Emerald - John Stephens - E-Book
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Beschreibung

Drei Geschwister, drei Bücher, ein großes GeheimnisAls die drei Geschwister Kate, Michael, und Emma, die als Kleinkinder von ihren Eltern getrennt wurden, auf dem Weg in ein neues Waisenhaus in dem abgelegenen Herrenhaus des geheimnisvollen Dr. Pym landen, ahnen sie nicht im Geringsten, wohin sie diese Reise führen wird. Denn bevor sie sich versehen, sind die besonnene Kate, der kluge Michael und die tollkühne kleine Emma in den Kampf um drei magische Bücher voll unermesslicher Macht verstrickt. Sie müssen erfahren, dass es ihre Aufgabe ist, diese zu finden, wollen sie je ihre Eltern wiedersehen. Auf dem Weg dorthin treten sie gegen finstere Gegner an, finden unerwartete, liebenswerte Verbündete, meistern ihre magischen Talente, entdecken unvorstellbare Wesen und beginnen das Geheimnis ihrer Familie zu lüften.

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Seitenzahl:549


cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House

Für meine Eltern.

J. S.

Inhaltsverzeichnis

WidmungPrologKAPITEL 1 - Mrs Lovestocks HutKAPITEL 2 - Miss Crumleys RacheCopyright

Prolog

Sie erwachte, weil jemand sie an der Schulter rüttelte. Ihre Mutter beugte sich über sie.

»Kate.« Die Stimme war leise und drängend. »Hör mir genau zu. Ich möchte, dass du etwas für mich tust. Ich möchte, dass du auf deinen Bruder und deine Schwester aufpasst. Hast du verstanden? Pass auf Michael und Emma auf.«

»Was … ?« »Ich habe keine Zeit für Erklärungen. Versprich mir, dass du dich um die beiden kümmerst.«

»Aber …«

»Ach, Kate, bitte! Versprich es mir einfach.«

»Ich … ich verspreche es.«

Es war Heiligabend. Den ganzen Tag lang hatte es geschneit. Als Älteste hatte Kate nicht so früh ins Bett gehen müssen wie ihr Bruder und ihre Schwester. Noch lange nachdem die Weihnachtslieder verklungen waren, hatte sie mit ihren Eltern vor dem Kamin gesessen und heiße Schokolade getrunken, während die Bescherung stattfand. Die beiden Jüngeren würden ihre Geschenke am nächsten Morgen bekommen. Sie hatte sich mit ihren vier Jahren sehr erwachsen gefühlt. Ihre Mutter schenkte ihrem Vater ein kleines, dickes Buch, abgewetzt und uralt, worüber er sich sehr freute. Er dagegen schenkte ihr ein Medaillon an einer Goldkette. Im Inneren des Medaillons war ein winziges Bild der drei Kinder – Kate, der zweijährige Michael und das Baby Emma. Dann war es schließlich doch Zeit gewesen, ins Bett zu gehen, und Kate hatte in der Dunkelheit gelegen, warm eingepackt und glücklich unter ihren Decken. Sie hatte sich gefragt, wie sie bloß einschlafen sollte, und dann, im nächsten Moment, hatte ihre Mutter sie wach gerüttelt.

Die Zimmertür stand offen, und in dem Licht, das aus dem Flur hereinfiel, sah sie, wie ihre Mutter hinter ihren Nacken griff und die Goldkette mit dem Medaillon löste. Sie beugte sich vor, schob ihre Hände unter Kates Nacken und befestigte die Kette dort. Das Mädchen spürte das weiche Haar der Mutter, roch den Pfefferkuchen, den sie am Nachmittag gebacken hatte, und dann tropfte etwas Nasses auf ihre Wange. Ihre Mutter weinte.

»Denk immer daran, dass dein Vater und ich euch sehr lieben. Und wir werden wieder zusammen sein. Das verspreche ich.«

Kates Herz hämmerte in ihrer Brust, und sie öffnete den Mund, um zu fragen, was los war, als plötzlich ein Mann im Türrahmen stand. Das Licht war in seinem Rücken und so konnte Kate sein Gesicht nicht sehen. Aber er war groß und dünn und trug einen langen Mantel und etwas, das so aussah wie ein zerknautschter Hut.

»Es ist Zeit«, sagte er.

Seine Stimme und der schattenhafte Umriss – diese große Gestalt im Türrahmen – sollten Kate noch jahrelang verfolgen, denn es war das letzte Mal, dass sie ihre Mutter sah. Das letzte Mal, dass die Familie beisammen war. Dann sagte der Mann etwas, das Kate nicht verstehen konnte, und plötzlich war es, als ob ein schwerer Vorhang ihren Geist verhüllte und den Mann im Türrahmen auslöschte, das Licht, ihre Mutter, alles.

Die Frau hob das schlafende Kind hoch, wickelte es in Decken und folgte dem Mann die Treppe hinunter, am Wohnzimmer vorbei, wo immer noch das Feuer im Kamin brannte, und hinaus in Kälte und Dunkelheit.

Wenn sie wach gewesen wäre, hätte Kate ihren Vater im Schnee neben einem alten schwarzen Wagen stehen sehen. Ihr Bruder und ihre Schwester schliefen in seinen Armen. Der große Mann öffnete die Wagentür zum Rücksitz und der Vater legte seine Last auf dem Sitz ab. Dann wandte er sich um, nahm Kate aus den Armen ihrer Mutter und legte sie neben ihren Bruder und ihre Schwester. Mit einem leisen Schnappen schloss der große Mann die Tür.

»Ist es endgültig?«, fragte die Frau. »Gibt es ganz gewiss keine andere Möglichkeit?«

Der Mann war in den Schein einer Straßenlaterne getreten. Zum ersten Mal konnte man ihn deutlich erkennen. Einem unbeteiligten nächtlichen Spaziergänger wäre bei seinem Anblick vielleicht ein wenig mulmig geworden. Sein Mantel war mit bunten Flicken übersät und die Ärmel waren ausgefranst. Darunter trug er einen alten Tweedanzug, an dem ein Knopf fehlte. Sein weißes Hemd war mit Tinten- und Tabakflecken beschmutzt. Das Merkwürdigste aber war seine Krawatte, die nicht nur einmal, sondern zweimal gebunden war. Es sah aus, als wäre er sich nicht sicher gewesen, ob er sie schon gebunden hatte, und hätte – ohne in den Spiegel zu schauen – einen zweiten Knoten gemacht. Sein weißes Haar sah zottelig unter dem Hut hervor, und seine Augenbrauen standen wie schneeweiße Hörner von seiner Stirn ab, wölbten sich über einer verbogenen und fleckigen Brille mit einem Rahmen aus Schildpatt. Alles in allem sah er aus wie jemand, der sich inmitten eines Wirbelsturms angekleidet hatte und zu allem Überfluss auch noch eine Treppe hinuntergefallen war.

Aber wenn man in seine Augen blickte, wurde alles anders.

Sie reflektierten das Licht nicht, sondern schienen ihr eigenes Licht zu verbreiten. Sie glänzten hell in der kalten Winternacht, und in ihnen lag ein Ausdruck von solch ungewöhnlicher Kraft, Freundlichkeit und von Verstehen, dass man das fleckige Hemd, den fehlenden Knopf oder die zweimal geknotete Krawatte völlig vergaß. Wenn man in diese Augen blickte, wusste man, dass man die wahre Weisheit gesehen hatte.

»Meine Freunde, wir haben immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde.«

»Aber was hat sich verändert?«, wollte der Vater der Kinder wissen. »Seit Cambridge Falls ist nichts mehr passiert. Das war vor fünf Jahren! Etwas muss geschehen sein.«

Der alte Mann seufzte. »Heute Abend war ich bei Devon Mc-Clay. «

»Er ist doch nicht … Das kann nicht sein!« »Ich fürchte doch. Und da wir nicht wissen, was er ihnen gesagt hat, bevor er starb, müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen. Wir müssen annehmen, dass er die Kinder verraten hat.«

Lange Zeit sagte niemand etwas. Die Frau weinte jetzt rückhaltlos.

»Ich habe Kate gesagt, dass wir uns wiedersehen. Ich habe sie angelogen.«

»Liebling …« »Er wird nicht aufgeben, ehe er sie gefunden hat! Sie werden niemals in Sicherheit sein!«

»Das stimmt«, sagte der alte Mann leise. »Er wird niemals aufgeben.«

Von wem die Rede war, musste niemandem der Anwesenden erklärt werden.

»Aber es gibt eine Möglichkeit. Und wir haben sie immer im Auge gehabt. Die Kinder müssen aufwachsen dürfen, um ihr Schicksal zu erfüllen …« Er verstummte.

Der Mann und die Frau wandten sich um. Am Ende des Blocks standen drei dunkle Gestalten in langen Mänteln und beobachteten sie. In der Straße wurde es sehr still. Selbst die Schneeflocken schienen in der Luft zu verharren.

»Sie sind da«, sagte der alte Mann. »Sie werden die Kinder verfolgen. Ihr müsst verschwinden. Ich werde euch finden.«

Ehe die beiden noch etwas erwidern konnten, hatte der alte Mann die Fahrertür des schwarzen Wagens geöffnet und war hinter das Lenkrad geglitten. Die drei Gestalten kamen näher. Der Mann und die Frau wichen zum Haus zurück, während der Motor mit einem Poltern und Aufkeuchen zum Leben erwachte. Eine Sekunde lang drehten die Räder im Schnee durch, dann griffen sie, und das Auto fuhr schleudernd an. Die Gestalten rannten jetzt, liefen achtlos an dem Mann und der Frau vorbei. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Wagen, der rutschend und schlitternd die schneebedeckte Straße entlangfuhr.

Der weißhaarige Mann umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen. Glücklicherweise war es schon spät am Abend, und dank des Schnees und der Tatsache, dass heute Weihnachten war, herrschte nur wenig Verkehr. Aber so schnell er auch fuhr, die dunklen Gestalten rückten immer näher. Sie rannten mit einer unheimlichen, stillen Grazie. Mit jedem Schritt übersprangen sie mehrere Meter; wie schwarze Flügel flatterten die langen Mäntel hinter ihnen her. Als das Auto um eine Ecke bog, prallte es gegen einen geparkten Lieferwagen. Um auszuweichen, sprangen zwei der Gestalten in die Luft und klammerten sich an die Fassade eines Hauses. Der alte Mann warf einen Blick in den Rückspiegel und sah, dass seine Verfolger wie riesige Spinnen an den Häuserfronten entlangkrabbelten.

Er zeigte keine Überraschung, aber er trat das Gaspedal ganz durch.

Das Auto schoss über einen Platz, an einer Gruppe Kirchgänger vorbei, die gerade aus der Mitternachtsmesse kamen. Der Mann war in den alten Teil der Stadt gefahren und der Wagen holperte über die Pflastersteine. Auf dem Rücksitz schliefen die Kinder tief und fest. Eine der Gestalten stieß sich von einer braunen Sandsteinfassade ab und landete mit einem donnernden Knall auf dem Wagendach. Einen Moment später stieß eine bleiche Faust von oben durch das Dach und fing an, das Metall wegzuschälen. Ein zweiter Angreifer packte das Heck des Autos und bohrte seine Fersen in den Boden, wobei er zwei tiefe Scharten in die jahrhundertealten Pflastersteine riss.

»Noch ein bisschen«, murmelte der Mann. »Nur noch ein bisschen weiter.«

Sie kamen in einen Park, weiß von Schnee und menschenleer. Der Wagen glitt über den gefrorenen Boden. Direkt vor sich konnte der alte Mann das dunkle Band des Flusses sehen. Und dann schien alles auf einmal zu passieren. Der alte Mann ließ den Motor aufjaulen, die dritte Gestalt klammerte sich an die Tür, das Dach wurde weggerissen, sodass die kalte Nachtluft einströmte. Das Einzige, was unverändert blieb, waren die Kinder, die weiterschliefen und von alledem nichts mitbekamen. Dann flog der Wagen über einen kleinen Hügel und stürzte hinab, dorthin, wo der Fluss langsam durch sein Bett strömte.

Er kam niemals dort an. Bevor der Wagen auf der Wasserfläche aufprallte, verschwand er einfach. Zurück blieben drei Gestalten, die sich platschend und prustend durch den Fluss kämpften.

Eine Sekunde später und etliche hundert Meilen weiter nördlich hielt der Wagen unversehrt – bis auf einige Kratzer im Lack und das fehlende Dach – vor einem großen grauen Gebäude an. Er wurde offensichtlich schon erwartet, denn eine kleine Frau in dunklen Gewändern kam die Stufen heruntergehastet.

Gemeinsam mit dem alten Mann trug sie die Kinder ins Haus. Sie stiegen bis zum obersten Stockwerk empor und gingen dann einen langen Flur entlang, der mit Weihnachtsgirlanden und Lametta dekoriert war, vorbei an vielen Zimmern, in denen Kinder schliefen. Erst die allerletzte Tür öffneten sie und traten hindurch. In dem Raum standen nur zwei Betten und eine Wiege.

Die kleine Frau – eine Nonne namens Schwester Agatha – trug den Jungen und das Baby. Sie legte den Jungen in ein Bett und seine kleine Schwester in die Wiege. Keiner von beiden rührte sich. Der alte Mann legte Kate in das andere Bett und zog ihr die Decke bis unters Kinn.

»Die armen Kleinen«, sagte Schwester Agatha.

»Ja. Und von ihnen hängt so vieles ab.«

»Glauben Sie, dass sie hier sicher sind?«

»So sicher wie nirgendwo sonst. Er wird nach ihnen suchen.

So viel ist gewiss. Aber die Einzigen, die wissen, dass die Kinder hier sind, sind Sie und ich.«

»Wie soll ich sie nennen? Sie brauchen doch einen neuen Nachnamen.«

»Wie wäre es mit …« Der alte Mann dachte kurz nach. »Mit P?«

»Nur P?«

»Nur P.«

»Was ist mit dem älteren Mädchen? Sie wird sich doch gewiss an ihren richtigen Namen erinnern.«

»Ich werde dafür sorgen, dass sie es nicht tut.« »Kaum zu glauben, dass all das wirklich geschieht. Kaum zu glauben …« Sie warf dem alten Mann einen Blick zu. »Möchten Sie nicht eine kleine Weile bleiben? Im Wohnzimmer brennt ein Feuer im Kamin und ich habe noch etwas von dem Bier aus dem Kloster. Immerhin ist heute Weihnachten.«

»Das klingt sehr verlockend. Aber leider geht das nicht. Ich muss nach den Eltern der Kinder sehen.«

»Herrje, also hat es wirklich angefangen…« Leise seufzend verließ die kleine Frau das Zimmer.

Der alte Mann folgte ihr zur Tür, blieb stehen und schaute noch einmal zu den Kindern. Er hob die Hand und sprach, als wollte er sie segnen: »Bis wir uns wiedersehen.« Dann ging er hinaus.

Die drei Kinder schliefen weiter. Sie wussten nichts von der neuen Welt, die sie erwartete, wenn sie aufwachten.

KAPITEL 1

Mrs Lovestocks Hut

Besagter Hut befand sich im Besitz von Mrs Constance Lovestock. Mrs Lovestock war eine Frau in mittleren Jahren, mit einem mehr als mittelgroßen Vermögen und kinderlos. Sie war keine Frau, die sich mit Halbheiten abgab. Da war zum Beispiel die Sache mit den Schwänen.

Sie hielt sie für die schönsten und elegantesten Geschöpfe auf der ganzen Welt.

»So graziös«, sagte sie. »So vornehm.«

Wenn man ihr großes und luxuriöses Anwesen am Rande von Baltimore erreichte, erblickte man als Erstes Büsche, die in Schwanenform geschnitten waren. Daneben Statuen von Schwänen, die sich gerade in die Luft schwangen. Ein Brunnen, wo eine Schwanenmutter ihre Jungen mit Wasser bespuckte. Ein Vogelbad in Gestalt eines Schwans, in dem das gewöhnliche Federvieh die Ehre hatte, baden zu dürfen. Und natürlich echte Schwäne, die in den das Haus umgebenden Teichen dahinglitten und die manchmal – nicht so graziös, wie man hätte erwarten dürfen – an den Erdgeschossfenstern vorbeiwatschelten.

»Wenn ich etwas tue«, sagte Mrs Lovestock stolz, »dann richtig.«

Und so geschah es eines Abends Anfang Dezember, als sie auf dem Schwanen-Sofa vor dem Kamin saß, auf dem Schoß das Strickzeug, neben sich ihren Ehemann, Mr Lovestock, dass sie verkündete: »Gerald, ich werde ein paar Kinder adoptieren. «

Mr Lovestock, der jeden Sommer allein in Urlaub fuhr – vorgeblich, um Käfer zu sammeln, aber in Wahrheit, um auf dem Anwesen eines Privatmannes in Florida Schwäne zu jagen, die er aus nächster Nähe mit einem irren Grinsen auf dem Gesicht abknallte –, nahm die Pfeife aus dem Mund und gab ein nachdenkliches »hm« von sich. Er hatte ganz deutlich gehört, was sie gesagt hatte: nicht »ein Kind«, sondern »ein paar Kinder«. Aber die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass es sinnlos war, die direkte Konfrontation mit seiner Frau zu suchen. Stattdessen versuchte er es mit einer Mischung aus gespielter Ahnungslosigkeit und Schmeichelei.

»Liebes, das ist eine fantastische Idee. Du wärst bestimmt eine wunderbare Mutter. Ja, lass uns ein Kind adoptieren.«

Mrs Lovestock schaute ihren Mann scharf an. »Versuche nicht, mich auf den Arm zu nehmen, Gerald. Ich habe nicht die Absicht, bloß ein Kind zu adoptieren. Das wäre doch die ganze Mühe nicht wert. Ich denke, ich werde mit dreien anfangen. « Dann stand sie auf und gab ihm damit zu verstehen, dass die Diskussion beendet war. Mit hocherhobenem Kopf stolzierte sie aus dem Zimmer.

Mr Lovestock seufzte, steckte sich die Pfeife wieder in den Mundwinkel und fragte sich, ob es einen Ort gab, wo er im Sommer vielleicht Kinder jagen konnte.

Vermutlich nicht, dachte er, und widmete sich wieder seiner Zeitung.

»Das ist eure letzte Chance.«

Kate saß vor Miss Crumleys Schreibtisch in deren Büro im Nordturm des Edgar-Allan-Poe-Waisenhauses für schwer erziehbare Kinder. Das Gebäude war jahrhundertelang ein Waffenarsenal gewesen. Im Winter fegte der Wind durch die löchrigen Wände, klapperte an den Fensterläden und ließ das Wasser in den Toiletten zu Eis gefrieren. Miss Crumleys Büro war der einzige Raum, in dem geheizt wurde. Kate hoffte, dass sich die Leiterin des Waisenhauses mit dem, was sie zu sagen hatte, viel Zeit ließ.

»Ich scherze nicht, junge Dame.« Miss Crumley war eine kurzbeinige, dickliche Frau mit einem Berg zartlilafarbenen Haars. Während sie mit Kate sprach, nahm sie sich ein Bonbon aus der Schale auf ihrem Schreibtisch. Die Bonbons waren nicht für die Kinder gedacht. Als sie im Waisenhaus eintrafen, hatte ihnen Miss Crumley eine Liste aufgezählt, was man durfte und was nicht – Letzteres war deutlich in der Überzahl – , und währenddessen hatte sich Michael ein Pfefferminzbonbon genommen. Zur Strafe musste er eine Woche lang kalt duschen. »Sie hat nicht gesagt, dass ich es nicht nehmen darf«, beschwerte er sich. »Woher hätte ich das wissen sollen?«

Miss Crumley schob sich das Bonbon in den Mund. »Danach ist Schluss. Aus. Ende. Wenn du und deine Geschwister nicht den bestmöglichen Eindruck macht, damit diese Dame euch adoptiert, nun …« Sie saugte an ihrem Bonbon und suchte nach den wirkungsvollsten Worten für ihre Drohung. »Nun, dann kann ich nichts mehr für euch tun.«

»Wer ist sie?«, fragte Kate.

»Wer sie ist?!« Miss Crumleys Augen weiteten sich ungläubig.

»Ich meine, wie ist sie denn so?«

»Wer ist sie? Wie ist sie?« Heftig saugte Miss Crumley an dem Bonbon. Der Zorn trieb ihre Wangenmuskeln zu Höchstleistungen. »Diese Frau…« Sie verstummte. Kate wartete. Aber es kam nichts mehr. Stattdessen wurde Miss Crumley krebsrot. Sie würgte.

Den Bruchteil einer Sekunde lang – vielleicht doch etwas länger, sagen wir … drei Sekunden lang – dachte Kate über die Möglichkeit nach, einfach zuzuschauen, wie Miss Crumley erstickte. Dann sprang sie auf, rannte um sie herum und klopfte ihr auf den Rücken.

Ein schleimiger grüner Klumpen flog aus Miss Crumleys Mund und landete auf dem Schreibtisch. Sie wandte sich schwer atmend zu Kate, das Gesicht immer noch feuerrot. Kate wusste, dass sie keinen Dank erwarten konnte.

»Sie ist …«, keuchte Miss Crumley, »eine Frau, die drei Kinder adoptieren will. Am liebsten drei Geschwister. Das ist alles, was ihr wissen müsst. Wer sie ist! Diese Anmaßung! Geh und suche deine Geschwister. Sieh zu, dass sie sich waschen und ihre besten Kleider anziehen. Die Dame wird in einer Stunde hier sein. Und wenn einer von euch irgendetwas anstellt … dann gnade euch Gott.« Sie nahm das angelutschte Bonbon und warf es sich wieder in den Mund. »Dann kann ich für nichts mehr garantieren.« Als Kate von Miss Crumleys Büro aus die enge Wendeltreppe nach unten stieg, zog sie ihren dünnen Pullover enger um sich. Wenn Erwachsene Kate das erste Mal sahen, bemerkten sie stets, wie außergewöhnlich hübsch sie war, mit ihren dunkelblonden Haaren und den haselnussbraunen Augen. Aber wenn sie genauer hinschauten, sahen sie das Stirnrunzeln, das auf ihrem Gesicht eingemeißelt zu sein schien, die Fingernägel, die bis aufs Fleisch abgeknabbert waren, die Anspannung in ihrem Körper, die sie immer wie auf dem Sprung erscheinen ließ. Und statt »Oh, was für ein hübsches Mädchen!« sagten sie kopfschüttelnd »Ach, das arme Ding«. Denn Kates Anblick, so hübsch sie auch war, war der Anblick eines Menschen, der ständig auf den nächsten Schicksalsschlag wartet.

Kate verließ das Waisenhaus durch die Seitentür und sah eine Gruppe von Kindern, die sich um einen kahlen Baum am Rand des Hofs versammelt hatten. Ein kleines Mädchen mit dürren Beinen und kurzen kastanienbraunen Haaren warf Steine auf einen Jungen, der oben im Baum saß. Gleichzeitig schrie sie ihn an und forderte ihn auf, herunterzukommen und mit ihr zu kämpfen.

Kate schob sich durch den Kreis aus lachenden und johlenden Kindern, gerade als Emma den nächsten Stein aufhob.

»Was machst du da?«

Emma drehte sich um. Auf ihren Wangen brannten rote Kreise und ihre dunklen Augen funkelten.

»Er hat mein Buch zerrissen! Ich habe bloß dagesessen und gelesen und er hat mein Buch gepackt und es zerrissen! Ich schwöre, ich habe nichts gemacht! Und jetzt will er nicht mal runterkommen und sich mit mir prügeln!«

»Das stimmt nicht!«, schrie der Junge im Baum. »Sie ist ja verrückt!«

»Sei ruhig!«, gellte Emma und warf den Stein. Der Junge versteckte sich hinter dem Stamm, von dem der Stein abprallte.

Emma war klein für ihre elf Jahre. Sie bestand nur aus knochigen Knien und Ellbogen. Aber alle Kinder im Waisenhaus respektierten und fürchteten ihr Temperament. Wenn sie sich in die Ecke gedrängt oder ungerecht behandelt fühlte, konnte sie kämpfen wie der Teufel, konnte treten und kratzen und beißen. Kate fragte sich manchmal, ob ihre Schwester auch so geworden wäre, wenn sie nicht von ihren Eltern getrennt worden wären. Emma war die Einzige, die sich nicht an ihre Mutter und ihren Vater erinnern konnte. Selbst Michael hatte eine Ahnung davon, wie es war, umsorgt und geliebt zu sein. Aber was Emma betraf, war dies das einzige Leben, das sie je gekannt hatte, und darin gab es nur eine Regel: Wenn man aufhörte zu kämpfen, war man erledigt. Unglücklicherweise gab es immer ein paar ältere Jungs, die es darauf anlegten, sie zu reizen, und die sich dann daran ergötzten, wie sie aus der Haut fuhr. Eine beliebte Zielscheibe des Spotts war – wie könnte es anders sein – der Nachname der Kinder, der nur aus einem einzigen Buchstaben bestand. Mit ihren vierzehn Jahren war Kate die Älteste, und es oblag ihr, ihre jüngere Schwester zu beruhigen.

»Wir müssen Michael finden«, sagte Kate. »Eine Frau kommt, um uns anzuschauen.«

Schweigen senkte sich über die Kinder. Seit Monaten waren keine potenziellen Eltern mehr in das Edgar-Allan-Poe-Waisenhaus für schwer erziehbare Kinder gekommen.

»Mir egal«, sagte Emma. »Ich gehe nicht hin.«

»Die muss ja verrückt sein, wenn sie dich haben will«, rief ihr der Junge aus dem Baum zu.

Blitzschnell hatte Emma einen neuen Stein gepackt, gezielt und geschleudert. Der Junge war nicht schnell genug und der Stein traf ihn am Ellbogen.

»Auuuu!«

»Emma.« Kate nahm ihre Schwester am Arm. »Miss Crumley sagt, das sei unsere letzte Chance.«

Emma riss sich los. Sie bückte sich und hob einen besonders großen Stein auf. Aber es war klar, dass ihr die Kampflust vergangen war. Stumm wartete Kate, während Emma den Stein von einer Hand in die andere warf und dann lustlos gegen den Baumstamm schleuderte.

»Also schön.«

»Weißt du, wo Michael ist?«

Emma nickte. Kate nahm sie an der Hand, und die Kinder machten ihnen Platz, als sie weggingen.

Die Mädchen fanden Michael in dem Wäldchen hinter dem Waisenhaus, wo er eine Höhle erforschte, die er letzte Woche entdeckt hatte. Er tat so, als sei es der Eingang zu einem alten Zwergentunnel. Sein ganzes Leben lang schon war Michael von Geschichten über magische Wesen besessen. Von Zauberern, die mit Drachen kämpften, von Rittern, die Jungfrauen fressenden Trollen den Hintern versohlten, von klugen Bauernjungen, die mit ihrem scharfen Verstand Kobolde austricksten. Er las alles, was er in die Finger bekommen konnte. Aber am liebsten mochte er Geschichten über Zwerge.

»Sie haben eine lange und ruhmreiche Geschichte. Und sie sind sehr fleißig. Sie kämmen nicht ständig ihre Haare und blicken seufzend in Spiegel, wie die Elfen es tun. Zwerge arbeiten hart.«

Michael hatte keine besonders gute Meinung von Elfen.

Der Ursprung seiner Leidenschaft lag in einem Buch mit dem Titel Alles über Zwerge – Eine ausführliche Anthologie, geschrieben von einem gewissen G. G. Greenleaf. Als sie an jenem ersten Morgen in ihrem neuen Leben erwachten, ohne ihre Eltern, in einem fremden Zimmer, hatte Kate das Buch entdeckt. Es hatte unter Michaels Decke gesteckt. Sie hatte es sofort erkannt: Es war das Buch, das ihre Mutter ihrem Vater zu Weihnachten geschenkt hatte. In den folgenden Jahren las Michael es mehrere Male. Kate wusste, dass er sich auf diese Weise mit einem Vater verbunden fühlte, an den er sich kaum noch erinnern konnte. Und so versuchte sie stets, in Emma Verständnis zu wecken, wenn Michael zu einem seiner spontanen Vorträge über Zwerge ansetzte. Aber das war nicht immer einfach.

Die Luft in der Höhle war feucht und roch nach Moos, aber die Decke war hoch genug, dass Kate und Emma aufrecht stehen konnten. Michael kauerte ein paar Meter vom Höhleneingang im Licht einer Taschenlampe. Er war genauso hager und hatte das gleiche kastanienbraune Haar und die gleichen dunklen Augen wie seine kleine Schwester, obwohl seine hinter einer Brille mit Drahtgestell versteckt lagen. Die Leute hielten die beiden oft für Zwillinge, was Michael stets erboste. »Ich bin ein Jahr älter«, sagte er dann. »Das sieht man doch wohl!«

Es blitzte auf, dann surrte es, und dann spuckte Michaels uralte Polaroidkamera ein Bild aus. Er hatte die Kamera vor ein paar Wochen bei einem Trödler in Baltimore entdeckt, zusammen mit etwa einem Dutzend Filme, die ihm der Ladenbesitzer mehr oder weniger geschenkt hatte. Seitdem benutzte er sie für seine »Forschungsarbeiten«, wobei er Kate und Emma ständig daran erinnerte, wie wichtig es war, seine Entdeckungen zu dokumentieren.

»Hier.« Michael zeigte auf den Stein, den er gerade fotografiert hatte. »Was haltet ihr davon?«

Emma stöhnte. »Das ist doch bloß ein Stein!«

»Was denkst du denn, was es ist, Michael?«, fragte Kate, die ihm seine Laune nicht verderben wollte.

»Das Blatt einer Zwergenaxt«, erklärte Michael. »Es ist vom Wasser ziemlich zerfressen. Bei dieser Feuchtigkeit sind die Artefakte, die man findet, nur schlecht erhalten.«

»Das ist komisch«, sagte Emma. »Das Ding sieht nämlich genauso aus wie … ein Stein.«

»Okay, das reicht«, sagte Kate, die merkte, dass Michael drauf und dran war, sich aufzuregen. Sie erzählte ihm von der Frau, die drei Kinder adoptieren wollte.

»Geht ihr nur«, sagte er. »Ich habe hier noch einiges zu erledigen. «

Die meisten Waisen brannten darauf, adoptiert zu werden. Sie träumten von einem reichen, freundlichen Ehepaar, das ihnen ein Leben in Liebe und Bequemlichkeit bieten würde. Kate und ihre Geschwister waren da eine Ausnahme. Es fing schon damit an, dass sie sich weigerten, sich selbst als Waisen zu betrachten.

»Unsere Eltern sind noch am Leben«, sagten sie. »Und eines Tages kommen sie uns holen.«

Natürlich glaubte ihnen niemand. An einem verschneiten Weihnachtsabend vor zehn Jahren hatte man sie ins St.-Mary-Waisenhaus am Ufer des Charles River in Boston gebracht, und seitdem hatten sie kein Wort mehr von ihren Eltern oder irgendwelchen anderen Verwandten gehört. Sie wussten nicht einmal, wofür der Buchstabe P ihres Nachnamens stand. Aber trotzdem glaubten sie immer noch tief in ihren Herzen, dass ihre Eltern eines Tages wieder auftauchen würden. Das lag zu einem großen Teil daran, dass Kate ihre Geschwister immer wieder an das Versprechen ihrer Mutter erinnerte, das sie ihr an jenem letzten Abend gegeben hatte: dass sie eines Tages wieder zusammen sein würden. Das machte die Vorstellung, ein Fremder könnte sie adoptieren, schlichtweg unmöglich. Unglücklicherweise gab es in diesem Fall noch andere Umstände zu bedenken.

»Miss Crumley sagt, das sei unsere letzte Chance.«

Michael seufzte und ließ den Steinbrocken fallen, den er für eine Axt hielt. Dann nahm er die Taschenlampe und folgte seinen Schwestern nach draußen.

In den vergangenen zehn Jahren waren die Kinder in sage und schreibe zwölf verschiedenen Waisenhäusern gewesen. Ihr kürzester Aufenthalt betrug zwei Wochen. Am längsten waren sie in dem ersten Heim gewesen, im St.-Mary-Waisenhaus, und zwar fast drei Jahre. Aber eines Tages war das Waisenhaus in Flammen aufgegangen, einschließlich der Mutter Oberin, einer freundlichen Nonne namens Schwester Agatha, die sich rührend um die Kinder gekümmert hatte. Allerdings hatte sie die schlechte Angewohnheit gehabt, im Bett zu rauchen. Dann folgte eine sieben Jahre dauernde Odyssee von einem Waisenhaus zum nächsten. Gerade wenn sich die Kinder in einem eingelebt hatten, mussten sie schon wieder weiterziehen. Irgendwann wurde es ihnen zur Gewohnheit, sich auf einen kurzen Verbleib einzustellen. Sie unternahmen keinen Versuch mehr, Freunde zu finden. Sie verließen sich nur noch auf sich selbst.

Der Grund für dieses ständige Umziehen war, dass die Kinder »schwer zu platzieren« waren, wie es in der Sprache der Adoptionsbehörden hieß. Es ging nicht, nur einen von ihnen zu vermitteln; sie mussten zusammenbleiben. Aber eine Familie, die bereit war, drei Kinder auf einmal zu adoptieren, musste man mit der Lupe suchen. Und die Miss Crumleys dieser Welt waren am Ende ihrer Geduld angelangt.

Kate war klar, dass, sollte diese Dame sie nicht nehmen, Miss Crumley es so darstellen würde, als habe sie ihr Bestes getan, die Kinder aber seien unvermittelbar. Und ab ging’s ins nächste Waisenhaus. Sie hatte die leise Hoffnung, dass sie und ihre Geschwister doch würden bleiben dürfen, wenn sie sich gut benahmen, auch wenn das bevorstehende Gespräch eine Pleite werden würde. Nicht dass es den Kindern in ihrem derzeitigen Heim besonders gut gefiel. Das Wasser war braun. Die Betten waren hart. Wenn man bei den Mahlzeiten zu viel aß, bekam man Bauchweh, aß man aber zu wenig, tat einem der Bauch ebenfalls weh. Nein, das Problem war, dass sich jedes Waisenhaus als unfreundlicher und heruntergekommener erwiesen hatte als das vorherige. Als sie vor etwa sechs Monaten in das Edgar-Allan-Poe-Waisenhaus für schwer erziehbare Kinder gekommen waren, hatte Kate geglaubt, dass dies das Ende der Fahnenstange war. Schlimmer, so dachte sie, konnte es nicht mehr werden. Jetzt allerdings fragte sie sich, ob sie sich nicht vielleicht geirrt hatte.

Sie war nicht scharf darauf, es herauszufinden.

Eine halbe Stunde später klopften die Kinder – gewaschen und in ihren besten Kleidern, was allerdings nicht viel heißen wollte – an die Tür zu Miss Crumleys Büro.

»Herein.«

Kate hielt Emma an der Hand. Michael folgte ihnen. Sie hatte sie angewiesen zu lächeln und weitgehend den Mund zu halten. »Wer weiß, vielleicht ist sie ja richtig nett. Dann bleiben wir einfach bei ihr, bis Mom und Dad zurückkommen.«

Aber als Kate die große Frau in dem langen Mantel sah, der ganz aus weißen Federn gemacht war, die Tasche in Form eines Schwans und den Hut auf dem Kopf der Frau, von dem ein Schwanenkopf sich wie ein Fragezeichen nach unten bog, wusste sie, dass ihre Hoffnung enttäuscht worden war.

»Ich vermute, dies sind die Findelkinder«, sagte Mrs Lovestock und baute sich vor den Kindern auf. »Ihr Nachname ist P, sagen Sie?«

»Ja, Mrs Lovestock«, zwitscherte Miss Crumley. Sie reichte der riesigen Frau nur bis zur Taille. »Es sind drei unserer Besten. Oh, ich liebe sie. Aber sosehr es mich schmerzen würde, mich von ihnen zu trennen, ich würde mich natürlich überwinden. Weiß ich doch, dass sie bei Ihnen ein wundervolles Zuhause erwartet. «

»Hm.« Mrs Lovestock beugte sich vor, um die drei zu begutachten, wobei der Schwanenkopf auf ihrem Hut ebenfalls neugierig nach vorn rutschte.

Kate warf einen Blick zur Seite und sah, dass Emma und Michael den Vogel mit großen Augen anstarrten.

»Ich muss euch warnen«, sagte Mrs Lovestock. »Ich habe nichts für Unfug übrig. Ich dulde keine Rennerei, kein Schreien, Brüllen, kein lautes Gelächter, schmutzige Hände oder Füße, unhöfliche Bemerkungen – egal worüber …« Jedes Mal wenn sie etwas auflistete, was sie nicht duldete, nickte der Schwanenkopf zustimmend. »Was ich ebenfalls nicht leiden kann, sind Geplapper, Händeklatschen oder volle Taschen. Kinder mit vollen Taschen sind mir ein Gräuel.«

»Oh, diese Kinder haben niemals etwas in ihren Taschen. Das versichere ich Ihnen, Mrs Lovestock«, sagte Miss Crumley. »Rein gar nichts.«

»Dagegen erwarte ich …«

»Was ist das da auf Ihrem Kopf?«, fiel Emma ihr ins Wort.

»Wie bitte?« Die Frau schaute sie verwirrt an.

»Das Ding da auf Ihrem Kopf. Was soll das sein?«

»Emma … «, sagte Kate warnend.

»Ich weiß, was es ist«, sagte Michael.

»Weißt du nicht.«

»Weiß ich doch.«

»Und? Was ist es?«, wollte Emma wissen.

Mrs Lovestock wandte sich an die Heimleiterin. »Miss Crumley, was um aller Welt geht hier vor?«

»Nichts, Mrs Lovestock, gar nichts. Ich versichere Ihnen …«

»Es ist eine Schlange«, sagte Michael.

Mrs Lovestock sah aus, als hätte ihr jemand ins Gesicht geschlagen.

»Das ist keine Schlange«, sagte Emma.

»Ist es wohl.« Michael betrachtete aufmerksam den Hut. »Es ist eine Kobra.«

»Aber es ist doch ganz weiß.«

»Vielleicht hat sie die Schlange angemalt.« Er wandte sich jetzt direkt an Mrs Lovestock. »Stimmt’s? Haben Sie die Schlange angemalt?«

»Michael! Emma!«, zischte Kate. »Seid still.«

»Ich habe doch bloß gefragt, ob sie die Schlange angem...«

»Pst!«

Eine schiere Ewigkeit lang war nur das Zischen des Radiators zu hören – und das schabende Geräusch, mit dem Miss Crumley ihre Hände rang.

»Noch nie in meinem Leben …«, setzte Mrs Lovestock schließlich an.

»Meine liebe Mrs Lovestock …«, versuchte Miss Crumley einzulenken.

Kate wusste, dass sie etwas sagen musste. Wenn nur die geringste Hoffnung bestehen sollte, dass man sie nicht wegschickte, dann musste sie die Wogen glätten. Aber dann machte die Frau den Mund auf und sagte die fatalen Worte: »Ich weiß ja, dass man von Waisen nicht allzu viel erwarten darf, aber …«

»Wir sind keine Waisen«, unterbrach Kate sie.

»Wie bitte?«

»Waisen sind Kinder, deren Eltern tot sind«, erklärte Michael. »Unsere sind es nicht.«

»Sie kommen wieder«, fügte Emma hinzu.

»Hören Sie gar nicht hin, Mrs Lovestock. Gar nicht hinhören. Das ist nur dummes Waisengeschwätz.« Miss Crumley bot ihrem Gast die Bonbonschale an. »Ein Bonbon?«

Mrs Lovestock achtete gar nicht auf sie.

»Es stimmt«, beharrte Emma. »Sie kommen wieder. Ehrlich.«

»Nun passt mal auf!« Mrs Lovestock beugte sich vor. »Ich bin eine geduldige Frau. Da könnt ihr fragen, wen ihr wollt. Aber eins werde ich nicht dulden, und zwar Fantastereien. Dies ist ein Waisenhaus. Ihr seid Waisen. Wenn eure Eltern euch gewollt hätten, dann hätten sie euch nicht am Straßenrand stehen gelassen wie den Abfall von letzter Woche, ohne euch auch nur einen zivilisierten Nachnamen auf den Weg zu geben. P! Also bitte! Ihr solltet dankbar sein, dass jemand wie ich über eure ungeheuerlich schlechten Manieren hinwegsieht – und über eure Unkenntnis über den herrlichen Wasservogel, mit dessen Abbild ich mich schmücke. Ihr solltet euch freuen, dass ich euch in meinem Zuhause aufnehmen will. Also, was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?«

Kate sah, wie Miss Crumley um die Taille der Frau herumspähte und sie anfunkelte. Wenn sie sich nicht bei der Schwanendame entschuldigte, würde Miss Crumley sie gewiss irgendwo hinschicken, wogegen ihnen das Edgar-Allan-Poe-Waisenhaus für schwer erziehbare Kinder wie ein Luxushotel vorkommen würde. Aber was war die Alternative? Bei dieser Frau zu leben, die behauptete, ihre Eltern hätten sie wie Müll weggeworfen und würden niemals zurückkehren? Sie drückte die Hand ihrer Schwester.

»Wissen Sie«, sagte sie, »es sieht tatsächlich aus wie eine Schlange.«

KAPITEL 2

Miss Crumleys Rache

Das Ruckeln des Zuges weckte Kate. Sie war, mit dem Kopf an das Fenster gelehnt, eingeschlafen, und jetzt hatte sie eine kalte Stirn. Nachdem der Zug am Vormittag in New York angehalten hatte, war er am Hudson River entlanggefahren, vorbei an Hyde Park und Albany und einem Dutzend weiterer Kleinstädte, die sich an das Ufer des Flusses drängten. Als sie jetzt zum Fenster hinausschaute, sah Kate, dass sich Eis auf dem Wasser gebildet hatte und dass sie durch eine Landschaft voller sanfter, schneebedeckter Hügel fuhren. Hin und wieder war ein dunkler Fleck in dem Weiß zu sehen, wo eine Farm stand. Sie hatten Baltimore am frühen Morgen verlassen. Miss Crumley hatte sie selbst zum Bahnhof gebracht.

»Nun, ich hoffe, im nächsten Waisenhaus benehmt ihr euch besser.« Die Kinder standen auf dem Bahnsteig. Jedes hatte eine Tasche in der Hand, in der seine wenigen Kleider und ein paar weitere Habseligkeiten untergebracht waren.

Kate hatte geahnt, dass sich Miss Crumley diese letzte Gelegenheit für eine Standpauke nicht entgehen lassen würde.

»Ich habe dem Leiter eures neuen Waisenhauses gesagt, dass aus euch vermutlich Kriminelle, wenn nicht sogar Mörder werden würden. Dr. Pym – ja, ich glaube, so heißt er, Dr. Stanislaus Pym – erklärte mir, dass ihr genau die Art von Kindern seid, nach der er sucht. Ha! Ich kann mir vorstellen, was euch drei erwartet!«

Zwei Wochen waren seit jener schicksalhaften Begegnung mit Mrs Lovestock vergangen. Miss Crumley hatte sofort Kontakt zu allen Waisenhäusern aufgenommen, die sie kannte, und nach einem gesucht, das die Kinder aufnehmen würde. Noch vor wenigen Tagen hatte Kate zufällig vor ihrem Büro gestanden und gehört, wie sie am Telefon flehte: »Ich weiß, dass es ein Tierheim ist. Aber wirklich: Diese Kinder brauchen nicht viel.« Und dann war der Anruf eines Waisenhauses gekommen, das bereit war, sich ihrer anzunehmen.

»Wohin fahren wir?«, fragte Kate.

»Nach Cambridge Falls. Es ist oben, in der Nähe der Grenze vermutlich. Ich selbst war noch nie dort.«

»Ist es schön dort?«

»Ob es schön ist?« Miss Crumley kicherte, als ob das der beste Witz wäre, den sie seit Langem gehört hatte. »Oh, das würde ich nicht sagen. Nein, kein bisschen. Also, hier sind eure Fahrkarten. Ihr fahrt bis nach Westport. Dort wird euch ein Boot über den See bringen. Es wird euch am Pier 12 erwarten. Auf der anderen Seite wird euch dann jemand in Empfang nehmen, meinte Dr. Pym. Nun fort mit euch. Für mich ist die Sache erledigt.«

Die Kinder stiegen ein. Miss Crumley stand auf dem Bahnsteig und schaute zu.

»Guckt sie euch an«, sagte Emma. »Sie will sicher sein, dass wir auch bestimmt abfahren. Ich würde es ihr so gerne heimzahlen! « Sie ballte die Hände zu Fäusten.

»Hat jemand Lust auf ein Bonbon?«

Die Mädchen starrten ihren Bruder verblüfft an. Michael hielt eine Plastiktüte in der Hand, die bis oben hin mit Süßigkeiten gefüllt war. Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin letzte Nacht in ihr Büro geschlichen.«

Auf dem Bahnsteig schaute Miss Crumley dem Zug zufrieden nach. Aber auf dem Rückweg ins Waisenhaus ging ihr das Bild der Jüngsten dieser missratenen Geschwister nicht aus dem Sinn. Emma hatte ihr die Zunge herausgestreckt, als der Zug angefahren war. Miss Crumley hätte schwören können, dass das Mädchen dabei an einer Lakritzschnecke kaute. Was natürlich lächerlich war. Woher sollte ein Mädchen wie dieses Lakritze bekommen?

Als der Zug in Albany gehalten hatte, war Kate hinausgesprungen und hatte mit dem bisschen Geld, das sie besaß, Käsebrötchen gekauft. Die Kinder verspeisten die Brötchen, während sie immer weiter nach Norden fuhren und die Landschaft draußen vor dem Fenster immer hügeliger wurde. Dann gingen Michael und Emma mit vollen Mägen den Zug erkunden, während Kate sich zurücklehnte und die Augen schloss. Sie schlief beinahe sofort ein.

Kate hatte einen Traum. Sie stand vor einem großen Haus aus Stein. Es war wie eine Festung, dunkel und bedrohlich, und sie wollte nicht hineingehen. Aber dann war sie plötzlich drin und stieg eine spärlich beleuchtete Treppe hinab. Am Fuß der Treppe ging sie durch eine Tür in ein Arbeitszimmer. Oberflächlich betrachtet sah alles ganz gewöhnlich aus: ein Schreibtisch, Stühle, ein Kamin, Bücherregale. Aber jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, veränderte sich die Umgebung. Die Wände glitten zurück. Die Bücher sortierten sich neu. Die Stühle tauschten die Plätze. Und dann wurde sie von einer entsetzlichen, alles verschlingenden Furcht gepackt. Es drohte Gefahr. Entsetzliche Gefahr für sie selbst und für ihre Geschwister.

Das war der Moment, in dem der Zug ruckelte und sie erwachte, den Kopf gegen die kalte Glasscheibe gelehnt. Sie verspürte das dringende Verlangen, nach Michael und Emma zu sehen, und so stand sie auf und machte sich auf die Suche.

Kate war die Einzige, die sich noch wirklich und wahrhaftig an ihre Eltern erinnern konnte. Michaels Erinnerungen, die er manchmal ausschmückte, bestanden lediglich aus vagen Eindrücken. Kate sah noch das Bild der schönen Frau mit der weichen Stimme vor sich und das des großen Mannes mit dem kastanienbraunen Haar. Sie wusste auch noch, wie das Haus aussah, in dem sie gelebt hatte, wie es in ihrem Schlafzimmer gewesen war, wusste, dass Weihnachten gewesen war … Sie hatte Erinnerungen an ihren Vater, der auf der Bettkante saß und ihr vorlas – auch wenn sie die Geschichte selbst nicht mehr wusste. Im Lauf der Jahre hatte sie viele Stunden damit verbracht, nach Puzzlestücken aus diesem anderen Leben zu suchen. Aber wenn eine Erinnerung zu ihr zurückkehrte, kam sie immer unerwartet. Ein Satz, ein Geruch, die Farbe des Himmels mochten plötzlich etwas auslösen, und dann erinnerte sich Kate an ihre Mutter, die Essen kochte oder Hand in Hand mit ihrem Vater durch die Straßen lief – Bruchstücke jener Zeit, in der sie alle eine Familie gewesen waren. Aber ihre deutlichste Erinnerung, die immer gegenwärtig war, betraf die Nacht, in der sie, Michael und Emma fortgeschickt worden waren. Kate fühlte noch das Haar ihrer Mutter an ihrer Wange, die Hände ihrer Mutter, als sie die Kette um Kates Hals befestigten. Sie hörte ihre Stimme, die ihr flüsternd erklärte, wie sehr sie sie liebte, und die ihr gleichzeitig das Versprechen abnahm, auf ihre Geschwister aufzupassen.

Und Kate hatte dieses Versprechen gehalten. Sie hatte sich um ihren Bruder und ihre Schwester gekümmert, Jahr für Jahr, Waisenhaus für Waisenhaus, damit sie eines Tages, wenn ihre Eltern zurückkehren würden, sagen konnte: »Seht ihr? Ich hab’s geschafft. Es geht ihnen gut.«

Sie fand Michael und Emma im Speisewagen, wo sie am Tresen saßen und Donuts und heiße Schokolade verputzten, beides ein Geschenk einer netten Kellnerin.

»Mir ist noch einer eingefallen«, sagte Michael und grinste mit einem Clownsmund aus Puderzucker. »Pugwillow.«

»Pugwillow?«, wiederholte Kate. »Ist das ein Name?«

»Nein«, sagte Emma. »Das hat er sich gerade ausgedacht.«

»Na und?«, versetzte Michael. »Es könnte trotzdem ein Name sein.«

Eine der liebsten Betätigungen der Kinder in den letzten zehn Jahren war das Rätselraten um den Buchstaben P gewesen. Wofür stand er? Wie lautete ihr richtiger Nachname? Sie hatten Tausende von Möglichkeiten durchgespielt: Peters, Paulson, Plainview, Puget, Pickett, Plukowsky, Paine, Pone, Platte, Pike, Pabst, Packard, Padamadan, Paddison, Paez, Paganelli, Page, Penguin (das war lange Zeit Emmas Lieblingsname gewesen), Pasquale, Pullman, Pershing, Peet, Pickford, Pickles und so weiter und so weiter. Sie hatten die Hoffnung, dass der richtige Name etwas in Kates Erinnerung zum Klingen bringen und sie ganz plötzlich ausrufen würde: »Das ist es! Das ist unser Name!« Dann hätten sie einen Hinweis auf der Suche nach ihren Eltern. Aber das war nie geschehen.

Kate schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Michael.«

»Schon gut. Vermutlich ist es gar kein richtiger Name.«

Die Kellnerin schenkte ihnen noch einmal heiße Schokolade nach, und Kate fragte, ob sie ihnen irgendetwas über Cambridge Falls erzählen könnte. Die Frau sagte, sie hätte noch nie von diesem Ort gehört.

»Wahrscheinlich gibt’s das Kaff gar nicht«, sagte Emma, als die Kellnerin außer Hörweite war. »Ich wette, Miss Crumley wollte uns nur loswerden. Sie hofft vermutlich, dass wir ausgeraubt und ermordet werden oder so etwas.«

»Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir alle drei ermordet werden«, sagte Michael und schlürfte seine heiße Schokolade. »Vielleicht einer von uns.«

»Okay, dann kannst du ermordet werden«, sagte Emma.

»Nein, du kannst ermordet werden.«

»Nein, du.«

»Nein, du.«

Sie fingen an zu kichern. Emma sagte, dass ein Mörder, der Michael zu Gesicht bekam, gar nicht anders konnte, als ihn zu ermorden. Er würde ihn vermutlich sogar zweimal ermorden. Und Michael erwiderte, dass vermutlich ein ganzes Rudel Mörder in Westport auf Emma warten würde und dass sie Lose ziehen müssten, um zu entscheiden, wer den Vorzug haben dürfte … Kate ließ sie gewähren.

Auf der einen Seite des Medaillons, das ihre Mutter ihr gegeben hatte, war eine Rose eingraviert. Kate hatte es sich angewöhnt, das Metall zwischen ihrem Daumen und ihrem Zeigefinger zu reiben, und über die Jahre war das Bild der Rose beinahe ganz abgewetzt. Kate hatte vergeblich versucht, die Angewohnheit wieder abzulegen, und so rieb sie auch jetzt über das Medaillon und fragte sich, wohin Miss Crumley sie bloß geschickt hatte.

Westport war eine kleine Stadt am Ufer des Lake Champlain. Um die Laternenpfähle wanden sich Girlanden und über den Straßen hingen schon die Weihnachtslichterketten. Die Kinder hatten keine Schwierigkeiten, zum Hafen zu gelangen und Pier 12 zu finden. Aber jemanden aufzuspüren, der schon einmal von Cambridge Falls gehört hatte, war eine andere Sache.

»Was für ein Falls?«, brummte ein bärtiger Mann mit zusammengekniffenen Augen, der genauso gut fünfzig wie hundertzehn Jahre alt sein konnte.

»Cambridge Falls«, sagte Kate noch einmal. »Es liegt auf der anderen Seite des Sees.«

»Nicht dieses Sees. Das wüsste ich. Ich segle schon mein ganzes Leben lang auf diesem See.«

»Hab ich’s nicht gesagt?«, grummelte Emma. »Die gruselige Miss Crumley will uns loswerden.«

»Gehen wir zum Pier«, schlug Kate vor. »Vielleicht ist das Boot ja schon da.«

»Klar. Das Boot ins Nirgendwo.«

Pier 12 war lang und schmal, mit etlichen bröckelnden und verrotteten Latten. Er schob sich über die Eisfläche in Ufernähe hinaus ins offene Wasser und die Kinder gingen bis zum Ende. Dort kauerten sie sich zusammen wie Pinguine und zogen ihre Mäntel enger um ihre Leiber, um sich gegen den bitterkalten Wind zu schützen, der vom See aus wehte.

Kate schaute zur Sonne. Sie waren den ganzen Tag lang unterwegs gewesen und schon bald würde es dunkel und noch kälter werden. Trotz Emmas Behauptung, Miss Crumley würde sie ins Nirgendwo schicken, und trotz der Tatsache, dass anscheinend noch nie jemand etwas von Cambridge Falls gehört hatte, glaubte Kate immer noch, dass das Boot kommen würde. Miss Crumleys Gemeinheit erschöpfte sich darin, dass sie Kinder zwickte und an den Haaren zog und ihnen täglich einredete, sie seien wertlos. Drei Kinder mitten im Winter auszusetzen, war nichts, was dieser kleinlichen Frau einfallen würde. Zumindest wollte Kate sich das einreden.

»Seht mal«, sagte Michael.

Eine dichte Nebelwand rollte über den See.

»Die ist echt schnell.«

Er hatte das letzte Wort noch nicht richtig ausgesprochen, da waren sie schon vom Nebel eingehüllt. Die Kinder hatten auf ihren Taschen gesessen. Jetzt standen sie auf und starrten in das Grau. Nasse Perlen sammelten sich auf ihren Mänteln. Alles war totenstill.

»Das ist irgendwie unheimlich«, sagte Emma.

»Pst!«, zischte Michael.

»Fang bloß nicht so an! Du …«

»Nein, hört doch mal!«

Es war das Brummen eines Motors.

Aus dem Nebel tauchte ein Boot auf, kam direkt auf sie zu. Als es sie fast erreicht hatte, wurde der Rückwärtsgang eingelegt und dann der Motor abgestellt, sodass das Gefährt sanft am Pier andockte. Es war ein kleines, breites Boot. Die schwarze Farbe des Rumpfs war rissig und blätterte ab. An Bord war ein einziger Mann. Mit geschickten Bewegungen schlang er ein Seil um den nächsten Poller.

»Wollt ihr drei nach Cambridge Falls?«

Der Mann hatte einen dichten schwarzen Bart, und seine Augen saßen so tief in den Höhlen, dass sie fast unsichtbar waren.

»Ich habe gefragt, ob ihr drei nach Cambridge Falls wollt.«

»Ja«, sagte Kate. »Ja, das … das wollen wir.«

»Dann rein mit euch. Wir haben nicht viel Zeit.«

Hinterher waren sich die Kinder uneins darüber, wie lang ihre Fahrt dauerte. Michael meinte, eine halbe Stunde, Emma war sich sicher, dass es nur fünf Minuten gewesen waren, und Kate hätte schwören können, dass sie mindestens eine Stunde lang im Boot waren. Vielleicht sogar zwei. Es war, als ob der Nebel nicht nur ihren Augen einen Streich spielte, sondern auch ihrem Zeitgefühl. Einig waren sie sich lediglich darüber, dass irgendwann einmal eine dunkle Küstenlinie aus dem Nebel auftauchte und dass sie, als sie näher kamen, ein Dock und die Gestalt eines Mannes erkennen konnten, der dort auf sie wartete.

Der Bootsführer warf dem Mann ein Seil zu. Kate sah, dass er alt war, einen ordentlich gestutzten weißen Bart hatte, einen ordentlichen, wenn auch abgetragenen braunen Anzug und ordentlich gepflegte kleine Hände. Selbst sein kleiner Schädel hatte das Haupthaar vermutlich nur aus dem Grund abgeworfen, weil eine Glatze ordentlicher aussah. Er verschwendete keine Zeit für Begrüßungen. Er nahm Michaels und Emmas Taschen, sagte: »Hier entlang«, und humpelte davon.

Michael und Emma kletterten aus dem Boot. Kate wollte ihnen schon folgen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter fühlte. Es war der Bootsführer.

»Seid auf der Hut an diesem Ort. Pass auf deine Geschwister auf.«

Noch ehe sie fragen konnte, was er damit meinte, hatte er das Boot schon losgebunden, stieß sich ab und zwang sie so, an Land zu springen.

»Beeilung!«, kam eine Stimme durch den Nebel.

»Komm schon!«, rief Emma. »Das musst du dir ansehen.«

Kate rührte sich nicht. Sie stand da und sah zu, wie das Boot mit dem grauen Nebel verschmolz.

Sie widerstand dem Verlangen, es zurückzurufen, ihre Geschwister zu nehmen, nach Baltimore zurückzukehren und Miss Crumley zu erklären, dass sie es mit der Schwanendame versuchen würden.

Jemand nahm sie am Arm.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte der alte Mann. »Wir haben nicht viel Zeit.«

Und er nahm auch ihre Tasche und scheuchte sie zu Michael und Emma, die in einem Pferdekarren saßen und bis über beide Ohren grinsten.

»Guck mal«, sagte Emma und deutete vor den Karren. »Ein Pferd.«

Der alte Mann half Kate, sich neben ihre Geschwister zu setzen. Dann sprang er flink auf den Kutschbock, griff nach den Zügeln, und mit einem Ruck, der die Kinder fast von den Sitzen riss, setzte sich der Karren in Bewegung.

Die Straße verlief bergauf, und je höher sie durch den dünner werdenden Nebel fuhren, desto kälter und klarer wurde die Luft.

Sie waren erst wenige Minuten unterwegs, als Michael überrascht aufschrie.

Kate blickte auf, und wenn Michael und Emma nicht neben ihr gesessen hätten, hätte sie alles für Einbildung gehalten: Vor ihnen erhoben sich die zerklüfteten Gipfel eines mächtigen Gebirges. Aber das war unmöglich! Berge wie diese konnte man über eine Entfernung von mindestens hundert Meilen sehen.

Kate beugte sich vor, was bei der Neigung der Straße und dem Poltern und Schaukeln des Karrens gar nicht so einfach war. »Sir …«

»Ich heiße Abraham, Miss. Ihr müsst mich nicht mit Sir ansprechen. «

»Also gut …«

»Ihr fragt euch, warum ihr diese Berge von Westport aus nicht gesehen habt.«

»Ja, S… Abraham.«

»Das Licht über dem See ist nachmittags manchmal komisch. Es spielt den Augen Streiche. Jetzt setzt euch besser ordentlich hin. Wir haben noch eine Stunde Fahrt vor uns, und wir müssen uns beeilen, wenn wir vor Einbruch der Nacht dort sein wollen.«

»Was passiert bei Einbruch der Nacht?«

»Wölfe.«

»Wölfe?«

»Die Nacht bricht an. Die Wölfe kommen aus ihrem Versteck. Jetzt genießt die Fahrt.«

Emma murmelte: »Ich hasse Miss Crumley.«

Je höher sie kamen, desto einsamer und karger wurde die Landschaft. Anders als in der Gegend um Westport, gab es hier nur wenige Bäume. Das Land war felsig, öde und unfruchtbar.

Endlich, als die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden und der Himmel über ihnen rot gestreift war und Kate glaubte, in jedem Schatten einen Wolf zu sehen, wölbte sich

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2011

© 2011 der deutschsprachigen Ausgabe cbj, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Text: © 2011 John Stephens Die amerikanische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel: »The Emerald Atlas – The Books of Beginning, Book One« bei Alfred A. Knopf, einem Imprint von Random House Children’s Books, a division of Random House, Inc., New York Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen Übersetzung: Alexandra Ernst Lektorat: Andreas Rode MP · Herstellung: RF Satz: Uhl + Massopust, Aalen

eISBN 978-3-641-06425-9

www.cbj-emerald.dewww.chroniken-vom-anbeginn.dewww.cbj-verlag.de

www.randomhouse.de

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