Empath - Mike Gorden - E-Book

Empath E-Book

Mike Gorden

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Erotik
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Ein Roman aus dem Moíra-Universum. Der ultimative Kick beim Sex – Paolo Costa ist jung, attraktiv und besitzt die Gabe, die Gefühle anderer Leute zu spüren. Torsten Jäger arbeitet bei der Kripo. Auf der Suche nach einer Reihe vermißter Personen hört er von einem Escort mit unglaublichen Fähigkeiten – ein verbindendes Element? Dann erkennt er, daß ihm dieser Fall mit Absicht zugeschanzt wurde. Als unter seinen Augen Mark Berger verschwindet, dessen Profil so gar nicht zu den anderen Vermißten paßt, und Leichen auftauchen, die Folterspuren aufweisen, kommt Bewegung in die Sache. Der Kommissar gerät auf die Spur illegaler Drogen und mächtiger Leute, die Paolo und seine Fähigkeiten um jeden Preis besitzen wollen. Dieser Roman ist Hardcore und nur für Erwachsene geeignet. Der Autor benutzt alte Rechtschreibung. 'Empath' ist ein Experiment. Der Roman beschreibt detailliert harten, kompromißlosen, schwulen Sex zwischen erwachsenen Männern und enthält auch BDSM-Szenen. Diese Handlung ist eingebettet in eine spannende und vielschichtige Geschichte. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das Print zu diesem eBook erhältst Du unter hml-verlag.de

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Mike Gorden

Empath

Gay Hardcore

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Prolog

Prolog

Betriebsames Leben herrschte auf dem kleinen Festplatz. Das Städtchen nutzte ihn sonst als Parkfläche. Heute standen hier aber keine Autos, deren Besitzer in der nahegelegenen Shopping-Meile einkaufen wollten. Der Platz war vielmehr gefüllt mit Motorrädern jeglicher Bauart und ihren Besitzern. Stolz präsentierten sie ihre blankgeputzten Maschinen und nicht nur das Chrom der Verkleidungen blinkte und blitzte, auch die Besitzer trugen Festkleidung. Man sah schwere Lederkutten mit großformatigen Aufnähern ihrer Clubs, protzige Armbanduhren und schwere Stulpen mit spitzen Nieten von waffenscheinpflichtiger Länge.

Die Sonne schien mit einer für dieses Frühjahrswochenende ungewöhnlichen Kraft, so daß sich einige Besucher ihrer Schutzkleidung entledigt hatten und sich in engen Tank Tops in mehr oder weniger vorteilhaften Größen der Menge zeigten. Großformatige Werbetafeln und Infostände an den Zugängen wiesen auf das Ereignis hin, das hier gefeiert wurde: Das jährliche Treffen zum Auftakt der Motorradsaison schlug seit einigen Jahren voll ein. Hunderte Teilnehmer und eine ähnliche Anzahl staunender Besucher sorgten für eine zum Teil drangvolle Enge zwischen den Standplätzen der Maschinen. Von Aprilia und BMW über Harley und Honda bis hin zu Triumph und Yamaha fand sich ein weitgespannter Bogen von mehr oder weniger exklusiven Marken, deren meist männliche Fahrer in der Menge badeten und mit ihren Nachbarn anspruchsvollen Smalltalk über Tuning und luftwiderstandsenkendes Zubehör führten. Zur erfolgreichen Senkung des Luftwiderstandes hätte man bei vielen Maschinen zunächst bei den Fahrern ansetzen müssen, aber das tat ihrer Lebensfreude keinen Abbruch. Alle freuten sich auf den großen Korso, der in wenigen Stunden von hier aus zu seiner Runde durch die nähere Umgebung starten würde.

Mitten in dieser pulsierenden Menge standen zwei hochgewachsene Männer bei ihren Maschinen. Ohne Zweifel feierten sie mit. Dennoch unterschieden sie sich von ihrer Umgebung. Ihre Maschinen fuhren zwar ebenso schnell wie die ihrer Nachbarn, dennoch wirkten sie im Vergleich eher schlicht. Auch die Lederkombis hatten sicher eine Stange Geld gekostet, beeindruckten aber eher durch schlichtes Schwarz und körperbetonten Schnitt als durch auffällig bunte Streifen, Aufnäher und glänzende Accessoires. Die Sturzhelme standen auf den Tanks ihrer Motorräder. Trotz der wärmenden Sonne hatten sie ihre Reißverschlüsse um keinen einzigen Zentimeter geöffnet und auch ihre Handschuhe trugen sie noch. Lange Stulpenhandschuhe der eine und enge Policegloves der andere.

Ihre ganze Erscheinung wirkte stilvoll, understated und stimmig. In einem schwulen Club hätten die beiden zweifellos eine Menge Fans gefunden. Hier stachen sie aus der Menge heraus, eben dadurch, daß sie nicht herausstachen. Für jemanden, der diese Veranstaltung besuchte, schien es, als wäre es um sie herum ein wenig dunkler. Ihre Nachbarn, die sich lautstark untereinander über ihre PS und die neuesten Modelle unterhielten, blickten durch sie hindurch und es roch hier sogar weniger stark nach verschüttetem Bier, gebratenen Hähnchen und Zigarettenrauch als um sie herum.

Den beiden schien das egal zu sein. Vielleicht hatten sie diese Wirkung sogar beabsichtigt, denn sie besprachen Privates.

»Du willst es also wirklich durchziehen?« fragte der Mann mit den Stulpen. »Na dann Prost!«

Die beiden stießen mit einem Bier an, das sie zuvor von einem Imbißwagen in der Nähe geholt hatten.

»Klar doch. Ein paar Bewerber habe ich schon, die mitmachen wollen. Ein altes Militärgelände haben wir auch und einige Jungs mit militärischer Vorbildung. Ich bin per Zufall auf sie gestoßen, als ich mich vor einem größeren Club im Umland mit den Türstehern unterhalten habe. Zusammen mit ihnen kann ich das Unternehmen etwas größer aufziehen. Sie können nämlich… aber das spielt jetzt keine Rolle.«

»Ein altes Militärgelände? Doch nicht etwa …?« Die Gesichtsfarbe des Mannes mit den Stulpen wurde einen Ton dunkler, als würde sich gerade eine kleine Wolke vor die Sonne schieben.

»Genau dort! Wir werden sozusagen Nachbarn.«

»Ob ich das gut finde, muß ich mir aber noch schwer überlegen.«

»Das schaffst Du!« dröhnte der Mann mit den Policegloves und schlug seinem Gegenüber krachend auf die Schulter.

Die beiden wurden durch diese lautstarke Aktion für einige Sekunden in der Menge sichtbar. Ein über und über tätowierter Endfünfziger blickte zu ihnen herüber. Seine schwere Kutte – etwas anderes trug er nicht über seinem wuchtigen Oberkörper – spannte an unpassenden Stellen, aber das schien ihm egal zu sein. Er lachte laut auf und prostete ihnen zu. Die beiden prosteten zurück. Danach senkte sich die Dunkelheit der Nichtachtung wieder auf sie und die Nachbarn wandten sich ihren eigenen Geschäften zu.

»Eigentlich bin ich extra so weit aufs Land gezogen, damit ich dort meine Ruhe habe. Damit ist es dann jetzt wohl vorbei. Wie ich Dich kenne, hast Du schon alles bis ins kleinste Detail geplant.« sagte der Mann mit den Stulpenhandschuhen.

»Das habe ich tatsächlich. Meine Pläne erfahren aber nur Mitglieder. Willst Du Mitglied werden?«

»Danke, nein.« Wieder schien ein Schatten auf sein Gesicht zu fallen. »Du weißt doch, daß Deine Geschäfte nichts für mich sind. Ich bin mit der Art und Weise zufrieden, wie ich existiere. Außerdem hätte ich Probleme mit eurem Aufnahmeritual.«

»Schade. Du würdest zu uns passen. Du bist verschwiegen und fällst nicht gleich um, wenn man Dich etwas härter anpackt. Für Dich gäbe es einen großen Kreis von Fans. Aber Du hast recht. Man muß es wirklich wollen und selbst das ist keine Garantie, daß alles gutgeht. Läuft das Projekt aber so an, wie ich mir das vorstelle, werden die Kunden bei unseren Mitgliedern Schlange stehen.«

»Viel Erfolg. Das Gelände ist groß genug, wenn ich mich recht erinnere. Ich schulde Dir etwas und helfe natürlich gern, wo ich kann. Ich habe aber einen Beruf, den ich gerne mache und der mich fordert. Und an den Wochenenden brauche ich manchmal einfach nur meine Ruhe. Da ist kein Platz, meine Rolle in einer Gruppe zu finden.«

»Ich gebe Dir jederzeit eine Zelle. Davon gibt es in der Anlage genügend und dort hast Du alle Ruhe, die Du brauchst. Mußt es nur sagen.« Wieder dieses dröhnende Lachen, das die Dunkelheit für einige Sekunden hob. Sie stießen noch einmal an. »Ehe die ersten Kunden kommen, müssen wir aber die Anlage noch herrichten. Dazu kann ich wirklich jede Unterstützung brauchen.«

»Wenn es nur um diese Art Hilfe geht… hm… Jemand muß schließlich die elektrischen Anlagen durchsehen. Der Himmel weiß, in was für einem Zustand die sind. Aber mehr mache ich nicht!«

»Schon gut. Du kriegst so lange einen Sonderstatus. Mach Dir keine Sorgen. Ich regele das. Und ich sorge dafür, daß die anderen Dich in Ruhe arbeiten lassen.«

»Das wäre mir sehr lieb. Ich würde mich auch freuen, wenn Deine Leute später auf ihrem Gelände bleiben. Sonst muß ich einen elektrischen Zaun um mein Grundstück ziehen.«

»Du weißt schon, daß das zwecklos wäre? Wenn einer der Insassen ausbricht, während er… egal, jedenfalls hält ihn dann auch Dein Zaun nicht ab.«

»Dann sorge dafür, daß das nicht passiert, bitte. Es gefällt mir gut in meinem Haus und ich würde nur sehr ungern umziehen.«

»Wie sicher die Zellen werden, liegt ein Stück weit auch an Dir. Jedenfalls, wenn Du uns hilfst. Ich habe im übrigen noch ein anderes, größeres Projekt am Kochen. Pascal verhandelt derzeit mit einem Lieferanten. Danach ist es spruchreif. So, und jetzt muß ich los. Ich will das Teil hier«, er deutete dabei auf sein Motorrad, »heute mal richtig ausfahren.«

»Fahr doch später einfach im Korso mit.«

»Guter Witz. Falls Du wirklich deswegen hier bist, wirst Du ohne mich auskommen müssen. Später dann… ich habe so ein Gefühl, daß nach meiner Ausfahrt in einem Verlies ein kleiner, williger Sklave auf mich wartet.«

»Dann laß ihn mal nicht zu lange warten. Sonst bricht er Dir aus.«

»Alles im Griff.« lachte der Mann mit den Policehandschuhen. »Ich habe das genau berechnet. Er wird übrigens mein Patient Null und das erste Mitglied. Er ist ein Naturtalent.«

Er stieg auf seine Maschine, setzte den Sturzhelm auf, und startete den Motor. Der tiefe, satte Klang ließ auf eine Menge Kubik unter dem Tank schließen. Sein Freund beobachtete, wie er sich langsam seinen Weg durch die Menschen bahnte. Man schien ihn nicht wahrzunehmen, aber dennoch teilten sich die Massen vor ihm. Erst, als er das Ende des Festplatzes erreicht hatte, hörte man ein kurzes, schrilles Aufheulen.

Der Mann mit den Stulpen trank ebenfalls sein Bier aus. Die Unterhaltung schien ihn stärker erregt zu haben, als er es sich im Gespräch hatte anmerken lassen. Mehrmals schüttelte er heftig den Kopf, als müsse er sich selbst von etwas überzeugen. Dann stellte er seinen Becher auf den Boden, stieg auf, startete den Motor und verließ ebenfalls das Treffen.

»Kanntest Du die beiden?« fragte der tätowierte Endfünfziger seinen Kumpan.

»Welche beiden meinste?«

»Na die beiden, die hier bis eben gestanden haben.«

»Bist Du besoffen? Da war niemand!«

 

Kapitel 1 - Paolo

Kapitel 1 - Paolo

Ein kleines Zimmer in einer Stadtwohnung. Auf den ersten Blick sah es wohnlich aus, beinahe gemütlich. Ein Bett, ein Tisch, zwei kleine Sessel, ein Kleiderschrank, eine dunkel gemusterte Tapete und eine Decke mit Naturholztäfelung. Auf den zweiten Blick sah man Schaukelhaken in der Decke, von denen Ketten aus Eisen herunterhingen. Auch das billige Regal paßte nicht ins Bild. Im untersten Bord standen verschiedene Schuhe und Stiefel. In den Böden darüber befanden sich eine Reihe Utensilien aus Leder und Gummi sowie Flaschen verschiedener Größe mit einschlägigem Inhalt. Ganz oben lagen eine Schirmmütze aus Leder und ein schwarzer Sturzhelm neben einem Paar Handschuhe.

Gut, auch das fällt für viele von uns unter den Status 'gemütlich', so auch für den Bewohner dieser Kammer. Er hieß Paolo Costa und lag gerade nackt auf seinem Bett. Die Augenlider hatte er halb geöffnet. Darunter erblickte man aber nur das Weiße, so daß er etwas weggetreten aussah. Seine Hände zitterten und die Finger der einen Hand bewegten sich, als würde er Geld zählen. Auf der Stirn standen kleine Schweißperlen und er atmete flach und schnell.

Ob er nun Fieber hatte oder nur schlecht träumte, das ließ sich auf den ersten Blick nicht feststellen. Jedenfalls gewann er allmählich die Kontrolle über seinen Körper zurück. Einige Stunden lag er nun schon hilflos hier, aber was auch immer ihn in diesen Zustand versetzt hatte, schien jetzt seine Wirkung zu verlieren.

Nur seine Gedanken schweiften noch durch die Gegend. Er befand sich in den umliegenden Straßen, lief über Bürgersteige, schwebte durch Wände und betrat Zimmer. Ziellos ging er umher und überall sah er sich um. Es wirkte, als würde er etwas oder jemanden suchen. Er begegnete unterwegs vielen Menschen. Er konnte sie sehen, aber sie blickten durch ihn hindurch. Schließlich befand er sich nicht körperlich vor Ort.

Wenn sie ihn aber sehen könnten, würden sich viele nach ihm umdrehen, auch ohne, daß er Kontakt aufnahm. Das wußte er. Die wenigen Menschen, die ihn bisher zu Gesicht bekommen hatten, hielten ihn für einen gutaussehenden jungen Mann, der auf seinen Körper achtgab und ihn in Form hielt. Davon zeugten die definierten Muskeln, die sich unter der makellosen, tief gebräunten Haut abzeichneten. Die pechschwarzen Haare trug er zu einem Flat Top geschoren. In Verbindung mit seinen regelmäßigen Gesichtszügen und dem markanten Kinn wirkte das beinahe militärisch, so militärisch, wie ein nackter Menn eben aussehen kann. Nur seine Körpergröße harmonierte nicht mit seiner mediterranen Erscheinung. Er maß Einsneunzig und paßte daher nur geradeso in das Bett, auf dem er lag.

Paolo fühlte, wie seine Gedanken sich allmählich wieder ordneten. Das Adrenalin, das bis eben durch sein Blut pulsierte, verlor seine Wirkung. Er wanderte weiter mit seinen Gedanken durch die Stadt. Er spazierte durch abendliche Parkanlagen. Dort, wo das Licht der tiefstehenden Sonne nicht mehr hin schien, ging er auf schmalen Trampelpfaden durch die Büsche. Von Zeit zu Zeit tauchte ein Mann aus den Schatten auf. Sie standen dort unentschlossen, als würden sie auf jemanden warten. Paolo kannte diese Gegend von seinen eigenen Ausflügen gut. Hier trafen sich Männer mit anderen Männern für schnellen Sex. Früher hatte er an solchen Orten gewartet. Heute taten das andere.

Paolo machte sich einen Spaß daraus, Kontakt zu einem jungen Parkbesucher aufzunehmen. Er schmiegte seinen Geist eng an dessen Körper. Der Mann wußte nicht, wie ihm geschah, denn er konnte ja nicht sehen, wer sich da mit ihm beschäftigte.

'Schließ die Augen!' befahl ihm Paolo. 'Mach Deine Hose auf!' Ohne Widerstand gehorchte ihm der junge Mann und brachte aus den Tiefen seiner Baggy einen beachtlichen Ständer zum Vorschein. 'Wichs Dich!' Sein 'Gegenüber' zögerte für einige Sekunden, so daß Paolo tiefer in seinen Geist eindringen mußte, bis er gehorchte. Er gab ihm das Gefühl, als stünde er vor ihm und würde ihm mit seinen Händen unter das T-Shirt fahren. Sich langsam und streichelnd vortasten. Mit den Fingerspitzen die Nippel umkreisen.

Der Mann stöhnte auf, als Paolo seinen Geist mit seiner eigenen Geilheit flutete. Er wichste sich dabei immer schneller. Als er spürte, daß der Kerl in wenigen Sekunden kommen würde, zog er sich zurück. Dieses Spiel langweilte ihn.

»Geh nicht weg, bitte! Mach doch weiter!« stöhnte der junge Mann, immer noch mit geschlossenen Augen. Aber Paolo hatte keine Lust mehr. Er verließ den Park und bewegte sich weiter durch die Straßen der abendlichen Stadt. Er schwebte wahllos durch die Wohnungen in den umliegenden Wohnblöcken. Was er suchte, hätte er auch auf eine direkte Frage hin nicht sagen können. Die Art Erfüllung, die er brauchte, gab es in dieser Stadt nicht. Er sah den Menschen beim Schlafen zu. Spazierte durch ihre Träume. Langweilte sich. Sein Geist wurde müde. Er machte sich wieder auf den Weg nach Hause. Zurück in seinen Körper.

Noch immer lag er schlaff ausgestreckt auf dem Bett, unfähig, allein aufzustehen. Gerade spazierte er durch den Schlafbereich eines Appartements in der Nähe, als er plötzlich wie elektrisiert stehenblieb. Da lag jemand im Bett unter der Decke. Er konnte ihn atmen hören. Aber er spürte seine Gegenwart nicht. Was war hier los?

Das erste Glied seines Körpers verlor plötzlich seine Schlaffheit. Zwischen den Beinen regte sich etwas. Binnen weniger Sekunden bildete sich dort eine Latte beachtlicher Größe. Vorsichtig versuchte er, Kontakt zu dem Schlafenden aufzunehmen. Etwas, das sonst immer ganz beiläufig geschah, so wie das Atmen oder die Bewegung seiner Schritte. Hier aber versagte er. Diesen Mann konnte er nicht erreichen. Er wußte nicht, was er dachte, wie er fühlte, oder was er gerade träumte. Das war so völlig neu für ihn, daß er vor Erregung keuchte. Er mußte diesen Mann treffen!

Paolo schlug die Augen auf. Jetzt erst sah man, daß sie strahlend hellblau waren. Ein weiteres Detail, das nicht ins Bild paßte. Ein Detail, das ihn interessant machte. Es kostete Mühe, den Blick wieder von ihnen zu lösen, wenn sie einen erst einmal eingefangen hatten. Noch blickten diese Augen trübe, aber es dauerte nur Sekunden, bis sie sich klärten. Im Zimmer herrschte abendliches Dämmerlicht. Sein Blick wanderte herum und blieb dann an seinem Ständer hängen. Entgeistert sah er auf das Stück Fleisch, das da vor ihm zuckte und pulsierte.

Ein Schlüssel wurde in die Haustür gesteckt und umgedreht. Jemand kam herein. Schwere Stiefel stampften die Treppe hinauf. Seine Zimmertür wurde geöffnet und herein kam ein Biker in schwarzer Ledermontur.

»Ah, Du hast schon auf mich gewartet!« sagte er beim Anblick des Schauspiels zwischen Paolos Beinen. Er nahm seinen Sturzhelm ab, stellte ihn auf den Tisch und blickte sich in der Kammer um. Er sog die Luft tief und hörbar durch die Nase und schien etwas zu suchen. Paolo beobachtete ihn besorgt, wie er windend wie ein Bluthund durch das Zimmer ging und dann plötzlich mit einem stampfenden Schritt vor ihm stand. Er beugte sich vor und kniete sich so über Paolo, daß dessen Latte eng an den Bauch gepreßt wurde. Während er seine Polizeihandschuhe auszog, zog er noch einmal die Luft prüfend ein.

»Du warst an den Vorräten.« sagte er dann kalt. Mit einem schnellen Griff packte er Paolos Handgelenke, führte sie nach oben und hielt sie rechts und links von dessen Kopf fest. Paolo fühlte den Schmerz, sträubte sich aber nur wenig. Der andere war zu stark für ihn, jetzt wo er erst langsam die Kontrolle über seinen Körper zurückerlangte. Sie beide wußten das. Der Biker hielt ihn scheinbar mühelos auf dem Bett.

Paolo fühlte sich hilflos und ausgeliefert, etwas, das er überhaupt nicht mochte. Er wehrte sich und versuchte, wenigstens in die Gedanken des Bikers einzudringen, so wie er es in den letzten Stunden ganz beiläufig bei vielen anderen Menschen getan hatte.

»Laß das«, sagte der Biker über ihm nur, »oder ich knipse Dich aus.«

Paolo gehorchte, ohne zu zögern. Der andere sah ihm lange und intensiv ins Gesicht, ohne seinen Griff zu lockern.

»Etwas beschäftigt Dich.« sagte er schließlich.

»Ich habe jemanden gefunden. Er lebt in dieser Stadt. Du mußt ihn zu mir holen.«

Der Biker sah ihn nachdenklich an. Dann löste er plötzlich seinen Griff.

»Das werde ich, sobald die Zeit reif ist. Ich verspreche es. Bis dahin mußt Du geduldig sein. Wir müssen zuerst umziehen.«

Paolo wußte, daß er sich beschränken mußte, solange sie noch hier in der Stadt lebten. Deshalb durfte er sich auch nicht frei in den Straßen bewegen. Jedenfalls nicht körperlich. Die meisten Menschen nahmen es nicht zur Kenntnis, wenn er ihren Geist berührte. Einige würden es aber bemerken, wenn er körperlich vor ihnen stand. Damit konnte er Fragen provozieren, die keiner von ihnen beiden beantworten wollte.

Diese Einschränkung und Hilflosigkeit zerrten auf Dauer an seinen Nerven. Eine wilde Erregung stieg in ihm hoch und ließ ihn unbeherrscht knurren.

»Du wirst mir später zeigen, wo er lebt und was Du gesehen hast. Ich will wissen, warum Du Dich für ihn interessierst. Dann sehe ich mich ein wenig um.« Der Biker ließ plötzlich von Paolo ab. »Und jetzt steh auf und hilf mir beim Ausziehen. Danach erfüllst Du die Aufgabe, für die ich Dich geschaffen habe.«

Paolo gehorchte wortlos. Er bereute es jedes Mal, wenn er auf die Idee kam, sich dem Biker zu widersetzen. Der setzte sich auf den Stuhl. Paolo setzte sich zunächst auf die Bettkante, ehe er langsam und noch schwankend aufstand.

Als erstes kniete er sich vor ihn und zog ihm die Stiefel aus. Danach erhoben sich beide. Der Biker stellte sich mitten ins Zimmer. Paolo öffnete den Reißverschluß der Kombi und zog sie Stück für Stück herunter, bis sie von seinen Knien auf den Boden hing. Dabei streichelte er die nackte Haut, die darunter zum Vorschein kam. Er drückte seinen bloßen Körper eng an den des Bikers, der jetzt kein Biker mehr war, sondern nackt wie er selbst. Er leckte seine Nippel, bis sie sich unter der Massage seiner Zunge aufrichteten. Dabei schob er seinen Ständer langsam zwischen die Beine des Bikers. Er umarmte ihn mit aller Kraft und begann mit langsamen Stößen zwischen die Beine des anderen.

»Ich gehöre Dir.« flüsterte Paolo ihm ins Ohr, während er sanft am Läppchen knabberte. »Ich werde erst wieder aufhören, nachdem Du gekommen bist.«

»Untersteh Dich, selbst zu spritzen!«

»Ja, Sir!«

Selbst, wenn der nackte Mann es gewollt hätte, hätte er Paolo jetzt nicht mehr stoppen können. Er hatte mit seinen Worten sehr bewußt im Geiste des jungen Mannes einen Schalter umgelegt. Wenn dieses antrainierte Verhalten einmal losging, dann lief es bis zu seinem unvermeidlichen Ende durch. Paolo hatte in diesem Augenblick nur noch ein Ziel: sein Gegenüber zu befriedigen. Durch seine besondere Empfindsamkeit ahnte er jedes Bedürfnis des anderen voraus und erfüllte es rückhaltlos. So wehrte der Biker sich auch nicht, als Paolo seine Handgelenke mit sanftem Zug über seinen Kopf brachte und dort in Ledermanschetten festmachte.

»Wieviel Zeit möchtest Du?«

»Zwei Stunden.«

»Okay. Ich sorge dafür, daß Du Dich in dieser Zeit nicht abregen kannst. Und danach wirst Du mich darum anbetteln, daß ich Dich spritzen lasse.«

 

Kapitel 2 - Stefan

Kapitel 2 - Stefan

»Ich habe wieder geträumt.« erzählte Stefan Hartmann zwischen zwei Bissen Blaubeermüsli.

»Ja und?« fragte Inga Huntemann, seine WG-Mitbewohnerin. Sie trank morgens nur grünen Tee, angeblich um abzunehmen, was aber nur einen sehr mäßigen Effekt hatte. Einmal Rubens, immer Rubens.

»Ich träume immer den gleichen Traum. Schon seit Wochen.«

»Ein Albtraum?« Inga blickte kurz von ihrem Teebecher auf.

»Weiß nicht. Ich liege im Bett und kann mich nicht bewegen. Jemand steht in meinem Zimmer. Ich kann ihn nicht genau erkennen. Es ist irgendwie verschwommen.«

»Das ist kein Albtraum.«

»Ich habe das Gefühl, daß er Kontakt aufnehmen will. Er sagt etwas. Ich verstehe ihn aber nicht.«

»Ich hatte früher Albträume.«

»Ich versuche zu antworten. Ihm zu sagen, daß ich ihn nicht verstehe. Aber ich kann mich selbst nicht hören. Es ist, als befände sich eine Wand zwischen uns.«

»Man muß sie ignorieren. Man darf sie nicht in sein Leben lassen.«

»Wen?«

»Die Albträume.«

»Es ist aber kein Albtraum. Ich habe keine Angst.«

»Du mußt das abschütteln.«

Stefan fand sich damit ab, daß Inga heute morgen eher mit sich selbst beschäftigt war. Gegenüber seinem Traum hatte sich seine Situation nicht verbessert. So aß er sein Müsli zu Ende, erschrak kurz, als er die lilanen Flecken in der Serviette sah, mit dem er sich gerade den Mund abgeputzt hatte, und trank dann seinen Kaffee aus.

»Du bist keine große Hilfe.« sagte er schließlich.

»Ich habe gestern erst das Bad geputzt!«

Mit einem Kopfschütteln stand Stefan auf und wusch seine Tasse und die Müslischale ab. Danach ging er duschen. Während das warme Wasser seinen Körper hinunterlief, dachte er nach. Der Traum fühlte sich so seltsam an. Allein, weil er sich fast jede Nacht wiederholte. Er hatte irgendwo gelesen, daß sich psychische Erkrankungen so ankündigen konnten. Hoffentlich wurde er nicht auch krank. Das konnte er derzeit nicht brauchen.

Er hatte Inga nicht erzählt, daß er hinterher immer mit einer Latte aufwachte, nachdem die Erscheinung in seinem Zimmer wieder verschwunden war. Irgendwie erregte ihn die Vorstellung, daß plötzlich ein Fremder an seinem Bett stand.

»Willst Du da drin Wurzeln schlagen?« Es klopfte an die Badezimmertür. »Du verbrauchst wieder das ganze warme Wasser für Dich allein. Andere Leute wollen auch noch duschen!«

Seufzend seifte er sich ein und spülte anschließend alles in den Ausguß. Viel Fläche hatte er nicht zu säubern, dachte er sich und grinste innerlich. Er besaß einen sehnigen, beinahe dünnen Körper. Er hatte einmal ein Probetraining im Sportstudio absolviert. Man hatte ihm aber wenig Hoffnung gemacht, daß sich an seinen Proportionen durch regelmäßiges Training etwas ändern würde.

»Du wirst fitter, wenn Du bei uns trainierst. Damit kannst Du rechnen. Muskulöser aber eher nicht. Das ist eine Frage des Körperbaus und Du bist da eher Heidi Klum als Arnold Schwarzenegger.« Der Trainer sah ihn dabei so mitleidig an, daß er keinen Vertrag abschloß. Er ging regelmäßig schwimmen und lief an den Wochenenden lange Strecken. Fit und ausdauernd fühlte er sich auch so.

'Vielleicht bekomme ich einfach nicht genügend Sex', dachte er sich. 'Ich müßte am Wochenende öfter in die Stadt fahren.'

Er war zwar von Natur aus ein wenig schüchtern, aber meist wurde er schon nach wenigen Minuten angesprochen. Natürlich mußte er in die richtigen Läden gehen. Stefan stand nämlich auf Männer. Richtige Männer, nicht die Gestalten aus den Hochglanzmagazinen der Haute Couture. Die Anzahl der einschlägigen Bars in der benachbarten Großstadt war übersichtlich. Hier gab es nicht wie in den Metropolen des Landes Kneipen und Clubs an jeder Straßenecke. Für seinen Geschmack, was Männer anging, kam eigentlich nur der 'Erdnußkeller' in Frage, ein Club, der bereits in die Jahre gekommen war, was auch auf einen Teil seines Publikums zutraf.

Richtig sauber und einladend hatte es dort nie ausgesehen. Dem schwarz lackierten Tresen sah man die Jahrzehnte intensiver Benutzung an. Anstatt die Wände neu zu verputzen, hatte man sie vor Jahren mit dunklem Montageschaum besprüht und überließ sie seitdem ihrem Schicksal. Das gab den Räumlichkeiten das Flair einer Tropfsteinhöhle. Es roch nach kaltem Rauch und verschüttetem Bier. Je weiter hinten, desto stärker. Alles in allem ein hoher Preis dafür, daß sich dort die Kerle herumtrieben, auf die Stefan stand.

Er trocknete sich ab und nahm sich fest vor, am Wochenende auszugehen. Große Hoffnung, jemanden kennenzulernen, mit dem er sich vielleicht öfter treffen konnte, gab es zwar nicht. Aber wenigstens kam er auf andere Gedanken.

Er zog sich an, überließ Inga das Bad und radelte los. Er hatte eine ebenso exotische wie erfüllende Arbeit. Stefan lernte nämlich Sattler. Zwar hatte er Abitur. Seine Eltern hätten sich mit nichts Geringerem zufriedengegeben, solange er bei ihnen wohnte. Sobald er volljährig war, zog er aber dort aus und lebte seitdem sein Leben nach seiner eigenen Vorstellung. Er hatte nie vorgehabt, an einer Universität zu studieren, sondern wollte etwas Handwerkliches machen. Seit er seine Eltern nur noch gelegentlich sah, redete ihm auch niemand mehr in seine Pläne hinein.

Schon als Kind verbrachte er einen Teil seiner Freizeit in einer Sattlerwerkstatt einige Straßen weiter. Nachdem er sich dort zum ersten Mal hineingetraut hatte, ging alles ganz einfach. Der Mann, der dort arbeitete, nahm ihn so, wie er sich gab und kritisierte nicht – wie seine Eltern – ständig an ihm herum. Außerdem erregte Stefan der Geruch des Leders. Er saß ganze Nachmittage auf einem Bock mit Lederhäuten und sah dem Mann bei der Arbeit zu. Manchmal durfte er sogar helfen und kleine Handreichungen machen. Nichts, das der Sattler, Gunnar hieß er, nicht mit einer Handbewegung selbst hätte erledigen können, aber er fühlte sich dann jedes Mal sehr wichtig. Wenn er Fragen hatte, und das kam oft vor, dann wußte Gunnar immer eine Antwort, die ihn zufriedenstellte.

So hatte er sich eines Tages getraut, ihn darauf anzusprechen, ob er ihn ausbilden würde, sobald er die Schule beendet hatte.

»Ich hatte schon gedacht, Du fragst nie!« antwortete Gunnar trocken. »Du weißt aber, daß Du hier mit einem Abitur überqualifiziert bist?«

Stefan nickte wortlos. Seitdem ging er in die Lehre. Zunächst unter der Hand und nach Beginn des Lehrjahres dann auch offiziell. Die Arbeit fiel ihm zunächst nicht leicht und forderte ihn körperlich. Neben der normalen Berufsschule mußte er von Zeit zu Zeit auch für einige Wochen zu speziellen Kursen fahren und sich mit überraschend anspruchsvoller Theorie beschäftigen. Es gab so viele, verschiedene Arten, Leder zu gerben und nachzubehandeln. Es gab Gesetze und Vorschriften, nach denen man zu arbeiten hatte. Er mußte sich ordentlich nach der Decke strecken, um dem Stoff folgen zu können, aber letztlich fuchste er sich durch. Schließlich verstand er auch vieles von dem besser, was Gunnar machte, und konnte ihm im Betrieb richtig helfen. Im Winter würde er seine Gesellenprüfung ablegen. Gunnar hatte ihm angeboten, ihn weiter zu beschäftigen mit der Perspektive, daß er in einigen Jahren nach der Meisterschule seinen Betrieb übernehmen könne.

Diese Aussicht gefiel ihm. Er würde endlich mehr Geld verdienen und könnte sich ein eigenes Motorrad leisten. Davon träumte er bereits seit mehreren Jahren. Dann mußte er die Biker in ihren scharfen Klamotten nicht immer nur aus der Ferne anhimmeln, sondern konnte auch selbst mitfahren. Im nächsten Sommer vielleicht. Wenn er seine Prüfungen bestand. Inklusive des Führerscheins.

Auch privat stand er auf Leder. Stiefel und Jacke hatte er sich bereits zusammengespart. Von einer alten Lederhaut, die bei Gunnar in einer Ecke hing, und die nicht ganz so dick ausfiel wie die Häute, aus denen er sonst Zaumzeug und andere Gurte schnitt, hatte er sich einen Gürtel nähen dürfen. Einen halben Tag Arbeit hatte er da reingesteckt. Er schnitt einen Streifen Leder in doppelter Breite, strich es mit Kleber ein und bugte sorgsam die Kanten um. Nach dem Trocknen des Klebers nähte er den Gürtel einmal am Rand um und verzierte ihn mit einer fetten Rollschnalle und stabilen Ösen. Diesen Gürtel trug er von da an immer in seiner Jeans, auch wenn er ausging. Er paßte kaum durch die Schlaufen seiner Hosen, so dick und steif war er, aber Stefan liebte ihn heiß und innig und nahm sich vor, nie wieder einen anderen Gürtel zu tragen.

Nur diese nächtlichen Visionen beschäftigten ihn. Er fühlte sich so hilflos, wenn er in seinem Bett lag und sich nicht bewegen konnte. Allerdings nahm die Intensität der Bilder seit einigen Tagen ab. Es sah nicht mehr so aus, als stünde jemand direkt vor ihm. Was er erblickte, wirkte jetzt unscharf und zwischendurch flackerte es, so wie eine Satellitenübertragung bei Gewitter. Vielleicht bedeutete es, daß diese Träume bald zu Ende gingen.

Trotzdem würde er mit jemandem darüber reden müssen. Jemandem, der ihn nicht gleich auslachte. Gunnar würde ihn nicht auslachen. Mit ihm hatte er aber noch nie über solch intime Angelegenheiten gesprochen. Wenn ers recht betrachtete, wußte der nicht mal, daß er schwul war. Konnte er das wagen? Seine Mutter vielleicht. Ihr vertraute er. Allerdings fand sie sich noch nicht mit seinem Coming-Out ab. Er hatte sich ihr erst vor einigen Wochen offenbart. Seitdem entwickelte ihr Verhältnis aber ziemlich verkrampft und es würde noch eine Weile dauern, bis sie wieder sachlich miteinander reden konnten. Sie würde seine Träume auf das Schwulsein schieben und denken, das wäre eine Nebenwirkung, eine Störung sozusagen.

Stefan entschied sich, zunächst mit niemandem darüber zu reden und seine Träume mit sich selbst auszumachen. Er würde deswegen nicht sterben und vielleicht hörte es wirklich von allein auf.

 

Kapitel 3 - Andreas

Kapitel 3 - Andreas

Nordöstlich der großen Stadt und abgelegen genug, daß man den Ort nicht in weniger als einer Stunde mit dem Auto erreichen konnte, lag in einem Waldgebiet eine kasernenähnliche Anlage. Wer auch immer sich hier einmal eingerichtet hatte, legte großen Wert auf Diskretion, denn die einzige Zufahrtsstraße verdiente ihren Namen nicht. Erst kurz vor der Mauer, die alles umschloß, hatte man sie überhaupt asphaltiert. Zur nächsten Landstraße führte lediglich ein etwas breiterer Waldweg. Von seinen Rändern her wucherten Unkräuter und kleine Sträucher fast bis in die Wegmitte. Voluminöse Äste und lange Zweige hingen von den Bäumen tief herunter. Man sah ihm schon jahrelang nicht mehr an, daß hier früher Lastwagen fuhren.

Auf dem Gelände stand über Eck ein großer, mehrstöckiger Gebäuderiegel, der so oder ähnlich auf jeder beliebigen Militäranlage der Welt beheimatet sein könnte. Von außen wirkte das Gebäude unbewohnt und von der alten, grauen Fassade bröckelte bereits der Putz. Spuren von Leben entdeckte man erst auf den zweiten Blick. Ein schwarzer Kombi stand vor einem Eingangstor, das einen Spalt geöffnet war.

Im Gebäude setzte sich der trostlose Eindruck fort. Die Luft roch verbraucht in den langen, dunklen Gängen. Die meisten Neonröhren, die hier einmal klinische Helligkeit verbreitet hatten, blieben dunkel, als Andreas Werner den Lichtschalter betätigte. Auch von den Innenwänden blätterte überall der Putz. Die Fußböden hatten schon ewig keinen Schrubber mehr gesehen. Ihre ursprüngliche Farbe erkannte er unter all den schlammigen Rückständen kaum noch.

»Da habt ihr viel zu tun in den nächsten Monaten.« sagte er zu Martin Fuchs, der ihn herumführte. »Ich hoffe, Du hast schon genügend Leute angeworben.«

Er betonte das Wort 'angeworben'. Martin ging aber nicht darauf ein.

»Wir sind derzeit ein halbes Dutzend plus die Leute von Vince. Das wird erstmal genügen. Zunächst brauchen wir ja nur einen Trakt und nicht das ganze Gebäude. Bewerber kommen dann schon von selbst, sobald es sich herumspricht, daß es hier gutbezahlte Jobs gibt, von den Kunden mal ganz abgesehen.«

»Das wird viel Arbeit, aber das weißt Du ja. Gib mir einen oder zwei Tage. Ich muß zunächst alles durchsehen. Wie lange war hier vor uns keiner?«

»Fast zwanzig Jahre. Nach der Wende ging es hier stetig bergab und gegen Ende der Neunziger haben sie den Laden dichtgemacht.«

»Für mich hört sich das an, als wäre es ein Wunder, daß hier überhaupt noch etwas funktioniert. Die Wasserleitungen tun sich nichts, solange sie abgelassen sind. Da brauchst Du lediglich neue Hähne, aber das Material der Stromkabel altert. Als erstes muß ich die Zuleitungen im Kellergeschoß sehen.«

»Dort ist so etwas wie ein Hauptverteilerraum. Ich zeige ihn Dir.«

Martin führte Andreas durch einen dunklen Treppenschacht nach unten. Andreas stolperte mehrfach und fluchte.

»Die Lampen hier müssen wir möglichst bald instandsetzen, sonst bricht sich hier noch jemand den Hals.«

Schließlich stand Andreas staunend in einem muffigen Raum vor einer Anlage, wie er sie zuletzt während seiner Ausbildung gesehen hatte. Mit einer isolierten Zange klopfte er vorsichtig an Kabeln und Wänden herum. Jede Stelle, an der etwas wegbröselte, vertiefte die Sorgenfalte auf seiner Stirn.

»Okay, die Zuleitungen sind noch gut, aber alles andere muß ich zuallererst neu machen. Sonst garantiere ich für nichts. Diese Sicherungen gehören ins Museum. Bestenfalls«, schimpfte er. »Als nächstes zeig mir noch die Verteiler und Schaltkästen. Die kommen als nächstes dran.«

Martin nickte wortlos und führte Andreas zunächst wieder die Treppe hoch durch das Erdgeschoß. Er öffnete eine Reihe von Türen und Andreas machte sich mit Bleistift Notizen auf einen Schreibblock.

»Warum nimmst Du kein Smartphone dafür?« fragte Martin. »Das tut doch heute jeder.«

»Weil ich nicht 'jeder' bin. Ich dachte, deswegen wäre ich hier?«

»Auch deswegen. Ich weiß, was Du kannst und was ich von Dir erwarten kann. Und ich weiß, daß das, was Du hier sehen wirst, nicht dieses Gelände verläßt. Das ist genauso wichtig für mich.«

»Das hast Du schon früher in der Schule gesagt, als Du Deine ersten Gangs aufgezogen hast.«

»Du hast mich nie enttäuscht. Leute wie Dich muß man mit der Lupe suchen. Außerdem bist Du mein Freund. Schon immer gewesen.«

Er legte freundschaftlich seinen Arm um Andreas Schulter. Der lächelte und sie gingen weiter. Martin zeigte ihm einen größeren Raum, der vielleicht früher ein Aufenthaltsraum gewesen war. Zwei lange Tische, auf denen rittlings die Bänke lagen, zeugten davon ebenso wie ein voller Aschenbecher und eine vergilbte Zeitung.

»Die Lewinski-Affaire, sieh an!« sagte Andreas, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte. »Hier war wirklich lange niemand.«

»In diesem Raum gibt es später eine ganze Menge zu tun. Schreib Dir das schon mal für die Planung auf. Alle Leitungen müssen erneuert werden und ich brauche auch Starkstrom hier und hier.« Martin zeigte auf einige Stellen in der Wand, die sich durch nichts von der Umgebung unterschieden.

»Du hast schon eine sehr genaue Vorstellung, wie alles am Ende aussehen soll, was? Das sind sicher eine Menge Pläne.«

»Ich brauche keine Pläne. Ist alles hier drin.« Martin tippte sich an die Schläfe. »Der Raum muß extra abgesichert werden und die Zuleitung mußt Du auch erneuern. Hier werden Rechner stehen, die nicht ausfallen dürfen und medizinische Gerätschaften, die absolut zuverlässig funktionieren müssen.«

»Wenn Du das willst, brauchst Du eine leistungsfähige Notstromversorgung. Das wird teuer. Netzwerk muß hier sicher auch noch gelegt werden. Diese Anlage hat man schon außer Betrieb genommen, als es noch kein Internet gab.«

»Deswegen war sie auch preiswert zu haben. Überlaß das finanzielle mir. Verschaffe Du Dir bitte einen Überblick, was gemacht werden muß und gib mir Deine Zahlen so bald wie möglich. Dann kann ich den weiteren Ablauf planen.«

Er schloß die Türe und sie gingen weiter den Flur entlang. Martin öffnete weitere Räume und Andreas machte sich fleißig Notizen. Als sie um die Ecke am Ende des Flures bogen, erreichten sie einen Bereich, in dem anscheinend schon geputzt worden war. Zumindest sah der Fußboden nicht mehr aus wie eine Tenne.

»Dies wird der Wohnbereich. Die Jungs von oben werden hier bald einziehen, vielleicht auch einige von Vinces Männern. Der bewohnbare Bereich im Keller ist ziemlich eng. Du hast ja gesehen, wie feucht es dort ist.«

Martin öffnete einige Türen, hinter denen sich Mannschaftszimmer verbargen. Sie befanden sich in ähnlich schlechtem Zustand wie der Rest des Gebäudes, wenn auch die Fußböden gefegt aussahen und sogar jemand die Fenster geputzt hatte.

»Nächste Woche kommen die Matratzen. Vielleicht brauchen wir auch neue Betten. Je nachdem, in welchem Zustand die Stahlgestelle sind. Dann können wir endlich aus den Schlafsäcken raus.«

»Wow, ihr übernachtet hier schon?«

»Klar. Mittlerweile kann ich kein Gesindel mehr brauchen, das hier auf Einbruchstour geht.«

Martin stand einige Sekunden ruhig da und wirkte, als dächte er nach. Dann wandte sich wieder direkt an Andreas und sagte leise: »Und jetzt werde ich Dir Paolo vorstellen, meinen Patient Null. Er ist vor einigen Tagen mit mir als erster eingezogen. Vor ihm mußt Du Dich vorsehen.«

»Inwiefern? Hat er etwas Ansteckendes?«

»Nein. Aber er sieht gut aus und er weiß das. Laß Dich von ihm auf keinen Fall zu Sex überreden. Das könnte gewaltig ins Auge gehen. Er hat sich nicht immer unter Kontrolle. Manchmal habe selbst ich Angst vor ihm.«

»Ich kann auch was einstecken. Das weißt Du. Außerdem kann ich mich selbst verteidigen.«

»Sag das nicht. Derzeit kann nur ich ihn kontrollieren. Paolo kann jeden haben, wenn er es will. Sorg bitte einfach dafür, daß er Dich nicht will!«

Andreas schüttelte verständnislos den Kopf und folgte Martin. Der öffnete die letzte Tür im Gang und sie traten in ein überraschend kleines Zimmer. Dort standen auf den ersten Blick nur ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und ein Stuhl. Dieser Raum schien noch sauberer zu sein als die anderen bereits geputzten Räume. Zusätzlich lag ein leichter Geruch von Desinfektionsmittel in der Luft.

Auf dem Bett lag ein makellos schöner, nackter Mann mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und schien zu schlafen. Martin deutete zwischen seine Beine. »Gib bitte acht. Sobald Du da eine Latte siehst, zieh sofort Leine!«

»Ich kann euch hören!« Paolo schlug seine Augen auf und ihr Blick richtete sich wie ein Paar blauer Scheinwerfer auf Andreas. »Das konnte ich die ganze Zeit schon. Es ist so schön ruhig hier.«

Andreas fühlte sich seltsam berührt von dieser Formulierung. Jetzt erst bemerkte er, daß gegenüber dem Bett vor der Wand ein Regal stand, in dem Kleidungsstücke lagen und außerdem eine Reihe von Sextoys, Fesseln und Schlaginstrumenten. Von der Decke hingen Stahlketten, in die jemand in bestimmten Abständen Karabiner eingeklickt hatte.

»Das ist eher ein Spielzimmer als ein Schlafraum.« stellte er fest.

»Das ist meine Aufgabe.« sagte Paolo. Sein Blick hielt Andreas fest, als hätte er ihn bereits mit den Spielzeugen gefesselt. Der spürte den seltsamen Zwang, der von Paolo auszugehen schien und erinnerte sich an Martins eindringliche Worte. Mit Gewalt riß er sich los, drehte sich um und verließ das Zimmer.

»Jetzt verstehe ich Deine Warnung.« sagte er draußen zu Martin. »Der könnte ja sogar Heteros umpolen.«

»Mit Leichtigkeit. Das ist eine Nebenwirkung von… daran arbeiten wir noch. Geh ihm einfach aus dem Weg.«

Andreas kam sich ein wenig benommen vor. Es kostete ihn Mühe, das Bild von Paolo wieder aus seinem Geist zu verbannen. Das Unwohlsein legte sich nur langsam, und besserte sich erst, nachdem sie einige Schritte Abstand zwischen sich und Paolos Zimmer gebracht hatten.

»Hab verstanden. Wer ist sonst noch alles hier?«

»Vince und ein paar seiner Männer. Sie haben ihr Quartier im Keller bezogen. Den Zugang solltest Du als erstes nach der Erneuerung der Sicherungen im Keller mit einem vernünftigen Schloß und einem Pinpad sichern, damit dort nicht mehr jeder ein- und vor allem ausgehen kann. Dort ist danach aber noch nichts zu tun und die Jungs sind weitgehend autonom. Du wirst sie kaum zu Gesicht bekommen. Im ersten Stock leben Kaan Uslu und Pascal Morel, zwei Freunde aus meiner Studienzeit. Einer ist heute Chemiker und der andere Mediziner. Beide zusammen … sie arbeiten mit Leuten zusammen, die uns mit… sagen wir mal… experimentellen Medikamenten versorgen. Mehr mußt Du nicht wissen. Am besten fängst Du bei ihnen an, sobald Du die neuen Schaltkästen installiert hast. Das Labor ist noch sehr behelfsmäßig eingerichtet und ziemlich eng.«

»Wer die Musik bestellt…« Andreas entnahm Martins Tonfall, daß er keine weiteren Details über die Arbeit dieser Wissenschaftler erfahren würde und gab sich damit zufrieden.

Sie stiegen die Treppe nach oben und Andreas sah sich auch hier um. Im vorderen Bereich des Flures schien das Dach an einigen Stellen undicht zu sein. Den Mauersalpeter und den Schimmel in den Ecken konnte man nicht übersehen. Nach hinten wurde es besser. Andreas spitzte seinen Bleistift mit einem Taschenmesser und füllte Blatt für Blatt auf seinem Notizblock. Das sah danach aus, als bräuchte er in der nächsten Zeit keine neuen Aufträge mehr anzunehmen.

Die beiden letzten Türen im hinteren Bereich standen offen. Ein kleiner, dunkelhäutiger Mann drängte sich wortlos an ihnen vorbei und verschwand hinter einer anderen Tür.

»Denkt euch nichts dabei.« Ein Mann in einem weißen Kittel blickte von seinem Rechner auf, als sie eintraten. »Kaan hat Liebeskummer. Er hat sich in Paolo verknallt.«

»Bin nicht verknallt. Wir lieben uns!« kam die Antwort leise durch die Tür. Pascal stand auf und begrüßte Andreas mit Handschlag.

»Du mußt MacGyver sein. Ich heiße Pascal.«

»Andreas. Hat Martin wieder mit mir angegeben? Ich hoffe, ich kann euch wirklich helfen.«

»Für den Anfang würde es reichen, wenn hier nicht mehrmals täglich die Sicherungen rausfliegen.«

»Das schaffe ich, wenn ihr mir etwas Zeit gebt. Ihr werdet aber mindestens einen halben Tag ganz ohne Strom auskommen müssen. Ich muß als erstes die Haupt-Zuleitung im Keller neu anschließen.«

»Was sein muß, muß sein. Wenn wir hier draußen Forschung betreiben sollen, muß vorher noch einiges geschehen. Martin hat uns eine ziemliche Bruchbude gepachtet.«

»Hey, paß auf, was Du sagst«, protestierte der. »Ihr könnt hier schließlich frei schalten und walten.«

»Das wird um vieles besser als mein letzter Job.« Kaan betrat hinter ihnen wieder das Zimmer. »Da habe ich die Hälfte der Zeit Berichte verfaßt und Anträge geschrieben. Ich bin sehr froh, daß es hier etwas lockerer zugeht.«

»Und daß Romanzen unter dem Personal nicht verboten sind.« Martin grinste süffisant.

»Ich liebe ihn! Und er liebt mich. Das hat er mir gesagt!« Kaan schob die Unterlippe zu einem Schmollmund vor. Mit seinen braunen Knopfaugen und den Haaren, die unter seinem Tank Top hervorquollen, erinnerte er Andreas jetzt an einen Ewok.

»Dann erzählt mir doch mal, was ihr hier an Anschlüssen braucht«, leitete er zum Thema ihres Besuchs über. »Ein paar Seiten hab ich noch frei auf meinem Notizblock.«

Sofort wurden die beiden sachlich. Pascal holte aus einer Schublade den Katalog eines Laborausstatters hervor, in dem eine ganze Menge Lesezeichen steckten und ging ihre Wunschliste der Reihe nach durch. Kaan ergänzte gelegentlich ein Detail. Andreas schrieb sich die dazu nötige Infrastruktur auf und Martin sah ihm dabei über die Schulter und nickte gelegentlich.

»Es wird genügen, den Raum einfach komplett mit Steckdosen zu tapezieren«, sagte Andreas trocken, nachdem er alles notiert hatte und sie sich verabschiedeten. Die beiden Wissenschaftler guckten verdutzt. Nur Martin lächelte.

»Komm, laß uns essen gehen«, sagte er draußen zu Andreas. »Einige Dörfer weiter gibt es einen sensationellen Griechen. Du hast sicher noch Fragen und dort sind wir ungestört.«

Das taten sie und da sie beinahe die einzigen Gäste waren, hatten sie ihre Ruhe.

»Du brauchst mehr als nur einen Elektriker«, sagte Andreas bei der abschließenden Besprechung nach dem Essen zu Martin. »Du benötigst auf jeden Fall Maurer, aber vor allem einen Dachdecker. Das könnt ihr unmöglich allein wuppen. Ich wüßte da jemanden. Er ist zwar auch verschwiegen. Vielleicht sollte er seine Arbeiten aber trotzdem beendet haben, bevor es hier richtig losgeht. Und Paolo mußt Du solange wegschließen. Der Mann ist nämlich stockhetero und würde sich über solch ein Erlebnis, wie ich es vorhin hatte, sehr wundern.«

»Das schaffe ich«, sagte Martin. »Gib ihm meine Nummer und sag ihm, es sei dringend.«

Andreas hatte viel nachzudenken, als er nach Hause ging. Er wußte, daß Martin nicht unvermögend war. Dennoch erschien ihm dies Projekt eine Nummer zu groß. Martin mußte noch weitere, erhebliche Einnahmequellen haben oder auftun, um so etwas Großes aufzuziehen und vor allem am Laufen zu halten. Eine weitere Unbekannte war dieser Paolo. Ihm lief im nachhinein noch eine Gänsehaut über den Rücken, als er an den kurzen Besuch in seinem Zimmer zurückdachte. Was zur Hölle stimmte nicht mit ihm? Seinen stieren, leicht glasigen Blick kannte er von verschiedenen Bekannten, wenn sie Drogen nahmen. Andreas hatte grundsätzlich keine Probleme mit Drogen, solange die Leute hinterher immer noch sie selbst waren. Paolo machte ihm jedoch Angst. Wenn später mehr von diesen Leuten in diesem Gebäude lebten, würde es sehr schwierig werden, hier ohne Ablenkung zu arbeiten. Für ihn und für die Helfer, die er möglicherweise anheuern mußte.

Was aber konnte er tun? Den Auftrag ablehnen? Sollte er Martin im Stich lassen? Das kam nicht in Frage. Martin hatte ihm mehr als einmal aus schwierigen Lagen geholfen, die er allein nicht hätte bewältigen können. Er schuldete ihm einiges und es wurde Zeit, seine Schulden zurückzuzahlen.

 

Kapitel 4 - Mark (Do)

Kapitel 4 - Mark (Do)

Mark Berger lockerte seine Krawatte. Der Ventilator auf dem Schreibtisch verwirbelte die heiße Luft mehr, als daß er wirklich Kühlung brachte. Es kam ihm vor, als säße er vor einem Fön, um sich die Haare zu trocknen. Er sah auf die Uhr. Eine Viertelstunde mußte er noch durchhalten. Dann endete seine Arbeitszeit für heute. Was würde er jetzt nur für eine Klimaanlage geben. Seit zwei Wochen brannte die Sonne draußen vom Himmel und seit einigen Tagen stieg auch die Temperatur in dem alten Backsteingebäude, in dem sich der Großhandel befand, für den er in der Verwaltung arbeitete. Fast nirgendwo gab es mehr Abkühlung, vor allem nicht hier im Obergeschoß. Abends fühlte er sich dann so ausgepumpt, daß er in dieser Woche sogar den üblichen Gang ins Studio hatte ausfallen lassen.

Unkonzentriert übertrug er den letzten Lieferschein des Tages in eine Tabelle der Warenwirtschaft. Mehrfach mußte er einen Posten neu schreiben, weil er sich so oft vertippte und eine falsche Artikelnummer erwischte. Schließlich paßte aber alles. Er erstellte die Rechnung und mailte sie dem Kunden. Aus dem Augenwinkel sah er, daß seine Kolleginnen sich bereits auf dem Weg in den Feierabend befanden.

Als er gerade den Ventilator ausgeschaltet hatte, hörte er jemanden die Treppe hochkommen. Gavin, der Lagerverwalter, trat ein. Wie Mark war er Ende Zwanzig. Er sah knuffig aus in seiner etwas zu engen Hose, fand Mark, aber er versuchte nicht, ihn anzubaggern. Nicht nur, daß es schlecht fürs Betriebsklima wäre. Immerhin hatte er gerade erst seine Probezeit absolviert. Der Kerl gab auch ein wenig zu betont mit den Frauen an, die er am Wochenende regelmäßig flachlegte.

Jetzt schien er etwas auf dem Herzen zu haben, denn er blieb unschlüssig stehen und trat von einem Bein auf das andere.

»Hey, Mark, ich hab da ein kleines Problem.«

»Erzähl.«

»Ich hab meinen Dienstplan durcheinandergebracht. Dachte, ich hätte morgen frei und hab mich verabredet. Kannst Du mir morgen vielleicht aus der Klemme helfen? Muß sonst nen Tag Urlaub nehmen.«

»Soso, ein Verlegen des Dates kommt anscheinend nicht in Frage.« Mark grinste. »Was kann ich denn tun?«

»Du mußt mir Rückendeckung geben. Ist ja sowieso Freitag. Kannst Du mich ab Mittag vertreten?«

»Wenn nicht zu viel los ist, gerne.«

»Spitze! Ist glaub ich auch nur ein Kunde angemeldet. Die anderen kommen jetzt alle morgens, wenn es kühl ist. Die übernehme ich dann noch.«

Mark fand, daß es in diesen Tagen zu keiner Zeit einen Punkt gab, den man als 'kühl' hätte bezeichnen können. Zu müde zum Protestieren sagte er aber nur: »Geht klar. Vielleicht kannst Du Dich demnächst ja revanchieren.«

»Kein Problem. Ich bring Dir hinterher auch ein Foto mit. Damit Du weißt, wofür Du mehr arbeiten mußtest.«

»Verzichte dankend. Du weißt, auf Deinen Typ Frauen steh ich nicht.«

»Du stehst doch auf gar keinen Typ Frauen, oder?« Gavin zwinkerte ihm zu, was in seinem sommersprossigen Gesicht sehr jungenhaft aussah. »Vielleicht sollten wir mal zusammen ein Doppelblind-Date arrangieren, damit Du siehst, was Du verpaßt. Na, was meinste?«

»Sieh Dich vor«, lachte Mark, »wer hier wen umpolt, haben wir noch nicht ausdiskutiert.«

Gavin hatte es plötzlich sehr eilig, zu verschwinden. »Also morgen mittag – bis dann!« hörte er noch aus dem Treppenhaus. Danach vernahm er nur noch das leise Geräusch der Lüfter, die die Computer hier auf Betriebstemperatur hielten.

Mark sperrte seinen Rechner und kontrollierte die Räumlichkeiten. Wer als letzter ging, hatte den Ärger am Hals, wenn es Probleme gab. Nach einigen Minuten trat er auf die Straße. Eine Wand aus heißer Luft schlug ihm entgegen. Das war einer jener Sommerabende, an denen das Schlafen in geschlossenen Räumen zu einer schweißtreibenden Pflichtübung wird. Am liebsten hätte er sich einen Schlafsack unter den Arm genommen und sich im nahen Stadtpark unter einen Busch gepackt. Zu Hause konnte er bei der Hitze in seiner Bude erst weit nach Mitternacht an Schlaf denken.

'Morgen werde ich zu Fuß gehen', dachte er sich, als er in das aufgeheizte Auto stieg und die Fenster herunterkurbelte. 'So weit ist es schließlich auch nicht.' Seine Gedanken beschäftigten sich wieder mit dem Training, das er derzeit vernachlässigte. Sobald diese Hitze nachließ, würde er sich wieder im Studio sehen lassen.

Er blickte in den Rückspiegel. Ein ganzes Stück hinter sich sah er ein Motorrad, wie es aus einer Seitenstraße auf die Hauptstraße einbog, um ihm für eine Weile zu folgen. Er besaß eine blühende Fantasie und die Vorstellung, daß der Fahrer des Motorrads ihm vielleicht nur folgte, weil er ihn näher kennenlernen wollte, gefiel und erregte ihn. Er nahm sogar den Blick von der Straße, um den Kerl auf seiner Maschine genauer zu betrachten.

Im letzten Augenblick bemerkte er die Bremslichter des Wagens vor ihm. Mit einer Vollbremsung verhinderte er gerade noch den Unfall. Der Biker hinter ihm scherte aus und überholte ihn langsam, um an der Ampel vor ihnen mit aufheulendem Motor und abhebendem Vorderrad durchzustarten, als sie auf Grün sprang.

Zu Hause angekommen zog er sich zuerst etwas Bequemeres an: Lederjeans und Tank Top. Das verschwitzte Oberhemd warf er in die Wäsche. Morgen würde er ein Neues brauchen. Danach leerte er das Eiswürfelfach seines Kühlschranks. Mit einem Maßkrug voll Cola/Eis und der richtigen Musik ließ es sich in seiner Bude eine Weile aushalten. Mark drehte die Anlage auf und trat mit seinem Krug an das geöffnete Fenster.

Die tiefstehende Sonne beleckte die Dächer der Häuserzeilen von rechts mit orangefarbenen Flammenzungen und blendete ihn ein wenig, wenn er in die Richtung sah. Ein Pärchen schlenderte Hand in Hand die Straße entlang. Ein Cabrio brauste im zweiten Gang durch die Querstraße. Es versprach, ein ruhiger Abend zu werden.

Die Fenster gegenüber sahen vor dem hellen Hintergrund aus wie leere, schwarze Höhlen. Niemand zu Hause. Nach diesem schönen Tag gingen die Leute an den See oder in die umliegenden Biergärten. Niemand?! Direkt gegenüber zeichnete sich ein Schatten hinter der Scheibe ab. Dort gab es vor einigen Tagen einen Mieterwechsel. Jetzt wohnte ein Typ da. Es besaß auch ein Auto. Bei diesem Wetter fuhr er aber mit seinem Motorrad zur Arbeit. Sein Körperbau gefiel Mark, schlank mit genau der richtigen Portion Muskeln. Nur sein Gesicht hatte er noch nie zu sehen bekommen. Kam er abends nach Hause, parkte er zwar seine Maschine direkt unter Marks Fenster. Aber selbst bei der Hitze der letzten Tage hatte er noch nie auf der Straße seinen Sturzhelm abgenommen. Nicht einmal seine Lederhandschuhe legte der Typ ab. Ungefüttert, erkannte Mark mit geschultem Blick. Und jedes Mal, wenn der Typ das Rad aufbockte, verharrte er einige Sekunden. Mark schien es dann so, als blicke er in seine Richtung. Das konnte er unter dem schwarzen Visier nicht erkennen. Aber er konnte es sich vorstellen und es fühlte sich verdammt gut an. Wieder begann seine Fantasie, Purzelbäume zu schlagen.

Trotzdem. Irgendwie fühlte er sich beobachtet. Stand da tatsächlich jemand hinter der Fensterscheibe oder befand sich dort nur ein Möbelstück? Er kniff die Augen zusammen, konnte aber bei aller Konzentration nichts Genaues erkennen. Impulsiv, aber unsicher erhob Mark seine Hand zum Gruß. Der Schatten verschwand.

Mark erkannte, daß er ohne Gardinen wie auf dem Präsentierteller stand. Ein Sonnenstrahl fiel diagonal über seinen Oberkörper. Das schwarze Tank Top brachte seine drahtigen, sonnengebräunten Oberarme gut zur Geltung. Der Sonnenstrahl spielte mit seinen Nippeln, die sich unter dem Shirt abzeichneten und zwischen denen sich gerade der erste Schweißfleck bildete, fuhr über den goldblonden Flaum, der über und um die muskulöse Brust gerade noch zu erkennen war, kroch abwärts über den Bauch und verschwand im Ansatz der Lederjeans.

Mark hatte sich vor Jahren einmal als Mister Gay beworben und es sogar in die Finalrunde geschafft. Gewonnen hatte den Titel ein anderer. Dafür hätte er damals ein wenig mehr Rampensau sein müssen. Jedenfalls sah er ziemlich gut aus und er wußte das. Selbst während der Arbeitszeit mit weißem Oberhemd und schwarzer Krawatte zog er manchen bewundernden Blick auf sich.

Aber er war nicht zu haben. Jedenfalls nicht für die Damen, mit denen er tagsüber zu tun hatte. Und in den Clubs, in die er am Wochenende ging, sah man nur sehr selten eine Frau.

Mark versank für eine Weile in seinen Fantasien, Er träumte von einer Welt, in der Männer, die einer Zeichnung Tom-of-Finlands hätten entsprungen sein können, unanständige Dinge mit ihm anstellten. Er trat einen Schritt vom Fenster zurück. Eine Hand fuhr unter sein Shirt und strich um die Brustwarzen herum, die vor Erregung hoch aufgerichtet standen. Die andere Hand nestelte an seinem Gürtel herum. Der Sonnenstrahl, der eben noch seinen Oberkörper in Szene gesetzt hatte, konzentrierte sich nun – wie Mark – auf dessen Lederjeans, in der ein Paket unter seinen Händen rasch zu erstaunlicher Größe anschwoll.

Er stöhnte dabei leise. Der dunkle Fleck unter seinem Shirt wuchs an und erhielt Gesellschaft in Form von kleinen Schweißperlen auf seinen Schultern und Oberarmen. Schließlich knöpfte er die Hose auf und zeigte der Welt, was er ihr den Rest des Tages vorenthalten hatte. Breitbeinig stand er da. Eine Hand mit festem Griff um die Wurzel seines Schwanzes, der vor Erregung pochte und zuckte. Mit der anderen Hand zog er den Gürtel aus der Hose, formte eine Schlinge und legte sie um sein Gerät. Mit langsamen, ruhigen Bewegungen wichste er mit dem Gürtel. Mit dem Ende des Gürtels strich er leicht über die Haare auf seinen Eiern.

Die Bewegungen wurden heftiger und rhythmischer. Während sich auf seinem Oberkörper die Schweißperlen zu kleinen Rinnsalen vereinigten, verspritzte er stöhnend alles, was sich da während des vergangenen Tages angestaut hatte.

Stille. Marks Blick ruhte auf dem Motorrad vor seinem Fenster. Eine Bewegung auf der anderen Seite ließ ihn erstarren. Hatte sein Gegenüber etwa alles mitbekommen?

Er lächelte. Und wenn schon! Während er ins Bad ging und ein Handtuch holte, stellte er sich vor, daß der heiße Typ jetzt genauso hinter seinem Fenster stand mit dem fetten Kolben in der Hand.

Ob der zum Wichsen die Handschuhe auszog? Und selbst wenn!

 

Kapitel 5 - Paolo (Do)

Kapitel 5 - Paolo (Do)

Er stand wieder in diesem Schlafzimmer. Seitdem sie hierher umgezogen waren, konnte er die Stadt in seinen Wachträumen nicht mehr so einfach erreichen wie vorher, als sie noch im Zentrum wohnten. Er mußte sich sehr stark konzentrieren, um solch eine Distanz zu überwinden, aber für diesen Mann, den er nicht orten konnte, machte er sich die Mühe. Er schlief noch und Paolo konnte ihn in Ruhe betrachten. Er hatte die Bettdecke im Schlaf abgestreift, lag jetzt auf der Seite und umarmte das Knäuel Decke wie einen Partner. Gerade schien er zu träumen, denn die Augen unter den geschlossenen Lidern bewegten sich ruckartig und gelegentlich zuckten auch andere Muskeln kurz. Dann schmatzte er leise und drehte sich auf die andere Seite. Die Decke ließ er zurück und Paolo erblickte die Latte, die hoch aufgerichtet zwischen seinen Beinen stand. Sein Traum war offensichtlich erotischer Natur.

Bei ihrem Anblick durchfuhr es ihn wie ein elektrischer Schlag. Er mußte ihn sehen. Ihn kennenlernen. Ihn anfassen. Ihn … zwischen seinen eigenen Beinen begann sich ebenfalls etwas zu regen und diese Erregung riß ihn aus dem traumartigen Zustand, in dem er sich seit einigen Stunden befand. Benommen richtete er sich in seinem eigenen Bett auf.

Verflixt, so ging das nicht weiter. Mit seiner Rolle als Martins Werkzeug hatte er sich abgefunden, solange er seine tägliche Ration der Droge bekam und mit seinem Geist draußen spazierengehen durfte. Diese unerfüllte Sehnsucht begann aber, an ihm zu nagen.

Paolo besaß eine besondere Fähigkeit: Er konnte sich in andere Leute hineinfühlen. Martin hatte ihm beigebracht, wie er diese Gabe beim Sex gewinnbringend einsetzen konnte. Wenn er sich auf jemanden konzentrierte, spürte er seine Gefühle und seine Bedürfnisse. Meist dauerte es nur wenige Sekunden, bis er wußte, was er zu tun hatte, um ihn geil zu machen. Das bereitete ihm Vergnügen, weil er Teil davon war. Teil des Vergnügens. Wenn die anderen unter seiner Behandlung abspritzten, fühlte es sich für ihn so an, als käme er selbst.

Dieser Mann aber funktionierte anders. Ihn konnte er nicht erreichen. Ihn würde er sich erarbeiten müssen. Stück für Stück. Er würde mit ihm reden müssen, um seine Bedürfnisse zu erfahren. Er würde ihn an sich heranlassen müssen. Vielleicht stand er auch auf Frauen und Paolos trainierter Körper reizte ihn überhaupt nicht. Die Ungewißheit bewirkte bei ihm ein Kribbeln in den Lenden, ohne daß er seinen Schwanz auch nur anfassen mußte.

Martin hatte ihm versprochen, sich darum zu kümmern. Nicht gleich, aber irgendwann. Martin hielt immer sein Wort. Deswegen blieb er ihm auch treu und folgte ihm überall hin. Er kümmerte sich hingebungsvoll um die Kunden, die Martin ihm brachte. Leute, bei denen er Werkzeug sein durfte. Martin sagte, mit dem Geld, das sie dafür bekamen, könnte er ihn beschützen.

 

Ein wenig fühlte Paolo sich gerade wie vor einigen Monaten, als er zum ersten Mal die Droge gespritzt bekommen hatte, gleichzeitig erregt und hilflos. So verlor er sich in seinen Gedanken und durchlebte die Ereignisse, die ihn hierher geführt hatten, noch einmal.

Er wollte auf keinen Fall wieder zurück in das Heim, aus dem Martin ihn befreit hatte. Dort hatten sie ihn nicht verstanden. Sie hatten ihn eingesperrt. Ihm Tabletten gegeben, die ihn gleichgültig machten. Sie hatten ihn behandelt. Sagten sie. Angeschlossen an blinkende Apparate. Mit Nadeln gestochen, bis das Blut herauskam. Sie gaben ihm Elektroschocks, bis er das Bewußtsein verlor. Aber alles hatte nichts daran geändert, daß er so war, wie er war.

Er rächte sich, indem er nachts in ihre Träume eindrang. Einige Male lief er auch einfach weg. Er fuhr per Anhalter in die Stadt und sah sich dort um. Ging in Läden und besuchte Bars. Nahm sich die Männer, die er geil fand. Das Geld dazu stahl er heimlich aus den Spinden der Pfleger auf seiner Station.

Er kam aber immer wieder zurück. Wo sollte er auch hingehen? Die Pfleger machte das wütend. Er konnte das spüren. Sie verlegten ihn aus seinem Zimmer in eine Art Gefängniszelle mit vergitterten Fenstern. Er bekam neue Tabletten und wurde nachts an sein Bett geschnallt. Einer der Pfleger, er schien der Anführer zu sein, fing sogar an, ihn zu schlagen. Er ließ sich das stoisch lächelnd gefallen. Das machte den Mann noch wütender und er schlug härter zu. Aber den Kern seines Wesens konnte er mit allen Schlägen nicht erreichen. Paolo merkte sich jeden Schlag. Er wußte, daß er sich eines Tages dafür würde revanchieren können. Das Leben war nicht fair zu einem, aber am Ende erhielt ein jeder, was er verdiente. Daran glaubte er. Bis dahin sorgte er einfach dafür, daß der andere, Wolfgang hieß er, nicht mehr ruhig schlafen konnte und an jedem Morgen gereizter zum Dienst erschien.

Eines Tages bekam er überraschend Besuch von einem Fremden namens Martin. Er schien interessiert an ihm zu sein. Er redete mit ihm und fragte ihn nach seiner Geschichte. Er wollte nichts Böses von ihm. Paolo spürte das. So erzählte er ihm alles. Wie er hergekommen war. Wie man ihn hier behandelte. Daß er es nicht mehr aushielt. Daß er alle hier haßte und einen der Pfleger ganz besonders. Daß er ihn am liebsten töten wollte.

Martin hörte ihm zu und verhielt sich freundlich. So bat Paolo ihn, ihm bei der Flucht zu helfen.

»Das wird nicht einfach«, hatte Martin geantwortet, »und Du wirst hinterher bei mir bleiben müssen, denn sie werden Dich suchen.«

Paolo hätte ihm in diesem Augenblick alles versprochen. Er umarmte ihn und überflutete ihn mit seiner Dankbarkeit. Martin wurde plötzlich nachdenklich. Dann sagte er aber:

»Du mußt Geduld haben. Ich muß erst einen Plan ausarbeiten. Dann komme Dich holen. Ich verspreche es.«

Martin hielt sein Versprechen. Eines Abends stand er plötzlich erneut in seiner Zelle und nahm ihn mit. Paolo sorgte dafür, daß der Pfleger im Dienstzimmer nichts davon mitbekam. Er saß mit glasigen Augen auf seinem Stuhl, starrte in eine Ecke und zitterte. Um die Wachen vor seiner Zellentür kümmerte er sich auch. Die Leute im Heim freuten sich bestimmt, daß sie ihn los waren. Martin erzählte ihm später, daß er sich als sein Onkel ausgegeben habe. Er fand das in Ordnung. Alles war okay, was ihn von dort wegbrachte.