Elvis lebt! - J. R. Rain - E-Book

Elvis lebt! E-Book

J. R. Rain

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Beschreibung

Elvis Presley hat seinen Tod nur vorgetäuscht. Er ist inzwischen 74 Jahre alt und führt nach massiven Gesichtsoperationen ein bescheidenes Leben als Aaron King. Er ist fast pleite und wohnt in einem kleinen Apartment in L.A. Zum Glück erweist er sich als talentierter Privatdetektiv. Er wird angeheuert, einen rätselhaften Vermisstenfall aufzuklären. Ein junges aufstrebendes Filmsternchen scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Und während Elvis der Sache auf den Grund geht, trifft er allerlei zwielichtige Gestalten: einen sterbenden Penner mit Hund, einen Zwilling mit einem sehr dunklen Geheimnis und einen anrüchigen Hollywood-Filmproduzenten. Stück für Stück setzt er das Puzzle zusammen, und ganz nebenbei bereitet er sein Comeback vor. Am Schluss findet er sich auf der Bühne von einer Person überrascht, mit der aufzutreten der King of Rock in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet hätte. Das Buch ist eine Hommage an die klassischen Detektivromane a la Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Erle Stanley Gardner, Ross MacDonald und Robert B. Parker. J.R.Rain arbeitete als Privatdetektiv, bevor er sich entschied, Berufsschriftsteller zu werden. Seit 2009 wohnt er mit Hund Sadie in der Pacific Northwest Region in den USA. Er hat bisher rund 40 Bücher veröffentlicht.

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EPUB

Seitenzahl: 266

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Vorspann

Die Bühne war halbkreisförmig angeordnet. Überall waren Kratzer und Flecken zu sehen, die von Verstärkern und Lautsprechern stammten, die man jahrelang darüber geschoben hatte, von Stiefelabsätzen, die den Boden zerkratzten und von Bierflaschen, die man darauf zertrümmert hatte.

Vor mir stand ein einzelner Mikrofonständer, der in dem einzigen Spotlight leuchtete. Langsam ging ich auf ihn zu.

Ich schnipste mit den Fingern vor dem Mikrofon, eine alte Angewohnheit. Der Sound war gut. Ich schaute hinüber zu der jungen Pianistin. Ihr Blick war über die Schulter auf mich gerichtet in Erwartung eines Zeichens, dass es endlich losgehen konnte.

Als die Musik einsetzte, ich das Mikrofon ergriff und über die leeren Tische und Nischen schaute, mich auf das einzige ermutigende Gesicht konzentrierte, das mir von hinter der Bar her zulächelte, während die ersten Worte des Songs mir glatt und leicht über die Lippen rollten und sich meine Hüften instinktiv zur Musik bewegten, passierte etwas Wunderbares:

Ich fühlte mich endlich zu Hause angekommen – und es war so, als ob ich nie weggegangen wäre.

J.R.Rain

ELVIS LEBT!

Der Fall

des verschwundenen Starlets

Bucheinband.de

Ines Neumann

2013

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Elvis Has Not Left the Building«

1. Auflage 2013

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe by

J. R. Rain 2010

Copyright © der deutschen Ausgabe by

Bucheinband.de, Ines Neumann 2013

Übersetzung aus dem Amerikanischen:

Gunter Olschowsky,

Angelika Timme

Umschlagentwurf: Ines Neumann

Gesamtherstellung:Bucheinband.de

ISBN der Taschenbuchausgabe: 978-3-938293-33-1

ISBN der eBook-Ausgabe: 978-3-938293-34-8

Printed in Germany

2013

www.elvislebt.com.de

DER ALBTRAUM

»Wie heißen Sie?«

»Elvis Presley.«

Der Traum ist immer derselbe. Ich bin im Gefängnis. Nein, ich bin in einem Verhörraum und werde wegen eines angeblichen Verbrechens vernommen. Wegen eines Mordes. Wegen meines eigenen Mordes.

Irgendwie gelingt es mir, durch die Spiegelwand zu schauen. Hinter dem Glas versteckt beobachten mich nicht nur die Polizeibeamten der Mordkommission, sondern auch alle Personen, die ich gekannt habe, einschließlich meiner Ex-Frau, meiner Tochter, meiner Mutter, ja sogar meines totgeborenen Zwillingsbruders Jessie, der – jetzt als Erwachsener – eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit meinem Aussehen in meiner Glanzzeit hat. Natürlich sind auch die Medien vor Ort. Die Medien fehlen nie. Jeder Reporter des Landes steht da und sieht mich an, während er fieberhaft aufschreibt, was die Mutter aller Klatschzeitungs-Stories werden sollte.

Ich fühle mich scheußlich, mir ist kotzübel. Die Welt um mich herum stürzt zusammen. Die Polizisten, die mich verhören, lächeln boshaft und richten eine grell leuchtende Tischlampe in mein Gesicht. Zigarettenrauch verpestet die Luft und hängt im Raum wie ein aufgewühlter grauer Vorhang. Er dringt in meine Nase und sticht mir in den Augen. Einer der Vernehmungsbeamten bläst mir noch mehr von dem Zeug direkt ins Gesicht.

»Wie ist Ihr richtiger Name?«, fragt er mich.

»Elvis Presley.«

»Unsinn.« Mehr Rauch, mehr Lampen, mehr Licht. »Wie lautet Ihr vollständiger Name, verdammt noch mal.«

»Elvis Aaron Presley.«

»Der ist tot«, schreit mich der Beamte an.

»Nein«, sage ich vorsichtig. »Bin ich nicht.«

Hinter dem Spiegel, der eher einem Fenster ähnelt, fängt jemand plötzlich an zu weinen. Es ist meine Tochter. Sie hat ihr Gesicht an die Schulter ihrer Mutter gelegt. Eigentlich darf ich nicht durch den Spiegel schauen können und sehen, was sich dahinter abspielt, aber ich kann es. Ich kann es immer sehen. In meinen Träumen habe ich offenbar den Röntgenblick.

Ich starre immer noch auf meine weinende Tochter, als mich eine Hand mit Gewalt herumreißt und mich zwingt, in ein gleißendes Licht zu blicken. Ich kann die vor mir stehende Silhouette nicht erkennen.

»Du hast ihn umgebracht«, sagt die Stimme. Sie klingt so, als wäre es meine eigene.

»Nein, habe ich nicht«, sage ich. »Es war ein Schwindel.«

»Ein Schwindel?« Die Stimme wird wütend. Sie klingt jetzt wie eine Vielzahl von Stimmen: Ein Stimmenkonzert, welches sich aus den Mündern meiner unzähligen Fans entlädt. Ein Multiventil für all jene, die ich im Stich gelassen, verletzt oder enttäuscht habe.

»Ich musste weg«, brabble ich ziemlich zusammenhangslos. »Ich musste einen Neuanfang machen. Alles… alles war so verrückt.«

Das Weinen wird lauter. Ich drehe den Kopf um. Es ist immer noch meine Tochter. Immer meine Tochter. Sie weint bei jedem bisschen. Das macht mich krank. Sie schaut mich nicht einmal an und es bricht mir jedes Mal das Herz – mehr, als ihr glaubt.

»Schau’ hin, was du ihr angetan hast«, sagt die Stimme. Und jetzt bin ich mir sicher, es ist meine Stimme.

»Es tut mir leid«, sage ich.

»Sage es ihr.«

Ich schaue rüber zu meinem Baby. Mein Mund ist offen und will sprechen, aber es kommt kein Wort hervor. Jemand schlägt mir hart ins Gesicht. Ich wanke und falle beinahe vom Stuhl. Ich stelle fest, dass meine Hände hinter dem Rücken zusammengebunden sind, so als ob man mich gekidnappt hätte.

»Wer bist du?«, schreit die Stimme.

»Elvis…«

»Unsinn.«

»Wer bist du?«

»Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht mehr…«

»Wer bist du?«

An dieser Stelle wache ich stets auf. Tränen strömen meine Wangen hinab. Wie immer bin ich ganz allein in meinem Apartment in Los Angeles, ein Stück die Straße hinunter in der Nähe der Studios, wo ich einst viele meine frühen Filme gedreht habe. Häufig liege ich dann schweißgebadet mit meiner Bettdecke auf dem Boden. In meinem Kopf pocht es, es ist mein üblicher Kater. Gewöhnlich schlafe ich danach nicht wieder ein. Ich will den Traum nicht noch einmal durchleben. Und ich will die Schmerzen meiner Tochter nicht sehen müssen.

* * *

An diesem Morgen war es nicht anders. Ich wachte erschrocken auf, saß kerzengerade im Bett und war für einen Moment orientierungslos. Meine Bettdecke lag wieder auf dem Boden, so als ob ich im Schlaf mit einem Monster gerungen hätte. In meinem Kopf hörte ich immer noch die Anschuldigungen der Stimme, aber jetzt gehörte sie zu meinem Zwillingsbruder, der bei der Geburt gestorben war. Ich hörte seine Stimme jetzt ganz deutlich und es war unheimlich, wie sie aus den Tiefen meines Unterbewusstseins hervordrang und wieder hinab durch die Zeiträume verschwand. Als die Stimme sprach, klang sie sehr auffallend nach meiner eigenen.

»Heute ist unser Geburtstag, Elvis. Aber natürlich, da ich ja tot geboren wurde, ist heute auch mein Todestag. Ist das nicht paradox?«

Ja, dachte ich, paradox.

Ich ließ mich aufs Bett zurückfallen, schloss die Augen und fuhr mit meinen Fingern durch mein dichtes Haar. Morgen werde ich meinen Seelenklempner aufsuchen.

Gott sei Dank.

1. KAPITEL

Das wird weh tun.

Mein Apartment war leer. Ich stand im Badezimmer, nur in Boxershorts und sonst nichts. Ich war im Begriff, mich zum Affen zu machen. Ich war froh, dass hier weiter niemand war, der das miterleben würde.

Verdammt, ich schämte mich beinahe für mich selbst.

Während eins meiner Lieder im Hintergrund spielte, begann ich mit den Hüften zu kreisen. Nur ein bisschen. Nicht zu wild. Nicht so, wie ich es gewohnt war. Und schon fühlte ich, wie sich ein schmerzhaftes Prickeln in meinem Rücken ausbreitete.

Ja, das wird weh tun.

Aber ich wollte es tun. Ich musste es tun. Dieses Jucken spürte ich schon seit geraumer Zeit.

Und was für ein Jucken!

Ich erhöhte leicht mein Tempo. Ich fühlte mich plump, schwerfällig und es fiel mir schwer, im Takt zu bleiben. Ein- oder zweimal stolperte ich, als meine nackten Füße auf den kalten Linoleumboden gerieten. Dann traf eine meiner schwingenden Hüften den Knauf der Badtür, die daraufhin mit voller Wucht gegen die Wand im Badezimmer prallte. Mir war, als hätte ich einen Bruch in der Gipskartonwand wahrgenommen.

Aber ich ließ mich davon nicht aufhalten, von diesem verrückten Vorhaben. Meine Schwerfälligkeit zeigte Erbarmen und ließ schnell nach. Völlig verblüffend und auf wundersame Weise kehrten Bruchstücke meines alten Ichs wieder in mein Bewusstsein zurück. Im Nu kam ich ins Schwitzen. Mein Bauch, rund und prall, zog an meinem Kreuz. Die Anstrengung wurde fast unerträglich.

Gott, ich musste unbedingt Gewicht loswerden. Es ist so leicht sich gehenzulassen, wenn einem alles egal ist. Aber seit Kurzem ist es mir nicht mehr egal. Langsam aber sicher hatte ich begonnen, meine Ernährung umzustellen. Ein Salat hier, eine Banane dort. Schweren Herzens wechselte ich bei Starbucks von Venti Mochas zu Grande Mochas.

Ich versuchte noch einen weiteren Schwung. Einen patentierten Hüftschwung. Einen, der die Frauen der Welt verrückt gemacht hatte…

Ich schwang mein Bein und meine Hüfte nach außen und schrie vor Schmerz auf. Ich taumelte keuchend zum Waschbecken. Irgendetwas zog an mir. Ich stand über das Waschbecken gebeugt, keuchend, schwitzend und starrte mich im Spiegel an. Graues Haar. Gesicht Sonderanfertigung. Falten.

»Gott, diese Falten…«

Es ist die Hölle, alt zu werden.

Ich vernahm ein Klopfen an der Haustür. Ich holte tief Luft und versuchte aufrecht zu stehen. Auf Knien, die bereits steif wurden. Leicht humpelnd und mit den Handknöcheln mein Kreuz massierend schaffte ich es zur Wohnungstür. Ich schielte durch den Spion. Es war meine achtzigjährige Nachbarin unter mir, Mrs. Haynesworth. Ich öffnete die Tür.

»Entschuldigen Sie den Krach, Mrs. Haynesworth.«

»Nun, meine Enkelin schläft. Und dieser ganze Krach über uns.« Sie schielte mich an und glotzte dabei durch ihre bemerkenswert dicken Brillengläser. Manchmal glaubte ich, sie kannte meine supergeheime Identität. Andererseits, bei diesem Sehvermögen: Damit tat ich die Sache immer ab. »Was machen Sie denn überhaupt da drinnen?«

»Ich übe meine Tanzbewegungen.«

»Tanzbewegungen? Mr. King, dafür sind Sie wohl viel zu alt. Sie könnten sich weh tun.«

Ich lächelte. »Ich werde etwas leiser machen, Mrs. Haynesworth. Einen schönen Tag noch.«

Sie starrte mich noch an, während ich die Tür zumachte. Ich humpelte zurück in die Küche und schluckte eine Vicodin oder zwei. Oder drei.

2. KAPITEL

Es klingelte an der Tür.

Ich saß in meinem gemütlichen extrabreiten Sessel, den ich bei Craigliste.com umsonst bekommen hatte, und sah fern mit einer Glotze, die ich kürzlich an der Straße gefunden hatte – um mich herum Tische, Lampen und Kunstgegenstände, die ich günstig bei Haushaltsauflösungen erstanden hatte.

Oh, wie tief die Großen fallen können.

Es war mitten an einem sonnigen Wintertag und ich sah mir Oprah an, klar. Was hätte ich sonst tun sollen? Ich mochte Oprah. Ich stellte mir vor, dass sie und ich prima miteinander zurechtgekommen wären. Wie auch immer, sie gab zum Geburtstag des Kings einen Sonderbeitrag.

Dies war mein Geburtstag.

Neben ihr saßen zwei Frauen: Elvis Presleys Ex-Frau und seine Tochter. Beide strahlten und sahen einfach atemberaubend schön aus, besonders seine Tochter. Meine Tochter. Und natürlich sah meine Tochter gleichzeitig so traurig und verloren aus, dass es zum Herzerweichen war. Immer traurig. Immer verloren. Immer zum Herzzerreißen.

Verdammt.

Wieder klingelte es an der Tür.

Ich ignorierte das Klingeln und sah weiter fasziniert Oprahs Spezial über den King zu. Als die Show endlich vorbei war und als ich mehr als genug Werbung für Produkte weiblicher Hygiene gesehen hatte, blieb ich als totales emotionales Wrack zurück. Scheiße, selbst der Kragen meines Poloshirts war nass von meinen Tränen. Komischerweise taten mir auch die Fingerknöchel weh – und nicht nur von meiner Arthritis. Es schien, als hätte ich während der Show die Armlehnen meines erst kürzlich erstandenen Sessels immer wieder verzweifelt umklammert. Ich hatte sogar den Saum ein bisschen zerrissen. Verdammt.

Aber dann war ich mir doch nicht sicher, ob der Schaden nicht schon vorhanden gewesen war: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Oprah winkte ein Tschüss in die Kamera und ich sah, wie meine Tochter auf ihre Unterlippe biss, um anscheinend ein Schluchzen zu unterdrücken.

Verdammt.

Als dann die Werbung begann, hievte ich mich aus meinem tiefen Sessel hoch, wobei ich mein rechtes Knie überanstrengte. Die Sperrmüll-Glotze hatte keine Fernbedienung, deshalb musste ich sie auf die altmodische Art und Weise ausschalten. Während ich das tat, sah ich hoch oben auf dem Bücherregal ein Foto desselben Mädchens, das grade neben Oprah gesessen hatte. Allerdings war sie im Foto ein kleines Mädchen und sie saß stolz und aufrecht auf ihrem kleinen Pony, ein breites Grinsen im Gesicht. Ein Mädchen und ihr Pony, das ist etwas Schönes. Sie hatte dieses Pony geliebt und sie hatte mich geliebt. Sie sah so glücklich aus damals, so lebendig und glücklich.

Wie verdammt noch mal konnte ich ihr das Herz brechen?

Das war die Frage.

Sie hatte schon seit einiger Zeit nicht mehr glücklich ausgesehen. Vertraut mir, ich weiß das. Ich studiere jedes Foto, das ich in die Hände kriegen kann, minutenlang, besonders alle Details. War sie gesund? (Ja, schien so.) War sie glücklich (Nein, schon seit Langem nicht mehr, aber wer weiß, ich hatte mich schon mal geirrt.). Und heute nun sah sie vollkommen und komplett miserabel aus. Die Traurigkeit in ihren schönen, großen Augen schien so tief wie ein Brunnen. Draußen startete jemand einen Rasenmäher. Ich seufzte und ging zum großen Wohnzimmerfenster. Dort schob ein kleiner Lateinamerikaner einen Rasenmäher über den Rasenstreifen, der vor meinem Wohnblock verlief. Schweiß lief über seine bräunliche Haut. Der Rasenmäher war fast so groß wie er.

Die Straße rauf konnte ich einen UPS Laster sehen, der in zweiter Reihe parkte. Ein Penner pisste grade an dessen rechten Hinterreifen. Er schaffte es grade noch wegzuhumpeln, bevor ein fitter junger Mann mit haarigen Beinen aus dem nächsten Apartmenthaus trottete, in den Laster sprang und dann davonraste.

Und dann erinnerte ich mich wieder an die Türklingel.

Ach ja, das verdammte Klingeln.

Ich verließ das Fenster, vorbei an Kendra der Wunderkatze, die momentan wie ein fellbezogener, gestreifter Ball schlafend mitten auf meinem Lesesessel lag – zweifellos von Mäusen und Spielzeugen träumend und anderen Dingen, die nachts quietschten – und öffnete meine Wohnungstür.

Heller Sonnenschein strömte herein. Blendend heller Sonnenschein. Ich hielt die Hand über meine Augen und blinzelte – und dort, auf der kaum benutzten Willkommen-Fußmatte, lag ein dicker Umschlag.

Das Päckchen war adressiert an E. P.

3. KAPITEL

Ich setzte mich mit dem Päckchen an den Küchentisch. Meine Nackenhaare sträubten sich, als ob eine Gans über mein Grab gewatschelt wäre.

Oder vielleicht über das Grab meines Bruders.

Obwohl das nicht meine Art war, schaute ich über meine Schulter prüfend den schmalen Korridor entlang in Richtung meines Schlafzimmers. Natürlich war ich allein. Dennoch hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden, und ich hasse dieses Gefühl.

Ich schaute zurück auf das Päckchen, das an einen gewissen E. P. adressiert war. Meine Hände zitterten, mein Herz klopfte wie wild. Mit meinem dicken, leicht abgebrochenen Fingernagel riss ich den wattierten Umschlag auf und entnahm ihm eine durchsichtige Plastikbox, in der sich eine Taschenuhr befand. Auf dem Zifferblatt war deutlich ein tanzender Elvis zu sehen, wie er diese verrückten Dinge tat, wenn er seine Beine in Bewegung brachte. Die Uhr gab sogar die richtige Zeit an. Im Umschlag befand sich außerdem noch ein kleingefalteter Zettel. Ich nahm ihn heraus und faltete ihn mit immer zittrigeren Fingern auseinander.

Es war Briefpapier vom Embassy Suites Hotel hier in Los Angeles. Nur vier Worte standen in kleiner, eleganter, kursiver Schrift quer über die Mitte des Papiers geschrieben:

Alles Gute zum Geburtstag.

Ich starrte den Brief eine geraume Zeit an. In Gedanken ging ich alle erdenklichen Namen von Stalkern durch, aber ohne Ergebnis. Schließlich öffnete ich die Plastikschachtel und legte mir die Uhr an – irgendwie gefiel sie mir. Sie würde sehr gut zu meiner bereits großen Sammlung von Erinnerungsstücken an Elvis passen.

Ja, so ein Langweiler bin ich nun mal.

Meine Deckung war aufgeflogen, so viel stand fest. Von wem, wusste ich nicht, und wie lange noch, bis Access Hollywood an meine Tür klopften, wusste ich auch nicht.

Mir war plötzlich flau im Magen. Ich stieß mich vom Tisch ab und ging hinüber zu meinem Schreibtisch in der äußersten Ecke des Wohnzimmers. Ich fand einen einfachen großen braunen Briefumschlag und schrieb ›Stalker‹ auf das Etikett-Schildchen. So, jetzt war es also offiziell. Ich hatte jetzt meinen persönlichen Stalker. Ich steckte den Zettel und den wattierten Umschlag hinein und legte ihn in meinem schäbigen Aktenschrank ab, den ich von einem Doktor im Ruhestand geschenkt bekommen hatte.

Im Badezimmer fand ich im Arzneischränkchen eine kleine Flasche mit Schmerzpillen. Vicodin. Meine bevorzugte Tagesdroge. Ich klopfte drei fette Pillen heraus, ließ mir eine Tasse mit Leitungswasser volllaufen und kippte sie einzeln hinunter wie ein Schreikranich, der ein paar Sardinen verschlingt.

In der Küche fand ich im Schrank über der Spüle meine nicht versteckte Flasche Jack Daniels. Ich schraubte den Verschluss auf und nahm einen großen Zug. Ich trank, bis ich mich endlich wieder besser fühlte.

4. KAPITEL

Wir waren in einem Starbucks in Silver Lake, einem hügeligen Teil östlich von Hollywood. Wirklich, da gab es sogar einen See. Zugegeben, es handelte sich eher um ein Reservoir, umgeben von einem drei Meter hohen Maschendrahtzaun, der oben mit Stacheldraht abschloss, aber hey, so ist das in L.A.

Ich aß grade einen altmodischen Schokoladen-Donut für einen Dollar sechzig, der im Geschmack außerordentlich genau wie ein altmodischer sechzig Cent Schokoladen Donut schmeckte. Mir gegenüber saß ein alter Freund und trank, glaube ich, einen Mokka. Ein alter Freund, dem ich voll vertraute. Clark McGuire war Anwalt hier in L.A., spezialisiert auf Verteidigung. Vor fünf Jahren hatte Clark mich engagiert, um zu helfen, einen seiner Klienten vom Mordverdacht zu entlasten. Der Fall fing ganz harmlos an, aber endete dann übel. Sehr übel. Jemand war zu Tode gekommen. Clark und ich waren zur falschen Zeit am falschen Ort, und plötzlich mussten wir eine Leiche loswerden. Und das taten wir dann auch, zusammen, in der Wüste, in einem Grab, das wir zusammen aushoben. Wenn das keine Verbindung schafft. Jetzt teilten wir ein Geheimnis, das wir mit in unsere Gräber nehmen würden, und da wir nun schon Geheimnisse teilten, kam es auf eines mehr auch nicht an, und ich erzählte ihm von einem meiner ganz großen.

Seitdem wusste nun auch Clarke McGuire, Verteidiger, mit seiner perfekten Glatze und seinen zu großen Händen, als einer von nur drei Menschen auf der ganzen Welt, dass Elvis Presley doch noch, und zwar anonym in L.A. lebte – und dabei im geheimen als Privatdetektiv arbeitete.

Außer man zählte den Stalker.

Ohne von seiner Zeitung aufzusehen, sagte Clarke: »Ach ja, Glückwünsche zum Geburtstag.«

»Hast du mich deshalb so großzügig zum Donut eingeladen?«

»Aus diesem Grund und weil du wieder mal total abgebrannt bist.«

»O.K., aber du bist einen Tag zu spät dran, mein Geburtstag war gestern«, sagte ich.

»Ich bin einen Tag zu spät dran und du hast ’nen Dollar zu wenig.«

»Ach weißte«, sage ich.

Clarke lachte in sich hinein, wendete die Seite um und glättete die Zeitung. Starbucks war fast ganz voll. Wir saßen allein in einer Ecke nahe beim Eingang an dem einzigen rechteckigen Tisch, den es hier gab, und der für Behinderte gedacht war. Ich wusste das daher, weil das Symbol eines kleinen, gelben Rollstuhls auf der hölzernen Oberfläche zu sehen war. Ich war nicht behindert und Clarke auch nicht. Im Grunde genommen war unsere Kaffee-Liebelei ungesetzlich.

»Wir sitzen am Behinderten-Tisch«, erwähnte ich.

»Ich weiß.«

»Keiner von uns ist behindert, außer wir ziehen unsere Glatzen in Betracht«, sagte ich.

»’Ne Glatze zählt nicht als Behinderung.«

»Sollte sie aber.«

Er schüttelte den Kopf, seinen kahlen Kopf, meine ich.

»Ich hab gestern versucht, dich anzurufen, aber dein Telefon war ausgestellt. Wollte dir zum Geburtstag gratulieren«, sagte er.

»Ich hasse meinen Geburtstag.«

»Ich weiß.«

Ich schwieg. Clarke las die L.A. Times oder tat jedenfalls so. Des Öfteren habe ich ihn schon erwischt, wie er mich beobachtete. Clarke war ein guter Freund, mein einziger, aber er war auch besessen von mir. Manchmal wünschte ich, ich hätte ihm nie von meinem Geheimnis erzählt. Überraschenderweise outete er sich als Elvis Fan. Gut für mich.

»Sie war gestern im Fernsehen, bei Oprah«, sagte ich.

Clarke nickte; er wusste, wer mit ›sie‹ gemeint war. »Wie sah sie aus?«

»Sehr hübsch«, sagte ich. »Und sehr traurig, wie immer.«

Ich folgte dem Rollstuhl-Symbol auf dem Tisch mit dem Finger und hörte nebenbei die Bestellungen an der Theke, wobei jeder in der geheimen Starbucks-Sprache orderte, die für Uneingeweihte keinen Sinn machte. Plötzlich wünschte ich mir, mein Getränk würde was Stärkeres enthalten als nur einen oder zwei Espresso.

»Ich würde alles tun, um sie wiederzusehen, Clarke«

»Ich weiß.«

»Nur eine Minute, nur eine Umarmung.«

»Tote Männer umarmen nicht mehr.«

»Vielen Dank, Davy Jones.«

Er gluckste vor Lachen und wandte sich wieder seiner Zeitung zu. Wir verfielen in Schweigen. Starbucks hingegen sprühte nur so vor Coffein. Ein paar Minuten später sagte Clarke, ohne aufzusehen:

»Ich hätte da einen Job für dich, wenn du interessiert bist. Einen Vermisstenfall.«

Arbeit war gut für mich. Hielt mich geistig gesund. Hielt meine Gedanken in Schach und meinen Verstand klar. Mein Leben war sehr einfach durcheinander und außer Kontrolle zu bringen – wenn ich es zuließ. Harte Arbeit und anderen zu helfen hielten mich geerdet. Außerdem bezahlte es die Rechnungen.

»Erzähl mir mehr«, sagte ich.

»Ne vermisste Frau. Zweiundzwanzig, eine Schauspielerin. Seit drei Tagen verschwunden.«

»Hab ich gar nichts von gehört.«

»Würdest du auch nicht. Die Mutter will es geheim halten, wenn möglich. Im Herbst kommt ein Film mit der Tochter ’raus und die Mutter will keine schlechte Presse.«

»Wie schön zu wissen, was ihr wichtig ist.«

Clarke zuckte mit den Schultern. »Geht mich nichts an«, sagte er. »Im Idealfall wird das Mädchen gesund wiedergefunden und die Öffentlichkeit muss davon gar nichts wissen.«

»Vielleicht hat die Öffentlichkeit Hinweise auf ihren Aufenthaltsort.«

»Was kann ich schon machen, ich bin nur ihr Anwalt.«

»O.K., was haben die Bullen bisher rausgefunden?«, fragte ich.

»Bisher nichts, deshalb engagiert die Mutter jeden Privatdetektiv, den sie finden kann.«

»Selbst alte?«, fragte ich.

»Selbst alte«, sagte Clarke. «Ich hab ihr erzählt, dass du der Beste im Vermissten-Geschäft bist, dass du sozusagen darauf spezialisiert bist.«

Ich aß die letzten Donut-Krümel. »Manchmal werden sie allerdings nur noch tot gefunden, Clarke«, sagte ich.

»Ich weiß«, sagte er. »Den Teil habe ich weggelassen.«

5. KAPITEL

Sie war ein Elvis-Presley-Fan und lag im Sterben.

Ich wusste das, weil die L.A. Times einen Artikel in der Klatschspalte der Zeitung über sie gebracht hatte. Ich war beim Durchblättern der Zeitung, nachdem Clarke sich verabschiedet hatte. Ein Farbfoto über ein kleines Mädchen mit Elvis-Perücke und Koteletten, voller Glitzersteine und meiner Fliegersonnenbrille kann man einfach nicht übersehen. Jedenfalls ich nicht. Ich hielt inne und fing an, den Artikel zu lesen. Sie war an Leukämie erkrankt und hatte das letzte Stadium erreicht. Um ihre Prognose stand es schlecht. Obwohl es keinen direkten Hinweis gab, hinterließ der Artikel bei mir den Eindruck, als ob sie schon vor Monaten hätte sterben sollen. Auf wundersame Art und Weise blieb sie aber am Leben und führte an Tagen, an denen sie sich besser fühlte, anderen Kindern ihre Elvis-Nummer vor. Offensichtlich war sie darin sehr gut. Am erstaunlichsten war, dass sie ein Pflegekind war, das sein Leben bei verschiedenen Pflegeeltern in ganz Kalifornien zugebracht, aber nie ein richtiges Zuhause gefunden hatte. Sie war erst sieben und mir brach es das Herz.

Aus diesem Grund fand ich mich ein paar Stunden später im Krankenhaus ›Der gute Samariter‹ in Los Angeles mit einem Blumenstrauß in der Hand ein und folgte einem leeren Flur. Ich befand mich im Flügel für Kinderonkologie, in dem Kinder mit Krebserkrankungen behandelt wurden.

Ich näherte mich der Stationsleitung. Die Anmeldung war mit zwei Schwestern besetzt. Eine schaute zu mir auf und lächelte.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich bin hier, um Beth Ann Morgan zu sehen.«

Sie lächelte warmherzig. »Ah, unser kleiner Elvis. Sie hat jede Menge Aufmerksamkeit mit diesem Artikel bekommen. Viele Blumen und Postkarten.« Sie zeigte auf einen benachbarten Raum. Die Tür war offen und im Inneren konnte ich eine Fülle an Blumen und schwebende Luftballons sehen. »Aber noch keiner ist vorbeigekommen, um sie persönlich zu besuchen.«

Ich nickte, war mir aber nicht sicher, was ich sagen sollte. Und so ließ ich mein Herz sprechen. »Die Geschichte hat mich ungemein berührt.«

Die Krankenschwester schaute mich forschend an und nickte. »Ja, uns alle hat sie berührt. Für uns ist die Kleine etwas Besonderes.« Sie schaute ihn wieder forschend an. »Offenbar gehören Sie nicht zur Familie.«

Es blieb unausgesprochen, dass ich nicht Familie sein konnte, da Beth Ann Morgan gar keine Familie besaß. Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Ma’am, aber ich würde sie wirklich gern sehen.«

Sie schaute mich weiter forschend an. »Sie ist sehr krank. Ihr geht es sehr schlecht.«

»Tut mir leid das zu hören, aber ich würde sie dennoch gern sehen wollen.«

Jetzt hatten wir auch die Aufmerksamkeit der anderen Schwester, und jetzt schauten mich beide an. Die zweite Schwester sagte: »Geh und schau nach, ob sie Besuch empfangen möchte. Es kann nicht schaden.«

Die erste Schwester nickte und stand auf. »Aber keine von uns kann die ganze Zeit über bei Ihnen sein.«

»Ich verstehe.«

»Was soll ich sagen, wer Sie sind?«

»Sagen Sie ihr einfach, dass ich auch ein Elvis-Fan bin.«

Sie grinste. »Sind wir das nicht alle?«

Sie verschwand im Nebenzimmer und kam einen Moment später wieder heraus. »In Ordnung, Beth Ann möchte Sie sehen.«

6. KAPITEL

Der Körper auf dem Bett war winzig und ausgezehrt.

Beth Ann trug immer noch ihre Elvis-Perücke mit den breiten, langen Koteletten, obwohl die linke momentan schräg in ihrem kleinen Gesicht saß. Sie trug eine Strass-Jacke, die billig aussah, vermutlich in einem Halloween-Laden gekauft. Ihre Piloten-Brille aus Plastik lag auf dem Schwingtischchen neben dem Bett. Als ich den Raum betrat, saß sie im Bett, obwohl ich das Gefühl hatte, dass sie gerade geschlafen hatte. Jetzt lächelte sie mich strahlend an und es gab keinen Hinweis in ihrem Lächeln oder in ihrem lieben Gesicht, dass sie dem Tod nahe war.

Die Krankenschwester saß auf dem Stuhl hinter mir und erlaubte, dass ich mich ihr näherte. Ich blieb am Fußende ihres Bettes stehen. Ihre Füße ließen die dünne Bettdecke mitten im Bett hochstehen. Sie war ein so zartes kleines Mädchen; zweifellos wurde sie jeden Tag schmaler, schwer krank, wie sie war.

»Hallo«, sagte ich.

»Hallo«, sagte sie.

»Wie heißt du«, fragte ich.

»Beth Ann.«

»Das ist ein hübscher Name. Ich heiße Aaron.«

Ihre Augen weiteten sich kurz. Gott, sie sah so lächerlich aus mit ihrer Elvis Perücke und den Koteletten. Lächerlich und doch wieder niedlich. Ich hätte sie gern in den Arm genommen. Mir fiel auf, dass sie unter der Perücke zweifellos kahl war.

»Elvis’ zweiter Vorname war Aaron«, sage sie.

»Echt?«, sage ich. »Du weißt wohl eine Menge über Elvis, was?«

»Ich weiß alles über Elvis! Ich liebe ihn!«

»Weißt du denn, wann er geboren wurde?«, fragte ich.

»Am 8. Januar 1935.«

»Und wann starb er?«

»Am 16. August 1977.«

»Toll, du weißt ja wirklich eine Menge über Elvis.«

»Hab ich Ihnen doch gesagt.«

»Stimmt, hast du. Jetzt glaube ich dir.«

»Ich bin eine Expertin.«

»Das merke ich gerade«, sagte ich. »Warum magst du Elvis so sehr?«

Ihr Gesicht leuchtete auf. »Er ist so süß.«

»Süß?«, sagte ich. »Du bist zu jung, um ihn süß zu finden.«

»Nein. Er ist süß, egal, wie alt man selber ist.«

Es war schwer, gegen diese Logik anzukommen.

»Was magst du noch an Elvis?«

»Er war der beste Sänger aller Zeiten. Aber ich mag ihn nicht nur, ich liebe ihn!«

»Entschuldige, mein Fehler.«

»Aber ich liebe ihn auch, weil er mein Freund ist.«

»Dein Freund?«, fragte ich.

»Ich meine, ich weiß, er ist nicht mein wirklicher Freund, aber manchmal, wenn ich seine Fotos oder seine Filme ansehe oder seine Musik höre, dann fühle ich, wie er zu mir spricht oder für mich singt oder mich anschaut – und das macht mich sehr froh, dann fühle ich mich nicht so allein.«

Da bin ich doch fast schwach geworden. Tränen füllten meine Augen, aber ich nahm mich zusammen.

Ich sagte: »Tut mir leid, dass du dich so allein fühlst, Liebes.«

»Das ist schon O.K., ich bin dran gewöhnt.«

Ich sah rüber zur Krankenschwester, die hinter uns saß. Sie hatte – offenbar erschöpft – ihre Augen geschlossen und schien ein Nickerchen zu machen, aber ich zweifelte daran. Sie nahm sich eine extra Pause, stimmt, aber ich war sicher, dass sie uns auch zuhörte, jedes einzelne Wort.

»Wie heißen Sie denn mit Nachnamen, Aaron?«, fragte das kleine Mädel und setzte sich weiter auf.

»King«, sage ich.

»Im Ernst?«

»Im Ernst«, sagte ich.

»Aber Elvis war bekannt als der King.«

»Ist vielleicht nur ein glücklicher Zufall«, erwiderte ich.

Sie sah mich prüfend an und spitzte leicht ihre Lippen.

»Wie alt sind Sie?«, fragte sie.

»Vierundsiebzig.«

Sie zählte schnell mit ihren Fingern, und als sie fertig war, sah sie total durcheinander aus.

»Elvis wäre jetzt auch vierundsiebzig.«

»Mann, das ist ja vielleicht ein Zufall, stimmt’s!«

»Was bedeutet das, Zufall, Sie sagen es schon wieder?«

»Es bedeutet, dass das Leben manchmal sehr interessant sein kann.«

Sie zuckte mit ihren Schultern, aber meine Antwort schien ihr zu gefallen und sie lächelte wieder strahlend. Dieses Lächeln brach mir das Herz, weil sie doch eigentlich nichts zu lachen hatte. Nichts außer Elvis.

»Ich hab dir Blumen mitgebracht«, sagte ich.

»Ich mag Blumen!«

Mir fiel auf, dass sie Blumen bloß mochte, Elvis aber liebte. Ich hielt ihr die flache Schachtel hin.

»Das hier ist auch noch für dich.«

»Was ist es?«

»Öffne es und dann siehst du’s.«

Im Moment, als ich das sagte, merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Sie war nicht mehr kräftig genug, die Schachtel zu öffnen oder auch nur zu halten.

»Aber ich kann dir auch helfen«, sagte ich.

»O.K.«

Und das tat ich dann auch, legte die Schachtel am Fuß ihres Krankenbetts ab und öffnete die rote Schleife. Als ich den Deckel von der Schachtel nahm, beugte sie sich nach vorn und versuchte, in die Schachtel zu sehen. Dann nahm ich eines meiner Original Strass-Jacketts, die ich in den frühen Siebzigern getragen hatte, aus der Schachtel. Beth Ann saß mit offenem Mund da, der immer größer wurde.

»Das ist das Jackett von Elvis«, sage sie.

»Ja«, sagte ich.

»Ist es echt?«

»Das Original!«

»Oh Gott, oh, mein Gott!«

»Möchtest du es anprobieren?«

»Meinen Sie das im Ernst?«

»Na ja, es gehört ja jetzt dir. Du kannst damit tun, was immer du möchtest.«

»Ich möchte es tragen!«

»Tut mir leid, das geht nicht«, sagte die Schwester hinter uns. »Sie ist doch an die Infusion angeschlossen.«

Aber nach Bitten von meiner Seite und etwas Betteln von Beth Anns Seite gab die Schwester nach und ein paar Minuten später sowie einigen waghalsigen Manövern hatte das kleine Mädchen das Jackett an und die Infusion saß auch wieder, wo sie hingehörte. Außer dass das Jackett mehr wie ein glitzernder Mantel an ihr aussah, aber ich denke, das machte ihr nichts aus. Für eine Weile kuschelte sie sich tief hinein, ließ ihre zarten Hände darüber wandern und gab die ganze Zeit kleine Wohlfühllaute von sich.

»Das war aber sehr freundlich von Ihnen«, sagte die Schwester.

»Das ist doch das Wenigste, was ich tun kann.«

Sie klopfte mir auf die Schulter, ging um mich herum und setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Sie schloss ihre Augen und sagte: »Stimmt nicht, Sie hätten auch viel weniger tun können.«

Ich lächelte, aber das sah sie nicht. Ich sah zurück zu Beth Ann, die immer noch die Ärmel streichelte.

»Und die hat wirklich Elvis getragen?«, fragte sie, und ihre kleinen Laute wurden jetzt endlich zu Worten.

»Ja«, sagte ich.

»Schwören Sie’s?«

»Ich schwöre es und – außerdem war es sein Lieblingsjackett.«

»Aber woher wissen Sie…« Beth Ann brachte den Satz nicht zu Ende. Es schien, als wären ihr die Worte im Hals stecken geblieben. Sie sah mich plötzlich so direkt an, dass ihre Elvis-Perücke zu einer Seite rüber rutschte. Sie ignorierte die Perücke, sah mich lange prüfend an und dann, zum zweiten Mal innerhalb von Minuten, öffnete sich ihr Mund weit vor Staunen. Und dieses Mal blieb er offen. Es brauchte die Unschuld eines Kindes, um mich zu durchschauen.

»Elvis?«, fragte sie.

Ich sah mich nach der Schwester um, aber sie schien zu schlafen. Ich drehte mich wieder zu Beth Ann und hob meinen Zeigefinger an meine Lippen.

»Das bleibt unser Geheimnis, O.K.?«

Sie nickte, oder versuchte es. Ihre Augen waren noch ein paar Zentimeter größer geworden und ich meine, sie hätte schon lange, sehr lange nicht mehr geblinzelt.

»Würde es dir gefallen, wenn ich für dich singe?«, fragte ich.