu bestätigen, dass es bei Mrs. Duggan was Ernstes war, hatte Mrs. Doubbet die Fächer übernommen, die sie verabscheute – »nur bis Cora zurückkommt« – und derweil ihre Freundin gepflegt, zuerst in dem großen rosa Haus in der Broad, dann im Krankenhaus, bis eines Morgens nicht einmal mehr das alte Doppelbett erschienen war, zum ersten Male seit vier Jahrzehnten eine Aushilfe die sechste Klasse übernahm und man auf dem Spielplatz flüsterte, dass Mrs. Duggan gestorben sei. Das war am Tag vor dem Valentinstag.

Die Beerdigung fand in Davenport statt, und keiner der Schüler nahm daran teil. Auch wenn sie hier in Elm Haven gewesen wäre, hätte kein Schüler daran teilgenommen. Mrs. Doubbet kam zwei Tage später zurück.

Dale musterte die alte Frau und spürte so etwas wie Mitleid. Mrs. Doubbet war immer noch dick, aber jetzt hing das Gewicht an ihr wie ein zu groß geratener Mantel.

Wenn sie sich bewegte, wabbelten und schlotterten die Unterseiten ihrer dicken Arme, als hinge ihr Krepppapier von den Knochen. Ihre Augen waren dunkler geworden und lagen so tief in den Höhlen, dass sie wie Blutergüsse wirkten.

Momentan saß die Lehrerin bloß da und starrte aus dem Fenster; ihr Gesichtsausdruck war so leer und hoffnungslos wie der von Cordie Cooke. Das blau getönte Haar wirkte zerzaust und gelblich an den Wurzeln, und das Kleid saß seltsam schief, als hätte sie es irgendwo falsch zugeknöpft. Irgendein übler Geruch umwehte sie, der Dale an den Geruch von Mrs. Duggan kurz vor Weihnachten erinnerte.

Dale seufzte und verlagerte sein Gewicht. 14.52 Uhr.

Der Hauch einer Bewegung war auf dem Flur zu sehen, ein verstohlenes Huschen, ein blasses Leuchten, und Dale erkannte Tubby Cooke, Cordies fetten und verblödeten Bruder, der über den Flur schlich. Tubby linste herein und versuchte, die Aufmerksamkeit seiner Schwester auf sich zu lenken, ohne vom Doppelbett bemerkt zu werden. Aber vergebens. Cordie war vom Himmel draußen hypnotisiert und hätte ihren Bruder nicht bemerkt, wenn er einen Backstein nach ihr geworfen hätte.

Dale nickte Tubby knapp zu. Der große Viertklässler in der Latzhose zeigte ihm den Stinkefinger, hielt etwas hoch, vielleicht einen Passierschein für die Toilette, und verschwand wieder im Schatten.

Dale verlagerte das Gewicht. Tubby spielte gelegentlich mit ihm und seinen Freunden, obwohl die Cookes in einer mit Dachpappe verkleideten Hütte aus Betonziegeln draußen bei den Bahngleisen in der Nähe des Getreidesilos wohnten. Tubby war dick, hässlich, dumm und schmutzig und kannte mehr schlimme Wörter als jeder andere Viertklässler, der Dale bisher begegnet war, aber das wäre letztendlich kein Hindernis gewesen, Mitglied der Gruppe von Stadtkindern zu sein, die sich selbst die »Fahrradpatrouille« nannten. Normalerweise jedoch wollte Tubby nichts mit Dale und seinen Freunden zu tun haben.

Dale fragte sich kurz, was der Idiot im Schilde führen konnte, dann sah er wieder auf die Uhr. Es war immer noch 14.52 Uhr.

Insekten in Bernstein.

Tubby Cooke gab es auf, seiner Schwester zu winken, und ging zur Treppe, ehe Doppelbett oder eine andere Lehrerin ihn auf dem Flur bemerkten. Tubby hatte zwar von Mrs. Groissant einen Passierschein für die Toilette, aber das bedeutete nicht, dass eine der alten Tanten ihn nicht in sein Klassenzimmer zurückschicken würde, wenn sie ihn beim Herumlungern auf dem Flur erwischte.

Tubby schlurfte die breite Treppe hinunter und sah die Stellen, wo das Holz von Generationen von Kinderfüßen abgetreten worden war, dann hastete er über den Treppenabsatz unter dem runden Fenster. Das aufziehende Gewitter hatte das einfallende Licht widerlich rot verfärbt. Tubby ging unter den leeren Regalen der ehemaligen Stadtbibliothek entlang, die um das gesamte Zwischengeschoss führten, ohne sie richtig zu bemerken. Die Regale standen leer, seit Tubby hier zur Schule ging.

Er hatte es eilig. Der Unterricht dauerte keine halbe Stunde mehr, und er wollte nach unten zur Knabentoilette, bevor der Tag zu Ende war und sie diese verfluchte alte Hütte für immer schlossen.

Im Erdgeschoss fiel mehr Licht herein, und durch die summende Betriebsamkeit der Klassen eins bis drei wirkte dieses Stockwerk irgendwie menschlicher, obwohl das dunkle Treppenhaus in die Dunkelheit der oberen Etagen mündete. Tubby eilte quer durch die offene Halle, bevor einer der Lehrer ihn sehen konnte, ging durch eine Tür und lief die Treppe in den Keller hinunter.

Es war seltsam, dass die dumme Schule keine Toiletten im Erdgeschoss oder im ersten Stock hatte. Nur im Keller gab es Klos, aber dafür zu viele … Die WCs für die Grund- und Mittelstufe, das abgeschlossene Klo neben dem zurückversetzten Zimmer mit der Aufschrift LEHRER-AUFENTHALTSRAUM, die kleine Toilette neben dem Heizraum, wo Van Syke pinkeln ging, wenn er mal musste, und darüber hinaus eine Menge weitere Räumlichkeiten – möglicherweise ebenfalls Klos – in den unbenutzten Fluren, die in der Dunkelheit verschwanden.

Tubby wusste wie viele Kinder, dass es noch Treppen gab, die vom Keller aus abwärtsführten, aber Tubby war genau wie die anderen noch nie da unten gewesen und hatte es auch nicht vor. Herrgott, da unten gab es nicht mal Licht! Niemand außer Van Syke und möglicherweise Rektor Roon wussten, was da unten lag.

Wahrscheinlich noch mehr Klos, dachte Tubby.

Er steuerte auf die Toilette für die höheren Klassen mit der Aufschrift BOY’S zu. Das Schild war schon seit Menschengedenken so. Tubbys Alter hatte ihm erzählt, es sei schon so gewesen, als er noch hier zur Schule gegangen war, und Tubby wie auch sein Alter wussten nur deshalb, dass der Wiehießerdochgleich, der Apostroph an der falschen Stelle war, weil die alte Lady Duggan von der sechsten Klasse dauernd herumgenörgelt und sich beschwert hatte, dass es so nicht stimmte. Schon als Tubbys Alter noch ein Kind gewesen war, hatte sie deswegen Zustände gekriegt. Nun, jetzt war die alte Lady Duggan tot und verfaulte auf dem Calvary-Friedhof hinter der Black Tree Tavern, wo Tubbys Alter fast den ganzen Tag rumhing, und Tubby fragte sich, warum die alte Frau das Wort nicht einfach geändert hatte, wenn es ihr so viel Kopfzerbrechen bereitete. Sie hatte an die hundert Jahre Zeit gehabt, hier runterzusteigen und das Schild neu zu beschriften. Tubby vermutete, dass sie sich gern deswegen aufgeregt hatte … weil sie dann oberschlau wirkte und andere Menschen, wie Tubby und sein Vater, sich dumm vorkamen.

Tubby eilte den dunklen Flur entlang. Hier waren die Backsteinwände vor Jahrzehnten grün und braun gestrichen worden, an der niedrigen Decke verliefen Rohre und die Sprinkleranlage, und man hatte den Eindruck, als würde man durch einen langen, schmalen Tunnel auf eine Gruft zumarschieren.

Wie in dem Film über die Mumie, den Tubby im vergangenen Sommer gesehen hatte, als der Freund seiner älteren Schwester Maureen ihn und Cordie im Kofferraum ins Autokino von Peoria geschmuggelt hatte. Es war ein guter Film gewesen, aber Tubby hätte ihn mehr genossen, wenn er nicht ständig das Schmatzen, Schlabbern und Stöhnen auf dem Rücksitz hätte mit anhören müssen, wo Maureen es mit diesem pickligen Jungen namens Berk getrieben hatte.

Jetzt war Maureen schwanger und lebte mit Berk hinter der Müllhalde ganz in der Nähe von Tubbys Zuhause, aber er glaubte nicht, dass sie und dieser dämliche Berk verheiratet waren.

Cordie hatte die ganze Zeit verkehrt herum auf dem Vordersitz gekauert und lieber die geile Maureen und Berk beobachtet, statt sich die tollen Filme anzusehen.

Tubby hielt vor dem Eingang zur Toilette mit der Aufschrift BOY’S inne und lauschte, ob noch irgendjemand anders hier unten war. Manchmal lauerte der alte Van Syke den Kindern im Keller auf, und wenn sie Unfug anstellten, wie Tubby es vorhatte, aber auch, wenn sie gar nichts machten, verpasste Van Syke ihnen einen Schlag auf den Kopf oder kniff sie schmerzhaft in den Oberarm. Er tat nicht allen Kindern weh, den reichen Rotznasen wie Dr. Staffneys Tochter, dieser Dingsda … Michelle, zum Beispiel nicht, nur Kindern wie Tubby oder Gerry Daysinger und so. Kinder von Eltern, denen es scheißegal war oder die selber Angst vor Van Syke hatten.

Eine Menge Kinder hatten jedenfalls Angst vor Van Syke. Tubby fragte sich, ob auch viele Eltern Angst vor ihm hatten. Er lauschte, hörte nichts und schlich dann auf Zehenspitzen in die Toilette.

Sie war dunkel, niedrig und lang geschnitten. Es gab keine Fenster, und nur eine Glühbirne funktionierte. Die Urinale waren uralt und sahen aus, als wären sie aus irgendeinem glatten Stein oder was in der Art. Dauernd rann in ihnen das Wasser. Die sieben Toilettenkabinen waren verwüstet und vollgekritzelt. Tubbys Namen konnte man in zweien finden, den seines Alten in der letzten, und alle bis auf zwei hatten ihre Türen eingebüßt. Aber Tubby hatte was hinter den Waschbecken und Urinalen vor, hinter den Kabinen, im dunkelsten Bereich hinten bei der Außenwand.

Sie bestand aus Stein. Die gegenüberliegende Wand, wo sich die Urinale befanden, war aus rauen Ziegeln gebaut. Aber die Innenwand hinter den Kabinen bestand nur aus einer Art Gips, und dort stand Tubby jetzt und grinste.

Denn in dieser Wand war ein Loch; ein Loch, das zwölf oder fünfzehn Zentimeter über dem kalten Steinboden anfing (wie konnte noch ein Keller unter so einem Steinboden sein?) und fast neunzig Zentimeter hoch war. Tubby konnte frischen Gipsstaub auf dem Boden sehen, verfaulte Latten ragten wie freigelegte Rippen aus dem Loch hervor.

Seit Tubby heute Morgen hier unten gewesen war, hatten sich andere Kinder daran zu schaffen gemacht. Das war in Ordnung. Sie konnten einen Teil der Arbeit übernehmen, Hauptsache, es war Tubby, der dem Ding den letzten Arschtritt verpasste.

Tubby bückte sich und spähte in das Loch. Es war jetzt schon so breit, dass er den Arm reinstecken konnte, was er auch tat, und dabei spürte er eine Armeslänge weiter drinnen eine Mauer aus Stein oder Ziegeln. Links und rechts tastete Tubby nichts als freien Raum, und er fragte sich, wieso jemand diese neue Wand eingezogen hatte, wo die alte noch dahinter war.

Er zuckte die Achseln und fing an zu kicken. Das machte ziemlichen Lärm, der Gips bekam Sprünge, Latten splitterten, Stücke von der Wand und Staub flogen überallhin, aber Tubby war sich trotzdem sicher, dass ihn niemand hören würde. Die Mauern dieser dämlichen Schule waren dicker als die einer Burg.

Van Syke geisterte in diesen Kellerräumen herum, als würde er hier wohnen. Und vielleicht wohnt er ja echt hier, überlegte Tubby, niemand war ihm je anderswo begegnet … aber der unheimliche Hausmeister mit den schmutzigen Händen und gelben Zähnen war seit Tagen von keinem Schüler mehr gesehen worden, und es war ihm sowieso furzegal, ob manche der Boys (Boy’s, grinste Tubby) im Keller auf dem Klo eine Wand eintraten. Warum sollte sich Van Syke auch daran stören? In ein oder zwei Tagen würden sie dieses große alte Scheißhaus von einer Schule ohnehin zunageln. Und dann abreißen. Warum also sollte sich Van Syke daran stören?

Tubby kickte mit einer Verbissenheit gegen die Wand, die er sonst nur selten an den Tag legte, und ließ seine ganze Frustration an ihr aus. Fünf beschissene Jahre in dieser Schule, davor schon im Kindergarten, die ganze Zeit hatten sie ihn in diesem Schrotthaufen von einer Schule einen »langsamen Schüler« genannt. Fünf Jahre als »Verhaltensgestörter«, in denen er hier eingepfercht mit alten Schachteln wie Mrs. Groissant und Mrs. Howe und Mrs. Farris gehockt hatte, immer an einem Pult ganz in ihrer Nähe, damit sie ihn »im Auge behalten« konnten, sodass er ständig ihren Altweibermief riechen, ihren Altweiberstimmen zuhören und sich ihren Altweiberregeln beugen musste …

Tubby trat gegen die Wand und spürte, wie sie jetzt, wo das Loch größer wurde, zusehends nachgab, bis plötzlich Mörtelbrocken über seine Turnschuhe purzelten, ein sechzig mal eins zwanzig großes Stück einbrach und er in ein Loch blickte: Ein großes Loch. Eine richtige Höhle!

Tubby war ein dicker Viertklässler, aber dieses Loch war so groß, dass selbst er fast hineinpasste. Nein, er passte hinein! Ein ganzer Abschnitt der Wand war eingestürzt, sodass das Loch jetzt beinahe wie eine Luke in einem Unterseeboot wirkte. Tubby drehte sich zur Seite, steckte den linken Arm und die Schulter in die Öffnung, ließ den Kopf noch einen Moment draußen, und ein breites Grinsen legte sich über sein Gesicht. Dann hievte er das linke Bein in die Lücke zwischen der Trennwand und der alten Mauer dahinter. Das war ja ein verdammter Geheimgang hier!

Tubby duckte sich und trat ganz in das Loch, zog das rechte Bein nach, bis nur noch sein Kopf und ein Teil seiner Schulter herausragten. Er machte sich noch kleiner und zwängte sich mit einem leisen Grunzen in die kühle Dunkelheit.

Cordie oder mein Alter würden sich tierisch aufregen, wenn sie jetzt reinkämen. Natürlich würde Cordie niemals eine Toilette für Boy’s betreten. Oder doch? Tubbys Schwester war ziemlich daneben. Vor zwei Jahren, als sie selbst noch in die vierte Klasse ging, hatte Cordie den Baseballstar der Jugendliga Chuck Sperling, seines Zeichens ein komplettes Arschloch, bis zum Spoon River verfolgt, als er allein angeln gegangen war, hatte ihn den halben Vormittag beobachtet und schließlich überfallen, niedergeschlagen, sich auf seinen Bauch gesetzt und gedroht, sie würde ihm den Kopf mit einem Stein einschlagen, wenn er ihr nicht seinen Pimmel zeigte.

Laut Cordie hatte Sperling ihn weinend und Blut spuckend herausgeholt und ihr gezeigt. Tubby war sich ziemlich sicher, dass sie das außer ihm niemandem erzählt hatte, und er war ganz sicher, dass Sperling es niemandem je erzählen würde.

Tubby lehnte sich in seiner kleinen Höhle zurück, spürte den Mörtelstaub in seinem Bürstenschnitt und grinste in die spärlich erhellte Toilette. Er würde rausspringen und dem nächsten Jungen, der pinkeln musste, einen Heidenschreck einjagen.

Tubby wartete zwei oder drei Minuten lang, aber niemand kam. Einmal war ein Schlurfen oder Rasseln im Hauptkorridor des Kellers zu hören, aber dem folgte kein Turnschuhtappen, und niemand machte die Tür auf. Die einzigen anderen Geräusche waren das ständige Rinnen des Wassers in den Urinalen und ein leises Blubbern in den Rohren an der Decke, als würde die verfluchte Schule mit sich selbst reden.

Hier ist es wie in einem Geheimgang, dachte Tubby wieder, drehte den Kopf nach links und blickte die schmale Passage zwischen den beiden Wänden entlang. Es war dunkel und roch wie der Boden unter der Veranda seines Hauses, wo er sich vor seiner Ma und seinem Alten versteckt und gespielt hatte, als er noch kleiner war. Derselbe erdige, durchdringende Fäulnisgeruch.

Gerade als ihm etwas mulmig in dem engen Schacht wurde, sah Tubby ein Licht am anderen Ende der Passage, ungefähr dort, wo sich das Ende der Toiletten und die Außenmauern befanden, vielleicht ein Stückchen weiter. Und eigentlich war es gar kein Licht, sondern eher eine Art Leuchten. So ähnlich wie der weiche, grüne Schimmer, den Tubby schon nachts im Wald an verfaulenden Pilzen gesehen hatte, wenn er und sein Alter auf der Jagd gewesen waren.

Tubby spürte, wie es ihm am Hals kalt wurde. Er wollte schon aus dem Loch kriechen, doch dann wurde ihm klar, was das Leuchten bedeuten musste, und er grinste. Die Mädchentoilette nebenan (GIRLS’ – hier hatte es der Schildermaler richtig gemacht) musste eine Öffnung haben. Tubby stellte sich vor, wie er durch das Loch oder den Spalt, durch den das Leuchten drang, ins Mädchenklo spähte.

Mit etwas Glück konnte er ein Mädchen pinkeln sehen. Vielleicht sogar Michelle Staffney oder Darlene Hansen oder eine der anderen hochnäsigen Sechstklässlergören, mit den Schlüpfern auf den Knöcheln und entblößten Schamteilen.

Tubby spürte sein Herz klopfen, spürte sein Blut auch in einem anderen Körperteil pochen und schob sich seitwärts, weg von dem Ausgang und tiefer hinein in die Passage. Es war sehr eng.

Tubby blinzelte Spinnweben und Staub aus den Augen, roch das Unter-der-Veranda-Aroma von Erde ringsum und arbeitete sich dem Leuchten entgegen, weg vom Licht.

Dale und die anderen hatten sich in einer Reihe aufgestellt, bereit, ihre Zeugnisse in Empfang zu nehmen und verabschiedet zu werden, als das Kreischen anfing. Zuerst war es so laut, dass Dale es für ein merkwürdig hohes Donnergrollen des Gewitters hielt, das immer noch den Himmel vor den Fenstern verfinsterte. Aber es war zu schrill und dauerte zu lange, als dass es zu dem Unwetter gehören konnte – obwohl es sich andererseits auch nicht menschlich anhörte.

Zuerst schien das Geräusch von oben zu kommen, von der Treppe zur dunklen Etage der Highschool her, aber dann begann es von den Wänden widerzuhallen, von unten, sogar von den Rohren und dem Heizkörper aus Metall. Und es hörte nicht auf. Dale und sein Bruder Lawrence hatten im vergangenen Sommer auf der Farm von Onkel Henry und Tante Lena erlebt, wie man dort ein Schwein schlachtete. Man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten und es kopfüber an einem Balken in der Scheune über eine Blechschüssel gehängt, mit der man das Blut auffing. Dieses Geräusch jetzt erinnerte ihn daran: dasselbe Falsettkreischen und Quietschen, als würden Fingernägel über eine Schiefertafel gezogen, gefolgt von einem tieferen, volltönenderen Schrei, der in ein Gurgeln überging. Und dann fing es wieder an. Und wieder.

Mrs. Doubbet, im Begriff, dem ersten Schüler der Reihe – Joe Allen – sein Zeugnis auszuhändigen, erstarrte, drehte sich zur Tür um und fixierte sie noch einen Augenblick, nachdem das Geräusch endgültig verstummt war, als würde sie damit rechnen, dass der Verursacher des Geschreis dort auftauchen würde. Dale dachte, dass sich in den entsetzten Gesichtsausdruck der alten Frau noch etwas anderes mischte … Vorfreude?

Eine dunkle Gestalt tauchte im Halbdunkel unter der Tür auf, und die Klasse, die immer noch in alphabetischer Ordnung aufgereiht stand, holte kollektiv Luft.

Es war jedoch nur Dr. Roon, der Rektor, dessen dunkler Nadelstreifenanzug und eingeöltes schwarzes Haar mit der Finsternis des Flurs hinter ihm verschmolzen, sodass sein schmales Gesicht missbilligend dort zu schweben schien. Dale betrachtete die rosa Haut des Mannes und dachte nicht zum ersten Mal: Wie die Haut einer neugeborenen Ratte.

Dr. Roon räusperte sich und nickte der alten Doppelbett zu, die noch genau wie vorher Joe Allen sein Zeugnis hinhielt, die Augen aufgerissen und so blass, dass das Rouge und das übrige Make-up auf ihren Wangen aussahen wie bunter Kreidestaub auf weißem Pergament.

Dr. Roon blickte auf die Uhr: »Es ist … äh … Viertel nach drei. Ist die Klasse zur Verabschiedung bereit?«

Mrs. Doubbet brachte ein Nicken zustande. Die rechte Hand hatte sie so fest um Joes Zeugnis geklammert, dass Dale fast damit rechnete, das Knacken von splitternden Knöcheln zu hören.

»Äh … ja«, sagte Dr. Roon und ließ den Blick über die siebenundzwanzig Schüler schweifen, als wären sie Eindringlinge in seinem Gebäude. »Nun, Jungs und Mädchen, ich wollte euch nur mitteilen, dass es sich bei dem seltsamen Geräusch, das ihr eben gehört habt, wie Mr. Van Syke mir versicherte, lediglich um den Boiler handelte, der getestet wurde.«

Jim Harlen drehte sich einen Moment lang um, und Dale war sicher, dass er eine komische Grimasse schneiden würde – eine todsichere Katastrophe für Dale, der so nervös war, dass er dabei garantiert in hysterisches Gelächter ausgebrochen wäre. Und Dale wollte um nichts auf der Welt nachsitzen müssen. Doch Harlen riss nur die Augen zu einer Miene auf, die mehr skeptisch als komisch wirkte, und wandte sich wieder zu Dr. Roon um.

»… wie dem auch sei, ich wollte die Gelegenheit nicht versäumen, euch allen schöne Sommerferien zu wünschen«, fuhr Dr. Roon fort, »und euch allen noch mal das Privileg in Erinnerung rufen, dass ihr zumindest einen Teil eurer Ausbildung in der guten alten Old Central bekommen habt. Es ist zu früh, etwas über das endgültige Schicksal dieses prächtigen alten Bauwerks zu sagen, wir können nur hoffen, dass die Schulbehörde in ihrer Weisheit dafür Sorge tragen wird, es für zukünftige Generationen von Schülern zu erhalten.«

Dale entdeckte Cordie Cooke weiter hinten in der Reihe; sie blickte immer noch über die linke Schulter zum Fenster hinaus und bohrte selbstvergessen in der Nase.

Dr. Roon schien das nicht zu bemerken. Er räusperte sich, als wollte er eine zweite Ansprache halten, sah wieder auf die Uhr und sagte nur: »Nun gut. Mrs. Doubbet, wenn Sie nun so gut wären, den Kindern die Zeugnisse des vierten Quartals auszuteilen.« Der kleine Mann nickte, drehte sich um und löste sich in den Schatten auf.

Die alte Doppelbett blinzelte einmal, schien sich zu erinnern, wo sie war, und gab Joe Allen sein Zeugnis. Joe machte sich nicht die Mühe, auch nur einen Blick darauf zu werfen, sondern beeilte sich, an der Tür Aufstellung zu nehmen. Die anderen Klassen gingen schon in ordentlichen Reihen die Treppen hinunter; Dale war aufgefallen, dass in Fernsehserien und Filmen über Schulen die Schüler immer wie verrückt losstürmten, wenn sie entlassen wurden oder die Pausenglocke ertönte, aber in Old Central hatte er die Erfahrung gemacht, dass alle überallhin in Reihen gingen, und diese letzten Sekunden der letzten Minute des letzten Schultags bildeten da keine Ausnahme.

Die Reihe schlurfte an Mrs. Doubbet vorüber, Dale bekam sein Zeugnis in dem braunen Umschlag und nahm einen säuerlichen Geruch nach Schweiß und Talkum an seiner Lehrerin wahr, als er an ihr vorbei in die andere Reihe wechselte. Schließlich hatte auch Pauline Zauer ihr Zeugnis bekommen, die Reihen an der Tür formierten sich – zum Hinausgehen stellten sie sich nicht alphabetisch auf, sondern Jungen und Mädchen getrennt, die für den Bus zuerst, dann die Kinder aus der Stadt –, und Mrs. Doubbet postierte sich vor ihnen, verschränkte die Arme, als wollte sie eine abschließende Bemerkung oder einen Kommentar von sich geben, bedeutete ihnen dann aber nur mit einer stummen Geste, Mrs. Shrives fünfter Klasse zu folgen, die gerade die Treppe hinunterstapfte.

Joe Allen machte den Anfang.

Draußen atmete Dale die schwüle Luft ein und hätte beinahe im Licht und der plötzlichen Freiheit zu tanzen angefangen. Die Schule ragte wie eine gigantische Mauer hinter ihm auf, aber auf den Schotterwegen und Rasenflächen des Schulhofs tummelten sich aufgeregt die Kinder, zerrten Fahrräder von den Radständern, liefen zu den Schulbussen, wo die Fahrer sie zur Eile mahnten, und ließen ihre Freude in Lärm und Bewegung explodieren.

Dale winkte Duane McBride zum Abschied, der in einen Schulbus gedrängt wurde, dann fiel sein Blick auf eine Gruppe Drittklässler, die wie Wachteln um den Fahrradständer herumwuselten.

Dales Bruder Lawrence galoppierte den Weg entlang, ließ sein Überbissgrinsen unter der dicken Brille sehen und hielt den leeren Leinenschulranzen fest, als er sich von seinen Kameraden losmachte und zu Dale gestürmt kam.

»Frei!«, rief Dale und wirbelte Lawrence durch die Luft.

Mike O’Rourke, Kevin Grumbacher und Jim Harlen kamen auch herüber. »Mann«, sagte Kevin, »habt ihr dieses Geräusch gehört, als Mrs. Shrives uns aufgestellt hat?«

»Was war das, was meint ihr?«, fragte Lawrence, als die Gruppe sich über den Rasen des Baseballfeldes in Bewegung setzte.

Mike grinste. »Ich glaube, es war Old Central, die einen Drittklässler verspeist hat.« Er rubbelte mit den Knöcheln über Lawrence’ Bürstenschnitt.

Lawrence lachte und duckte sich weg.

»Ach komm, echt?«

Jim Harlen bückte sich und reckte der alten Schule seinen Hintern entgegen.

»Ich glaube, es war das alte Doppelbett, das einen Furz gelassen hat«, sagte er und lieferte den entsprechenden Geräuscheffekt dazu.

»Hey«, rief Dale, zielte mit dem Fuß auf Harlens Allerwertesten und nickte zu seinem kleinen Bruder hinüber. »Pass auf, was du sagst, Harlen.«

Aber Lawrence wälzte sich schon lachend im Gras.

Die Schulbusse fuhren auf verschiedenen Straßen davon. Der Schulhof leerte sich zusehends, Schüler hasteten unter den hohen Ulmen davon, auf der Flucht vor dem drohenden Unwetter.

Dale blieb am Rand des Baseballfelds stehen, genau gegenüber seinem Haus, und betrachtete die Wolken, die sich über Old Central auftürmten. Die Luft war schwül und so still wie vor Sturmwarnungen, aber er bemerkte jetzt, dass die Gewitterfront schon fast vorbeigezogen war. Im Süden war über den Bäumen ein Streifen blauer Himmel zu sehen. Noch während die Jungen hinsahen, kam Wind auf, brachte die Blätter der Bäume rings um den Block zum Rauschen, und der Sommergeruch von frisch gemähtem Gras, von Blüten und Vegetation erfüllte die Luft.

»Schaut mal«, sagte Dale.

»Ist das nicht Cordie Cooke?«, fragte Mike.

»Ja.« Die plumpe Gestalt stand allein vor dem Nordeingang zur Schule, hatte die Arme verschränkt und wippte mit dem Fuß auf und ab. In dem zu großen Hauskleid, das fast auf dem Kies schleifte, sah sie altbackener und dümmer aus denn je. Die zwei kleinen Cooke-Zwillinge aus der ersten Klasse standen in schlotternden Latzhosen hinter ihr. Die Cookes wohnten so weit außerhalb der Stadt, dass sie ein Recht auf Transport mit dem Schulbus gehabt hätten, aber kein Bus fuhr Richtung Getreidesilo und Müllhalde, daher gingen Cordie und ihre drei Brüder zu Fuß auf den Eisenbahnschienen nach Hause. Jetzt schrie sie etwas in das Gebäude hinein.

Dr. Roon tauchte unter der Tür auf und scheuchte sie mit einem Wedeln seiner rosa Hand fort. Weiße Schlieren in den hohen Fenstern oben hätten die Gesichter von Lehrern sein können, die heraussahen. Mr. Van Sykes Visage schwebte hinter dem Rektor in der dunklen Türöffnung.

Roon rief noch etwas, drehte sich um und machte die große Tür zu. Cordie Cooke bückte sich, hob einen Stein vom Kiesweg auf und warf ihn Richtung Schule. Der Stein prallte von der Fensterscheibe des Haupteingangs ab.

»Großer Gott«, hauchte Kevin.

Die Tür wurde aufgerissen, und Van Syke stürmte in dem Augenblick heraus, als Cordie die Hände ihrer beiden kleinen Brüder schnappte und den Kiesweg nahm. Auf der Depot Street hasteten sie in Richtung Schienen davon. Für ein dickes Mädchen bewegte sie sich ziemlich schnell. Einer ihrer Brüder stolperte, als sie die Third Avenue überquerten, aber Cordie zerrte ihn einfach mit, bis er wieder Tritt fasste. Van Syke trabte zum Rand des Schulgeländes und blieb dort stehen, seine langen Finger machten Greifbewegungen in der Luft.

»Großer Gott«, sagte Kevin wieder.

»Kommt mit«, sagte Dale. »Ziehen wir Leine. Meine Mom hat gesagt, sie hat nach der Schule für uns alle Zitronenlimonade.«

Die Gruppe der Jungs verließ mit einem Jubelruf den Schulhof, eilte unter den Ulmen dahin, hüpfte über den Asphaltbelag der Depot Street und rannte der Freiheit und dem Sommer entgegen.

3

Wenige Tage im Leben eines Menschen – zumindest eines Mannes – sind so frei, so übermütig, so grenzenlos weit und voller Möglichkeiten wie der erste Ferientag, wenn man ein elfjähriger Junge ist. Der Sommer liegt wie ein großes Festmahl vor einem, die Tage sind gefüllt mit üppiger, langsamer Zeit, in der man jeden Gang genießen kann.

Als er am ersten, köstlichen Morgen der Sommerferien erwachte, hatte Dale Stewart für einen Moment in der kurzen Dämmerphase des Bewusstseins verharrt und den Unterschied bereits gekostet, noch bevor ihm klar wurde, worin der bestand: kein Wecker, kein Ruf seiner Mutter, der ihn und seinen Bruder Lawrence aus dem Schlaf riss, kein grauer, kalter Nebel, der gegen die Fensterscheibe drückte, und keine noch grauere, noch kältere Schule, die sie um halb neun erwartete, kein lautstarker Chor von Erwachsenenstimmen, die ihnen vorschrieben, was sie zu tun hatten, welche Schulbuchseite sie aufschlagen, welche Gedanken sie denken mussten. Nein, heute Morgen zwitscherten die Vögel, die duftende, warme Sommerluft wehte durch die Jalousie, weiter unten in der Straße war das Brummen eines Rasenmähers zu hören, als ein pensionierter Frühaufsteher mit der täglichen Gartenarbeit anfing, und schließlich – hinter den Vorhängen bereits zu ahnen – der strahlende, warme Segen des Sonnenlichts, das über die Betten von Dale und Lawrence fiel, als wäre das ganze graue Schuljahr wie ein Schleier weggezogen worden.

Dale hatte sich auf die Seite gedreht und in die Augen seines Bruders geblickt, die ihn über den schwarzen Glasaugen seines Teddybärs anstarrten. Dann hatte Lawrence sein fröhliches Überbissgrinsen gegrinst, und die beiden Jungs waren aufgesprungen, hatten hastig die Pyjamas abgestreift, die bereitliegenden Jeans und T-Shirts angezogen, dann die sauberen weißen Socken und nicht ganz so sauberen Turnschuhe übergestreift, und dann stürmten sie hinaus, trampelten die Treppe hinunter, um ein schnelles Frühstück einzunehmen und mit ihrer Mutter über alberne Dinge zu lachen, und endlich ging es hinaus, auf die Räder, die Straße entlang, fort, direkt in den Sommer hinein.

Drei Stunden später fläzten sich die Brüder mit ihren Freunden in Mike O’Rourkes Hühnerhaus auf dem Sprungfedersofa ohne Füße, den aufgerissenen Stühlen und dem abfallübersäten Boden ihres inoffiziellen Clubhauses. Alle waren da – Mike, Kevin, Jim Harlen und sogar Duane McBride, der von seiner Farm gekommen war, weil sein Dad im Genossenschaftsladen einkaufen war –, und alle schienen durch die bestürzende Vielfalt an Möglichkeiten, die sich ihnen bot, in Tatenlosigkeit erstarrt zu sein.

»Wir könnten zum Stone Creek oder Hartley’s Pond fahren«, sagte Kevin. »Schwimmen gehen.«

»Mm-mmm«, sagte Mike. Er lag auf dem Sofa, mit den Beinen über der Rückenlehne, dem Rücken auf dem Sprungfederkissen und dem Kopf auf einem Fanghandschuh auf dem Boden. Mit einem Gummiband, das er nach jedem Schnalzen wieder spannte, schoss er auf einen Weberknecht an der Decke. Bisher hatte er sorgfältig darauf geachtet, dass er das Insekt nicht traf, aber es lief schon einigermaßen aufgeregt hin und her. Jedes Mal, wenn es sich einem schützenden Riss oder einem der Balken näherte, ließ Mike das Gummiband schnippen, sodass das Tier in eine andere Richtung krabbelte. »Ich will nicht schwimmen gehen«, sagte Mike. »Nach dem Gewitter gestern Abend werden sämtliche Mokassinschlangen aufgeschreckt sein.«

Dale und Lawrence sahen sich an. Mike hatte Angst vor Schlangen; sie waren das Einzige, wovor sich ihr Freund fürchtete.

»Dann Baseball spielen«, sagte Kevin.

»Nee«, sagte Harlen, der in einem Sprungfedersessel hing und ein Superman-Heft las. »Ich hab meinen Handschuh nicht mitgebracht und müsste extra nach Hause und ihn holen.« Die anderen Jungs – mit Ausnahme von Duane – wohnten alle innerhalb eines Blocks, Jim Harlen dagegen am anderen Ende der Depot Street bei den Schienen, die zur Müllhalde und den baufälligen Hütten führten, wo Cordie Cooke hauste. Harlens Haus war in Ordnung, ein weißes Farmhaus, das schon vor Jahrzehnten von der Stadt geschluckt worden war, aber ziemlich viele von seinen Nachbarn waren komische Käuze. J. P. Congden, der verrückte Friedensrichter, lebte nur zwei Häuser von Harlen entfernt, und C. J., der Sohn von J. P., war der gemeinste Schläger in der ganzen Stadt. Die Jungs spielten nicht gern in Harlens Haus, nicht einmal in der Nähe, wenn es sich vermeiden ließ, und sie hatten Verständnis dafür, dass Jim Harlen selbst nur ungern hinfuhr, um seine Sachen zu holen.

»Gehen wir in den Wald«, schlug Dale vor. »Wir könnten die Gypsy Lane abklappern.«

Die anderen Jungs rekelten sich träge. Es gab keinen wirklichen Grund, der gegen diesen Plan sprach, aber die Faulheit hatte sie alle fest im Griff. Mike ließ das Gummiband schnalzen, und der Weberknecht brachte sich wippend in Sicherheit.

»Das dauert zu lange«, sagte Kevin. »Ich muss zum Essen zu Hause sein.«

Seine Freunde lächelten, sagten aber nichts. Sie kannten alle die Stimme von Kevins Mutter, wenn sie die Tür aufmachte und mit steigendem Falsett »Ke-VIIIN!« brüllte. Und sie kannten auch den Eifer, mit dem Kevin fallen ließ, was er gerade in der Hand hatte, um zu dem weißen Ranchhaus auf dem Hügel gleich neben dem älteren Haus von Dale und Lawrence zu eilen.

»Was willst du machen, Duane?«, fragte Mike. O’Rourke war der geborene Anführer, er fragte stets jeden, ehe er eine Entscheidung traf.

Der große Farmjunge mit dem windschiefen Haarschnitt, den ausgebeulten Cordhosen und der gleichgültigen Miene kaute irgendwas – keinen Gummi –, und sein Gesicht wirkte beinahe zurückgeblieben. Dale und alle anderen wussten, wie irreführend der Eindruck von Tölpelhaftigkeit war, denn Duane McBride war so klug, dass die anderen seine Gedankengänge nur erahnen konnten. Er war so klug, dass er es nicht einmal nötig hatte, in der Schule zu beweisen, wie klug er war; stattdessen ließ er es zu, dass die Lehrer sich in Frustration über die völlig korrekten, aber einsilbigen Antworten des zu groß geratenen Jungen wanden oder sich die Köpfe kratzten angesichts von Duanes Bemerkungen, die oft von einer derartigen Ironie geprägt waren, dass sie an Impertinenz grenzte. Duane lag nichts an der Schule. Ihm lag an Dingen, die die anderen Jungs überhaupt nicht verstanden.

Duane hörte auf zu kauen und nickte zu dem alten Musikschrank von RCA Victor hinüber, der in der Ecke stand. »Ich glaube, ich würde gern Radio hören.« Er machte drei plumpe Schritte auf das Ding zu, kauerte sich ohne jede Anmut davor nieder und drehte am Knopf. Dale sah verblüfft zu. Der Schrank war riesig, über einen Meter hoch, und mit seinen verschiedenen Kanälen wirkte er sehr eindrucksvoll. Auf dem obersten stand NATIONAL, Mexico City war bei neunundvierzig Megahertz eingetragen, Hongkong, London, Madrid, Rio und eine ganze Latte anderer lagen bei vierzig, die bösen Städte Berlin, Tokio und Pittsburgh bei einunddreißig und Paris einsam und geheimnisvoll am anderen Ende der Skala bei neunzehn. Allerdings war der Schrank völlig leer. Keine Röhren, gar nichts.

Duane hockte davor, drehte sorgfältig am Knopf, hatte den Kopf schief gelegt und lauschte auf das leiseste Geräusch.

Jim Harlen ging als Erstem ein Licht auf. Er kroch hinter den Musikschrank und zwängte sich in eine Ecke, sodass nichts mehr von ihm zu sehen war.

Duane sagte: »Ich versuch’s mit dem Lokalsender.« Er drehte auf die mittlere Skala zwischen INTERNATIONAL und SPECIAL SERVICE. »Hier unten steht Chicago«, murmelte er zu sich selbst.

Aus dem Innern des Geräts ertönte ein Summen, als würden sich die Röhren erwärmen, dann Statikrauschen, als Duane das Band verstellte. Kurze Baritonsalven wurden ebenso abgewürgt, wie Sprecher mitten im Satz abgeschnitten wurden, Bruchstücke von Rock ’n’ Roll explodierten und verstummten, Statik, Knistern, ein Baseballspiel – die White Sox aus Chicago!

»Er läuft zurück! Zurück! Zurück zum rechten Spielfeldrand des Comiskey Park! Er springt hoch! Er klettert die Mauer hinauf! Er …«

»Ach, das ist nichts«, murmelte Duane. »Ich versuch das Internationale Band. Dum-da-di … da haben wir … Berlin.«

»Ach du laiber Himmel, der verschlaggene Ball is up und außer hier!«, sagte Harlens Stimme, die augenblicklich vom aufgeregten Chicagoer Dröhnen zu einer teutonisch kehligen Aneinanderreihung von Silben wechselte. »Der Fuhrer ist nickt glucklick. Nein! Nein! Er ist geflogt und verschossen und vollig angepisst!«

»Auch nichts«, murmelte Duane. »Ich versuch’s mit Paris.«

Aber das schrille nachgeahmte Französisch hinter dem Schrank ging im Kichern und Gelächter unter. Mike O’Rourkes letzter Schuss mit dem Gummiband ging fehl, und der Weberknecht entkam in einen Spalt im Dach. Dale schleppte sich zum Radio und bereitete sich darauf vor, selbst ein paar Sender zu versuchen, während sich Lawrence kreischend auf dem Boden wälzte. Kevin verschränkte die Arme und schürzte die Lippen, während Mike ihn mit den Turnschuhen in die Rippen stieß.

Der Bann war gebrochen. Jetzt konnten sie machen, was sie wollten.

Stunden später, nach dem Essen, im langen, fast schmerzhaft lieblichen Dämmerlicht des Sommerabends, kamen Dale, Lawrence, Kevin und Harlen schlitternd mit ihren Fahrrädern an einer Ecke in der Nähe von Mikes Haus zum Stehen. »Ii-ao-kii!«, rief Lawrence.

»Kii-ao-ii!«, schrillte es aus den Schatten unter den Ulmen. Mike kam ihnen entgegengefahren und ließ den Hinterreifen im lockeren Kies herumschleudern, sodass er in dieselbe Richtung wie die anderen sah.

Das war die Fahrradpatrouille, die die fünf Jungs vor zwei Jahren gegründet hatten, als die ältesten in der vierten Klasse und die jüngsten noch so klein waren, dass sie an den Weihnachtsmann glaubten. Sie nannten sich heute nicht mehr Fahrradpatrouille, weil ihnen die Bedeutung des Namens aufgegangen war und sie zu alt waren, um noch so zu tun, als würden sie Elm Haven patrouillieren, Menschen in Not helfen und die Unschuldigen vor Bösewichtern beschützen; trotzdem glaubten sie noch an die Fahrradpatrouille. Glaubten an sie mit derselben simplen Hingabe an die Realität des Jetzt, die sie einst veranlasst hatte, mit rasendem Puls und trockenem Mund am Weihnachtsabend wach zu bleiben.

Sie verweilten einen Augenblick lang auf der stillen Straße. Die First Avenue verlief an Mikes Haus vorbei aufs Land hinaus, eine Viertelmeile nach Norden, zum Wasserturm und dann nach Osten, bis sie im abendlichen Dunst über den Feldern am Horizont verschwand, wo außer Sichtweite der Wald und Gypsy Lane und die Black Tree Tavern warteten.

Der Himmel war ein matt polierter grauer Schild, der in der Stunde zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit allmählich verblasste, der Mais auf den Feldern war noch jung und reichte einem Elfjährigen nicht mal bis ans Knie. Dale sah über die Felder, die sich bis zu einem von der Entfernung weich gezeichneten, baumgesäumten Horizont nach Osten erstreckten, und stellte sich Peoria vor … dort, achtunddreißig Meilen jenseits der Hügel, Täler und Wälder in einem Flusstal gelegen, tausend Lichter in der Dunkelheit … aber man sah kein Leuchten, lediglich den zunehmend dunkleren Horizont, und so konnte er sich die Stadt eigentlich gar nicht vorstellen. Stattdessen vernahm er das leise Rascheln und Flüstern des Maises. Es wehte kein Wind. Vielleicht war einfach zu hören, wie der Mais wuchs, wie er zu der Mauer wurde, die Elm Haven bald ganz umschließen und von der Welt abriegeln würde.

»Los«, sagte Mike leise, trat in die Pedale, beugte sich weit über die Lenkstange nach vorne und fuhr in einem Kieselregen an.

Dale, Lawrence, Kevin und Harlen folgten ihm.

Sie rauschten im schwachen grauen Licht die First Avenue hinab nach Süden, sausten unter den Schatten der Ulmen dahin und kamen bald ins Dämmerlicht hinaus. Die flachen freien Felder lagen links von ihnen, rechts dunkle Häuser. Es ging an der School Street und dem Umriss von Donna Lou Perrys Haus vorbei, das einen Block weiter westlich leuchtete. Vorbei an der Church Street mit ihrem langen Korridor aus Ulmen und Eichen. Und dann waren sie auf der Hard Road, Highway 151A, und bremsten aus Gewohnheit, bevor sie auf den verlassenen, aber noch warmen Asphalt der zweispurigen Main Street abbogen.

Sie traten in die Pedale, was das Zeug hielt, und fuhren nach dem ersten Block auf den Gehweg, um einen alten Buick vorbeidröhnen zu lassen. Jetzt waren sie nach Westen unterwegs, auf das Leuchten am Himmel zu, und die Häuserfassaden der beiden Blocks an der Main Street glommen im erlöschenden Licht. Ein Pritschenwagen kam aus dem schrägen Parkplatz vor Carl’s Tavern auf der Südseite der Straße geschossen und schlingerte auf sie zu. Dale erkannte im Fahrer des alten GM-Lasters Duanes Dad. Der Fahrer war betrunken.

»Licht!«, riefen alle fünf Jungs, als sie vorbeistrampelten. Der Laster fuhr weiter, ohne die Front- oder Heckscheinwerfer einzuschalten, und bog hinter ihnen in breitem Bogen in die First Avenue ein.

Sie sprangen vom höhergelegenen Gehweg auf die verlassene Hard Road und düsten weiter nach Westen, vorbei an der Second und der Third Avenue, vorbei an der Bank und dem A&P rechts, vorbei am Parkside Café und dem Bandstand Park, die still und dunkel unter den Ulmen rechts von ihnen lagen. Das Gefühl von Samstagabend lag in der Luft, dabei war erst Donnerstag. Kein Freikonzert erfüllte die Nacht mit Licht und Lärm im Park. Noch nicht. Aber bald.

Mike brüllte etwas und bog nach links ab, die Broad Avenue am Nordrand des Parks entlang und vorbei an der Traktorenhandlung und den kleinen Häusern, die sich dort zusammendrängten. Allmählich wurde es richtig dunkel. Hinter ihnen in der Main Street gingen flackernd die Straßenlaternen an und erhellten die beiden Blocks der Innenstadt. Die Broad Avenue war ein zunehmend dunklerer Tunnel unter den Ulmen hinter ihnen, und ein noch dunklerer Tunnel vor ihnen.

»Die Treppe berühren!«, brüllte Mike.

»Nein!«, rief Kevin.

Mike schlug es immer vor; Kevin war immer dagegen. Es war eine Tradition.

Noch einen Block nach Süden, in einen Stadtteil, den die Jungs nur während ihrer abendlichen Patrouillen besuchten. An der langen Sackgasse neuer Häuser vorbei, wo Digger Taylor und Chuck Sperling wohnten. Am offiziellen Ende der Broad Avenue vorbei. Den Privatweg zum Ashley-Anwesen hinauf.

Unkraut hatte den holprigen Weg zugewuchert. Wild wachsende Zweige hingen tief herunter und ragten aus dem Dickicht auf beiden Seiten, um den arglosen Radfahrer zu verletzen. In dieser zum Tunnel gewordenen Auffahrt war es völlig dunkel.

Dale senkte wie immer den Kopf und trat rasend in die Pedale, damit er dicht bei Mike blieb. Lawrence keuchte, um mit seinem kleineren Rad mitzuhalten, aber er blieb dran – wie immer. Harlen und Kevin waren lediglich ein Knirschen von Reifen auf dem Kies hinter ihnen.

In der Nähe der Ruine des alten Hauses kamen sie wieder in offenes Gelände. Graues Licht spiegelte sich auf einer Säule über den Hecken und Büschen. Die Steine des verkohlten Fundaments waren völlig schwarz. Mike umrundete die halbkreisförmige Auffahrt, schwang nach rechts, als wollte er die unkrautüberwucherte Steintreppe hochschnellen und in den eingestürzten Keller springen, doch dann prallte er nur gegen die unterste Stufe und brauste weiter.

Dale ebenso. Lawrence nahm Anlauf und verfehlte die Stufe, kehrte aber nicht mehr um. Kevin und Harlen donnerten in einem Kiesschauer vorbei.

Durch den breiten Halbkreis der zugewucherten Kiesfläche, wo die Reifen auf Split und in Spurrillen wegrutschten. Dale fiel auf, wie viel dunkler es war, wenn sommerliches Grün das Licht abhielt. Hinter ihm wurde das Ashley-Anwesen zu einem düsteren Umriss, einem geheimnisvollen Ort mit verbrannten Balken und eingestürzten Decken. So gefiel es ihm am besten – mysteriös und ein wenig unheimlich, wie es jetzt aussah, und nicht traurig und verlassen, wie es bei Tageslicht wirkte.

Sie kamen aus der nachtschwarzen Einfahrt, gingen auf der Broad Street wieder in die Fünferformation und brausten bergab zum neuen Stadtteil und dem Bandstand Park. Sie hielten den Atem an und strampelten schneller, damit sie die Hard Road zwischen zwei Lastern überqueren konnten, die in entgegengesetzte Richtungen unterwegs waren. Die grellen Scheinwerfer des westwärts fahrenden Lasters erfassten Harlen und Kevin, und Dale drehte sich um und konnte gerade noch sehen, wie Jim dem Fahrer den Finger zeigte.